Ich lege dir die Welt zu Füßen - 12. Kapitel + Epilog


  1. KAPITEL

Es war zwölf Uhr, dann wurde es zwölf Uhr dreißig.

     Marcus kam zu spät. Zu spät wofür? Um Schmalzkuchen zu essen?

     Dann ging endlich die Tür auf. Er trug den gleichen Anzug von Armani wie bei ihrer ersten Begegnung. In einer Hand hielt er seine Aktentasche, in der anderen eine Einkaufstüte.

     „Guten Tag, Peta“, begrüßte er sie mit ernster Miene.

     „Hallo.“

     „Darf ich mich setzen?“

     „Ja, klar.“ Sie rückte ein Stück zur Seite. „Mach es dir bequem.“

     Marcus nahm Platz und stellte die Einkaufstüte eine Stufe tiefer ab. Dann er legte die Aktentasche zwischen sich und Peta, öffnete sie und stellte den Deckel senkrecht. „Ich möchte etwas zum Mittagessen beisteuern. Hoffentlich ist nichts ausgelaufen. Sam hat mir versichert, der Behälter sei dicht.“

     „Sam?“

     „Ja, ich habe bei ihm ein Muschelgericht und Fladenbrot geholt. Das isst du doch auch gern.“

     „Stimmt.“ Sie beobachtete schweigend, wie er zwei tiefe Teller, zwei Löffel und zwei flache Teller aus der Aktentasche nahm. „Möchtest du einen Schmalzkuchen?“

     „Ja, gern, wenn du von meinem Eintopf isst.“

     „Abgemacht.“

     Marcus servierte den Eintopf, verteilte das Fladenbrot, und dann aßen sie. Das Schweigen war ungewohnt, aber nicht unangenehm. Die Sonne schien, und sie aßen in stillem Einvernehmen.

     Was für eine seltsame Mahlzeit, dachte Peta, doch dann lächelte Marcus sie an. Es war ein warmes Lächeln, das von Herzen kam.

     Peta fiel ein Stein vom Herzen. Mit einem Mal erfüllte sie eine stille Heiterkeit. „Wenn jetzt jemand die Nottreppe benutzen will, hat er Pech gehabt“, sagte sie leise.

     Marcus versuchte, ernst zu bleiben. „Dann muss er eine andere Nottreppe finden. Diese ist so lange besetzt, wie wir sie brauchen.“

     „Schade, dass wir uns hier nicht für immer niederlassen können, auf neutralem Boden.“

     „Genau darüber wollte ich mit dir reden.“

     „Ah ja?“

     „Ja.“ Marcus stellte seinen Teller ab. „Ich bin in Gefühlsdingen nicht besonders geschickt.“

     „Du verfügst aber über die Zutaten.“

     „Dann fehlt mir ein gutes Rezept.“

     „Wir können dir bestimmt alles beibringen, Harry, Ruby und Darrell, Ted und ich.“

     „Ich glaube, ihr habt mich schon auf den Geschmack gebracht“, antwortete Marcus leise.

     Peta hätte vor Freude am liebsten einen Luftsprung gemacht, aber nicht auf der Nottreppe. Marcus lächelte verständnisvoll und teilte diesen Moment mit ihr. Endlich war er zu Hause angekommen, bei ihr, Peta.

     Sie erwiderte sein Lächeln und spürte, dass alles in Ordnung war. Bestimmt würden sie einen Weg finden, sich zu einigen.

     „Ich habe zwei Geschenke für dich“, verkündete Marcus, und Petas Freude ließ merklich nach.

     „Keine Diamanten, Marcus!“

     „Gar keinen Schmuck?“ Er zog ein Kästchen von einem Juwelier aus der Tasche.

     Auf weißen Samt gebettet lag ein filigraner Silberring. Er war schmal, schlicht und wunderschön. In das feine Silbergeflecht eingearbeitet, funkelten drei winzige Smaragde. Sie spiegelten die Farbe von Petas Augen wider, das tiefe Grün des Meeres.

     „Ich habe ihn eigens für dich anfertigen lassen“, erklärte Marcus. „Weil du bist, wie du bist. Ich weiß, dass du keine Ballkleider oder edlen Schmuck haben möchtest. Aber irgendwie musste ich meine Liebe zu dir ausdrücken.“

     Peta wollte etwas sagen, doch er legte ihr den Finger auf die Lippen. „Warte. Es kommt noch schlimmer.“ Er machte die Einkaufstasche auf und nahm Gummistiefel heraus.

