Geliebter auf Zeit? - 11. Kapitel

11. KAPITEL

Über einen Becher mit Kaffee gebeugt, der längst kalt geworden war, hockte Gwen am nächsten Morgen am Küchentisch, als Declan hereinkam.

     Nach dem furchtbaren Ende ihrer gestrigen Nacht hatte sie sich in ihr Zimmer geschleppt und sich in ihrem Morgenmantel aufs Bett gelegt. Dort war sie wie erstarrt liegen geblieben, bis das erste blasse Morgenlicht durch das Fenster drang und ein rosiger Streifen am Himmel den Sonnenaufgang ankündigte. In dem Bewusstsein, dass der Tagesanbruch sie in die grausame Wirklichkeit zurückbrachte, erhob sie sich und setzte sich, nachdem sie sich einen Kaffee gekocht hatte, in die Küche an den Tisch, von dem sich seitdem nicht mehr erhoben hatte.

     Wie ein Mühlrad gingen ihr die Gedanken an die letzte Nacht durch den Kopf, und wieder und wieder versuchte sie eine Erklärung dafür zu finden, was geschehen war und was sie getan hatte. Aber sie fand keine. Ein weiteres Mal hatte sie nach dem Glück greifen wollen. Aber ihr Griff war ins Leere gegangen, und ein weiteres Mal hatte sie alles verloren.

     Ein Stück entfernt blieb Declan stehen. Er trug einen teuren Maßanzug, ein blütenweißes Hemd und eine Seidenkrawatte. Mit einem Mal war er wieder Declan, der Geschäftsmann, nachdem sie ihn eine Woche lang in farbverschmierten Jeans und abgetragenen T-Shirts erlebt hatte, eine Woche, in der sie gemeinsam gearbeitet und zusammen gelacht hatten, und schließlich letzte Nacht so wunderbar miteinander geschlafen hatten.

     Gwen warf ihm einen verstohlenen Blick zu. Mit keiner Miene verriet Declan, was in seinem Kopf vorging. „Wegen gestern Nacht …“, begann Gwen stockend.

     „Vergiss gestern Nacht, Gwen“, unterbrach er sie. „Das kannst du streichen. Wir hatten Sex, und das war ein Fehler. Wir wissen beide, wohin das führt. Es macht alles nur noch viel komplizierter. Es wäre besser gewesen, wir hätten aus unseren früheren Fehlern gelernt.“

     Das vergessen? Alles streichen? Wie konnte er so etwas sagen? Abgesehen davon, dass sie es gar nicht vergessen konnte, gab es kaum etwas in ihrem Leben, das sie so sehr gewollt hatte.

     Mit einem Ruck stand sie auf. „Wir hatten Sex, nennst du das? Declan, wir haben Liebe gemacht. Und es geht hier nicht um Fehler. Wir haben es getan, weil wir uns begehren und es beide wollten.“

     Sie merkte gleich, dass sie damit bei ihm auf taube Ohren stieß, denn Declan zuckte bloß die Achseln und meinte lapidar: „Wie auch immer.“ Dann fiel ihm noch etwas ein. „Ist dir klar, dass wir ungeschützten Sex hatten? Wir haben uns auf eine Frist von sechs Monaten geeinigt. Da können wir uns keine Überraschungen erlauben.“

     Die Bemerkung war für Gwen wie ein Stich ins Herz. Sie zählte im Geiste bis zehn und atmete kontrolliert ein und aus. Dann nahm sie all ihren Mut zusammen und sagte: „Danke für diesen Hinweis. Aber deine Sorgen sind unbegründet. Seitdem ich mit Steve zusammengekommen bin, achte ich peinlichst genau darauf, dass ich meine Pille nehme. Und das gedenke ich auch weiterhin zu tun. Ich kann mir nämlich auch keine Überraschungen erlauben, wie du es so schön ausgedrückt hast.“

