Geliebter auf Zeit? - 9. Kapitel

9. KAPITEL

Declan ließ den Blick aus dem Fenster über den abendlichen Hafen schweifen. Die letzten Jachten kehrten zu ihren Liegeplätzen nahe der Harbour Bridge heim. Das Meer war ruhig und wirkte fast schwarz unter dem dunkler werdenden Himmel. Aber auch dieser friedliche Anblick vermochte ihn nicht zu besänftigen.

     Sollte er sich wirklich in Gwen verliebt haben? Das durfte nicht wahr sein! Er hatte den Coup mit dieser Heirat, um an das Erbteil zu kommen, so sorgfältig geplant und durchdacht. Alles war genau abgesprochen gewesen, speziell auch ihr Verhältnis zueinander während dieser sechsmonatigen Ehe – und jetzt das? Declan drängte den Gedanken mit Gewalt zurück. Das Wahrscheinlichste war, dass er Liebe mit Lust verwechselte und in ein rein körperliches Verlangen mehr hineindeutete, als in Wirklichkeit vorhanden. Begierde war zwar auch ein Störfaktor, der nicht eingeplant war, aber letztlich war das alles nur eine Frage der Selbstbeherrschung.

     „Declan?“

     Er fuhr zusammen. Er hatte Gwen nicht hereinkommen hören. Jetzt stand sie neben der Couch und drehte ihm den halb entblößten Rücken zu. Die Spaghettiträger ihres Hochzeitskleids hingen von den Schultern herab. Sie ist genau aufs Stichwort hier erschienen, dachte Declan.

     „Kannst du mir bitte bei diesen Knöpfen helfen? Ich komme da hinten so schlecht heran.“ Sie sah Declan über die Schulter an, und ihr Blick verriet, dass sie tausendmal lieber den Portier um Hilfe gebeten hätte als ihn.

     „Natürlich.“ Declan trat näher und betrachtete die lange Reihe unzähliger runder Knöpfe, die aussahen wie Perlen und in ebenso vielen winzigen Schlaufen steckten.

     Er konzentrierte sich darauf, die Hände ruhig zu halten, bevor er begann. Er konnte gar nicht vermeiden, mit den Fingern die warme, seidige Haut ihres Rückens zu streifen. Ihr nach frischen Blüten duftendes Parfüm stieg ihm entgegen und benebelte seine Sinne. Es wäre nur eine winzige Bewegung nötig gewesen, und er hätte die Hände unter das Oberteil des Kleids schieben, es ihr abstreifen, seine Lippen auf ihren Nacken drücken und ihren köstlichen Duft in vollen Zügen einatmen können. Er dachte an das unvergleichliche Gefühl, ihre festen Brüste mit beiden Händen zu umfassen … Es waren Höllenqualen, die er auszustehen hatte, während er einen kleinen Knopf nach dem anderen aufmachte.

     Zentimeter für Zentimeter arbeitete er sich voran. Ihm stockte der Atem, als die rosarote Corsage sichtbar wurde, die sie unter dem Kleid trug. Er wagte nicht daran zu denken, aber seine Fantasie begann automatisch zu arbeiten. Er stellte sich vor, wie er all die kleinen Häkchen und Ösen öffnete und ihren aufregenden Körper entblößte. Es war die reine Folter und gleichzeitig hätte er in diesem Moment mit niemandem tauschen mögen.

     „Danke“, sagte Gwen schließlich und trat einen Schritt vor. „Ich denke, jetzt kann ich allein weitermachen.“ Mit beiden Händen hielt sie das Oberteil des Kleides fest. „Ich beeile mich im Badezimmer, wenn du gleich noch unter die Dusche gehen willst“, fügte sie auf dem Weg zurück ins Schlafzimmer über die Schulter hinzu.

     „Ja, äh … danke“, stotterte Declan. Sein Mund war trocken, er fühlte sich wie im Fieber. Ihm wurde klar, dass er hier nicht bleiben konnte, nicht bevor er so müde und erschöpft war, dass er auf diese Couch sank und einfach einschlief.

