Mein irischer Held - 2. Kapitel

2. KAPITEL

Hugh hatte Genevieve in ihre Kemenate geschickt, und sie hatte gehorcht. Aber der Gedanke, dass sie nicht tatenlos zuschauen durfte, wie MacEgan und seine Leute ermordet wurden, hatte sie nicht losgelassen. Der irische Krieger war der Erste gewesen, der bereit gewesen war, ihr zu helfen. Nun war es ihre Pflicht, für ihn und seine Leute alles zu tun, was in ihrer Macht stand.

     Leise verließ sie ihr Gemach und schlich zu der Kammer, in der Vorräte, darunter auch verschiedene Kräuter, aufbewahrt wurden. Nach kurzer Suche fand sie die bittere Wurzel, die sie brauchte, um ihren Plan auszuführen. Sie würde die Wurzel zerstoßen und mit Ale vermischen, das sie dann den Wachen anbieten wollte. Diese würden nur das Bier schmecken – und bald darauf in einen tiefen Schlaf sinken.

     Nachdem sie ihre Vorbereitungen abgeschlossen hatte, begab Genevieve sich in das Verließ im Keller, in dem MacEgan festgehalten wurde. Den schweren Krug in einer Hand haltend, stieg sie die Leiter hinab. Die Iren wurden von vielen schwer bewaffneten Männern beaufsichtigt, und sobald die Wachleute Genevieve bemerkten, rief einer von ihnen, erstaunt über ihr Auftauchen, aus: "Mylady, Ihr solltet nicht hier sein."

     "Ich dachte", begann sie freundlich und hielt ihnen den großen Krug mit Ale hin, "dass Ihr eine Belohnung für Euer beherztes Verhalten heute Abend verdient habt."

     Der Hauptmann der Wachen lächelte ihr zu. "Danke!" Er holte einen Becher aus einer Ecke und hielt ihn Genevieve hin, damit sie ihn füllen konnte. Durstig trank er ihn aus.

     Sie goss auch den anderen Soldaten großzügig Ale ein. Da sie nicht genau wusste, wie lange das Gift brauchen würde, um seine Wirkung zu entfalten, beobachtete sie die Männer nervös. Zum Glück brachte man ihr keinerlei Misstrauen entgegen. Die meisten der Wachleute wandten sich wieder dem Würfelspiel zu, mit dem sie sich zuvor im Schein der Fackeln die Zeit vertrieben hatten.

     Noch schien niemand müde zu werden. Ob sie eine zu geringe Dosis gewählt hatte? Sie war vorsichtig gewesen, weil sie den Leuten keinen ernsthaften Schaden zufügen wollte. Aber wenn es ihr nicht in dieser Nacht gelang, MacEgan und seine Krieger zu befreien, dann würde sie nie mehr Gelegenheit dazu haben. Hugh war fest entschlossen, die Gefangenen am Morgen hinzurichten. Im Moment allerdings war er damit beschäftigt, die Angreifer an der äußeren Palisade zurückzuschlagen. Es hatte fast den Anschein, dass er die Kraft und Geschicklichkeit der Iren unterschätzt hatte.

     MacEgan hatte sich, seit Genevieve das Gefängnis betreten hatte, nicht gerührt. Aber sie spürte, dass er sie aufmerksam und misstrauisch beobachtete. Er hockte auf dem Boden, die Hände mit Ketten gefesselt. Trotz seiner hilflosen Lage ging von ihm eine Aura der Stärke aus. Er wirkte wie ein Raubtier, das nur darauf wartete, zuzuschlagen.

     Sie wusste so wenig über ihn, dass Genevieve einen Moment lang an der Klugheit ihrer Unternehmung zweifelte. Woher nahm sie die Gewissheit, dass er ein Ehrenmann war? Vielleicht würde er sie im Stich lassen, wenn sie ihm zur Freiheit verhalf. Und dann würde Hughs Rache an ihr fürchterlich sein.

     Gänsehaut breitete sich aus Furcht auf ihren Armen aus, aber dann straffte sie die Schultern. Mit einem letzten Blick auf MacEgan zog sie sich langsam in Richtung der Leiter zurück, so als wolle sie wieder nach oben steigen. Schließlich wollte sie durch ihr Verhalten nicht das Misstrauen der Wachen wecken. Zum Glück war deren Aufmerksamkeit auf anderes gerichtet, unbemerkt konnte Genevieve in den Schatten hinter der Leiter treten. Nun galt es, geduldig zu warten.

     Das war aus mehreren Gründen nicht leicht: Die Wachen schienen überhaupt nicht schläfrig zu werden, und vor MacEgan hatte Genevieve ihr Versteck nicht geheim halten können. Ab und zu fühlte sie, wie er seinen Blick zu ihr lenkte. Der Junge, den er Ewan genannt hatte und der auch in Ketten gelegt worden war, suchte immer wieder vergeblich nach einer einigermaßen erträglichen Stellung, was lautes Klirren der eisernen Fessel zur Folge hatte. Außerdem fror Genevieve erbärmlich.

