Ich lege dir die Welt zu Füßen - 1. Kapitel

  1. KAPITEL

Marcus Benson stieß die Tür zur Nottreppe auf – und stolperte über Aschenputtel.

     So etwas war ihm seit Jahren nicht passiert. Als Kopf seines internationalen Konzerns, der Benson Corporation, wurde er immer respektvoll behandelt. Betrat er einen Raum, machte man ihm höflich Platz, sodass Zusammenstöße nicht vorkamen.

     Den Respekt verdankte er nicht nur der Tatsache, dass er reich, mächtig und intelligent war. Marcus Benson war Mitte dreißig, hatte pechschwarzes Haar und ein ausdrucksvolles, markantes Gesicht. Sein Charisma und Einfluss hatten dazu geführt, dass er in den Boulevardblättern und anderen Medien als der gefragteste Single Amerikas gehandelt wurde.

     Und Single würde er bleiben.

     Denn mit dem Familienleben hatte er nur schlechte Erfahrungen gemacht. Beim Militär hatte er Freundschaft und Kameradschaft kennen und schätzen gelernt, doch seine besten Kameraden waren umgekommen. Daher war und blieb Marcus Benson ein Einzelgänger.

     Aber als er Peta O’Shannassy mit den Jungen, den Hunden und Kühen traf, änderte sich alles. Das ahnte er jedoch in diesem Moment noch nicht. Er erblickte nur ein junges Mädchen, das ihn entfernt an Aschenputtel erinnerte.

     Doch Aschenputtel gehörte an den Herd einer Schlossküche, nicht auf eine New Yorker Nottreppe. Dass sie dort saß, um ihr Mittagessen zu verspeisen, passte nicht ins Bild.

     Ging er vielleicht von falschen Annahmen aus? Sehen konnte er nur eine verschüttete gelbliche Flüssigkeit, einen angebissenen Schmalzkuchen, der durch die Luft segelte, und ein schäbig gekleidetes junges Mädchen mit rötlich schimmernden Locken.

     Vielleicht also nicht Aschenputtel, sondern eine Obdachlose? Sie trug Shorts, ein ausgefranstes T-Shirt und Sandalen, die schon bessere Tage gesehen hatten. Auf Marcus wirkte die junge Frau im ersten Moment orientierungslos und wie eine Heimatlose. Im zweiten Moment verlor sie das Gleichgewicht, versuchte vergeblich, sich festzuhalten, und fiel die Stufen bis zum nächsten Treppenabsatz hinunter.

     Was hatte Marcus da angerichtet?

     Er hatte es zu eilig gehabt, wie immer. Die Tage waren viel zu kurz für Marcus Benson, und er hatte einen wichtigen Termin.

     Die Leute würden warten müssen. Die junge Frau lag reglos da und sah aus, als würde sie nicht mehr weit kommen. Marcus lief die Stufen hinunter, hockte sich neben sie und strich ihr die Locken aus dem Gesicht.

     Seinen ersten Eindruck musste er korrigieren – sie lebte nicht auf der Straße. Ihr Haar fühlte sich weich an und glänzte, Shorts und T-Shirt waren frisch gewaschen. Und trotz der schäbigen Kleidung fand er sie irgendwie …

     Süß? Niedlich? Hübsch? Ja, alles zusammen.

     Ein ganz junges Mädchen war sie auch nicht mehr, sondern eher so um die zwanzig. Sie hatte die Augen geschlossen und wirkte erschöpft. Sie erweckte den Eindruck, dass sie sich vor mehr als dem momentanen Schmerz und dem Schock schützen wollte. Und sie war sehr schlank, zu schlank.

     Demnach hatte er mit Aschenputtel richtig getippt.

     Jetzt öffnete sie die Augen. Sie hatte große grüne Augen, mit denen sie ihn fragend und schmerzerfüllt anblickte.

     „Bleiben Sie still liegen“, forderte Marcus sie auf.

     „Au“, flüsterte sie.

     „Tut Ihnen etwas weh?“

     Sie überlegte. „Ja, das kann man so sagen.“ Anscheinend versuchte sie, ihren Unfall auf die leichte Schulter zu nehmen. „Mein Milchshake ist vermutlich nicht mehr zu retten?“

     Marcus blickte nach unten. „Ich fürchte, nein.“

     „Und der Schmalzkuchen?“

     Sie ist Australierin, dachte er. Ihr Akzent gefiel ihm, aber ihre Stimme zitterte leicht. Vor Schmerz? Oder wegen des Schocks?

