Mein irischer Held - 10. Kapitel

10. KAPITEL

Bevan wusste besser, als Genevieve es zu ahnen vermochte, welches Wechselbad der Gefühle seine junge Gemahlin durchzustehen hatte. Aber auch er selbst war unsicher, wie er mit der Situation umgehen sollte. So ließ er geduldig die Scherze seiner Freunde über sich ergehen, lachte zu den derben Witzen, die sie über die ehelichen Freuden von frisch Vermählten machten, und bemühte sich, wenig Alkohol zu sich zu nehmen, obwohl jeder mit ihm auf sein zukünftiges Glück trinken wollte. Endlich – er hatte einige betrunkene Männer von ihrem Plan, ihn zu begleiten, abbringen müssen – machte er sich auf den Weg nach oben.

     Er betrat sein Schlafgemach und verriegelte die Tür hinter sich, froh darüber, dass er nach seiner zweiten Eheschließung nicht die Räumlichkeiten bewohnte, die er mit Fiona geteilt hatte. Es war besser, das Leben mit Genevieve in einer Umgebung zu beginnen, die nicht zu sehr von alten Erinnerungen geprägt war. Vielleicht wäre es sogar noch besser gewesen, ihr nicht die Kammer zu überlassen, die einst ihm und Fiona als Schlafgemach gedient hatte. Aber das ließ sich nun nicht mehr ändern.

     Mit einem Seufzen schaute Bevan sich um. Auf Rionallís gab es trotz all seiner Bemühungen, alten Erinnerungen aus dem Weg zu gehen, vieles, was ihn an früher gemahnte. Ein Teil des Gesindes lebte schon seit Jahren in der Burg, auch kannte er praktisch alle Pächter und ihre Familien. Die meisten von ihnen waren zur Hochzeitsfeier gekommen und hatten ihm und seiner Braut alles Gute gewünscht. Einige wenige schienen der Normannin gegenüber misstrauisch zu sein. Doch alle hatten sich gefreut, Bevan wieder als ihren rechtmäßigen Herrn begrüßen zu können.

     Ihre Treue erfüllte ihn mit einer gewissen Zufriedenheit. Aber genießen konnte er dieses Gefühl momentan kaum. Es gab zu viel anderes, das ihn beschäftigte. Dass Genevieve nur durch eine Tür von ihm getrennt im Nebenraum schlief, erfüllte ihn mit Unruhe. Er war sich sicher, dass sie ihn – wie es sich für eine Gemahlin gehörte – in ihrem Bett willkommen heißen würde. Und er konnte nicht leugnen, dass er sie begehrte. Trotzdem zögerte er, zu ihr zu gehen. Sie würde sich, nach allem, was Hugh ihr angetan hatte, vor dem, was in der Hochzeitsnacht geschehen sollte, fürchten.

     Tatsächlich fürchtete auch er selbst sich ein wenig. Wie würde er reagieren, wenn sie keine Jungfrau mehr war? Er hatte selbst gesehen, wie Hugh mit ihr umgesprungen war. Und nach allem, was er wusste, konnte er nicht ausschließen, dass der Normanne Genevieve vergewaltigt hatte.

     Bevan seufzte tief auf und beschloss, sich zunächst einmal gründlich zu waschen. Kaltes Wasser konnte ein wirksames Mittel gegen gewisse zur Unzeit erwachte Begierden sein …

     Gänsehaut bedeckte Bevans Körper, als er sich nach dem Waschen in ein Tuch wickelte. Um das nasse Haar zu trocknen, setzte er sich auf den Stuhl, der neben dem Kamin stand, in dem noch immer ein kleines Feuer flackerte.

     Plötzlich bemerkte er eine Bewegung. Er sprang auf und griff nach seinem Dolch. Dann erstarrte er. Die Vorhänge des Betts wurden auseinandergeschoben und eine schlanke Gestalt mit langem offenem Haar setzte die Füße auf den Boden. Zögernd kam sie auf ihn zu.

     "Genevieve!"

     Sie stand jetzt so dicht vor ihm, dass er die Angst in ihren Augen sehen konnte. Gleichzeitig spürte er, wie das Verlangen erneut in ihm aufloderte. Ein heißer Schauer überlief ihn.

     "Ich wusste nicht, was ich tun sollte", sagte sie leise. "Die irischen Sitten sind offenbar anders als die unsrigen. Ich dachte, ich sollte …" Sie brach ab und starrte zu Boden.

     An ihrer Haltung erkannte Bevan, welchen Mut und welche Überwindung es sie gekostet haben musste, in dieser Nacht in sein Gemach zu kommen. Was sollte er tun? Einerseits erschien es ihm richtig, sich ihr nicht aufzudrängen, sondern sie fortzuschicken. Andererseits wusste er, dass sie es als Zurückweisung verstanden hätte, wenn er sie nicht in sein Bett einlud.

     Er griff nach ihren Händen und drückte sie sanft. Dann zog er Genevieve vorsichtig näher und legte schließlich die Arme um ihre bebenden Schultern. Eine Weile standen sie so eng beieinander. Bevan atmete tief den Duft ihres Haars ein, der ihn an warme Sommernächte erinnerte. Irgendwann begann er, sie sanft zu streicheln. Und endlich hob sie den Kopf, bot ihm die Lippen zum Kuss.

