Mein irischer Held - 15. Kapitel

15. KAPITEL

Genevieve wartete.

     Nach einer Weile aber war ihr, als würde sie immer mehr neugierige Blicke auf sich ziehen. Beunruhigt schaute sie zu der Tür, hinter der Bevan verschwunden war. War der Grund für seine lange Abwesenheit, dass er Fiona gefunden hatte und mit ihr über ihre Rückkehr nach Rionallís verhandelte?

     Genevieve atmete tief durch. Bei allen Heiligen, sie konnte diese Ungewissheit nicht länger ertragen. Entschlossen verließ sie die Festung, schritt den Hügel hinab zu dem Wäldchen, in dem sie und Bevan ihre Pferde gelassen hatten, schwang sich auf den Rücken ihrer Stute und galoppierte davon.

     Sie musste bereits eine längere Strecke zurückgelegt haben, als sie plötzlich Stimmen hinter sich hörte. Besorgt wandte sie sich um. Doch es war bereits zu spät. Zwei normannische Krieger näherten sich ihr mit so großer Geschwindigkeit, dass an ein Entkommen nicht zu denken war. Weiter hinten war ein ganzer Trupp von Reitern zu sehen. Genevieve schickte ein stummes Gebet zum Himmel und brachte ihr Pferd zum Stehen.

     Wenn sie geglaubt hatte, man würde ihr Fragen stellen, so hatte sie sich geirrt. Brutal wurde sie von der Stute gerissen und gefesselt. "Bringt sie ins Lager!", befahl der Anführer der Männer.

Bevan hatte sich ein Bündel Brennholz auf die Schulter geladen und betrat den Wohnturm. Wie erwartet, befand er sich im großen Saal. Mit gesenktem Kopf schritt er auf den offenen Kamin zu und legte das Bündel ab. In diesem Moment wünschte er sich nichts sehnlicher, als dass er Rionallís nicht verlassen hätte. Trotz aller Probleme war er mit Genevieve glücklich gewesen. Nun aber wusste er nicht, welches Leid und welche Prüfungen vor ihm lagen. Fest stand nur, dass er Genevieve, der Frau, die ihm vertraute und die ihn liebte, wehgetan hatte.

     Kurz war er versucht, den Saal einfach wieder zu verlassen. Doch dann hob er den Blick und schaute sich um. Wenn Fiona sich tatsächlich hier aufhielt, würde sie vermutlich mit dem Burgherrn bei Tisch sitzen. Es war gerade Zeit fürs Mittagsmahl.

     Doch der Platz neben Somerton – er musste der Ritter sein, der am Kopf der Tafel saß – war leer.

     Dann plötzlich war ihm, als bliebe sein Herz stehen. Sein Kind! Brianna! Da stand sie. Seine geliebte Tochter lebte.

     Bevan vergaß alles um sich herum und rannte zu ihr hin. Er kniete sich vor sie, nahm ihre kleinen Hände in seine großen und schaute ihr ins Gesicht. Ein Funken des Erkennens blitzte in ihren Augen auf.

     "Du weißt, wer ich bin, Brianna?"

     Sie war gewachsen, und sie sah gesund und kräftig aus. Ihr Haar war zu Zöpfen geflochten und sie trug ein hübsches Gewand aus blauem Leinen.

     "Vater!" Sie schlang ihm die Arme um den Hals.

     Jetzt konnte er seine Tränen nicht länger zurückhalten.

     Als er sich endlich gefasst hatte, sagte er: "Du hast mir so gefehlt, mein Schatz. Kannst du mir erzählen, warum du hier bist?"

     "Mama hat mich hergebracht."

     Fiona hatte ihn also belogen, als sie behauptete, das kleine Mädchen sei an einer bösen Erkältung gestorben. Bevan konnte es nicht fassen. Wie hatte sie ihm das antun können? Brianna war doch auch seine Tochter. Fiona hatte gewusst, wie sehr er das Kind liebte.

     "Wo ist deine Mutter jetzt?"

     "Sie ist im Herbst gestorben."

     Im Herbst? Das bedeutete, dass seine Ehe mit Genevieve doch rechtsgültig war. Eine Woge der Erleichterung schlug über ihm zusammen. Wahrhaftig, er war der glücklichste Mann der Welt. Er hatte seine kleine Tochter wiedergefunden, und er war mit einer wunderbaren Frau verheiratet.

     Dann wurde ihm klar, dass Brianna zweifellos noch um ihre Mutter trauerte. Das Kind war gerade fünf Jahre alt und verstand nicht, was Erwachsene einander antaten. "Mein Liebling." Er zog die Kleine fester an sich, strich ihr tröstend übers Haar.

     "Warum bist du nicht eher gekommen?", fragte sie in leicht vorwurfsvollem Ton.

     "Ich wusste nicht, wo du warst. Aber ich bin sehr froh, dass ich dich endlich gefunden habe. Nun werden wir zusammenbleiben, nicht wahr."

     In eben diesem Moment packte ihn eine kräftige Hand bei der Schulter und jemand befahl auf Englisch: "Lasst das Kind los!"

