Heiße Küsse für den Boss - 9. Kapitel

9. Kapitel

Besser sie ging jetzt. Doch ehe Amanda sich auch nur gerührt hatte, griff Jared nach ihrem Handgelenk.

    „Bleib bei mir.“

    Ihr Herz pochte. Bleiben? „Ich bin …“

    „Bleib heute Nacht hier.“

    Oh. Natürlich. Nur für heute Nacht, nicht für immer. Willkommen in der Wirklichkeit.

    „Hast du die Pille dabei?“

    Sie warf ihm einen kühlen Blick zu.

    „Ich will keine Kinder, Amanda.“ Er entschuldigte sich nicht. „Nicht jetzt und nicht später.“ Er legte sich halb auf sie, damit sie nicht aus dem Bett schlüpfen konnte. „Ich glaube nicht an die große Liebe.“

    Sie verstand, was er ihr sagen wollte. Dass sie sich keine falschen Hoffnungen machen sollte, die er weder erfüllen konnte noch wollte. Er erklärte ihr die Regeln.

    „Ach nein?“ Sie wünschte, er würde sich irren. „Ich glaube, es gibt sie. Meine Eltern waren glücklich. Und Großvater hat meine Großmutter angebetet.“

    „Das lässt sich leicht sagen.“

    „Du bist gemein.“

    „Ja, vielleicht. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass ich recht habe. Irgendwann fängt man an, sich auf die Nerven zu gehen.“

    „Das stimmt nicht.“ Sie schüttelte den Kopf. „Die meisten Ehen sind glücklich.“

    „Du bist so eine Romantikerin, Amanda.“ Es klang nicht wie ein Kompliment. „Warum hast du deine kostbare Jungfräulichkeit nur an einen Ungläubigen wie mich verschenkt?“

    „Ich habe meine Jungfräulichkeit nie als etwas Kostbares betrachtet.“ Sie hatte keine Wahl gehabt. Er war der einzige Mann, den sie aufregend fand. „Es war nur Sex.“

    Genau so musste sie es sehen – und sie hatte beschlossen, es zu genießen, solange es währte. Denn es würde nicht ewig währen. Das hatte er unmissverständlich klargemacht.

    Er lächelte spöttisch. „Gehört Sex nicht zu einer glücklichen Ehe dazu?“

    „Natürlich ist Sex wichtig. Aber Sex ist nicht alles.“

    „Da irrst du dich.“ Er lachte. „Sex ist das Wichtigste, Herzchen. Wer zu Hause nicht das bekommt, was er braucht, holt es sich woanders.“

    „Du bist zynisch.“

    „Überhaupt nicht. Nur realistisch. Und du bist noch genauso naiv wie mit sechzehn. Das beweist nur, dass ich nicht der Richtige bin. Ich werde nie der Richtige für dich sein.“

    Obwohl sie innerlich das Gefühl hatte zu erfrieren, bemühte sie sich, äußerlich entspannt zu bleiben. „Man ist, wer man sein will.“

    Er schüttelte den Kopf. „Man ist, was das Leben aus einem macht.“

    „Nein“, widersprach sie. „Du nicht. Sonst wärst du in der Gosse gelandet. Du hast es geschafft, du hast den Kreis durchbrochen. Statistisch gesehen hättest du von der Schule fliegen und vor deinem zwanzigsten Geburtstag dreimal im Gefängnis sitzen müssen.“ Sie schlang die Arme um ihn. „Komm schon, Jared. Auf wie vielen verschiedenen Schulen warst du? Fünf? Deine Mutter hat euch verlassen, dein Vater war ein Trinker. Was hattest du schon für eine Chance? Eigentlich hättest du enden müssen wie er.“

    Sein Gesicht war wie versteinert, und sie spürte, wie er sich verspannte. Trotzdem fuhr sie fort.

