Ich lege dir die Welt zu Füßen - 6. Kapitel

  1. KAPITEL

Er fuhr mit ihr zum Central Park.

     Robert setzte sie an der Grand Army Plaza ab, als gerade eine Kutsche vorfuhr, gezogen von zwei wunderschönen Grauschimmeln.

     Marcus winkte den Kutscher herbei. „Sind Sie frei für eine kleine Rundfahrt?“

     Der Mann strahlte. „Möchten Sie und die Dame mitfahren?“

     „Genau. Wir wollen den Central Park sehen. Wie lange es dauert, spielt keine Rolle.“

     „Tja …“ Der Kutscher lächelte und kratzte sich umständlich am Kopf. Eine ganze Schar Schaulustiger sammelte sich um die Kutsche und bestaunte das schöne Brautpaar.

     „Steigen sie ein“, sagte der Kutscher. Er zog die Zügel an und schnalzte mit der Peitsche. „Auf geht’s. Bieten wir den beiden einen denkwürdigen Nachmittag. Und weil heute ihr Hochzeitstag ist, machen wir ihnen sogar einen Spezialpreis.“

     Für Peta vergingen die folgenden Stunden wie im Fluge. Sie tauchte in eine Traumwelt ein, in der sie schön und begehrenswert war und geliebt wurde. Sie trug ein traumhaft schönes Kleid, fuhr in einer Kutsche, die von zwei Grauschimmeln gezogen wurde, die Menschen winkten ihnen zu …

     Ab und zu stiegen sie aus, weil Marcus Peta etwas zeigen wollte. Wenn ihr Knöchel sie behinderte, hob er sie hoch und trug sie, ohne auf Petas Proteste zu achten. Wann immer sie anhielten, waren Touristen um sie her und machten Fotos von ihnen.

     Es war schon kurz vor sechs, als Marcus spürte, dass seine Braut genug hatte. Er bat den Kutscher, sie zu einem Restaurant zu fahren, das bekannt war für seine exzellente Küche. Immer noch in Hochzeitskleidung, wurden sie an den besten Tisch des Hauses geführt.

     Peta trank erlesenen Wein und aß Gerichte, von denen sie noch nie etwas gehört hatte. Sie war erschöpft, aber glücklich. Wie schon am Nachmittag sprach sie nur wenig und nahm alles in sich auf.

     Als der Ober ihnen Kaffee servierte und Peta sich einmal mehr sagte, dass all das irgendwann zu Ende sein würde, begann eine vierköpfige Band wunderschöne sanfte Musik zu spielen.

     Marcus stand auf und sah Peta fragend an.

     „Möchtest du tanzen?“

     Ihr Herz pochte plötzlich viel zu heftig. „Das kann ich doch nicht. Mein Knöchel …“

     „Vertrau mir einfach, und lehn dich an mich. Heute Abend ist alles möglich.“

     Peta erhob sich, und Marcus zog sie fest in seine Arme. Er hob sie leicht an, sodass sie ihren Knöchel kaum belasten musste. Sie waren das einzige Paar auf der Tanzfläche. Die Band stimmte prompt den Hochzeitswalzer an.

     Das war zu viel für Peta. Sie fing an zu lachen und barg das Gesicht an Marcus’ Schulter.

     „Darf ich fragen, was dich so amüsiert?“ Er führte sie geschickt über die Tanzfläche, und wie von selbst folgten ihre Füße. Peta, die bisher weder Zeit noch Gelegenheit gehabt hatte, tanzen zu lernen, schien instinktiv zu wissen, was sie zu tun hatte.

     „Wenn die wüssten, dass wir ihnen nur etwas vormachen“, flüsterte sie Marcus zu, der sich bei ihren Worten versteifte. Aber nur für einen Moment. Dann begann er ebenfalls zu lachen. Es war ein tiefes, warmes Lachen, das von Herzen kam.

     „Es ist gut, dass wir uns dessen bewusst sind.“ Er betrachtete sie nachdenklich. „Außerdem werden wir uns die Illusion ja noch eine Weile bewahren. Denn statt den Märchenprinzen zurückzulassen, wird du mit ihm nach Hause fliegen.“

     Was will er damit andeuten? fragte sich Peta beunruhigt. Es hatte triumphierend geklungen, und das gefiel ihr gar nicht. Auf was hatte sie sich da eingelassen?