     Er ließ sich auf den Stuhl zurücksinken, ohne Genevieve loszulassen. Sie zuckte zusammen, als sie sich auf seinem Schoß sitzend wiederfand und spürte, wie erregt er war. Doch er drängte sie zu nichts. Tatsächlich hatte er nicht die Absicht, in dieser Nacht seinem Verlangen nachzugeben. Er würde – diesen Entschluss hatte er inzwischen gefasst – die Ehe mit ihr später vollziehen, dann, wenn Genevieves Angst vor körperlicher Nähe nachgelassen hatte.

     Aber küssen wollte er sie. Und ihren Rücken streicheln. Ihre Brüste liebkosen und an ihren Ohrläppchen knabbern. Er wollte ihre samtene Haut fühlen und schmecken. Er wollte …

     Mit einem kleinen Schrei sprang sie auf. Sie zitterte jetzt am ganzen Körper und Bevan begriff, dass er ihr mehr Zeit lassen musste.

     "Verzeiht", stammelte sie. Ihr Gesicht war blass und ihre erschrocken aufgerissenen Augen wirkten riesig. "Ich dachte, ich würde … Ich hatte gehofft, ich könnte …"

     "Habt keine Angst. In dieser Nacht werde ich das Recht eines Ehemanns nicht einfordern."

     Sie wurde noch blasser. "Es tut mir leid, dass ich Euch enttäuscht habe." Sie wandte sich ab.

     "Genevieve, bitte!" Er bemerkte, dass das Tuch, mit dem er sich abgetrocknet hatte, jetzt auf dem Boden lag und er völlig nackt war. Rasch bückte er sich und schlang es sich um die Hüfte. "Wir wissen beide, dass dies keine einfache Ehe sein wird. Ich kann Euch nicht geben, was Ihr Euch ersehnt. Aber ich werde Euch auch zu nichts zwingen, was Euch zuwider ist."

     "Ich werde tun, was von mir erwartet wird", gab sie zurück. "Ich brauche nur etwas mehr Zeit."

     Statt zu antworten, nahm er ihre Hand und führte Genevieve zum Bett. "Schlaft jetzt."

     Sie kroch unter die Decke und schloss die Augen. In ihren Ohren dröhnte Hughs Stimme. Wie oft hatte er ihr Vorwürfe gemacht. Und nun hatte sie wieder versagt. Wahrscheinlich hatte ihr früherer Verlobter recht gehabt mit seiner Anschuldigung, dass sie gar keine richtige Frau sei. Ihr solltet Euch glücklich schätzen, dass ich Euch überhaupt Beachtung schenke, hatte er mehr als einmal in spöttischem Ton erklärt.

     Sie hatte Hugh – dem Himmel sei Dank – nicht heiraten müssen. Sie war nun Bevans Gemahlin, doch dieser schenkte ihr keine Beachtung. Es musste an ihr liegen, dass ihre Beziehungen zu Männern immer so kläglich scheiterten …

     Sie hörte, wie Bevan in der Kammer unruhig umherwanderte. Sollte sie noch einmal versuchen, ihn auf sich aufmerksam zu machen? Zögernd schob sie den Bettvorhang beiseite.

     Ihr Gemahl schritt vor dem flackernden Feuer auf und ab. Er war nackt bis auf das Tuch, das er um die Hüfte geschlungen hatte. Seine Haut wirkte im Schein der Flammen bronzefarben, und an einigen Stellen waren hellere Narben zu sehen. Deutlich konnte Genevieve erkennen, wie seine Muskeln sich spannten und entspannten. Ein attraktiver Mann, ein Krieger, ein Beschützer …

     "Bevan?", flüsterte sie.

     "Ja?"

     "Bitte, lasst mich heute Nacht nicht allein."

     Er kam zum Bett und schaute ihr fest in die Augen. "Niemals würde ich Euch bloßstellen, indem ich unser eheliches Schlafgemach verlasse. Alle glauben, dass ich gerade dabei bin, Euch zu meiner Frau zu machen. Und natürlich werden wir tun, was nötig ist, um sie davon zu überzeugen, dass wir die Ehe vollzogen haben."

     "Ich verstehe nicht …", murmelte Genevieve. "Was ist mit dem Laken?" Ihre Wangen röteten sich, so peinlich war es ihr, diese Frage zu stellen. In England war es üblich, das Laken mit dem blutigen Beweis für die Jungfräulichkeit der Braut am nächsten Morgen öffentlich zur Schau zu stellen. "Müssen wir den Leuten nicht das Blut zeigen?"

     "Nein." Leicht amüsiert schüttelte er den Kopf. "Wir sind in Irland. Vielleicht wird einer meiner Männer mir auf die Schulter klopfen und fragen, ob es schön gewesen sei. Aber niemand erwartet ein sichtbares Zeichen dafür, dass die Ehe vollzogen wurde."

     "Doch", widersprach Genevieve leise. "Bevan, würdet Ihr mir kurz Euer Messer leihen?"

     "Was?"

     "Meine Eltern, sie werden mein Blut auf dem Laken sehen wollen."

     Bevan holte das Messer von Tisch, auf dem er es abgelegt hatte, schob den Bettvorhang weiter zur Seite, fügte sich selbst eine oberflächliche Schnittwunde zu und ließ etwas Blut auf das Laken tropfen. "Es muss nicht Euer Blut sein", stellte er ruhig fest.

     Genevieve hatte leicht aufgestöhnt, als er sich selbst verletzte. Aber er tat, als sei diese Geste etwas Selbstverständliches. Mit einem kleinen Lächeln legte er das Messer zurück, holte aus einer Truhe einen Arm voller Decken und baute sich eine Schlafstelle vor dem offenen Kamin.

