Geliebter auf Zeit? - 4. Kapitel


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

4. KAPITEL

Ich habe das Richtige getan, dachte Gwen. Gerade hatte sie den Vertrag mit Declan unterschrieben. Fast eine Stunde hatten sie bei Connor in dessen Büro hoch oben im Knight-Tower gesessen und diskutiert. Es hatte sich herausgestellt, dass die sechs Monate, die ihre Scheinehe dauern sollte, tatsächlich die Mindestfrist waren, die Declans Mutter in ihrem Testament festgesetzt hatte. Declan hatte es offensichtlich für klüger gehalten, Gwen das Gefühl zu geben, dass sie selbst das halbe Jahr ausgehandelt hatte. Connor hatte sie beide davor gewarnt, die Sache zu überstürzen, aber letztlich standen sie beide, Declan ebenso wie Gwen, unter Druck: er, weil er fürchtete, andernfalls den Sellers-Auftrag zu verlieren, der eine einmalige Chance darstellte, und sie, weil sie fürchten musste, sonst mittellos auf der Straße zu sitzen.

     Ich habe das Richtige getan, wiederholte Gwen in Gedanken gebetsmühlenartig. Ich hatte keine andere Wahl. Jede Frau, die einigermaßen bei Verstand war, hätte diese Gelegenheit genutzt. Einen Moment lang hatte sie überlegt, ob sie sich nicht prostituierte, konnte den Gedanken aber guten Gewissens wieder verwerfen. Sie hatten vereinbart, dass es keinen Sex geben würde. Das hatte sie sogar schriftlich. Gwen errötete leicht, als sie an diesen Passus des Vertrags dachte, von dem eine Kopie jetzt in ihrer Handtasche steckte.

     Ein anderer Abschnitt dieses Vertrags besagte, dass sie für das nächste halbe Jahr nicht nur Declan Knights Ehefrau war, sondern auch für ihn arbeitete. Es gab kein Zurück mehr. Erfreulich war immerhin, dass sie dadurch für einige Zeit über ein geregeltes Einkommen verfügen würde.

     Gwen warf einen verstohlenen Blick über den Tisch hinweg zu Declan, der intensiv mit seinem Ribeye-Steak beschäftigt war. Sie sah auf seine sonnengebräunten Hände. Unwillkürlich dachte sie daran, wie zärtlich und geschickt diese kräftigen Hände sein konnten. Überall auf ihrer Haut hatte sie sie gespürt. Sie hatten ihre Brüste umfasst und liebkost. Gwen wurde ganz benommen bei diesen Erinnerungen. Ihr war, als ob brennend heiße Strahlen ihren ganzen Körper erhitzten, so lebendig war mit einem Mal die Erinnerung an diese eine Nacht. Die Gabel entglitt ihren Fingern und landete mit lautem Geklapper auf ihrem Teller.

     Declan blickte auf. „Was ist? Schmeckt dir der Fisch nicht?“

     Gwen fühlte sich ertappt. „Doch, doch …“, stotterte sie, „es ist alles in Ordnung.“ Sie versuchte sich wieder auf ihr Essen zu konzentrieren. Der Fisch war wirklich vorzüglich, aber der Appetit war ihr trotzdem vergangen. Wie sollte sie die nächsten sechs Monate nur überleben, wenn sie es nicht einmal schaffte, ihre Fantasie zu zügeln und sich zusammenzureißen, wenn sie ihm in einem Restaurant gegenübersaß? Im Grunde konnte sie heilfroh sein. Auch diese sechs Monate würden einmal vorbei sein. Die Alternative wäre „lebenslänglich“ mit Steve gewesen.

     „Ich habe trotzdem den Eindruck, du hast keine rechte Freude am Essen“, bemerkte Declan ruhig und legte sein Besteck ab. Er war inzwischen mit seinem großen Steak fast ganz fertig. „Möchtest du lieber gehen?“

     Gwen war schon früher die Frage in den Sinn gekommen, ob Declan vielleicht Gedanken lesen konnte. Auf jeden Fall war er ein scharfer Beobachter, dem so leicht nichts entging. Sie nickte. „Ich glaube auch, das wäre das Beste“, sagte sie und senkte den Blick, weil sie Angst hatte, er könnte womöglich noch mehr in ihnen entdecken. Sie griff nach ihrer Handtasche.

     Declan winkte der Bedienung.

     Nachdem er die Rechnung beglichen hatte, standen sie auf, und er legte Gwen den Arm um die Schultern. „Lass uns nach Hause fahren“, schlug er vor.

