Ich lege dir die Welt zu Füßen - 10. Kapitel

  1. KAPITEL

Während der nächsten fünf Tage gingen Marcus und Peta sich aus dem Weg.

     „Was ist los?“, wollte Harry wissen. „Könnt ihr euch plötzlich nicht mehr leiden?“

     „Doch, natürlich.“ Marcus stand am Herd und kochte Rindergulasch mit Rotwein und Pilzen. Harry würde mit ihm essen und später einen Teller für Peta mitnehmen.

     Sie weigerte sich, an den gemeinsamen Mahlzeiten teilzunehmen, und stürzte sich in die Arbeit. Marcus war sich selbst überlassen.

     Es tat weh, aber er konnte das akzeptieren, auch wenn es jedes Mal, wenn sie sich begegneten, zwischen ihnen vor Spannung knisterte. Er hatte sie gebeten, als seine Frau mit ihm zu leben, und sie hatte abgelehnt. Im Grunde hatte er es sogar erwartet. Offenbar war es ihm unmöglich, eine Frau zu lieben.

     Während Peta viel Zeit bei den Kühen verbrachte und demonstrativ für sich blieb, wurde Marcus’ Verhältnis zu Harry unmerklich enger. Abend für Abend machte Harry seine Hausaufgaben im pinkfarbenen Haus. Während Marcus kochte oder am Laptop arbeitete, erzählte Harry ihm von der Schule. Er war immer gut gelaunt und plapperte mit dem ganzen Enthusiasmus eines Zwölfjährigen. Irgendwann begriff Marcus, dass er nicht nur Peta vermissen würde, wenn die zwei Wochen herum waren.

     Aber was konnte er noch tun? Er hatte sie ja gebeten, ihre Ehe fortzusetzen.

     Das reichte jedoch nicht. Er hätte ihr sein Herz anbieten müssen.

     „Ich bin ein Einzelgänger“, erklärte er Harry, während sie mit tränenden Augen Zwiebeln hackten. „Genau wie Peta. Deswegen isst sie lieber allein.“

     „Sie isst nie allein, wenn meine Brüder zu Hause sind. Das tut sie nur, um dir aus dem Weg zu gehen.“

     „Dann mag sie mich wohl nicht.“

     „Natürlich mag sie dich.“

     Vielleicht mag sie mich zu sehr, dachte Marcus. Plötzlich bekam er Angst.

     Er ging zum Kühlschrank und holte das Fleisch heraus. Das gab ihm Gelegenheit, sich wieder in den Griff zu bekommen. „Peta und ich sind sehr verschieden. Mein Leben spielt sich in New York ab, und sie lebt hier. Wenn wir eine … Beziehung …“

     „Heißt das, ihr esst nicht zusammen, weil ihr euch sonst verlieben würdet?“

     „Nein!“

     „Könnte doch sein.“ Harry lächelte ausgesprochen zufrieden. „Ich fände das super. Dann würdest du hier bleiben, und wir könnten den Jaguar behalten. Vielleicht würdest du mich sogar damit mal zur Schule fahren.“

     Marcus hielt es angebracht, einiges klarzustellen. „Ich lebe in New York.“

     „Arbeite doch von hier aus. Du brauchst nur ein Telefon und einen Computer.“

     „Harry, du hast keine Ahnung, wie mein Leben dort aussieht …“

     „Ich wette, hier ist es schöner“, entgegnete er.

     Marcus bearbeitete das Steak mit dem Fleischklopfer, als hätte es ihn beleidigt.

     Nachdem Harry ihn eine Weile schweigend beobachtet hatte, fragte er: „Willst du, dass Peta mit dir nach New York zurückgeht?“

     „Peta bleibt hier.“ Marcus schlug noch einmal hart mit dem Fleischklopfer zu. „Und ich gehe nach New York zurück. Ich bleibe bei meiner Arbeit und Peta bei ihren Kühen.“

     „Okay, aber Peta hat nicht nur die Kühe“, gab Harry zu bedenken. „Sie hat die Hunde und das Haus und mich.“ Er lächelte selbstbewusst. „Du musst dir schon etwas einfallen lassen, wenn du mit uns konkurrieren willst.“