     Bequem sah das nicht aus, und einen Moment lang überlege Genevieve, ob sie ihn nicht auffordern sollte, zu ihr ins Bett zu kommen. Aber sie war so beschämt über ihr früheres Verhalten, dass sie es nicht wagte. Es bedrückte sie, dass sie die Situation so falsch eingeschätzt hatte. Als Bevan sie vor dem Priester und den versammelten Hochzeitsgästen geküsst hatte, hatte sie fest geglaubt, sie würde in der Lage sein, sich ihm hinzugeben. Ja, sie hatte sogar davon geträumt, dass diese Ehe eine richtige Ehe werden könnte. Nun, sie hatte sich in sich selbst ebenso getäuscht wie in ihrem Gemahl.

     Sie dachte an die Narben, die seinen Körper bedeckten, und an die, die unsichtbar unter der Oberfläche lagen. Er war ein Vater, der seine kleine Tochter verloren hatte. Er war ein Ehemann, dem es nicht gelungen war, seine Gemahlin vor den Feinden zu retten. Er war ein Mann, der durch die Umstände gezwungen worden war, eine Frau zu heiraten, die ihm nichts bedeutete.

     Sie presste die Lippen zusammen, da sie wusste, dass es am besten wäre, einfach zu schweigen. Aber dann konnte sie sich doch nicht zurückhalten. "Warum habt Ihr Euch für diese Ehe entschieden?"

     Er antwortete nicht. Sein Atem ging regelmäßig, so dass Genevieve schon davon überzeugt war, dass er eingeschlafen war. Doch dann sagte er: "Ich habe begriffen, dass es der einzige Weg war, Euch vor Marstowe zu schützen. König Henry hätte darauf bestanden, dass Ihr Euren Verlobten heiratet. Aber keine Frau hat einen Gemahl wie ihn verdient."

     Tränen traten ihr in die Augen. "Mein Vater war aber damit einverstanden, dass die Verlobung gelöst wurde", gab sie leise zurück.

     "Ja. Nur leider scheint Euer König sehr viel von Sir Hugh zu halten. Er wollte diese Verbindung. Allerdings war ihm auch klar, dass eine englisch-irische Ehe ihm mehr Vorteile bringt."

     "Wahrscheinlich habt Ihr recht." Sie seufzte auf. Auch wenn es ihr Ziel gewesen war, unnötiges Blutvergießen zu vermeiden und Frieden zwischen den Völkern zu schaffen, so hatte sie doch nie gewünscht, dass Bevan ihretwegen ein Opfer brachte.

     "Ich muss Euch vor Hugh warnen. Vertraut nicht darauf, dass er Euch oder seinen Anspruch auf Rionallís aufgegeben hat. Meiner Meinung nach wird er jede Chance nutzen, seine ursprünglichen Ziele doch noch zu erreichen."

     Ein kalter Schauer überlief Genevieve. Dann hörte sie, wie Bevan fortfuhr: "Ich verspreche Euch jedoch, alles in meiner Macht Stehende zu tun, damit Ihr vor ihm sicher seid."

     "Danke", flüsterte sie. Aber in diesem Moment war sie den Tränen näher als je zuvor, seit Bevan das Gemach betreten hatte. Alles wäre so viel leichter, wenn er ihr nicht von Tag zu Tag mehr bedeutet hätte. Mit seiner Güte, seiner Zuverlässigkeit und seinem Verantwortungsbewusstsein hatte er ihr Herz erobert.

     Sie schickte ein stummes Gebet zum Himmel. Vielleicht würde ja irgendwann doch noch alles gut werden …

Als Bevan erwachte, war er allein. Er erhob sich von seinem Lager auf dem Fußboden und musste ein Stöhnen unterdrücken. Seine Schulter schmerzte, und in seinem Kopf herrschte ein quälender Druck. Die Erklärung für beides war einfach: Ein weiches Bett wäre für seine Verletzung besser gewesen, und mehr Schlaf hätte seinem Kopf gutgetan.

     Tatsächlich hatte bereits der Tag gegraut, als er endlich in einen leichten Schlummer gesunken war. Vorher hatte er all seine Willenskraft aufbringen müssen, um nicht zu Genevieve ins Bett zu schlüpfen. Wie gern hätte er den Arm um sie gelegt, ihren warmen Körper gespürt, sich von ihrem Atem streicheln lassen. Aber er befürchtete, seinem Verlangen nicht widerstehen zu können, wenn er ihr so nah war. Also hatte er sich gezwungen, auf dem harten Boden auszuharren.

     Jetzt wusch er sich rasch, zog sich an und begab sich in den großen Saal, aus dem ihm der Duft nach süßem Gebäck entgegenwehte. An einem der Tische entdeckte er seinen Bruder Ewan, der Apfelküchlein in sich hineinstopfte.

     "Weißt du, wo Genevieve ist?", fragte Bevan.

     "Ich habe sie heute noch nicht gesehen. Komm, setz dich zu mir. Wir können zusammen frühstücken. Diese kleinen Kuchen sind köstlich."

     Es gab auch Hafergrütze, dunkles Brot und Käse. Aber es war das Gebäck, dessen Duft Bevan das Wasser im Munde zusammenlaufen ließ. Dabei war er eigentlich ein Mensch, der herzhafte Speisen bevorzugte. Jetzt allerdings griff er nach einem Apfelküchlein und biss voller Genuss hinein. "Hm! Hat Genevieve die gebacken?"

     "Nein, aber sie hat dem Koch genau erklärt, wie er sie machen muss. Sie hat ihm auch viele andere Tipps gegeben." Ewan leckte sich die Finger. "Ehrlich, Bevan, noch nie in meinem Leben habe ich so gut gegessen. Am liebsten würde ich für immer hierbleiben."

