Irische Hochzeit - 6. Kapitel

6. KAPITEL

Sir Anselm möchte dich sprechen“, berichtete ihm Bevan. Patrick trat aus der Kapelle, in der die Luft schwer von Weihrauch war. Er hatte in der Morgenmesse um Beistand und Führung gebetet. Doch der vertraute Ritus hatte ihm keinen Trost gebracht.

     Draußen überblickte er die Überreste des rath. Die Palisadenwände mussten nach der Verwüstung durch den Brand ausgebessert werden. Auch wenn bereits einige Fortschritte zu sehen waren, sie genügten nicht, um dem Stamm Sicherheit zu verschaffen. Etliche Stellen unter dem Torhaus drohten zusammenzubrechen.

     Erschöpfung hatte tiefe Linien in die Gesichter seiner Männer gegraben. Wie er selbst sahen auch sie aus, als hätten sie nicht geschlafen. In der Nacht war er in ein ruhiges Laochre zurückgekehrt. Nachdem er endlich in sein eigenes Bett gekommen war, hatte er sich dabei ertappt, wie er den Platz neben sich betrachtete. Er verspürte immer noch kein Verlangen zu heiraten, schon gar nicht eine normannische Braut. Dass er sie verlassen hatte, hätte ihm Erleichterung verschaffen müssen. Stattdessen stellte er fest, dass er an Isabel denken musste. Er konnte sich nicht erinnern, Schlaf gefunden zu haben. Denn wenn er nicht über seine Braut nachdachte, hatte er die Wände angestarrt und gebetet, der zerbrechliche Friede möge halten.

     Jeden Muskel angespannt überquerte er den Burghof. Einige seiner Stammesangehörigen hatten frische Schnitte, geschwollene Augen und Handknöchel. Ganz offensichtlich war es während seines Besuchs auf Ennisleigh in Laochre nicht friedlich zugegangen.

     „Was ist geschehen?“, fragte er und deutete mit dem Kopf auf einen der Männer.

     Bevan zeigte auf Ruarcs Behausung. „Ruarc fing einen Messerkampf an, und obwohl Trahern dem schnell ein Ende machte, zettelten einige andere später ein Scharmützel an.“

     „Gibt es gebrochene Knochen oder ernstere Verletzungen?“, fragte Patrick.

     Bevan zuckte die Achseln. „Ich weiß von keiner. Aber ich selbst habe ein, zwei Nasen blutig geschlagen.“

     „Das hättest du nicht tun sollen.“

     Das Gesicht seinen Bruders verhärtete sich. „Sie verdienen noch viel mehr, und das weißt du ganz genau.“

     „Aber dafür ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt. Rufe die Männer zusammen und hole die normannischen Krieger in die Burg. Ich will zu allen reden.“

     Auch wenn Patrick seinem Bruder uneingeschränkt vertraute, er wusste, wie sehr Bevan die Normannen hasste, und dass sein Temperament überzuschäumen drohte. Doch er brauchte jeden loyalen Mann, um Laochre zu schützen. Und Bevan war einer, der bis zum Tod für ihren Stamm kämpfen würde.

     Patrick überlegte, was er den Männern sagen wollte. Im Augenblick beugten sich die Normannen noch der Autorität Sir Anselms. Und wenn der normannische Ritter sich auch würdevoll benahm, so wollte Patrick doch Sir Anselms Eid auf ihre Allianz verlangen. Nur dann konnte er selbst den Normannen befehlen und sie von seinen eigenen Männern fernhalten.

     Während er noch über seine Ansprache nachdachte, betrat Patrick sein eigenes Gemach. Er zog sich eine bessere Tunika und andere Beinlinge an. Obwohl er zuvor keinen großen Wert auf seine Erscheinung gelegt hatte, wollte er heute die Rolle des Königs spielen. Wenn er nicht die Lage unter Kontrolle bekam, würde das seinen Stamm noch mehr schwächen.

     Er trug den blauen Mantel, den ihm sein Vater gegeben hatte. Das Tuch besaß immer noch die strahlende Farbe, und die silberne Stickerei darauf hatte Patricks Mutter angefertigt. Doch der Mantel wog schwer auf seinen Schultern. Patrick wusste nicht, wie er ein ähnlich gelassener, tatkräftiger Anführer wie seine Vorgänger werden sollte. Er verstand es besser, das Schwert zu führen als eine Krone zu tragen.

     Doch das Volk hatte ihn gewählt. Und ob er wollte oder nicht, er musste die Verantwortung übernehmen, die die Königswürde ihm brachte.

     Ein Klopfen unterbrach seine Gedanken. Sein Bruder Trahern. „Die Männer haben sich versammelt. Normannen wie auch unsre Leute erwarten deine Befehle.“

     Patrick nahm es mit einem Nicken zur Kenntnis. Er öffnete eine Truhe am anderen Ende des Gemachs und entnahm ihr das zeremonielle minn óir und Ringe für die Arme. Neben dem Diadem ruhte ein silberner Kopfreif und ein mit Amethysten besetzter silberner Torques, der keltische Halsschmuck. Sie waren für seine Königin bestimmt. Isabel würde sie nie und nimmer tragen. Eher würde er den Schmuck zerstören, als ihn einer Normannin geben.

