Mein irischer Held - 12. Kapitel

12. KAPITEL

Die Erde war mit Schnee bedeckt, die Bäume völlig kahl. Erst auf den zweiten Blick sah man, dass dies ein kleiner Garten war. In der Nähe des Walnussbaumes stand Bevan und betrachtete zwei kaum merkliche Bodenerhebungen. Hier waren Fiona und Brianna beerdigt.

     Er kniete sich vor die Gräber, streckte die Hand aus und berührte den Schnee auf dem Erdhügel seiner Tochter. Trotz aller Trauer war ihm bewusst, wie glücklich er sich schätzen konnte, dass er das Lachen des Kindes hatte hören und das Strahlen seiner Augen hatte sehen dürfen. Dankbar dachte er daran, welche Freude es war, von dem kleinen Mädchen umarmt und geherzt zu werden.

     Doch plötzlich kamen die Tränen. Nie zuvor hatte Bevan seinen Verlust beweint. Jetzt schüttelte ein heftiges Schluchzen seinen Körper.

     Es dauerte lange, bis der Sturm, der in seinem Inneren tobte, nachließ. Endlich fuhr er sich mit der Hand über die nassen Wangen und wandte sich dem Grab seiner verstorbenen Gemahlin zu.

     Er trauerte um Fiona nicht weniger als um Brianna, doch seine Tränen waren versiegt, und er konnte sich in Erinnerung rufen, wie viel das Zusammenleben mit der geliebten Frau ihm bedeutet hatte. Er dachte daran, wie sie mit ihren Ideen und ihrer Arbeit Rionallís in ein richtiges Heim verwandelt hatte. Er gestand sich aber auch ein, dass Fiona in ihrer Ehe nicht das gleiche Glück gefunden hatte wie er. Dabei hatte er ihr alles gegeben, seine ganze Liebe, sein Hab und Gut, seine Unterstützung, wo immer das möglich war. Dennoch hatte sie selten gelächelt, und oft war sie von Ruhelosigkeit erfüllt gewesen.

     Noch immer schmerzte die Erkenntnis, dass sie ihn nicht im gleichen Maße geliebt hatte wie er sie.

     Eine Zeit lang war ihm das gar nicht bewusst gewesen. Dann, als es immer offensichtlicher wurde, hatte er versucht, die Augen davor zu verschließen. Doch nun, da er zum zweiten Mal verheiratet war, ließen sich die Unterschiede zwischen Fiona und Genevieve nicht übersehen.

     Unwillkürlich seufzte Bevan auf. Genevieve hatte sich ihm ganz und gar geöffnet. Sie hatte ihm ihr Herz und ihre Seele geschenkt. In ihren Augen hatte er die Tiefe ihrer Gefühle gesehen. Er wusste, dass sie ihm vertraute. Und er wusste, wie sehr es sie bekümmerte, dass er ihre Gefühle nicht erwiderte.

     Langsam erhob er sich, doch noch war er nicht bereit, in die Burg zurückzukehren. Er musste mit der Vergangenheit abschließen, so viel war ihm deutlich geworden. Aber es war schwer, nach vorn zu schauen. Wie gern hätte er Genevieve die Liebe geschenkt, die sie so sehr ersehnte. Aber war er überhaupt in der Lage, noch einmal so tief zu empfinden?

     "Verzeih mir, Fiona", murmelte er. Er würde den Schwur brechen, den er nach ihrem Tod abgelegt hatte. Seit er begriffen hatte, wie sehr Genevieve seine Nähe und Zuneigung brauchte, fühlte er sich an den alten Eid nicht mehr gebunden – insbesondere, da er hatte erkennen müssen, dass es ihm unmöglich war, das Verlangen, das er nach seiner zweiten Gemahlin verspürte, zu überwinden. Sie weckte seine Begierde in einem Maße, wie er es sich nie hatte vorstellen können.

     Als er Schritte hinter sich hörte, drehte er sich überrascht und ein wenig gereizt um. Es war Ewan, der mit großen Schritten auf ihn zukam.

     "Lionel Ó Riordan hat dir eine Botschaft geschickt. Die Normannen greifen ihn erneut an."

     Bevan nickte. Er hatte damit gerechnet, dass sein Freund ihn um Hilfe bitten würde. Der Angriff kam nicht unerwartet. "Willst du in meinem Namen die Männer zusammenrufen, Ewan? Sie sollen sich bewaffnen. Wir brechen noch heute auf."

     "Ich werde euch begleiten."

     "Nein. Es fehlt dir noch an Übung. Eine so schwere Schlacht ist nichts für dich."

     "Ich habe hart trainiert und bin bereit für jeden Angriff."

     "Nein!" Bevan griff nach dem Arm seines Bruders und drückte ihn so fest, dass Ewan unwillkürlich das Gesicht verzog. "Erinnerst du dich an die Nacht, in der Uilliam starb? Wir alle waren entsetzt. Aber nur ich hatte beobachtet, wie dieser Normanne ihm das Schwert in die Brust stieß. Ich könnte es nicht ertragen, erneut Zeuge zu sein, wie einer meiner Brüder im Kampf fällt."

     "Aber …", begann Ewan. Noch nie hatte er so eigensinnig ausgesehen.

     Rasch unterbrach Bevan ihn. "Außerdem brauche ich jemanden, dem ich meine Gemahlin und meinen Besitz anvertrauen kann. Während meiner Abwesenheit muss Rionallís vor allen Gefahren geschützt werden."

     "Du könntest einen anderen mit dieser Aufgabe betrauen."

     "Ich möchte, dass du dich um Genevieve kümmerst, denn ich weiß, dass sie dich mag und dass ich mich auf dich verlassen kann."

