Heiße Küsse für den Boss - 14. Kapitel

14. Kapitel

Amanda saß im Flugzeug und starrte aus dem Fenster auf die wunderschönen, schneebedeckten Berggipfel – das Rückgrat der Südinsel. Genau das brauchte sie jetzt – Rückgrat. Wie sollte sie sonst mit Jared fertig werden?

    Sie fühlte sich zutiefst verletzt. Wie konnte er nur? Wie konnte er es wagen, sie so zu behandeln? Doch sie wusste, es hatte keinen Sinn sich aufzuregen.

    Er hatte es getan, und er würde es wieder tun.

    Er tat, was er wollte, ohne Rücksicht auf andere. Na ja, das stimmte nicht ganz, musste sie zugeben. Er hatte geglaubt, sie würde sich freuen, ihm jederzeit zur Verfügung zu stehen. Das bewies nur wieder, wie unterschiedlich ihre Vorstellungen waren.

    Leider hatte sie diese Schwäche für ihn, konnte sich nicht vorstellen, ihm je einen Korb zu geben. Deshalb musste sie fort. Andererseits konnte sie sich auch das nicht vorstellen. Sie wollte ihn. Und ihr Verlangen nach ihm wurde immer stärker. Sie musste etwas dagegen tun, durfte nicht zulassen, dass ihre Gefühle für ihn ihr Leben bestimmten. Wenn sie seinetwegen umzog, hätte sie ständig Angst, dass er Schluss machte. Schon den Gedanken konnte sie nicht ertragen.

    Hätte er es nur nicht erwähnt, dann hätte sie die Hoffnung nicht aufgegeben, hätte sich weiter eingeredet, dass doch mehr zwischen ihnen war …

    Aber dass er sich sie als Mätresse halten wollte, bis er genug von ihr hatte, war zu viel für sie.

    Sie drückte ihren Kopf gegen die Kopfstütze, als ihr klar wurde, dass sie nichts von alledem ertragen konnte. Weder wollte sie seine Mätresse sein, noch würde sie je mit einer oberflächlichen Affäre glücklich sein. Wie naiv sie gewesen war.

    Sie wollte mehr. Hatte immer mehr gewollt. Sie wollte alles – Liebe, Hochzeit, Kinder.

    Er wollte nichts davon.

    Wieder rutschte sie unbehaglich auf ihrem Sitz und wechselte zum x-ten Mal das übergeschlagene Bein.

    „Machen Sie sich keine Sorgen. Das wird schon.“ Die Schwester vom neuen Pflegeheim, die sie begleitete, lächelte sie über ihre Teetasse hinweg an.

    „Fliegen macht mich immer ein bisschen nervös.“ Amanda hatte das Gefühl, eine Erklärung für ihr Verhalten abgeben zu müssen. „Der Start und die Landung sind am schlimmsten, aber eigentlich entspanne ich mich den ganzen Flug über nicht.“

    „Das geht vielen Menschen so.“ Die Schwester nickte.

    In Wahrheit war sie in Gedanken so mit Jared beschäftigt gewesen, dass sie den Start kaum bemerkt hatte. Er war ein so viel größerer Stressfaktor, dass er sie von ihrer Flugangst geheilt zu haben schien.

    Die ganze Nacht hatte sie auf ihrem Bett gesessen und gewartet, dass es draußen hell wurde. Während sie dann in seinem Auto fuhr, umhüllt von seinem Duft, wich ihr Ärger einem dumpfen Schmerz, als ihr klar wurde, was sein Vorschlag wirklich bedeutete.

    Er wollte eine Mätresse? Sie konnte sich nichts Einsameres vorstellen, als von seinem Leben so vollkommen abgeschottet zu sein. Wie kalt dieser Mann war.