     Sein Bruder lächelte. "Du wirst bald nach Laochre zurückkehren müssen."

     Als beide ihr Frühstück beendet hatten, machte Bevan sich auf die Suche nach Genevieve. Da er sie im Haus nicht finden konnte, warf er sich seinen Mantel über die Schultern und trat in den Hof hinaus. Es war so kalt, dass ihn ein Frösteln überlief. Er wollte sich schon zurück in die Burg begeben, als er Genevieve entdeckte.

     Sie stand vor dem Schuppen, der als Waschhaus diente, und half den Wäscherinnen. Mit den Händen hielt sie einen langen, unten breiter werdenden Holzstab umfasst und rührte damit in einem dampfenden Kessel. Bevan blieb stehen, um ihr unbemerkt zuzuschauen. Sie sah verändert aus. Ihr Haar war unter einer Haube verborgen, doch die Strähnen, die darunter hervorschauten, klebten ihr, feucht vom aufsteigenden Dampf, an den Schläfen. Ihre Wangen waren von der Hitze gerötet. Ihre Miene verriet, dass sie sich ernsthaft anstrengte.

     Als Burgherrin gehörte es nicht zu ihren Aufgaben, die Mägde bei der Erledigung der groben Tätigkeiten zu unterstützen. Aber es schien ihr nichts auszumachen, mit dem Gesinde Hand in Hand zu arbeiten. Ihr ganzes Benehmen wies darauf hin, dass sie gern mit den irischen Bewohnern von Rionallís zusammen war. Es war nicht zu übersehen, dass die meisten seiner Leute Genevieve bereits als eine der ihren betrachteten.

     Die Erkenntnis beunruhigte ihn.

     In diesem Moment hob sie den Kopf und bemerkte Bevan. Grüßend nickte sie ihm zu. Er winkte ihr zu, wandte sich dann aber ab, um in den großen Saal zurückzukehren. Aber dort gab es nichts, was seine Aufmerksamkeit hätte fesseln können. Mit einem Mal kam er sich seltsam einsam vor. Einem plötzlichen Impuls folgend, begab er sich zu dem Schlafgemach, das er einst mit Fiona geteilt hatte.

     Als er die Tür dazu öffnete, glaubte er im ersten Moment, er habe sich in der Kammer geirrt. Aber dann erkannte er, dass dies das richtige Gemach war. Es sah allerdings sehr anders aus, die Einrichtung war nicht wiederzuerkennen.

     Bevan atmete tief durch. Er hatte nicht erwartet, dass Genevieve so viele Veränderungen vornehmen würde. Das Bett, in dem er an Fionas Seite die Nächte verbracht hatte, war verschwunden. Und die Wandbehänge, die sie selbst gewebt hatte, waren durch neue ersetzt worden. Ihm fiel ein, wie er sich manchmal von hinten an sie herangeschlichen hatte, wenn sie webte, um ihr einen Kuss in den Nacken zu geben.

     Hatte Genevieve – oder Hugh – die Wandbehänge gar verkauft? Bevan fühlte sich beraubt, und plötzlich wallte Zorn in ihm auf. Er wurde noch wütender, als er sich entsann, dass seine Tochter in dem verschwundenen Bett gezeugt und geboren worden war. Obwohl er monatelang vor allem, was ihn an seine verstorbene Frau gemahnte, geflohen war, wünschte er sich nun jedes einzelne Teil zurück, das mit ihr in Verbindung stand. Niemand hatte das Recht, ihm seine Erinnerungsstücke fortzunehmen!

     Die Tür wurde geöffnet und Genevieve trat ein. "Bevan!" Sie lächelte. "Ich dachte, Ihr …" Als sie seinen Blick bemerkte, verstummte sie.

     "Wo ist das Bett? Und was ist aus den Wandbehängen geworden?"

     Ihr Lächeln verblasste.

     Als sie nicht sofort antwortete, umfasste Bevan ihre Schultern mit festem Griff. "Wo?", wiederholte er.

     "Ich weiß es nicht." Sie begann leicht zu zittern.

     Seine Finger gruben sich jetzt schmerzhaft in ihre Haut.

     "Es tut mir leid", sagte sie noch einmal. "Ich weiß es nicht. Ich habe den Bediensteten zu verstehen gegeben, dass sie alles fortbringen sollen."

     "Fortbringen?" Fassungslos schüttelte er den Kopf. "Ihr habt ihnen nicht einmal gesagt, wohin sie die Sachen bringen sollen?"

     "Nein, ich wollte einfach nur, dass …" Genevieve brach ab und biss sich auf die Lippen.

     Er trat einen Schritt zurück und gab ihre Schultern frei. Er schämte sich, weil er ihr wehgetan hatte. Aber seine Wut war noch lange nicht verraucht. "Was wolltet Ihr?"

     "Ich hatte den Wunsch, von alldem nichts mehr ansehen zu müssen. Besonders das Bett … Immer, wenn ich es angeschaut habe, musste ich daran denken, wie Hugh …" Tränen stiegen ihr in die Augen, ihre Stimme brach. Dann fasste sie sich und sagte überraschend ruhig: "Ich wollte, wenn Ihr des Nachts zu mir kommt, durch nichts an Hugh erinnert werden."

     "Ich hatte nie die Absicht, zu Euch zu kommen."

     Sie wischte sich die Tränen fort und erwiderte tapfer den Blick ihres Gemahls. Nur ihre Blässe verriet, wie tief seine Worte sie getroffen hatten.