     Ewans Gesicht verriet, dass er nicht glücklich über diese Aufgabe war. Vermutlich hatte er das Gefühl, bei diesem Tun Kindermädchen spielen zu müssen. Aber er nickte.

     "Danke." Bevan schlug seinem Bruder freundschaftlich auf die Schulter. Er sah erleichtert aus. "Würdest du jetzt die Männer darüber informieren, dass wir noch heute Ó Riordan zu Hilfe eilen? Und schick Genevieve bitte zu mir in mein Gemach."

     Während Ewan sich sogleich auf den Rückweg zur Burg machte, blieb Bevan noch einen Moment bei den Gräbern seiner Lieben stehen. "Mögen Eure Seelen Frieden finden", sagte er leise.

Genevieve wollte nicht in seiner Kammer auf ihren Gemahl warten. Sie ging ihm entgegen und traf ihn vor dem inneren Tor. Ihre Augen leuchteten bei seinem Anblick auf. "Ich habe Euch beim Frühstück vermisst", begrüßte sie ihn.

     Bevan ergriff ihre kalten Hände und rieb sie, um sie zu wärmen. Dann schloss er Genevieve in die Arme und atmete tief den Duft ihres Haars ein. Wahrhaftig, diese Frau bedeutete ihm von Tag zu Tag mehr. Und er bedauerte es aufrichtig, dass er sie gerade jetzt verlassen musste.

     Sobald ich zurück bin, werde ich sie umwerben, beschloss er. Auch wenn er Genevieve nie auf die gleiche Art lieben würde wie Fiona, so wollte er doch alles tun, damit ihre Ehe glücklich wurde.

     "Ich wünschte", sagte Genevieve plötzlich, "ich hätte gestern nicht so viel Met getrunken. Ich habe mich sehr dumm benommen, nicht wahr?"

     Bevan schüttelte den Kopf. "Es war eine sehr schöne Nacht. Und wenn ich zurück bin", er deutete auf die Männer, die im Hof hin und her liefen, um alles für den Aufbruch vorzubereiten –, "dann werden wir Nächte erleben, die noch schöner sind."

     Sie errötete, denn sie begriff sogleich, was er meinte. Er hatte den Entschluss gefasst, doch eine richtige Ehe mit ihr zu führen. Mit ungewohnter Scheu schaute sie zu ihm auf. Er schenkte ihr ein Lächeln, das voll herrlicher Versprechen war.

Während Bevans Abwesenheit dachte Genevieve viel über ihr letztes Gespräch mit ihrem Gemahl nach. Nachdem sie zunächst nur Erleichterung und Vorfreude – gepaart mit der nur langsam schwächer werdenden Angst vor körperlicher Nähe – gefühlt hatte, nahm im Laufe der Tage ihre Unsicherheit immer mehr zu. Sie fragte sich, was ihn bewogen haben mochte, seine Meinung zu ändern. Und zugleich drängten sich immer wieder Erinnerungen an Hugh in ihre Gedanken.

     Sie hatte nicht vergessen, wie unzufrieden ihr ehemaliger Verlobter stets mit ihr war. Nie hatte sie ihm etwas recht machen können. Er verabscheute ihre Liebe zur Musik, warf ihr vor, ihre adlige Stellung zu vergessen, wenn sie sich hausfraulichen Tätigkeiten widmete oder mit den irischen Mägden sprach. Und er versicherte ihr vor allem immer wieder, dass sie gar keine richtige Frau sei.

     Bevan hatte ihr bisher nicht ein einziges Mal vorgeworfen, dass sie ihre Pflichten als Burgherrin schlecht erfüllte. Einzig, dass sie die Wandbehänge hatte entfernen lassen, erregte sein Missfallen. Aber sobald sie dafür gesorgt hatte, dass diese einen neuen Platz fanden, gab es keine weiteren Vorwürfe. Er schien auch nichts dagegen zu haben, dass sie gern musizierte. Nur in der Liebe würde sie ihn sicher enttäuschen. Wie würde er reagieren, wenn er herausfand, dass sie tatsächlich keine "richtige Frau" war?

     Um nicht ständig von ihren Ängsten gequält zu werden, versuchte Genevieve sich mit Arbeit abzulenken. Zum Glück gab es genug zu tun, denn manches war auf Rionallís vernachlässigt worden, solange Hugh und seine Leute in der Burg herrschten.

     Ewan trug ebenfalls seinen Teil dazu bei, ihre Sorgen zu zerstreuen. Er unterhielt sich oft mit ihr und nutzte jede Gelegenheit, ihr zu versichern, dass Bevan bald zurück sein würde. "Gemeinsam mit Ó Riordans Männern", erklärte er voller Überzeugung, "werden er und seine Leute die Normannen innerhalb kürzester Zeit in die Flucht schlagen. Und keinem Iren wird etwas geschehen."

     Genevieve wusste, wie verärgert er darüber war, dass er an dem Feldzug nicht hatte teilnehmen dürfen. Er wollte beweisen, dass er ein Mann, ein Krieger war. Deshalb ließ sie ihn gewähren, als er begann, Nachforschungen über Hugh anzustellen. Ewan wollte herausfinden, wo Marstowe sich aufhielt und was er seiner früheren Verlobten mit der Übersendung des blauen Bandes hatte mitteilen wollen.

     Nach ein paar Tagen hatte Genevieve mithilfe des Gesindes auch die bisher vernachlässigten Kammern von Rionallís gründlich gereinigt und aufgeräumt. Die Fußböden waren mit frisch geschnittenen Binsen bestreut, die Feuerstellen von Ruß befreit, wie das im Winter nur möglich war. Neben ihren alltäglichen Pflichten gab es nun nichts Wichtiges mehr für die Burgherrin zu tun.

