Heiße Küsse für den Boss - 5. Kapitel

5. Kapitel

Kaum war Amanda bei ihrem Schreibtisch, nahm sie die Pralinenschachtel und warf sie in den Papierkorb.

    „Für den späten Nachmittag ist eine Besprechung angesetzt.“

    Mist, er war ihr gefolgt und setzte das Gespräch ungerührt fort, als habe es den Kuss nie gegeben.

    „Heute Nachmittag habe ich keine Zeit.“ Sie drehte sich um. „Das wird bis morgen warten müssen.“

    „Morgen bin ich nicht in der Stadt. Es muss heute sein.“

    „Aber …“

    „Die Sache hat Vorrang, Amanda.“

    Amanda fiel auf, wie ungewöhnlich still Sean an seinem Schreibtisch saß. Wie er von ihr zu Jared blickte und wieder zu ihr und dann auf ihren Mund und ihre Bluse.

    Verdammt. Die beiden obersten Knöpfe waren noch auf – und Amandas Knöpfe standen nie offen. Genau das war das Problem. Bei Jared vergaß sie, was wichtig war. Auch, dass sie jetzt nett zu ihm sein musste.

    „Wann und wo?“, fragte sie daraufhin freundlicher.

    Er lächelte siegessicher, weil er wusste wie schwer es ihr fiel, über ihren Schatten zu springen. „Ich hole dich um sechs hier ab.“

    „Nein“, stieß Amanda hastig hervor. Sie wollte sich nicht abends mit ihm treffen. „Ich kann um vier zu dir ins Büro kommen. Würde dir das passen?“

    „Ich dachte, du hast keine Zeit?“

    „Ich kann dich dazwischenquetschen.“

    Ihre Blicke trafen sich, und Amanda wurde heiß. Hatte sie das wirklich gesagt? Dachte er dasselbe, was sie plötzlich dachte?

    „Das passt hervorragend“, säuselte er. Dann winkte er den anderen zu und verschwand ebenso leise, wie er gekommen war.

    Valerie wirkte beunruhigt. „Bist du sicher, du kommst klar, Amanda? Ich meine, du wirkst etwas …“

    „Ich weiß.“ Amanda bemühte sich um Schadensbegrenzung. „Jared provoziert gern. Aber ich kann damit umgehen.“ Sie würde es müssen. Die anderen zählten auf sie. Ganz zu schweigen von ihrem Großvater. Sie setzte sich gerade hin. „Ich werde dich nicht enttäuschen, Valerie.“

Jared atmete die kalte frische Luft ein und beschloss, einen Spaziergang zu machen, statt sofort mit dem Auto zurück ins Büro zu fahren. Was hatte er sich nur gedacht? Natürlich hatte er überhaupt nicht gedacht. Sobald er allein mit ihr im Zimmer war, hatte er sich vergessen. Er ging schneller, als sein Körper bei der Erinnerung an den Kuss ungewollt reagierte. Sie war die aufregendste Frau, die er kannte. Doch blieb sie für ihn die verbotene Frucht. Schließlich ging es ums Geschäft. Wenn sie zusammenarbeiten wollten, durfte er sich nicht hinreißen lassen. Er hätte es besser wissen müssen.

    Vor fast zehn Jahren hätte er sie haben können, doch Pflicht und Ehre hatten es ihm verboten. Jetzt war es nicht anders.

    Doch trotzdem begehrte er sie.

 

Amanda kam zwei Minuten zu früh. Die Empfangsdame bat sie, gleich durchzugehen. Jareds Büro war schön, groß, aber nicht zu groß und sehr gemütlich. Sie entschied sich gegen das Sofa, sondern wählte einen Stuhl an dem runden Tisch in der Ecke. Erst war sie verlegen, doch Jared benahm sich, als habe der Kuss am Morgen nie stattgefunden. Er war reserviert und sah sie kaum an, als er ihr die früheren Kampagnen zeigte und ihr erklärte, was ihm daran gefiel und was nicht.

    Sie entspannte sich und konzentrierte sich auf die Arbeit, machte Notizen, erhob Einwände, stellte Fragen.

    „Lass uns etwas essen gehen“, schlug er aus heiterem Himmel vor.

    Sie sah aus dem Fenster. Seit wann war es dunkel? Wie spät war es? Schon nach sechs? Wie war das möglich?

    „Sind wir für heute nicht fertig?“ Ihre Notizen waren seitenlang.