     Ihr Verhalten machte Bevan jedoch nur noch zorniger. "Lasst mich sofort allein!", befahl er. "Und ändert nicht noch mehr. Dies ist mein Zuhause, und ich möchte, dass es so bleibt, wie es ist."

     Genevieve rührte sich nicht.

     "Geht endlich!", schrie er.

     Sie wandte sich um und floh.

Beim Mittagsmahl setzte Genevieve sich zu ihren Eltern. Sie aß und trank, ohne etwas zu schmecken. Sie unterhielt sich, und wusste doch nicht mehr, sobald sie einen Satz beendet hatte, was sie gesagt hatte. Sie lächelte. Aber wer genau hinschaute, bemerkte, dass das Lächeln nicht ihre Augen erreichte.

     Nach einer Stunde erklärte Lady Helen, dass sie sich ein wenig zurückziehen wolle. Der Earl schenkte sich noch einen Becher Holunderbeerwein ein, legte seine Hand auf die seiner Tochter und sagte: "Ich sehe wohl, dass du bedrückt bist, Liebes. Bereust du deine Entscheidung bereits? Hat dieser Ire dich gekränkt? Oder hat er dir gar Schmerz zugefügt?"

     Genevieve errötete. Sie hatte von einer der Mägde erfahren, dass ihr Vater verlangt hatte, das Bettlaken der frisch Vermählten zu sehen. Wollte er wissen, ob Bevan in der Hochzeitsnacht rücksichtsvoll mit ihr umgegangen war? Oder zielte seine Frage in eine andere Richtung?

     "Er ist ein Mann, dem man vertrauen kann", sagte sie ausweichend. "Nie würde er mir absichtlich wehtun."

     Ihr Vater nickte. "Ich kenne ihn inzwischen genug, um ihn zu schätzen. Anders als deine Mutter glaube ich, dass er dir ein guter Gemahl sein wird. Er ist ein angesehener Krieger, aber seine Leute achten auch seine Fähigkeiten als Burgherr und Landbesitzer."

     "Der Beginn unserer Ehe stand einfach unter keinem guten Stern." Genevieve seufzte. "Bevan ist durch die Umstände gezwungen worden, mich zu heiraten. Das wird er mir nie verzeihen."

     "Unsinn! Viele der besten Ehen wurden unter Zwang geschlossen. Und vermutlich beginnen die meisten nicht gerade mit überwältigenden Glücksgefühlen für Braut und Bräutigam. Aber ich bin sicher, dass ihr bestens miteinander auskommen werdet. Lass deinem Gemahl ein wenig Zeit. Du wirst hier auf Rionallís bleiben, er wird sich an dich gewöhnen und dich irgendwann nicht mehr missen wollen."

     "Er verachtet mich", stieß sie voller Bitterkeit hervor.

     Der Earl hob die Augenbrauen. "Du bist kein Kind mehr, Genevieve. Und es geziemt sich nicht, dass du dich wie eines benimmst. Was soll dieses Jammern?"

     "Verzeiht, Vater." Sie versuchte, sich zusammenzureißen. "Werdet Ihr noch eine Weile bleiben, um Eurer unreifen Tochter Gesellschaft zu leisten?"

     Er lachte. "Du bist durchaus in der Lage, dich wie eine erwachsene Frau zu benehmen. Und darüber bin ich sehr froh. Ich muss Anfang nächster Woche wieder aufbrechen. König Henry hat mich nach England befohlen. Aber sorge dich nicht. Ich werde dir ein paar meiner verlässlichsten Diener schicken. Sie werden mir Bescheid geben, wenn du wider Erwarten Probleme mit Bevan bekommen solltest. Ich verbürge mich dafür, dass meine Leute sich durch nichts aufhalten lassen werden, wenn du sie losschickst, um Hilfe zu holen."

     "Danke. Aber ich bin davon überzeugt, dass mein Gemahl mich niemals so schlecht behandeln würde, wie Hugh es getan hat."

     "Das glaube ich auch. Wie gesagt, dein irischer Krieger gefällt mir inzwischen recht gut. Gib dir ein wenig Mühe, dann wird er dir auch sein Herz schenken."

     "Das glaube ich kaum", murmelte sie. Doch unabhängig von ihren Gedanken schloss sie ihren Vater in die Arme. "Ich werde mein Bestes tun."

     "Gut. Vergiss nicht, du bist schön und klug. Du wirst dein Ziel erreichen. Sollte trotzdem etwas schiefgehen, so gibst du uns einfach Bescheid. Ich werde nicht zögern, dir zu Hilfe zu eilen."

     "Danke, Vater."

Die nächste Nacht verbrachte Bevan gar nicht in seinem Gemach.

     Genevieve hatte sich entschlossen, in ihrem eigenen Bett zu schlafen. Aber sie hatte die Tür zur Nebenkammer einen Spalt weit offen gelassen. Sie war sicher, dass sie hören würde, wenn ihr Gemahl erschien. Aber er kam nicht.

     Auch tagsüber sah sie ihn kaum. Und die Nacht darauf verbrachte sie wieder allein.

     Schließlich war der Morgen da, an dem ihre Eltern abreisten. Der Abschied fiel Genevieve schwer, obwohl ihre Mutter versprach, im Frühjahr für einen längeren Aufenthalt wiederzukommen. Als ihr Vater ein paar Scherze über seine zukünftigen Enkelkinder machte, wäre Genevieve beinahe in Tränen ausgebrochen. Sie würde ihm keine schenken, denn um Mutter zu werden, brauchte sie einen Mann, der ihr Bett teilte.

