Geliebter auf Zeit? - 12. Kapitel

12. KAPITEL

Gwen stand auf und streckte sich. Sie hatte Kreuzschmerzen, die ihr aber wenig ausmachten. Stunden hatte sie in diesem staubigen, düsteren Keller verbracht und das Inventar an Möbeln und Einrichtungsgegenständen des ehemaligen Sellers Hotels katalogisiert. Nun war sie mit der Bestandsaufnahme fertig. Die Aufgabe, die Lücken in den Beständen mit Mobiliar aufzufüllen, die zum Stil und zur Epoche des Hauses passten, stand ihr noch bevor, war aber höchst reizvoll. Zur Not hatte sie einige fähige Möbeltischler an der Hand, die imstande waren, hochwertige Repliken herzustellen. Jahre hatte sie auf eine solche Aufgabe gewartet, um sich und anderen einmal beweisen zu können, was in ihr steckte.

     Die Vorarbeiten waren jetzt weitgehend abgeschlossen, und es wurde ernst. Demnächst sollte es an die praktischen Arbeiten gehen. Gwen hatte ihr eigenes Expertenteam, das schon bereitstand. Als Erstes sollte eine Musterwohnung ausgestattet werden. Gwen freute sich darauf. Das Hotel war zu einer Zeit gebaut worden, in der die Räume in Fläche und Höhe noch großzügig bemessen waren und so viel mehr Gestaltungsmöglichkeiten zuließen als neuere Bauten. Erst später war man in diesem Haus darangegangen, große Zimmer zu teilen, um mehr Gewinn aus dem Hotelbetrieb schlagen zu können. Glücklicherweise war das die einzige schwerer wiegende bauliche Veränderung, sodass Declans Bautrupps, die bereits in Schichten rund um die Uhr arbeiteten, gut vorankamen.

     Überhaupt lag alles perfekt im Zeitplan, und wenn Gwen daran dachte, hätte sie eigentlich froh sein müssen. In zwei Monaten war die Halbjahresfrist verstrichen, und sie war wieder frei. Dennoch war sie unruhig und bedrückt. Die Bank hatte sich vor einer Woche bei ihr gemeldet, weil Steves Geld wieder auf ihrem Konto war. Also hatte auch Declan die unterschlagenen Summen wieder zurück. Das Sellers-Projekt hatte er mit Billigung des Vorstands sicher, er war wieder liquide und konnte nun bei den Banken jeden Kredit bekommen, den er benötigte. Würde er trotzdem auf der restlosen Erfüllung ihrer Abmachung und den vollen sechs Monaten ihrer Scheinehe bestehen? Genau genommen war er nicht mehr darauf angewiesen. Gwen überkam jedes Mal ein Schauer bei diesem Gedanken.

     Sie sah auf die Uhr und erschrak. Sie war spät dran. Sie musste schleunigst nach Hause, um die letzte Vorbereitungen für Declans Geburtstagsfeier zu erledigen, die sie noch ganz im Sinne der zu wahrenden Fassade geplant hatte. Sie musste sich beeilen, wenn sie damit noch fertig werden wollte.

Die Party war in vollem Gange, und alles lief wie am Schnürchen. Sogar mit dem Wetter hatten sie ungeheures Glück, denn nach dem Kälteeinbruch der vergangen Tage hatten sie heute strahlenden Sonnenschein. Das Haus war voller Gäste. Man wechselte durch die Terrassentüren vom Garten und der Terrasse in das große Wohnzimmer und wieder zurück. Überall waren angeregte Gespräche im Gange, und es wurde nicht an Lob und Anerkennung gespart für die Renovierung des Hauses, die Gwen rechtzeitig zu Ende gebracht hatte. Hätte sie nicht schon das Engagement beim Sellers-Projekt, hätte sie sich allein an diesem Tag mit Aufträgen eindecken können.

     Gwen versuchte, sich zu entspannen. Ihre Nervosität zu Beginn war beträchtlich gewesen. Es war das erste Mal, dass sie als Declans Ehefrau Gastgeberin war – und es würde auch das letzte Mal sein. Dementsprechend groß war ihr Ehrgeiz, die Party zu einem Erfolg zu machen. In der Tat waren jetzt alle Gäste versorgt und guter Dinge. Was sie zum Gelingen beitragen konnte, hatte sie getan, und sie konnte daran denken, ein wenig zur Ruhe zu kommen. Gwen schenkte sich ein Glas von dem gut gekühlten Chardonnay ein und trat nach draußen, solange es dort noch warm genug war. Es ging spürbar auf den Herbst zu, und die Abende wurden deutlich kühler.