     „Gwen!“, rief er ihr hinterher, als sie gerade die Tür des Schlafzimmers öffnete. „Bist du bitte so freundlich und reichst mir meine Tasche heraus? Ich denke, ich gehe noch ein bisschen in den Fitnessraum.“

     „Sicher.“ Sie brachte ihm das Gewünschte, wobei sie ihr Kleid immer noch festhielt und sorgsam darauf bedacht war, dass sie bedeckt blieb, während Declan nicht weniger darauf achtete, seine Hände in den Hosentaschen zu behalten, während er sich im Innern mit seinem bösen Dämon herumstritt, der ihm immer wieder zuflüsterte: Du brauchst nur ein klein wenig zu ziehen und schon …

     „Bleibst du länger weg?“, wollte sie wissen, während sie wieder zum Schlafzimmer ging.

     So lange, wie er benötigte, um den Grad an Erschöpfung zu erreichen, der ihn einfach nur noch umfallen und schlafen ließ. „Eine Stunde oder so“, antwortete er vage. Er legte sein Jackett ab und begann, die Weste aufzuknöpfen.

     „Wir sehen uns dann später“, meinte Gwen, bevor sie im Schlafzimmer verschwand. Dieses Mal ließ sie die Tür unverschlossen, aber Declan war sich nicht sicher, ob es ihm nicht lieber gewesen wäre, sie hätte abgeschlossen.

Gwen stieg aus ihrem Hochzeitskleid und hängte es in den Kleiderschrank. Sie fühlte sich ausgelaugt und niedergeschlagen. Das war wahrhaftig nicht die Hochzeit gewesen, von der sie geträumt hatte. Noch einmal strich sie versonnen über den feinen perlenbestickten Stoff. Dann klappte sie die Schranktür zu.

     Gleich neben dem Schrank stand auf dem Kofferständer eine Schachtel, die Gwen bisher noch gar nicht richtig bemerkt hatte. Es war einer jener Kartons, wie es sie in Modegeschäften gibt. Sie hob den Deckel. Die oberste Schicht war in Seidenpapier eingeschlagen. Das Siegel eines der teuersten Geschäfte für Damenwäsche klebte darauf. Daneben lag ein kleiner Briefumschlag. Gwen nahm ihn und holte eine Karte heraus.

Wir konnten einfach nicht widerstehen, und wir hoffen, er kann es auch nicht. Libby und Mae

Gwen riss das Papier auf und schob es beiseite.

     „Oh, nein“, entfuhr es ihr halblaut. Zuoberst lag ein Negligé, in der Farbe genau passend zu der Corsage, die sie zu ihrem Hochzeitskleid getragen hatte. Mit leicht zitternden Händen hielt sie das Stückchen Nichts in die Höhe. Es war wunderschön, hauchzart und verführerisch, aber Gwen war sich sicher, dass sie bis auf Weiteres keine Verwendung dafür haben würde. Sie legte es sorgsam auf das Bett und sah nach den anderen Stücken, die die Schachtel enthielt. Das nächste war ein Body aus edler Spitze. Was haben die beiden sich eigentlich gedacht, fragte sich Gwen und legte den Body zu dem Negligé. Dann kam die nächste Schicht dran. Es kam nichts als feinste, zarteste Dessous zum Vorschein. Gwen seufzte. Das war sicherlich lieb gemeint, aber was sie jetzt wirklich brauchte, waren Jeans und Sweatshirts.

     Sie sah auf den Digitalwecker auf dem Nachttisch. Vor ihr lag eine lange Nacht, die sie mit ihrem frisch angetrauten Gatten in irgendeiner Weise hinter sich bringen musste. Ein wenig ratlos nahm sich Gwen den Body, in dem sie wenigstens bequem schlafen konnte, und machte sich auf den Weg ins Badezimmer. Dort hoffte sie, einen Bademantel zu finden, den sie darüberziehen konnte. Und wenn sie morgen früh in diesem Aufzug das Hotel verlassen musste, war es eben auch nicht zu ändern.

     Im Bad machte sie sich daran, die unzähligen Haarnadeln aus ihrer Frisur zu ziehen. Der Haufen, der dabei zusammenkam, war beeindruckend. Die Blumen, die ihr Haar geschmückt hatten, ließen schon die Köpfe hängen. Sie legte sie auf den Rand des Waschbeckens. So wie sie sich ihre Hochzeit vorgestellt hatte, hätte sie sie jetzt sorgfältig aufgehoben und später gepresst, um sie zur Erinnerung an diesen besonderen Tag zu behalten. Nun, etwas Besonderes war der Tag ohne Frage gewesen. Ob sie sich später noch gern daran erinnern würde, stand auf einem anderen Blatt. Nach kurzer Überlegung nahm Gwen die Blumen und warf sie in den Abfalleimer. Dann ging sie duschen.

