Ich lege dir die Welt zu Füßen - 4. Kapitel

  1. KAPITEL

Rubys Anruf riss Marcus aus dem Tiefschlaf. Dabei wachte er normalerweise bei Sonnenaufgang auf und informierte sich als Erstes über die neuesten Entwicklungen auf dem Aktienmarkt. Aber er hatte lange wach gelegen und sich um Peta gesorgt.

     Ob sie in seinem Apartment schlafen konnte? Warum hatte er die Räume nicht wohnlicher gestaltet? Im Allgemeinen war es ihm egal, wie sein Apartment aussah. Er benutzte es zum Schlafen und Umziehen. Ruby sorgte dafür, dass jemand hinter ihm aufräumte, die Wohnung putzte und seine Kleidung reinigte. Gewöhnlich stellten ihm diese Unbekannten auch etwas zu essen in den Kühlschrank, obwohl er fast immer auswärts aß.

     Doch ehe er am Vorabend endlich eingeschlafen war, hatte er schon fast beschlossen, die Wohnung neu einrichten und streichen zu lassen. So ein Blödsinn! Bis die Arbeiten abgeschlossen waren, würde Peta längst wieder in Australien sein.

     Weshalb regte er sich über sein Apartment auf? Und wieso ging ihm Peta so sehr unter die Haut?

     Marcus Benson hatte unruhig geschlafen und schlecht geträumt. Als er sich am Handy meldete, klang er noch ganz verschlafen. „Hallo?“

     „Mr Benson?“, fragte Ruby.

     „Ja?“

     „Haben Sie sie aus dieser billigen Pension herausgeholt? Oder ist sie noch dort?“

     „Nein, sie ist in meinem Apartment.“

     „Tatsächlich?“ Ruby klang so interessiert, dass Marcus schmunzelte.

     „Ich bin im Club, Ruby.“

     „Ach so.“ Sie überlegte. „Im Club? Am anderen Ende der Stadt? Wie gemütlich.“

     „Weshalb wollten Sie mich sprechen, Ruby?“

     „Wegen der Hochzeit. Es gibt da ein Problem. Nicht mit der Trauung, das geht in Ordnung. Die Anwälte haben einen Standesbeamten gefunden, der Ihren Termin einschieben wird.“

     „Was macht Ihnen denn Kopfzerbrechen, Ruby?“

     „Sehe ich das richtig, dass Miss O’Shannassy morgen abfliegt?“

     „Ja.“

     „Und Sie bleiben hier?“

     „Was denn sonst?“

     „Ein richtiger Ehemann würde mit ihr fliegen“, antwortete Ruby nachdenklich.

     Marcus setzte sich im Bett auf. Diesen Ton kannte er. „Es ist doch keine richtige Ehe, Ruby!“

     „Das sehen die Anwälte anders, Mr Benson. Wenn das Testament eine Heirat zur Bedingung macht, muss sie echt wirken. Die Trauung und ein Stück Papier erfüllen den gewünschten Zweck nicht. Charles würde Ihre Ehe anfechten und Recht bekommen. Es sei denn, dass Sie bereit sind, etwas Zeit mit Ihrer Frau zu verbringen. Wenn Sie die junge Frau heiraten, muss es richtig sein.“

     „Richtig? Wie meinen Sie das?“

     „Ich habe mich mit Adam und Gloria beraten.“

     Adam und Gloria waren die führenden Köpfe der Rechtsabteilung der Benson Corporation.

     „Und zu welchem Schluss sind Sie und die beiden gekommen?“, fragte Marcus vorsichtig.

     „Dass Sie in Urlaub fahren sollten.“

     Er schwieg.

     „Haben Sie sich jemals Urlaub gegönnt, Mr Benson?“

     „Ich brauche keinen …“

     „Sie haben sich nur mit Geldverdienen beschäftigt, seit Ihre Mutter Sie im Alter von zwölf Jahren verlassen hat, Mr Benson.“

     Marcus fiel beinahe das Handy aus der Hand. „Woher, zum Teufel …?“

     „Dachten Sie, das wüsste ich nicht? Alle wissen es. Ihr Leben war ein Kampf, und das Einzige, womit Sie sich auskennen, ist, wie man viel Geld macht.“

     „Ruby!“

     Marcus und seine Assistentin unterhielten sich nie über Privates. Es war ihnen beiden lieber so. Aber an diesem Tag verstieß Ruby gegen alle Regeln.