    Sie liebte ihn seit Jahren. Doch was er ihr anbot, war zu wenig, war zu quälend. Dass er überhaupt so ein Arrangement vorschlug, tat schon genug weh. Und doch vermochte auch die Erkenntnis, wie gefühllos er war, ihre Liebe nicht zu zerstören. Sie empfand sogar Mitleid mit ihm. Er war ein gebrochener Mann, der den Glauben an die Liebe verloren hatte. Sie konnte nur hoffen, dass ihm irgendwann jemand helfen würde, diesen Glauben wiederzufinden.

    Doch dieser Jemand war nicht sie.

    „Ihr Großvater wird sich schnell einleben. Wir haben viel Erfahrung mit Patienten wie ihm.“

    Amanda nickte und blinzelte die Tränen fort.

Gemeinsam mit der Pflegerin ging sie vom Flugzeug zum Mietwagen, der am Flughafen auf sie wartete. Erstaunlich, was mit Geld alles möglich war. Jared hatte recht gehabt. Sie hatte dem Pflegeheim einen Besuch abgestattet und sofort einen Platz bekommen. Mit genügend Geld konnte man alles erreichen.

    Kein Wunder, dass er glaubte, sie zu einem Umzug überreden zu können. Für ihn war es nur eine weitere Transaktion, die sein Leben vereinfachte.

    „Wenn Sie möchten, fahre ich“, schlug die Schwester vor. „Dann können Sie sich noch ein wenig ausruhen, ehe Sie Ihren Großvater abholen.“

    Die Frau war Gold wert. Und Jared bezahlte sie wahrscheinlich gut dafür. Amanda schloss die Augen.

    Alles lief glatt. Die mitgebrachte Schwester hielt das Personal des Pflegeheims auf Abstand. Colin war bei ihrer Ankunft schon fertig angezogen und bereit zur Abfahrt. Sie hatte in den vergangenen Tagen jeden Abend mit ihm telefoniert und ihm erklärt, dass sie ihn zu sich nach Auckland holen würde, hatte ihm jedoch die Einzelheiten erspart, um ihn nicht zu beunruhigen. Der Spezialist des neuen Pflegeheims hatte sie eingehend beraten. Bemüht, ihre eigene Nervosität zu verbergen, stellte sie ihm die Schwester als eine Freundin vor, die sie begleiten würde. Ihr Großvater lächelte.

Wieder sah Jared auf die Uhr. Jetzt musste sie im Pflegeheim sein – wie auch schon vor vierzig Sekunden, als er zuletzt auf die Uhr geschaut und an sie gedacht hatte. Es war wie eine nervöse Angewohnheit.

    Eine Obsession.

    Was wollte diese Frau?

    Er gab es auf, sich auf den Bericht auf seinem Schreibtisch zu konzentrieren, und blickte aus dem Fenster. Fragte sich, wie es wohl lief? Ob es ihr gut ging? Ob er sie hätte begleiten sollen? Doch er hatte sie bewusst nicht begleitet, weil er nicht wagte, dem alten Mann gegenüberzutreten. Vielleicht erinnerte Colin sich daran, dass er fand, Jared sei nicht gut genug für seine Enkelin. Doch Jared war nicht mehr derselbe wie damals. Jetzt war er reich – sehr reich.

    Darum war es dem alten Mann doch gegangen, oder?

    Jared war sich nicht sicher. Vielleicht hatte der alte Mann irgendetwas in ihm gesehen, vor dem er seine Enkelin schützen wollte.

    Dasselbe, was seine Mutter in ihm gesehen hatte, bevor sie ihn verließ. Das alle in ihm sahen.

    Linda Dixon hatte keine Gnade gekannt. Als er höflich versucht hatte, ihre Annäherungsversuche abzuwehren, war sie immer aufdringlicher geworden. Schließlich hatte sie gedroht, ihm das Leben zur Hölle zu machen, dafür zu sorgen, dass ihm niemand mehr Arbeit gab. ‚Du wirst es nie zu etwas bringen, Jared. Alles, was du hast, ist deine Wirkung auf Frauen. Du solltest sie nutzen, ehe du vor die Hunde gehst wie dein Vater.‘ Doch das war nur das Gerede einer enttäuschten verbitterten Frau gewesen. Oder?