     Da ihre Gedanken immer wieder zu Bevan und seiner Vergangenheit wanderten, hatte sie den Einfall, sich noch einmal mit der Truhe zu beschäftigen, die bis vor Kurzem in ihrer Kemenate gestanden und die – wie sie wusste – Fiona gehört hatte. Zweifellos würde es ihrem Gemahl nicht gefallen, wenn sie darin herumschnüffelte. Aber er musste es ja nicht erfahren …

     Sie ließ die Truhe, die man in eine ungeheizte Kammer gebracht hatte, in ihr Gemach zurücktragen. Als sie wieder alleine war, hob sie den Deckel und nahm das Kleid heraus, das ganz oben lag. Es war aus rosenfarbenem Leinen, und Genevieve hatte es schon einmal in der Hand gehabt. Damals hatte sie jedoch noch nicht gewusst, dass es Fiona gehörte. Auch das Kinderhäubchen, das sich darunter befand, hatte sie schon einmal betrachtet. Inzwischen wusste sie, dass Brianna es einst getragen hatte. Wie traurig, dass das kleine Mädchen so früh sterben musste …

     Genevieve seufzte tief auf. Sie verstand Bevans Trauer über den Tod seiner ersten Frau und seiner Tochter sehr gut. Dennoch hoffte sie, dass er eines Tages bereit sein würde, seine uneingeschränkte Liebe ihr, seiner zweiten Gemahlin, zu schenken. Vielleicht würden sie irgendwann auch eine Tochter und zudem einige kräftige Söhne haben. Ein neuerlicher Seufzer. Sie wünschte sich so sehr, eigene Kinder zu bekommen.

     In diesem Moment stürzte Ewan in das Gemach und riss Genevieve aus ihren Tagträumen. Er war außer Atem. "Von Norden nähert sich ein kleiner Trupp von Normannen", stieß er hervor. "Ich habe die Wachen verstärkt und sie zu besonderer Aufmerksamkeit angehalten."

     "Weißt du etwas über deren Absichten?"

     Er schüttelte den Kopf. "Noch nicht. Aber ich werde es herausfinden." Damit wandte er sich zur Tür.

     Genevieve blieb ein wenig ratlos zurück. Sie schloss nervös den Deckel der Truhe, richtete sich auf und strich sich glättend über ihr Gewand. Mit den Fingern fuhr sie sich über den Kopf. Ja, ihr Haar war ordentlich mit einem Schleier bedeckt, so wie es sich für eine Lady geziemte. Sie straffte die Schultern und begab sich nach unten, um den Mägden Anweisungen zu geben. Vermutlich würde es am besten sein, die Normannen wie Gäste zu behandeln.

     Während Genevieve in der Küche nach dem Rechten sah, kehrte Ewan zurück und begab sich direkt zu ihr. Jemand musste ihm gesagt haben, wo er sie finden würde. Seine Miene war finster, aber seine Augen blitzten vor Aufregung. "Hugh Marstowe ist bei ihnen. Soll ich den Befehl zum Angriff geben?"

     Ein kalter Schauer überlief Genevieve, das Blut wich ihr aus den Wangen. Dennoch gelang es ihr, ihre Panik zu überwinden. Sie war jetzt eine verheiratete Frau. Hugh hatte keine Ansprüche mehr auf sie. Er würde es nicht wagen, sich gegen den Willen des Königs zu stellen.

     "Wie viele sind es?", fragte sie.

     "Nur zehn. Es sollte kein Problem sein, sie zu überwinden."

     Am einfachsten wäre es, überlegte Genevieve, wenn die Wachen Hugh und seine Leute einfach fortschicken würden.

     Doch dann fiel ihr das blaue Seidenband ein. Was hatte Hugh ihr damit zu verstehen geben wollen? Sie zögerte.

     "Lass mich einen Moment nachdenken", bat sie Ewan und versuchte, sich in ihren früheren Verlobten hineinzuversetzen. Hugh war kein Dummkopf. Ihm musste klar sein, dass er – was auch immer geschehen würde – keine Ansprüche auf Rionallís mehr geltend machen konnte. Die Burg und das dazugehörige Land war durch die Eheschließung in Bevans Besitz übergegangen. Darüber hatten König Henry und der irische Hochkönig gemeinsam entschieden. Rionallís würde im Besitz der MacEgans bleiben, auch wenn ihr oder ihrem Gemahl etwas zustieß. Darum konnte es Hugh also nicht gehen.

     Demnach musste seine Absicht eine andere sein. Vermutlich wollte er sich davon überzeugen, dass er noch immer Macht über sie, seine ehemalige Verlobte, hatte. Es würde ihm Freude bereiten, zu sehen, dass er ihr nach wie vor Furcht einflößen konnte. Nun, sie würde ihm eine Enttäuschung bereiten. Sie würde die Gelegenheit nutzen, die Dämonen der Vergangenheit endgültig zu vertreiben. Wenn es ihr gelang, Hugh jetzt ohne Angst gegenüberzutreten, dann würde das auch ihre Zukunft mit Bevan erleichtern. Sie würde sich nicht mehr von der Erinnerung an Marstowes Brutalität terrorisieren lassen.

     Ja, hier bot sich die Chance, ihren Stolz zurückzugewinnen. Sie würde sich und der Welt beweisen, dass sie ihren alten Feind überwunden hatte. Entschlossen wandte sie sich Ewan zu. "Wir wollen sie hereinlassen", sagte sie. "Ich denke, ich sollte mit Hugh reden."