     Marcus lächelte. „Der Schmalzkuchen ist als tödliches Geschoss ins Erdgeschoss unterwegs.“

     „Na toll!“ Sie schloss wieder die Augen. Noch deutlicher als zuvor war ihr die Erschöpfung anzumerken. „Stellen Sie sich die Schlagzeilen vor: ‚Australierin erschlägt New Yorker mit gefülltem Schmalzkuchen‘. Vermutlich werde ich ausgewiesen oder eingesperrt.“

     Marcus Benson, der sich selten oder eigentlich nie für etwas oder jemanden einsetzte, berührte sanft ihre Wange. Er war an allem schuld, denn er hatte sie die Treppe hinuntergestoßen, ihr Mittagessen ruiniert und sie verletzt. Trotzdem versuchte sie, es mit Humor zu tragen.

     „Das ist viel zu harmlos“, widersprach er. „Wie wär’s mit ‚Unternehmer stößt Australierin in den Abgrund‘?“

     Vorsichtig öffnete sie ein Auge. „Sie meinen, ich kann Schadenersatz verlangen?“

     „Ja, zumindest für den Schmalzkuchen.“

     Diese Bemerkung quittierte sie mit einem Lächeln, einem geradezu hinreißenden Lächeln. Die Lachfältchen um ihre tiefgrünen Augen ließen vermuten, dass sie häufig und gern lächelte. Vielleicht ist sie doch schon etwas über zwanzig, dachte Marcus. Ein solches Lächeln zeugt von Übung, von viel Übung.

     Noch nie hatte er jemanden so lächeln sehen.

     Unvermittelt kehrte Marcus Benson auf den Boden der Wirklichkeit zurück. Wie kam er dazu, hier herumzusitzen und über das Lächeln einer Unbekannten nachzudenken? Er musste weiter. Die Nottreppe hatte er nur benutzt, weil der Lift ausgefallen war. Seine Assistentin Ruby wartete im Erdgeschoss. Marcus hätte längst unten sein sollen, denn er hatte einen wichtigen Geschäftstermin. Aber er konnte die junge Frau nicht allein lassen.

     Er griff zum Handy. „Ruby?“

     „Ja, Mr Benson?“ Selbst für seine so effiziente rechte Hand war dies ein anstrengender Tag, und sie klang besorgt. „Wo sind Sie?“

     „Auf der Nottreppe. Kommen Sie bitte her, ich habe hier ein Problem.“ Er lächelte. Ein Problem auf der Nottreppe würde selbst Ruby überraschen. Bewältigen würde sie es trotzdem, denn Ruby wurde mit allem spielend fertig. Bis sie kam, musste er sich um die junge Frau kümmern.

     „Sind Sie verletzt?“

     Die junge Frau lag auf dem Rücken und blickte ihn mit ihren großen grünen Augen an. Ihre linke Wange zierte ein Klecks Marmelade aus der Füllung des Schmalzkuchens. Marcus hätte ihn am liebsten abgewischt …

     Halt, das wird zu persönlich, sagte er sich. Für solche Sachen war Ruby zuständig.

     Doch anscheinend wollte die Unbekannte seine Hilfe gar nicht. „Danke, es ist alles in Ordnung“, antwortete sie höflich. „Gehen Sie nur.“

     „Ich soll Sie allein lassen?“

     „Ja, Sie haben es eilig. Ich saß Ihnen zufällig im Weg. Mein Schmalzkuchen ist dahin, der Milchshake verschüttet, und ich habe mir den Knöchel verletzt. Aber es war meine Schuld. Ich bin …“

     „Sie haben sich den Knöchel verletzt?“

     „Es fühlt sich ganz so an“, antwortete sie vorsichtig.

     Daraufhin betrachtete Marcus ihre Beine etwas genauer. Es waren sehr lange Beine, wohl geformt, sonnengebräunt und glatt, hinreißend schöne Beine. Die Sandalen, die aussahen, als stammten sie aus einem Secondhandladen, passten gar nicht zu solch herrlichen Beinen.