Declan hatte den Moment genau abgepasst. Er wusste, wann Gwen nach draußen kommen würde, und sah sich bestätigt, als sie in einem der Korbsessel auf der Terrasse Platz nahm. Aber auch die Anspannung, unter der sie gestanden hatte und zum Teil noch immer stand, merkte er ihr selbst über diese Entfernung an. Das Lächeln auf ihrem Gesicht, als sie sich mit einem der Nebenstehenden unterhielt, war eine Spur zu gezwungen. Niemand anderem wäre das aufgefallen, Declan jedoch registrierte es genau.

     Auch wenn er sich inzwischen einbildete, sich unter Kontrolle zu haben, war das Zusammenleben mit Gwen noch immer ein Wechselbad der Gefühle für ihn. Dabei war es bei Licht besehen gar nicht mehr nötig, die Farce fortzuführen. Das Geld, mit dem Crenshaw getürmt war, war wieder da, das Sellers-Projekt lief planmäßig. Er hatte sich in dem Haus sogar schon sein Apartment gesichert, und wenn er wollte, konnte er bis dahin bei Mason unterkommen. Declan schüttelte den Kopf, als er mit seinen Gedanken an diesem Punkt angelangt war. Diese Aussichten hätten für ihn wie eine Befreiung wirken müssen, aber sie taten es nicht.

     Declan entschuldigte sich bei seinen Gesprächspartnern. „Ich muss mal eben nach meiner Frau sehen“, erklärte er und machte sich auf den Weg zu Gwen. Gerade hatte sich sein Vater neben ihr niedergelassen, und als Erstes hörte Declan dessen Worte: „Und wann werdet ihr mich mit ein paar Enkelkindern erfreuen, die ich so richtig verwöhnen kann?“

     Gwen sah blass aus, fand Declan. Es war ihm nicht ganz klar, ob sie es wegen der Frage von Tony Knight oder einfach aus Überanstrengung war.

     Gwen kam ins Stottern und wusste offensichtlich nicht so recht, was sie ihrem Schwiegervater antworten sollte. Declan fand, dass es Zeit war, für sie einzuspringen. „Also wirklich, Dad, findest du nicht, dass du ein bisschen voreilig bist? Wir sind erst ein paar Monate verheiratet, und du erwartest schon mehrere Kinder von uns.“

     Tony blickte zu ihm hoch und kniff ein Auge zu. „Genießt ruhig noch ein wenig euer junges Glück. Der Alltag kommt früh genug auf euch zu.“

     Declan wunderte sich. Lange hatte er seinen Vater nicht mehr so unbeschwert und heiter erlebt.

     Als sie wieder unter sich waren, meinte Gwen bitter: „Härter als dieses junge Glück kann auch kein Alltag sein.“

     Declan sah sie prüfend an. Die letzten Wochen hatten ganz offensichtlich ihren Tribut gefordert. Sie sah abgekämpft und unglücklich aus. Wenn er außerdem diese Bemerkung und etliche ähnliche in den letzten Wochen richtig deutete, wollte sie lieber heute als morgen ihr Ehearrangement beenden. Schuldbewusst dachte er daran, dass er selbst das Seine dazu beigetragen hatte. Es tat ihm weh, und er konnte es nicht länger mit ansehen. Es kam nur eine Lösung infrage, um das zu ändern, die einzig anständige Lösung.

     Seinen Bruder in der Menge der Gäste zu finden, war nicht schwierig. Die meisten überragte Connor um Haupteslänge. So sah sich Declan nur kurz um, stand auf und begab sich auf direktem Weg zu ihm.

     „Alles klar, Bruderherz?“, begrüßte ihn Connor und drückte ihm ein kaltes Bier in die Hand. „Was ist los? Mit dem Gesicht, das du gerade machst, brauchst du die Kerzen auf deinem Kuchen gar nicht auszublasen. Die gehen vor Schreck von alleine aus.“

     „Sehr witzig, Connor“, knurrte Declan.