     „Aber wir müssen noch meinen Wagen abholen“, protestierte Gwen.

     „Du kannst mir die Schlüssel geben. Dann lasse ich ihn heute Nachmittag von einem meiner Leute holen.“

     „Nein, das ist nicht nötig, ehrlich. Ich würde ihn lieber jetzt mitnehmen.“ Im Grunde war ihr jeder Vorwand recht, nur um ein wenig Abstand zu bekommen. Sie brauchte dringend eine Pause, damit sie ihre Gedanken sortieren konnte.

     Declan ließ nicht zu, dass sie sich von ihm löste. „Bleib schön bei mir“, flüsterte er ihr ins Ohr. „Wir werden beobachtet. Dahinten sitzt die Klatschkolumnistin von der Zeitung. Sie ist eine gute Bekannte von meinem Vater.“ Er drückte Gwen einen zärtlichen Kuss auf die Ohrmuschel. Vergeblich versuchte Gwen die Reaktion zu unterdrücken, die die Berührung seiner Lippen in ihr auslöste. Declan brachte sie vollkommen durcheinander. Natürlich mussten sie den Schein wahren. Aber was in ihrem Innern vor sich ging, wenn er all diese Dinge tat, um sie als liebendes Paar erscheinen zu lassen, war leider viel zu echt. All diese kleinen Gesten gaben ihr das Gefühl, als gehöre sie an seine Seite und in seine Arme, während sie genau wusste, dass das nicht sein konnte. Und immer weniger konnte sie nachträglich begreifen, dass sie einmal bereit gewesen war, mit einem Mann wie Steve eine echte Ehe einzugehen.

     „Nächste Woche um diese Zeit beginnt schon unsere Trauung.“ Declan schaute auf seine Armbanduhr. „Montag müssen wir unbedingt zum Standesamt, um das Aufgebot zu bestellen und das alte Aufgebot annullieren zu lassen. Connor meint, sie brauchen auf dem Amt etwa drei Werktage, um die Papiere auszufertigen.“

     Nächste Woche um diese Zeit – Gwen wurde es heiß und kalt. Panik ergriff sie. Sie wusste nicht, wie sie diesen Tag überstehen sollte. Aber sie musste ihn durchstehen, allein um ihres Hauses willen, ihrem einzigen Rückzugsort, ja eigentlich dem Einzigen überhaupt, das ihr geblieben war.

Nachdem er sie zu Libby gefahren hatte, damit sie dort aus ihren Kombi aus der Tiefgarage holen konnte, fuhr Declan hinter Gwen her zu ihrem Haus. Bevor er sich in ihrem Wohnzimmer aufs Sofa setzen konnte, musste erst der Schonbezug abgenommen werden, der die Polster während der Renovierungsarbeiten vor dem Staub schützte.

     „Ich kann mir ja vorstellen, dass du für heute genug von mir hast“, bemerkte Declan, „aber wir müssen unbedingt noch einiges besprechen.“

     „Gewiss“, entgegnete Gwen und fügte sich notgedrungen. Wäre es doch nur so einfach gewesen, wie er sich das vorstellte, und sie könnte ihn nicht leiden! Doch leider war es viel komplizierter. Sie brauchte nur an das Auf und Ab ihrer Gefühle vorhin beim Essen zu denken. „Ich will nur noch rasch Wasser aufsetzen. Kann ich dir einen Kaffee anbieten?“

     „Gern, danke.“

     Nach ein paar Minuten kam sie mit einem Tablett wieder, das Declan ihr trotz Protest schon in der Tür abnahm.

     „Wann musst du beim Catering-Service Bescheid sagen, wie viele Personen erwartet werden?“, fragte er, nachdem sie sich gesetzt hatten.

     „Mittwoch, denke ich.“

     „Okay. Bis dahin kann ich dir Bescheid geben, wie viele von meinen Leuten kommen.“

     „Das Lokal, das wir gebucht haben, ist nicht allzu groß“, gestand Gwen zögernd ein. Bestimmt spürte Declan, dass ihr das ein wenig peinlich war. „Wir konnten uns nichts Größeres leisten.“

     „Das geht in Ordnung. Eine kleine Feier kommt mir sehr entgegen. Meinen Vater und meine Brüder möchte ich natürlich dabeihaben.“

     „Natürlich.“

     „Dann wollte ich dich auch bitten, mir eine Kostenaufstellung von deinen Ausgaben zu machen und mir zukommen zu lassen, damit ich dir das Geld zurückzahlen kann.“

     Der Stolz gebot Gwen zu widersprechen. Ihre Vernunft sagte ihr jedoch, dass sie gar keine andere Wahl hatte, als dem zuzustimmen. So murmelte sie nur leise: „Ja.“ Declan machte es sich bequem und schenkte Kaffee ein. Gwen empfand indessen seine Anwesenheit als so erdrückend, dass sie eine Ablenkung suchen musste. Also sammelte sie das Schmirgelpapier vom Morgen ein und nahm sich wieder den Kaminsims vor.