    Wie dein Vater. Er hatte alles getan, um nicht so zu werden wie er. Er arbeitete hart, war verlässlich, ehrlich, erfolgreich.

    Aber war er im Grunde nicht doch wie er? Jared wusste, dass sein Vater sich weder für seine Frau noch für seinen Sohn interessiert hatte. Sein Vater war ein Egoist gewesen, der sich nahm, was er brauchte – am Ende reichte ihm seine tägliche Dosis Alkohol.

    War Jared ein Egoist? War auch er süchtig? Süchtig nach Amanda? Er wollte sie mehr als er je etwas gewollt hatte. War sein Verlangen ungesund?

    Doch es war nur Verlangen, nicht mehr. Er war unfähig zu lieben. Und niemand würde ihn jemals lieben können.

    Es juckte ihn in den Fingern. Er könnte ihr eine SMS schreiben, sie fragen, wie es ihr ging. Doch wahrscheinlich würde sie nicht antworten. Außerdem wollte er ihre Stimme hören, um an ihrem Tonfall die unausgesprochene Anspannung oder Erleichterung heraushören zu können. Er sehnte sich nach ihrer Stimme.

    Warum wollte sie nicht umziehen? Wollte sie nichts mehr von ihm? Doch vergangene Nacht hatte sie ihn mit einer Leidenschaft geliebt, die noch lange nicht gestillt schien. Warum war sie dann so verärgert gewesen über seinen Vorschlag? Ein Umzug würde ihnen alle Vorteile einer Beziehung verschaffen, ohne die …

    Tja, ohne was?

    Er legte eine Hand an die kalte Glasscheibe und dachte nach.

    Ohne die Angst? Die Sorgen? Die Komplikationen?

    Schon jetzt konnte er sich nicht konzentrieren, sich nicht entspannen, weil er sich solche Sorgen um sie machte. Er wollte mit ihr reden, ihr helfen, bei ihr sein …

    Es war längst kompliziert.

    Und er war ein Idiot.

    Er presste beide Hände an das Glas. Sie hatte recht. Sein Vorschlag war eine Beleidigung gewesen. Er hatte praktisch dasselbe von ihr gewollt wie Linda damals von ihm – nur ohne die Drohung.

    Er hatte sie wie ein Spielzeug behandelt.

    Zwar hatte er es nicht so gemeint, doch hatte er aus purem Egoismus gehandelt. Er wollte sie zu seinen Bedingungen. Kein Risiko, keine Gefühle. Damit hatte er sie verletzt. Und in dem Aufblitzen ihrer Augen hatte er ihre Entschlossenheit gesehen, sich ihm zu entziehen …

    Plötzlich bekam er keine Luft mehr.

    Warum war sie so verletzt gewesen? Wollte sie in Wahrheit mehr von ihm?

    Er riss sich vom Fenster los. Nein. Er wusste, was sie wollte. Sie war doch einverstanden gewesen. Ein paar Wochen zusammen Spaß haben, und das war’s. Sie war es doch, die Nacht für Nacht aus seinem Bett floh.

    Sie wollte Sex, mehr nicht. Und er konnte ihr auch nicht mehr bieten.

    Sie hatte recht. Er musste darüber nachdenken, was er eigentlich wollte. Dann würden sie reden. Doch er konnte sich ihr nicht öffnen …

    Sein Herz pochte. Es war ein Risiko. Das größte Risiko seines Lebens, und das obwohl er als Banker mit Millionen jongliert hatte. Wie würde sie reagieren, wenn er sich ihr öffnete? Würde er es verkraften, wenn er sie für immer verlor?

    Er legte sich eine Strategie zurecht. Sein Verlangen lähmte seine Gedanken. Doch wenn er sich ihr mitteilen wollte, brauchte er einen kühlen Kopf. Sex musste erstmal warten.