     Declan zuckte zusammen. Die Erwähnung von Steve hatte gesessen. „Umso besser“, erwiderte er. „Dann hätten wir das ja auch geklärt. Es bleibt also alles bei den Vereinbarungen, die wir ursprünglich getroffen haben.“

     Erst als seine Schritte in der Halle verklungen waren, die Tür ins Schloss gefallen war und sie den Jaguar aufröhren hörte, sackte Gwen in sich zusammen. Ihre Lippen zitterten und sie fühlte sich, als wäre sie von einer mächtigen Hand durchgeschüttelt worden. Nachdem sie sich erst mal ausgeweint hatte, straffte sie ihre Schultern. Declan hatte unmissverständlich klargemacht, worum es ihm ging. Und sie hatte es akzeptiert, auch wenn sich alles in ihr dagegen wehrte. Hier ging es um eine Abmachung mit einem bestimmten, klar umrissenen Zweck – um nicht mehr und nicht weniger.

 

Declan trat aufs Gaspedal. So schnell wie möglich wollte er weg, weg von Gwen, ihrem Haus, von allem, was in den letzten Stunden passiert war. Er musste den Verstand verloren haben. Sie hatten eine klare Abmachung getroffen, und das nicht ohne Grund. Fünf Monate und drei Wochen musste er noch durchhalten. Dann war diese Episode seines Lebens vorbei. Wenn es doch nur schon so weit wäre!

     Und dennoch schaffte er es nicht, Gwens Bild aus seinem Kopf zu verbannen. Ihren wunderbaren Körper, ihre zart gerötete Haut, der das ersterbende Kaminfeuer einen fast unwirklich schönen Glanz verlieh, das Funkeln in ihren unergründlichen grauen Augen, ihr Duft und der Geschmack ihrer Lippen, den er immer noch zu spüren glaubte. Er musste seine ganze Beherrschung aufbieten, um sich auf die Straße zu konzentrieren. Immer noch tobte in ihm das Verlangen nach Gwen wie ein wildes, eingesperrtes Tier. Und zum Schluss die kalte Dusche: Die ganze Zeit, die sie miteinander geschlafen hatten, hatte sie an einen anderen Mann gedacht.

     Declans Handy meldete sich. Er lenkte den Jaguar an den Straßenrand und hielt an, bevor er den Anruf entgegennahm. Der Anruf kam von dem Treuhänder, der das Sellers-Objekt verwaltete.

     „Gratuliere, Mr. Knight!“, rief der Anrufer überschwänglich ins Telefon, „Sie haben den Zuschlag bekommen.“ Weiter hörte Declan kaum noch zu. Ihm fiel ein Stein vom Herzen. Er hatte es tatsächlich geschafft. Trotz aller Widrigkeiten und trotz eines Steve Crenshaw. Eigentlich hätte er jetzt um sein parkendes Auto herum Freudentänze aufführen müssen. Er wunderte sich über sich selbst. Statt Freude breitete sich in ihm ein Gefühl der Leere aus, so als hätte er nicht alles gewonnen, sondern alles verloren.

 

Der Umgang zwischen ihr und Declan war zwar kühl und förmlich geworden nach dem, was Gwen in ihrer privaten Sprachregelung den „Morgen danach“ nannte. Sie hielten sich streng an ihre ursprünglich getroffenen Vereinbarungen und wechselten kein Wort zu viel. An diesem Abend allerdings hatten sie wieder eine Probe als frisch verliebtes Paar zu bestehen. Sie waren zum Dinner eingeladen. Der gesamte Vorstand der Cavaliere Developments samt Ehefrauen wurde erwartet, allen voran natürlich der Senior, Tony Knight, dessen Adleraugen auch nicht der kleinste Riss in der Fassade dieser Ehe seines Sohnes entgehen würde. Gwen war entsprechend nervös.