     Bevan richtete sich auf, wandte sich um und schaute Somerton fest in die Augen.

Man hatte Genevieve in ein Zelt gebracht. Ihre Hände waren auf dem Rücken zusammengebunden, ihr Körper schmerzte von den Stößen und Schlägen, die man ihr versetzt hatte. Mehr aber als alles andere schmerzte ihr Herz.

     Inzwischen war ihr klar geworden, was geschehen war. Hugh hatte seine Männer auf sie und Bevan angesetzt. Ihn verlangte nach Rache. Er würde Bevan töten und sie unterjochen, so wie es immer sein Ziel gewesen war.

     In diesem Moment betrat Marstowe das Zelt. Sein arrogantes Gesicht drückte größte Zufriedenheit aus. "Nun, meine Liebe, wie lange wird es wohl dauern, bis Euer Gemahl erscheint, um Euch zu holen?", fragte er.

     Sie schwieg. Vielleicht, das hoffte sie jedenfalls, war Bevan glücklich mit Fiona vereint und kam überhaupt nicht, um nach ihr zu suchen.

     Hughs Faust traf sie unvorbereitet. "Antwortet!", fauchte er.

     Sie kämpfte ihre Angst nieder und hob trotzig den Kopf.

     Marstowes Hand schnellte vor. Er riss ihr das Tuch von dem Kopf, bekam eine Haarsträhne zu fassen und zog so heftig, das Genevieve einen Schmerzensschrei ausstieß. Hugh hatte unterdessen begonnen, sie mit den abscheulichsten Ausdrücken zu beschimpfen.

     Sie zwang sich, kein Wort über ihre Lippen zu bringen.

     Nach einer Weile, als er ihr Schweigen nicht mehr ertragen konnte, versetzte er ihr eine Ohrfeige. Mit der Drohung, Bevan zu töten, verließ er schließlich das Zelt.

Bevan und Somerton standen sich mit zornig blitzenden Augen gegenüber.

     "Ihr habt Euch einfach in meine Burg hineingeschlichen", schimpfte der Normanne.

     "Ich bin nur hier, um meine Tochter heimzuholen", gab der Ire zurück.

     Soldaten strömten herbei und warteten auf ein Zeichen ihres Herrn. Doch der winkte sie beiseite. "Dass Ihr überhaupt noch lebt", spottete Somerton, "habt Ihr einer Frau zu verdanken. Ich hätte Euch sonst schon vor Jahren auf dem Schlachtfeld getötet."

     "Dazu seid Ihr nicht Manns genug", erwiderte Bevan heftig.

     "Ha!" Der Baron zog sein Schwert.

     Schon hielt auch Bevan das seine in der Hand.

     Jemand reichte Somerton ein Schild, doch niemand hielt eines für MacEgan bereit. Trotzdem zögerte er keine Sekunde lang. Er würde um seine Tochter kämpfen. Aus den Augenwinkeln sah er, dass eine Frau herbeigeeilt war, die Brianna nun an sich zog, damit sie nicht zu ihrem Vater lief.

     "Beginnen wir!" Bevan hob seine Waffe und machte einen Schritt auf seinen Gegner zu.

     Eine Zeit lang umkreisten sich die Männer wie Raubtiere. Dann schlug Metall auf Metall. Die Bewegungen der Kämpfenden wurden schneller. Angriff, Abwehr, Gegenangriff – Schweiß stand Somerton auf der Stirn. Er atmete schnell. Aber Bevan erging es nicht anders. Noch schien keiner der beiden im Vorteil zu sein.

     Der Ire jedoch hatte bemerkt, dass der Normanne seine rechte Seite ein wenig zu schonen schien. Das war etwas, das es auszunutzen galt. Bevan täuschte einen Angriff vor, sprang zurück und kam plötzlich von der anderen Seite auf den Baron zu. Ein Aufstöhnen ging durch die Menge der Zuschauer. Bevans Schwertspitze berührte Somertons Brust.

     "Ich sollte Euch töten für alles, was Ihr mir angetan habt", keuchte MacEgan.

     Der Normanne rührte sich nicht. Auch seine Männer standen noch immer abwartend da. Doch es konnte kein Zweifel daran bestehen, dass sie bereit waren, den Iren zu töten, wenn er ihrem Herrn ein Leid zufügte.

     "Papa, ich möchte nach Hause", ließ sich da eine zarte Stimme vernehmen.

     Somertons Gesichtsausdruck wurde weich – und er ließ sein Schwert fallen. Sogleich senkte auch Bevan seine Waffe.

     "Ich wünschte", sagte der Baron zu MacEgan gewandt, "ich hätte eine Tochter wie sie. Doch Brianna gehört Euch. Nehmt sie also mit. Sie hat während all der Monate, die sie hier gelebt hat, unter Heimweh nach Irland gelitten. Nun soll sie wieder zu ihrer Familie zurückkehren."

     "Ich danke Euch." Bevan streckte dem Normannen die Hand entgegen, und mit einem Handschlag besiegelte Somerton sein Versprechen.