     „Oha, Volltreffer.“ Connor trank einen Schluck von seinem Bier. „Also, was gibt es? Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, du hast Ärger mit deiner wunderschönen Frau.“

     „Was meinst du damit: Wenn du es nicht besser wüsstest …?“

     „Ich habe euren Kontrakt aufgesetzt, erinnerst du dich?“

     Das war der Punkt. Denn seitdem Gwen und er eine der wesentlichsten Vereinbarungen darin unwiderruflich gebrochen hatten, saß er in der Tinte. „Da du das gerade ansprichst: Was würde passieren, wenn wir diesen Kontrakt wieder aufheben?“

     Declan hatte sich bemüht, die Frage so beiläufig wie möglich zu stellen, aber das half gar nichts. Connor sah ihn entgeistert an: „Aufheben? Bist du noch zu retten, Declan? Die Nachlassregelungen unserer Mutter sind unmissverständlich. Dir ist klar, dass du mit ein paar Millionen spielst, wenn du jetzt einen Rückzieher machst?“

     „Arbeite das trotzdem für mich aus. Dann geht das Vermögen eben wieder zurück an Dads Treuhänderfonds.“ Declan folgte wie abwesend mit seinen Blicken Gwen, die sich wieder unter die Gäste gemischt hatte.

     „Und du weißt auch, dass du keine zweite Chance bekommst? Bist du dir wirklich sicher, dass du das willst?“

     „Ja“, sagte Declan und sah seinem Bruder ins Gesicht, „absolut sicher.“

Es war gegen neun Uhr, als die letzten Gäste gegangen waren. Gwen hatte noch ein wenig aufgeräumt und war jetzt auf dem Weg in ihr Zimmer. Sie wollte so schnell wie möglich zu Bett gehen. Auf halber Strecke hielt Declan sie auf.

     „Gwen, komm und setz dich bitte noch einen Augenblick mit mir ins Wohnzimmer. Ich muss mit dir reden.“

     Gwen spürte, wie sich ihr die Nackenhaare sträubten. Eine unbestimmte Vorahnung befiel sie, die nichts Gutes verhieß. „Hat das nicht bis morgen Zeit, Declan? Ich bin hundemüde.“

     Er strich sich durchs Haar und druckste herum. Dann sagte er: „Bitte, Gwen. Ich verspreche dir auch, dass es nicht lange dauert.“

     Seufzend folgte sie ihm ins Wohnzimmer. Jemandem von den Gästen war offenbar kalt geworden, und er hatte Feuer im Kamin gemacht. Jedenfalls brannten munter einige Scheite auf dem Rost und verbreiteten eine behagliche Atmosphäre in dem Raum, den Gwen in Erinnerung an jene Nacht, als sie den Kamin eingeweiht hatten, nach Kräften mied.

     Declan blieb am Kaminsims stehen und bat sie mit einer stummen Geste, sich zu setzen. Sein Gesicht war ernst, und das flackernde Feuer ließ seine Züge noch härter erscheinen. Gwen nahm Platz, und ihr Herz begann schneller zu schlagen. Vom Kaminsims nahm Declan einen Stapel Papiere und hielt sie vor sich. Täuschte sie sich oder sah sie die Blätter in seinen Händen tatsächlich zittern? Nein, es war keine Täuschung. Sie sah es ganz deutlich. Allmählich wurde ihr die Situation immer unheimlicher.

     „Weißt du“, begann er, „eigentlich hatte ich gedacht, es wäre ganz einfach.“ Seine dunkelgrauen Augen schienen sie fast flehend anzusehen. Gwen fühlte sich wie in einer Falle, aber gleichzeitig wusste sie, dass sie ihn jetzt bis zum Schluss anhören musste. „Ich meine, pro forma mit dir verheiratet zu sein“, fuhr er fort, „hielt ich für keine große Sache, ganz gleich, was vorher zwischen uns gewesen war.“ Er machte eine kleine Pause. „Aber ich habe mich schwer getäuscht.“

     Nachdem er das ausgesprochen hatte, drehte er sich zum Feuer und streckte die Hand aus, in denen er die beschriebenen Seiten hielt.

     „Was tust du?“, rief Gwen entsetzt. Schon züngelten die Flammen an den Ecken des Papiers und färbten die ersten Seiten schwarz.

     „Ich verbrenne unseren Vertrag. Du bist frei, Gwen.“

     „Aber – aber das ist ja Wahnsinn! Was wird aus deinem Erbteil?“

     „Zum Teufel damit!“ Er warf den Rest der Blätter ins Feuer.