     „Ich habe mich damals bei Ihrer Firma beworben, nachdem mein Mann und mein Baby bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind, Mr Benson“, erklärte Ruby. „Inzwischen gehe ich ganz in meinem Job auf. Ich habe mit der Liebe und dem Familienleben abgeschlossen. Aber Sie haben es noch nie versucht.“

     Ruby hatte Mann und Kind verloren? Warum hatte er, Marcus, nichts davon gewusst? Weil es ihn nichts anging. Auch Ruby hatte immer seine Privatsphäre respektiert.

     Warum jetzt nicht mehr? „Wollen Sie mir raten, mich zu verlieben, Ruby?“

     Sie lachte herzlich. Dabei lachte sie selten. Merkwürdig. Wie wenig kannte er diese Frau doch …

     „Wir erwarten keine Wunder“, antwortete Ruby. „Aber Adam, Gloria und ich sind der Meinung, dass wir hier eine Zeit lang ohne Sie zurechtkommen. Wenn Sie also eine rechtsgültige Ehe eingehen wollen, sollten Sie in Urlaub fahren, am besten nach Australien.“

     „Die paar Tage würden keinen Unterschied machen“, wandte Marcus ein.

     „Stimmt, ein paar Tage sind nicht genug. Zwei Wochen müssen es schon sein. Wir haben recherchiert. Der Fall Amerson gegen Amerson gilt als Präzedenzfall. Die Amersons haben geheiratet, sind zwei Wochen in die Flitterwochen gefahren und haben anschließend getrennt in verschiedenen Ländern gelebt und gearbeitet. Von dort aus haben sie einmal wöchentlich telefoniert und viele E-Mails verschickt. Dann kam er ums Leben, seine Frau sollte erben. Sein Bruder versuchte, die Ehe für ungültig erklären zu lassen und das Erbe für sich zu beanspruchen. Doch für den Richter galt die Ehe als rechtmäßig vollzogen. Darauf werden Sie sich also berufen können, Mr Benson. Zwei Wochen in Australien, danach gelegentlich ein Anruf und viele E-Mails. Das ist das Mindeste, was Sie tun müssen, oder Sie können die Sache vergessen.“

     „Zwei Wochen?“

     „Mindestens.“

     „Unmöglich. So lange kann ich nicht wegbleiben.“

     „Warum nicht? Sie ist ein nettes Kind.“

     „Sie ist was?“

     „Vergessen Sie’s, Mr Benson.“ Ruby legte auf.

     Marcus saß aufrecht im Bett. Er war völlig verwirrt und fühlte sich wie vor den Kopf geschlagen.

     Am besten mache ich alles rückgängig, solange es noch nicht zu spät ist, überlegte er.

     Aber dann sah er wieder die Unterkunft vor sich, aus der er Peta am Vortag herausgeholt hatte. Und er dachte daran, wie Peta seine Hände ergriffen und ihn geküsst hatte.

     Zwei Wochen Urlaub. Warum eigentlich nicht?

„Asche zu Asche. Staub zu Staub.“

     Peta stand in der Friedhofskapelle und hörte dem Pastor zu, der die Abschiedsworte für Hattie sprach. Natürlich war Charles nicht da. Peta hatte ihn schon immer verabscheut, aber dass er noch nicht einmal zur Beerdigung seiner Mutter kam …

     Arme Hattie. Wie schrecklich, dass sie so weit weg von ihrer geliebten Gemeinde beerdigt wurde. Und dass sie, Peta, einen Fremden heiraten musste, um ihr Erbe zu schützen. Einen Mann, dessen Motive sie nicht verstand. Er hatte seltsame Gefühle in ihr ausgelöst. Aber jetzt, bei Tageslicht, war sie der Meinung, dass diese Gefühle vermutlich durch den Schock und die Schmerztabletten ausgelöst worden waren. Ihre Erinnerung an Marcus war in diesem Moment eher verschwommen.

     Während er die letzten Worte sprach, blickte der Pastor Peta freundlich an. Er spürte, dass sie von der kurzen, schlichten Zeremonie enttäuscht war. Leider konnte er daran nichts ändern. Schließlich hatte er noch mehr Termine an diesem Vormittag.