    „Nein“, widersprach er unnachgiebig. „Morgen bin ich nicht da, und ich möchte, dass du so schnell wie möglich anfängst. Montag will ich sehen, was du hast.“

    Montag?

    „Also lass uns in ein Restaurant gehen und weitermachen.“ Er lehnte sich zurück und betrachtete sie.

    „Aber …“

    Plötzlich war da wieder dieses Lächeln. „Außerdem bist du im Restaurant unter Menschen.“

    Sie zwang sich, den Blick von ihm zu lösen, und sah sich um. Im Büro war es ganz still, und die Dunkelheit, die durch das Fenster drang, machte die Atmosphäre noch intimer. Als sie sich ihm wieder zuwandte, trafen sich ihre Blicke …

    „Okay.“ Sie brauchte nicht lange nachzudenken.

Sein Wagen war noch luxuriöser als sie es sich an der Bushaltestellte am Sonntagabend vorgestellt hatte. Breite Sitze, viel Beinfreiheit, glänzende Armaturen, schnurrender Motor.

    Damals in Ashburton hatte er kein Auto besessen – war entweder mit anderen oder auf seinem rostigen alten Mountainbike gefahren. Damals hatte sich Amanda von ihrem Großvater in dessen Daimler chauffieren lassen wie Graf Koks. Jetzt hatte sie kein Auto.

    „Worauf hast du Lust? Italienisch? Thai?“

    „Egal.“ Der Appetit war ihr sowieso vergangen.

    Nachdem er geparkt hatte, gingen sie ein Stück, und er sah sie von der Seite an. „Dort gibt es sehr leckeres Konfekt.“

    „Wie kommst du darauf, dass ich so etwas mag?“, fragte sie säuerlich.

    Sein Lachen war ansteckend. Na gut, vielleicht konnte sie wirklich etwas Süßes vertragen. Die Wärme des Restaurants schlug ihnen an der Tür entgegen. Der Oberkellner begrüßte Jared mit einem Lächeln und führte sie in eine ruhige Ecke.

    Amandas Augen funkelten. Hatte er reserviert? Wann? Offensichtlich kannten sich die beiden Männer, und Jared war reibungslosen Service gewohnt. Er war eben ein erfolgreicher Mann.

    Es hätte sie nicht überraschen sollen. Damals hatte er so hart gearbeitet. Warum hätte sich daran etwas ändern sollen? Zweifellos verdiente er seinen Erfolg. Doch irgendwie wurmte es sie. Vor allem angesichts ihres eigenen Versagens. Während er aufgestiegen war, war sie gefallen.

    Doch sie hatte auch nie so hart gearbeitet wie er, hatte es nie gemusst – bis jetzt. Vielleicht lag eine höhere Gerechtigkeit darin? Dabei machte sie sich gar nichts aus Luxus. Und sie hätte alles gegeben, was sie besaß, wenn nur ihr Großvater wieder gesund wurde.

    Sie musterte Jared in seinem feinen maßgeschneiderten Anzug, bemerkte, wie ungezwungen er mit dem Personal sprach, ganz zu Hause in der Welt der feinen Leute.

    Es machte ihn noch unwiderstehlicher. Bestimmt lagen ihm die Frauen zu Füßen.

    Amanda starrte auf die Speisekarte und zuckte innerlich zusammen. Das Restaurant war so teuer, dass keine Preise neben den Gerichten standen.

    „Soll ich gleich den Nachtisch bestellen?“ Jared lächelte spöttisch.

    „Ich glaube, ich kann es mir noch ein wenig verkneifen. Was kannst du denn empfehlen?“

    „Das Kalbfleisch.“ Er musste dafür nicht in die Karte sehen.

    „Okay.“ Sie wollte keine Verantwortung dafür übernehmen, wie viele Tausend Dollar das Essen kosten würde.

    „Ich nehme dasselbe.“ Er bestellte noch eine Flasche Wein und eine Flasche Fruchtsaft aus dem eigenen Sortiment.

    Amanda sah sich inzwischen um. Sie saßen in einer dunklen Ecke ganz hinten, und der kleine Tisch für zwei hatte etwas gefährlich Intimes. Wie naiv von ihr, diesem Essen zuzustimmen.

    Sie stammte aus reichen, er aus armen Verhältnissen. Jetzt war die Situation umgekehrt. Jetzt war es Jared, der die Befehle erteilte, der über ihre Zukunft entschied – und er schien es zu genießen.