    Er nickte. So würde er es machen. Er würde erst wieder mit ihr schlafen, wenn sie geklärt hatten, wie es mit ihrer Beziehung weitergehen würde.

    Beziehung.

    Er atmete tief durch. Flüsterte das Wort vor sich hin. Ließ es sich auf der Zunge zergehen. Ein Funke entzündete sich in seiner Brust. Am Ende wurde er noch sentimental. Doch ihm gefiel die Vorstellung, mit ihr zusammen zu sein. So lange sie wollte, so oft sie wollte. Er verspürte einen Stich. Sie konnte jederzeit gehen. Würde es ihm gelingen, sie glücklich zu machen? Sie zu halten? Er wusste es nicht. Er hatte ja nicht einmal die eigene Mutter halten können. Wie sollte er eine Frau wie Amanda halten?

    Keine Frage, sie fühlten sich körperlich zueinander hingezogen. Doch was verband sie noch, wenn das Feuer der Leidenschaft erlosch? Er schloss die Augen, um die Angst zu bezwingen.

    Es blieb ihm keine andere Wahl, als sie zu fragen, ob sie eine Zukunft hatten. Adrenalin schoss durch seinen Körper. Er spannte die Muskeln an, bereit zum Kampf, ohne recht zu wissen, worum er eigentlich kämpfte.

    Gab es ein Rezept für eine glückliche Ehe? Freundschaft, Liebe, Respekt? Er wusste nicht, ob er dazu in der Lage war, aber er würde es versuchen. Für sie.

Der Flug war reibungslos verlaufen. Amanda hatte Colin erzählt, sie würde ihn in ein anderes, schöneres Pflegeheim bringen, und er schien froh darüber. Bereitwillig ließ er sich nach der Ankunft auf den Beifahrersitz von Jareds Wagen verfrachten. Die Schwester nahm auf der Rückbank Platz. Sie schien es gewohnt, in luxuriösen Autos zu fahren.

    Das Personal im neuen Heim begrüßte sie herzlich und ließ ihnen Tee und Muffins kommen, nachdem sie sich eingerichtet hatten. Das Zimmer verschlug Amanda fast den Atem. Es hatte einen schönen Blick über den prächtigen Park. Ihr Großvater konnte im Fernsehen seine Sportsendungen sehen, und Amanda konnte jederzeit anrufen. Es gab sogar ein Zimmer, in dem sie notfalls übernachten konnte. Hier würde er sicher sein. In guten Händen. Und das Krankenhaus, in dem ein führender Spezialist für Altersheilkunde praktizierte, war nur ein paar hundert Meter entfernt.

    Erst nachdem der Tee gekommen war, rastete ihr Großvater aus. Verzweifelt versuchte sie, ihn zu beruhigen. Doch alles was sie sagte, machte es nur noch schlimmer. Schließlich war er völlig außer sich. Ein völlig verängstigter alter Mann mit Panik im Blick. Die Schwestern holten den Arzt, beruhigten ihn behutsam, verabreichten ihm ein Beruhigungsmittel und legten ihn ins Bett.

    Amanda spürte eine tiefe Traurigkeit. Sie hasste diese selbstzerstörerische Krankheit. Wünschte, es gäbe etwas, das sie dagegen tun könnte. Wünschte, er wäre glücklich. Sie wollte ihren Großvater zurück.

    Der Arzt erklärte, durch den Umzugsstress sei er vielleicht für ein paar Tage etwas verwirrt, dann würde er sich beruhigen. Doch Amanda kamen Zweifel.

    Dann musterte der Arzt sie aufmerksam und schlug ihr vor, sie solle nach Hause gehen. Colin würde die Nacht durchschlafen, und Amanda wäre eine größere Hilfe, wenn sie ihn morgen früh frisch und ausgeschlafen begrüßte. Doch sie blieb noch, räumte seinen Koffer aus, stellte Fotorahmen und andere vertraute Dinge auf, die er aus dem alten Heim kannte.

