Heiße Küsse für den Boss - 11. Kapitel

11. Kapitel

Amanda blinzelte. „Du wolltest?“

    „Du hast mich damals fast umgebracht, Amanda.“

    Plötzlich wurde ihr warm ums Herz, und sie lächelte. Er hatte es gewollt.

    Er runzelte die Stirn. „Ich war jung. In meinem Bett saß eine schöne junge Frau in atemberaubenden Dessous. Natürlich wollte ich. Alles andere wäre unnatürlich gewesen.“

    Ihr Glücksgefühl zerplatzte wie eine Seifenblase. Es waren also nur die Hormone gewesen. Es hätte jede schöne junge Frau sein können.

    „Wenn ich deinem Großvater irgendwie helfen kann, dann tue ich es“, erklärte Jared. „Und du wirst mich nicht davon abhalten. Das ist eine Sache zwischen ihm und mir.“

    Verblüfft lehnte sie sich zurück. Den Kaffee, der inzwischen kalt war, hatte sie völlig vergessen.

    „Hast du das wirklich nicht gewusst?“

    „Nein, ich hatte keine Ahnung.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich meine, ich wusste, dass du am Wochenende immer Mrs Chalks Wagen gewaschen hast und sie dir danach ein Sandwich mitgab, aber …“

    „Ja.“ Er lächelte schief. „Der alte Drachen hat auch mitgemacht. Aber ich bin ihr dankbar. Sie hat an mich geglaubt.“

    Amanda war bekümmert. „Aber wenn er so viel für dich getan hat, warum hast du dich dann nie gemeldet?“

Jared spielte mit dem Löffel. Dann kannte sie den Rest der Geschichte also nicht. Am Tag nach jener furchtbaren Nacht war Colin zu ihm in den Schuppen gekommen.

    „Danke, dass du sie heimgebracht hast. Sie ist noch so jung. Und dickköpfig.“ Der alte Mann hustete. „Das Mädchen glaubt, sie ist in dich verliebt.“

    Jared nickte.

    „Du bist ein guter Kerl, Jared. Aber du bist nicht der Richtige für sie.“

    Und er würde es auch nie sein. Colin sprach es nicht aus, aber das brauchte er auch nicht.

    „Dein Abitur hast du in der Tasche. Weißt du schon, ob du ein Stipendium bekommst?“

    Jared schüttelte den Kopf. „Das entscheidet sich erst in ein paar Wochen.“ Er hatte sich um ein Stipendium an der Universität in Auckland beworben.

    „Geh trotzdem, Jared.“ Mit Unbehagen sah Jared den Scheck, den Colin ihm entgegenhielt. „Du verdienst es. Du hast hart dafür gearbeitet.“

    Jared sah dem Mann fest in die Augen. Hier ging es nicht um seine Bildung, und sie beide wussten es. „Ich werde gehen, aber behalten Sie Ihr Geld.“

    Colin runzelte die Stirn.

    „Es ist sowieso Zeit zu gehen.“

    Colin zögerte, dann steckte er den Scheck wieder in sein Jackett. „Ich schreibe dir eine Empfehlung. Ein Zeugnis. Was du willst.“

    Jared zuckte die Schultern. Seine Arbeit würde für sich sprechen. Wenn er diese Stadt verließ, dann für immer. Er würde nie zurückkommen.

    Vielleicht ahnte Colin, wie knapp es gewesen war. Ihm konnte nicht entgangen sein, wie Jared Amanda angesehen hatte.

    „Danke, Jared“, sagte der alte Mann sanft. „Viel Glück!“

    Am nächsten Tag verließ er die Stadt.

    Er hatte alles getan, um diesen Abend zu vergessen. Tagsüber, wenn er sich auf seine Arbeit konzentrierte, fiel es ihm leicht. Aber nachts … Er träumte davon, wie seine Hand über die weichen Kurven ihres Hinterns strich, über die Seide ihres verführerischen Negligés, zwischen ihre Beine. Er hatte bemerkt, dass sie keinen Slip trug und spürte ihr unschuldiges feuchtes Verlangen.

    Das war der Moment, wo er sie von sich gestoßen hatte. Er konnte nicht anders, sonst hätte er sie an Ort und Stelle genommen. Er war jung und unerfahren gewesen. Ihm war nichts anderes übrig geblieben, als sie wegzustoßen und zu ihrem Großvater zu bringen, obwohl er wusste, dass er ihre Liebe damit im Keim erstickte.

    Doch er hatte sich geirrt.