     „Declan, warum …? Warum tust du das?“, fragte Gwen verzweifelt. Tränen schossen ihr in die Augen. War das die nächste Demütigung? Auf wie viele verschiedene Weisen wollte er sie noch quälen? Zum Teufel mit dem Erbteil und zum Teufel mit ihr – war es das, was er damit sagen wollte? „Als hätte ich es geahnt“, sagte sie laut. „Du hast dein Geld zurück. Jetzt brauchst du das Vermächtnis deiner Mutter nicht mehr, und jetzt brauchst du mich nicht mehr.“

     „Dein Job ist dir sicher. Mach dir darum keine Gedanken. Und wenn du ihn nicht mehr willst, zahle ich dir dein Honorar weiter, bis du neue Aufträge hast.“

     „Es geht mir doch nicht um den Job“, erwiderte sie heftig. „Ich will wissen, warum du das getan hast!“

     Declan drehte ihr den Rücken zu, stützte beide Hände auf den Kaminsims und ließ den Kopf zwischen seine Schultern sinken. „Ich halte das nicht mehr aus, Gwen. Es zerreißt mich. Ich weiß, wie es ist, damit leben zu müssen, dass man jemanden verliert, den man geliebt hat. Jeden Tag musst du dir von neuem klarmachen, dass du diesen Menschen niemals wieder sehen wirst, ihn nie wieder in den Armen halten wirst. Inzwischen habe ich begriffen, dass es dir gegenwärtig genauso geht. Und deshalb habe ich beschlossen, mich zurückzuziehen. Ich ziehe noch heute Abend aus. Du hast deine Freiheit zurück.“

     Freiheit? Rückzug? Worauf nur wollte er hinaus? Gwen verstand kein Wort von all dem. „Entschuldige, aber ich begreife gar nichts. Warum stößt du mich von dir?“ Die Tränen drängten immer stärker nach. Sie konnte kaum sprechen.

     „Ich stoße dich doch nicht weg.“ Er drehte sich wieder zu ihr um. „Verstehst du denn nicht? Du bist mich endlich los. Ich habe Connor schon gesagt, er soll das Nötige in die Wege leiten.“

     Was er sagte, zerriss ihr fast das Herz. Er hätte sich nichts ausdenken können, womit er ihr noch mehr Schmerz zugefügt hätte. Und durch diesen ganzen Schmerz hindurch dämmerte ihr plötzlich etwas. Ihr wurde allmählich klar, dass sie schon all die Jahre hindurch ihre Gefühle gewaltsam unterdrückt hatte, ihre Gefühle für Declan Knight. Sie liebte ihn. Ihr Vorhaben, Steve Crenshaw zu heiraten, war nichts gewesen als der Versuch eines grandiosen Selbstbetrugs – und der Selbstverleugnung, denn sie war mehr wert, als sich für diesen Mann herzugeben. Sie hatte die Liebe eines Mannes verdient, der sie an die erste Stelle setzte. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, da sie um diesen Mann kämpfen musste.

     „Dann sag ihm, dass er diese Aktion augenblicklich stoppen soll“, erklärte Gwen mit Nachdruck. Sie musste zu Declan durchdringen, ihn zwingen, dass er ihr endlich richtig zuhörte. Er musste ihr einfach noch eine Chance geben.

     Mit einem Knall barst ein Holzscheit im Kamin und die Feuchtigkeit, die aus dem Riss drang, verursachte ein lautes Zischen.

     „Hör zu, Gwen. Warum solltest du an dieser Ehe festhalten, die du selbst nicht willst? Du liebst Steve Crenshaw noch immer. Es war sein Name, den du gerufen hast, als wir das letzte Mal miteinander geschlafen haben.“

     Das war es also, was Declan glaubte. Ein schwacher Hoffnungsfunke glomm in Gwen auf. Es war also nicht bloß verletzte Eitelkeit, die ihn damals veranlasst hatte, aufzuspringen und sie alleinzulassen, als ihr das Missgeschick passiert war, halb im Traum Steves Namen zu rufen. Declan hatte die falschen Schlüsse daraus gezogen. Sie waren beide Opfer eines Missverständnisses geworden. Jetzt hieß es, die Gelegenheit klug zu nutzen, um Declan zu überzeugen, dass sie beide doch noch eine Chance verdienten.

     „Das hat dich so aufgebracht?“, fragte sie.

     „Das ist noch sehr vornehm ausgedrückt.“

     Declan wurde ärgerlich. In gewisser Weise war Gwen froh darüber. Denn mit Ärger und Wut bei ihm konnte sie besser umgehen als mit seiner Resignation und seinem Rückzug.