     Dann schaute der Baron so gelassen in die Runde, als sei nichts Ungewöhnliches geschehen. "Es ist Zeit fürs Mittagsmahl", erklärte er, woraufhin sich die Soldaten zurück an ihre Plätze begaben. Mit einem Blick auf Bevan fügte Somerton hinzu: "Seid heute mein Gast, MacEgan."

     "Ich danke Euch abermals." Bevan reichte Brianna die Hand, und gemeinsam folgten Vater und Tochter dem Burgherrn zum Tisch.

     Dort stand wartend die Frau, die sich schon zuvor um das Mädchen gekümmert hatte. "Geh mit Mary, Kleines", meinte der Baron zu Brianna. "Du kannst oben mit ihr essen. Und dann packt ihr deine Sachen. Später werden wir dich rufen, damit du mit deinem Vater nach Irland zurückkehren kannst."

     Bevan war beeindruckt von Somertons Großzügigkeit. Doch einige Fragen brannten ihm noch auf der Seele. Sobald Brianna den Raum verlassen hatte, stellte er sie. Glücklicherweise war der Baron bereit, offen zu antworten. Und so erfuhr MacEgan, dass Fiona ihre Melancholie auch an der Seite ihres normannischen Geliebten nicht hatte überwinden können.

     "Eine Zeit lang schien sie recht glücklich zu sein, auch wenn sie manchmal unter Heimweh litt. Dann stellte sich heraus, dass sie erneut Mutter werden sollte. Sie freute sich. Doch im Spätsommer verlor sie unser ungeborenes Kind." Somertons Miene spiegelte deutlich seine Trauer wider. "Sie hat den Verlust nicht verkraftet. Ein paar Wochen darauf hat sie sich das Leben genommen. Möge Gott ihrer Seele gnädig sein."

     "Möge Gott ihrer Seele gnädig sein", wiederholte Bevan erschüttert.

Noch nie hatte Ewan so gelitten. Ihm war, als gäbe es nicht eine einzige Stelle an seinem Körper, die nicht schmerzte. Nur mit Mühe gelang es ihm, sich im Sattel zu halten.

     Marstowes Männer hatten ihn gefoltert, bis er in Ohnmacht gefallen war. Als er schließlich wieder zu sich kam, hatten sie ihm sein Pferd zurückgegeben und ihn zu Somertons Burg geschickt. Er sollte Bevan mitteilen, dass Genevieve sich in Hughs Hand befand.

     Ein trockener Schluchzer erschütterte Ewan. Ich habe Bevan im Stich gelassen, dachte er, ich habe Genevieve verraten.

     Er schämte sich, weil er die Quälereien, denen er durch Marstowes Männer ausgesetzt war, nicht lange hatte ertragen können. Er hatte – wieder einmal – versagt. Nie würde er sich das verzeihen können.

     Mit gesenktem Kopf ritt er weiter und hob nur gelegentlich den Blick, um sich zu orientieren. Eine Ewigkeit voller Schmerzen schien zu vergehen, ehe er vor sich die Festung des normannischen Barons aufragen sah. Mit letzter Kraft erreichte er das Tor. Ein Wachmann trat ihm in den Weg. Ewan wusste nicht, was er sagen sollte. Vielleicht hatte Bevan sich heimlich Zutritt zur Burg verschafft. Da konnte er doch nicht einfach nach ihm fragen! "Ist Euer Herr …", begann er auf Englisch.

     In diesem Moment sah er seinen Bruder quer über den Hof auf sich zukommen.

     Auch Bevan hatte ihn bemerkt und eilte auf ihn zu. "Ewan", rief er entsetzt, "was ist geschehen?"

     "Marstowe – er hat Genevieve. Sein Lager ist auf der anderen Seite des Flusses."

     "Nein!", schrie Bevan.

     Doch Ewan hörte ihn nicht mehr. Er hatte das Bewusstsein verloren und rutschte seitlich vom Pferd. Sein Bruder konnte ihn gerade noch auffangen. Dann bemerkte Bevan die vielfältigen Wunden, die den Körper des jüngsten MacEgan bedeckten. Zorn und Schuldgefühle stiegen in ihm auf.

     Ich hätte besser auf ihn Acht geben müssen, fuhr es ihm durch den Kopf, und auf Genevieve. O Gott, verzeih mir, ich habe alles falsch gemacht.

     Suchend schaute er sich um. Er brauchte jemanden, der sich um Ewan und Brianna kümmerte, während er sich aufmachte, um Genevieve zu befreien. Sollte er Somerton bitten, ihm ein paar seiner Männer zur Verfügung zu stellen? Nein, er würde es allein schaffen. Er würde Marstowe beweisen, wer von ihnen der bessere Kämpfer war.

     In diesem Moment entdeckte er den Baron, der gerade aus der Tür trat. Er gab ihm mit einer Geste zu verstehen, dass er um seine Unterstützung bat. Sogleich eilte Somerton zu ihm. Nachdem er einen kurzen Blick auf Ewans Wunden geworfen hatte, schickte er einen der Männer nach der Heilerin. "Der Junge soll hier bleiben, bis er sich erholt hat", sagte er in entschiedenem Ton.

     "Werdet Ihr auch für meine Tochter sorgen, solange ich fort bin?", bat Bevan.