     „Seit deiner Krönung habe ich dich das nicht mehr tragen sehen“, meinte Trahern und deutete auf den goldenen Reif.

     Patrick setzte sich den minn óir auf den Kopf. „Das hat seinen Grund. Heute müssen die Normannen mich als ihren König anerkennen.“

     „Du siehst reizend aus“, neckte Trahern ihn. „Wirst du vielleicht auch noch Goldkugeln im Haar tragen?“

     Narr! Patrick verbarg sein Grinsen und boxte seinem jüngeren Bruder leicht gegen die Schulter. Trahern erwiderte den Hieb lachend mit einem Schlag auf Patricks Rücken.

     „Geh und mach dich hübsch“, wies Patrick ihn an. „Du siehst aus wie eine ganze Schweineherde.“

     Trahern trug eine verblasste safranfarbene Tunika und braune Beinlinge. Seine Stiefel waren mit Schlamm bespritzt. „Ich bin auch nicht der König, oder? Du bist derjenige, der die zeremoniellen Ansprachen halten und die Befehle geben muss“. Er lehnte sich an den Türrahmen und schauderte demonstrativ.

     „Ich wünschte, ich könnte ihnen befehlen, abzuziehen.“

     „Du könntest ihnen ein Fest geben, an das sie sich erinnern werden“, schlug Trahern vor. „Es würde sie vielleicht in bessere Stimmung versetzen und unsere Leute auch. Seit Langem haben wir kein frisches Fleisch mehr gehabt. Oder gutes Brot. Meinst du, deine neue Frau weiß, wie man besseres Essen zubereitet?“

     „Vermutlich würde sie uns eher alle vergiften.“ Doch er erinnerte sich an ihre Unterhaltung am Abend und daran, wie Isabel still und ungefragt seinen Becher gefüllt hatte. Mit den Haaren, die ihr über die Schulter fielen, und den unschuldigen Augen hatte sie eine ruhige Schönheit ausgestrahlt. Patrick schloss die Augen. Sie war nicht seine Königin und würde es nie werden.

     „Gib den Befehl, ein Fest zu feiern“, trug er seinem Bruder auf. „Und lass Huon mein Pferd bringen.“ Nachdem er die königlichen Insignien angelegt hatte, eilte Patrick den schmalen Gang entlang und stieg die Wendeltreppe hinunter.

     Im Innern der Großen Halle hatten sich seine Stammesmitglieder versammelt. Als würden sie Befehle erwarten, standen Männer und Frauen an beiden Enden der Halle beisammen. Manche der kleineren Kinder unterbrachen plappernd die Stille, nur um sofort von ihren Müttern zur Ruhe ermahnt zu werden. Die Männer knieten zum Zeichen ihres Respekts nieder.

     Patrick durchquerte die Halle. Auf der Schwelle blieb er stehen und blickte zu ihnen zurück. Keiner von den Normannen war da. „Kommt. Was ich zu sagen habe, muss zu jedem gesagt werden, der hier in Laochre lebt.“

     Mit ihren verdrossenen Gesichtern glichen seine Stammesmitglieder eher störrischen Kindern als erwachsenen Männern und Frauen. Doch sie gehorchten und folgten ihm nach draußen.

     Die Normannen standen auf der gegenüberliegenden Seite des rath. Einige von ihnen waren erfahrene Streiter, andere kaum älter als sein jüngerer Bruder Connor.

     Patrick bestieg sein Pferd und lenkte Bel in die Mitte des Ringwalls. „Heute wird nicht gekämpft.“ Dabei blickte er jeden Mann, jede Frau und jedes Kind an. „Mein Volk kämpft jedenfalls nicht.“

     Er wandte sich an den normannischen Befehlshaber Sir Anselm. „Und auch Eure Männer nicht. Jeder, der versucht, den Frieden zu brechen, wird die Folgen zu tragen haben.“

     Stille senkte sich über die Versammelten, die stumm gegen seine Entscheidung rebellierten. Patrick konnte ihren Widerspruch spüren. Doch er änderte nichts an seiner Entscheidung.

     „Trahern“, rief er seinem Bruder zu, „stell sie zu Paaren auf. Zu jedem Normannen gib einen unserer Stammesleute.“ Trahern senkte den Blick, dennoch verweigerte er nicht den Gehorsam.

     „Als Strafe für Euren Kampf werdet ihr den ganzen Tag lang Seite an Seite arbeiten. Jeder Mann wird einem Abschnitt des Palisadenzauns zugeteilt oder einem Teil der Hauptburg. Ihr werdet heute mit den Reparaturen beginnen.“

     Einige der Normannen starrten ihn an. Die Ablehnung stand ihnen auf den Gesichtern geschrieben. Doch als sie ihren Befehlshaber anblickten, nickte der stumm. Selbst wenn der Ritter in keiner Weise seine Autorität untergraben hatte, stieg in Patrick Ärger auf. Das hier war seine Burg, da konnte er nicht zulassen, dass die Männer auf Anselms Befehle warteten.