     „Ich will nicht mit euch konkurrieren, Harry.“

     „Peta hat übrigens auch gesagt, dass sie sich nicht in dich verlieben will.“ Der Themenwechsel kam überraschend und bewies, wie scharfsinnig Harry war. „Ich glaube, ihr zwei seid ganz schön dumm.“

Peta saß immer noch im Stall, obwohl sie längst fertig war. Gleich würde sie ins Haus gehen. Ein Teller mit etwas Köstlichem würde im Ofen stehen, gekocht von Marcus, gebracht von Harry. Harry fand ihr Verhalten albern.

     Aber sie konnte nicht anders, sie musste sich schützen. Marcus hatte erst ihre Welt gerettet, und jetzt bot er ihr seine Welt an. Nein, er erwartete, dass sie sich mit Brosamen zufrieden gab. Denn niemals würde Marcus ihr sein Herz anbieten. Er spielte nur den Helden, dessen Leben nach dem kurzen Intermezzo mit ihr weiterging wie bisher.

     Marcus bot ihr noch nicht einmal an, jede Nacht in seinen Armen zu schlafen, sondern nur dann, wenn es ihm gerade passte. In der übrigen Zeit sollte sie hier allein in einem großen Haus schlafen, das er bauen lassen wollte, oder in seinem so unpersönlich wirkenden Apartment. Dafür sollte sie ihm auch noch dankbar sein.

     Nein, das Ganze war einfach dumm. Marcus ist ein Träumer, er glaubt an Märchen. Einer musste ja vernünftig bleiben.

     Ich will aber nicht vernünftig sein, ich will wieder mit ihm und Harry zusammen essen, mit Marcus lachen, mich darüber freuen, dass er Harry hilft, und ich will später mit ihm auf die Veranda gehen, gestand sie sich ein.

     Das musste aufhören. Solche Schwächen durfte sie sich nicht erlauben. Sie stand auf und ging nach Hause und ins Bett. Allein.

Peta reinigte auf der Weide einen Wassertrog, als ein Wagen die Auffahrt hinauffuhr. Marcus war im Haus und führte vermutlich gerade ein wichtiges Telefonat. Sollte sie die Besucher abfangen, damit er ungestört blieb?

     Aber vielleicht würde er aus dem Haus kommen, wenn er gestört wurde. Nein. Er hatte nur an dem ersten Tag Zeit mit ihr verbracht. Er würde nicht herauskommen. Sie hatte ihm gesagt, er solle sich von ihr fern halten, und offenbar hielt er es ebenfalls für das Beste.

     Peta konnte es ihm nicht verübeln. Der Abend am Strand war ein peinlicher Ausrutscher gewesen. Schuldbewusst blickte sie an sich hinab. Sie war mit Schlamm bedeckt. Der Trog war übergelaufen und der Boden rundherum knöcheltief mit Schlamm bedeckt. Der Schwimmkorken, der den Wasserzufluss stoppte, wenn der Trog voll war, war blockiert gewesen. Sie hatte sich durch den Schlamm kämpfen müssen, um den Korken wieder in die richtige Position zu bringen. Auf ihr Aussehen hatte sie dabei keine Rücksicht nehmen können.

     Sie fuhr sich mit dem Handrücken übers Gesicht und wünschte sogleich, sie hätte es nicht getan.

     Wer mochten die Besucher sein?

Marcus blickte auf den Computerbildschirm, ohne etwas wahrzunehmen. Anstatt sich wie gewohnt konzentriert seiner Arbeit zu widmen, ertappte er sich immer wieder dabei, wie er aus dem Fenster blickte. Manchmal erhaschte er einen Blick auf Peta in Overall und Gummistiefeln, das Haar mit einem Band zurückgebunden. Einige rebellische Locken schafften es jedoch immer, sich zu lösen. Manchmal war ihr Gesicht mit Schmutz beschmiert, eigentlich meistens. Sie schien ständig schwere, schmutzige Arbeiten zu verrichten wie Kübel schleppen, Traktor fahren oder Ähnliches.

