Im Schloss der Leidenschaft - 2. Kapitel

2. KAPITEL

Die Atmosphäre im Wagen war äußerst angespannt. Mit einem Mal verlor Jean-Claude jegliches Interesse an seinen Spielsachen und sah stattdessen von Luc zu Emily, während seine Unterlippe verdächtig zitterte.

     „Es ist alles in Ordnung, mein Schatz. Mama ist ja da. Niemand wird dir wehtun“, beruhigte sie ihn sanft und strich mit dem Finger über seine weiche Wange. Ihr Sohn schaute sie aus großen grauen Augen an. Seine Tränen trockneten, als er sie anlächelte. Steif und wütend saß Luc auf der anderen Seite des Kindersitzes.

     „Natürlich werde ich ihm nicht wehtun“, zischte er leise, damit Jean-Claude keine Angst bekam. „Für was für einen Barbaren hältst du mich eigentlich, wenn du glaubst, ich könnte meinen eigenen Sohn verletzen?“

     „Glaub mir, du möchtest sicher nicht hören, was ich von dir halte“, konterte Emily. „Gerade erst hast du versucht, ohne mich loszufahren. Meinst du wirklich, ein Baby den Armen seiner Mutter zu entreißen, würde es nicht verletzen?“

     „Sei nicht so melodramatisch“, entgegnete Luc. „Du warst ja nicht einmal bei ihm, sondern hast ihn sich selbst überlassen. Zu was für einer Art Mutter macht dich das wohl?“

     „Zu einer verdammt guten, und ich habe ihn nicht vergessen!“ Zitternd fuhr Emily sich mit der Hand übers Gesicht. „Er ist erst elf Monate, um Himmels willen. Was glaubst du wohl, wie er ohne mich zurechtkommen soll? Er braucht mich.“

     Schweigend musterte Luc sie. Sichtlich unbeeindruckt wanderte sein Blick über ihre schlanke Figur. Innerlich stöhnte sie und wünschte sich, sie trüge etwas anderes als den leuchtend orangefarbenen Zigeunerrock und das gelbe Trägertop. Ihr Haar hatte sie mit einem gelben Schal zu einem Pferdeschwanz gebunden, und an ihren Ohrläppchen baumelte ein Paar langer Silberohrringe, die einer der Künstler für sie gemacht hatte. Trendy und modern – so sah sie aus, und damit war sie das genaue Gegenteil der kultivierten eleganten Frauen, die Luc bewunderte. Frauen wie seine persönliche Assistentin Robyn Blake.

     „Du bist nicht so unersetzlich, wie du vielleicht glaubst“, entgegnete er eisig. „Er würde dich schnell vergessen, und statt einer Mutter wird er einen Vater haben. Dennoch“, fuhr er fort und ignorierte ihr ängstliches Gesicht, „sehe ich ein, dass es besser für Jean-Claude ist, wenn du eine Rolle in seinem Leben spielst, zumindest im Moment.“

     „Was soll das heißen?“

     „Das heißt, dass sich die Situation ändert, sobald er größer ist, aber im Moment ist er noch ein Baby und damit natürlich auf dich angewiesen. Einzig und allein aus diesem Grund habe ich mich entschlossen, dich zurückzunehmen“, teilte er ihr kalt und barsch mit. Vor Entsetzen weiteten sich Emilys Augen.

     „Nun, entschuldige bitte, dass ich vor Freude nicht ganz aus dem Häuschen bin, aber ich möchte nicht zurückgenommen werden. Ich bin mit meinem Leben, so wie es ist, sehr zufrieden – ohne dich. Um genau zu sein“, betonte sie, „war ich nie glücklicher.“ Während sie sprach, beging sie den Fehler, ihn anzusehen. Sofort entflammte ihr Körper vor Sehnsucht, der verräterischerweise seinen eigenen Gesetzen gehorchte. Sie wollte das nicht fühlen. Wollte nicht erneut von dieser unglaublichen, beinahe obsessiven sexuellen Anziehung überwältigt werden. Am meisten ärgerte sie, dass er ganz genau wusste, welche Macht er über sie hatte.