     „Wieso?“

     „Das fragst du? Jeder Mann wäre verletzt, wenn er mit einer Frau schläft, und die mit einem Mal einen fremden Namen ruft.“

     „Du warst verletzt?“, bohrte sie weiter.

     „Verletzt? Nein, ich war am Boden zerstört.“

     Gwen stand auf und ging auf ihn zu. „Warum warst du am Boden zerstört? Komm, erzähl es mir.“ Während sie ihn das fragte, legte sie ihm sacht die Hand auf die Brust. Sie spürte wie sein Herz klopfte.

     „Es spielt keine Rolle mehr“, wehrte er ab.

     „Es war nicht schön von mir, dass ich das getan habe, Declan, und ich entschuldige mich dafür. Wenn es irgendetwas gäbe, womit ich das ungeschehen machen könnte, würde ich es sofort tun.“

     „Mir tut es nur leid, dass ich jemals geglaubt hatte, das mit uns könnte klappen. Aber jetzt bist du frei und ich auch. Wir können beide unserer Wege gehen.“

     Meine Güte, dachte Gwen, ist das ein zäher Brocken. Aber sie ließ sich nun nicht mehr davon abbringen, und wenn sie ihm die entscheidenen Worte mit Gewalt entlocken musste. „Was mit uns sollte denn klappen? Und warum wolltest du so sehr, dass das klappt?“, fragte sie weiter. Sie hatte ihre Stimme gesenkt und sprach sanft und eindringlich zu ihm wie zu einem kranken Kind.

     „Herrgott noch mal, weil ich dich liebe, Gwen!“ Er schob ihre Hand weg und wollte sich zum Gehen wenden. Aber sie hielt ihn am Arm fest.

     „Declan Knight, du bleibst jetzt hier und hörst mir zu.“ Sie stellte sich dicht vor ihn und hob den Kopf, damit sie ihm in die Augen sehen konnte. „Du weißt doch gar nicht, wieso ich Steves Namen gerufen habe. Du hättest mich ruhig danach fragen können.“

     „Ich finde, es gibt erfreulichere Themen am Frühstückstisch“, gab er sarkastisch zurück.

     „In dieser Nacht hast du mich aus einem Albtraum geweckt. Anfangs war es ein sehr schöner Traum: Ich träumte, du würdest dich über mich beugen, um mich zu küssen. Aber dann hat sich dein Gesicht mit einem Mal in das von Steve Crenshaw verwandelt. Es hatte nichts mit Leidenschaft zu tun, dass ich seinen Namen ausgerufen habe. Das war nackte Panik! Meine Leidenschaft“, fuhr sie fort und stieß ihm bei jeder Silbe leicht mit dem Zeigefinger vor die Brust, „bist du, einzig und allein du.“

     Es entstand eine Pause von ein paar Sekunden. „Einzig … und allein?“, wiederholte Declan verwirrt, als hätte er sie nicht richtig verstanden.

     „Einzig und allein du“, wiederholte Gwen noch einmal und betonte jedes einzelne Wort. „Ich will mit dir nicht für ein halbes Jahr verheiratet sein oder für ein ganzes. Ich will mein ganzes Leben mit dir zusammen sein. Vor nichts habe ich mich je mehr gefürchtet als davor, dass dieses halbe Jahr einmal zu Ende geht.“ Sie nahm sein Gesicht zwischen beide Hände. „Und nun erzähle mir nichts mehr von dieser angeblichen Freiheit. Die will ich nicht. Lassen wir einmal die idiotischen Gründe beiseite, aus denen wir geheiratet haben. Wenn ich mich unfrei gefühlt habe, nachdem ich dir das Jawort gab, dann deshalb, weil ich nicht glauben konnte, dass ich die Liebe eines Mannes, wie du es bist, verdient habe.“