     Gummistiefel? Ja, aber keine gewöhnlichen, sondern kleine Kunstwerke. Als hätte Frida Kahlo die Stiefel als Leinwand benutzt. Es waren die erstaunlichsten Kunstwerke, die Peta je gesehen hatte.

     Es waren vier Stück, zwei große für Marcus, zwei kleinere für Peta.

     „Ich habe Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um einen Freund dazu zu bringen, sie für uns zu bemalen“, sagte Marcus. „Die Oberflächen sind versiegelt, damit wir sie im Stall anziehen können. Beim Melken.“

     Peta nahm einen Stiefel und sah ihn sich näher an. „Glaubst du, dass die Kühe sich melken lassen, wenn wir so auffällige Stiefel tragen?“

     „Sie werden begeistert sein, sobald sie sich daran gewöhnt haben.“

     „Wie sollen sie sich denn in zwei Wochen pro Jahr daran gewöhnen?“, flüsterte Peta.

     „Das ist das zweite Thema, das ich mit dir besprechen möchte.“ Marcus sah sie lange an. „Du weißt, dass ich deine Veranda liebe. Aber wirf bitte einen Blick auf diese Pläne.“ Er zog einige große Blätter Papier aus der Aktentasche hervor.

     „Pläne?“

     „Ja. Hier, das ist deine Veranda. Auf dieser Zeichnung ist sie als Schlafzimmer dargestellt, aber es bleibt deine Veranda.“

     Peta schüttelte den Kopf. „Ich habe dir doch gesagt, dass ich kein Herrenhaus möchte.“

     Er lächelte. „Meine liebe Peta, zwischen deiner Veranda und dem, was der Rest der Welt ein Herrenhaus nennen würde, liegen Welten. Ich glaube, wir können ohne schlechtes Gewissen einige Verbesserungen installieren, zum Beispiel eine Dusche mit fließend heißem Wasser.“

     „Eine heiße Dusche …“

     „Ja, ich weiß, es ist der reinste Luxus. Trotzdem … Mein Freund Max hat die Pläne für mich gezeichnet. Er musste sich auf meine Erinnerung verlassen, und wir hatten wenig Zeit. Aber es ist ein Anfang. Deine Veranda, die hoffentlich dann unsere Veranda ist, bleibt unangetastet – bis auf die Löcher in den Bodendielen. Die würde ich gern reparieren lassen. Natürlich bleibt die Küche, wo sie ist. Du liebst sie, und mir ist sie auch ans Herz gewachsen. Wir lassen sie nur renovieren. Nach hinten hinaus plant Max ein großes Wohnzimmer für die Jungen. Dort können sie in den Ferien mit ihren Freunden sitzen. Außerdem bekommt jeder deiner Brüder ein eigenes Zimmer, und zwei Bäder werden installiert. Sicher erscheinen dir zwei Badezimmer ziemlich viel, aber ich schwöre dir, dass jedes normale Herrenhaus mindestens vier hat.“

     „Marcus …“

     „Das hier wird unser Büro.“ Zum ersten Mal klang er nervös. „Da Ruby sowieso in Australien bleibt, verlegen wir unseren Hauptsitz auf die Farm. Ich übertrage meinen Mitarbeitern in New York mehr Verantwortung als bisher. Alles andere erledigen Ruby und ich per Konferenzschaltung oder Fax und Internet. Trotzdem muss ich gelegentlich nach New York fliegen. Vielleicht zwei Mal im Jahr, aber jeweils nur für etwa zehn Tage. Ich könnte dir versprechen, nicht erster Klasse zu fliegen … Was hältst du davon, Peta?“

     Peta hätte platzen können vor Freude. Marcus sah sie so nervös an.

     „Mir zuliebe würdest du dich tatsächlich in die Touristenklasse setzen?“

     „Für dich setze ich mich überall hin.“

     „Sogar auf eine Nottreppe?“

     „Ja, wenn du auch da bist.“

     „Ich würde sogar in deiner Wohnung mit dem schwarzen Marmor leben, wenn du auch da wärst“, gab sie zu.

     Seine Nervosität ließ sichtlich nach. „Wirklich?“

     „Ja, wirklich.“

     „Und wirst du meinen Ring tragen?“ Er wurde wieder etwas nervöser.

     Peta betrachtete das kleine, mit Samt ausgeschlagene Kästchen an. Ihr blieb keine Wahl. Sie nahm den Ring und steckte ihn an den Finger. Er funkelte in der Sonne.