    Neun Jahre und siebeneinhalb Monate später fiel es ihm noch genauso schwer wie damals, ihren Reizen zu widerstehen. Noch schwerer, seit er wusste, wie es mit ihr war. Die Wirklichkeit übertraf seine Fantasie bei Weitem. Wie verführerisch jeder einzelne Zentimeter ihres Körpers war …

    Rückblickend konnte er Colin keinen Vorwurf machen. Hätte er nicht dasselbe getan? Er würde auch nicht wollen, dass seine Enkelin etwas mit dem Sohn eines stadtbekannten Säufers anfängt. Dem Sorgenkind der kleinen Stadt. Das hatte ihn nur noch mehr angespornt. Es besser zu machen. Besser zu sein. Damit der Alte es sich anders überlegte? Damit er es bedauerte? Der Drang, es anderen zu beweisen, der schon viele Männer groß gemacht hatte. War es ein Segen oder ein Fluch?

    Er hätte nicht auf den alten Mann hören sollen. Sein Stolz hatte ihn wütend gemacht. Auch auf sie war er wütend gewesen, weil sie nur das Eine von ihm wollte. Ironischerweise hatte er jetzt den Verdacht, dass sie doch mehr von ihm wollte.

    Jared beschloss, ihr nichts von diesem Gespräch zu erzählen. Nicht jetzt. Nicht später. Er war nach wie vor nicht der Richtige für sie.

    „Ich habe mich nie gemeldet, weil wir das so vereinbart hatten“, antwortete er schließlich. „Ich wollte nicht zurückblicken. Da war nichts, was einen Blick zurück lohnte.“

    In den Tiefen ihrer großen schönen Augen, sah er, dass er sie verletzt hatte.

    „Es war nur ein Kuss, Amanda“, sagte er schroff. „Finde dich damit ab.“

    Sie errötete und antwortete mit ihrer verhassten Mädchenpensionat-Höflichkeit, für die er sie in diesem Moment fast bewunderte: „Ich arbeite daran.“

    Leider konnte er von sich nicht dasselbe sagen. Die Vergangenheit hatte ihn eingeholt, und nun kam er nicht mehr davon los.

Behutsam legte Amanda Messer und Gabel auf ihren Teller, um sich eine Atempause zu verschaffen. Seine Bemerkung hatte sie verletzt. Immer wieder musste sie sich daran erinnern, dass sie nur eine Affäre hatten.

    „Ich kümmere mich um Colin. Ich hole ihn da heraus“, erklärte Jared. „Du kümmerst dich um den Rest.“

    „Und wenn ich mich irre?“

    „Na und? Was kann schon passieren? Das Heim wird überprüft und bekommt schlimmstenfalls eine glänzende Bewertung.“

    „Auf Kosten des Steuerzahlers.“

    Er zuckte die Schultern. „Steuergelder werden für Schlimmeres verschwendet. Was ist, wenn du dich nicht irrst? Wenn man die Patienten dort nicht gut behandelt?“

    Sie wusste, dass er recht hatte. Manche der Patienten waren hilflos wie Kinder. Dennoch machte sie sich Sorgen. „Das Pflegepersonal in diesen Einrichtungen hat es nicht leicht. Manchmal müssen sie sich von den Patienten dafür auch noch beschimpfen lassen.“

    „Manchmal“, stimmte Jared zu. „Und oft ist das Pflegepersonal unterbezahlt, unterbesetzt und überfordert.“ Er sah sie eindringlich an. „Du weißt, wie man einen Brief schreibt, Amanda. Wie man telefoniert.“

    Endlich nickte sie.

    „Wo übernachtest du heute?“ Er ließ seinen Löffel mit einem Klirren auf seinen Teller fallen.

    „Im Ashcourt Motel.“

    „Dann werde ich auch dort übernachten.“

    „Ich habe Zimmer vier.“ Verstand er, dass er sich kein eigenes Zimmer nehmen brauchte?

    Der Stuhl schabte über den Boden, als Jared aufstand. „Ich werde mir eine Lösung für Colin überlegen.“

    „Und ich werde nach ihm sehen.“

    Er ging voran, zwischen den Tischen hindurch. Draußen regnete es noch immer in Strömen.

    An der Tür kamen ihnen ein paar ältere Damen entgegen. Die Erste nahm ihre Kapuze ab und erkannte, wem sie gegenüberstand.

    „Jared?“ Sie klang überrascht. Doch der Ausdruck auf ihrem Gesicht sagte alles – dieselbe Mischung aus Verlegenheit und Verlangen, die Amanda bei ihrem Wiedersehen verspürt hatte.

    „Linda“, begrüßte er sie wenig begeistert.

    Amanda unterdrückte ein Schaudern. Wie herablassend er sein konnte.

    Neugierig sah die Frau Amanda an. „Und Sie sind …“

    „Amanda Winchester.“ Amanda nickte und lächelte mechanisch.

    Noch einmal blickte die Frau forschend in Jareds Gesicht.