     Fassungslos starrte der Junge sie an.

     "Ich möchte", fuhr Genevieve mit fester Stimme fort, "dass zwanzig bewaffnete Männer im Saal Aufstellung nehmen. Bei dem geringsten Anzeichen von Feindseligkeit seitens der Normannen sollen sie angreifen. Und du, Ewan, sollst sie befehligen. Ich vertraue darauf, dass du mich und alle, die auf Rionallís leben, beschützen wirst."

     Stolz nickte Ewan. Er wirkte plötzlich größer und reifer. "So soll es sein", erklärte er. Dann lief er los, um die notwendigen Anweisungen zu erteilen.

     Genevieve wartete. Obwohl sie davon überzeugt war, das Richtige getan zu haben, wuchs ihre Nervosität von Minute zu Minute. Unruhig begann sie auf und ab zu gehen.

     "Lady Genevieve, wie freundlich, uns zu empfangen."

     Sie fuhr herum.

     Hugh betrachtete sie mit einem leicht spöttischen Lächeln.

     Scheinbar gelassen erwiderte sie seinen Blick. Er sah verändert aus. Das blonde Haar hatte er sich sehr kurz schneiden lassen, zudem war er glatt rasiert. Dass er nur seine leichte Rüstung trug, ließ darauf schließen, dass er nicht mit einem feindseligen Empfang gerechnet hatte. Den Helm hielt er unter dem Arm.

     "Ihr habt meine Nachricht also erhalten?" Es war mehr eine Feststellung, denn eine Frage.

     "Was wollt Ihr?" Zu ihrer eigenen Überraschung stellte Genevieve fest, dass ihre Stimme völlig ruhig klang.

     "Ich bin hier, um mich für das, was ich getan habe, zu entschuldigen. Inzwischen ist mir klar geworden, dass es ein Fehler war, mich meinem Zorn hinzugeben. Ihr habt darunter zu leiden gehabt. Das bereue ich nun."

     Tatsächlich sah er beschämt drein, doch sie hatte den Verdacht, dass ihm nicht sein brutales Verhalten peinlich war, sondern die Tatsache, dass er sich vor Zeugen bei einer Frau entschuldigte.

     "Es wäre mir lieb, wenn wir uns unter vier Augen unterhalten könnten", fuhr er fort. "Ich habe Euch noch mehr zu sagen."

     "Was Ihr mir mitzuteilen habt, müsst Ihr hier vortragen", gab sie zurück. "Ihr werdet verstehen, dass ich jedes Vertrauen zu Euch verloren habe."

     Er senkte den Kopf. Und plötzlich hatte Genevieve das Gefühl, dass es ihm mit seiner Entschuldigung doch ernst war. Er wirkte mit einem Mal so jung, dass sie sich unwillkürlich an den charmanten Ritter erinnert fühlte, in den sie sich einst verliebt hatte. Aber sie durfte nicht vergessen, wie er sich in den Monaten danach verändert hatte.

     "Ich bin hier, um Euch alles Gute für die Zukunft zu wünschen. Ich hoffe, Ihr seid zufrieden in Eurer Ehe. Und ich hoffe auch, dass Ihr mir all meine Fehler verzeihen könnt."

     Sie seufzte auf. Er hörte sich so ehrlich an, und doch durfte sie ihr Misstrauen nicht aufgeben. "Welch anderen Gründe haben Euch nach Rionallís geführt?", erkundigte sie sich.

     In diesem Augenblick zeigte sich kurz ein bitterer Ausdruck auf seinem Gesicht. "Seid Ihr glücklich mit diesem Iren?"

     Das war eine Frage, auf die sie nicht zu antworten brauchte.

     Hugh setzte sich und streckte die Füße weit von sich. Wollte er ihr zu verstehen geben, dass die Sitte der Gastfreundschaft es erforderte, dass sie ihm die Füße wusch? Nun, sie würde sich nicht vor ihn knien, um dieser Pflicht nachzukommen. Nie wieder würde sie vor ihm knien.

     Genevieve verschränkte die Arme vor der Brust und sagte: "Möchtet Ihr etwas Met?" Sie winkte einer der Mägde zu, und diese füllte zuerst den Becher, der vor Marstowe stand. Dann versorgte sie auch seine Leute mit dem wärmenden Getränk.

     Nachdem er einen großen Schluck getrunken hatte, sagte Hugh leise: "Erinnert Ihr Euch an den Tag, an dem ich Euch das blaue Seidenband geschenkt habe? Wir hatten einen Jahrmarkt besucht. Als Dank für das Geschenk habt Ihr mir einen Kuss gegeben."

     "Das ist lange her."

     "Hm …" Er griff nach ihrer Hand, aber Genevieve trat einen Schritt zurück. Nie wieder wollte sie von Hugh berührt werden.

     "Damals habt Ihr mich geliebt." Er schaute ihr fest in die Augen. "Ihr könnt es nicht leugnen. Es war Euer Wunsch, meine Gemahlin zu werden. Wir waren beide davon überzeugt, zusammenzugehören."

     O nein, dachte sie, Ihr wart davon überzeugt, dass ich Euch gehörte.

     "Man könnte Eure Ehe mit diesem Iren annullieren lassen", fuhr er fort. "Wenn wir gemeinsam zum König gingen … Bitte, gebt mir eine Chance. Zusammen können wir glücklich werden." Er gab einem seiner Männer ein Zeichen, und dieser trat vor, um ihm ein Holzkästchen zu überreichen. Hugh öffnete den Deckel. Auf einem samtenen Kissen lag ein wunderschön gearbeiteter goldener Haarreif, auf dem Saphire glänzten. "Eine Geschenk für Euch, Genevieve."