     Während sie das Wasser auf sich niederprasseln ließ, die Hektik dieses Tages langsam von ihr abfiel und sich so ihre innere Unruhe allmählich legte, kam Gwen ins Grübeln. Wie merkwürdig war es doch, dass sie an ihrem Hochzeitstag hier allein war, dass sich jetzt nicht ein starker Arm um sie legte, dass sie sich nicht an eine breite Brust anlehnen konnte, dass sie sich selbst einseifen musste und keine Hände da waren, die sie streichelten, den Schaum der Seife auf ihrem Körper verteilten und dabei ihre intimsten Stellen erforschten. Sein langes, dunkles Haar würde ihre Haut streifen, wenn er ihren Nacken küsste … Gwen erschrak so sehr über ihre eigenen Gedanken, dass das große Seifenstück ihren Fingern entglitt und mit Gepolter in die Duschwanne fiel.

     Wenige Sekunden später hörte sie ein Klopfen an der Tür und Declans Stimme: „Gwen! Ist alles in Ordnung mit dir?“

     Sie erschrak. War er denn nicht längst bei seinem Fitnesstraining? Du lieber Himmel, habe ich überhaupt die Tür abgeschlossen? schoss es ihr durch den Kopf. Die Antwort darauf erhielt sie nur eine Sekunde später. Declan betrat das Bad und fragte: „Was ist los? Bist du hingefallen?“

     Gwens Verwirrung war unbeschreiblich. Noch immer war sie außerstande, ein Wort herauszubringen. Ihr war gleichzeitig heiß vor Scham und vor Verlangen. Die Spitzen ihrer Brüste richteten sich auf. Weder eine Glastür noch ein Vorhang schützte sie vor Declans Blicken, die jetzt auf ihr ruhten. Sie spürte diese Blicke fast körperlich und kam sich ihm hilflos ausgeliefert vor.

     „Raus! Raus hier!“, schrie sie mit letzter Kraft. Ihre Stimme überschlug sich.

     Wortlos wandte Declan sich um, ging ohne einen weiteren Blick hinaus und schloss die Badezimmertür hinter sich.

     Unter den warmen, pulsierenden Wasserstrahlen begann Gwen zu zittern. Sie lehnte sich an die gekachelte Wand und rutschte langsam daran hinab, bis sie auf dem Boden der Dusche hockte, ein einziges Häufchen Elend. Alles lief schief. Was stand ihr noch bevor?

Neunzig Minuten später warf Declan einen Blick auf die Uhr über der Tür des Fitnessraums. Seine Muskeln schrien nach der Pause, die er ihnen bis dahin nicht gegönnt hatte. Ansonsten hatten Laufband, Sit-ups und Hanteltraining jedoch nicht die gewünschte Wirkung. Die Gedanken an Gwen waren immer noch da. Er brauchte nicht einmal die Augen zu schließen, um sie vor sich zu sehen, so lebendig, wie er sie vor anderthalb Stunden gesehen hatte, als sie unter der Dusche stand: ihre schlanken Beine, ihre festen Brüste mit den aufgerichteten Spitzen, ihren flachen Bauch …

     Gwen raubte ihm den Verstand. Es war einfach nicht zu leugnen: Er begehrte sie mit aller Leidenschaft. Keine andere Frau zuvor hatte ihn derart unwiderstehlich angezogen. Das Verrückte daran war, dass sie auch noch seine ihm nach Recht und Gesetz angetraute Ehefrau mit allen ehelichen Pflichten und Rechten war. Aber sie wussten ja beide, was das Papier wert war, auf dem ihre Unterschriften standen. Und dass es noch ein anderes Papier gab, ebenfalls mit ihren Unterschriften, auf dem stand: kein Sex. Und dann war da noch jene Nacht mit Gwen vor acht Jahren, die einen so bitteren Nachgeschmack hinterlassen hatte …

     Nein, es hatte keinen Zweck. Er konnte auf diesem Laufband laufen, so lange er wollte, Gewichte stemmen, so viele er konnte – dadurch würde er Gwen nicht aus dem Kopf bekommen. Hier war eine andere Art von Stärke gefordert.