     "Selbstverständlich."

     "Ich danke Euch." Erleichtert darüber, dass er keine weiteren Erklärungen zu geben brauchte und dass er zumindest zwei der Menschen, die ihm am meisten auf der Welt bedeuteten, in Sicherheit wusste, machte Bevan sich auf den Weg.

Es waren die Schmerzen, die Ewan ins Bewusstsein zurückholten. Noch ehe er die Augen aufschlug, spürte er die Tränen, die ihm übers Gesicht rannen. Die Innenflächen seiner Hände, von denen Marstowes Männer ganze Hautstücke abgezogen hatten, brannten. Dann wurde der Schmerz noch schlimmer. Ewan schrie auf.

     "Ruhig, Junge", sagte eine Stimme auf Englisch. "Ich muss die Wunde säubern."

     "Dafür ist keine Zeit!" Ewan versuchte sich aufzurichten. "Ich muss los, um ihm zu helfen."

     "Später." Die fremde Frau, die sich eben noch um seine Hand gekümmert hatte, hielt ihm jetzt ein Gefäß mit einer bitteren Flüssigkeit an die Lippen. "Trinkt!"

     Er schluckte widerwillig. "Ich muss meinem Bruder helfen. Es geht um Leben und Tod."

     Die Frau drückte ihn zurück in die Kissen. "Erst müssen Eure Wunden versorgt werden."

     "Nein", schrie Ewan, "nein, ich muss fort. Jetzt!"

     Die Tür wurde geöffnet, gleich darauf steckte Somerton den Kopf in die Kammer. "Gibt es Schwierigkeiten?", fragte er die Heilerin.

     Ehe sie antworten konnte, rief Ewan: "Marstowe und seine Männer wollen meinen Bruder Bevan in eine Falle locken. Er ist allein unterwegs zum Lager seines Todfeindes. Er braucht Unterstützung. Sie werden ihn töten. Ich muss zu ihm."

     "Allein?"

     Ewan starrte den vornehm gekleideten Fremden an. Erst jetzt dämmerte ihm, wen er da vor sich hatte. "Seid Ihr Lord Somerton? Dann flehe ich Euch an, mir und meinem Bruder zu helfen."

     "Ihr wünscht, dass ich meine Leute in den Kampf gegen Sir Hugh Marstowe schicke? Wisst Ihr nicht, dass ich ebenfalls Normanne bin?"

     "Mein Bruder reitet in den sicheren Tod", gab Ewan, der jetzt etwas ruhiger war, zurück. "Vielleicht wollt Ihr ja, dass er stirbt?"

     Somerton schüttelte den Kopf.

     "Dann müsst Ihr ihm mit Euren Männern zu Hilfe kommen. Ich werde Euch begleiten. Ich weiß, wo Marstowe sein Lager aufgeschlagen hat." Ewans Hände bluteten, aber er stieß die Heilerin zurück, sprang auf und schritt entschlossen zur Tür. Diesmal würde er seinen älteren Bruder nicht enttäuschen.

Sobald er den Fluss überquert hatte, drosselte Bevan das Tempo. Immer wieder hielt er sein Pferd an, um sich in Ruhe umzuschauen. Als er die Kuppe eines Hügels erreichte, entdeckte er endlich Marstowes Lager. Er stieg ab, band seinen Hengst an einen Baum an und schlich, immer wieder hinter Sträuchern Schutz suchend, in gebückter Haltung auf die Zelte der Normannen zu. Das letzte Stück legte er zurück, indem er sich auf dem Bauch liegend langsam vorwärts schob.

     In einem Umkreis von vielleicht hundert Metern wuchs um das Lager weder Baum noch Strauch. Nur ein einsamer Felsbrocken befand sich zwischen Bevan und den Zelten. Hinter dem Stein versteckt, blieb der Ire liegen und beobachtete, was die Normannen taten.

     Einige der Soldaten hatten offensichtlich den Auftrag erhalten, die Umgebung im Auge zu behalten. In regelmäßigen Abständen umrundeten sie das Lager. Andere waren anscheinend als Wachen vor einem Zelt abgestellt worden. Sie standen direkt vor dessen Eingang. Es war aber unmöglich festzustellen, ob Genevieve dort gefangen gehalten wurde.

     Bevan jedoch musste wissen, wo genau sie sich befand, ehe er etwas unternehmen konnte. Er runzelte die Stirn. Ein heimlicher Angriff war unter diesen Umständen ausgeschlossen. Und als Einzelner würde er das Risiko, gegen eine solche Übermacht anzutreten, nur auf sich nehmen, wenn er sicher sein konnte, dass Genevieve lebte. Was also sollte er tun?

     Er schlich zurück zu seinem Hengst, schwang sich in den Sattel und ritt ein Stück in Richtung des Lagers. Auf der Kuppe des Hügels hielt er an, nahm Pfeil und Bogens zur Hand und rief: "Marstowe!"