    Jared schien ihren Blick nicht zu bemerken, als er an ihr vorbei nach draußen zu seinem Wagen ging. Der Regen schien von seiner harten Schale abzuprallen.

    Amanda lief zum Wagen, und jeder Regentropfen fühlte sich an wie eine stümperhaft gesetzte Akupunkturnadel.

Er hatte den Motor bereits angelassen und wartete ungeduldig, bis sie sich angeschnallt hatte.

    „Das war Linda Dixon, nicht wahr?“

    Die Frau des Schuldirektors. Sie hatte manchmal im Sekretariat ausgeholfen.

    Er antwortete nicht. Sie wusste auch so, dass sie recht hatte. Sie sah ihn an. Seine Miene war abweisend. Er legte den Gang ein und riss das Lenkrad herum.

    Doch Amanda hatte keine Angst vor seinem Schweigen. Die Neugier war zu groß. Und ihre weibliche Intuition verriet ihr, dass die beiden ein Geheimnis hatten. Ein kleines schmutziges Geheimnis. Sie ignorierte das flaue Gefühl in ihrem Magen. „Kanntest du sie gut?“

    Er nahm den Blick nicht von der Straße. „Nicht besonders.“

    Nein? Warum verschlang ihn diese Frau dann mit ihren Blicken?

    Er lächelte flüchtig. „Willst du das wirklich wissen, Amanda?“

    „Ach, nein.“ Sie zuckte die Schultern. Sie war eine Frau – natürlich wollte sie es wissen.

    Er lachte auf. „Du bist eine miserable Lügnerin.“

    Jetzt hielt sie den Blick auf die Straße gerichtet.

    „Die reizende Linda sprach mich eines Tages an, als ich auf ihrem Grundstück den Rasen mähte. Mr Dixon war bei einer Lehrerkonferenz. Es war brütend heiß, kein Lüftchen regte sich.“ Ein Lächeln umspielte seine Lippen. „Du kannst dir denken, was sie wollte.“

    Amanda verspürte einen Stich.

    „Du kannst es dir denken, weil du am Abend desselben Tages dasselbe von mir wolltest.“ Seine Stimme klang bitter.

    „An meinem Geburtstag?“ Sie bekam den Mund nicht wieder zu. „Und hast du …“

    „Was glaubst du?“, unterbrach er sie. „Sie war alt genug, um meine Mutter zu sein. Außerdem war sie verheiratet. Nie im Leben hätte ich mit ihr oder den anderen geschlafen.“

    Den anderen? Es gab noch andere? Amanda sog scharf die Luft ein. Sie war fassungslos. Natürlich hatte sie die Gerüchte über Jareds Qualitäten als Liebhaber gehört, aber trotzdem … Sie atmete ein paar Mal tief durch und riss sich zusammen. „Dann hast du Ashburton also als Jungfrau verlassen?“

    Er unterdrückte ein Lachen. „Nein. Aber sie war wenigstens in meinem Alter. Jedenfalls fast. Und sie war Single.“

    Eifersucht durchbohrte sie wie ein Schwert und verdarb ihr die mühsam aufrecht erhaltene gute Laune. „Warst du lange mit ihr zusammen?“

    „Es war nichts Festes.“

    Nichts Festes. So wie jetzt zwischen ihnen.

    „Wie hieß sie?“ Hatte Amanda sie gekannt? War sie hübsch? Auf jeden Fall hasste Amanda sie.

    Jared hielt an. Amanda starrte noch immer auf die Straße. Er legte eine Hand an ihre Wange und drehte ihr Gesicht zu sich. „Willst du eine Liste von allen Frauen, mit denen ich geschlafen habe?“

    „Nein.“ Sie verabscheute den Gedanken. Sie hasste jede Einzelne.

    „Dann lass die Vergangenheit ruhen.“

    „Wäre die Liste länger als eine Seite?“

    „Amanda!“, sagte er lachend.

    „Das ist ungerecht. Meine Liste kennst du.“

    „Es war viel schwerer, dir zu widerstehen als ihr.“ Er strich ihr zärtlich eine Strähne aus dem Gesicht.

    Das machte es auch nicht besser. Wie peinlich. Sie hatte sich für so etwas Besonderes gehalten, eine Prinzessin, die ihrem Erwählten eine Gunst erwies.

    In Wahrheit war sie eine von vielen gewesen, die sich ihm an den Hals warfen. Kein Wunder, dass er so abgeklärt war. Doch statt darüber zu lachen, war er verbittert. Warum?

    „Wie hat sie reagiert, als du dich geweigert hast?“

    Sein Blick verfinsterte sich. „Das willst du wirklich nicht wissen.“

    Er blickte über die Schulter und deutete mit einem Kopfnicken auf das Pflegeheim. „Nun geh schon und kümmere dich um ihn. Wir treffen uns nachher im Motel.“

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