    „Doch du hattest die Wahl, Jared. Und du hast dich dafür entschieden, hart zu arbeiten. Zu kämpfen. Etwas aus deinem Leben zu machen. Du selbst hast entschieden, der Mann zu werden, der du bist.“

    „So einfach ist das nicht“, widersprach er. „Ich hatte Hilfe. Mir haben sich Möglichkeiten geboten, die nicht jeder bekommt. Ganz so dramatisch, wie du es schilderst, war es nicht.“

    Sie zögerte. „Ich weiß. Bestimmt gab es auch gute Zeiten.“ Sie hatte ihn nicht beleidigen wollen. Es war schließlich trotz allem seine Familie.

    Ihre Blicke trafen sich.

    Und was für eine Familie. Seine Mutter war mit einem anderen Mann weggelaufen, als er zwölf war, und sein Vater war mit ihm nach Ashburton gezogen – in ein Haus, wo die Miete billiger und die Kneipe näher war. Der Alkohol hatte seinen Vater schließlich umgebracht, als Jared fünfzehn war. Sie wusste nicht, ob er körperlich misshandelt worden war, aber Vernachlässigung war auch eine Form von Misshandlung. Und vernachlässigt war er auf jeden Fall worden.

    „Ich glaube nur, dass du das tun oder sein kannst, was du willst, Jared“, erklärte sie sanft. „Du bist stark.“

    Er lachte und wandte den Blick ab. „Ja, nachts verkleide ich mich als Superheld und rette die Welt.“ Sein Lächeln war jungenhaft. Es stand ihm, passte zu ihm.

    „Hast du je wieder von ihr gehört?“

    „Von wem?“

    „Von deiner Mutter.“

    Das Lächeln verschwand von seinen Lippen, und sie ärgerte sich sofort, dass sie die Frage gestellt hatte.

    „Oh ja. Irgendwann hat meine Mutter mich ausfindig gemacht. Mein Name hatte in der Zeitung gestanden. Irgendein Artikel über Hochschulabsolventen, die es zu etwas gebracht hatten – im Grunde Werbung für die Universität. Ich war aus Hongkong zurück, hatte gerade meine erste Million verdient und hier eine Immobilie erworben. Meine liebe Mutter begriff, dass aus mir etwas geworden war. Mit dem Mann, für den sie meinen Vater und mich verließ, hatte sie Schluss gemacht. Oder er mit ihr, ich weiß es nicht. Jedenfalls hat sie mich aufgespürt und behauptet, sie hätte sich all die Jahre melden wollen, aber mein Vater hätte es verhindert.“

    „Glaubst du, das ist wahr?“

    Er zuckte die Schultern. „Ich weiß es nicht. Aber meiner Meinung nach war mein Vater viel zu gleichgültig, um irgendjemanden an irgendetwas zu hindern.“

    Amanda fühlte mit ihm.

    „Sie sagte, sie wolle mich kennenlernen. Alles nachholen, was sie versäumt hatte. Aber weißt du, was sie wirklich wollte?“

    Sie schüttelte den Kopf.

    „Was Frauen immer wollen. Geld oder Sex“, erklärte er bitter. „Und ich bin nicht Ödipus.“

    Geld oder Sex. Das dachte er also?

    „Meidest du deshalb die Öffentlichkeit?“

    „Ja. Ich will verhindern, dass sie wieder auftaucht. Sie hat beschlossen, mich zu verlassen, und so soll es auch bleiben. Und ich will auch nicht um Almosen angebettelt werden.“ Er schloss die Augen. „Ich teile meinen Reichtum, Amanda. Aber ich tue es auf meine Weise. Das ist mein gutes Recht, oder nicht?“

    „Du beschäftigst gefährdete Jugendliche. Du gibst ihnen eine Chance.“

    Er hob den Kopf von ihrer Brust. „Woher weißt du das?“

    „Ich informiere mich über meine Kunden.“

    Er legte den Kopf wieder hin. „Aha. Das hast du ja nun mehr als gründlich getan. Aber ich möchte einfach nur in Ruhe gelassen werden. Basta.“

    Amanda schwieg, schloss aber ihre Arme noch fester um ihn.