     „Aber, Gwen …“

     Sie legte ihm den Zeigefinger auf die Lippen. „Hör mich bis zu Ende an. Du wunderst dich vielleicht, wieso ich überhaupt auf so eine Idee kommen konnte, jemanden wie Steve Crenshaw heiraten zu wollen. Das hat mit meiner Familie und damit, wie ich aufgewachsen bin, zu tun. Die Eskapaden meiner Mutter, die erzwungene Trennung von meinem Vater beziehungsweise dem Mann, den ich dafür hielt und den ich mir heute noch als Vater wünschen würde, die Art und Weise, wie ich hier ausgesetzt wurde – all das hat von klein auf bei mir vor allem die Sehnsucht geweckt, irgendwo Wurzeln schlagen zu können, zu jemandem zu gehören und bei jemandem Geborgenheit zu finden. Schönheit oder körperliche Anziehung hielt ich für nebensächlich. Vielleicht ist das auch der Schlüssel dafür, dass ich mich auf unseren ‚Ehepakt‘ überhaupt eingelassen habe. Obwohl ich das hätte besser wissen müssen. Denn egal wie falsch oder moralisch fragwürdig unsere Nacht damals vor acht Jahren nach Renatas Tod war, ich hatte noch nie zuvor etwas Schöneres, Überwältigenderes erlebt. Und längst ist mir klar, dass man körperliches Verlangen, Leidenschaft, Liebe nicht einfach ausklammern kann, weil man das einmal so beschlossen hat. Bei dir ist mir das jedenfalls nicht möglich. Ich bin Steve für das, was er getan hat, beinahe dankbar, denn er hat dich in mein Leben zurückgebracht. Declan, ich liebe dich mit allem, was ich habe und was ich bin. Und nun erzähl mir bitte nichts mehr von Freiheit. Oder dass nun alles vorbei sein soll.“

     Schon während der letzten Worte ihrer Rede hatte Declan Gwen in die Arme genommen und zog sie nun eng an sich. „Vorbei?“, sagte er. „Nein, Gwen, nichts ist vorbei. Es fängt gerade erst an.“ Er beugte sich über sie. Dann küsste er sie – zärtlich, voller Hingabe, fast scheu, als sei es ihr erster Kuss.

     Als sie nach einer Weile wieder von einander abließen, nahm er sie unvermittelt hoch und hob sie auf die Arme. „Gehen wir zu mir oder zu dir“, fragte er mit einem frechen Grinsen, während er sie durch die Halle trug.

     Gwen kicherte leise. „Zu dir. In diesem fantastischen Bett wollte ich schon an dem Tag liegen, als es angeliefert wurde.“

     „Aber das Zimmer ist doch noch nicht fertig. Es hängen nicht einmal Tapeten an den Wänden.“

     „Ich werde bestimmt nicht die Zeit damit verbringen, mir die Wände anzusehen.“

     Er stieß die Tür auf, trug sie hinein und legte sie behutsam auf das gewaltige Bett: Dann rückte er eng an sie und begann ganz sanft, ihr Gesicht zu streicheln. Gwen sah das Leuchten in seinen schönen Augen. Sie fuhr ihm mit beiden Händen durch das lange, dichte, schwarze Haar und drängte sich näher an ihn. Ihre Lippen fanden sich erneut, und fast ungeduldig eroberte er ihren Mund.

     Noch während sie sich küssten, knöpfte sie ihm das Hemd auf und streifte es ihm über die Schultern. Als Nächstes ließ sie ihre Hand tiefer gleiten. Sie öffnete seinen Gürtel und schob die Hand unter seinen Hosenbund. Sie hörte wieder dieses tiefe Stöhnen, das aus seiner Brust emporstieg, als sie ihn zu steicheln begann.

     „Wir haben entschieden zu viel an“, sagte er schließlich, als er eine Atempause fand.

     „Und warum tust du nichts dagegen?“, fragte Gwen keck.

     Declan ließ sich das nicht zweimal sagen. Langsam entkleidete er sich Stück für Stück. Er genoss es sichtlich und ließ sich so viel Zeit dabei, dass Gwen sich sehr beherrschen musste, um ihn nicht zur Eile anzutreiben. So groß war ihr Verlangen, dass ihr jede Verzögerung unnötig vorkam. Aber Declan ließ sich Zeit.

     Spielerisch ließ er einen Finger über ihre Schulter wandern, strich das Schlüsselbein entlang, bis er endlich bei ihren festen Brüsten landete. Dann beugte er sich ein wenig vor und verfolgte denselben Weg noch einmal mit seinen Lippen. Gwen schmiegte sich fest an ihn und stöhnte auf, weil er ihre empfindlichen, aufgerichteten Brustspitzen aussparte.

     „Bitte“, flüsterte sie ungeduldig, „fass mich an, streichele mich.“

     Declans Mundwinkel zuckten. „Wenn du mich so nett darum bittest“, lächelte er. Dann ließ er seine Hand sanft wie eine Feder über ihre Brüste gleiten, erst über die eine, dann die andere.