     „Ich bin sicher, mir fallen ein paar Dinge ein, mit denen ich dich zufriedenstellen kann“, meinte er mit einem so arroganten Lächeln, dass sie ihn am liebsten geschlagen hätte. „Wenn ich mich recht entsinne, hatte ich keine Probleme damit, dich zu Beginn unserer Ehe zu befriedigen, chérie. Nach einer Nacht in meinem Bett hast du mich immer an eine Katze erinnert, die den Sahnetopf ausgeschleckt hat.“

     Das Letzte, was sie in dieser Situation brauchte, war die Erinnerung an ihre vollkommene Schwäche ihm gegenüber. Ein Blick aus seinen funkelnden grauen Augen, und sie schmolz wie Wachs in seinen Händen. Doch bei seinem Aussehen und der natürlichen unverhüllten Sexualität, die er ausstrahlte, war es kein Wunder, dass er früher so auf sie gewirkt hatte. Inzwischen hatte sie sich längst von seinem Bann befreit und nicht vor, erneut verhext zu werden.

     Nach wie vor betrachtete Jean-Claude sie, und sein Lächeln rührte ihr Herz. Er wusste nichts von der Bitterkeit, die zwischen seinen Eltern herrschte – eine Bitterkeit, die noch wachsen würde, wenn sie tatsächlich gezwungenermaßen zusammenlebten.

     „Das alles ist doch vollkommen lächerlich“, erklärte sie. „Können wir nicht unserem Sohn zuliebe einen Waffenstillstand vereinbaren und uns auf eine einvernehmliche Scheidung einigen? Das Wichtigste ist doch, dass wir Jean-Claude die beste Kindheit geben, die möglich ist!“

     „Da stimme ich dir zu“, antwortete Luc, der sie nicht aus den Augen ließ. „Und genau deshalb wird es keine Scheidung geben. Unser Sohn verdient es, von zwei Eltern großgezogen zu werden, die ihn lieben, auch wenn sie einander nicht lieben“, führte er aus, ohne Emilys schockiertes Einatmen zu beachten. „Du wirst meine Frau bleiben, chérie, komme, was wolle. Und täusche dich nicht“, warnte er sie in einem Tonfall, der seine Entschlossenheit unterstrich, „es wird eine richtige Ehe sein, in jeder Hinsicht.“

     „Du erwartest doch nicht ernsthaft, dass ich … dass ich mit dir schlafe“, keuchte Emily, deren Zorn sie für einen Augenblick sprachlos machte, als sie die volle Bedeutung seiner Worte begriff.

     „Warum nicht? In unserer Ehe mag es Probleme gegeben haben, aber der Sex war immer gut. Du warst die leidenschaftlichste Liebhaberin, die ich je hatte“, meinte er nüchtern.

     „Ich würde mich eher umbringen, als mich noch einmal von dir anfassen zu lassen!“, fauchte sie und spürte ein Beben, wenn sie nur daran dachte, welche Demütigung es für sie hieße, sollte sie ihm gegenüber nachgeben.

     Immerhin kränkte sie mit dieser Antwort sein Ego. Denn er sog scharf die Luft ein, und ein Muskel tickte heftig unter seinem Auge, als er sie anstarrte.

     „Über solche Dinge macht man keine Witze, zumal wir beide wissen, dass du lügst“, stieß er grimmig hervor. Als sie die Bitterkeit in seinen Augen sah, zuckte sie erschrocken zurück. „Du magst dich in den Deckmantel jungfräulicher Schüchternheit hüllen, aber im Schlafzimmer warst du vollkommen zügellos. Nicht, dass ich mich darüber beklagen würde“, fügte er hinzu, während sie schmerzerfüllt den Blick von ihm abwandte. „Wegen Jean-Claude bin ich bereit, deine Gegenwart in meinem Leben hinzunehmen, aber dafür verdiene ich eine Entschädigung!“

     Auch er drehte seinen Kopf, sodass sie in der drückenden Stille, die dieser schockierenden Aussage folgte, nur sein Profil betrachten konnte. In einer Mischung aus Schmerz und Panik erkannte sie, dass er sie tatsächlich hasste. Mehr noch, er betrachtete sie als Feind. Einen kurzen Moment war sie versucht, sich einfach ihrer Furcht hinzugeben, doch dann erwachte in irgendeinem Winkel ihres Herzens ihr Stolz, und sie hob trotzig das Kinn.