     Ein blonder Mann trat aus einem der Zelte und schaute zu Bevan hin. Diesem war, als zeigte sich ein triumphierender Ausdruck auf dem Gesicht seines Feindes. Dann hörte er, wie der Normanne ein paar Befehle rief. Und gleich darauf ritt einer der Soldaten, die Lanze zum Angriff bereithaltend, auf MacEgan zu.

     Bevans Pfeil schwirrte von der Sehne und blieb direkt vor den Füßen des Kriegsrosses im Boden stecken. Das Pferd bäumte sich auf. Schon hielt der Ire einen weiteren Pfeil bereit. "Ich will Genevieve sehen", rief er. "Wenn es ihr gut geht, bin ich zu Verhandlungen bereit."

     Hugh musste wissen, dass ein einzelner Mann nicht in der Lage war, gegen einen ganzen Trupp von Kriegern zu kämpfen. Dennoch rief er dem Lanzenträger zu, dass er warten solle. Vielleicht befürchtete er, dass Bevan Begleiter hatte, die sich noch im Hintergrund hielten. Vielleicht aber genoss er es auch nur, sein Spiel mit dem Iren zu treiben. Jedenfalls wandte er sich jetzt einem seiner Männer zu und erklärte ihm etwas. Dann gab er den Befehl, Genevieve ins Freie zu führen. Gleich darauf schlug einer der Soldaten die vordere Plane des bewachten Zeltes zurück, und eine gefesselte Frau trat in die Sonne hinaus.

     "Bevan", schrie sie, "komm nicht näher. Sie werden dich töten."

     Er sah, dass sie blutete. Jemand – vermutlich Hugh selbst – musste ihr heftig ins Gesicht geschlagen haben. Unbändige Wut wallte in Bevan auf. Doch seine Stimme klang ruhig, als er seine Forderung verkündete: "Lasst sie frei. Dann sollt Ihr bekommen, was Ihr wünscht."

     Jetzt endlich löste Marstowe sich aus der Gruppe der ihn umgebenden Krieger und trat ein paar Schritte vor. "Ich habe nur einen Wunsch: Euch tot zu sehen, MacEgan."

     In diesem Moment hörte Bevan hinter sich Pferdegetrappel. Er fuhr herum. War er in einen Hinterhalt geraten? Er stieß einen Fluch aus und spannte erneut seinen Bogen. Entschlossen, bis zum Letzten zu kämpfen, schoss er einen Pfeil nach dem anderen ab. Doch die Übermacht war zu groß. Als sein lederner Köcher leer war, zog Bevan sein Schwert, aber ihm blieb nicht mehr viel Zeit, es zu benutzen.

     Vom Lager her hörte er Hughs Lachen und dann den Befehl: "Bringt ihn mir lebendig!"

     Es war zwecklos. So heftig Bevan sich auch wehrte, er wurde überwältigt. Man band ihn an Händen und Füßen und schleppte ihn vor Marstowe. Dieser schaute zufrieden auf seinen besiegten Feind hinab. "Ehe Ihr sterbt", verkündete er, "sollt Ihr Eure Gemahlin noch einmal sehen dürfen."

     Einer der Wächter brachte Genevieve herbei. Sie bot ein Bild des Jammers, obwohl sie hoch aufgerichtet stand. Ihr Kleid war zerrissen, ihre Füße nackt, ihr Gesicht blutverschmiert und ihr Haar verfilzt.

     "Rührt sie nicht an", schrie Bevan, seine Hilflosigkeit verfluchend und vor Zorn bebend.

     Hugh lachte. "Was wollt Ihr tun, wenn ich nicht auf Euch höre?", spottete er.

     "Ich werde Euch umbringen, wenn Ihr ihr etwas antut."

     "Ich habe ihr bereits etwas angetan. Und jetzt soll sie ein bisschen leiden, weil Ihr so unverschämt seid." Er gab Genevieve eine heftige Ohrfeige.

     Sie wankte, richtete den Blick aber sogleich wieder auf Bevan, so als könne sie aus seinem Anblick Kraft schöpfen.

     "Ich glaube sogar", fuhr Marstowe genüsslich fort, "dass ihr gefallen hat, was ich mit ihr gemacht habe." Er trat hinter Genevieve und hielt ihr ein Messer an die Kehle. "Wahrscheinlich war sie froh, endlich einmal die Hände eines echten Mannes auf sich zu spüren und …"

     In diesem Moment warf Genevieve sich nach hinten. Irgendwie musste es ihr gelungen sein, die Fesseln so weit zu lösen, dass sie ihre Hände befreien konnte. Sie machte sich Hughs ungläubiges Erstaunen zunutze, um ihm das Messer zu entwinden. Tief stieß sie es ihm in den Oberschenkel. Mit einem Fluch sank Marstowe zu Boden.

     Schon rannte Genevieve zu Bevan, der in dem Durcheinander seinen Wächter zu Boden gestoßen hatte. Mit bebenden Fingern begann sie, die Fesseln ihres Gemahls durchzuschneiden.

     "Flieh!", befahl Bevan ihr und nahm ihr das Messer ab. "Rasch! Ich komme nach."

     Sie rannte los.