     „Sind Sie noch da, Mr Benson …?“

     Er steckte mitten in einer wichtigen Telekonferenz. Wenn Peta ihn nur nicht immer wieder ablenken würde …

     Sie war unten auf der Weide und tauchte gerade in einen Wassertrog ein. Marcus sah den Schlamm hoch über ihr aufspritzen.

     „Ja, ich bin da.“ Er nahm sich zusammen und wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Bildschirm zu.

     Dann kam ein Wagen über die Auffahrt.

     Auch das noch! Und Peta war zu weit weg, um die Besucher zu empfangen. „Tut mir leid, meine Herren, aber ich muss mich jetzt leider verabschieden.“ Dass das Problem, das sie gerade diskutierten, noch längst nicht gelöst war, interessierte ihn momentan nicht.

     Marcus ging nach draußen. Der Wagen hielt vor dem Haupthaus, und Darrell stieg aus. Er winkte Marcus zu, ging um den Wagen herum und öffnete die Beifahrertür – für Ruby.

„Die Angelegenheit ist zu kompliziert, um sie von New York aus zu regeln.“

     Sie saßen auf Petas Veranda. Peta hatte Limonade gebracht wie eine gute Gastgeberin. Die Gummistiefel hatte sie ausgezogen. Schließlich setzte sie sich dazu und ließ ihre Füße hin und her schwingen. Eine ihrer Socken hatte ein Loch, aus dem ein Zeh herausschaute.

     Marcus versuchte, sich sowohl auf das was, was Ruby sagte, als auch auf Petas Zeh zu konzentrieren. Wie konnte er den Zeh einer Frau erotisch finden?

     Ihr Zeh machte ihn ganz verrückt.

     „Was ist zu kompliziert, um es von New York aus zu regeln?“, wollte er wissen.

     Ruby strahlte. Sie wirkte ausgesprochen zufrieden mit sich. Ebenso Darrell, der neben ihr saß wie ein Kater, der soeben den Kanarienvogel erwischt hatte.

     „Es geht um das Testament von Petas Tante“, erklärte Ruby.

     „Was ist denn mit Hatties Testament?“

     „Vor der Hochzeit war keine Zeit für gründliche Nachforschungen, aber das haben wir jetzt nachgeholt.“ Sie wandte sich an Peta. „Sie hatten doch gesagt, dass Ihre Tante hohe Kalziumwerte hatte und in den letzten Wochen ihres Lebens verwirrt war?“

     „Ich … ja.“ Peta runzelte die Stirn. „Schon als sie hier wegging, schien sie verwirrt zu sein. Ich habe mir deswegen Sorgen gemacht.“

     Ruby zog ein Papier aus ihrer Handtasche. „Eins der Formulare, die Sie vor Ihrer Abreise unterzeichnet haben, ermächtigt uns, die Krankenakte Ihrer Tante einzusehen. Wir haben die Anfrage damit begründet, dass die Patientin verstorben ist und Sie Gefahr laufen, um Ihr Erbe gebracht zu werden.“

     „Wie …?“

     „Durch die Testamentsänderung. Es existiert nämlich eine ältere Fassung.“

     Die Falte zwischen Petas Brauen vertiefte sich. „Stimmt, sie hat mal ein Testament erwähnt. Aber das war, bevor sie in die Staaten ging.“

     „Genau“, bestätigte Ruby. „Unsere Anwälte haben herausgefunden, dass Ihre Tante zwei Jahre vor ihrem Tod schon einmal ein Testament aufgesetzt hat, bevor sie krank wurde. Sie hat es bei einem Notar in Yooralaa hinterlegt.“

     „Was hat das alles mit mir zu tun?“, wollte Peta wissen.