     Sie zog sich ein wenig zurück. „Wir wollen es doch nicht übertreiben.“ Entschlossen verdrängte sie alles Märchenhafte aus ihren Gedanken. „Diese Ehe ist nicht echt, sie existiert nicht wirklich.“

     „Natürlich nicht.“ Marcus tanzte weiter. Er drückte sie fest an sich. Halb tanzten sie, halb trug er sie. Ich halte sie nur, um ihren verletzten Knöchel zu entlasten, sagte er sich.

     Er will verhindern, dass mir der Knöchel wehtut, versuchte auch Peta sich einzureden. Nur deshalb schmiegte sie sich so eng an Marcus, dass sie das Gefühl hatte, ihre Körper wären zu einem verschmolzen.

     „Vielleicht sollten wir nach Hause fahren“, flüsterte sie.

     „Nach Hause?“

     „Ich meine, in dein Apartment. Jedenfalls ich. Und du fährst in den Club.“

     „Ich glaube, das geht heute Nacht nicht. Wir sind doch verheiratet.“

     „Na und?“

     „Man beobachtet uns. Soll die Presse erfahren, dass wir in unserer Hochzeitsnacht getrennt schlafen?“

     „Ja.“

     „Ich bin sicher, dass du das nicht ernst meinst, Peta.“

     Sie überlegte, obwohl ihr das Denken schwerfiel. Denn sie fühlte sich so lebendig, so anders als sonst. Neben diesen intensiven Gefühlen hatte nichts anderes mehr Platz.

     „Wegen Charles?“

     „Ja. Was denn sonst?“

     Natürlich. Es war eine dumme Frage gewesen.

     „Also meinst du …“ Sie nahm sich zusammen. „Wir sollten unter einem Dach schlafen.“

     „Das müssen wir sogar. Aber keine Sorge, die Couch im Wohnzimmer lässt sich in Sekundenschnelle in ein Gästebett verwandeln.“

     „Ich mache mir keine Sorgen.“ Weshalb auch, wenn sie sich so fühlte, als ob sie schwebte?

     „Du möchtest also nach Hause?“

     „Lass uns noch tanzen“, flüsterte sie.

     Marcus lächelte. „Gern.“

Robert fuhr sie nach Hause, und Marcus half seiner Braut aus dem Auto. Als sie stolperte, nahm er sie auf den Arm und trug sie ins Haus, in den Lift und bis zur Tür. Dann fiel die Wohnungstür hinter ihnen ins Schloss.

     Endlich waren sie allein. In der gedämpften Flurbeleuchtung schimmerten Petas Augen geheimnisvoll und irgendwie unschuldig. Marcus blickte sie fasziniert an. Sie war sehr begehrenswert und seine Frau. Wenn er wollte, konnte er sie jetzt küssen und …

     „Lass das“, forderte Peta ihn auf. Sie beugte sich so weit von ihm weg wie möglich. „Setz mich ab, Marcus.“

     „Ich dachte …“

     „Ich sehe dir an, was du denkst.“

     „Peta, wir …“

     „Ich habe es geahnt. Natürlich willst du etwas.“ Sie zappelte und wand sich hin und her, bis er sie auf die Füße stellte.

     „Nein.“

     Peta warf ihm einen wissenden Blick zu. „Willst du etwa behaupten, dass du nicht mit mir schlafen willst?“

     Natürlich würde er es gern tun. Dennoch antwortete er leise: „Ich habe dich nicht geheiratet, um dich in mein Bett zu zerren.“

     „Stimmt. Du wolltest mir einen Gefallen tun. Aber nachdem wir verheiratet sind …“

     „Wäre es eine Art Bonus“, gab er zu und lächelte.

     „Ich will nicht mit dir schlafen.“

     „Obwohl wir uns sehr zueinander hingezogen fühlen?“

     „Das ist normal zwischen Mann und Frau“, antwortete sie scharf. „Genau wie zwischen Kater und Katze, Ente und Erpel. Wenn du dich so elegant anziehst und mich auf Händen trägst wie heute den ganzen Tag, kommt man sich natürlich näher. Aber ich gehe auf gar keinen Fall mit dir ins Bett. Das ist ausgeschlossen.“

     „Wieso?“

     „Wenn ich mich in dich verliebe, bin ich verloren.“

     „Warum das denn?“

     „Die Antwort musst du selbst finden.“ Sie zog die weißen Sandaletten aus. „Wer nimmt die Couch?“

     „Du kannst das Bett haben.“

     „Okay. Dann bis morgen.“ Damit verschwand sie im Schlafzimmer.

     Marcus war völlig entgeistert.

In dieser Nacht konnten Peta und Marcus kein Auge zutun.

     Peta lag in Marcus’ bequemem Bett und betrachtete ihr Hochzeitskleid, das sie sorgfältig über einen Stuhl gelegt hatte. Es schimmerte geheimnisvoll im Mondlicht.