     Der eine Knöchel schwoll sichtlich an. „Verdammt, so ein Pech aber auch!“

     „Ich bin diejenige, die Grund hat zu fluchen. Sie haben keinen Grund. Würden Sie jetzt bitte gehen, damit ich es tun kann?“

     „Nur zu. Lassen Sie sich von mir nicht davon abhalten.“

     „Eine Dame flucht nicht in Gegenwart eines Herrn“, antwortete sie würdevoll. Dann hob sie den Fuß etwas an, um den Knöchel zu begutachten. Das war ein Fehler, denn sie zuckte zusammen und ließ den Fuß wieder sinken, ganz langsam und vorsichtig. „Ich bin vielleicht keine Dame, aber Ihr eleganter Anzug lässt darauf schließen, dass man Sie als einen Herrn bezeichnen könnte.“

     Schon wieder redeten sie über ihn. Marcus sah an sich hinab. So einfach war das. Man brauchte nur einen Anzug von Armani zu tragen, und schon wurde man für etwas Besonderes gehalten, auch wenn man eine junge Frau die Treppe hinunterstieß.

     „Es tut mir wirklich leid“, sagte er.

     Sie nickte. „Ich habe mich schon gefragt, wann Sie damit kommen.“

     Marcus sah sie überrascht an. Sie sprach nicht nur mit einem ungewohnten Akzent, sondern sie war insgesamt eine ungewöhnliche Frau. Er sah ihr an, dass sie Schmerzen hatte, aber sie nahm sich zusammen. Sie war intelligent, sah gut aus, und sie wollte, dass er verschwand, damit sie fluchen konnte.

     „Tut Ihnen sonst noch etwas weh? Oder nur der Knöchel?“

     „Reicht das nicht?“

     „Doch, vermutlich schon.“ Er berührte ihren Fuß und bewegte ihn leicht hin und her. Es tat ihr offensichtlich weh. „Das war ein schwerer Sturz.“

     „Ich bin okay. Lassen Sie mich bitte allein.“

     „Vielleicht haben Sie sich den Knöchel gebrochen.“

     „Tja, bei meinem Pech …“ Sie verstummte und rang sichtlich nach Fassung. Dann lächelte sie wieder, aber nicht so strahlend wie zuvor. „Nein, keine Sorge. Dann wären die Schmerzen viel schlimmer.“

     „Möchten Sie wieder hineingehen?“ Marcus wies auf die Tür, durch die er gekommen war.

     „In das Büro von Charles Higgins? Der Drachen am Empfang hat mir verboten, dort zu sitzen und meinen Schmalzkuchen zu essen. Glauben Sie, man wird mich besser behandeln, nachdem ich mich mit Bananenmilchshake bekleckert habe?“

     „Nein, vermutlich nicht.“ Marcus kannte Charles Higgins’ Sekretärin. „Warten Sie auf Higgins?“

     „Ja.“

     Der Rechtsanwalt Charles Higgins war ein Betrüger und ein Frauenheld, ein ganz unangenehmer Zeitgenosse. Das Bürogebäude gehörte Marcus, Higgins war sein Mieter. Aber das bedeutete nicht, dass Marcus eine gute Meinung von ihm hatte.

     „Haben Sie einen Termin bei Higgins?“

     „Ja, ich hatte einen vor drei Stunden. Der Drachen hat mich hingehalten. Irgendwann war ich so hungrig, dass ich mir unten etwas zu essen geholt habe. In dem Wartezimmer durfte ich nicht essen, deshalb habe ich mich auf die Treppe gesetzt. Und dann kamen Sie.“

     Das klang glaubwürdig. Higgins’ Sekretärin konnte noch schlimmer sein als ihr Chef. „Wissen Sie …“ Marcus verstummte. Welch ein verrücktes Gespräch. Sicher würde Ruby jeden Moment kommen und ihm aus der Klemme helfen. Aber vorher wollte er der Unbekannten noch einen guten Rat geben. „Wenn Sie einen hochkarätigen New Yorker Anwalt aufsuchen, wäre es vielleicht angebracht, nicht in Shorts, T-Shirt und schäbigen Sandalen zu kommen.“

     „Sie finden meine Sandalen schäbig?“ Sie versuchte zu lächeln, es gelang jedoch nicht. Offenbar hatte sie starke Schmerzen.

     „Ja“, erklärte er fest. „Schäbig ist noch eine höfliche Beschreibung.“

     „Sie gehören meiner Tante.“

     „Ach?“

     „Sie ist tot.“ Das sagte sie so, als würde es alles erklären.

     „Oh.“ Irgendwie musste er ja reagieren.

     Diesmal lächelte sie wirklich wieder, und dafür lohnte es sich sogar, in dieser unbehaglichen Situation auszuharren. Es war ein großartiges Lächeln.