    Er ließ seine Hand ihren Schenkel entlangwandern. „Bleibst du?“

    „Nein. Ich habe meine Pille nicht dabei.“ In Wahrheit befand sich die Packung in ihrer Handtasche. Sie wäre gern geblieben, doch sie hatte das Gefühl, dass zu viel Nähe ihm nicht behagte. Noch nicht. Wahrscheinlich nie. Um sich selbst zu schützen, war es also besser, sie würde gehen. Es war nur Sex. Ohne Verpflichtungen. Das sagte sie sich jedenfalls.

    „Ich gebe dir einen Schlüssel und den Sicherheitscode. Komm doch morgen nach der Arbeit wieder her.“

    Es würde also ein nächstes Mal geben. Würde sie das verkraften können? „Okay, aber ich gehe, wann ich will.“ Sie musste sich ein letztes Fünkchen Selbstachtung bewahren.

    „Oder wann ich will.“ Seine Augen funkelten.

    Auch er wollte also die Kontrolle behalten.

    „Ich frage mich, wer es zuerst will“, murmelte sie.

    „Das spielt keine Rolle. Es wird früh genug enden.“

    „Eines Tages werde ich also aufwachen und du bist fort?“

    „Nein. Eines Tages werde ich aufwachen und du bist fort.“

    Genau so war es bei seiner Mutter gewesen, wurde Amanda klar. Sie war mit einem anderen Mann auf und davon gegangen, der keine Lust hatte, den Sohn eines anderen großzuziehen.

    „Weil das immer passiert?“, fragte sie vorsichtig.

    „Was glaubst du?“ Er schaute finster.

    „Ich glaube, du sorgst dafür, dass es so ist.“

    Und es gelang ihm sicher mühelos. Ohne böse Worte oder schlechtes Benehmen. Er ließ die Frauen einfach abblitzen, bis sie frustriert aufgaben.

Jared streckte sich in seinem großen leeren Bett aus und blickte in den heller werdenden Himmel, irgendwie erleichtert, dass Amanda nicht über Nacht geblieben war. Er hatte sie in einem Moment der Schwäche gefragt – seit wann sehnte er sich nach so viel Nähe? Er hatte seit einer Weile keine Affäre mehr gehabt, das war alles. Meistens blieb er unbefriedigt, trotz einer gewissen Erleichterung. Oft überschattete Unzufriedenheit die Erleichterung, und ihm schien der Preis dafür zu hoch. Inzwischen baute er seine überschüssige Energie mit Arbeit und Sport ab und ließ sich nur noch selten auf sexuelle Abenteuer ein.

    Amanda war vielleicht nicht erfahren, doch sie besaß eine Leidenschaft, eine Offenheit, die ihn zugleich erregte und quälte. Sie hatte keine Angst vor ihrem Verlangen, keine Angst davor, ihm nachzugeben. Sie hatte begriffen, dass ihre Beziehung nur vorübergehend war, und er nahm an, dass sie deshalb gegangen war. Im Moment allerdings war sie geradezu unersättlich. Und das war gut, denn im Moment war er es auch.

    Als er an diesem Abend nach Hause kam, war sie schon da. Auf dem Teppich im Wohnzimmer lagen haufenweise Skizzen ausgebreitet. Auf dem Couchtisch stand ein Glas Wein. Barfuß und mit offenen Haaren kniete sie auf dem Boden und studierte die Entwürfe.

    Sie wandte den Kopf, als er die Tür öffnete.

    „Bleib sitzen“, begrüßte er sie.

    Sie wandte sich wieder den Skizzen zu, den Kopf geneigt. „Was hältst du davon?“

    „Atemberaubend.“

    Sie drehte sich wieder zu ihm um und versetzte ihm einen scharfen Blick. Sein Hemd hatte er schon abgestreift, gerade war er mit seinem Gürtel beschäftigt.

    Ein elfenhaftes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht, und sie machte einen kleinen Hüftschwung. „Findest du?“

    Er schloss für einen Moment die Augen. Als er sie wieder öffnete, kam sie auf ihn zu gekrabbelt.

    „Komm her und sieh es dir genauer an“, säuselte sie.

    Das Blut rauschte in seinem Kopf. „Amanda …“

    „Von hier unten kann man viel mehr erkennen.“ Sie machte kehrt und krabbelte zurück zu den großen Skizzen. Warf einen Blick über die Schulter und wackelte dabei noch einmal mit den Hüften.