     Declan gab auf. Er stellte die Maschinen ab, machte ein paar Dehnübungen, um seine verspannten Muskeln zu lockern, und nahm sein Handtuch. Mit ein bisschen Glück lag Gwen jetzt schon im Bett und schlief. Als er jedoch wieder die Suite betrat, fand er Gwen zu seiner Überraschung auf der Couch, eingehüllt in einen dicken weißen Frotteebademantel, aus dessen Ausschnitt ein kleines Stück rosa Spitze blitzte.

     „Na, fühlst du dich jetzt besser?“, fragte sie.

     Ihre Stimme klang nicht mehr so abweisend wie vorhin, dafür aber etwas belegt, als ob sie geweint hätte. Declan sah Gwen genauer an. Ja, ohne Zweifel, sie hatte geweint. Kein Wunder. Das hier war schließlich nicht gerade die Hochzeitnacht, von der eine Frau träumt.

     „Ich würde gern unter die Dusche gehen. Ist das okay?“, erkundigte sich Declan.

     „Ja … klar.“

     Der eiskalte Wasserstrahl richtete nicht mehr aus als die Plackerei vorhin im Kraftraum. Er fragte sich, ob man einen Zustand permanenter Erregung sechs Monate lang durchhalten konnte, ohne gesundheitlich Schaden zu nehmen. Die Frage war im Grunde müßig. Er wusste zwar noch nicht wie, aber er musste diese sechs Monate anders hinter sich bringen.

     „Ich habe beim Zimmerservice etwas bestellt. Ich hoffe, es ist dir recht“, erklärte Gwen, als Declan in Jeans und T-Shirt wieder zurückgekehrt war.

     „Natürlich. Hast du auch nichts essen können auf dem Empfang?“

     „Ich habe kaum einen Bissen herunterbekommen.“

     Augenblicke später klopfte es schon an der Tür. Der Zimmerkellner, dem Declan geöffnet hatte, rollte einen Wagen herein, deckte mit geübten Griffen den Tisch am Fenster, verstaute das Dessert im Kühlschrank und zündete zum Schluss die Kerze auf dem weiß gedeckten Tisch an. Declan gab ihm ein Trinkgeld. Mit einer Verbeugung zog sich der Kellner zurück, wobei er im Hinausgehen das Licht dimmte, sodass im Handumdrehen die schummrige Atmosphäre eines Candlelight-Dinners entstand.

     Declan war sich nicht sicher, ob das ihrer augenblicklichen Stimmung angemessen war. „Soll ich das Licht wieder heller machen?“, fragte er Gwen.

     Sie winkte ab. „Nein, lass es ruhig so. Ich finde es schön. Der gedeckte Tisch sieht sehr einladend aus.“ Sie zögerte, bevor sie weitersprach. „Ich muss mich übrigens bei dir entschuldigen, dass ich dich so angeschrien habe vorhin im Badezimmer. Ich war so erschrocken …“

     „Lass nur. Das ist schon lange vergessen“, unterbrach er sie. Das war natürlich glatt gelogen. Zwei Stunden lang hatte er vergeblich daran gearbeitet, die Szene im Bad zu vergessen.

     Gwen hob die Edelstahlglocke von einem der Teller, beugte sich darüber und schnupperte. „Köstlich“, sagte sie dann. „Es ist Ewigkeiten her, dass ich Flusskrebse gegessen habe. Ich hoffe, es macht nichts, dass ich etwas so Extravagantes bestellt habe.“

     „Etwas Extravagantes sind wir der Einladung meines Vaters, glaube ich, sogar schuldig“, meinte Declan mit einem Grinsen, während er sich bemühte, Gwen nicht in den Ausschnitt ihres Bademantels zu gucken, um vielleicht noch mehr von diesem verführerischen Spitzensaum zu erspähen. Allein die Vorstellung davon, was sie darunter trug, trieb ihm den Blutdruck in die Höhe. Ihm dämmerte, dass es unfair war, in Gwen das Problem zu sehen. Dafür, wie er auf sie reagierte, konnte er sie nicht verantwortlich machen. Im Gegenteil: Würde sie auch nur entfernt ahnen, was mit ihm los war, wäre sie längst über alle Berge und seine Träume von Cavaliere Developments als einem aufstrebenden Unternehmen unter seiner Führung würden platzen wie eine Seifenblase. So weit wollte es Declan nicht kommen lassen.