     Unterdessen hatten die Normannen sich von dem Schock erholt und stürzten sich auf den Iren. So gut es ging, verteidigte er sich mit Hughs Messer. Aus dem Augenwinkel sah er, wie Marstowe wieder auf die Füße kam, sich auf ein Pferd schwang und Genevieve nachritt. Drohend hielt der Normanne das Schwert in den Händen.

     Unterdessen war es Bevan, der wie ein Wahnsinniger kämpfte, tatsächlich gelungen, sich die Männer lange genug vom Leib zu halten, um eines der normannischen Pferde zu erreichen. Er sprang auf den Rücken des Tieres und preschte hinter Genevieve und Hugh her. Unterwegs entriss er einem Krieger, der sich ihm in den Weg stellen wollte, das Schwert.

     Genevieve hatte unterdessen die Kuppe des Hügels fast erreicht. Doch Marstowe war dicht hinter ihr. Bevan fluchte und trieb sein Pferd an.

     In diesem Moment erschien auf dem Gipfel der Anhöhe ein weiterer Reiter. Er stieß einen wilden Schrei aus und stürzte sich auf Marstowe. Es war Ewan.

     Ungläubig beobachtete Bevan, wie sein jüngster Bruder den Normannen entwaffnete und vom Pferd stieß.

     Jetzt waren auf einmal noch mehr Krieger da. Sie schwärmten aus, um Hughs Männer, die nun den Hügel heraufdrängten, zurückzutreiben.

     Mit einem Blick überzeugte Bevan sich davon, dass Genevieve nichts geschehen war.

     Da sprang Hugh plötzlich auf, das Schwert in der Hand, und griff Ewan erneut an. Dieser wehrte sich tapfer. Doch seit der ersten Begegnung mit Marstowes Soldaten war der Junge verwundet und geschwächt. Auf Dauer war er dem erfahrenen Ritter nicht gewachsen. Bevan wollte seinem Bruder zu Hilfe eilen, doch ehe er ihn erreichte, wurde Ewan von der Waffe des Normannen getroffen und sank zu Boden.

     "Das sollt Ihr büßen", schrie Bevan außer sich vor Sorge und Zorn und warf sich auf seinen Erzfeind. Es war ein erbitterter Kampf, in dem zunächst keiner der beiden der Stärkere zu sein schien. Doch dann, als MacEgan stolperte und zu Boden stürzte, stieß Hugh einen Siegesschrei aus. Er hob sein Schwert, um es auf Bevan niedersausen zu lassen. Aber stattdessen – niemand hatte genau gesehen, was geschehen war – fiel der Normanne vornüber in die Klinge des Iren.

     "Er ist tot." Genevieve, die herbeigerannt war, starrte ihren ehemaligen Verlobten an. "Dem Himmel sei Dank …"

     Bevan richtete sich auf und schloss seine Frau in die Arme. Gemeinsam liefen sie zu Ewan, der eine schwere Schulterwunde davongetragen hatte. Obwohl er heftige Schmerzen leiden musste, lag auf seinem Gesicht ein schwaches Lächeln. "Diesmal, Bruder", flüsterte er, "habe ich dich hoffentlich nicht enttäuscht."

     "Du hast Genevieve und mir das Leben gerettet", gab Bevan zurück. "Ich danke dir dafür."

     Das Kampfgetümmel um sie herum verebbte. Und sie stellten fest, dass Marstowes Männer, nun, da sie ihres Anführers beraubt waren, aufgegeben hatten.

     "Wir haben viel zu besprechen", sagte Bevan leise zu Genevieve. "Doch zuerst wollen wir uns um Ewan kümmern."

     Sie nickte.

Es sollte eine Weile dauern, bis Genevieve und Bevan Gelegenheit zu einem Gespräch unter vier Augen fanden. Sie hatten Ewan zu Somertons Burg gebracht, wo die Heilerin sich zum zweiten Mal an diesem Tag um ihn hatte kümmern müssen. Zu Bevans größter Erleichterung hatte sie erklärt, dass der Junge, sofern er vom Wundfieber verschont blieb, rasch genesen würde.

     Während Ewan schlief, saßen Genevieve und Bevan an seinem Lager und sprachen leise miteinander.

     "Es tut mir so leid, dass ich durch meine Unüberlegtheit alle in solche Schwierigkeiten gebracht habe", sagte Genevieve.

     Bevan zog sie an sich. "Du hast keinen Grund, dich für irgendetwas zu entschuldigen. Ich bin derjenige, der einen Fehler nach dem anderen gemacht hat. Genevieve, Liebste, Fiona ist tot. Sie starb, ehe wir heirateten. Unsere Ehe ist also rechtskräftig. Allerdings", er machte eine kurze Pause, "lebt meine tot geglaubte Tochter Brianna noch. Somerton hat während der letzten Jahre für sie gesorgt. Nun wird sie mit uns nach Rionallís zurückkehren."

     "Ich freue mich für dich", gab Genevieve zurück und drückte seine Hand. "Wie schön, dass du dein Kind wiedergefunden hast. Ich aber werde nicht mit dir zurückgehen."

     Er starrte sie fassungslos an.

     "Ich halte es für das Beste, in Zukunft bei meinen Eltern zu leben."