     „Mehr, noch mehr“, forderte sie. Im nächsten Augenblick stieß sie einen kleinen, lustvollen Schrei aus und bäumte sich auf, als er ihre Brustspitzen zwischen Zeigefinger und Daumen nahm und zärtlich rieb. Eine Welle der Erregung nach der anderen durchflutete ihren Körper vom Scheitel bis zur Sohle. Sie schloss die Augen, um sich ganz dieser Lust hinzugeben, die fast unerträglich war. Als Declan die Hand zurückzog und mit seinem Mund ersetzte, war es um sie bereits geschehen, und zitternd und zuckend wand sie sich unter seinen Liebkosungen.

     Als die heftigsten Wellen ein wenig abgeklungen waren, öffnete sie vorsichtig wieder die Augen. Aber bald ging ihr Atem wieder schneller und der nächste Sinnestaumel erwartete sie, als Declan damit begann, seine Zungenspitze in tiefere Regionen gleiten zu lassen – über Brust und Bauch hinweg zum Nabel, in den er kurz eintauchte, was ihr einen kurzen, spitzen Schrei entlockte, und weiter hinab bis zu ihren Schenkeln, die er sacht auseinanderdrückte.

     Gleich darauf bahnte er sich seinen Weg durch die feinen blonden Löckchen zwischen ihren Schenkeln, bis er ihre empfindlichste Stelle berührte. Sanft umspielte er sie mit der Zunge, reizte sie genauso, wie Gwen es liebte, aber kurz bevor sie zum zweiten Mal den Höhepunkt erreichte, hörte er plötzlich auf. Sie war zu schwach um zu protestieren, obwohl sie hätte aufschreien mögen. Stattdessen beobachtete sie mit verschleiertem Blick, wie er sich aufrichtete, sich die restlichen Sachen auszog und wegwarf.

     Dann kam er zu ihr zurück. In seinen funkelnden dunklen Augen schien ein geheimnisvolles Feuer zu lodern. Gwen griff nach ihm, und im nächsten Moment drang er mit einer einzigen Bewegung tief in sie ein. Sie zog ihn an sich und küsste ihn mit aller Leidenschaft, und endlich begann er, sich zu bewegen, erst langsam, dann immer schneller und fordernder, bis sie gemeinsam einen Rhythmus gefunden hatten, der sie der Erfüllung entgegentrug. Überwältigt schloss sie die Augen, und Im nächsten Augenblick kam es ihr vor, als sähe sie ein Feuerwerk wild explodierender Farbe, zu schön, um sie mit Worten zu beschreiben. Im selben Moment hörte sie Declan laut aufstöhnen, und dann verströmte er sich in ihr.

     Tränen rollte ihr über die Wangen, aber andere als die, die sie in den Wochen zuvor geweint hatte. Gwen weinte vor Seligkeit über seine Liebe, über seine Schönheit und über das unfassbare Glück, dass er ihr Mann war. Wie hatte sie je glauben können, nach etwas anderem streben zu wollen als nach dieser wundervollen, berauschenden Harmonie von Körper und Seele, die sie nur bei Declan fand?

     Er sank mit einem tiefen Seufzer auf sie, drehte sich wenig zur Seite und nahm sie fest in seinen Arm. Sie schmiegte sich an ihn, und es kam ihnen beiden vor, als seien sie aus einem Stück geformt. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen, während sie sacht die Hand über seinen Körper gleiten ließ.

     Er gehörte ihr – endlich, vollständig ihr allein.

     Declan wandte sich ihr zu und sah ihr ins Gesicht. „Danke“, flüsterte er.

     „Oh, gern geschehen. Ich muss dir danken.“

     Declan lachte leise. „Das meine ich nicht, du kleine, dumme Gans.“ Er küsste sie und biss ihr dabei sanft in die Unterlippe. „Ich meinte: Danke für deine Hilfe. Unsere Heirat, also die unter den früheren Vorzeichen … ich habe immer gedacht, ich hätte das alles unter Kontrolle. Ich habe überhaupt immer in dem Wahn gelebt, alles unter Kontrolle haben zu müssen. Du hast das mit deiner Liebe alles beiseitegewischt. Du hast mich in dieser kurzen Zeit gelehrt, Dinge zu sagen, zu tun, zu empfinden, die mir früher im Traum nicht eingefallen wären. Ich glaube, ich habe endlich gelernt, was Liebe bedeutet und was sie vermag. Und gleichzeitig habe ich dabei nachträglich meinen Vater verstehen gelernt. Wie er zusammengebrochen ist, als er seine Liebe verloren hatte, wie er seinen Kummer abwechselnd in Arbeitswut und Alkohol zu ertränken versuchte, sehe ich jetzt mit anderen Augen.“