     Sie war verheiratet. Würde sie eines Tages in einer uralten Zeitschrift ihr Hochzeitsfoto entdecken, ein Foto wie aus einem Märchen? Konnte ihr Märchenprinz Kühe melken?

     Marcus jedenfalls konnte es nicht und wollte es auch nicht lernen. Das hatte er sogar zur Bedingung gemacht. Bei der Erinnerung daran musste Peta lachen. Dann beschloss sie zu schlafen. Morgen erwartete sie ein langer und anstrengender Tag.

     Doch Marcus lag nur ein Zimmer weiter, und er hatte mit ihr schlafen wollen.

     Willst du etwa mit ihm schlafen, um dich für seine Großzügigkeit zu revanchieren? Nein, aber …

     Du würdest also mit ihm schlafen, weil du ihn anziehend findest und weil er viele Gefühle in dir auslöst?

     Ja, warum nicht?

     Weil zwischen uns Welten liegen. Ich verdanke ihm viel, aber ich schulde ihm dafür nicht mein Herz.

     Immerhin liege ich in seinem Bett und trage seinen Namen. Wäre es nicht nett, auch noch den Mann dazu zu haben? Vielleicht wäre er …

     Hör auf zu träumen, Peta! Fahr nach Hause zu deinen Hunden, wenn du Gesellschaft suchst. Sei realistisch. Die Farm ist deine Zukunft. Was willst du mehr?

     Diese und andere Gedanken gingen ihr durch den Kopf. Manchmal war es wirklich schwer, realistisch zu sein.

Marcus blickte im Dunkeln an die Zimmerdecke. Und das war völlig uninteressant und geradezu langweilig. Genau wie er, auch er war uninteressant und langweilig.

     Doch dieser Tag war ganz anders gewesen als alle anderen Tage. Marcus hatte beinahe das Gefühl, das Leben sei doch lebenswert.

     Was für ein dummer Gedanke.

     Marcus rief sich all die Hochzeitsfeiern seiner Kindheit ins Gedächtnis. Jedes Mal hatte die Katastrophe schon begonnen, noch ehe der Hochzeitskuchen aufgegessen worden war.

     Welch ein Glück, dass Peta Wert auf Distanz legte. Sonst hätte er sie jetzt in den Armen gehalten.

     Und das wäre völlig verrückt.

     Wie hatte er sich nur auf so etwas einlassen können? Eine Ehefrau? Zwei Wochen in Australien? Plötzlich schien ihm die nahe Zukunft absurd. Er hatte sich von großen grünen Augen beeindrucken lassen wie damals seine Mutter.

     „Wenigstens glaube ich nicht an ein Happy End“, sagte er laut.

Ausgestreckt auf dem breiten Liegesitz in der ersten Klasse, der sich zum Schlafen waagerecht stellen ließ, kuschelte sich Peta in die flauschige Decke. Außer der Decke gab es ein weiches Kissen und über Kopfhörer sanfte Musik zum Einschlafen.

     Woher hatte Marcus gewusst, dass sie in der Economyklasse fliegen würde? Und was fiel ihm ein, einfach ihr Ticket ändern zu lassen? Andererseits war es wirklich bequem, und Marcus lag direkt neben ihr. Sie brauchte nur die Hand auszustrecken, um ihren Ehemann zu berühren.

     Aber natürlich tat sie es nicht. Dafür war Peta viel zu realistisch.

Ruby hatte Marcus abgeraten, in einem Privatjet zu fliegen. „Vergessen Sie nicht, wie sie auf die teuren Kleider reagiert hat. Ein Privatjet wäre in Petas Augen übertrieben.“

     „Deshalb soll ich auf Flughäfen herumsitzen, Schlange stehen …?“

     „Warum nicht? Das tut doch jeder normale Mensch auch.“

     „So etwas habe ich hinter mir.“

     „Dann tun Sie eben zwei Wochen lang so, als wären Sie noch ein normaler Mensch“, hatte Ruby vorgeschlagen.

     Und daher befand sich Marcus Benson nun in einem ganz normalen Flieger auf dem Langstreckenflug nach Sydney, mit fünf Stunden Aufenthalt in Tokio.

     Es war gar nicht so unbequem, wie er befürchtet hatte.

     Und es hatte Spaß gemacht zu beobachten, wie Peta über den Luxus der ersten Klasse staunte. Auch wenn sie sich sichtlich zurückhalten musste, um ihm keine Vorwürfe wegen der Geldverschwendung zu machen.

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