     Declan sah ihr eine Weile zu, dann fragte er: „Würde das mit einer elektrischen Handschleifmaschine nicht einfacher gehen?“

     „Sicher“, räumte sie ein und dachte: Himmel, wann geht er denn endlich? „Aber zum einen ist meine Schleifmaschine in der Reparatur. Zum anderen halte ich nicht so viel von diesen Methoden. Als Häuser wie dieses gebaut wurden, hat man sich Zeit damit gelassen. Es gab keine elektrischen Hilfsmittel. Hier haben echte Handwerker gearbeitet, denen es nicht darauf ankam, möglichst schnell fertig zu werden, sondern möglichst genau und solide zu arbeiten. Da ich mir auch Zeit nehmen kann, halte ich mich lieber an das gleiche Prinzip.“

     Declan beugte sich zu ihr und nahm, ehe sie sich’s versah, ihre Hände und betrachtete sie eingehend, wobei er sacht mit den Daumen über die Stellen strich, an denen die Arbeit schon ansatzweise Schwielen hinterlassen hatte. „Du schonst dich nicht gerade.“

     Gwen zog die Hände weg, bevor sie in Versuchung geraten konnte, seine sanften Berührungen falsch zu deuten und daran womöglich Gefallen zu finden. „Tja, bei manchen Dingen darf man sich eben nicht schonen“, erwiderte sie ein wenig schnippisch.

     „Du könntest mir doch eigentlich mal das Haus zeigen, oder? Dann kannst du mir auch erzählen, was du im Einzelnen damit vorhast.“

     „Wozu?“

     „Es interessiert mich halt. Ich werde ja schließlich für die nächsten sechs Monate hier wohnen.“

     Gwen glaubte, sich verhört zu haben. „Du wirst was?“

     „Hier wohnen. Gwen, was hast du denn gedacht? Wir heiraten nächste Woche. Glaubst du nicht auch, dass es sehr merkwürdig aussehen würde, wenn wir nicht zusammen wohnen? Es ist mir ja klar, dass das nicht unbedingt unseren Idealvorstellungen entspricht. Aber wie hast du vorhin so schön gesagt? Bei manchen Dingen darf man sich nicht schonen. Da müssen wir durch.“

     Gwen schüttelte langsam den Kopf. Da müssen wir durch? Das durfte nicht wahr sein. Sie bedauerte zutiefst, dass sie bei dem ganzen Deal nicht einen Gedanken darauf verschwendet hatte, was diese sogenannte Ehe eigentlich ganz konkret für sie bedeutete. Stück für Stück schien ihr die Kontrolle über ihr Leben aus den Händen zu gleiten.

     Dennoch hatte sie seinem Argument nichts entgegenzusetzen. „Da hast du wahrscheinlich recht“, antwortete sie mit einem gezwungenen Lächeln. „Also gut. Ich führe dich herum. Das dauert nicht lange. Wo wollen wir anfangen? In der Küche?“ Gwen hoffte insgeheim, dass er es mit dem Erdgeschoss bewenden lassen würde. Sie wollte ihn so bald wie möglich wieder loswerden.

     „Einverstanden.“

Declan war sensibel genug, Gwens Widerwillen zu spüren, während sie vorausging. Er betrachtete die feinen Strähnen in ihrem Nacken, die sich aus dem Knoten gelöst hatten, zu dem sie ihr blondes Haar zusammengebunden hatte. Wäre es nicht Gwen, er hätte sie auf der Stelle aufgehalten, um seine Lippen auf die wunderbare Kurve ihres Nackens zu pressen und die zarte Haut dort zu liebkosen. Aber bei Gwen erschien es ihm klüger, seine Aufmerksamkeit auf andere Dinge zu lenken.