     „Deswegen sind wir hier“, erklärte Ruby triumphierend. „Ich wusste ja, dass Sie beide keine Nachforschungen anstellen konnten. Schließlich müssen Sie auf der Farm bleiben und das glücklich verheiratete Paar spielen. Erst wollte ich einen Anwalt schicken, aber dann habe ich beschlossen, selbst zu kommen, zumal Darrell mich begleiten wollte.“ Einen Moment lang wirkte sie beinah verlegen. Dann hatte sie sich unter Kontrolle. „Darrell und ich haben hier zwei Tage lang wie die Verrückten recherchiert und tatsächlich Hatties Krankenakte gefunden. Ihre Kalziumwerte waren alarmierend, kurz bevor sie Australien verließ, und eine Untersuchung gleich nach ihrer Einreise in die Staaten hat den Befund bestätigt. Bei solchen Kalziumwerten würde jeder Richter zustimmen, dass Hatties Urteilsvermögen zumindest während der letzten sechs Wochen ihres Lebens erheblich beeinträchtigt war. Wir haben sowohl amerikanische als auch australische Juristen befragt. Sie kommen alle zur gleichen Einschätzung der Rechtslage. Das zweite Testament ist ungültig, und nach dem ursprünglichen sind Sie Alleinerbin, Peta. Die Farm gehört Ihnen. Ob Sie verheiratet sind oder nicht, Charles kann nichts gegen Sie unternehmen.“

     Peta sah Ruby sekundenlang schweigend an. „Die Farm gehört mir?“, wiederholte sie dann fassungslos.

     „Genau.“ Ruby warf Marcus einen kurzen Blick zu. Offenbar erwartete sie, dass er ihre Begeisterung teilte. „Mr Benson hatte mir aufgetragen, alles zu tun, um das Testament anzufechten. Er hat so etwas vermutet, aber er war sich natürlich nicht sicher, sonst hätte er Sie schließlich nicht geheiratet.“

     „Nein.“ Peta sah Marcus mit regloser Miene an. „Natürlich hätte er das nicht getan.“

     „Jetzt brauchen Sie die Ehe nur annullieren zu lassen.“ Darrell lächelte Marcus an. „Sie können sich darauf berufen, dass die Ehe nicht vollzogen wurde. Es sei denn, Sie haben …“

     „Nein“, fiel Marcus ihm schroff ins Wort. „Haben wir nicht.“

     „Sehr gut.“ Rubys Lächeln wich einer ratlosen Miene. Erst jetzt schien ihr die unterschwellige Spannung zwischen Marcus und Peta aufzufallen. „Ich bin froh, dass Sie so vernünftig waren.“

     „Ruby …“

     Sie stellte ihr Limonadenglas ab. „Adam und Gloria haben Charles Higgins gestern Abend die Unterlagen vorgelegt, die eindeutig beweisen, dass das zweite Testament ungültig ist. Das heißt, es gibt keinen Grund mehr, Ihre Ehe länger aufrecht zu erhalten. Ich habe die Formulare für die Annullierung der Ehe mitgebracht. Sie brauchen nur noch zu unterschreiben. Das heißt, Sie können abreisen, Mr Benson. Es sei denn, Sie möchten hier bleiben, um noch Urlaub zu machen.“

     „Mit Urlaub hat das hier wenig zu tun“, antwortete Marcus.

     „Ja, die Farm ist nicht gerade ein Fünfsternehotel.“ Peta wandte sich an Marcus. „Aber du kannst jetzt wieder nach Hause fahren.“

     „Ja.“ Was hätte er sonst sagen sollen?

     „Ich möchte dir für alles danken, was du …“

     „Dafür gibt es keinen Grund.“

     „Doch, natürlich. Ich … werde das nie wieder gutmachen können.“

     „Ich stehe zu meinem Angebot“, erklärte Marcus.

     Ruby und Darrell beobachteten die beiden schweigend.

     „Das Angebot, eine echte Ehe zu führen?“

     „Oh“, sagte Ruby leise, aber Marcus hörte es nicht. Er sah Peta unverwandt an.

     „Richtig.“

     „Eine Ehe für zwischendurch, wenn du zufällig Zeit hast?“

     „Das ist doch lächerlich“, entgegnete er. „Wir schaffen das, wenn du uns eine Chance gibst.“

     „Nein, keine Chance.“

     „Das ist nicht fair“, fuhr Marcus sie an.

     „Was glaubst du denn, was du mir da anbietest?“

     „Ich leite ein Finanzimperium, Peta“, stellte Marcus fest. „Und ich habe noch nie jemanden gebeten, mich zu heiraten …“

     „Dafür sollte ich dir wirklich dankbar sein“, unterbrach Peta ihn.