     „Ich hatte passende Kleidung mitgenommen“, antwortete sie. „Ich bin ja nicht dumm. In größter Eile habe ich es geschafft, zu packen und einen Flug von Sydney nach New York zu erwischen. Leider gibt die Fluggesellschaft mein Gepäck nicht wieder her.“

     „Wie bitte?“

     „Ich habe den Koffer in Sydney abgegeben und bin in derselben Maschine geflogen. Doch mein Koffer ist unterwegs verschwunden. Daher habe ich jetzt nur meine Reisekleidung bei mir. Mit meinem einzigen Paar Schuhe bin ich heute Morgen in die Hinterlassenschaften irgendeines Dummkopfs getreten, der die Straße für eine Toilette gehalten hat. Da ich nur noch zehn Minuten Zeit hatte, musste ich mir die Sandalen meiner Tante Hattie ausleihen.“

     „Warum haben Sie sich keine Schuhe gekauft?“ Kaum war ihm diese Frage herausgerutscht, bereute er es schon.

     Zorn blitzte aus ihren Augen. „Ja, für Leute wie Sie ist das ganz einfach. Geld löst alle Probleme. Dazu hat man es ja schließlich. Sie sind genau wie Charles. Man lässt seine Mutter bei Peta, bis es so aussieht, als wäre etwas zu erben. Wenn sie todkrank ist, holt man sie ans andere Ende der Welt. Natürlich muss sie in der Touristenklasse fliegen, obwohl man sich selbst alles leisten kann. Aber man will sie gar nicht zu sich nehmen, sondern sie in ein drittklassiges Pflegeheim stecken, wo sie einsam und vernachlässigt stirbt. Und das natürlich erst, nachdem man sie überredet hat, das Testament zu ändern.“ Die junge Frau biss sich auf die Lippen und blickte in die Ferne.

     So viel Leid konnte Marcus kaum ertragen. „Ich habe keine Mutter“, wandte er schließlich ein.

     „Sie waren ja auch nicht gemeint.“

     Wen hat sie denn gemeint? überlegte er. „Wer ist Peta?“

     „Ich.“ Sie blickte ihn zornig an.

     „Hallo, Peta. Ich bin Marcus. Marcus Benson.“

     Peta ließ sich nicht ablenken. „Ich möchte mich nicht vorstellen. Dazu bin ich noch viel zu wütend.“

     „Tut mir leid.“

     „Würden Sie bitte still sein, wenn ich meinem Ärger Luft mache? Leute wie Charles, der Vorzimmerdrachen und Sie beurteilen doch alles nur nach Äußerlichkeiten. Sie denken, bloß weil ich keine Designeroutfits trage, sei ich ein Nichts und Sie könnten so herablassend mit mir reden. Ich habe begriffen, dass ich Charles nicht zu Gesicht bekommen werde. Dabei habe ich mein letztes Geld ausgegeben, um für die Beerdigung meiner Tante Hattie zu sorgen und alles zu bezahlen. Wenn ich nicht mit ihm reden kann …“ Sie verstummte.

     Anscheinend hatte sie sich in Zorn geredet, um ganz andere Gefühle zu verdrängen, die sich jedoch nicht verdrängen ließen. „Wie dumm von mir“, flüsterte sie. „Ihnen ist das sowieso egal. Wenn ich erklärte, ich würde Sie auf Schadenersatz verklagen, würden Sie einfach Ihre Sekretärin beauftragen, die Sache zu regeln. Halten Sie sie mir bloß vom Leib!“

     „Ich würde so etwas nicht tun.“

     Natürlich würde er so etwas tun, dachte sie.

     „Mr Benson?“ Ruby, wie immer die Ruhe selbst, stand hinter ihm. „Was kann ich für Sie tun?“

     Ruby war ein Juwel. Sie war Ende vierzig, untersetzt und Afroamerikanerin, sie wirkte mütterlich, obwohl sie kinderlos war. Sie war Büroangestellte in Marcus Bensons Finanzimperium gewesen, als Marcus sie vor sieben oder acht Jahren zufällig entdeckt hatte.

     Damals hatten mehrere Leute gleichzeitig etwas von ihm gewollt: eine japanische Delegation, ein Team von Anwälten und eine Reihe Journalisten und Fotografen des Magazins Celebrity-Plus, in dem über bekannte und berühmte Persönlichkeiten berichtet wurde. Seine hoch qualifizierte Sekretärin war dem Stress nicht gewachsen gewesen.