     Was ihm vom Haus zeigte, gefiel ihm gut. Auch die Teile, die sie schon restauriert hatte, fanden seine Anerkennung. Diese Frau verstand ihr Fach und war ein wahrer Gewinn für das Sellers-Projekt – vorausgesetzt, er bekam den Zuschlag.

     „Ich bin heilfroh“, erklärte Gwen, „dass meine gute, alte Tante nicht dem Do-it-yourself-Wahn erlegen ist. Es ist unglaublich, wie viele Häuser dadurch ruiniert worden sind. Auf der anderen Seite hat meine Tante leider nur das Nötigste getan, um das Haus zu erhalten. Später – es war kurz vor meinem Examen an der Victoria Universität – wurde sie krank. Von da an kam das Haus immer mehr herunter. Ich wusste damals nichts von ihrer Krankheit, denn sie hat mir gegenüber nie etwas davon erwähnt. So rief mich eines Tages ihr Anwalt an und erklärte mir, dass ich das Haus geerbt hätte. Ich konnte nicht einmal auf ihre Beerdigung gehen.“

     „Offenbar habt ihr euch nicht besonders nahegestanden“, bemerkte Declan vorsichtig.

     „Nein, nicht besonders.“ Gwen kniff die Lippen zusammen. Die Erinnerung schmerzte sie noch immer. Sie hätte gern ein engeres Verhältnis zu ihrer Tante gehabt. Aber wahrscheinlich war es unrealistisch, von einer älteren Dame zu erwarten, dass sie ihr Herz für ein neunjähriges Kind entdeckte, das man von einem Tag auf den anderen bei ihr einquartiert hatte. „Es dauerte eine Weile, bis ich richtig begriffen hatte, dass das Haus nun mir gehörte und ich damit tun und lassen konnte, was ich wollte. Ich war damals gerade erst dabei, mir meine ersten Kunden zu suchen, und hatte mehr Zeit, als mir lieb war. Da habe ich ziemlich konkrete Vorstellungen davon entwickelt, wie man dem Haus zu seiner alten Pracht und Schönheit verhelfen könnte. Bald nahmen aber die Aufträge zu, und ich konnte mir nur noch einen Raum nach dem anderen vornehmen und musste den Rest so lassen, wie er war. Das bedeutet bis heute: Leben auf einer Baustelle.“

     „Das Haus ist groß. Was du dir vorgenommen hast, ist doch wohl ein bisschen zu viel für einen alleine. Du arbeitest in deinem Beruf ja sonst auch im Team, oder nicht?“

     „Natürlich. Ich habe inzwischen einen festen Stamm von guten Handwerkern. Aber hierfür eben nicht. Das mache ich alles allein – jede freie Minute.“ Dabei fuhr sie liebevoll mit der Hand über ein Kassettenmuster der Küchentür, die wieder in makellosem Zustand war. Declan registrierte, wie weiblich ihre Hände wirkten, obwohl ihnen die Arbeit anzusehen war und sie keine Spur von Maniküre zeigten. Noch nie war er von den Händen einer Frau so fasziniert gewesen. Er konnte seine Blicke gar nicht abwenden.

     „Man kann sehen, dass du dieses Haus liebst – und deine Arbeit.“ Er beobachtete, wie sie zärtlich mit den Fingerkuppen über das glatte Holz strich, und es schien ihm, als würde sich diese Berührung auf ihn übertragen. Fast glaubte er, ihre Fingerspitzen auf seiner Haut zu spüren.

     „Hat das Haus immer schon der Familie gehört?“, fragte er.

     Gwen nickte. „Mein Urgroßvater hat es Ende des neunzehnten Jahrhunderts gebaut.“

     Declan überlegte. Eine seiner größten Sorgen bei ihrem Heiratsdeal war gewesen, sie könnte die Abmachungen zwischen ihnen doch noch anfechten und eventuell sogar Erfolg damit haben, denn ob ihr Vertrag vor Gericht Bestand hätte, war fraglich. In diesem Punkt fühlte er sich jetzt sicherer. Dieses Haus war Gwens Ein und Alles, und sie würde ganz sicher nichts tun, was ihr Erbe gefährden würde.

     Zurück in der Halle, deutete er mit einer Kopfbewegung auf eine Tür, in die eine Buntglasscheibe eingesetzt war. „Was ist dort?“

     „Das Badezimmer. Es ist einer der ersten Räume, die ich mir vorgenommen hatte, aber er immer noch nicht fertig.“ Sie seufzte. „Das Einzige, was ich bisher geschafft habe, war eine gleiche Tür auf der anderen Seite wieder instand zu setzen.“

     „Was verlangst du von dir? Du stehst ganz allein vor dieser riesigen Aufgabe, ohne Hilfe …“

     „Steve hat schon manchmal geholfen“, wandte sie ein.