     Er trat zurück und sah zu, wie Trahern die Männer zu Paaren aufstellte. Ihre Gegner waren zahlreicher, und als etwa zwanzig Männer übrig blieben, sagte Patrick: „Bevan und ich werden den Rest übernehmen.“

     „Was sollen wir tun?“, fragte eine der Frauen. „Sollen wir an den Strohdächern arbeiten?“

     „Nein“, antwortete er. „Schlachtet einige der Schafe und beginnt mit den Vorbereitungen zu einem Festessen für die Männer. Diejenigen, die ihren Beitrag bei der Instandsetzung der Burg leisten, werden belohnt werden. Diejenigen, die weiterhin miteinander kämpfen, werden hungrig bleiben.“

     Nach dieser Ankündigung befahl er den noch verbliebenen Normannen, ihm zu folgen. Bevan ging mitten unter ihnen, blanker Hass im Auge. Da sein Bruder gedroht hatte, ihn zu verlassen, war Patrick ihm dankbar dafür, dass er es nicht getan hatte. Die einzigen Männer, denen er im Augenblick vertraute, waren seine Brüder.

     Er führte sie zu Baginbun Head, von wo aus man Bannow Bay sehen konnte, wo die Normannen gelandet waren. Frisch gesprossene Grasbüschel wiegten sich im Wind, während die Flut auf den Sand aufschlug. Rötlich-braune Felsen säumten den Strand, als hätte dort die Erde das beim Angriff vergossene Blut aufgesogen.

     Sobald sie den Gipfel des Hügels erreichten, zügelte er Bel. „Erinnert ihr euch an die Schlacht?“, fragte er die Männer mit grimmiger Stimme. Auf ihren Gesichtern konnte er ihre Erinnerungen erkennen. Mehr als ein Mann war voller Kummer um jene, die gestorben waren.

     „Letzten Sommer haben unsere Männer einander getötet. Das werden wir nie vergessen.“ Patrick selbst erlebte in diesem Moment noch einmal, wie er seinen Bruder Uilliam hatte fallen sehen, hingestreckt von einem Schwertschlag. Immer noch machte er sich Vorwürfe.

     Er hob die Augen und sah seine Männer an. „Und ich weiß auch, dass beide Seiten nichts lieber täten, als einander zu töten.“ Er legte die Hand auf den Griff seines Schwertes, umfasste den vertrauten Rubin. „Doch wenn wir auch Feinde sind, so fordere ich euch auf, bis zur nächsten Ernte in Frieden unter uns zu leben.“ Er sagte nichts über Thornwycks Absicht, hierherzukommen, noch etwas über seine eigenen Pläne, die Normannen nach England zurückzuschicken.

     Er wandte sich an Sir Anselm. „Ich fordere Euch auf, Euren Eid auf unsere Allianz zu schwören.“

     Das Gesicht des normannischen Ritters erstarrte vor Zorn. Seine Hand griff zum Schwert, als wollte er sich der Aufforderung widersetzen. Bevor er noch etwas sagen konnte, fügte Patrick hinzu: „Ich bin König dieses Landes. Ich habe Thornwycks Tochter geheiratet, und wenn Ihr unter uns leben wollt, so müsst Ihr unsere Gesetze akzeptieren.“ Er ritt näher an Anselm heran und erwiderte den Blick des Ritters voller Entschlossenheit. „Ungehorsam werde ich nicht zulassen. Noch Untreue.“

     Er wandte sich an die übrigen Männer. „Jeder von uns muss seine Wahl treffen. Wenn ihr euch weigert, den Eid abzulegen, werdet ihr außerhalb des rath leben. Von uns werdet ihr nichts erhalten.“

     „Und wenn wir uns einfach nehmen, was wir brauchen?“, fragte Anselm, und seine dunklen Augen funkelten.

     „Dann beginnt der Kampf von Neuem.“

     Er wollte keinen Krieg, doch er konnte auch nicht dulden, dass die Normannen die Herrschaft über Laochre an sich rissen. Es gab keine Alternative, auch wenn er nicht wusste, ob sie ihm gehorchen würden.

Wahrscheinlich war das der schlechteste Einfall, den sie je gehabt hatte. Das Wasser war gnadenlos kalt. Es war, als würden Messer ihr die Haut zerschneiden. Isabel klapperte mit den Zähnen. Mit halb erfrorenen Gliedern versuchte sie das gegenüberliegende Ufer erreichen. Die Wellen klatschten auf ihre Arme und Beine und füllten ihr Mund und Nase mit bitterem Salzwasser.

     Sie klammerte sich an ein Stück Palisadenzaun, das sie als provisorisches Floß benutzte und zwang sich zu schwimmen. Die kräftigen Stämme waren zu einer rechwinkligen Fläche zusammengebunden, doch sie trugen Isabels Gewicht nicht so, wie sie es gehofft hatte. Sie hatte ein kleines Bündel, das ihr Kleid enthielt, daraufgelegt, aber auch das war völlig durchweicht.

     Heute Morgen hatte Isabel den Entschluss gefasst, sich selbst das Festland und die Burg anzusehen. Bis jetzt kannte sie das Ausmaß der Zerstörung nicht, und sie musste die Wahrheit wissen – ganz abgesehen davon, dass sie vor Langeweile fast umkam.