    Jared rächte sich an ihr – sie wusste nur nicht wofür. Jedenfalls hatte er keine Ahnung, welche Folgen sein Verhalten damals für sie gehabt hatte. Und sie würde es ihm auch nicht erzählen. Sie wollte sein Mitleid ebenso wenig wie er ihres gewollt hatte. Alles, was sie tun konnte, war hart arbeiten wie er – vielleicht konnte sie ihn dann von sich überzeugen.

    „Lassen Sie nur“, bat Jared den Kellner, der den Wein brachte. „Ich werde selbst einschenken.“

    Der Kellner verschwand sofort, und Jared füllte ihr Glas. Sie wollte ihr Glas gerade nehmen, als Jared die Flasche wieder auf den Tisch stellte.

    „Trinkst du nichts?“

    „Ich trinke nicht.“

    „Ist es wegen deinem Vater?“, fragte sie rundheraus.

    Erst presste er die Lippen zusammen, doch dann antwortete er. „Ich habe gern meine fünf Sinne beisammen.“ Seine Augen funkelten. „Aber trink nur und entspann dich.“

    Er war nicht auf die Frage nach seinem Vater eingegangen. Das Thema behagte ihm nicht. Doch Jared konnte sie nicht ständig mit ihrer Vergangenheit aufziehen und verlangen, dass sie ihn verschonte. Sie wussten viel voneinander, und das meiste hätten beide am liebsten vergessen. Wie viele seiner Angestellten wussten wohl, dass er als Jugendlicher nie ein Frühstück bekommen hatte? Dass die Lehrerin ihm in der Schule heimlich eine Tüte mit einem Apfel und einem belegten Brot zugesteckt und er als Gegenleistung am Wochenende ihr Auto gewaschen hatte? Wie viele wussten, dass James nicht sein Nachname, sondern sein zweiter Vorname war, dass er den Namen seines Vaters abgelegt hatte? Sie wusste es. Und Jared wusste, dass sie es wusste. Und bestimmt gefiel ihm das nicht.

    War das der Grund für die Spannungen zwischen ihnen? Die Erinnerung daran, wer sie damals waren? Dass sie alles gehabt hatte und er nicht? Sie konnte es ihm nicht verübeln, denn jetzt, da sich das Blatt gewendet hatte, konnte sie nicht umhin, selbst einen gewissen Groll zu verspüren.

    Sie betrachtete die dunkelrote Flüssigkeit in ihrem Glas. „Ich trinke doch nicht allein eine ganze Flasche Wein.“

    „Nein?“ Jared lächelte unheilvoll. „Vielleicht möchtest du später etwas Stärkeres? Vielleicht einen Brandy?“

    Sie hatte nur einmal in ihrem Leben Brandy getrunken. Und sie würde es nie, nie wieder tun. Schon beim Geruch drehte sich ihr der Magen um. Sie drehte das Weinglas zwischen ihren Fingern. Er wollte sie nur ärgern, indem er sie daran erinnerte. Es war nicht das erste Mal, das er auf ihre damalige Begegnung anspielte, und sie sah nur einen Weg, seinen unpassenden Bemerkungen ein Ende zu machen. Er glaubte, sie in Verlegenheit zu bringen? Das tat er, aber lange nicht so wie an jenem Abend. Hatte er überhaupt eine Ahnung, was danach passiert war?

    „Er hat lange gebraucht, um sich wieder zu beruhigen.“

    Seine Augen funkelten wieder. „Dein Großvater?“

    Sie nickte. „Warum hast du das getan?“ Warum hatte er sie verraten?

    „Du warst so jung. Und du warst wild entschlossen, den größten Fehler deines Lebens zu machen.“ Er fuhr mit dem Finger über die Klinge seines Messers. „Hast du wirklich geglaubt, ich würde die Situation ausnutzen?“

    Er war nur ein paar Jahre älter als sie. „Ich war sechzehn.“

    „In manchen Staaten wäre das illegal gewesen.“

    „In anderen hätten wir schon zwei Jahre verheiratet sein können.“

    Er schnaubte verächtlich. „Du warst zu jung.“

    „Mir war nicht klar, dass du prüde bist.“ Wusste er nichts von den Gerüchten, die über ihn im Umlauf waren? Über seine Fertigkeiten als Liebhaber? War es denn ein Wunder, dass sie geglaubt hatte, sie könnte ihm den Kopf verdrehen?