     Sie war gerade dabei, sich zurechtzumachen, als es an ihrer Tür klopfte. Gwen ließ die Hand, in der sie die Haarbürste hielt, sinken, holte tiefe Luft und rief dann durch die Tür: „Ich komme gleich. Ein paar Minuten noch.“

     Sie frisierte sich zu Ende, glättete ihr Kleid, zog noch einmal ihre Lippen nach und warf dann einen prüfenden Blick in den Spiegel. Sie war mit dem Ergebnis zufrieden, und falls an diesem Abend etwas schiefging, würde es nicht an ihrem Aussehen liegen.

     „Wir sollen um acht da sein“, hörte sie Declans Stimme. „Wir müssen los.“

     Gwen schloss für eine Sekunde die Augen. Die Kälte, die sich zwischen ihnen ausgebreitet hatte, tat weh.

     „Ich warte im Wagen“, setzte er ungeduldig hinzu.

     Schweren Herzens öffnete Gwen die Tür und trat aus dem Zimmer. „Ich bin ja schon da.“ Für einen winzigen Augenblick glaubte sie in seinem Gesicht einen Anflug von Bewunderung zu entdecken, ein winziges Funkeln in seinen Augen, als er sie in dem figurbetonten Designerkleid sah, dessen Farben mit jeder ihrer Bewegungen changierten. Gwen hatte sich das teure Stück von Libby geliehen. Aber Declan hatte sich sofort wieder im Griff, und sein Gesicht zeigte nun nichts anderes als den unbeteiligten, fast abweisenden Ausdruck, den sie nun schon einen Monat lang – seit jenem „Morgen danach“ still ertrug.

     Vor dem Restaurant angekommen, stieg Gwen aus und wartete an der Eingangstür, bis Declan dem Portier die Wagenschlüssel gegeben hatte, um den Jaguar abzustellen. Als sie gemeinsam hineingingen, legte er ihr die Hand auf den Rücken. Sie spürte in dem tiefen Rückenausschnitt die warme Handfläche auf der Haut.

     „Denk daran: Alle erwarten von uns, dass wir ein glückliches Paar sind“, ermahnte er sie leise beim Eintreten.

     „Da wäre ich doch einmal sehr gespannt zu sehen, was für ein Gesicht sie machen, wenn sie merken, wie glücklich wir sind.“

     „Gwen!“

     „Reg dich nicht auf. Ich kenne die Regeln.“

     Als sie später am Tisch saßen und die Gespräche um sie herum in vollem Gange waren, wurde Gwen erst richtig bewusst, wie es um sie stand. Schmerzlich vermisste sie die kurzen Blickkontakte mit Declan, Zeichen des stillschweigenden Einverständnisses, das seit Beginn des Kälteeinbruchs zwischen ihnen verloren gegangen war. Allen Hindernissen zum Trotz waren sie sich tatsächlich nähergekommen, und diese Erkenntnis schmerzte umso mehr, da sie sich erst jetzt einstellte, wo die Nähe wieder verloren gegangen war.

     Selbstverständlich gaben sie dennoch nach außen hin das frisch verliebte und frisch verheiratete Paar ab, und niemand am Tisch außer ihnen ahnte, wie es wirklich um sie stand.

     „Nun, Gwen“, fragte Tony Knight und beugte sie über den Tisch zu ihr, „wie macht sich mein Junge? Behandelt er dich anständig?“

     Gwen spürte noch immer Declans Hand in ihrem Rücken und merkte, wie seine Finger nervös zuckten. Ein Anflug von Ärger stieg in ihr auf. Glaubte er im Ernst, sie würde sich verplappern? „Declan macht alles immer sehr anständig“, antwortete sie Knight senior mit einem strahlenden Lächeln.

     Tony Knight stutzte eine Sekunde lang, dann lehnte er sich laut lachend zurück. „Habt ihr das gehört?“, rief er aus. „Das ist mein Junge, wie er leibt und lebt.“

     Declan war erleichtert. Das Eis war gebrochen. Sein Vater verbrachte den Rest des Abends in bester Laune und war so locker, wie Declan ihn lange nicht erlebt hatte. Nach und nach entspannte auch Declan. Als sich die übrigen Dinnergäste schließlich nach dem Dessert und dem Kaffee auf den Nachhauseweg gemacht hatten, konnten er und Gwen sich beruhigt zurücklehnen.