     Allerdings hatte sie den Ort, an dem die Inselbewohner ihre Boote lagerten, nicht finden können. Am ganzen Ufer war kein einziges zu sehen. Sie wusste nicht, wie Patrick vor ein paar Nächten die andere Seite hatte erreichen können. Also blieb ihr keine Wahl, als sich ein eigenes Fahrzeug zu bauen.

Das Festland schien so nahe zu sein, doch mit jeder Bewegung fühlten ihre Arme sich schwerer an. Wenn sie ertrank, würden die Seelen der Toten sie wahrscheinlich wegen ihrer Dummheit auslachen.

     Nun gut, so weit war sie inzwischen gekommen. Und nun blieb ihr nichts anderes übrig, als die Küste zu erreichen. Sie klammerte sich mit einem Arm am Floß fest und schwamm weiter.

Es schien Stunden zu dauern, doch schließlich berührten ihre Füße wieder festen Boden. Das Hemd klebte ihr am Leib, als sie an Land taumelte. Die späte Nachmittagssonne bot keinerlei Wärme.

     Isabel konnte sich nicht daran erinnern, jemals so gefroren zu haben. Sie umklammerte ihre Arme und wurde von Kälteschauern geschüttelt. Ihre Fingerspitzen waren völlig gefühllos. Vielleicht würde ihr Gatte ihren sterbenden, erfrorenen Körper hier finden.

     Sie zog ihre Schuhe aus dem Bündel. Mit zitternden Fingern versuchte Isabel, sie anzuziehen. Auch wenn sie schon den Gedanken hasste, das nasse wollene Gewand wieder anzuziehen, es würde sie vielleicht ein wenig wärmen. Als sich der feuchte Stoff jedoch um sie legte, schien er ihr auch noch den Rest Wärme aus dem Leib zu ziehen.

     Ein Feuer. Sie träumte von einem hell lodernden, brüllenden Feuer und davon, wie es ihr die Kälte aus den Adern trieb. Der Gedanke hob ein wenig ihre Lebensgeister, und sie stapfte mühsam den Strand entlang, bis sie den Fuß des Abhangs erreichte. Sie schützte ihre Augen mit der Hand vor der Sonne und stöhnte beinahe, als sie sah, wie weit es bis zum Ringwall war.

     Doch jetzt kannte sie wenigstens ihr Ziel. Die Burg von Laochre beherrschte die Landschaft. Es gab sogar Felder, deren frische Saat den Hügel mit neuem Grün sprenkelte. Hütten mit Strohdächern umgaben das Gebäude, während ein Palisadenzaun die Bewohner schützte. Jenseits der Palisaden boten ein großer Graben und ein Wall weitere Verteidigungsmöglichkeiten.

     Isabel presste die Hand auf den Mund, als sie die Felder erreichte. Beim näheren Hinsehen erkannte sie die geschwärzten Mauern und die zusammengefallenen Behausungen. Sie hatte sich einen Ort großen Reichtums vorgestellt, eine Burg, die eines Königs würdig war.

     Aber das hier …

     Die Streitmacht ihres Vaters hatte den einst mächtigen Ringwall in die Knie gezwungen. Fast konnte sie den Rauch noch riechen, die Schreie derer hören, die gestorben waren. Es tat weh, dies alles zu sehen.

     Und mit einem Mal wusste sie, warum ihr Ehemann nicht wollte, dass sie es sah. Das hier war nicht das glorreiche Königreich eines Kriegers, sondern die sterbenden Reste seines Stammes. Isabel versuchte, sich nicht das Leid der Frauen und Kinder vorzustellen. Sie schlang die Arme um sich und bemühte sich, einen klaren Gedanken zu fassen.

     Der Anblick brachte die Erinnerung an das zerstörte Dorf und das weinende Kind zurück. Damals hatte sie nicht gehandelt, und die Schuld lastete schwer auf ihrem Gewissen.

     Die Erschöpfung in den Augen ihres Gatten, die unsichtbare Last auf seinen Schultern, all das verstand sie nun. Sie fühlte die Bürde, als wäre es ihre eigene. Konnte sie Patrick bei seiner Aufgabe helfen? Doch ihr sturer Ehemann würde wahrscheinlich jede Hilfe ablehnen, ganz besonders, wenn sie von ihr kam.

     Mit jedem Schritt wurde ihr Entschluss fester. Sie würde hierbleiben, weil es das einzig Richtige war. Sie konnte nicht die verlassen, die so viel verloren hatten. Nicht, wo sie doch ihren König geheiratet hatte. Und selbst wenn ihre Ehe eine sehr distanzierte Angelegenheit blieb, Isabel wurde hier gebraucht.

     Durch Gestrüpp und kleine Gehölze näherte sie sich dem Ringwall. Immer noch heftig zitternd blieb sie stehen, um sich etwas auszuruhen. Nur der Gedanke an ein Feuer und ihre hartnäckige Weigerung zu sterben ließen sie vorwärtsgehen.

     In der Ferne hörte sie Männerstimmen. Es war zu spät, um sich zu verstecken, und so straffte sie die Schultern.