     „Du willst mich doch gar nicht zurück, genauso wenig wie du mit mir und Jean-Claude die glückliche Familie spielen willst. Ich bin fest entschlossen, die Scheidung einzureichen, Luc, und ich werde mit Haut und Haaren um mein Kind kämpfen. Du wolltest ihn nie. Ich kann sogar beweisen, dass du während meiner Schwangerschaft zu sehr damit beschäftigt warst, mit deiner verdammten Sekretärin zu schlafen, als dass du dir um mich oder dein ungeborenes Kind irgendwelche Gedanken gemacht hättest. Es geht doch gar nicht darum, dass du Jean-Claude bekommst, oder?“ Auch wenn sein Kiefer sich verkrampfte und er so aussah, als wolle er ihr den Hals umdrehen, ließ Emily sich nicht beirren. „Hier geht es nur um deine Besessenheit zu gewinnen, um dein Verlangen, Macht zu demonstrieren. Du wolltest mich nicht, und irgendwann hättest du dich vermutlich von mir scheiden lassen, aber du kannst den Gedanken nicht ertragen, dass ich diejenige war, die dich verlassen hat. Und jetzt willst du dich rächen, indem du mir das Kind wegnimmst, von dem du nicht einmal wolltest, dass es geboren wird.“

     „Genug!“ Wie ein Peitschenhieb knallte seine Stimme durch die Luft, während er den Kopf zu ihr herumriss. „Mon dieu! Du hast die Zunge einer Hexe. Ich versuche, wirklich fair zu sein, was viel mehr ist, als du verdienst. Du hast meinen Sohn gestohlen. Wie ein Dieb in der Nacht hast du dich und ihn vor mir versteckt. Lass mich eines ein für alle Mal klarstellen, Emily“, stieß er hervor, „ich wollte unser Kind immer. Wie sehr habe ich mich danach gesehnt, unser Baby in den Armen zu halten, aber in all den Monaten hast du mir nicht einmal gesagt, dass er existiert. Wenn du unbedingt die Scheidung einreichen willst, kann ich dich nicht daran hindern, aber ich werde mit allen Mitteln, die mir zur Verfügung stehen, um Jean-Claude kämpfen, und finanziell sind das eine ganze Menge. Wenn du lieber einen Krieg willst, dann soll es eben so sein. Ich hoffe nur, du weißt, worauf du dich einlässt, denn ich werde diesen Krieg gewinnen.“

     Währenddessen rauschte der Wagen die Straße hinunter, viel zu schnell, um hinauszuspringen. Die weiche Lederausstattung, der livrierte Chauffeur und die diskrete, aber gut gefüllte Bar deuteten allesamt auf einen Reichtum hin, der aus jedem gerichtlichen Streit Zeitverschwendung machte. Natürlich arbeiteten die besten Anwälte für Luc. Wenn er wirklich das legale Sorgerecht für Jean-Claude wollte, tendierten Emilys Chancen gegen null. Zumindest im Moment schien sie keinerlei Handlungsspielraum zu haben. Wie üblich hatte Luc gewonnen.

     „Deine Grausamkeit ist grenzenlos“, flüsterte sie, woraufhin er nur lachte.

     „Dass du mir Grausamkeit vorwirfst, wo du doch meinen Sohn gestohlen hast, Emily, ist unglaublich! Ich verzeihe nicht leicht, und das werde ich dir niemals verzeihen.“

     Zum zweiten Mal schockierte und überraschte sie die kaum verhüllte Bitterkeit in seiner Stimme. Nur ganz allmählich legte sich ihre Panik etwas, während sie sich in Gedanken den hektischen Flughafen vorstellte. Vermutlich wollte Luc nach England fliegen, aber er konnte sie und Jean-Claude kaum an Bord zwingen. Sicher würde sie eine Gelegenheit finden, mit ihrem Sohn zu fliehen.

     Also zwang sie sich zur Ruhe, bis ihre Chance kam. Doch in der unheilvollen Stille wanderten ihre Blicke unwillkürlich zu dem Mann, der das Innere des Wagens so stark dominierte. Wie unfair, dass er derart atemberaubend aussah, dachte sie, während sie das Gefühl hatte, jemand steche ihr ein Messer ins Herz. Seine Züge glichen denen einer klassischen griechischen Statue. Obwohl er mittlerweile Ende dreißig war, fehlte jede Spur von Grau in seinem dichten schwarzen Haar. Als sie die Augen schloss, erinnerte sie sich daran, wie sich dieses Haar zwischen ihren Fingern angefühlt hatte, wenn sie seinen Kopf für einen Kuss zu sich hinunterzog.