     Irgendwann verschwand der Sarg hinter einem dicken Vorhang. Es war vorbei.

     „Sie hätte sich sicher gefreut, dass du gekommen bist.“

     Beim Klang der vertrauten Stimme zuckte Peta zusammen. Marcus legte ihr den Arm um die Schulter. Vermutlich wäre er überrascht gewesen, wenn er geahnt hätte, wie nahe Peta daran war, den Kopf an seiner breiten Brust zu bergen und ihren Tränen freien Lauf zu lassen. Marcus eine verschwommene Erinnerung? Was für ein Irrtum.

     „Was machst du denn hier, Marcus?“

     „Als ich in mein Apartment zurückkam, warst du schon weg. Dann rief Ruby an und erzählte, wie früh die Beerdigung angesetzt war. Es tut mir leid, dass ich nicht rechtzeitig kommen konnte.“

     „Aber warum hättest du dabei sein sollen?“

     „Vielleicht zur Unterstützung? Dazu sind Ehemänner doch da.“ Er lächelte.

     Dieses Lächeln wäre Peta beinahe zum Verhängnis geworden.

     „Du hast deine Tante geliebt.“ Das war eine Feststellung, keine Frage.

     Peta nickte.

     „Ich habe mich ein bisschen umgehört.“ Marcus warf einen Blick auf den Vorhang. Dahinter rumpelte es leise. Vermutlich wurde gerade der Sarg entfernt, um für den nächsten Platz zu machen. „Anscheinend ist deine Tante erst in die Staaten zurückgegangen, als sie schon krank war“, stellte er fest. Offenbar wollte er sich vergewissern, ob er richtig informiert war.

     „Australien war ihre Heimat, aber Charles wollte, dass sie in New York starb.“

     „Warum?“

     „Das kannst du dir doch denken. Kaum hatten die Ärzte die Diagnose gestellt, dass Hattie nur noch kurze Zeit zu leben hatte, flog Charles nach Australien. Er drängte Hattie, mit ihm zu kommen. Vermutlich war sie dankbar, dass er endlich Notiz von ihr nahm, und wäre mit allem einverstanden gewesen. Jedenfalls flog sie mit. Ich habe sie regelmäßig angerufen. Immer behauptete sie, es gehe ihr gut und sogar wieder etwas besser. Dann nahm sie das Telefon nicht mehr ab, und Charles ließ sich immer entschuldigen. Ich habe mir mehr und mehr Sorgen gemacht. Als ich es nicht mehr aushielt, bin ich kurz entschlossen hergekommen.“ Dass sie für den Flug die gesamten Ersparnisse ausgegeben hatte, verschwieg sie.

     „Hat Charles nicht gut für sie gesorgt?“

     „Nein. Als Australierin war Hattie hier nicht krankenversichert und bekam keine ärztliche Versorgung. Charles hat sie in ein billiges Pflegeheim abgeschoben. Sie war froh, mich zu sehen, aber auch schon sehr verwirrt. Ich habe sofort einen Arzt kommen lassen, doch es war zu spät. Eine Woche später ist sie gestorben.“

     „Nachdem sie das Testament zugunsten ihres Sohnes geändert hatte.“

     „Es war ihr gutes Recht.“ Wie verloren blickte Peta in die Ferne. Sie war so traurig, dass sie es kaum noch ertragen konnte.

     „Ich glaube fast, dass ich unsere Hochzeit genießen werde“, begann Marcus, doch nach einem Blick auf Petas verzweifelte Miene beschloss er, das Thema zu wechseln. Um Charles würde er sich später kümmern, mit dem größten Vergnügen.

     „Lass uns essen gehen.“

     „Nein, danke.“ Peta straffte sich.

     Marcus musterte sie forschend. „Hast du Angst vor mir? Das ist keine gute Basis für eine Ehe.“

     „Nein, ich kenne dich ja kaum. Aber auch das ist keine gute Grundlage für eine Ehe.“

     „Stimmt.“ Er verstummte. „Genau das ist das Problem.“

     „Es gibt ein Problem?“

     „Ja, leider.“

     „Na gut, dann …“ Peta warf einen Blick auf den Vorhang. Hattie war tot, die Trauerfeier vorbei. Meine Zukunft vermutlich auch, dachte Peta. Sie hatte sich ja gleich gedacht, dass Marcus’ Lösungsvorschlag für ihre Probleme eine dumme Idee war. Peta straffte sich. „Okay. Du brauchst es mir gar nicht zu erklären. Ich fliege morgen nach Hause, und du hast sicher genug zu tun. Vielen Dank, dass du hergekommen bist. Und danke für die Unterkunft gestern Nacht.“ Sie zögerte. „Ich bin dir wirklich sehr dankbar. Ich habe jemanden gebraucht.“

     „Ja, irgendjemanden“, stimmte Marcus zu.