    Dann lachte sie leise, ein harmonischer Kontrast zu seinem tiefen Lachen, als er neben ihr auf den Teppich sank.

    „Was hast du vor, Amanda?“

    „Ich improvisiere.“

    „Ich hatte keine Ahnung, wie kreativ du bist.“

Wieder war Amanda vor ihm da. Da ihr kalt war, warf sie den Gaskamin an, setzte sich auf den Sessel daneben und legte die Füße auf den Kachelvorsprung, um sich aufzuwärmen.

    Als sie den Schlüssel hörte, drehte sie sich unwillkürlich um und versuchte, sich die Schmetterlinge im Bauch nicht anmerken zu lassen. Er sagte nichts, doch auf seinem Gesicht lag ein Lächeln, als er sich vor sie auf den Kachelvorsprung setzte. Sie liebte dieses Lächeln – nicht gefährlich, sondern aufregend. Sein Blick fiel auf ihre nackten Beine, und er zog die Augenbrauen hoch.

    Er beugte sich vor, küsste eines ihrer Knie, dann das andere, wie zur Entschuldigung für die Schürfwunden, die sie von ihren lustvollen Spielchen auf dem Teppich am Abend zuvor davongetragen hatte. Während sie seinen Liebkosungen zusah, spreizte sie einladend die Beine. Sofort begann er, sich an den weichen, empfindlichen Innenseiten ihrer Schenkel entlang nach oben zu küssen. Sie stöhnte und ließ den Kopf zurücksinken.

    „Wie bist du nur so lange Jungfrau geblieben?“ Seine Stimme klang gepresst, wohl weil er gerade entdeckt hatte, dass sie keine Unterwäsche trug und schon ganz feucht für ihn war.

    „Niemand …“ Sie konnte kaum sprechen.

    „Niemand was?“

    „Niemand küsst … so gut wie du.“

    „Du magst es, wenn ich dich küsse?“, murmelte er, sein Atem heiß an ihrem Schenkel, als er ihr Bein über seine Schulter legte. „Auch wenn ich dich hier küsse?“

    „Ja. Oh ja.“

Amanda stand viel zu lange unter der Dusche. Ihr Körper war warm, willig – und unbefriedigt. Wie war das möglich? Zum ersten Mal in ihrem Leben konnte sie nachvollziehen, was es hieß, nach etwas süchtig zu sein. Eine Woche dauerte ihre Affäre nun an, und sie wollte mehr, mehr, mehr. Sie spürte einen verzweifelten Hunger. Ein Verlangen wider jede Vernunft, wider jeden Stolz. Sie würde alles tun, wenn er nur weiter mit ihr schlief.

    Das war gar nicht gut. Deshalb verließ sie jede Nacht schweren Herzens sein Bett, um zu Hause allein unter die kalte Decke zu schlüpfen. Weil er nur eine kurze Affäre wollte, während Amanda dabei war, sich zu verlieben.

    Und doch konnte sie nicht anders, als jeden Abend zu ihm zurückzukehren. Das war ihre einzige Chance, den Bann zu brechen. Zu nehmen, was sie bekommen konnte – bis sie genug hatte. Bisher jedoch hatte ihre Strategie den gegenteiligen Effekt gehabt …

    Zum ersten Mal war sie froh wegfliegen zu müssen.

    Doch am späten Freitagabend besuchte sie Jared noch einmal. Ihr lief das Wasser im Mund zusammen, während sie zusah, wie er das Gemüse schnippelte.

    Er bemerkte ihren Blick und lächelte wissend. „Wir wollen doch nicht, dass das Essen kalt wird.“ Er nahm die Pfanne vom Feuer und füllte etwas Gemüse auf die angewärmten Teller mit den Steaks.

    Er fing ihren Blick auf und lächelte. „Hast du Lust, am Wochenende segeln zu gehen? Das Wetter soll schön werden.“

    Amanda schluckte. An jedem anderen Wochenende hätte sie die Einladung sofort angenommen, doch sie konnte nicht – und war froh darüber. „Eigentlich habe ich dieses Wochenende schon etwas vor.“

    „Wirklich?“ Er schwieg erwartungsvoll.