     Als sie ihren Eltern ein letztes Mal zuwinkte, war Genevieve noch immer sehr traurig. Sie beschloss, sich mit Arbeit abzulenken. Früher hatte das immer geholfen.

     Nachdem sie verschiedene kleinere Pflichten erledigt hatte, begab sie sich zu den Vorratskammern. Sie war gerade damit beschäftigt, einen Sack Korn aus einer Ecke zu hieven, als eine ältere Frau mit breiten Schultern zu ihr trat und sagte: "Lasst diesen Sack liegen, Mylady. Wir haben genug Männer hier, die die schweren Tätigkeiten übernehmen können."

     "Ich schaffe das schon", gab sie zurück. Obwohl ihre Arme und ihr Rücken von der Anstrengung schmerzten, wollte sie nicht nachgeben.

     "Mylady, so seid doch vernünftig. Ihr habt kürzlich geheiratet und könntet Eurem Baby schaden."

     "Ich erwarte kein Baby." Sie ließ den Sack los und zwang sich ruhig und gleichmäßig zu atmen. Sie wollte an etwas anderes denken, aber wie von selbst wanderten ihre Gedanken zu dem kleinen Declan. Obwohl er längst nicht mehr im Säuglingsalter war, hatte er noch geduftet wie ein Baby. Sein Haar war so fein und seine Haut so weich gewesen. Es war ein wunderbares Gefühl gewesen, ihn in den Armen zu halten.

     Mit Mühe gelang es ihr, einen tiefen Seufzer zu unterdrücken. Bevan war von Anfang an ehrlich zu ihr gewesen. Er hatte ihr nie Hoffnung auf etwas gemacht, was er ihr nicht geben konnte. Wie war sie eigentlich nur auf die Idee gekommen, sie könne sein Herz gewinnen? Nie würde sie ein eigenes Kind haben. Niemals.

     "Dann wird es nicht mehr lange dauern, bis ihr eines erwartet." Die Stimme der Frau riss Genevieve aus ihren traurigen Überlegungen. "Die Männer der MacEgans sind stark." Ein bedeutsames Lächeln zeigte sich auf dem Gesicht der Irin. Und leiser fuhr sie fort: "Keine Frau, die ich kenne, könnte ihnen widerstehen. Ihr habt großes Glück. Viele beneiden Euch, weil ihr Bevan MacEgan erobert habt. Er behandelt seine Leute gerecht und ist ein großer Kämpfer. Zudem sieht er gut aus. Mir gefällt er viel besser als dieser Normanne, mit dem ihr zuerst verlobt wart."

     In England hätte niemand gewagt, so mit ihr zu reden. Und im ersten Moment wollte Genevieve aufbrausen. Doch dann lächelte sie stattdessen. Die Offenheit, die in Irland viele Menschen an den Tag legten, hatte etwas Bewundernswertes. "Ihr habt recht", sagte sie. "Wie heißt Ihr?"

     "Mairi."

     "Ich bin froh, dass ich Euch kennengelernt habe, Mairi."

     "Ihr seid sehr freundlich, Mylady." Sie zögerte einen Moment lang, ehe sie fortfuhr: "Früher haben die anderen Frauen und ich uns Sorgen um Euch gemacht. Wir haben ja gesehen, wie Marstowe Euch behandelte. Ich hoffe, eines Tages wird er dafür in der Hölle brennen. Wir hätten Euch gern geholfen. Aber was sollten wir tun? Wir wollten ja nicht, dass er noch mehr Unschuldige tötet."

     "Er ist ein schlechter Mensch", stimmte Genevieve zu. "Aber wen, meint Ihr, hat er getötet?"

     "Die arme Maureen. Dieser Bastard! Er wollte von ihr wissen, was sie in der Nacht beobachtet hatte, als Ihr mit Bevan fortgegangen seid. Und als sie sich weigerte, ihm zu antworten …" Ein Schauer überlief Mairi. Dann straffte sie die Schultern, reichte Genevieve einen wollenen Umhang, den sie offensichtlich extra mitgebracht hatte, und bat: "Wollt Ihr mit mir kommen?"

     "Wohin?"

     "Ins Dorf. Die Pächter möchten Euch gern näher kennenlernen. Sie sind alle sehr neugierig auf Euch. Sie wollen sich die Frau anschauen, der es gelungen ist, Bevan zu erobern."

     Mairis Freundlichkeit hatte Genevieves Sehnen, sich jemandem anzuvertrauen, noch verstärkt. Leise erklärte sie: "Ich wünschte, ich hätte ihn erobert. Aber ich bedeute ihm nichts. Bisher hat er mir nicht mehr als seinen Namen gegeben, und ich fürchte, so wird es auch bleiben. Eine reine Vernunftehe eben …"

     "Ah, Ihr bedauert Euch selbst?"

     Mairi hatte Genevieves Hand ergriffen. Gemeinsam verließen die beiden Frauen die Vorratskammer. Im Hof empfing sie ein kalter Wind.

     "Selbstmitleid hat noch niemandem geholfen", fuhr Mairi fort. Sie schien die Kälte, unter der Genevieve erschauerte, gar nicht zu spüren. "Wer eine glückliche Ehe führen will, muss stark und zuversichtlich sein. Lebt Euer eigenes Leben, folgt Euren eigenen Interessen. Versucht gar nicht erst, einem Mann hinterherzulaufen. Männer mögen das nicht. Man schlägt sie nur in die Flucht, wenn man ihnen nachstellt."