     "Aber …" Er konnte es einfach nicht glauben. "Genevieve, ich liebe dich."

     Sie musste die Tränen zurückdrängen, aber sie blieb fest. "Ich musste zusehen, wie du deine Wahl getroffen hast, Bevan. Nun ist es an der Zeit, dass auch ich meine Wahl treffe."

Es war Nacht, und die Burg von Thomas de Renalt, Earl of Longford, lag in tiefer Finsternis. An einer der Mauern allerdings geschah Seltsames. Ein Mann ließ einen Strick hinunter zu einem zweiten, der unten wartete.

     "Bevan", klagte dieser, "das ist doch Unsinn. Ich würde lieber durchs Tor gehen."

     "Pst, Pater Ó Brian, wir haben doch alles besprochen." MacEgan half dem Geistlichen über die Mauer und bedeutete ihm, dass er ihm folgen solle. Wenig später standen sie vor der Tür zum Wohnturm. "Leise jetzt."

     MacEgan schlich sich, gefolgt von Ó Brian, hinein, stieg die Treppe hinauf und wandte sich nach rechts. Von dort waren leise Harfenklänge zu vernehmen. Dann hatten die Eindringlinge die Tür erreicht, die zu Genevieves Kammer führte. "Wartet bitte", flüsterte Bevan dem Geistlichen zu.

     Es war mehr als einen Monat her, dass er seine Gemahlin zuletzt gesehen hatte. Er wusste, dass sie noch immer verärgert war, obwohl er während der letzten Wochen alles darangesetzt hatte, sie zurückzugewinnen.

     Er hatte mit ihrem Vater verhandelt und in langen Gesprächen dessen Wohlwollen errungen. Allerdings hatte Longford sich geweigert, bei Genevieve ein gutes Wort für ihn einzulegen. "Mit meiner Tochter", hatte er erklärt, "müsst Ihr selbst ins Reine kommen."

     Deshalb hatte Bevan in dieser Nacht den irischen Priester mitgebracht.

     Ohne anzuklopfen trat MacEgan in Genevieves Gemach. Auf dem Tisch stand ein Leuchter mit drei Kerzen, deren Flammen Schatten auf die Wand warfen. Sie selbst saß auf einem Schemel, eine keltische Harfe vor sich. Das Instrument war ein Geschenk von Bevan. Er hatte es ihr in der Hoffnung zukommen lassen, um vielleicht auf diese Weise ihre Vergebung zu erlangen. Sie hatte das Haar unter einem Schleier verborgen. Das Kleid, das sie trug, war dunkelrot. Sie sah wunderschön aus.

     "Gefällt dir mein Geschenk?", fragte Bevan, als sie die Finger von den Saiten nahm.

     Sie zuckte zusammen und schaute erschrocken auf. "Was tust du hier? Wenn mein Vater dich findet …"

     "Ich bin mit seinem Einverständnis hier."

     "Nun, meines hast du nicht."

     "Ich muss dir dennoch etwas sagen." Es fiel ihm nicht leicht, dieses Geständnis zu machen. "Lange bevor ich erfuhr, dass Fiona tot ist, hatte ich bereits begonnen, dich zu lieben. Tatsächlich war ich entschlossen, sie um die Scheidung zu bitten, als ich ihr damals nach England folgte. Ich hoffte, dass wir, du und ich, einen neuen Anfang würden machen können. Aber ehe ich keine Gewissheit hatte, wagte ich nicht, gemeinsam mit dir Pläne zu schmieden. Noch immer habe ich die Hoffnung, dass du an meiner Seite leben möchtest, nicht aufgegeben. Genevieve, du bist es, mit der ich mein Leben verbringen möchte. Bitte, komm zu mir zurück."

     Sie schüttelte zweifelnd den Kopf.

     Da trat er auf sie zu, zog sie von ihrem Schemel hoch und schloss sie in die Arme. "Ich liebe dich. Und ich werde die Burg deines Vaters nicht ohne dich verlassen."

     Sie legte den Kopf in den Nacken und schaute zu Bevan auf. Seine grünen Augen schauten sie bittend und voller Sehnsucht an. In diesem Moment hatte sie das Gefühl, dass er die Wahrheit sprach.

     Sie musste ein paarmal tief durchatmen, ehe sie etwas sagen konnte. Jeder Tag, den sie ohne ihn verbracht hatte, war eine Qual gewesen. Sie hatte ihn mehr vermisst, als sie es je für möglich gehalten hätte. Ihr Stolz war ein schwacher Schutz vor der Einsamkeit gewesen, unter der sie litt. Und an dem Tag, da sie die Harfe zum Geschenk erhalten hatte, hatte sie vor Sehnsucht nach Bevan geweint.

     "Versprichst du mir das?", fragte sie schließlich leise.

     "Was soll ich versprechen?"

     "Dass du mich gegen alle Widerstände aus dieser Burg entführen wirst." Ein Lächeln huschte jetzt über ihr Gesicht. "So wie man es von einem irischen Barbaren erwartet."