     Zorn wallte in ihr auf. Glaubte er wirklich, er könne die Vergangenheit auslöschen, indem er ihr ein Schmuckstück schenkte? "Ich wünsche keine Annullierung", erklärte sie mit fester Stimme. "Und Euch würde ich selbst dann nicht heiraten, wenn Ihr der letzte Mann auf Erden wäret. Ich sagte es Euch schon."

     Sein Gesicht wurde hochrot vor Wut. "Ihr seid also immer noch genauso überheblich wie früher", stieß er hervor. "Dabei stünde es Euch gut an, endlich zu begreifen, dass Ihr als Frau dem Mann untertan seid. Ich möchte wetten, dass Euer irischer Mann keine Ahnung davon hat, was er tun muss, um Euch zu zähmen."

     "Hinaus mit Euch!", befahl Genevieve. "Ich werde nicht zulassen, dass Ihr mich oder meinen Gemahl in meinem eigenen Heim beleidigt."

     "Vielleicht wird es nicht lange Euer Heim bleiben", antwortete Marstowe höhnisch. "Habt Ihr einmal überlegt, was alles geschehen kann, solange Euer Ire fort ist, um für andere zu kämpfen? Wer schützt Euch und Rionallís während seiner Abwesenheit? Und was wollt Ihr tun, wenn er in der Schlacht fällt?"

     Es kostete sie große Mühe, ruhig zu bleiben. Aber sie war fest entschlossen, sich von Hugh nicht provozieren zu lassen. "Habt Ihr nicht gehört, dass ich Euch aufgefordert habe, die Festung zu verlassen? Meine Leute werden Euch und Eure Männer hinausbegleiten."

     Er starrte sie an. Seine Augen glühten vor Hass. "Vergesst nicht, was ich Euch gesagt habe, Genevieve. Ein einziger Pfeil reicht, um einen Krieger zu töten. Ich weiß, dass Euer Gemahl gegen Strongbow und seine Normannen kämpft." Ein hässliches Lächeln erschien auf seinem Gesicht. "Tatsächlich habe ich schon mehrfach darüber nachgedacht, ob ich Strongbow nicht meine Unterstützung anbieten soll. Es würde mir Spaß machen, Euren Iren mit dem Schwert zu durchbohren."

     Auf einen Wink von Genevieve waren Ewans bewaffnete Männer näher getreten. Marstowe musterte sie herablassend. Aber dann entschied er sich doch, seinen eigenen Leuten einen Wink zu geben und den Saal, gefolgt von ihnen, zu verlassen.

     Genevieve blieb einen Moment lang reglos stehen. Dann spürte sie, wie ihre Knie weich wurden, und sie ließ sich auf eine Bank sinken. Ihr Kopf schmerzte plötzlich. Während sie sich Stirn und Schläfen rieb, dachte sie, dass Hugh recht hatte: Wenn Bevan etwas zustieß, war sie selbst auf Rionallís nicht mehr sicher.

In der Nacht nach Marstowes Auftauchen konnte Genevieve lange nicht einschlafen. Jedes Mal, wenn sie die Augen schloss, sah sie das arrogante, boshafte Gesicht ihres ehemaligen Verlobten vor sich. So sehr sie sich auch bemühte, sie konnte an nichts anderes denken als daran, wie er sie früher gequält hatte. Angstschweiß brach ihr aus, und sie begann, am ganzen Körper zu zittern.

     Schließlich stand sie auf und fing an, unruhig im Raum auf und ab zu gehen.

     Mairi, die bemerkt hatte, wie sehr der Besuch des Normannen die junge Frau aufgewühlt hatte, erschien spät am Abend noch einmal an Genevieves Tür. Und als sie von innen Geräusche hörte, trat sie unaufgefordert ein. "Ich werde Euch einen Tee kochen, der Eure Nerven beruhigt", bot sie an.

     Zunächst weigerte Genevieve sich, doch Mairi zählte ihr auf, welche Kräuter sie verwenden würde und wem der Trank bereits bei welchen Gelegenheiten geholfen hatte. "Ihr werdet den Geschmack nach Kamille und Pfefferminz mögen. Und wenn Ihr erst getrunken habt, werdet Ihr Euch schon bald besser fühlen."

     Tatsächlich tat das heiße Getränk Genevieve gut. Aber auch Mairis Gesellschaft hatte eine beruhigende Wirkung auf sie.

     "Ihr schadet Euch selbst, wenn Ihr immer so traurig seid", sagte die ältere Frau. "Bestimmt würde es Euch helfen, wenn Ihr nicht so viel allein wäret. Auch wenn Bevan nicht hier ist, habt Ihr ein Recht darauf, unter Leute zu kommen. Meiner Meinung nach ist es sogar eine Eurer Pflichten als Burgherrin. Deshalb finde ich, dass Ihr morgen unbedingt zu Seán, unserem Braumeister, kommen solltet. Er hat Euch doch eingeladen, nicht wahr?"

     Obwohl sie lieber daheim geblieben wäre, wusste Genevieve, dass es unhöflich gewirkt hätte, die Einladung abzulehnen. Schon bei ihrer Hochzeit hatte sie sich vorgenommen, alles zu tun, um das Verhältnis zu den Pächtern zu verbessern. Die Iren waren ein stolzes Volk, dessen Mitglieder nicht so leicht vergaßen, wenn man ihnen Unrecht tat. Vor nicht allzu langer Zeit hatte Strongbow Rionallís überfallen. Und Marstowe hatte die Pächter so schlecht behandelt, dass einige von ihnen Genevieve verständlicherweise immer noch ein gewisses Misstrauen entgegenbrachten.