     „Oh Marcus, er ist wundervoll.“

     „Wirklich?“

     „Ja, wirklich.“ Sie ließ die Schultern hängen. „Aber ich habe nichts für dich.“

     „Doch, dich und deine Liebe.“

     „Wirst du die Gummistiefel mir zuliebe tragen?“ Ihre Stimme klang etwas unsicher.

     Sofort zog Marcus seine Schuhe aus und schlüpfte in die einzigartigen Gummistiefel.

     Peta lachte leise. „Sie sind großartig, Marcus.“

     „Weißt du eigentlich, dass ich mich zuerst in deine nackten Zehen verliebt habe?“

     Erstaunt sah sie ihn an. „Wieso das denn?“

     „Du hast die erotischsten Zehen, die ich je gesehen habe.“

     „Marcus …“

     „Hm?“

     „Küsst du mich? Oder soll ich dich küssen?“

     „Na ja, das wird jetzt problematisch.“

     „Wieso?“

     „Ich habe Angst vor dem allzu Märchenhaften.“ Er blickte auf seine farbenprächtig geschmückten Füße. „Vielleicht verwandle ich mich in einen Frosch, wenn ich dich küsse?“

     „Lass es uns wagen“, flüsterte sie. „Wir versuchen es einfach. Und falls du dich in einen Frosch verwandelst, werde ich dich trotzdem immer lieben, das verspreche ich. Ich gehöre zu dir, Marcus, für immer.“

EPILOG

Eine Woche später waren sie auf dem Heimweg.

     Am Flugplatz führte Marcus Peta zu seinem Jet und dann die Gangway hoch. Oben angekommen, zog er Peta in die Arme und erstickte ihre Proteste mit seinen Küssen.

     Erst als der Jet die vorgeschriebene Flughöhe erreicht hatte, kam Peta wieder zu Wort. „Du hast mich hereingelegt, Marcus. Wie kannst du versprechen, nicht erster Klasse zu fliegen, und dann einen privaten Flieger nehmen?“

     „Wieso? Gefällt es dir nicht?“, fragte er gespielt empört.

     „Erster Klasse zu fliegen ist nichts dagegen.“

     „Ich weiß. Es geht nichts über die erste Klasse. Sie ist der Bereich im Flugzeug, wo die Sitzplätze mehr kosten, als sich normale Sterbliche leisten können. Aber der Sitz, auf dem du Platz genommen hast, ist einer für normale Menschen.“

     „Aber es ist dein Privatjet.“

     „Genau. Und du sitzt im Bereich der Touristenklasse. Am besten gewöhnst du dich schon einmal daran.“

     Peta wusste nicht, ob sie lachen oder empört sein sollte. „Was hast du denn für die Verschönerung der Gummistiefel bezahlt, Marcus?“

     „Ist das so wichtig?“

     „Ja.“

     Er lächelte. „Wir werden Gutes mit unserem Geld tun, mein Liebling. Wir werden in sinnvolle Projekte für Bedürftige investieren, vernünftige Dinge für die Farm und die Familie anschaffen, zum Nutzen der Kühe, der Hunde und unserer Kinder. Außerdem werden wir tun, was uns Spaß macht. Einfach so, nur für uns. Ich habe zu hart für mein Geld gearbeitet, um mir jeden Wunsch zu versagen. Zum Beispiel habe ich es mich etwas kosten lassen, Charles’ Mietverhältnis vorzeitig aufzulösen. So müssen weder du noch ich diesem Kerl noch einmal über den Weg laufen.“

     Peta war sprachlos.

     „Dabei tut mir der arme Mann beinahe leid“, sagte Marcus sanft. „Er merkt nicht, dass er sich selbst schadet. Vielleicht wäre es gut, wenn er auch sein Aschenputtel findet“, flüsterte er ihr ins Ohr. „Aber nicht meins. Meins ist bereits vergeben. Und was machen wir nun hier auf den schmalen Sitzen der Touristenklasse? Ich tue alles, damit du glücklich bist. Möchtest du mich küssen?“

     Marcus war wirklich unverbesserlich. Peta wollte ihn streng ansehen, doch es misslang. Stattdessen lachte sie. Und dann senkte Marcus den Kopf und küsste sie so lange, als sollte dieser Kuss nie enden.

     Irgendwann verstellten sie die Sitze in Liegeposition. Sie waren Mann und Frau, und sie liebten sich. Für immer.

     Sie flogen nach Hause in eine gemeinsame Zukunft – in den ungewöhnlichsten Gummistiefeln der Welt.

– ENDE –

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