     Sie lächelte. „Du warst ein netter Helfer.“

     „Vielen Dank für das Kompliment.“

     „Gern geschehen. Ich bekomme schließlich nicht jeden Tag einen Heiratsantrag von einem Mann, der so gut aussieht wie du.“

     Peta reichte Marcus die Hand zum Abschied. Sie musste schnell hier weg, ehe sie doch noch die Fassung verlor. Ihr wurde alles etwas zu viel: erst die Einsamkeit in dem fremden Land, dann Charles’ Herzlosigkeit und schließlich die verrückte Hoffnung, dass Marcus einen Ausweg aus ihrem Dilemma wüsste …

     „Auf Wiedersehen.“ Peta wandte sich ab.

     Doch Marcus ließ ihre Hand nicht los. Er drehte Peta zu sich um und zwang sie, ihn anzusehen. „Ich stehe natürlich zu meinem Angebot.“ Er lächelte. „Ruby sagt, ich könnte dich heiraten.“

     „Brauchst du die Erlaubnis deiner Assistentin?“

     Marcus zog die Tür der Kapelle hinter sich zu. „Nein, aber ihre Hilfe. Ruby erledigt die Formalitäten und erkundigt sich, was wir brauchen. Ich habe sie gebeten, unseren Anwälten das Testament vorzulegen. Wenn wir wegen des Testaments heiraten, sollten wir sicher sein, dass auch der Zweck erfüllt wird, damit nicht alles umsonst war.“

     „Alles umsonst?“, wiederholte sie tonlos.

     „Die Anwälte glauben, dass Charles unsere Ehe für ungültig erklären lassen kann, wenn du morgen abreist und ich hier bleibe.“

     „Was bedeutet das konkret?“ Sie sah ihn mit großen Augen an. „Müssen wir die Ehe vollziehen?“

     Marcus lächelte. „Nein, das nicht unbedingt“

     „Welch ein Glück!“

     „Komisch, ich hatte mir schon gedacht, dass du so reagieren würdest.“

     Peta lächelte. Es war ein schwaches Lächeln, aber immerhin. Zum ersten Mal an diesem Tag entspannte sie sich etwas, und das hatte sie Marcus zu verdanken. Selbst wenn sein Plan undurchführbar sein sollte, hatte er sie aufgeheitert und ihr das Gefühl vermittelt, dass sich wenigstens ein Mensch für sie interessierte.

     „Wir vollziehen die Ehe also nicht. Aber was dann?“

     „Ruby meint, wir müssten in die Flitterwochen fliegen. Damit die Ehe als legal gilt, müssen wir zwei Wochen zusammen verbringen. Ich habe gerade nach drei Jahren Vorarbeit ein Geschäft abgeschlossen und kann etwas Urlaub brauchen. Wenn du magst, begleite ich dich nach Australien.“

     Sie sah ihn verblüfft an. „Das ist ein Scherz.“

     „Ich scherze nie.“

     „Du willst mit zu mir nach Hause kommen?“

     Wieder lächelte er. „Ist die Vorstellung so schrecklich?“

     „Ich will dich nicht.“

     „Und so was nennt sich Dankbarkeit.“

     „Tut mir leid.“ Peta schüttelte fest den Kopf. „Ich will keinen Ehemann.“

     „Umso besser, denn ich will keine Ehefrau.“ Marcus zuckte die Schultern. „Aber da ich nun mal angeboten habe, dich zu heiraten, können wir die Sache auch wie geplant durchziehen. Ich bin noch nie in Australien gewesen.“

     „Du kannst dir doch nicht einfach zwei Wochen freinehmen. Noch dazu wegen einer Fremden.“