     In den ersten leidenschaftlichen Wochen ihrer Ehe hatte sie sich beinahe selbst davon überzeugt, dass es richtig war, den verschlossenen Franzosen zu heiraten, und dass er es eines Tages lernen würde, sie so zu lieben wie sie ihn liebte.

     Doch diese Illusion zerbrach bald. Das Wochenende nach ihrer Hochzeit verlebten sie in Paris. Beide standen so sehr im Bann des anderen, dass sie es kaum schafften, sich die Stadt anzusehen. Bei ihrer Rückkehr nach London hob Luc sie auf die Arme, während der Lift sie zu ihrer Penthousewohnung brachte, doch anstatt sie schnurstracks ins Schlafzimmer zu tragen, zögerte er, weil im Türrahmen die schönste Frau stand, die Emily jemals gesehen hatte.

     Robyn Blake, einst ein weltbekanntes Topmodel und nun Lucs Schwägerin und seine persönliche Assistentin. Sie war außergewöhnlich, es gab kein anderes Wort, um sie zu beschreiben. Augenblicklich fühlte Emily sich neben ihr jung und unzulänglich. Niemals könnte sich ihr Kleid von der Stange mit Robyns Designerkleidung messen.

     Anfangs blendete sie Robyns scheinbare Freundlichkeit, doch nach einer Weile merkte sie, dass Lucs schöne Schwägerin der Grund für viele ihrer Eheprobleme war.

     Allerdings konnte sie nicht Robyn allein die Schuld geben, wie Emily sich widerwillig eingestand. Auch ihre eigene Unsicherheit und ihr mangelndes Selbstbewusstsein hatten nicht gerade geholfen, als sie endlich erkannte, dass Jean-Luc Vaillon schlicht unfähig war, jemanden zu lieben.

     Mit einem Seufzen drehte sie sich nun um und bemerkte, wie Luc Jean-Claude ansah. Er schien vollkommen in den Anblick seines Sohnes versunken, musste ihre Aufmerksamkeit jedoch spüren, denn er hob den Kopf und sah sie an – dunkel und finster. Besäße sie genug Stolz, müsste sie sich abwenden, aber die düstere Sinnlichkeit, die von ihm ausging, fesselte sie. Unwillkürlich schaute sie auf seinen Mund, erinnerte sich an seinen Geschmack und seine Lippen auf ihren. Und plötzlich war ihr viel zu heiß. Was aber alles noch viel schlimmer machte – er wusste ganz genau, was sie dachte. Was war nur los mit ihr? Er verachtete sie und tolerierte sie nur wegen seines Sohnes. Warum also spürte sie plötzlich dieses wilde Verlangen, ihn zu küssen?

     Mit einem mühsam unterdrückten Seufzen riss sie ihren Blick von ihm und biss sich auf die Unterlippe, bis sie Blut schmeckte. Luc war ein Betrüger und Lügner, und er hatte ihr das Herz gebrochen. Sie tat gut daran, das nie zu vergessen.

     „Schau mich nicht so an“, sagte sie. „Du hast jedes Recht dazu verloren, als du die Aufgaben deiner persönlichen Assistentin ausgeweitet hast.“

     „Deine lächerliche Unsicherheit macht dich immer noch blind, wie ich sehe“, murmelte er kühl, woraufhin ihr das Blut in die Wangen schoss. Was ihn anging, war sie tatsächlich immer furchtbar unsicher gewesen, und sie hasste es, dass er ihre Verletzlichkeit so gut kannte.

     Da sie demonstrativ wegsah, konnte Luc nur ihr Profil betrachten. Unglaublich, wie jung sie mit dem wunderschönen kastanienfarbenen Haar, das sie zum Pferdeschwanz gebunden hatte, aussah. Frech kringelten sich ein paar Strähnen um ihr Gesicht, und er musste sich sehr zusammenreißen, um sie ihr nicht hinters Ohr zu streichen, ihr Kinn in seine Hand zu nehmen und ihr Gesicht zu sich zu drehen.