     Ziemlich verzweifelt hatte Marcus im Büro gefragt, ob irgendjemand Japanisch sprach. Ruby hatte sich etwas schwerfällig erhoben. Sie hatte Japanisch in einem Abendkurs gelernt. Marcus hatte sich von ihr helfen lassen, aber er hatte nicht viel erwartet.

     Doch Ruby hatte in zwanzig Minuten die Japaner beruhigt und vor Ort ein Mittagessen für sie organisiert, die Reporter mit Gutscheinen für ein nahe gelegenes exklusives Weinlokal abgelenkt und dann ganz ruhig während Marcus’ Verhandlung mit den Rechtsanwälten Notizen gemacht.

     Ruby bewegte sich langsam, aber sie wurde mit jeder Krise fertig. Sie war Gold wert. Auch diesmal erfasste sie die Situation mit einem Blick, sie erriet, was Marcus von ihr wollte, und handelte sogleich. „Wenn Mr Benson Sie verletzt hat, werden wir alles tun, was in unserer Macht steht, um es wieder in Ordnung zu bringen“, wendete sie sich an Peta. „Mr Benson hat jetzt einen dringenden Termin, den er unbedingt einhalten muss, aber ich kann Ihnen helfen.“ Sie blickte Marcus fragend an, weil sie wissen wollte, ob sie die Situation nur höflich lösen sollte, oder ob besondere Freundlichkeit gefragt war.

     Marcus nickte und lächelte als Zeichen dafür, dass Ruby ihr Bestes geben sollte, denn er hatte ein schlechtes Gewissen. Damit Ruby Peta helfen konnte, war er sogar bereit, einen halben Tag auf seine Assistentin zu verzichten.

     „Ich bringe Sie in die nächste Ambulanz, um Ihren Knöchel untersuchen zu lassen“, sagte Ruby. „Dann besorgen wir Ihnen neue Kleidung, Sie bekommen ein anständiges Mittagessen und ein Taxi nach Hause. Sind Sie damit einverstanden?“

     Marcus fiel ein Stein vom Herzen. Er fühlte sich immer noch schuldig, aber Ruby würde die Sache so regeln, dass er kein schlechtes Gewissen zu haben brauchte.

     „Vielen Dank.“ Peta setzte sich auf. Ihre Miene war undurchdringlich.

     Sie will sich schützen, dachte Marcus.

     „Ich brauche keine Hilfe.“ Peta sah ihn an. Siehst du? Genau wie ich es prophezeit habe: Die Sekretärin kommt und kehrt das Problem unter den Teppich. Du gehörst nämlich zu den Menschen, die glauben, dass sich jedes Problem mit Geld aus der Welt schaffen lässt. Das und noch mehr schien ihr Blick auszudrücken. Offenbar wollte sie Marcus so rasch wie möglich loswerden.

     „Ich werde Sie nicht auf Schadenersatz verklagen, und meine Probleme gehen Sie nichts an. Wenn ich jetzt weggehe, wird Mr Higgins behaupten, ich hätte den Termin verpasst. Das kann ich mir nicht leisten. Deshalb bleibe ich hier. Ich muss diese Chance nutzen.“

     „Mr Higgins wird Sie so nicht vorlassen“, wandte Ruby ein.

     „Das habe ich ihr auch schon gesagt“, stimmte Marcus ihr zu. „Ich bezweifle sogar, dass Higgins sie überhaupt empfängt.“

     „Wenn sie einen Termin hat …“

     „Ruby, Sie kennen Charles doch. Er lässt sie in diesem Aufzug nicht mal ins Vorzimmer.“

     „Moment mal!“ Peta blickte von einem zum anderen. „Darf ich vielleicht mitreden?“

     „Natürlich.“ Marcus sah sie erstaunt an. Auch Ruby wirkte verblüfft.

     „Er muss mich empfangen“, erklärte Peta. „Ich habe einen Termin!“

     „Ein Termin mit Charles Higgins bedeutet nichts, wenn er sich ausrechnen kann, dass er kein Geld daran verdient. Und zwar viel Geld“, wandte Marcus ein.

     „Er muss mich vorlassen. Ich bin seine Cousine.“ Peta wirkte nicht begeistert über die Verwandtschaft.

     „Und dann brauchen Sie einen Termin, um mit ihm zu reden?“, fragte Marcus.