     „Das ist ja besser gelaufen, als ich gedacht hatte“, erklärte er aufatmend, nachdem das letzte Paar durch die Tür verschwunden war.

     „In der Tat“, pflichtete Gwen ihm bei. Im Geist rekapitulierte sie noch einmal den Ablauf des Essens und konnte nicht den geringsten Anlass entdecken, weshalb sie sich Sorgen machen müssten. Sie hatten sich perfekt präsentiert, ganz das junge Paar, das man von ihnen erwartet hatte. Im Grunde konnte ihnen jetzt kaum noch etwas passieren, wenigstens nicht von Seiten Tony Knights oder seiner Vorstandskollegen.

     „Wir sollten uns auch auf den Weg machen“, schlug Declan vor. „Ich muss morgen nach Christchurch, und die Maschine geht schon sehr zeitig.“ Er stand auf. Zufällig hob er den Blick und erstarrte. Dann schnappte er sich Gwens silberne Abendhandtasche, drückte sie ihr hastig in die Hand und zischte leise: „Komm, schnell raus hier.“

     „Was ist denn nun plötzlich los?“, fragte Gwen.

     Da hörten sie schon aus einiger Entfernung eine Stimme durch den Raum rufen: „Hallo, Declan!“

     „Zu spät“, knurrte Declan und drückte Gwen sanft wieder zurück auf ihren Stuhl. Darauf winkte er dem Mann, der nach ihm gerufen hatte und jetzt auf sie zukam.

     Jetzt wusste auch Gwen, um wen es sich handelte, und ein kalter Schauer lief ihr den Rücken herunter. Ausgerechnet jetzt erschien Renatas Vater auf der Bildfläche!

     „Declan! Gwen! Das ist ja ein Ding, dass wir euch beide hier treffen“, begrüßte Trevor, Renatas Vater, sie mit einem Lächeln. „Kommt doch zu uns an den Tisch. Dorothy ist auch da.“

     Nach dem Händeschütteln blieb Declan und Gwen nichts anderes übrig, als ihm durch das Restaurant in die Nische zu folgen, wo Dorothy, Renatas Mutter, sie schon erwartete und mit einem freundlichen Lächeln begrüßte.

     „Ja, das ist wirklich ein Zufall“, meinte Declan, wieder ganz Herr der Lage, während sie sich an den Tisch setzten. „Was macht ihr denn in Auckland?“

     „Wir kommen einmal im Jahr hierher und besuchen Renatas Grab. Heute wäre doch ihr Geburtstag, erinnerst du dich?“, sagte Dorothy. Dann fiel ihr Blick auf Declans Ringfinger. Sie schaute auf Gwens Hand und rief erstaunt aus: „Ist das ein Ehering? Schau nur, Trevor. Die beiden sind verheiratet.“

     „Ihr habt geheiratet?“ Trevor sah Declan einen Augenblick lang ungläubig an. „Du und Gwen?“

     Gwen brachte kein Wort heraus. Sie kannte dieses Ehepaar seit ihren Teenagertagen. Sie erinnerte sich so genau, als sei es gestern gewesen, wie sie auf der Beerdigung zusammen an Renatas Grab gestanden haben. Ein dicker Kloß steckte ihr plötzlich im Hals.

     „Ist das denn schon länger her, oder kann man euch nachträglich noch gratulieren?“, fragte Trevor.

     „Die Hochzeit war vor einem Monat“, erklärte Declan.

     „Ja dann … viel Glück für euch!“

     Ein wenig nervös stand Declan auf. „Es tut mir wahnsinnig leid, aber leider müssen wir jetzt wirklich los. Ich habe einen Termin morgen und muss schon sehr früh raus. Vielleicht sehen wir uns ja bald einmal wieder.“

     „Ja, das würde mich wirklich freuen.“ Dorothys Worte klangen aufrichtig. Gwen wusste, dass sie es auch so meinte. Ihr drehte sich das Herz im Leibe herum bei dem Gedanken, diese beiden Menschen in ihren Gefühlen zu verletzen. Andererseits würde sie es auch nicht fertigbringen, ihnen wie den anderen irgendein Theater vorzuspielen.