     Was dachte er sich bloß, ärgerte er sich über sich selbst. Diese Frau, seine Ehefrau, hatte ihn verlassen – ohne ein einziges Mal zurückzublicken. Nicht nur das – sie verschwand so plötzlich und spurlos, dass in ganz London Gerüchte kursierten. Weil er nicht wusste, ob sie lebte oder tot war, stand er furchtbare Ängste um sie aus, und dabei verbrachte sie all die Monate durchaus komfortabel in ihrem spanischen Versteck.

     Ihr Vorwurf, dass er ihr Kind nicht wollte, war absolut lächerlich. Seine Sehnsucht nach dem Baby war sogar so groß, dass es ihm förmlich die Luft nahm, doch neben der Hoffnung verspürte er auch Angst. Aus Furcht vor einer Wiederholung der Geschichte distanzierte er sich und wirkte desinteressiert, wofür er einen hohen Preis gezahlt hatte.

     Luc holte tief Luft und blickte auf den Kleinen, der ruhig in seinem Kindersitz saß. Jean-Claude, sein Sohn. Noch immer begriff er kaum, dass dieses wunderschöne Baby sein eigen Fleisch und Blut war. Dabei war die Ähnlichkeit nicht zu übersehen. Sein Herz barst vor überwältigenden Gefühlen. Vom ersten Blick an liebte er seinen Sohn und schwor sich, dass nichts ihn jemals wieder von seinem Kind trennen sollte.

     „Er sieht aus wie du“, sagte Emily widerwillig, als Jean-Claude seinen Vater anlächelte. Mit fast einem Jahr wusste er bereits ganz genau, wen er mochte und wen nicht, sodass Emily einen heftigen Stich der Eifersucht verspürte, als der Kleine seine Ärmchen nach Luc ausstreckte. Würden alle Vaillon-Männer sie betrügen, fragte sie sich mit einem elenden Gefühl. Doch dann schob sie diesen schäbigen Gedanken schnell beiseite. Schließlich wollte sie, dass Jean-Claude ein gutes Verhältnis zu seinem Vater bekam, und zu ihrer übergroßen Verwunderung schien es tatsächlich, als teilte Luc diesen Wunsch. Wenn er sich erst einmal beruhigt hatte, konnten sie vielleicht auch vernünftig über die Scheidung sprechen.

     „Jean-Claude und ich haben einen Abendflug nach London“, sagte sie. „Es wäre unsinnig, die Tickets verfallen zu lassen, aber ich werde dich so bald wie möglich treffen – morgen früh, wenn du darauf bestehst“, fügte sie hinzu, als Luc nichts erwiderte und sie nur kühl betrachtete.

     „Ich bringe ihn nicht nach London“, antwortete er schließlich, woraufhin sie verwirrt aufsah.

     „Wohin dann?“ Vom ersten Moment an hatte sie Lucs Penthouse gehasst, weil es wie das Wartezimmer eines Zahnarztes aussah, doch Luc schien sich dort immer sehr wohlgefühlt zu haben.

     „Nach Frankreich natürlich. Jean-Claude ist ein Vaillon, mein Sohn und Erbe. Selbstverständlich möchte ich, dass er in meinem Heimatland aufwächst“, erklärte er knapp.

     „Selbstverständlich“, wiederholte Emily sarkastisch. „Aber was ist mit meinem Heimatland? Ist dir nie in den Sinn gekommen, dass ich ihn vielleicht in England aufziehen möchte?“

     „Das hast du aber nicht getan, oder?“, versetzte er prompt. „Aus irgendwelchen seltsamen Gründen hast du entschieden, dass eine Künstlerkommune mitten in der spanischen Pampa der beste Ort ist, um unseren Sohn zu erziehen. Damit ist ab sofort Schluss. In Zukunft wird Jean-Claude in meinem Schloss an der Loire leben. Die Vaillons sind eine alte Familie. Château Montiard wird sein Zuhause und nicht irgendein heruntergekommenes Loch in der Einöde.“

     „San Antonia ist nicht heruntergekommen. Das Bauernhaus ist wunderschön, und Jean-Claude liebt es, dort zu sein.“

     „Wirklich.“ Luc hob eine Augenbraue. „Er muss schon ein wahres Wunderkind sein, wenn er mit nicht mal einem Jahr so deutlich seine Meinung äußern kann. Sag mir, chérie, was hättest du getan, wenn er ernsthaft krank geworden wäre? Der nächste Arzt ist meilenweit entfernt. Für jemanden, der ständig seine mütterliche Hingabe betont, scheinst du dir wenig Gedanken um sein Wohlergehen gemacht zu haben.“