     „Ja.“

     „Sie sind schon sehr spät dran, Mr Benson“, warnte Ruby, aber Marcus hatte jetzt genug gehört.

     Peta würde bei Higgins nichts erreichen. Mehr als das, was Ruby vorgeschlagen hatte, konnten sie für die junge Frau nicht tun. Andererseits habe ich sie verletzt und ihr das Leben noch schwerer gemacht, als es schon ist, überlegte er. Er sah ihr an, dass sie wirklich verzweifelt war. Higgins würde sie hereinlegen und noch den letzten Cent aus ihr herauspressen. Sie rechnete damit, dass Marcus sie seiner Sekretärin übergeben und sie mit ihren Problemen allein lassen würde. Das brachte er jedoch nicht fertig.

     „Ruby, können Sie meine Nachmittagstermine verlegen?“, fragte Marcus so langsam, als könnte er selbst nicht glauben, was er da tat. Denn wenn ihm das Geschäft entging, über das er am Nachmittag verhandeln wollte, würde er Tausende verlieren. Aber sein Entschluss stand fest. „Wenn Sie alles um einige Stunden verschieben, kümmere ich mich selbst um Peta.“

     Ruby blickte ihn verblüfft an.

     „Ich werde mit ihr zu Mr Higgins gehen.“

     „Sie …?“ Peta saß auf der Nottreppe und verfolgte das Gespräch, das über ihren Kopf hinweg über sie geführt wurde. Ihr kastanienbrauner Lockenschopf war wild zerzaust, die mit Sommersprossen übersäte Nase ganz ohne Make-up, und der Marmeladenklecks zierte immer noch ihre Wange. Auch ihre Abneigung gegen Marcus hatte sich nicht verringert. Im Gegenteil. Sie sah ihn so verächtlich an, als hielte sie sein Vorhaben für ein Hirngespinst. Oder als wäre er verrückt geworden.

     Ein Blick auf Ruby genügte, um zu wissen, dass seine Assistentin auch zu befürchten schien, er hätte den Verstand verloren.

     „Was spricht denn dagegen?“, fragte Marcus empört.

     „Das Projekt ist ziemlich wichtig“, antwortete Ruby leise. Aber huschte da nicht ein flüchtiges Lächeln über ihr Gesicht?

     „Ich weiß. Ich verlasse mich ganz auf Sie, Ruby. Legen Sie die Sache auf Eis, bis ich Zeit habe, mich darum zu kümmern!“

     „Wann wird das sein?“

     „In etwa zwei Stunden.“

     „Am besten verschieben wir alles auf morgen.“ Jetzt lächelte Ruby. „Sie werden sehen, dass einen Knöchel zu verarzten, ein neues Outfit zu kaufen und mit einem Anwalt zu reden länger dauert, als Sie glauben.“

     „Wie wär’s, wenn Sie sich um den Knöchel und die Kleidung kümmern?“, fragte Marcus verunsichert. „Dann gehe ich nur mit zu Higgins.“

     „Nein“, winkte Ruby energisch ab. „Es ist eine nette Geste Ihrerseits, und es wäre unfair, Ihnen davon etwas abzunehmen.“

     „Ruby …!“

     „Moment!“ Peta rang nach Fassung. „Zerbrechen Sie sich meinetwegen nicht den Kopf! Ich habe doch gesagt, dass ich keine Hilfe brauche.“

     „Wenn Sie mit Charles Higgins reden müssen, brauchen Sie Hilfe“, widersprach Marcus.

     Ruby nickte. „Folgen Sie seinem Rat, Miss“, sagte sie sanft. „Sie kommen aus Australien?“

     „Ja.“

     „Wenn ich in Australien wäre, würde ich Sie um Rat fragen. Dort wissen Sie besser Bescheid. Aber hier geht es um die Welt der Vorstandsetagen amerikanischer Großkonzerne. Niemand kennt sich dort besser aus als Marcus Benson. Vertrauen Sie ihm, und legen Sie Ihr Schicksal in seine Hände.“

     „Ich nehme mein Leben lieber selbst in die Hand.“

     „Glauben Sie wirklich, dass Sie ohne mich irgendetwas erreichen werden?“, fragte Marcus.