     "Lasst uns zusammen zu Seán gehen", schlug sie Mairi vor.

     Und so schritten am nächsten Nachmittag die beiden Frauen gemeinsam über das verschneite Land. Der Wind war kalt, aber als sie Seáns Hütte betraten, die wie ein Bienenkorb geformt war, schlug ihnen die angenehme Wärme eines Torffeuers entgegen.

     Ein rundlicher Mann mit roten Wangen kam auf sie zu und begrüßte sie freundlich.

     "Das", sagte Mairi, "ist Seán. Er weiß immer über alles Bescheid, was in unserer Gegend passiert. Glaubt mir, niemand kennt den neuesten Klatsch so gut wie er."

     Der Braumeister lachte. "Willkommen, Genevieve, seid fast in meinem Haus!"

     Sie dankte ihm für die Einladung und schaute dann neugierig an ihm vorbei. Ums Feuer waren mehrere Männer und Frauen versammelt, die sich gut gelaunt unterhielten, darüber aber nicht vergaßen, sich an dem aufgetragenen Essen und dem bereitstehenden Ale gütlich zu tun.

     Seán forderte die Neuankömmlinge auf, sich zu setzen. Zu Genevieve sagte er: "Ich nehme an, dass Ihr gern mehr über Fiona MacEgan wissen wollt."

     Eifersucht durchfuhr sie, und die junge Frau runzelte die Stirn. Dann jedoch lächelte sie. "Ich würde lieber mehr über Bevan erfahren."

     Der Gastgeber nahm einen tiefen Schluck aus seinem Becher mit Ale, ehe er ernst erklärte: "Solange Ihr nicht mehr über Fiona wisst, könnt Ihr Bevan nicht verstehen."

     "Ja, Seán, erzähl die Geschichte!", rief einer der Gäste.

     "Gut." Der Braumeister nickte und begann, von der Feindschaft zwischen den MacEgans und den Ó Callahans zu berichten, von der Genevieve bereits durch Bevan gehört hatte.

     "Fiona war die schönste von allen Ó Callahan-Frauen", bemerkte Mairi.

     "O ja!" Jemand seufzte tief auf.

     Schon vorher war Genevieve aufgefallen, dass die Anwesenden Fiona offensichtlich sehr bewundert hatten. "Es ist traurig, dass sie so jung sterben musste", sagte sie voll ehrlichem Mitgefühl.

     Seán füllte mehrere Becher mit Ale und reichte ihr einen davon. "Eine schlimme Geschichte …", meinte er. "Das Unglück begann damit, dass die kleine Brianna starb. Bevan befand sich zu jener Zeit nicht auf Rionallís. Er kämpfte gegen die Normannen. Einige Wochen später – Bevan war zurückgekehrt – kam es zu erneuten kriegerischen Auseinandersetzungen. Bevan kämpfte wie ein Held. Es heißt, dass er allein dreißig Feinde tötete. Fiona sollte, solange die Schlacht tobte, die Festung natürlich nicht verlassen. Aus irgendeinem Grund hielt sie sich jedoch nicht an diesen Befehl. Ich nehme an, sie war in Sorge um ihren Gemahl und wollte, nachdem das schlimmste Kampfgetümmel vorbei war, nachschauen, ob sie ihn irgendwo entdecken könnte."

     Mehrere in der Runde nickten zustimmend.

     "Als Bevan sich der Burg näherte, sah er, wie Fiona vor ein paar normannischen Kriegern zu fliehen versuchte. Sie schrie um Hilfe, und natürlich tat Bevan alles, um sie zu retten. Doch die Übermacht der Feinde war zu groß. Bevan erhielt einen Schlag auf den Kopf. Und als er wieder zu sich kam, war seine Gemahlin verschwunden."

     "Was war passiert?", fragte Genevieve.

     "Das weiß niemand genau." Seán räusperte sich. "Jedenfalls wurde die Leiche der jungen Frau erst einige Tage später entdeckt. Offenbar hatte Fiona versucht, sich in einem Cottage vor den Feinden zu verstecken. Die Normannen müssen sie entdeckt haben. Sie steckten das kleine Haus in Brand. Und Fiona kam in den Flammen um."

     "Wenn sie die Burg nicht verlassen hätte, würde sie vielleicht noch leben", murmelte jemand. Alle im Raum schienen jetzt von einer großen Traurigkeit erfüllt zu sein. Und wenig später erhoben sich die ersten Gäste, um nach Hause zu gehen.

     Auch Genevieve verabschiedete sich. Einer der jüngeren Pächter erbot sich, sie nach Rionallís zurückzubegleiten. Dankend nahm sie das Angebot an.

     Als sie die Burg fast erreicht hatten, bemerkte sie, dass ungewöhnlich viel Betrieb im Hof herrschte. Sie ging schneller, und als sie durchs Tor trat, sah sie, dass die Krieger zurückgekehrt waren. Mit ein paar freundlichen Worten verabschiedete sie sich von ihrem Begleiter und machte sich auf die Suche nach Bevan.

     Er sprang gerade vom Pferd, als sie ihn entdeckte. Schlammspritzer bedeckten seine Rüstung. Und als er den Helm abnahm, konnte man sehen, dass sein Gesicht mit Blut verschmiert war. Aber seine grünen Augen blitzten.

     Genevieve rannte zu ihm. "Du bist verwundet!", rief sie erschrocken auf Gälisch aus. Dabei war ihr gar nicht bewusst, dass sie ihren Gemahl zum ersten Mal mit dem vertraulichen Du anredete.