    Es war nach acht, als sie ins Auto stieg. Es gab nur ein Ziel. Sie musste ihn sehen, ihn spüren, auch wenn es nur ein Bruchteil von dem war, wonach sie sich sehnte.

    Sie fuhr zu Jared.

Zehn Minuten nachdem sie losgefahren war, begann sie zu weinen. Als sie in die Garage unter Jareds Wohnhaus fuhr, strömten ihr die Tränen nur so übers Gesicht.

    Alles machte sie falsch. Noch nie hatte sie sich so allein und unsicher gefühlt. Nie hatte sie so dringend Trost gebraucht. Schluchzend stieg sie aus dem Fahrstuhl.

    Sie würde nachgeben. Sie würde die Brotkrümel aufpicken, die Jared ihr hinwarf. Hauptsache er verließ sie nicht. Denn sie brauchte ihn. Wollte seine starken Arme um sich spüren. Wollte ihn in sich spüren.

    Amanda kämpfte mit dem Haustürschlüssel, den sie durch den Tränenschleier kaum sehen konnte. Und dann wurde die Tür von innen geöffnet. Jareds Gesicht verschwamm vor ihren Augen.

    Sie war so erleichtert, dass sie nicht aufhören konnte zu weinen. Sie hatte nicht erwartet, dass er schon zu Hause war. Barfuß und in Jeans und T-Shirt stand er vor ihr.

    „Was ist passiert?“

    Sie ging an ihm vorbei in die Wohnung und wartete, bis er die Tür geschlossen hatte. Als er sich umdrehte, legte sie die Arme um seinen Hals. Sie wollte nicht reden, nur vergessen. „Küss mich.“

    „Nein.“ Er rührte sich nicht.

    Sie fuhr mit den Fingern in sein Haar und versuchte, seinen Kopf zu sich zu ziehen.

    Er packte ihre Handgelenke und befreite sich aus ihrer Umarmung. „Nein, Amanda.“

    Sie verstand nicht, wollte es nicht glauben.

    Stattdessen presste sie ihre Brüste und ihr Becken an ihn. „Küss mich, Jared.“

    Er wich zurück und legte die Hände auf ihre Oberarme, um sie auf Abstand zu halten. „Nein.“

    Nein.

    Jetzt verstand sie.

    Nein. Nein. Nein.

    Oh Gott. Wieder wies er sie zurück. Gerade als sie bereit war, nachzugeben und sein Angebot anzunehmen, machte er einen Rückzieher.

    Panisch riss sie sich von ihm los und lief aus der Wohnung.

    „Amanda!“

    Sie umklammerte den Schlüssel, den sie noch immer in ihrer Hand hielt, so fest, dass er ihr ins Fleisch schnitt. Der Fahrstuhl war noch da. Sie drückte hastig irgendwelche Knöpfe, damit Jared ihr nicht folgen konnte.

    Im kühlen Dämmerlicht der Garage flackerten die Scheinwerfer seines Wagens auf, als sie auf den Schlüssel drückte. Sie stieg ein und ließ den Motor an, legte den Gang ein, doch dann schaltete sie aus Versehen statt des Lichts die Scheibenwischer an.

    „Mist!“

    Diese Kleinigkeit gab ihr den Rest.

    Sie umklammerte das Lenkrad und schrie. Schrie vor Schmerz und Einsamkeit. Ein grausamer ungeschliffener Laut, der sich schluchzend ihrer Kehle entrang.

    Die Autotür wurde geöffnet.

    „Du bist nicht in der Verfassung zu fahren.“ Seine Stimme klang schroff, doch seine Hände waren ganz sanft, als er sie nach dem Aussteigen hochhob und zum Fahrstuhl zurücktrug.

    Sie klammerte sich an seiner Brust fest und spürte seinen Herzschlag.

    „Ich hasse dich“, schluchzte sie. Er hatte ihr alles genommen, auch ihren Stolz. Ihre ganze Welt war zusammengebrochen.