     Er küsste ihre Nasenspitze und flüsterte ihr dann ins Ohr: "Ich würde dich von überall entführen, wenn du es mir nur gestattest, dich ab und zu meine barbarische Leidenschaft spüren zu lassen."

     "Darüber ließe sich verhandeln", murmelte sie.

     Und dann nahm das Gespräch erst einmal ein Ende, weil Genevieve und Bevan sich lange und innig küssten.

     Nach einer Weile begann Bevan die Nadeln zu entfernen, die den Schleier seiner Gemahlin hielten. Als ihr das Haar in weichen Wellen auf den Rücken fiel, vergrub er seine Finger darin und atmete den süßen Duft tief ein.

     "Ich liebe dich", hauchte Genevieve und schmiegte sich an ihn.

     "Und ich liebe dich mehr als alles auf der Welt", flüsterte Ewan.

     Sie küssten sich erneut. Bevan begann, Genevieve zu streicheln. Doch plötzlich hielt er inne. Seine Hand lag auf ihrem Bauch, der sich seltsam rund und fest anfühlte. "Liebste …"

     "Ja", sagte sie leise, "ja, wir werden ein Kind bekommen." Sie schlang die Arme um seinen Nacken und schaute ihm tief in die Augen.

     In diesem Moment war von der Tür her ein leises Klopfen zu vernehmen.

     "Das muss Pater Ó Brian sein", erklärte Bevan.

     "Pater Ó Brian?", fragte Genevieve verständnislos.

     "Ja, ich habe einen Geistlichen mitgebracht." Er lächelte Genevieve zu, ehe er sich umwandte und rief: "Tretet ein."

     Gleich darauf steckte der Geistliche den Kopf zur Tür herein. Genevieve starrte ihn einen Moment lang an und begann dann leise zu lachen. "Bevan, das kann nicht dein Ernst sein."

     "O doch!"

     Pater Ó Brian schaute von einem zum andern und räusperte sich. "Ich glaube nicht, dass ich das tun kann", meinte er schließlich zu MacEgan gewandt. "Noch nie habe ich eine eheliche Verbindung auf diese Art gesegnet."

     "Wenn es um dickköpfige Frauen geht, muss man manchmal Ausnahmen von der Regel machen", erwiderte Bevan gut gelaunt. "Bitte, Pater, fangt an."

     Ó Brian fühlte sich sichtlich unwohl. Aber als nun auch Genevieve ihm mit einer Geste zu verstehen gab, dass er endlich eintreten möge, kam er ins Gemach und ging auf das Paar zu. Bevan griff nach Genevieves Hand. Er sah plötzlich sehr ernst aus.

     Der Geistliche begann, die lateinischen Worte der Hochzeitszeremonie zu zitieren. Dann sagte er laut und deutlich auf Irisch: "Willst du, Bevan MacEgan, hier und jetzt bestätigen, dass Genevieve de Renalt, Tochter des Earl of Longford, deine rechtmäßige Frau sein soll, bis dass der Tod euch scheidet?"

     "Ja, das will ich. Ich habe meine Wahl getroffen. Mein Leben lang will ich dich, Genevieve, als meine Gemahlin lieben und ehren."

     "Und du, Genevieve de Renalt, willst auch du bestätigen, dass Bevan MacEgan dein rechtmäßiger Ehemann sein soll, bis dass der Tod euch scheidet?"

     "Ja." Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, und in ihren Augen standen Tränen. "Ja, ich will als Bevans Gemahlin mit ihm nach Rionallís zurückkehren."

     Während der Geistliche die letzten Worte auf Latein sprach und die Hände segnend hob, schaute das Paar sich glücklich an. Dann beugte Bevan sich zu Genevieve hinab und küsste sie voller Zärtlichkeit und Leidenschaft.

     "Wenn Ihr uns jetzt bitte allein lassen würdet, Pater Ó Brian?" Bevan wirkte ein wenig verlegen. "Ihr könnt im Saal auf uns warten. Dort werdet Ihr wahrscheinlich auch etwas zu essen und zu trinken vorfinden." Etwas ungeduldig setzte er, als der Geistliche sich nicht sofort rührte, hinzu: "Ein Paar hat doch wohl das Recht, in der Hochzeitsnacht allein zu sein."

     Genevieve errötete, doch gleichzeitig überlief ein warmer Schauer ihren Körper. "Gute Nacht, Pater Ó Brian", sagte sie.

     Kaum hatte sich die Tür hinter dem Geistlichen geschlossen, als Bevan Genevieve hochhob und zum Bett trug. Dort begann er sogleich, ihr Gewand zu öffnen. Wenig später spürte sie seine Hand warm auf ihrer Haut. Er streichelte ihre Arme, ihre Brüste und ihren Bauch. Einen Moment lang verharrten seine Finger auf der sanften Rundung, die den Beweis dafür darstellte, dass ihre Liebe nicht so neu war, wie man aufgrund der eben vollzogenen Hochzeitszeremonie hätte meinen können.

     "Ich liebe dich, Bevan", flüsterte Genevieve.

     Er war so glücklich, dass er kaum atmen konnte. "Ich liebe dich auch, und ich schwöre, dass ich nie eine andere lieben werde als dich."

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