     „Wenn ich ehrlich bin, glaube ich sowieso nicht, dass ich überhaupt etwas erreichen werde, egal, ob Sie mich begleiten oder nicht“, gab Peta zu. „Es war dumm herzukommen. Aber ich muss es wenigstens versuchen.“

     „Hören Sie auf meinen Rat“, sagte Marcus sanft. „Sie haben eine lange Reise auf sich genommen und sollten nun alles tun, um die beste Chance, die Sie überhaupt haben können, zu nutzen.“

     „Und das heißt, ich soll mein Schicksal in Ihre Hände legen?“

     „Genau.“

     Peta sah zu ihm auf, und er erwiderte ihren Blick. Ihre Augen waren hell und klar, ihr Blick herausfordernd. Sie hat Mut und Kampfgeist, dachte Marcus.

     Anscheinend wusste sie, wann es Zeit war nachzugeben. „Okay.“ Sie schluckte. „Einverstanden.“

     Ruby strahlte. Ihr machte die Geschichte offenbar Spaß. „Tun Sie einfach genau das, was Mr Benson Ihnen sagt“, riet sie Peta.

     Peta lächelte reumütig. „Es fällt mir nicht leicht zu tun, was andere mir sagen.“

     „Dann seien Sie taktvoll.“ Ruby lachte leise. „Vielleicht tut es Ihnen beiden gut. Okay, ich eile, um die Welt zu retten – oder wenigstens den Vertragsabschluss, Mr Benson. Gemeinsam werden Sie dem grässlichen Mr Higgins die Stirn bieten. Mein Los ist mir lieber. Viel Glück.“ Sie stieg behände die Nottreppe hinunter. Am Morgen im Büro hatte sie müde ausgesehen, jetzt wirkte sie munter und so, als hätte sie gute Laune.

     „Sie mögen Ruby.“ Petas Misstrauen schien für den Moment in den Hintergrund zu rücken.

     „Hm.“ Marcus blickte seiner Assistentin gedankenvoll nach. „Ich habe sie zufällig gefunden und würde mich nicht wieder von ihr trennen. Aber mit Sympathie hat das nichts zu tun. Ich bin Geschäftsmann.“

     „Wenn Ruby kündigen wollte …?“

     „Würde ich alle Hebel in Bewegung setzen, um sie zu halten. Wie gesagt, ich bin Geschäftsmann.“ Er kehrte zurück zum aktuellen Problem. „So, wir kümmern uns zuerst um Ihren Knöchel.“

     „Das ist nur eine Prellung.“

     „Er schwillt aber mit jeder Minute mehr an.“

     „Ich habe schon Schlimmeres ohne Arzt überstanden. Außerdem kann ich es mir nicht leisten, jetzt irgendwo im Wartezimmer herumzusitzen.“

     „Wir müssen nicht warten. Legen Sie mir einen Arm um den Nacken. Ich trage Sie hinunter.“

     „Sind Sie verrückt geworden? Ich bin viel zu schwer, Sie werden sich etwas zerren. Warum machen Sie so viel Aufhebens um einen verstauchten Knöchel?“

     „Sie sind mir nicht zu schwer.“

     „Ich kann allein laufen. Mich wird niemals jemand tragen.“ Sie zog sich am Geländer hoch und ging vorsichtig zwei Schritte auf die erste Stufe zu.

     Das tat offensichtlich sehr weh.

     „Peta?“

     „Nein.“

     Jetzt reichte es Marcus. „Doch.“ Er trat vor sie und hob sie hoch. Sie war ein Federgewicht.

     „Essen Sie jemals ordentlich?“, fragte er verblüfft.

     Empört wand sie sich in seinen Armen. „Sehr witzig! Natürlich esse ich ordentlich. Außer wenn Wirtschaftsbosse mein Essen die Treppe hinunterwerfen. Setzen Sie mich ab!“

     „Nein.“ Er hielt sie ein wenig fester. So dünn ist sie gar nicht, überlegte er. Jedenfalls hatte sie Rundungen an den richtigen Stellen. Ihr Duft gefiel ihm. Es fühlte sich gut an, sie in den Armen zu halten.

     „Nehmen wir den Aufzug?“, fragte sie.