     "Nur ein paar Kratzer", winkte er ab. "Es war ein harter Kampf, aber wir haben die Normannen zurückgeschlagen. Und Lionel Ó Riordan hat geschworen, uns mit seinen Leuten zu Hilfe zu eilen, wenn wir in Schwierigkeiten geraten sollten."

     "Das ist gut." Genevieve erinnerte sich nur zu deutlich an Hughs Drohungen. Es war wichtig, Verbündete zu haben.

     Ein Stalljunge hatte die Zügel von MacEgans Pferd ergriffen und führte das Tier fort.

     "Es ist kalt", stellte Bevan fest. "Beabsichtigst du, mich hier draußen erfrieren zu lassen? Oder wollen wir in die Burg gehen?"

     "Komm!" Sie reichte ihm die Hand und wollte ihn mit sich ziehen.

     Er jedoch führte ihre Finger an die Lippen und hauchte einen Kuss darauf. "Hast du gelegentlich an mich gedacht?"

     Errötend schaute sie zu Boden. Ihr Herz schlug plötzlich schneller. Hatte Bevan nicht angedeutet, dass er sie in die Kunst der Liebe einführen wolle, sobald er von dem Feldzug gegen die Normannen zurück sei? Genevieve schluckte. Sie hatte noch immer Angst, aber sie würde sich die größte Mühe geben, ihm eine gute Frau zu sein.

     Während sie an seiner Seite auf die Tür zum Wohnbereich der Burg zuschritt, musste sie einen Seufzer unterdrücken. Ihre Mutter hatte ihr gegenüber ein paar Andeutungen über die Vorgänge in der Hochzeitsnacht gemacht. Daher wusste sie, dass sie damit rechnen musste, körperlichen Schmerz beim Verlust ihrer Jungfräulichkeit zu empfinden. Dieses Wissen und die Erfahrungen, die sie mit Hugh hatte machen müssen, verursachten ihr ein leichtes Gefühl der Übelkeit. Dabei mochte sie es inzwischen sehr, wenn ihr Gemahl sie küsste und streichelte. Ach, wenn doch dies alles nicht so verwirrend wäre.

     "Du bist bestimmt hungrig und durstig", sagte sie zu Bevan gewandt, "und deine Männer natürlich auch. Ich werde sofort in der Küche Bescheid geben, dass man euch die besten Dinge auftischen soll."

     "Ich bin sehr hungrig", gab Bevan leise zurück. Er beugte sich zu ihr herab und küsste sie so leidenschaftlich, dass kein Zweifel daran bestehen konnte, wonach ihn hungerte. "Man soll mir ein Bad richten und mir das Essen in meinem … in unserem Gemach servieren. Du wirst mir doch Gesellschaft leisten?"

     "Natürlich." Sie schenkte ihm ein Lächeln, das mehr Zuversicht ausdrückte, als sie tatsächlich empfand. Dann wandte sie sich an eine der Mägde, um die entsprechenden Anweisungen zu erteilen.

     Bevan schritt zur Treppe und malte sich in lebhaften Farben aus, wie er den Abend gestalten wollte. In Gedanken sah er Genevieve vor sich, wie sie ihn erwartungsvoll anschaute und begierig darauf wartete, dass er ihr zeigte, wie schön die Liebe sein konnte. Er stellte sich ihr Gesicht in dem Moment vor, da es die Ekstase widerspiegelte, die er ihr verschaffen würde.

     "Gut, dass du zurück bist, Bruder." Es war Ewans Stimme, die Bevan aus seinen Tagträumen riss. "Sir Hugh war hier. Genevieve hat ihn und seine Leute hinausgeworfen. Ich habe einigen unserer Männer den Auftrag erteilt, die Normannen zu beobachten."

     "Was wollte der Kerl hier?" Bevan hatte nicht vergessen, wie der Normanne ihn auf Tara behandelt hatte. Nie hatte er auch nur eine Sekunde lang daran gezweifelt, dass Marstowe alles tun würde, um Rionallís wieder in seinen Besitz zu bringen.

     "Er hat Genevieve ein Geschenk gebracht und behauptet, er wolle ihr zur Vermählung gratulieren. Sie hat es nicht angenommen und ihn aus der Burg gewiesen. Er ist scheinbar bereitwillig mit seinen Leuten fortgeritten. Aber seine Augen haben mir verraten, dass er beabsichtigt, zurückzukommen. Er will Rionallís. Und er will deinen Tod, Bevan. Er hat Genevieve sogar damit gedroht, dass er sich mit Strongbow gegen dich verbünden würde."

     "Du hättest ihn gar nicht erst hereinlassen dürfen."

     "Es war nicht meine Entscheidung. Genevieve erklärte sich bereit, ihn zu empfangen. Vorher allerdings hatte sie veranlasst, dass genügend Bewaffnete sich im Saal aufhielten. Sie ist kein Risiko eingegangen."

     Bevan runzelte die Stirn. Er konnte nicht verstehen, warum Genevieve Hugh überhaupt gestattet hatte, die Burg zu betreten. Misstrauen erwachte in ihm. "Wie weit haben unsere Leute ihn verfolgt?", fragte er seinen Bruder.

     "Fast bis nach Tara."

     "Hm …" Zweifellos wollte Marstowe noch einmal mit König Henry reden, ehe dieser Irland verließ. "Ich danke dir für deine Umsicht, Ewan." Zum ersten Mal hatte Bevan das Gefühl, dass aus dem Jungen doch noch ein richtiger Mann werden würde.

     Ewan bemühte sich, bescheiden zu wirken, aber tatsächlich strahlte sein Gesicht vor Stolz über das Lob.