     Dorothy nahm Gwen fest in die Arme, nachdem sich alle erhoben hatten, um Abschied zu nehmen. „Mach’s gut, Liebes, und viel Glück. Wir haben dich sehr vermisst die letzten Jahre.“

     „Ich habe euch auch sehr vermisst“, sagte Gwen leise. Sie war den Tränen nahe. Ihr war, als ob die ganze Vergangenheit auf einen Schlag auf sie einstürzte.

     „Und mach dich nicht so rar. Versprich mir, dass wir euch beide bald wieder sehen.“

     „Nun lass sie los, Dorothy“, drängte Trevor freundlich. „Die beiden müssen gehen, und sicher wollen die jungen Leute noch etwas voneinander haben heute Abend“, fügte er mit einem Augenzwinkern hinzu.

     Herzlich nahmen sie von Declan und Gwen Abschied. Gwen drehte sich alles im Kopf. All die unausgesprochenen Fragen lasteten zentnerschwer auf ihr, und sie wusste kaum, was sie zum Abschied zusammenstotterte.

     Als sie und Declan im Wagen saßen, war sie dankbar, dass die Fahrt nach Hause schweigend verlief. Dort angekommen stürmte sie an Declan vorbei, der die Haustür aufgeschlossen hatte, und rannte ins Badezimmer. Mit letzter Not erreichte sie das Waschbecken, bevor sie sich übergab. Es dauerte eine Weile, bis sie sich so weit beruhigt hatte, dass sie nach einem Waschlappen greifen und sich das Gesicht waschen konnte.

     „Mein Gott, das war furchtbar“, stöhnte sie leise. Immer noch zitterten ihr die Knie.

     „Ja, das war es“, bestätigte Declan ernst. Dann nahm er einen Becher vom Bord, füllte ihn mit kaltem Wasser und reichte ihn Gwen.

     Sie nahm ihn, spülte sich den Mund aus und trank einen Schluck. „Danke. Es geht schon wieder.“

     „Bist du sicher?“

     Sie zuckte die Achseln. „Was bleibt mir anderes übrig?“ Sie hob den Kopf, und ihre Blicke trafen sich im Spiegel. „Und was ist mit dir? Dich muss das doch auch mitgenommen haben, oder nicht?“

     „Das hat es. Aber es ist nun einmal passiert, und es ist nicht mehr zu ändern. Und sie werden ganz sicher erwarten, dass wir uns in nächster Zeit einmal bei ihnen blicken lassen.“

     „Das geht nicht. Das bringe ich nicht fertig. Lass sie uns vertrösten, bis das hier vorbei ist. Dann können wir ihnen einen Brief schreiben, in dem wir ihnen alles erklären.“

     „Willst du das wirklich?“

     Gwen senkte die Augen. Wollte sie das wirklich so machen? Wenn sie ehrlich zu sich war, wusste sie es selbst nicht mehr genau. Auf jeden Fall wollte sie, dass diese Quälerei und diese Vorspiegelung falscher Zweisamkeit aufhörte – so bald wie möglich aufhörte, bevor es ihr das Herz brach. Sie erinnerte sich, dass sie ihm noch die Antwort schuldig war, und hob den Kopf. „Ja“, sagte sie und schaute ihm fest in die Augen.

     Er sagte nichts darauf, aber in seinem Blick sah sie so etwas wie Enttäuschung. Er nickte nur noch kurz, dann drehte er sich um und ging aus dem Badezimmer.

Während der nächsten Wochen sahen sie sich nur wenig, und Gwen war froh darüber. Declan war mit den Geschäften seiner Cavaliere Developments beschäftigt, saß abends lange im Büro oder war unterwegs, um die Teams zusammenzustellen, damit die Arbeit beginnen konnte, sobald alles unter Dach und Fach war.