     Benimm dich wie eine Königin, befahl sie sich und versuchte, nicht daran zu denken, wie schmutzig und abgerissen sie aussah. Und auch nicht daran, wie zornig Patrick sein würde, wenn er ihre Flucht entdeckte.

     Der Wall, auf dem der Palisadenzaun stand, war voller Männer. Sie rissen zerbrochene Teile ab und befestigten neue an ihrer Stelle. Die Männer ihres Vaters arbeiteten Seite an Seite mit den Iren. Dann und wann hörte sie den singenden Tonfall der ungewohnten Sprache, doch kein einziges Mal vernahm sie ihre eigene. Die Normannen schwiegen. Einer starrte sie an, und Isabel bekam eine trockene Kehle beim Anblick des kaum verhohlenen Hasses auf seinem Gesicht. Ihr war, als wäre sie mitten in eine Schlacht geraten. Und sie fragte sich, ob sie nicht vielleicht einen Fehler begangen hatte.

     Isabel wandte den Blick von dem Mann und ging auf das Torhaus zu. Fast hätte sie aufgeschrien, als aus dem Nichts das Gesicht eines Jungen vor ihr auftauchte.

     „Ewan“, keuchte sie. „Du hast mich erschreckt.“

     Der Junge grinste. Sein jungenhaftes Gesicht strahlte wegen des Streichs, den er ihr gespielt hatte. Das wirre blonde Haar lockte sich um seine Ohren. Er sprang von der Holzleiter herunter. „Kommt.“ Er nahm ihre Hand und führte sie in den Ringwall. „Bevor er Euch findet.“

     Isabel musste nicht fragen, wen er meinte. Sie selbst hatte auch keine allzu große Lust, auf Patrick zu treffen. Gut möglich, dass er sie davonschleppte und wieder nach Ennisleigh verbannte. Isabel gehorchte Ewan und folgte ihm durchs Tor.

     Im Innern des Ringwalls sah es genauso schlimm aus wie draußen. Ein vom Feuer geschwärztes Bild der Zerstörung umgab sie. Isabel schauderte bei diesem Anblick. Dann blieb sie jäh stehen, als sie ein kleines Kind erblickte.

     Ein junges Mädchen stand da, so dünn, dass es nur aus Haut und Knochen zu bestehen schien. Blass und schwach starrte das Kind sie neugierig an. Andere, vom Hunger ausgezehrte Kinder betrachteten Isabel und Ewan ebenfalls voller Interesse.

     Jetzt war Isabel noch entschlossener, ihnen zu helfen. Kein Kind sollte leiden müssen und ganz besonders nicht unter Hunger. Ob Patrick ihre Hilfe wollte oder nicht, sie würde nicht tatenlos beiseite stehen.

     „Was ist mit ihnen geschehen?“, fragte sie Ewan.

     Zuerst schien er ihre Frage nicht zu verstehen. Dann dämmerte es ihm langsam. „Die Normannen zerstörten unsere Wintervorräte. Sie belagerten uns.“

     Isabel seufzte tief. Bei der heiligen Jungfrau, wie konnte ihr Vater nur glauben, man könnte die beiden Seiten zusammenbringen? Die Antwort fiel ihr rasch ein: Er glaubte es gar nicht. Stattdessen erwartete er, dass die Normannen das Land eroberten. Und was war mit ihr? Erwartete man von ihr, dass sie die Iren als Königin regierte, ohne ihr Leid zu beachten?

     Nein. Sie konnte sich nicht abwenden und so tun, als sähe sie nicht, was hier vor sich ging. Als Herrin dieses Landes war es ihre Pflicht, die Schwachen zu schützen.

     Durch den Reichtum ihrer Familie und durch ihre Mitgift würde sie den Menschen hier wieder zu ihrem Besitz verhelfen und den Hunger vertreiben. Ihre Gedanken eilten zurück zu ihrem Hochzeitstag. Patrick hatte sie gewarnt, sein Volk müsste sterben, wenn sie ihn nicht heiraten würde. Sie hatte ihm nicht glauben wollen, weil sie gedacht hatte, ihr Vater würde nie solch einen schrecklichen Handel eingehen. Doch jetzt, den Beweis vor Augen, wurde ihr klar, dass Patrick recht hatte.

     Ewan blieb vor einer leeren Vorratshütte stehen. „Ihr könntet hier warten. Keiner wird Euch sehen.“

     „Ich bin nicht gekommen, um mich zu verstecken“, gab Isabel zurück. Sie hatte nicht die Absicht, sich zu verbergen. Auch wenn sie keine Ahnung hatte, wie sie es anstellen sollte, hier ihren eigenen Platz einzunehmen, so würde sie sicher einen Weg finden.

     „Ich glaube, Ihr solltet hierbleiben, bis Patrick kommt“, meinte Ewan warnend mit etwas krächzender Stimme. Isabel lächelte, ihr neuer Schwager war eindeutig im Stimmbruch. „Sie sprechen nicht Eure Sprache.“

     Er wollte sie in die Hütte zerren, doch Isabel widersetzte sich erfolgreich. „Ich habe keine Angst vor ihnen.“ Wenn sie die Worte laut aussprach, würden sie vielleicht irgendwann wahr.