     „Was willst du denn noch?“

     „Dich!“

     „Ich weiß nicht, was du meinst.“

     „Dann denk nach.“ Peta seufzte. Dann drehte sie sich zu Ruby und Darrell um. „Es tut mir leid. Sie haben so viel für mich getan. Müssen Sie sofort in die Staaten zurück? Oder kann ich Sie überreden, noch eine Weile hier zu bleiben? Allerdings leben wir sehr einfach.“

     „Mir gefällt es hier.“ Darrell blickte Marcus von der Seite an. „Ich habe genau wie Mr Benson Monate auf dem Schlachtfeld verbracht und brauche keine Marmorfliesen.“

     „Was ist mit Ihnen? Werden Sie sogleich nach New York zurückfliegen, Mr Benson?“, fragte Ruby.

     Marcus überlegte. Vermutlich war es das Beste, so schnell wie möglich zu verschwinden. Was erwartete Peta denn? Sollte er bis an sein Lebensende mit ihr hier in Gummistiefeln herumwaten? Nein, dafür hatte er nicht jahrelang so hart gearbeitet.

     „Ja“, entschied er sich dann. „Genau das werde ich tun.“

     „Ich habe seit Jahren keinen Urlaub mehr gehabt.“ Ruby sah Marcus forschend an. „Ist es Ihnen recht, dass ich noch hier bleibe?“

     „Kein Problem. Von mir aus können Sie bleiben, so lange Sie die rosa Farbe ertragen.“

     „Was hast du gegen diese Farbe?“, fuhr Peta verärgert auf. „Wer glücklich ist, bemerkt so etwas gar nicht.“

     „Das musst du gerade sagen! Du weigerst dich doch, mit mir zusammenzuleben, nur weil du schwarzen Marmor hasst.“

     „Wenn du das für den wahren Grund hältst, bist du unglaublich begriffsstutzig“, erwiderte sie. „Ich kann nicht mit dir leben, weil du nicht begreifst, dass solche Dinge völlig unwichtig sind. Ich habe das Einzige angeboten, was wirklich zählt, und du hast keine Ahnung, wie du darauf reagieren sollst. Aber vielleicht willst du ja gar nicht reagieren.“

Kaum war Harry aus der Schule zurück, reiste Marcus ab. Er brachte es nicht fertig zu gehen, ohne sich von dem Jungen zu verabschieden.

     Der Abschied fiel ihm schwerer, als er erwartet hatte.

     „Ich dachte, ihr würdet vielleicht zusammenbleiben.“ Harry biss die Zähne zusammen, damit Marcus nicht merkte, wie traurig er war. „Es hat Spaß gemacht, mit dir zu kochen. Vielen Dank für die Hilfe bei den Hausaufgaben und so …“

     „Bald kommen deine Brüder nach Hause.“

     „Ja, aber sie bleiben nicht lange. Außerdem ist es nicht dasselbe. Du hast Peta zum Lachen gebracht.“

     „Nur am Anfang.“

     „Das kannst du doch wieder tun, wenn du willst.“

     Marcus wurde nervös. „Ich muss jetzt los.“

     „Hast du dich schon von Peta verabschiedet?“

     „Sie ist bei den Kühen.“

     „Du bist gemein.“ Harry ging um Marcus’ Wagen herum und trat aus lauter Enttäuschung gegen einen Reifen. „Ich dachte, du wärst ein Freund.“

     „Harry …“

     „Tschüs, Marcus.“ Er nahm seine Schultasche und verschwand im Haus.

     Darrell und Ruby waren nirgends zu sehen, und Peta war im Stall.

     Marcus stieg ein und fuhr los.

Als Peta den Wagen starten hörte, drehte sie sich um und beobachtete, wie er die Auffahrt hinunterfuhr und dann in die Hauptstraße einbog.

     Wunderbar! Er war weg.

     Sie lehnte den Kopf an die warme Flanke der Kuh und ließ ihren Tränen freien Lauf.