     „Doch, das kann ich. Ich möchte auch mal ausspannen.“

     „Meinst du … Planst du eine Rundreise?“

     „Ruby meint, ich müsse auf deiner Farm wohnen.“

     „Möchtest du das denn?“

     „Nein.“

     „Na bitte. Dann …“

     „Aber ich werde es tun, wenn es sein muss.“

     „Nein, danke, Marcus. Das ist mir zu viel. Ich würde mich dir gegenüber viel zu sehr verpflichtet fühlen.“

     „Das verstehe ich. Wenn du die Farm behalten willst, musst du allerdings deinen Stolz vergessen und akzeptieren, dass ich dir helfen will und keine Gegenleistung erwarte.“ Er lächelte. „Außer vielleicht einem kleinen Heiligenschein für mein tugendhaftes Verhalten. Aber den verstecke ich dann unter dem Hut. Versprochen.“ Er nahm ihre Hände und sah Peta tief in die Augen.

     Sie las Mitgefühl und Unbeugsamkeit in seinem Blick.

     „Bist du stark genug, mein Angebot anzunehmen, Peta? Ich weiß, wie schwer es ist, etwas anzunehmen. Aber dir bleibt nichts anderes übrig.“

     Sollte sie sich wirklich von einem Fremden so abhängig machen? Das war verrückt. Aber sein Blick schien die Bitte auszudrücken: Vertrau mir, lass mich die Sache in die Hand nehmen.

     Und Peta, die bisher jede Krise allein gemeistert hatte, fand die Idee verführerisch. „Knüpfst du wirklich keine Bedingungen daran?“

     „Überhaupt keine. Ehrenwort.“

     „Dafür stricke ich dir zu Weihnachten ein Paar Socken.“

     „Das ist aber nett von dir.“

     Peta verschluckte sich beinahe. „Du kennst meine Strickkünste nicht.“

     „Aber du nimmst an?“

     „Was bleibt mir anderes übrig? Dabei hasse ich es, dankbar sein zu müssen. Ja, du wirst dich wohl an meine Socken gewöhnen müssen.“

     Daraufhin führte Marcus Peta ins nächstgelegene Café und bestellte Frühstück für zwei. Peta hatte keine Einwände und aß sogar etwas. Nach einer Weile merkte sie, dass Marcus sie so aufmerksam betrachtete, als versuchte er, sich über etwas klar zu werden.

     „Was ist eigentlich mit deinen Eltern passiert?“, fragte er schließlich.

     „Meine Mutter starb bei Harrys Geburt. Mein Vater wurde zwei Jahre später von seinem Trecker überrollt.“

     „Und seitdem versorgst du die Familie und trägst die Verantwortung.“

     „Hattie war auch noch da.“

     „Hat Hattie für euch gesorgt?“

     „Nein. Ich war damals schon sechzehn und kannte mich mit der Arbeit auf der Farm aus. Aber ich habe Hattie geliebt und hätte es ohne sie nicht geschafft. Hattie hatte Arthritis.“

     Marcus überlegte. „Das heißt, du hast mit sechzehn eine Farm und die Verantwortung für vier Kinder übernommen. Wie alt war das Älteste damals?“

     „Daniel? Elf.“

     „Und dein Cousin Charles?“

     „Er ist viel älter als ich und hat der Farm schon den Rücken gekehrt, als mein Vater noch lebte. Wir bekamen ihn nur zu sehen, wenn er Geld brauchte.“ Peta presste die Lippen zusammen. „Hattie hat Charles nicht durchschaut. Obwohl er inzwischen erfolgreich war, hat er sie immer wieder um Geld gebeten.“

     Marcus wollte jetzt nicht über Charles sprechen. „Du warst also sechzehn und gingst vermutlich noch zur Schule.“

     „Auf die Schule habe ich gern verzichtet. Ich liebe meine Arbeit auf der Farm.“

     „Du meinst, du hast die Schule verlassen müssen.“

     „Ja, stimmt“, gab sie ehrlich zu.

     „Und jetzt?“

     „Jetzt führe ich erfolgreich eine Farm.“

     „Helfen dir die Jungen?“

     „Ja, in den Ferien. Daniel und Christopher studieren, William besucht ein Internat für Hochbegabte. Daniel wird Tierarzt und Christopher Jurist. William ist ein Genie. Er hat wegen seiner herausragenden schulischen Leistungen ein Stipendium bekommen.“

     „Also musst du außerhalb der Ferien alles allein schaffen, oder?“, fragte Marcus betroffen.