     "Seid Ihr verheiratet?"

     "Aber ja." Mairi lachte. "Zum fünften Mal. Vier gute Männer habe ich begraben – möge Gott ihren Seelen Frieden schenken –, doch ich kann sagen, dass alle ein zufriedenes Leben geführt haben. In den Nächten habe ich ihnen ordentlich eingeheizt."

     Genevieve errötete. In Irland war wirklich vieles anders, als sie es aus England kannte. Und an manches konnte sie sich nur schwer gewöhnen.

     Sie erreichten die Stallungen, und Mairi rief einem der Jungen zu, dass er ein Pferd für Genevieve satteln solle.

     "Was ist mit Euch?", wollte diese wissen.

     "Ich laufe lieber. Ihr jedoch seid die Herrin von Rionallís. Man erwartet, Euch hoch zu Ross zu sehen."

     "Das glaube ich nicht." Genevieve erklärte dem Stalljungen, dass sie kein Pferd brauche, da sie mit Mairi zu Fuß gehen würde.

     Tatsächlich warf diese ihr einen anerkennenden Blick zu. Trotz ihrer Behauptung, die Pächter würden erwarten, dass die Herrin ritt, schien es ihr zu gefallen, dass Genevieve sich entschieden hatte, an ihrer Seite zu gehen.

     Unterwegs kamen sie an kleinen Herden von Kühen und Schweinen vorbei. Als Genevieve ihre Verwunderung darüber zum Ausdruck brachte, dass die Tiere trotz des Schnees genug Futter fanden, lachte Mairi. "Seht nur", sie wies auf etwas Dunkles inmitten der sich zusammendrängenden Kühe hin. "Das ist ein Trog. Und der ist heute morgen für die Tiere gefüllt worden."

     Näher am Dorf gab es viele niedrige Steinmauern und Hecken. Durch sie wurden kleine Felder voneinander getrennt. Jetzt sah man auch schon einzelne Cottages. Manchmal ging eine Tür auf, und Frauen und Kinder schauten heraus. Auch einigen Männern begegneten Genevieve und Mairi. Letztere wusste natürlich über alle Bewohner Bescheid und konnte zu jeder Familie eine kleine Geschichte erzählen. In Genevieve erwachte der Wunsch, zumindest einen Teil der Leute recht bald näher kennenzulernen.

     Plötzlich blieb sie stehen. "Mairi, ich würde gern ein Fest ausrichten, die Halle dekorieren und die Pächter mit ihren Familien einladen. Alban Arthuan ist vorbei, aber wir könnten sicher einen Grund finden, um ein bisschen zu feiern."

     Mairi strahlte. "Das ist eine gute Idee, Mylady. Ich werde dafür sorgen, dass einige der Dorfmädchen in die Burg kommen, um Euch bei den Vorbereitungen zu helfen. Das wird ihre Neugier befriedigen und Euch die Gelegenheit geben, mehr über sie und ihre Familien zu erfahren. Ein gemeinsam gefeiertes Fest ist immer etwas Gutes. Zudem wird es Euch von Eurem Kummer ablenken."

     "Bitte, nennt mich Genevieve." Ihre Laune hatte sich schlagartig gebessert. Es würde Freude machen, den Saal zu schmücken und gemeinsam mit dem Koch zu überlegen, was man den Gästen servieren sollte. Musik würde es sicher auch geben. "Kennt Ihr jemanden, der ein Instrument spielt?" Mit leichter Wehmut dachte sie daran, wie sie selbst auf Laochre Harfe gespielt hatte.

     "Jeder hier glaubt, er sei ein großer Musikant. Aber wirklich gut ist eigentlich nur Eoin. Er spielt Dudelsack. Bittet ihn aber nicht zu singen. Das kann er nämlich nicht."

     Genevieve nickte, und gemeinsam machten sie noch eine Weile Pläne für das Fest. Schließlich wechselte Genevieve das Thema. Ihr war eingefallen, dass Bevans Laune sich vermutlich bessern würde, wenn die Wandbehänge, deren Verschwinden ihn so erzürnt hatte, wieder auftauchten. Dass diese an ihrem ursprünglichen Platz aufgehängt würden, musste allerdings verhindert werden. Sie, Genevieve, würde nicht zulassen, dass in den Gemächern, die sie gemeinsam mit Bevan bewohnte, irgendwelche Erinnerungsstücke auftauchten. Ihre Ehe war schwierig genug, auch ohne dass Hughs oder Fionas Schatten sich darüber legte.

     Also sagte sie: "Vor einiger Zeit habe ich den Mägden befohlen, die Wandbehänge aus meiner Kemenate zu entfernen. Könnt Ihr herausfinden, wo sie sind? Ich würde sie gern nutzen, um den großen Saal zu schmücken."

     Mairi versprach, sich darum zu kümmern.

     Als Genevieve schließlich in die Burg zurückkehrte, wurde ihr bewusst, dass sie sich nun, da sie ihr Selbstmitleid überwunden hatte und Zukunftspläne schmiedete, gleich bedeutend besser fühlte.

Während wieder einmal ein Schneesturm tobte, schmückte Genevieve, unterstützt von mehreren Frauen, den großen Saal. Ihren Gemahl hatte sie – wie auch an den Tagen zuvor – nicht zu Gesicht bekommen. Von ihrem Vorhaben, ein Fest zu geben, würde er trotzdem längst erfahren haben.