     „Es ist fantastisch“, stellte Gwen fest, als sie am Tisch saßen und sie von dem Flusskrebs gekostet hatte. Genießerisch fuhr sie sich mit der Zungenspitze über die Lippen. Declan entging die kurze Bewegung nicht, und wieder stieg seine innere Unruhe. „Dessert habe ich übrigens auch bestellt.“

     „Hm“, machte er. Der Krebs war wirklich ausgezeichnet. „Wenn das Dessert nur halb so gut ist wie das hier … Was ist es denn?“

     „Zabaglione. Man macht es aus Ei, Zucker und Champagner – etwas ganz Feines. Das letzte Mal, als ich das gegessen habe, muss ich ein kleines Mädchen gewesen sein. Das war noch in Mailand.“ Ihre Stimme klang nun ein wenig wehmütig.

     „In Mailand? Erzähl.“

     „Es muss das letzte Mal gewesen sein, dass wir dort waren, bevor meine Mutter mich hierhergeschickt hat. Später bei meiner Tante habe ich so etwas nie mehr bekommen. Nach ihrer Meinung war ein Vanilleeis von einem Straßenverkäufer für ein Kind schon ein überflüssiger Luxus.“

     „Und wie kommt es, dass du mit deiner Mutter in Italien warst?“

     „Ich bin dort geboren.“

     Declan fiel auf, dass sie ihm nie zuvor etwas über ihre Familie erzählt hatte. „Italien liegt auf der anderen Seite des Globus. Was dich dann hierher verschlagen?“

     „Verschlagen ist der richtige Ausdruck.“ Mit einem Seufzer legte sie die Gabel beiseite. „Na schön, aber nur die Kurzfassung. Meine Mutter hat meinen Vater bei einem ihrer Jobs als Model kennengelernt. Sie haben geheiratet, obwohl seine Familie gegen diese Verbindung war. Wenig später wurde meine Mutter dann schwanger. Sie verschwieg allerdings ihrem Mann, dass das Kind – also ich – gar nicht von ihm war. Das fand er erst heraus, als ich knapp sechs Jahre alt war, und setzte uns prompt alle beide vor die Tür. Meine Mutter tat sich dann mit ihrem Freund zusammen, und wir reisten in der Weltgeschichte herum. Das ging auch eine ganze Weile gut, bis ich neun war. Dann schickte mich meine Mutter hierher zu Tante Hope. Meine Mutter hatte mir zwar versprochen, dass sie eines Tages wiederkommt, um mich zu holen, aber das habe ich schon damals nicht so richtig geglaubt.“

     „Gwen, das ist ja furchtbar …“, warf Declan ein.

     „Die endgültige Bestätigung bekam ich, als Tante Hope starb. Ich habe es meiner Mutter geschrieben, aber ich bekam den Brief ungeöffnet zurück. Spätestens da wusste ich, dass ich nichts mehr von ihr zu erwarten hatte, und habe gelernt, mich mit dem Gedanken abzufinden, keine Mutter mehr zu haben.“ Und auch sonst niemanden, fügte Gwen für sich hinzu. Sie straffte ihren Rücken. Es war eine trotzige Geste, als wollte sie damit sagen: Ich brauche niemanden, ich komme auch gut allein zurecht. Wie oft war sie schon im Stich gelassen worden – von ihrem Vater, ihrer Mutter, von Steve, dem Letzten, aber auch Unbedeutendsten in dieser Reihe.

     Gwen und Declan beschlossen, das Dessert bei einem Fernsehfilm zu genießen. Gwen machte es sich auf dem einen Ende der Couch bequem, Declan auf dem anderen. Zu Gwens Überraschung wurde so noch ein richtig gemütlicher und entspannter Abend daraus. Der ganze Stress des Tages wurde nebensächlich, und jeder konnte endlich er selbst sein. Von Ferne betrachtet sahen sie aus wie ein Paar, das sich schon lange kannte.