     "Ich muss mich umziehen." Damit stieg Bevan die restlichen Stufen hinauf und begab sich in seine Kammer. Doch ehe er eintrat, zögerte er. Ob Genevieve bereits in dem Gemach war? Über die hintere Treppe konnte sie, von ihm unbemerkt, den Flur erreicht haben. Einem plötzlichen Impuls folgend, öffnete Bevan die Tür zu ihrer Kemenate.

     Sie saß auf einem Stuhl nahe am Feuer und war damit beschäftigt, ihr Haar zu bürsten. In weichen Wellen fiel es ihr bis auf die Hüfte. Da sie starr auf eine Truhe starrte, die an der gegenüberliegenden Wand stand, bemerkte sie ihren Gemahl nicht.

     "Ewan hat mir berichtet, dass Marstowe hier war."

     Genevieve zuckte zusammen und fuhr herum. "Ja."

     "Warum hast du ihn hereingelassen?"

     Sie schaute ihm fest in die Augen. "Ich bin vor ihm geflohen, aber ich habe mich nie wirklich von ihm lösen können. Nun dachte ich, es sei an der Zeit, meine Angst zu überwinden und ihm gegenüberzutreten."

     "Er hätte dich verletzen können." Sanft strich Bevan mit den Fingern über die Stelle in Genevieves Gesicht, die so lange von dem Bluterguss gezeichnet gewesen war, dem sichtbaren Beweis für Hughs Brutalität.

     "Ich hatte Krieger zu meinem Schutz in den Saal bestellt."

     "Trotzdem hast du dich unnötig in Gefahr begeben."

     "Vielleicht. Aber ich wollte meine Vergangenheit endlich hinter mir lassen. Ich habe darauf vertraut, dass deine Leute mich beschützen würden."

     Ihr Vertrauen rührte ihn. Gleichzeitig spürte er, welch leidenschaftliche Gefühle diese Frau in ihm weckte. Zärtlich umschloss er ihr Gesicht mit den Händen und gab ihr einen sanften Kuss.

     Ihre Lippen schmeckten süß, und ihre Augen waren voller Zuneigung und Bewunderung auf ihn gerichtet. Fiona hatte ihn nie so angeschaut. Er kam sich plötzlich sehr stark und männlich vor.

     Mit der Fingerspitze folgte Genevieve dem Verlauf der Narbe auf seiner Wange.

     "Die Schlachten haben mir mein gutes Aussehen geraubt", scherzte er.

     "Unsinn. Jede Narbe ist ein Beweis dafür, dass du ein großartiger Kämpfer bist." Kurz presste sie ihre Lippen auf seine Wange.

     Er schaute an sich hinunter. "Ich glaube, du kennst noch nicht alle meine Narben."

     Genevieve folgte seinem Blick und errötete. "Du könntest sie mir zeigen."

     "Wenn du mir aus der Rüstung hilfst."

     Wenig später stand er mit nacktem Oberkörper vor ihr. "Hast du ein Bad für mich bestellt?"

     "Ja. Es müsste inzwischen in deiner Kammer bereitstehen."

     "Dann sollte ich mich wohl vollständig ausziehen. Komm, lass uns nach nebenan gehen."

     Fasziniert beobachtete Genevieve, wie er auch den Rest seiner Kleidung ablegte und in den Badezuber stieg.

     "Nun?" Er lächelte herausfordernd. "Willst du mich nicht waschen?"

     Sie griff nach einem Stück Leinen, doch Bevan schüttelte den Kopf. "Nimm die Hände. Mach mit ihnen, was dir gefällt."

     "Aber …" Sie hatte erwartet, dass er sie in sein Bett holen und ihr die Jungfernschaft nehmen würde. Sie hatte sich darauf eingerichtet, die Angst zu unterdrücken und sich seinen männlichen Wünschen unterzuordnen. Doch sie hatte nicht im Entferntesten damit gerechnet, dass er von ihr verlangen würde, die Initiative zu ergreifen. "Ich kann das nicht", stammelte sie.

     Sein Gesicht nahm einen sanften Ausdruck an. "Du kannst es. Und es wird dir gefallen. Vertrau mir."

     Verunsichert schüttelte sie den Kopf. Bei ihrem letzten Zusammensein hatte Bevan nicht gewollt, dass sie ihm die Befriedigung schenkte, zu der er ihr verholfen hatte. Bestimmt hatte sie etwas falsch gemacht. Wenn sie nun wieder einen Fehler beging, würde er sich womöglich für immer von ihr abwenden. "Ich kann nicht", wiederholte sie.

     "Denk nicht an Hugh", befahl er. "Du hast eben noch gesagt, dass du dich von der Vergangenheit befreien willst. Tu es! Es ist an der Zeit."

     "Ich werde mich ausziehen und im Bett auf dich warten."

     Er schüttelte den Kopf. "Ich möchte, dass du mit mir tust, was dir gefällt. Heute möchte ich mich ganz deinen Wünschen unterordnen."

     Das kam ihr so absurd vor, dass sie einen Schritt zurücktrat. Dann fasste sie sich ein Herz. "Und wenn dir das, was ich tue, nicht gefällt?", fragte sie.

     Jetzt lachte er. "Glaub mir, es wird mir gefallen. Was hältst du davon, zu mir in den Zuber zu steigen."

     "Er ist zu klein."

     "Nicht, wenn du dich auf meinen Schoß setzt."

     Sie errötete. Doch dann nickte sie entschlossen und begann, sich zu entkleiden.

     Mit klopfendem Herzen schaute Bevan ihr zu.

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