    „Hab ich dich enttäuscht?“ Er lachte kalt. „War wohl doch nicht der wilde Rebell, den du dir erträumt hast.“

    Er hatte sie in ihrer ganzen Pracht – einem Negligé aus Spitze und Seide – vor der Tür ihres Großvaters abgesetzt. Dann hatte er Sturm geklingelt, bis die Haushälterin und ihr Großvater angelaufen kamen. Sie war stocksauer auf ihn gewesen. Aber lange nicht so sauer wie er auf sie. Das Handgelenk, an dem er sie gepackt hatte, schmerzte noch Tage später.

    „Er hat genau das gemacht, was du vorgeschlagen hast.“

    „Und das war?“

    Wie konnte er sich nicht daran erinnern? „Mich weggesperrt, bis ich alt genug war.“

    „Tatsächlich?“

    „Im Eastern Bay Mädchenpensionat.“

    „Du Arme“, spottete er. „Klingt wie ein richtiges Gefängnis.“

    „Auf gewisse Weise war es das.“ Zwei Jahre in einem Internat weit weg von zu Hause, mit eingebildeten zickigen Mädchen und Lehrerinnen, die sich wie Gefängniswärterinnen gebärdeten.

    „Und hat es funktioniert?“

    „Du meinst, ob es mich vor mir selbst bewahrt hat?“

    Sie senkte den Blick und ein Lächeln umspielte ihre Lippen.

    Beide schwiegen.

    „Warum hast du es getan?“ Seine Stimme klang rau.

    Ihre Blicke trafen sich. Amanda wandte ihren zuerst ab. Sie nahm ihr Glas und nippte an dem Wein. „Ich war jung. Vielleicht war ich Opfer meiner Hormone.“

    „Und, bist du immer noch Opfer deiner Hormone?“

    Sie erwiderte seinen Blick und versank darin.

    „Du begehrst mich noch immer, Amanda.“

    Sie zwang sich zu einer Antwort: „Du bist ein attraktiver Mann.“ Ihre Stimme zitterte nur ein bisschen. „Aber jetzt bin ich älter. Du brauchst dir keine Sorgen machen. Ich werde nicht wieder versuchen, dich zu verführen.“

    „Du wirst nicht eines Tages plötzlich nachts vor meinem Bett stehen?“

    „Ich mag dich vielleicht attraktiv finden, Jared“, brachte sie hervor, „aber auch wenn du der letzte Mann auf Erden wärst, würde ich nicht mit dir schlafen.“

    „Ach wirklich?“, äffte er ihre sarkastische Bemerkung vom Vormittag nach.

    Sie erstarrte. „Du hast alles kaputt gemacht.“

    „Weil ich den Wünschen der verwöhnten Prinzessin nicht nachgegeben habe? Ich wette, du hast deinen Großvater ganz schnell wieder um den Finger gewickelt.“

    Sie zählte langsam bis zehn.

    „Wie gesagt, es hat lange gedauert, bis er sich abgeregt hat.“ Und jetzt war er krank. Daran, und nur daran, musste sie denken. Sie durfte nicht zulassen, dass ihr vages Verlangen alles ruinierte – wie damals. „Hör zu, Jared. Wir sind jetzt erwachsen. Lass uns das Ganze vergessen. Wir arbeiten zusammen, sonst nichts. Einverstanden?“

    „Wenn du glaubst, dass du das kannst.“

    Das war’s. Sie hatte versucht, vernünftig zu sein, aber genug war genug. Sie stand auf.

    Er packte ihr Handgelenk. „Bleib“, bat er. „Es tut mir leid. Ich verspreche, ich werde nicht wieder davon anfangen. Wir vergessen das Ganze.“

    Sie zögerte, dachte an ihren Großvater, an Valerie und die anderen, und setzte sich schließlich wieder.

    „Danke.“

    Er hielt noch immer ihr Handgelenk umschlossen, die Finger an ihrem Puls. Bestimmt konnte er das wilde Pochen spüren. Wie gelähmt starrte sie auf seine Hand.

Der Kellner erschien mit zwei Gerichten, die wie Kunstwerke aussahen, und brach damit den Bann.

    Amanda nahm die Gabel und schob das Essen auf ihrem Teller hin und her.

    „Schmeckt es dir nicht?“, fragte er nach einer Weile, als sein Teller schon fast leer war.