     „Ich habe doch Harry.“ Bei der Erinnerung an ihr Nesthäkchen strahlte Peta über das ganze Gesicht. „Harry ist fantastisch. Du wirst ihn mögen. Oh.“ Verwirrt verstummte sie. „Ich meine, du würdest ihn mögen. Aber du musst ihn ja nicht kennenlernen.“

     „Natürlich muss ich das. Das haben wir doch längst besprochen. Wo ist Harry jetzt?“

     „Sie haben ihn in Daniels College geschmuggelt.“ Peta zögerte. „Er war so unglücklich wegen meiner Reise. Immerhin ist er erst zwölf. Wir dachten, er würde die Zeit besser überstehen, wenn er bei seinem Bruder ist. Und die Jungen passen gut auf ihn auf. Aber es wird höchste Zeit, dass ich nach Hause fahre.“

     „Ja, das scheint mir auch so.“ Marcus betrachtete sie beunruhigt. „Du trägst also seit Jahren eine viel zu schwere Last auf deinen …“

     „Moment mal. Es geht doch um meine Brüder.“ Marcus’ erstaunter Tonfall gefiel ihr gar nicht. „Was würdest du denn an meiner Stelle tun?“

     Keine Ahnung, dachte Marcus. Er fühlte sich außerstande, sich in ihre Situation hineinzuversetzen.

     Er wird es sich anders überlegen, dachte Peta plötzlich. Welcher Mann würde sich schon freiwillig eine solche Verantwortung aufbürden?

     Doch Marcus lächelte. Über Petas Schulter hinweg hatte er Ruby entdeckt. Sie stand vor dem Café auf dem Bürgersteig und winkte ihm zu.

     „Was ich tun würde? Das wirst du sehen.“ Marcus klang beinahe fröhlich. Er winkte Ruby herein. „Das kann ich dir sagen, Peta: Ich werde dich jetzt Ruby übergeben, damit sie aus dir eine echte Braut macht. Ich muss noch einiges erledigen, ehe ich in Urlaub fahren kann. Dann heirate ich dich und begleite dich nach Australien, für zwei Wochen und unter zwei Bedingungen.“

     „Und die wären?“

     „Zwinge mich nicht, eine Kuh zu melken, und verlange nicht, dass ich auf den Zwölfjährigen aufpasse.“

Marcus war es gewohnt, seinen Willen durchzusetzen, aber Ruby erwies sich als noch willensstärker. Sie schickte Marcus zurück ins Büro und erzählte dann Peta, was sie mit ihr vorhatte. Ruby träumte von einer weißen Hochzeit. Dabei sollte sie schon in vier Stunden stattfinden.

     „Ich kann doch in dem Outfit heiraten, das ich anhabe“, protestierte Peta.

     „Das kommt nicht infrage. Die Frauen stehen Schlange, um Marcus Benson zu heiraten, und Sie wollen in einem ganz normalen Outfit zum Standesamt gehen?“ Rubys Lächeln nahm ihren Worten die Spitze. „Mr Benson tut Ihnen einen großen Gefallen. Wenn Sie sein Angebot akzeptieren, sollten Sie es stilvoll tun.“

     Das klang einleuchtend, doch Peta musste erst ihren Stolz hinunterschlucken, ehe sie sich an den Gedanken gewöhnte. „Ich bin völlig pleite“, gestand sie dann.

     Ruby zögerte. „Mr Benson hat mir einen Scheck für Ihr Hochzeitskleid gegeben und mir geraten, es Ihnen lieber schonend beizubringen“, gestand sie. „Leider weiß ich nicht, wie ich das bewerkstelligen soll. Ich kann nur wiederholen, dass Sie allen Beteiligten einen Gefallen tun, wenn Sie das Angebot annehmen.“

     Immer kam Marcus mit Geld! Peta atmete tief durch. „Aber ich habe ihm doch ausdrücklich gesagt …“

     „Ja, das haben Sie. Er hat mir gestern erzählt, wie sehr er Sie verletzt hat. Er hätte nicht versuchen sollen, Sie wie eine Prominente zu kleiden. Aber Sie haben sich erfolgreich gewehrt und einen Kompromiss durchgesetzt.“

     „Ich habe …“

     „Ich hätte mich genauso verhalten“, unterbrach Ruby sie. „Und ich rechne es Ihnen hoch an. Aber ein teurer Hosenanzug und ein Hochzeitskleid sind zwei ganz verschiedene Dinge.“

     „Das sehe ich …“

     „Sie können ihn guten Gewissens heiraten“, sagte Ruby sanft. „Marcus Benson wird auf keinen Fall eine andere heiraten.“

     „Trotzdem kann ich sein Geld nicht annehmen“, erwiderte Peta verzweifelt.