    „Verzeih mir!“ Während der Fahrstuhl nach oben fuhr, hielt er sie ganz fest in seinen Armen. Dann trug er sie in seine Wohnung, deren Tür noch immer offen stand. Er stieß sie mit dem Fuß hinter sich zu. Nach fünf weiteren Schritten setzte er sich auf das Sofa und lockerte den Griff etwas, doch sie hatte nicht die Kraft, sich loszureißen.

    Stattdessen wanderten ihre Gedanken zurück zu ihrem Großvater. Zu dem verzweifelten Moment, bevor sie den Arzt gerufen hatte. Sie konnte nicht aufhören darüber zu weinen, dass sie ihn verlor, dass er vor ihren Augen verschwand. Dass ein so starker, vitaler Mann plötzlich so verletzlich, so verängstigt, so unmündig wirkte. Und dass sie nicht in der Lage war, ihn zu beschützen. Sie hatte ihn enttäuscht.

    „Ich hätte mehr für ihn da sein müssen“, schluchzte sie.

    Die Lippen auf ihrem Haar antwortete er: „Du hast getan, was du tun konntest.“

    „Es war nicht genug. Ich hätte nie fortgehen dürfen.“

    „Du warst jung. Du musstest gehen. Er wollte es so.“

    „Ich hätte ihn öfter besuchen müssen. Ich hätte es eher bemerken müssen.“ Es tat ihr alles so leid. So unendlich leid. „Ich wünschte, er hätte es mir erzählt.“

    „Er ist nicht er selbst.“

    Und jetzt war sie allein.

Irgendwann gab Jared es auf, Amanda mit Worten trösten zu wollen und streichelte ihr nur noch beruhigend den Rücken. Er wiegte sie in seinen Armen und hörte einfach zu. Er unterdrückte sein Verlangen, denn was seine traurige Freundin jetzt brauchte, waren starke Arme und ein offenes Ohr. Sie war nicht in der Verfassung für Bettakrobatik, und er wollte nicht alles noch komplizierter machen.

    Er wollte ihre Gefühle, ihren Schmerz nicht in oberflächlicher Leidenschaft ersticken. Er wollte all ihre Geheimnisse, ihre Ängste, ihre Sorgen erfahren. Und dann wollte er alles wiedergutmachen.

    Es brach ihm das Herz, sie so zu sehen. Ihre aufrichtige Liebe für ihren Großvater beeindruckte ihn, und er wünschte sich sehnlichst, auch von jemandem so geliebt zu werden. Eine Familie. Eine richtige Familie, die mit ihm durch dick und dünn ging. Menschen, die Fehler machten, aber die einander vergaben und sich trotzdem liebten.

    Doch er konnte sich nicht vorstellen, diese Familie mit Amanda zu gründen.

    Er wagte kaum, sich zu bewegen. Sie hatte sich in den Schlaf geweint, und seine Arme fühlten sich taub an, doch das war ihm egal. Schließlich trug er sie ins Schlafzimmer, legte sie ins Bett, zog sie vorsichtig aus und schlüpfte neben ihr unter die Decke. Er zog sie an sich, schloss sie in seine Arme und lauschte ihrem stockenden Atem.

    Viele Stunden konnte er nicht einschlafen. Den Kopf in die Hand gestützt, betrachtete er im Dämmerlicht ihr Gesicht. Ihre Wangen waren blass. Er biss sich auf die Innenseite der Wange, als er einen Kloß im Hals spürte, ein Brennen in den Augen. Er biss die Zähne zusammen. Sie machte ihn schwach. Doch irgendwie machte sie ihn auch stark. Er konnte kaum erwarten, dass es Morgen wurde. Wenn sie ruhig und ausgeschlafen war, musste er mit ihr reden.

    Das Problem war nur, dass er selbst alles andere als ruhig war. Und an Schlaf war nicht zu denken.

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