    „Ja.“

    „Arbeit?“

    Glaubte er ihr nicht?

    „Ich bin verabredet.“

    „Mit wem?“

    Amanda zögerte. Sie wollte ihm nichts von ihrem Großvater erzählen. Es war auch so schon kompliziert genug. „Ähm … mit einem Freund. Soll ich den Tisch decken?“

    Ihre Blicke trafen sich.

    „Gern.“

    Während des Essens sprachen sie nicht viel. Jared attackierte sein Steak mit dem Messer, als habe er seit Monaten nichts gegessen, während Amanda ihres gedankenverloren auf dem Teller hin und her schob.

    Als sie nach dem Essen telefonieren wollte, fiel ihr ein, dass sie vergessen hatte, ihr Handy aufzuladen.

    „Darf ich kurz dein Telefon benutzen?“

    Sie versuchte, täglich mit ihrem Großvater zu telefonieren. Um Kontakt zu halten und weil sie sich Sorgen machte. Außerdem wollte sie ihn daran erinnern, dass sie kam. Irgendetwas stimmte nicht. Oder bildete sie sich das nur ein, weil sie ein schlechtes Gewissen hatte? Vielleicht sah sie ja Gespenster.

    „Natürlich. Du kannst das Telefon im Wohnzimmer nehmen.“

    Das Gespräch war kurz, aber wenigstens konnte sie mit ihm sprechen. Ihr Großvater klang verwirrt, wie so oft. Zwar erkannte er sie noch, aber da war so vieles, was er nicht wusste. Welcher Wochentag war, seine Telefonnummer, was er gerade gesagt hatte. Die Pflegerin wartete ungeduldig darauf, ihm den Hörer wieder abzunehmen, doch Amanda versuchte, Zeit zu gewinnen. Sie wartete auf ein Zeichen, dass alles in Ordnung war.

    „Bis morgen, mein Schatz.“

    Sie legte auf und trommelte unzufrieden mit den Fingern auf den Tisch. Nicht zum ersten Mal dachte sie an einen Umzug. Sie war zu weit weg. Das Dilemma war, dass sie dort unten nicht genug verdienen würde, um seine Medikamente zu bezahlen. Doch sie wollte ihn jederzeit besuchen können, um sich zu vergewissern, dass alles in Ordnung war. Denn im Moment zweifelte sie daran.

    Rastlos wandte sie sich um und sah zu ihrer Überraschung Jared im Türrahmen lehnen, eine dampfend heiße Tasse in der Hand. „Kaffee?“

    Sie schüttelte den Kopf. „Ich mache mich lieber auf den Weg.“

    Sie konnte nicht bleiben. Sonst würde sie Jared noch von ihren Sorgen erzählen. Und sie wollte ihn auf keinen Fall mit ihren Familienproblemen belasten. Sie würde es schon allein schaffen. Er war ihr Liebhaber, nicht ihr bester Freund. Er mochte keine Frauen, die etwas von ihm wollten, sei es Geld oder Gefühle. Amanda machte keinen Hehl daraus, dass sie ihn körperlich begehrte, doch alles, was darüber hinausging, war allein ihr Problem.

Jared bemühte sich freundlich zu klingen und seinen Ärger hinunterzuschlucken. „Kein Problem.“

    „Ich rufe mir ein Taxi.“

    „Ich bringe dich nach Hause.“

    „Danke.“

    Er sah zu, wie sie nach ihrer Tasche griff. Es schien ihr nichts auszumachen, dass er nicht einmal versucht hatte, sie zum Bleiben zu bewegen. Keiner verlor ein Wort darüber, dass sie heute keinen Sex gehabt hatten.

    Wer war ihr Schatz? fragte er sich und dachte an seine schönen Pläne fürs Wochenende. Er liebte es, aus der Stadt zu kommen. Er hatte sogar kurz überlegt, sie in sein Haus nach Queenstown mitzunehmen, den Gedanken dann aber wieder verworfen. Doch die Vorstellung, mit ihr übers Wochenende segeln zu gehen, war verlockend gewesen.