     „Wohingegen du natürlich ein Experte in Kinderfragen bist“, höhnte Emily. „Jean-Claude fehlte es an nichts, aber es ist nicht einfach, ein Kind allein zu erziehen, und ich war dankbar für die Hilfe meiner Freunde und Bekannten.“

     „Du warst aus freiem Willen alleinerziehend“, betonte er harsch, „aber Jean-Claude hast du nie eine Wahl gelassen. Du hast ihn gezwungen, mit nur einem Elternteil zu leben, während du mir eine Beziehung zu meinem Sohn verweigert hast. Jetzt bist du an der Reihe zu leiden“, versprach er ihr düster und mit einem Blick, aus dem Verachtung sprach.

     Als der Wagen allmählich langsamer wurde, suchte Emily hektisch nach den Gebäuden des Flughafens, ohne Erfolg. Stattdessen fuhren sie durch ein Tor, das zu einem privaten Flugfeld führte. In diesem Moment ergriff sie Panik. Wie konnte sie vergessen, dass Luc einen Privatjet besaß?

     Ganz plötzlich war ihr Stolz nichts im Vergleich zu ihrem Kind und dessen Zukunft. Flehend blickte sie zu Luc, als die Limousine hielt. „Tu das nicht“, bat sie. „Ich kann nicht ohne Jean-Claude leben, aber genauso wenig kann ich mit dir leben. Das musst du doch einsehen.“

     „Wenn du auch nur einen Funken Gerechtigkeitssinn besitzt, wirst du einsehen, dass ich nun an der Reihe bin, mich um Jean-Claude zu kümmern“, entgegnete er ungerührt. „Mein Sohn kommt mit mir – ob mit oder ohne dich.“

     „Aber du wolltest ihn nicht einmal!“, rief sie verzweifelt. „Sowie ich schwanger war, hast du mehr als deutlich gemacht, dass du dich weder für mich noch für unser Kind interessierst, und in einem anderen Zimmer geschlafen“, erinnerte sie ihn. „Wenn du dir überhaupt die Mühe gemacht hast, nach Hause zu kommen. Meine Schwangerschaft war dir egal. Nicht einmal zur Ultraschalluntersuchung ins Krankenhaus bist du gekommen.“

     „Hast du überhaupt eine Vorstellung, wie ich mich an dem Morgen gefühlt habe?“, fragte sie voller Bitterkeit, während die Erinnerungen sie quälten. „Die Tatsache, dass du die Nacht mit Robyn verbracht hast, war unverzeihlich genug, und dennoch dachte ich … hoffte ich, dass dir das Kind wichtig genug wäre, um die ersten Bilder von ihm zu sehen. Ich saß im Wartezimmer zwischen all den aufgeregten glücklichen Paaren und betete, dass du kommst“, flüsterte sie. „Jedes Mal, wenn mein Name aufgerufen wurde, habe ich einer anderen Frau den Vortritt gelassen, bis keine mehr da war – außer mir und einer äußerst mitfühlenden Krankenschwester, die mich aufheitern wollte, indem sie einen Witz über die Vergesslichkeit der Männer machte.“ Weil sie nicht wollte, dass er ihre Tränen sah, rieb sie sich heftig die Augen. „Dabei hattest du es gar nicht vergessen, nicht wahr, Luc? Dir war es einfach nicht wichtig, und deshalb bin ich gegangen. Weil ich wusste, dass ich nicht länger willkommen war.“

     „Das ist nicht wahr“, widersprach er, während sich auf seinem Gesicht Emotionen abzeichneten, die sie nicht deuten konnte und auch nicht deuten wollte.

     „Doch, es ist wahr“, rief sie wütend. „Ich brauchte keine weiteren Beweise für deine Gleichgültigkeit. Wie kannst du mir vorwerfen, dass ich deine Motive jetzt infrage stelle?“, schluchzte sie.