     Er spielte mit ihrem Haar und wickelte eine Strähne wieder und wieder um seine Finger und genoss dabei das unvergleichlich seidige Gefühl. „Ich war manchmal sehr wütend auf ihn, auch weil vieles an mir hängen blieb, worum ich mich schon früh kümmern musste, weil er dazu nicht mehr imstande war. Das Merkwürdige ist aber: Obwohl ich ihn hasste und mich von ihm abgrenzte und mir alle Mühe gab, anders zu sein als er, wurde ich ihm im Laufe der Jahre doch immer ähnlicher. Als Renata starb, war ich praktisch genau wie er.“

     Declan holte tief Luft, bevor er fortfuhr. „Ich habe Renata leidenschaftlich geliebt, das ist wahr. Du weißt ja, wie sie war: lebenslustig, sorglos, aufgeschlossen, manchmal reichlich verrückt – so ziemlich das Gegenteil von mir. Als das Unglück geschah, habe ich in meinem Kummer dir Vorwürfe gemacht, weil du dabei warst, aber noch mehr mir, weil ich nicht dabei war und es verhindert habe. Oder weil ich ihr dieses ganze wahnsinnige Unternehmen nicht von vorneherein ausgeredet habe. Mit diesem Schuldgefühl lebe ich seitdem Tag für Tag.“

     „Nein, Declan, hör auf, dich damit zu quälen“, unterbrach Gwen ihn. „Keiner hätte Renata an diesem Tag davon abhalten können. Sie hatte sich in dieses Unternehmen richtig verrannt. Ich bin mitgegangen, weil ich mir dachte, dass sie sich vielleicht zurückhalten würde und vorsichtiger wäre, denn sie wusste ja, dass ich nicht so erfahren und geübt war wie sie. Ein paar Mal habe ich sie gebeten umzukehren, und schließlich war sie damit auch einverstanden. Aber da war es schon zu spät.“

     Gwen küsste ihn zärtlich auf den Hals. Unter seiner Haut konnte sie seinen Puls spüren. Beruhigend streichelte sie seine Brust. „Wir haben sie beide geliebt, Declan. Aber das Leben ist weitergegangen, und jetzt sind wir hier. Wir können das Unglück nicht ungeschehen machen, und irgendwann müssen wir uns auch von den Selbstzweifeln und Vorwürfen befreien und wieder nach vorn blicken.“

     „Du hast recht. Ich sehe das inzwischen auch so. Weißt du, ich denke auch, wären Renata und ich zusammengeblieben, hätten wir sicher ein ziemlich aufregendes Leben geführt. Aber ich glaube nicht, dass wir jemals wirklich zusammengefunden hätten.“ Declan umfasste Gwens Kinn und küsste sie auf den Mund. „Ich hätte nie gedacht, dass ich je wieder eine Frau lieben könnte. Ich kann mein Glück immer noch nicht fassen und danke dem Himmel, dass es dich gibt. Und ich bin mir sicher, dass wir beide für ein Leben zusammenfinden werden.“ Er machte eine kleine bedeutungsvolle Pause. „Willst du mich heiraten, Gwen. Ich meine – dieses Mal so richtig?“

     „Ja“, antwortete sie leise, und ihre Lippen berührten dabei ganz leicht seinen Mund. „Das würde mich zur glücklichsten Frau der Welt machen.“

     Declan nahm sie in die Arme und drückte sie fest an sich. Er ließ seine Hände über ihre seidige Haut gleiten. Er war sich sicher, dass er nie genug von ihr haben und dass sein Leben nicht glücklicher sein konnte. „Gwen“, sagte er, „dieses ist der schönste Geburtstag, den ich je in meinem Leben gehabt habe. Du wirst es nicht schaffen, mich glücklicher zu machen, als ich es jetzt bin.“

     Gwen schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. „Vielleicht nicht, aber ich werde den Rest meines Lebens damit verbringen, es zu versuchen.“

– ENDE –

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