     „Nein, die Nottreppe.“

     „Sie werden mich fallen lassen.“

     „Nein, ganz bestimmt nicht.“

     Zu seiner Überraschung hörte sie auf, sich zu wehren, und entspannte sich unvermittelt. „Du liebe Güte!“ Jetzt zwinkerte sie ihm zu. Ihre großen grünen Augen funkelten belustigt. „Okay, dann los. Vielleicht gefällt es mir sogar.“

     „Ja, wer weiß?“

     „Und sollte Ihnen bei der Anstrengung eine Ader platzen, landen wir doch noch in der Notaufnahme.“

     „Stimmt.“ Er packte fester zu. „Da landen wir dann.“

Marcus Benson war fasziniert von Peta. Sogar ihre Reaktion auf seinen Wagen faszinierte ihn. Sein Chauffeur Robert wartete im Erdgeschoss. Vermutlich von Ruby vorgewarnt, zuckte er nicht mit der Wimper, als er seinen Chef mit dieser ungewohnten Last am Fuß der Nottreppe empfing. Robert ging voraus und hielt die hintere Wagentür auf, doch Peta weigerte sich, in die große schwarze Limousine mit den getönten Scheiben einzusteigen.

     „Heiliger Strohsack! In dem Ding fahre ich nicht!“

     „Sie hören sich an wie eine Hinterwäldlerin“, entgegnete Marcus.

     „Und Sie wirken wie ein Mafiaboss. Chauffeur, Limousine, getönte Scheiben. Was denn noch alles?“

     „Ich bevorzuge getönte Scheiben, weil ich oft im Auto arbeite.“

     „Na gut.“ Sie zog die Arme zurück. Schade, dachte er. „Niemand kann sehen, was im Auto passiert“, fuhr sie fort. „Woher weiß ich, dass Sie mich nicht fesseln und knebeln, sobald ich eingestiegen bin?“

     Jetzt platzte Marcus der Kragen. „Robert, helfen Sie mir, sie ins Auto zu setzen! Wenn nötig, mit Gewalt“, befahl er seinem erstaunten Chauffeur. „Und lassen Sie die Fenster runter. Mafiaboss! Du meine Güte!“

     Sie fuhren in eine Privatklinik für die oberen Zehntausend.

     Hier bin ich fehl am Platz, dachte Peta. „Sie brauchen nur vorzufahren, und schon kümmert sich jemand um Sie?“

     „Natürlich.“ Sie saßen in bequemen Ledersesseln in der Röntgenabteilung und warteten auf die Diagnose.

     „Wenn ich Hattie hier hätte behandeln lassen können …“ Peta ballte zornig die Fäuste. „Kann sich Charles Higgins so eine Klinik leisten?“

     „Wenn man danach geht, was für eine hohe Büromiete er zahlt, dann ja, ohne Weiteres.“

     „Ich bringe ihn um“, flüsterte sie. Dann lehnte sie sich zurück und schwieg, während ihr Bein bandagiert wurde.

     „Sie haben Glück, Miss“, sagte der diensthabende Arzt. „Der Knöchel ist nicht gebrochen, Sie haben nur eine Prellung. Belasten Sie den Fuß vorerst nicht, dann geht die Schwellung schnell zurück. Die Schwester wird Ihnen Krücken mitgeben.“

     Offensichtlich immer noch zornig, hinkte Peta zur Rezeption. Als Marcus bezahlte, wurde sie noch zorniger.

     „Ich kann selbst zahlen.“

     „Nein, das können Sie nicht“, widersprach Marcus sanft. „Außerdem war es meine Schuld. Überlassen Sie es mir.“

     „Geld löst alle Probleme, stimmt’s? Geld ist Macht“, entgegnete sie.

     Als Nächstes stand der Kleiderkauf an. Marcus setzte Peta wieder ins Auto und wies Robert an, zur Fifth Avenue zu fahren.

     „Ich brauche mich doch nur frisch zu machen, das reicht“, wandte Peta ein.

     „Nein. In Ihrem Aufzug empfängt Charles Sie nicht.“

     „Aber …“

     „Kein Aber. Weshalb wollen Sie zurückzufahren und warten, wenn Sie doch keine Chance haben, vorgelassen zu werden?“ Marcus Benson verstand sich selbst nicht mehr. War er verrückt geworden? Peta erwartete nichts von ihm. Er konnte sich jederzeit verabschieden und ihr den Rücken kehren. Sie würde ihm keine Vorwürfe machen. Bestimmt würde er nie wieder von ihr hören. Aber er konnte sie nicht allein lassen.

     Er sah sie an. Trotzig erwiderte sie seinen Blick und verbarg tapfer ihre Verzweiflung.

     Und so geschah es, dass Marcus Benson zum ersten Mal seit vielen, vielen Jahren nicht den gewohnten Abstand wahrte, sondern für jemand anderen Partei ergriff und sich engagierte.

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