     Ewan schien erneut protestieren zu wollen, aber eine Männerstimme rief ihn auf Irisch. „Wartet hier“, sagte der Junge. „Trahern ruft mich.“

     Isabel nickte. „Geh nur. Mir wird schon nichts geschehen.“ Dennoch fühlte sie sich in diesem Augenblick schrecklich einsam und ängstlich. Sie wartete, bis Ewan verschwunden war und betrachtete dann die noch übrig gebliebenen Hütten.

     Ein starker Duft nach gebratenem Hammel stieg ihr in die Nase, und sie beschloss, eine große Steinhütte zu betreten, die der Küche auf der Burg ihres Vaters glich. Eine Gruppe Frauen unterhielten sich auf Irisch miteinander. Dem Klang ihrer Stimmen nach war es eine angenehme Unterhaltung. Einen Moment lang blieb Isabel nahe der Tür stehen und kämpfte mit ihrer Schüchternheit. Alles wäre so viel leichter, wenn sie ihre Sprache hätte sprechen können. Doch sie wusste nur ein paar Worte, und das war nicht genug, um sich zu unterhalten.

     Das hier ist deine Pflicht, ermahnte sie sich. Das hier ist jetzt dein Volk. Sie trat in die Hütte. „Ich wünsche euch einen guten Morgen“, sagte sie.

     Die Unterhaltung brach ab. Keine lächelte, keine bot ihr ein Wort des Willkommens. Stattdessen drehten die Frauen ihr den Rücken zu.

     Ohne eine von ihnen zu beachten, trat Isabel ans Feuer. Die Frauen arbeiteten schweigend und hielten Abstand. Das bratende Fleisch zischte über der offenen Flamme, und das Fett fing Feuer. Isabel fand ein dickes Tuch und begann, den Spieß über dem Feuer zu drehen, während die Wärme langsam ihr durchnässtes Gewand trocknete. Noch nie zuvor hatte sie so etwas gemacht, doch es schien immer noch besser zu sein, als das Fleisch anbrennen zu lassen.

     Die wütenden Blicke der Frauen rieten ihr zur Vorsicht. Sie beschloss einen Versuch zu wagen und Irisch zu sprechen. Hoffentlich klang es nicht allzu närrisch.

     „Ich bin Isabel“, sagte sie. Ihre Stimme klang nicht so fest, wie sie es sich wünschte, doch schließlich gelang es ihr, sich vorzustellen. Sie zwang sich zu einem Lächeln und fühlte sich mehr denn je wie eine Außenseiterin.

     Als sie die verdutzten Gesichter der Frauen sah, wiederholte sie ihren Namen. „Isabel.“

     Eine rothaarige Frau warf einen raschen Blick auf ihre Stammesgenossinnen. „Alannah“, erwiderte sie. Sie sprach sehr schnell mit den anderen Frauen, aber obwohl jetzt alle Isabel anstarrten, machten sie immer noch keinen einladenden Eindruck.

     Isabel suchte angestrengt nach einem einfachen Gruß, nur konnte sie sich an kein einziges von Patricks Wörtern erinnern. So begrüßte sie die Frauen mit einem Nicken. Keine der anderen sagte ihren Namen.

     Isabels feuchtes Gewand weckte Alannahs Interesse. Sie fragte etwas und deutete auf das Kleid.

     „Ich bin geschwommen“, erklärte Isabel und machte mit den Armen Schwimmbewegungen.

     Die Frauen machten große Augen und eine von ihnen kicherte. Isabel erwiderte das Lachen nicht, sondern tat so, als würde sie es nicht hören.

     Die Frauen unterhielten sich wieder, zweifellos über Isabel. Sie schwor sich, so schnell wie möglich ihre Sprache zu lernen. Wenn sie nicht bald zu ihrem Volk sprechen konnte, würde sie nie Herrin sein können.

     Es war ein ernüchternder Gedanke. Ihr Leben in Laochre würde viel schwerer sein, als sie es sich vorgestellt hatte.

     Niedergeschlagen wärmte sie sich an dem Feuer. Hier schien alles so anders zu sein. Ihr Gatte zog es vor, sie lieber zu verbannen, als ihr zu helfen, sich hier einzuleben. Sie starrte in die Flammen und dachte an die Nacht in der Höhle, als er sie an sich gezogen hatte. Er behauptete, er würde sie nie anrühren, und eigentlich sollte sie ihm dafür dankbar sein. Doch es ließ sie nur noch stärker ihre Einsamkeit spüren.

     Die Frauen fingen an, das Gemüse für das Mittagsmahl klein zu schneiden. Also gesellte Isabel sich zu ihnen. Kaum hatte sie das getan, zogen die anderen sich zurück. Sie brachte mühsam ein Lächeln zustande. „Ihr macht es mir nicht gerade leicht, was?“ Da sie nicht mit ihr sprechen wollten, machte es auch nichts aus, wenn sie ihre Meinung aussprach.