     Ruby drückte ihr die Hand. „Doch, das können Sie, weil Sie Mr Benson damit einen Gefallen erweisen.“

     „Das ist doch lächerlich“, protestierte Peta. „Ich weiß nichts über diesen Mann, und er kommt einfach daher und will mir vorschreiben, was ich tun und wie ich leben soll.“

     „Nein, er setzt sich nur zum ersten Mal in seinem Leben für jemanden ein.“

     „Ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden.“

     „Sie wissen wirklich nichts über ihn?“

     „Er hat mir nur wenig erzählt, hauptsächlich von seiner Mutter. Aber selbst wenn seine Mutter ihr Leben verpfuscht hat, heißt das noch lange nicht, dass Marcus für immer allein leben muss.“

     „Wissen Sie, dass Mr Benson aus ärmlichen Verhältnissen stammt?“, fragte Ruby.

     Peta sah sie verblüfft an. „Ja, das hat er erwähnt.“

     „Hat er auch erzählt, wie er seinen ersten selbst verdienten Dollar investiert hat?“ Ruby sah sich vorsichtig in dem Café um, ehe sie weitersprach. Marcus’ halb leere Kaffeetasse stand noch auf dem Tisch.

     Seltsam, es kommt mir so vor, als säße er noch neben mir, dachte Peta.

     Aber das war natürlich albern.

     „Mr Benson weiß, wie man Geld macht. Darauf versteht er sich wirklich gut. Einer seiner Stiefväter hat ihm damals einen Computer gekauft, und damit hat alles angefangen. Marcus Benson hat schon per Internet Geld investiert, als andere noch nichts von dieser Möglichkeit wussten. Aber seine Vergangenheit konnte er nicht abschütteln. Als Kind ist er vernachlässigt worden, seine Mutter verließ ihn, als er zwölf war. Von da an war er sehr allein. Sicher war er kein einfaches Kind. Als ihn schließlich seine letzte Pflegefamilie an die Luft setzte, ging er in die Armee. Ich habe keine Ahnung, warum. Vielleicht hoffte er, dass die Armee ihm die Familie ersetzen würde. Oder er hatte keine Lust mehr zu leben.“

     „Wie schrecklich, Ruby!“

     „Genauso schrecklich wie sein Leben als Soldat. Mr Benson ahnt nicht, dass ich davon weiß. Darrell, ein ehemaliger Sergeant aus Mr Bensons Regiment, wollte ihn besuchen, als Mr Benson gerade nicht in New York war. Wir sind essen gegangen, und er hat mir erzählt, dass Mr Benson anfangs immer gut gelaunt und kontaktfreudig war. Je mehr Tote er sah, desto schweigsamer wurde er. Irgendwann geriet sein Bataillon in einen Hinterhalt und wurde fast ganz ausgelöscht. Für Mr Benson war es das Ende. Er spricht nie darüber, kapselt sich aber von anderen Menschen ab. Seit er aus dem Krieg zurückgekehrt ist, hat er sich ausschließlich darauf konzentriert, sein Wirtschaftsimperium aufzubauen. Das verschafft ihm großes Ansehen, aber mehr auch nicht. Und jetzt sind Sie da.“

     Peta sah Ruby fragend an. Diese freundliche Frau machte sich offensichtlich Sorgen um ihren Chef. „Was soll das heißen, jetzt sei ich da?“

     „Sie sind ihm wichtig“, antwortete Ruby. „Zum ersten Mal, seit ich Mr Benson kenne, nimmt er einen anderen Menschen wahr. Außerdem macht er sich Gedanken darum, wie es Ihnen geht. Sogar heiraten will er Sie. Sie sind die einzige Braut, die Marcus Benson je haben wird. Dass Sie planen, nur zwei Wochen verheiratet zu sein, ändert nichts daran. Überlegen Sie es sich, Peta. Wollen Sie sein Angebot annehmen und ihm eine echte Braut sein? Könnten Sie es sich vorstellen, diese Rolle überzeugend zu spielen?“