     Während er also im Büro saß oder auf Geschäftsreisen kreuz und quer durch Neuseeland fuhr, stürzte sich Gwen in die Arbeit an ihrem Haus. Sie hatte einen Bauunternehmer engagiert, der ihr Bad herrichtete und mit einer Dusche versah, während sie den Fußboden und die Wände renovierte. Auf seinen Vorschlag hin wurde im gleichen Zuge das an Declans Zimmer grenzende Ankleidezimmer ebenfalls in ein Bad umgewandelt, eine praktische Versicherung dagegen, dass sie sich halbnackt über den Weg liefen.

     In ihrem tiefsten Innern erschauerte Gwen noch immer bei dem Gedanken. Sie sah ihn immer wieder vor sich, spürte seine glühenden Blicke, sah im Geiste das Glitzern in seinen Augen, wenn er ihren Körper bewundernd betrachtete. Sie erinnerte sich, wie er vor Lust erschauerte, wenn sie ihn berührte und wie heftig er auf jede ihrer Berührungen reagiert hatte. Als sie sich das erste Mal geliebt hatten, damals vor acht Jahren, war es mehr wie ein spontaner Reflex gewesen. Sie waren beide von Kummer und Trauer überwältigt und hatten miteinander geschlafen, um diese Trauer in irgendeiner Weise zu betäuben. Jetzt war es etwas völlig anderes.

     Zum ersten Mal seit Jahren begehrte Gwen einen Mann mit aller Leidenschaft. Sie wollte ein Teil von ihm sein. Sie hatte nie geahnt, dass sie zu einem solchen Maß von Hingabe überhaupt fähig war. Und die Ironie des Schicksals hatte ihr dabei ausgerechnet Declan Knight zugedacht – was konnte sie dagegen ausrichten?

     Gwen holte tief Luft. Jetzt hieß es, Reserven zu mobilisieren, die Schutzwälle um sich wieder aufzurichten, die eine Flut von Gefühlen unterspült hatte. Und die Vergangenheit endgültig hinter sich zu lassen. Arbeit war das beste Heilmittel. Als sie das fertige Bad wieder einrichtete, fiel ihr Declans Bademantel in die Hände. Der kaum merkliche, bekannte Duft, der ihr entgegenkam, ließ sie einen winzigen Moment innehalten. Dann hängte sie ihn an die Tür und trat schnell einen Schritt zurück, als hätte sie ein giftiges Tier vor sich. Was war sie doch für eine schwache, dumme Närrin!

     Gwen schüttelte die Erinnerung von sich ab und sah sich in dem fertigen Bad um. Durch das farbige Glasfenster in der Tür fiel das Sonnenlicht und warf ein bunt schillerndes Bild auf den abgeschliffenen, versiegelten Dielenboden. Die Wanne mit ihren prächtigen antiken Löwenfüßen erstrahlte in neuem Glanz, nachdem sie eine neue blütenweiße Beschichtung bekommen hatte. Und die Dusche im Hintergrund fügte sich perfekt ins Bild. Man hatte den Eindruck, sie sei schon immer dort gewesen.

     Es war ein Triumph mit gemischten Gefühlen, den Gwen verspürte. Einerseits hatte sie all das selbst bewerkstelligt und andererseits stimmte gerade diese Tatsache sie traurig. Wie so oft in den letzten Wochen wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht und schnitt ihrem Spiegelbild in dem Pinienholzrahmen eine Grimasse. Gefühlsduselei! Was willst du denn noch, dachte sie, du hast doch alles: dein Haus, das dir geblieben und fast fertig renoviert ist, in Kürze einen gut dotierten Job in dem Beruf, den du liebst. Und in absehbarer Zeit hat auch diese Farce von einer Ehe ein Ende.

Vorheriger Artikel Geliebter auf Zeit? - 12. Kapitel
Nächster Artikel Geliebter auf Zeit? - 10. Kapitel