    „Nein, es ist köstlich. Ich habe nur keinen Hunger.“

    „Bin ich schuld daran?“

    „Eigentlich nicht.“

    „Wie geht es deinem Großvater?“

    „Gut“, antwortete Amanda vorsichtig. „Natürlich ist er älter geworden.“

    „Aber immer noch fit?“, wollte Jared wissen. „Er hat immer viel gearbeitet.“

    „Ja“, erwiderte Amanda. Für einen Mann seines Alters war er körperlich noch ziemlich fit, obwohl er in letzter Zeit stark abgenommen hatte. Der Körper funktionierte, der Kopf war das Problem. Aber das würde sie schön für sich behalten. Ihr Großvater hatte ein Recht auf Privatsphäre, und warum sollte sie ausgerechnet Jared ihr Herz ausschütten. Sie wechselte das Thema.

    „Warum gerade Fruchtsäfte? Warum gerade diese Firma?“

    Er lächelte. „Ich habe dort gearbeitet, nachdem ich aus Ashburton fortgegangen bin.“

    „Wirklich?“

    Er nickte. „Ich habe ein Stipendium für die Universität bekommen. Mathematik und Wirtschaftswissenschaften im Doppelstudium. Aber ich musste trotzdem noch arbeiten.“

    Amanda nickte. Die Wahl seiner Studienfächer überraschte sie nicht. Sie erinnerte sich, dass ihr Großvater einmal gesagt hatte, Jared sei ein Mathegenie.

    „Und ich mag Saft.“

    „Du hast also die ganze Zeit dort gearbeitet?“

    „Nein.“ Bei der Vorstellung musste er lachen. „Nachdem ich mein Studium abgeschlossen hatte, ging ich ins Ausland. Nach Hongkong. Als Devisenhändler.“

    Er war also Banker, wie ihr Großvater. „Warum bist du zurückgekommen?“

    „Ich habe es gehasst.“

    Das überraschte sie. „Warum?“

    „Es war eine Scheinwelt. Männer in Anzügen, die an Computern sitzen und virtuelles Geld vermehren. Aber immerhin habe ich damit genug Geld verdient, um die Firma kaufen zu können.“

    „Eine Saftfirma.“

    „Es ist eine kleine feine Firma.“ Er klang fast beleidigt.

    Sie lächelte. So klein war die Firma gar nicht, und sie hatte das Gefühl, dass Jared den Ehrgeiz hatte, sie noch größer zu machen. Die Werbekampagne war erst der Anfang. Er erzählte noch ein wenig aus seiner Zeit als Banker. Sie spürte, dass er sich ebenso viel Mühe gab wie sie. Doch das zynische Funkeln in seinen Augen war nicht ganz verschwunden. Es würde nicht viel brauchen, um den großen bösen Wolf in ihm wieder zu wecken.

    „Nimmst du einen Nachtisch?“, fragte er schließlich.

    Sie schüttelte den Kopf. „Ich muss los.“

    „Ich kann dich mitnehmen.“

    „Ich nehme ein Taxi“, widersprach sie kühl.

    „Ich kann dich mitnehmen“, wiederholte er.

    Sie seufzte. Waren sie sich nicht einig gewesen, dass sie sich wie Erwachsene benehmen wollten? Dass ihre Beziehung rein beruflich war? „Danke, das wäre nett.“

    Während der Fahrt sprach sie kaum.

    Ab und zu sah er zu ihr hinüber. „Müde?“

    „Ich muss über vieles nachdenken.“

    Sobald er anhielt, stieg sie aus, versprach, alles bis zu seiner Rückkehr vorzubereiten, winkte zum Abschied und ging eilig davon.

Sie musste wirklich nachdenken – über die Kampagne. Doch was ihr bis in die frühen Morgenstunden im Kopf herumging, waren keine Werbeslogans, sondern die Ereignisse jener verhängnisvollen Nacht, in der ihre Welt zusammengebrochen war.

    Es war eine der heißesten Nächte jenes Sommers gewesen, und sie hatte Ferien gehabt. Sie liebte die Ferien. Denn in den Ferien war Jared fast jeden Tag da und arbeitete für ihren Großvater. Und sie saß am Fenster und sah ihm zu.

    Sie war fast sechzehn und hatte noch nie einen Jungen geküsst. Und weil sie Amanda war, wollte sie mehr als das, und sie wollte es nur von einem.

    Seit über zwei Jahren war sie heimlich in Jared verliebt. Den schönen, geheimnisvollen Jared, der sie keines Blickes würdigte. Und wenn doch, schien er durch sie hindurchzusehen. Doch sie hatte einen Plan ausgeheckt. Einen Plan, der nicht fehlschlagen konnte.