     Declan sah sie skeptisch an. Er konnte sich nicht vorstellen, dass Steve eine große Unterstützung gewesen war. Wie er ihn einschätzte, war er der typische Schreibtischarbeiter, ein Mann mit zwei linken Händen, die er sich auch nicht gerne schmutzig machte. Es sei denn mit anderer Leute Geld. Declan fragte sich, ob Gwen wohl noch etwas für Steve empfand, wenn sie ihn noch immer in Schutz nahm. Er schüttelte den Gedanken ab. Was spielte das für eine Rolle, solange sie zu ihrer Vereinbarung stand?

     Er öffnete die Tür und schaute neugierig hinein. Hier sah es tatsächlich sehr unfertig aus. Auf dem Fußboden, der einige Unebenheiten zeigte, lag noch ein uralter Linoleumbelag. Offenbar war er einfach über die Fliesen verlegt worden. An den Wänden hing eine fast ebenso alte Tapete, die sich durch die Feuchtigkeit an einigen Stellen gelöst hatte. Wieder bewunderte Declan Gwens Mut, das alles allein anzugehen.

     Dann fasste er einen Entschluss. „Ich werde dir ein wenig zur Hand gehen, während ich hier wohne. Das ist nur fair. Darf ich?“

     „Warum fragst du? Das tust du doch sonst nicht?“

     „Meine Mutter hat mir beigebracht, höflich zu sein.“

     Sie musterte ihn kritisch. Ihre grauen Augen verdunkelten sich. „Wenn das so ist – meinetwegen.“

     Darauf setzten sie ihren Rundgang fort. Zu jedem Raum, in den sie kamen, fragte Declan Gwen nach ihren Plänen, und brachte vereinzelt sogar eigene Vorschläge ein. Nur eines tat Declan nicht: Er dachte gar nicht daran, die Führung vorzeitig abzubrechen und nach Hause zu gehen, wie Gwen anfangs gehofft hatte.

     Als sie bei den Schlafzimmern angelangt waren, zögerte sie. Dann deutete sie mit einer vagen Geste des Kopfes auf eine Tür auf der anderen Seite des Flurs und zeigte auf eine weitere ein Stück weiter den Gang hinunter. „Das ist mein Schlafzimmer“, erklärte sie. „Das frühere Elternschlafzimmer ist da hinten. Das wird dann wohl dein Zimmer werden.“ Man merkte, dass ihr die Worte nur schwer über die Lippen kamen. „Es steht zwar noch alles voller Kisten und Kartons. Aber die kann ich demnächst wegschaffen und woanders unterstellen. In meinem Büro ist noch Platz. Da bin ich ohnehin nur selten.“

     Declan war neugierig. Er ging zu der bezeichneten Tür und drehte den alten, blanken Messingknauf. Das große Zimmer sah in der Tat ziemlich wüst aus. Kreuz und quer standen Umzugskartons herum. Zum Teil hingen auch hier die Tapeten in Streifen von der Wand. Den Boden bedeckte ein abgetretener, fadenscheiniger Teppich.

     „Es tut mir leid“, entschuldigte Gwen sich. „Ich hatte so bald noch keine Gäste erwartet.“ Sie schob mit einem kurzen, kaum merklichen Ruck das Kinn vor, eine kleine, trotzige Geste, die ihm früher schon an ihr aufgefallen war. Es sah aus, als wollte sie damit sagen: Ich nehme es mit jedem auf – auch mit dir. Diese Herausforderung ließ Declan nicht unberührt. Es reizte ihn ungeheuer, die Herausforderung anzunehmen und dabei alle Regeln zu brechen … Er merkte, wie sein ganzer Körper sich anspannte vor beginnender Erregung. Es war höchste Zeit, seine Gedanken in andere Bahnen zu lenken.

     Er riss den Blick von ihrem Gesicht los und sah sich in dem Zimmer um. „Kein Problem“, meinte er. „Ich werde die Wände tapezieren. Der Teppich fliegt raus, und dann ist das hier wieder bewohnbar. Hast du etwas dagegen, wenn ich ein paar Möbel mitbringe?“

     „Ich kann wohl kaum von dir erwarten, dass du auf dem Fußboden schläfst.“

     „Ich werde meine Sachen im Laufe der Woche holen.“

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