„Wie wär’s, wenn wir uns duzen?“, fragte Peta am selben Abend. „Ihr seid ja jetzt meine Gäste.“

     „Gern. Darrell ist sicher auch einverstanden. Und ich will endlich wissen, was zwischen dir und Marcus vorgefallen ist.“

     Es war schon spät. Darrell und Harry waren ins Bett gegangen, Harry eher widerstrebend und Darrell, weil ihm der Jetlag zusetzte. Peta und Ruby setzten sich auf die Veranda und betrachteten den Mond über dem Meer.

     „Hat er dir wirklich vorgeschlagen, weiter mit ihm verheiratet zu bleiben?“

     Peta nickte. „So ungefähr.“

     „Und? Wo liegt das Problem?“

     „Er hat nicht gesagt, dass er mich liebt, sondern dass er glaubt, es könnte funktionieren. Wir haben uns geküsst, das hat ihm gefallen. Außerdem macht es ihm Spaß, den Märchenonkel zu spielen. Stell dir vor, er wollte uns eine Art Herrenhaus bauen und einige Wochen im Jahr zu Besuch kommen. Außerdem sollte ich ihn besuchen und in seinem grässlichen Apartment warten, bis er zwischen seinen Terminen Zeit für mich hat.“

     „Das klingt nicht besonders romantisch.“ Rubys Stimme bebte leicht.

     Peta sah sie argwöhnisch an. „Lachst du etwa über mich?“

     „Nein. Das würde ich nie tun.“ Zögernd legte Ruby ihre Hand auf Petas. „Du hast dich richtig verhalten. Er muss einsehen …“

     „Er sieht nie etwas ein.“

     „Manchmal geschehen noch Wunder.“ Ruby schwieg sekundenlang. „Zum Beispiel mit Darrell und mir …“

     „Ja, ich wollte dich schon fragen, wie das kam …“

     „Darrell braucht mich eben.“ Ruby schloss die Augen. Das Meeresrauschen schien die Stille ringsum noch zu verstärken. „Mein Leben war ziemlich trostlos. Ich konnte meinen Schmerz nicht loslassen. Als du dann die Braut gespielt hast … die Verwandlung, die mit Marcus passierte, als er glaubte, du brauchtest ihn … Ach, ich weiß auch nicht.“ Ruby strahlte tiefen Frieden aus. „Ich muss wohl für einen Moment meine Wachsamkeit aufgegeben haben. Nach eurer Trauung hat Darrell mich mit zu sich nach Hause genommen. Nicht nur sein Körper ist voller Narben, sondern auch seine Seele. Er ist ein sehr verschlossener Mann, aber in jener Nacht haben wir geredet und geredet. Seitdem sind wir zusammen.“ Sie lächelte. „Ich glaube, wir bleiben für immer zusammen.“

     Wir bleiben für immer zusammen. Die Worte hallten in Petas Kopf wider. Sie freute sich für Ruby, aber sie war auch traurig, beinahe verzweifelt.

     „Marcus versteht es nicht“, sagte sie.

     „Du meinst … du liebst ihn?“

     „Natürlich liebe ich ihn.“

     „Hast du es ihm gesagt?“

     „Ja. Daraufhin hat er mir die Ehe angeboten, zu gewissen Bedingungen.“

     „Für einen Multimillionär ist er wirklich ein Idiot“, erklärte Ruby.

     Sie schwiegen eine Zeit lang.

     „Okay“, sagte Ruby schließlich. „Wir brauchen einen vernünftigen Plan.“

     „Einen Plan?“

     „Genau. Oder möchtest du, dass ich mich heraushalte?“

     „Nein.“ Peta lachte. „Ich brauche alle Hilfe, die ich bekommen kann.“

     „So spricht eine Benson“, lobte Ruby sie. „Wir haben die Ehe noch nicht annulliert.“

     „Und wie sieht dein Plan aus?“

     „Zunächst muss Schweigen herrschen.“

     „Ist das alles?“

     „Marcus hat einen kleinen Vorgeschmack von etwas bekommen, das er nicht kennt“, klärte Ruby sie auf. „Lass ihn ein wenig schmoren, damit er in Ruhe darüber nachdenken kann.“

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