    Sie hatte die Dessous in einem Kaufhaus in der Stadt gekauft und in ihrem Zimmer versteckt. Bis zu jenem Abend. Woher hatte sie den Mut genommen?

    Ach ja, richtig, Großvaters Brandy.

    Während die Feier mit ihren Freundinnen für den folgenden Samstag geplant war, wollte sie sich am Abend ihres sechzehnten Geburtstages ein ganz besonderes Geschenk machen. Jared wohnte nicht weit entfernt in einem kleinen Häuschen. Sie zog ihren Regenmantel über die Dessous und rannte los. Sie war schnell – die schnellste Läuferin der Schule. Er war nicht zu Hause. Sie wusste, dass er nicht da war. Er sollte etwas für Bill, Großvaters besten Freund, erledigen.

    Amanda erinnerte sich, wie sie seine Schritte auf der alten Holzveranda gehört hatte, wie ihr das Herz bis zum Hals geschlagen hatte. Er hatte sie sofort gesehen, wie sie lasziv mitten auf seinem Bett saß. Die Tür fiel mit einem Knall hinter ihm ins Schloss, dann fuhr er sie an: „Was machst du da?“

    „Ich habe heute Geburtstag.“

    Er blieb wie angewurzelt stehen. „Und was willst du von mir?“

    „Ich will …“ So hatte sie sich das nicht vorgestellt.

    „Was willst du?“ Seine Stimme klang kalt. „Jetzt bist du hier. Also sag schon.“

    „Ich …“ Sie verstummte. Noch nie hatte sie jemanden so wütend gesehen.

    „Mach, dass du aus meinem Bett kommst.“

    Trotzig stand sie auf. Sie spürte den kalten Holzboden unter den Füßen. Trotz der Hitze ließen Scham und Demütigung sie frösteln. Er stand vor ihr wie ein Eisblock und starrte auf ihr schwarzes Spitzennegligé, das ihr nicht einmal bis zu den Knien reichte. Schließlich öffnete er die Tür, damit sie ging.

    „Vergiss es.“ Sie überspielte ihre Verlegenheit mit Arroganz und rauschte erhobenen Hauptes an ihm vorbei.

    Er packte sie am Handgelenk.

    „Hast du überhaupt eine Ahnung, was du von mir willst?“

    „Ja.“ Sie warf den Kopf zurück. „Aber keine Sorge, ich suche mir einen richtigen Mann, der sich von einer Frau, die weiß was sie will, nicht einschüchtern lässt.“

    Er zog sie an sich und presste seinen Mund so fest auf ihren, dass ihr die Tränen kamen. Sie hatte das Gefühl zu ersticken. Sie wehrte sich keuchend, und plötzlich wurde der Kuss zärtlicher, obwohl er sie immer noch so fest an sich gepresst hielt, dass sie sich kaum bewegen konnte. Sie erstarrte, ließ es geschehen und spürte, wie Wärme ihren Körper durchflutete. Amanda entspannte sich, presste sich an ihn. Er ließ seine Hände über ihren Rücken gleiten und umschlang ihre Taille. Und sie hatte seinen Kuss erwidert, hatte ihn geschmeckt, seinen würzigen, männlichen Duft eingeatmet. Instinktiv bewegte sie sich, wollte mehr, empfand ungekanntes Verlangen …

    Plötzlich hatte er sie losgelassen, sie so heftig von sich gestoßen, dass sie schwankte. Ihr war schwindelig, ihr war übel, und sie fror. Und plötzlich hatte sie Angst. Erst wollte sie etwas sagen, doch dann hatte sie sich umgedreht und den ganzen Brandy ihres Großvaters auf seine Veranda erbrochen.

    Er hatte geflucht, wie sie nie jemanden hatte fluchen hören.

    Sie machte ihm keinen Vorwurf.

    Er hatte ihr ein Taschentuch gereicht, damit sie sich den Mund abwischen konnte und sie wieder unsanft am Arm gepackt. Dann hatte er sie in den Geländewagen gesetzt, den ihr Großvater ihm gelegentlich lieh, und war mit Vollgas die fünf Minuten zu ihr nach Hause gefahren, wo sie ihr zorniger Vormund erwartete.

    Doch nichts, was ihr Großvater anschließend sagte oder tat, war so schlimm gewesen wie Jareds hasserfüllter Blick.

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