    Aber sie wollte nicht. Sie wollte nicht mehr als die paar Stunden am Abend, wo sie einander körperlich an den Rand der Erschöpfung trieben und mit Glück etwas aßen. Und heute wollte sie nicht einmal das.

    Sie war so in Gedanken, dass sie die ganze Fahrt über schwieg und ihr nicht auffiel, dass er ebenfalls schwieg.

    Jared kochte. Wer war doch gleich die Spinne? Er fühlte sich jedenfalls wie eine Fliege, die sich in einem Netz verfangen hatte. Er hielt vor dem scheußlichen Mietshaus.

    Wortlos wollte sie aussteigen, doch er packte ihre Schulter.

    „Sieh mich an!“

    Sie tat wie ihr geheißen, und er sah, wie ihre Augen sich weiteten und sie langsam in die Gegenwart zurückkehrte.

    Er küsste sie, ein harter, kurzer Kuss, der das brennende Verlangen in ihm nicht im Geringsten linderte.

    „Viel Spaß.“ Sobald sie ausgestiegen war, fuhr er weiter.

    Verdammt. Was tat diese Frau mit ihm?

Als er wieder in seiner Wohnung war, redete er sich ein, dass er froh sei, seine Ruhe zu haben. Doch wo fuhr sie hin? Er lief im Wohnzimmer auf und ab wie ein Tiger in seinem Käfig. Immer wieder fiel sein Blick auf das Telefon.

    Ihr Schatz. Wer war dieser Mistkerl?

    Er starrte das Telefon an. Nahm den Hörer. Drückte die Wiederwahltaste. Lachte innerlich bitter über seinen ebenso gemeinen wie genialen Einfall.

    Eine Frau meldete sich.

    „Verzeihung, ich habe mich verwählt.“

    Er legte den Hörer auf und ärgerte sich über seine eigene Dummheit. Wie hatte er auch nur für eine Sekunde glauben können, dass sie sich mit einem anderen Mann traf? Eine Frau, die erst vor vier Tagen ihre Unschuld an ihn verloren hatte, und das mit fünfundzwanzig. Dann lachte er. Was für ein Dummkopf er doch war.

    Jared wurde nachdenklich. Das Ausmaß seiner Eifersucht beunruhigte ihn.

    Alten- und Pflegeheim White Oak, hatte die Frau gesagt. Wahrscheinlich besuchte sie Colin Winchester, ihren Großvater. Aber warum hatte sie das nicht einfach gesagt? Warum machte sie so ein Geheimnis daraus? Wieder kochte Wut in ihm hoch. Weil sie nicht ihr Leben, sondern nur das Bett mit ihm teilen wollte. Sie wollte ja nicht einmal die ganze Nacht mit ihm verbringen.

    Letztlich war ihm das nur recht. Er wollte ja auch nicht mehr. Sie verscheuchten doch nur die Geister der Vergangenheit und lebten ihre Jugendträume aus. Dann würden sich ihre Wege wieder trennen. Früher oder später.

    Jared hatte nie eine längere Beziehung gehabt. Und wollte auch keine. Ebenso wenig wollte er eine Familie gründen. Das Einzige, was für ihn zählte, war finanzielle Sicherheit, und dafür hatte er hart gearbeitet.

    Entschlossen ging er in die Küche. Er war froh, dass sie fort war. Dass er seine Ruhe hatte. Sie fehlte ihm nicht. Genauso wenig wie ihr Duft …

    Er machte sich etwas vor.

    Wieder sah er sie vor sich. Sie ging ihm einfach nicht aus dem Kopf. Sie war so in Gedanken gewesen, dass sie seine frostige Miene nicht einmal bemerkt hatte.

    Vielleicht war etwas nicht in Ordnung? Er hielt inne und erinnerte sich daran, was sie am Telefon gesagt hatte. Wie besorgt sie geklungen hatte.

    Das Blut gefror ihm in den Adern.

    Erneut griff er nach dem Hörer. „Den Flughafen, bitte.“

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