     Sie hatte ihre Helferinnen gebeten, Fionas selbst gewebte Wandteppiche so aufzuhängen, dass sie vom Eingang des Saals aus zu sehen waren. Obwohl sie dort die Blicke auf sich ziehen würden, störte dies Genevieve überhaupt nicht. In dieser Umgebung wirkten sie völlig anders als in ihrem kleinen Schlafgemach. Hier erinnerten sie sie nicht an Hugh und seine hemmungslose Brutalität.

     Genevieve war so gut gelaunt, dass sie leise vor sich hinsummte, während sie Girlanden aufhängte und Kerzen im Saal verteilte. Den Koch hatte sie davon überzeugen können, dass ein ganzes Schwein vom Spieß genau das Richtige für das Fest sein würde. Er selbst hatte vorgeschlagen, außerdem Hammelfleisch und Lachs zuzubereiten. Die Vorratskammern von Rionallís waren gefüllt, dafür hatte der Earl vor seiner Abreise noch gesorgt. "Ich möchte, dass du hier nicht schlechter lebst als in England", hatte er zu ihr gesagt. Genevieve deutete seine Großzügigkeit als Zeichen dafür, dass er sich mit seinem irischen Schwiegersohn endgültig abgefunden hatte. Dass Bevan als Brautpreis zwanzig Pferde, mehrere kleine Fässer mit Selbstgebranntem und eine Unzahl von silbernen Arm- und Halsbändern zahlte, hatte Lady Helen und ihren Gemahl gleichermaßen beeindruckt.

     Mehrere Mägde betraten, beladen mit Gefäßen voller Met und Holunderbeerwein, den Saal. Die Gäste würden keinen Durst leiden müssen. Auch diejenigen, die lieber Kuchen als deftige Gerichte aßen, würden auf ihre Kosten kommen. Genevieve selbst hatte in der Küche bei der Zubereitung von allerlei süßem Gebäck geholfen.

     Mairi war während der letzten Tage mehrfach in der Burg gewesen und hatte bei jeder Gelegenheit Frauen und Mädchen aus dem Dorf mitgebracht, damit Genevieve sie kennenlernen konnte. Sie plauderten völlig ungezwungen mit der Burgherrin, und Genevieve erwiderte ihre Freundlichkeit gern.

     Hugh hatte ihr stets verboten, sich den Einheimischen zu nähern. Als Normannin und als Mitglied des Adels, so hatte er argumentiert, dürfe sie sich nicht mit dem gemeinen Volk einlassen. Einmal hatte sie gewagt, ihm zu widersprechen, und erklärt, sie betrachte es als ihre Pflicht, sich um die Menschen zu kümmern, für die sie als Burgherrin verantwortlich sei. Die Worte hatten ihr eine weitere Tracht Prügel eingebracht.

     Umso mehr freute sie sich jetzt über die guten Beziehungen, die sie mit Mairis Hilfe zu den Pächterfamilien aufzubauen vermochte. Viele der Frauen hatten sich erboten, bei den Vorbereitungen zum Fest zu helfen. Im Saal herrschte eine gelöste und fröhliche Stimmung.

     Plötzlich hörte Genevieve hinter sich Ewans Stimme. Offenbar sprach er mit Bevan. Ihr Herzschlag beschleunigte sich – und langsam drehte sie sich um.

     Bevan betrachtete die Wandteppiche. Sein Gesicht wirkte entspannt, und sein Blick wanderte zu Genevieve. Ein kleines Lächeln umspielte seinen Mund. In diesem Moment wusste sie, dass er ihr verziehen hatte.

     "Ich habe alle eingeladen, heute Abend mit uns ein verspätetes Weihnachtsfest zu feiern", sagte Genevieve, als ihr Gemahl zu ihr trat. "Die Pächter und ihre Familien werden erwarten, dass Ihr an der Feier teilnehmt."

     Er lächelte noch immer. "Selbstverständlich werde ich da sein." Nachdem er dem Treiben im Saal eine Weile zugeschaut hatte, verabschiedete er sich mit einem freundlichen Nicken.

     Kurz darauf trat ein Bediensteter zu Genevieve, um ihr ein mit einem Siegel verschlossenes Päckchen zu überreichen.

     "Hast du den Boten in die Küche geschickt, damit er sich aufwärmen kann und etwas zu essen und zu trinken bekommt?", vergewisserte sie sich.

     "Er ist gar nicht erst bis zur Burg gekommen, Mylady. Er soll es sehr eilig gehabt haben. Das Päckchen hat er einem der Kinder aus dem Dorf gegeben, und dieser Junge hat es eben gebracht."

     Das war äußerst seltsam, insbesondere in Anbetracht des Wetters. Voll unguter Vorahnungen erbrach Genevieve das Siegel.

     Ewan war zu ihr getreten und betrachtete nun, genau wie sie, das blaue Seidenband. Etwas anderes hatte das Päckchen nicht enthalten.

     "Es ist von Hugh", sagte Genevieve leise.

     Unwillkürlich griff Ewan zu seinem Messer. "Eine Drohung?"

     "Nein", sagte sie, obwohl sie es besser wusste. "Er würde es nicht wagen, die Herrin von Rionallís zu bedrohen."

     Ewan runzelte die Stirn. "Auf jeden Fall sollte Bevan davon erfahren."

     "Bitte nicht." Genevieve wollte vermeiden, dass ihr Gemahl sich in Gefahr begab, um herauszufinden, wo Hugh sich aufhielt und was er vorhatte.

     "Dann werde ich selbst mich darum kümmern." Ewan straffte die Schultern.

     "Vergiss es einfach. Es hat wirklich nichts zu bedeuten. Und jetzt wollen wir erst einmal feiern."

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