     Erst als sich der Film dem Ende zuneigte, spürte Gwen die Anspannung wieder. Sie fragte sich, wie sie Nacht verbringen würden. Im Schlafzimmer gab es nur ein Doppelbett.

     Während der Abspann lief, fragte er dann: „Möchtest du noch einen Film sehen?“

     „Ich glaube, ich gehe lieber ins Bett. Und du?“

     Declan warf ihr einen vielsagenden Blick zu. „Wollen wir um das Bett losen, oder wollen wir es uns teilen?“ Gwen sah ihn verwirrt an. Das Blut war ihr in die Wangen geschossen. Aber er lachte nur gutmütig und meinte: „Das war nur ein Scherz. Natürlich schlafe ich hier. Man kann die Couch ausziehen. Das reicht mir vollkommen.“

     Gwen dachte an die Länge, die er brauchte, und sah ihn zweifelnd an. „Bist du sicher?“

     „Klar. Ich habe schon unbequemer geschlafen. Ich gehe nur noch rasch ins Bad. Dann hast du da hinten deine Ruhe, okay?“ Ohne auf ihre Antwort zu warten, stand er auf und ging aus dem Zimmer.

     Auch Gwen erhob sich. Sie ging unschlüssig im Wohnzimmer umher, sah aus dem Fenster und betrachtete die edle Einrichtung des Raums. Plötzlich bemerkte sie eine rot blinkende Lampe am Telefon, das auf dem kleinen antiken Schreibtisch stand. Ein Gefühl der Panik ergriff sie. Wer konnte sie heute Abend sprechen wollen? Wer wusste überhaupt, dass sie hier waren? War es Tony Knight? Waren die wahren Beweggründe ihrer Eheschließung am Ende doch ruchbar geworden? Nach einem kurzen Moment der Überwindung hob Gwen den Hörer ab und wählte die Nummer der Mailbox.

     Eine unbekannte Stimme meldete sich. „Mr. und Mrs. Knight, nehmen Sie bitte unser aufrichtiges Bedauern entgegen. Wie es scheint, ist einer Ihrer Koffer versehentlich am Empfang vergessen worden. Wenn es Ihnen genehm ist, dass er Ihnen gebracht wird, genügt eine kurze Nachricht an unsere Rezeption.“

     Sachen zum Anziehen! Gwen fiel ein Stein vom Herzen. Mae war noch einmal mit dem Leben davongekommen. Natürlich würde sie sie nicht auf einer Schachtel voller Spitzenunterwäsche sitzen lassen.

     Declan betrat das Zimmer. Er hatte sich den zweiten Bademantel übergezogen, der im Bad hing. Unten schauten seine nackten Beine hervor. Trägt er nichts darunter? fragte sich Gwen, und ohne dass sie es verhindern konnte, begann ihr Puls zu rasen.

     „War da eine Nachricht für uns?“, fragte Declan.

     „Es ist noch ein Koffer für uns abgegeben worden. Ich sage gleich unten Bescheid, dass er heraufgebracht werden kann.“ Sie hoffte inständig, dass Declan nicht merkte, wie sehr ihr Herz raste.

     „Gute Idee“, sagte er, griff nach der Fernbedienung des Fernsehers und zappte durch ein paar Kanäle, während er sich auf der Couch ausstreckte.

     Gwen sah, dass er den Bademantel nur nachlässig zugebunden hatte. Sie erblickte das gekräuselte Haar auf seiner Brust. Sie glaubte noch zu spüren, wie es sich anfühlte, darüber zu streichen – bis zum Nabel, dann weiter, immer tiefer. Sie hörte das raue Stöhnen tief aus seiner Brust, als sie ihn umfasste, erinnerte sich an das wunderbare Gefühl, diese Macht zu haben, ihm diesen urtümlichen Laut zu entlocken …

     Genug! Gwen zwang ihre Gedanken in die Gegenwart zurück. Was war nur los mit ihr? Was hatte sie gerade tun wollen? Richtig: Die Rezeption anrufen, damit der Koffer hochgebracht wurde. Sie ging zum Telefon. Nur noch einige Minuten, dann konnte sie die Tür des Schlafzimmers fest hinter sich schließen und war vor Declan und sich selbst in Sicherheit.

 

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