     Sie ergriff eine Rübe und blickte sich suchend nach einem Messer um. Die Frauen sahen einander an, als wollten sie ihre Absicht erraten. Isabel tat, als würde sie eine Rübe schaben. Endlich gab Alannah ihr ein stumpfes Messer. Isabel schabte die Rübe und tat, als wäre alles in schönster Ordnung. Tausendmal hatte sie der Dienerschaft dabei zugesehen, wie sie das Gemüse putzte, doch sie hatte mit ihrer Aufgabe zu kämpfen. Das Messer rutschte ab und ritzte ihren Finger. Jedes Augenpaar war auf sie gerichtet.

     „Vermutlich erwartet man von Königinnen nicht, dass sie arbeiten, oder?“, murmelte sie. „Aber da ich sonst nichts zu tun habe, kann ich mich auch nützlich machen.“

     Nachdem sie drei Rüben geschält hatte, hörten die anderen auf, sie anzustarren und kehrten an ihre Arbeit zurück. Ein- oder zweimal warfen die Frauen ihr einen Blick zu.

     Isabel bemühte sich, ein bekanntes Wort aufzuschnappen, doch die Sprache war zu schwer, als dass sie etwas verstanden hätte. Ab und zu hörte sie einen Namen. Doch das war auch schon alles.

     Sie hielt den Blick gesenkt. Aus dem Augenwinkel entdeckte sie eine andere Frau, die sie aus dem Halbdunkel heraus anstarrte. Die Frau machte einen verwahrlosten Eindruck. Ihr langes Haar hing ihr in fettigen Strähnen um das schmutzige Gesicht. Das Kleid, das sie trug, war fleckig und der Saum ausgefranst.

     Die Frau erinnerte sie an ein wildes Tier, das Angst hatte, näher zu kommen. Isabel schenkte ihr ein kleines Lächeln – vergeblich.

     „Isabel“, sagte Isabel und deutete dabei auf sich. Die Frau zog sich zurück und kauerte sich in eine Ecke der Hütte.

     Auf Isabels fragenden Blick, nannte Alannah den Namen. „Sosanna“, sagte sie und deutete auf die Frau. Isabel fragte sich, warum die Frau nicht selber geantwortet hatte, doch die anderen schienen auf der Hut zu sein.

     Von draußen hörte Isabel plötzlich Lärm. Die Stimme ihres Ehemannes gab Befehle, und sie fing einige Worte ihrer eigenen Sprache auf.

     Was war da los?

     Verstohlen näherte sie sich dem Eingang und sah die Männer ihres Vaters in Reihen aufgestellt. Neben ihnen standen die Iren, die sich stark von den fremden Kämpfern unterschieden. Die Reihen der Iren waren nicht gerade, und einige starrten voll Zorn zu den ordentlich aufgestellten Normannen hin. Mehr als nur ein paar von ihnen hatten frische Wunden im Gesicht und Quetschungen, die sich langsam blau färbten.

     Mit wutverzerrtem Gesicht ging Patrick auf die Normannen zu. „Wenn ich Befehle erlasse, dann habt ihr sie zu befolgen. Wenn ihr von uns erwartet, dass wir euch Essen und Unterkunft geben, dann müsst ihr uns auch beim Wiederaufbau helfen.“

     „Wir hätten besser alles niederbrennen sollen“, zischte einer der Normannen. „Dann müssten wir wenigstens nicht hier leben.“

     Isabel konnte nicht glauben, dass der Mann den Mut zu solch einer Unverschämtheit besaß. Wie konnte Patrick ihm so etwas durchgehen lassen? Diesen Mangel an Respekt durfte man nicht hinnehmen.

     Sie trat einen Schritt vor die Hütte und sah zu den Männern hin. Der Magen krampfte sich ihr zusammen, wenn sie nur daran dachte einzugreifen. Das hier war Patricks Kampf, nicht ihrer. Doch trotz ihrer Bedenken fühlte sie das Bedürfnis, sich einzumischen.

     Isabel ging zu den Männern und stellte sich vor sie hin. Sie wusste sehr gut, wie zerzaust sie aussah. Auch wenn sie nicht viele von ihnen kannte, entdeckte sie doch einige vertraute Gesichter, darunter Sir Anselm, den Hauptmann ihres Vaters.

     „Was ist mit euren Familien?“ Ihre Stimme war nicht sehr laut, doch einige der Männer sahen in ihre Richtung. „Wollt ihr, dass sie auf dem Boden schlafen, wenn sie kommen? Wenn das hier euer Heim werden soll, ist es schließlich nur vernünftig, um eure Hilfe beim Wiederaufbau zu bitten.“

     Patrick tauchte hinter ihr auf. Wie eine stählerne Manschette legte sich seine Hand um ihren Arm. „Geht in die Große Halle.“ Es lag eine deutliche Drohung in seiner Stimme, Isabel hingegen wollte nicht einfach klein beigeben. „Mein Vater hat einen Waffenstillstand zwischen unseren beiden Völkern ausgehandelt“, sagte sie zu den Normannen. „Ihr werdet nicht nach England zurückkehren.“

     „Trahern.“ Patrick nickte seinem Bruder zu. „Sieh zu, dass die Männer etwas zu essen bekommen. Zuerst die Unsrigen, dann den anderen. Jeder Mann mit Schnitten oder blauen Flecken wird nichts essen.“

     Seine Worte erschreckten Isabel. Wollte er wirklich den Kämpfern das Essen verweigern? So schlimm standen die Dinge sicher nicht.