     „Aber wie denn? Und warum?“

     Ruby nahm Petas Hand. „Ich weiß nur, dass Mr Benson bereit ist, seiner Firma für zwei Wochen den Rücken zu kehren. Mir scheint, er hat sich darauf eingelassen, sich stattdessen ein bisschen um Sie zu kümmern. Sie könnten ihn dafür entschädigen, indem Sie ein Vergnügen daraus machen.“

     „Ein Vergnügen?“

     „Gönnen Sie sich etwas Spaß.“ Ruby lächelte. „Ich vermute, Sie haben beide ein Problem damit. Es ist nicht verboten, sich zu amüsieren. Und was mich betrifft … Wissen Sie, Mr Benson hat mir gerade einen Scheck über einen hohen Betrag überreicht, damit ich die Hochzeit ausrichte.“ Sie verstummte und blickte wehmütig in die Ferne. „Ich hatte eine Tochter, sie hieß Amy“, flüsterte sie. „Wenn Amy noch lebte, wäre sie jetzt ungefähr so alt wie Sie. Vielleicht würde ich dann ihr ein Hochzeitskleid kaufen.“

     Peta blickte sie erstaunt an. „Dann möchten auch Sie sich eine kleine Freude gönnen?“, fragte sie vorsichtig.

     „Normalerweise kümmere ich mich nur um mich selbst, und das ist nicht immer lustig. Aber heute … Vielleicht können wir heute und in den nächsten zwei Wochen zur Abwechslung unvernünftig und lebenslustig sein.“ Jetzt sah sie Peta beinahe flehend an. „Am liebsten würde ich Sie für einige Stunden in eine bezaubernde, märchenhaft schöne Braut verwandeln. Wir könnten der Welt zeigen, wie eine Braut aussehen sollte.“ Ihre Augen funkelten vergnügt. „Und ich würde gern Mr Charles Higgins eine Einladungskarte schicken, mit dem Vermerk ‚dringend‘.“

     Charles? Peta nutzte die Chance, das Thema zu wechseln. „Mögen Sie ihn auch nicht?“

     „Ich kann den Mann nicht ausstehen.“ Ruby stand auf und sah Peta herausfordernd an. „Was halten Sie von meinem Vorschlag? Sind Sie bereit, Ihre Bedenken zu vergessen und Spaß zu haben?“

     „Sie meinen, ich soll die Braut spielen? Mit allem Drum und Dran?“

     „Ja, das wäre fantastisch“, gab Ruby zu. „Mr Benson kann es sich leisten. Der Betrag, über den er den Scheck ausgestellt hat, ist für ihn nur ein Taschengeld. Mit dieser Summe in weniger als vier Stunden eine richtige Hochzeit auszurichten wäre mal etwas anderes. Und Spaß macht es auch.“

     Peta verstand die Welt nicht mehr. Träumte sie vielleicht? Jedenfalls war ihr die Kontrolle über die Situation entglitten. Warum sollte sie nicht einfach nachgeben und Spaß haben?

     „Eine Braut in Weiß“, flüsterte sie.

     „Einverstanden? Wunderbar!“ Ruby strahlte. „Ich weiß, wo wir alles bekommen.“

     „Die Idee ist verrückt, Ruby. Marcus wird die Flucht ergreifen, wenn er mich sieht.“

     „Nein, bestimmt nicht. Mr Benson hält seine Versprechen.“ Ruby lächelte. „Lassen Sie mich nur machen, Peta. Der Sergeant wohnt eine halbe Stunde von hier entfernt. Darrell wird Trauzeuge sein. Ist das okay? Ich könnte wetten, dass Charles kommt. Er wird fest davon überzeugt sein, dass es sich um eine Farce handelt. Stattdessen wird er eine wunderbare Hochzeit mit einer Braut in Weiß und allen Schikanen erleben.“

     „Meinen Sie wirklich, Ruby?“

     „Ja, ich finde, wir ziehen die Sache durch. Warum denn nicht?“

     „Mir fallen tausend Gründe dagegen ein.“

     „Ist auch nur einer dieser Gründe wichtiger, als ein bisschen Spaß zu haben?“ Sie verließen das Café. „Genießen Sie doch einfach, was das Leben Ihnen bietet, Peta! Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.“

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