     Die Hand schon an der Tür und bereit zum Aussteigen, hielt Luc inne. Sie sah so jung und unschuldig aus wie am ersten Tag – als sie zu ihm aufgeblickt und ein Pfeil sein Herz durchbohrt hatte. Noch nie war es ihm leichtgefallen, seine Gefühle auszudrücken. Und jetzt, da er sich zum ersten Mal eingestand, dass seine unausgesprochenen Ängste zu einer Katastrophe geführt hatten, regte sich sein schlechtes Gewissen. Natürlich hatte seine Kindheit Narben hinterlassen. Natürlich hatte er die Ultraschalluntersuchung nicht vergessen. Dieu, wie gern wäre er bei Emily gewesen, aber Robyn war so verzweifelt, und als er es endlich geschafft hatte, anzurufen und die Situation zu erklären, war seine junge Frau bereits auf dem Weg zum Krankenhaus. Zu diesem Zeitpunkt wusste er noch nicht, was seine Entscheidung ihn kosten und dass er nie die Chance erhalten würde, es wiedergutzumachen.

     „Warte hier, während ich nachsehe, ob sie schon fertig sind“, sagte er, als er ausstieg. „Ich habe ein Kindermädchen eingestellt, das sich um Jean-Claude kümmert. Vielleicht ist es besser, wenn er sie kennenlernt, bevor wir starten.“

     „Er braucht kein Kindermädchen“, empörte sich Emily. „Ich kann mich wunderbar selbst um ihn kümmern.“

     „Mon Dieu! Musst du bei allem streiten?“ Ohne ein weiteres Wort marschierte er zur Maschine, und sie sah ihm mit klopfendem Herzen hinterher. Kurz entschlossen klopfte sie eine Sekunde später an die Glasscheibe, die den Chauffeur von ihr trennte. Vermutlich handelte es sich um einen Mietwagen und einen spanischen Fahrer.

     „Fahren Sie bitte weiter“, bat sie ihn in fließendem Spanisch und mit einem beruhigenden Lächeln. „Es gab eine Änderung. Señor Vaillon wünscht, dass Sie mich zum Internationalen Flughafen bringen.“

     Der Chauffeur reagierte sofort auf ihr Lächeln. „Si, señora.“

     Als der Wagen anrollte, atmete sie scharf ein. „So schnell Sie können, por favor.“ Aber es war zu spät. Luc musste sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegt haben und riss die Tür auf.

     „Du kleine Hexe“, rief er, gebot dem Fahrer anzuhalten, während er Jean-Claudes Gurt löste und ihn auf den Arm nahm. „Ich war bereit, mich fair zu verhalten und dich mit mehr Respekt zu behandeln, als du verdienst, aber das war ein Fehler“, schnaubte er und umklammerte mit seiner freien Hand ihren Oberarm.

     „Ist alles in Ordnung, Monsieur Vaillon?“ In ihrem grauen Kostüm wirkte die Frau am Fuße der Gangway ruhig und kompetent. Wahrscheinlich das Kindermädchen, dachte Emily, während sie krampfhaft versuchte, sich aus seinem Griff zu befreien.

     „Soll ich das Baby nehmen?“

     „Merci.“ Luc übergab Jean-Claude der Frau und wandte sich wieder Emily zu. Völlig ausdruckslos sah er zu, wie ihr eine einzelne Träne über die Wange rollte.

     „Das kannst du nicht tun“, wisperte sie, als er sie in seine Arme riss.

     „Wollen wir wetten?“, entgegnete er, und bevor sie seine Absicht erkannte, küsste er sie bereits. Hart und fordernd zwang er sie, sich ihm zu öffnen. Emily war so schockiert, dass sie sich einfach nur an ihn lehnte, aus lauter Angst, ihre Knie könnten nachgeben. Kurz und brutal presste er seine Lippen auf ihren Mund, und doch – für ein paar Sekunden reagierte sie auf seine aggressive Sexualität, und ihre Wangen brannten voller Scham, als sie das höhnische Funkeln in seinen Augen sah.

     „Nimm deine Hände von mir“, herrschte sie ihn mit zitternder Stimme an, woraufhin er laut lachte.

     „Du täuschst mich nicht, chérie. Ich kenne dich zu gut und weiß ganz genau, was dir gefällt“, hauchte er in ihr Ohr, wobei sein warmer Atem auf ihrer Haut ein Zittern hervorrief, das nichts mit Furcht zu tun hatte.

     „Willkommen zurück, meine süße Ehefrau“, höhnte er, während er ihr die Hand auf den Rücken legte und sie die Stufen zu dem wartenden Flugzeug hochschob.

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