     Ihr Mann fasste sie noch fester am Arm und zerrte sie fast zur Burg. Isabel wehrte sich nicht. Sie wollte kein Aufsehen erregen. Doch sie hatte vor, mit Patrick über einige Dinge zu sprechen, besonders über die Behandlung ihrer eigenen Leute.

     Als sie eingetreten waren, schloss er sofort die Tür. „Was macht Ihr hier? Ich gab den Befehl, dass niemand Euch zum Festland bringen darf.“ Seine grauen Augen funkelten vor unterdrückter Wut.

     „Niemand brachte mich her.“ Isabel hob das Kinn. „Ich schwamm nach Laochre, wenn Ihr es wissen wollt. Es war ein wenig kalt.“

     „Habt Ihr den Verstand verloren? Ihr hättet ertrinken können.“

     „Nein. Aber Ihr habt den Euren verloren, wenn Ihr glaubt, dass diese Männer Eure Befehle befolgen werden.“ Die Fäuste in die Hüften gestemmt, leistete sie ihm entschlossen Widerstand. Seine Methoden würden zu nur noch mehr Streit und noch mehr Zorn führen.

     „Sie werden gehorchen, oder sie bekommen nichts zu essen.“

     „Und das wird sie dazu bringen, Eure Autorität zu respektieren?“ Isabel konnte nicht glauben, dass er so grausam sein würde. „Ihnen das Essen zu verweigern schürt den Hass nur noch.“

     „Wenn Ihr dann fertig seid, werde ich Euch zur Insel zurückbringen.“

     „Das könnte Euch so passen.“ Sie stieß den Finger gegen seine Brust. „Ich bin Eure Frau, und ich gehöre hierher und nicht auf eine Insel begraben, weit weg von dem Ort, wo ich gebraucht werde.“

     „Ihr werdet nicht gebraucht, Isabel.“

     „Genau da täuscht Ihr Euch“, beharrte sie. „Wenn Ihr die Iren und die Normannen zusammenbringen wollt, kann ich Euch helfen. Ich kenne diese Männer.“

     „Die Iren und die Normannen zusammenzubringen ist etwas, das ich nie wollte.“ Die Kälte in seiner Stimme schnitt ihr ins Herz. Was meinte er – etwas, das er nie wollte? War das nicht der Grund gewesen, warum er sie geheiratet hatte? Um den Streit zu schlichten und den Kampf zu beenden?

     „Was geschehen ist, ist geschehen“, sagte sie leise. „Wir müssen das Beste daraus machen. Unsere Ehe eingeschlossen.“

     Patrick schüttelte den Kopf. „Wir haben ein Abkommen, keine Ehe.“

     Isabel straffte die Schultern. Auch wenn Patrick sie in keiner Weise berührt hatte, konnte sie seinen Zorn körperlich spüren. Er ballte die Fäuste, und irgendwie spürte Isabel, dass sich da noch mehr dahinter versteckte. Er trug die Last eines ganzen Stammes, kämpfte darum, seine Leute am Leben zu halten.

     Sie trat zu ihm und legte die Hände um seine Fäuste. Die Geste ließ ihn vor Schreck erstarren. „Ich habe nichts Schlimmes getan. Ihr habt keinen Grund, mich so sehr zu verachten.“

     Seine Hände entspannten sich, aber er wich nicht zurück. „Befehle zu befolgen ist nicht gerade Eure Stärke.“

     Sie zuckte die Achseln. „Das mag sein. Aber wünscht Ihr Euch wirklich eine derart kalte Ehe? Wir könnten Freunde sein.“

     Über sein Gesicht legte sich wieder die Maske kühler Unnahbarkeit, und er zog die Hände zurück. „Es gibt keinen anderen Weg.“

     „Warum?“ Sie verstand nicht, was falsch an ihr sein sollte. „Passe ich nicht zur Ehefrau?“

     Er senkte den Blick. „Zur Ehefrau eines anderen vielleicht. Doch zu meiner wart Ihr nie bestimmt.“

     Isabel wurde das Herz schwer, und sie wusste nicht, was sie tun sollte. Tränen brannten ihr in den Augen, aber sie wollte sich nicht erniedrigen, indem sie bettelte. Wenn er sie nicht wollte, dann sollte es wohl so sein.

     „Trocknet Euch am Feuer. Ich komme Euch bald holen.“ Einen Augenblick später umhüllte etwas Warmes ihre Schultern. Als sie aufblickte, war Patrick fort. Er hatte ihr seinen eigenen Mantel umgelegt.

     Die Wärme seines Körpers hing noch daran und sein Geruch. Wieder hätte Isabel weinen können, diesmal vor Wut über Patricks Eigensinn. Sie ließ den Mantel zu Boden fallen und verfluchte sich dafür, je geglaubt zu haben, sie könnte ein Mitglied des Stammes werden.

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