     Dann hörte sie von oben Schritte, und gleich darauf stieg Hugh die Leiter hinunter. "Ich will allein mit den Gefangenen sprechen", sagte er zu den Wachen.

     Genevieve presste sich noch fester an die kalte Wand.

     Gehorsam zogen Marstowes Männer sich zurück, und Hugh trat, mit einem Messer spielend, vor MacEgan. "Ihr hättet sie nicht berühren sollen. Sie gehört mir, und wer sie bedroht, muss sterben."

     Ewan wurde blass, doch Bevan erklärte ruhig: "So ist Euch als Erstem der Tod gewiss, denn Ihr wart es, die der Dame alle möglichen Verletzungen zugefügt habt."

     Die Hand des Normannen schnellte vor, und die Spitze seines Messers ritzte MacEgans Wange.

     Dieser rührte sich nicht.

     Hugh, der vor Wut keuchte, stach nun in die verletzte Schulter des Iren.

     Genevieve war sicher, dass niemand das ertragen konnte, ohne einen Schmerzenslaut von sich zu geben. Aber MacEgan presste nur die Lippen fest aufeinander und starrte dem Angreifer ins Gesicht.

     In diesem Moment wurde Genevieve klar, dass sie handeln musste. Wenn sie nichts unternahm, würde ihr Verlobter dem irischen Krieger gleich die Kehle durchschneiden. Sie umklammerte den großen Krug fest mit beiden Händen, trat lautlos aus ihrem Versteck und schlug Hugh das Tongefäß mit aller Kraft auf den Kopf. Der Krug zersprang in hundert Stücke, Hugh schwankte, hielt sich jedoch aufrecht. Und ehe Genevieve zurücktreten konnte, hatte er ihren Arm gepackt. Mit der anderen Hand holte er aus und gab ihr eine so heftige Ohrfeige, dass sie meinte, ihr Kopf würde explodieren. Ein spitzer Schrei löste sich von ihren Lippen.

     Hugh hatte erneut ausgeholt. Diesmal traf seine Faust ihre verletzten Rippen. Sie schnappte nach Luft. Einen Moment lang empfand sie Todesangst, dann sank sie zu Boden.

     Bevan erkannte seine Chance. Als Hugh sich über Genevieve beugte, hob der Ire beide Arme. Die Kette, mit der er gefesselt war, spannte sich, und mit einem leisen Klirren legte sie sich um Marstowes Hals.

     Ein paar Sekunden lang war Hugh zu überrascht, um zu reagieren.

     MacEgan taumelte. Die Schmerzen in seiner Schulter waren beinahe unerträglich. Doch er konzentrierte sich ganz auf sein Ziel, blendete die Qualen aus, zog die Kette so fest wie nur möglich.

     Er wusste, was er zu tun hatte. In dem Augenblick, da Hugh Genevieve geschlagen hatte, war die Erinnerung an seine verstorbene Frau mit aller Macht über Bevan hereingebrochen. Deutlich sah er sie vor sich, wie sie um Hilfe rufend über das Schlachtfeld geflohen war, verfolgt von normannischen Reitern, die sie schließlich erreicht hatten – lange ehe Bevan, der sich mit dem Schwert einen Weg zu ihr erkämpfen musste, bei ihr sein konnte. Damals hatte er versagt. Heute würde er dafür sorgen, dass nicht wieder ein Normanne über eine unschuldige Frau herfiel.

     Hugh schlug um sich, zerrte an der Kette, stieß unartikulierte Laute aus. Doch nach und nach wurden seine Bewegungen schwächer. Er verlor das Bewusstsein.

     Aus den Augenwinkeln sah MacEgan, das jemand die Leiter hinunterstieg. Vermutlich hatten die Wachen etwas gehört, was ihr Misstrauen geweckt hatte. Nun kehrten sie zurück. Schwer atmend ließ Bevan von Marstowe ab. Der Mann hatte den Tod verdient. Jeder, der sich nicht schämte, Unschuldigen Gewalt anzutun, hatte ihn verdient. Doch im Moment gab es Wichtigeres, als diesen Feigling zu töten. Bevan musste sein eigenes Leben ebenso wie das seines Bruders Ewan und das der Normannin schützen.

     Metall blitzte auf. Einer der Wachen versuchte, den Iren mit dem Messer zu treffen. Dieser sprang zur Seite. Er war ein geübter Kämpfer, schnell, geschickt, ausdauernd. Aber er war verwundet, und er stand vier oder fünf Feinden gegenüber. Wie lange würde er sich erfolgreich gegen diese Übermacht wehren können?

     Dann bemerkte er, dass die Männer unsicher auf den Füßen wurden. Sie bewegten sich wie Betrunkene. Zwei von ihnen taumelten auf Ewan zu. Bevan kam dem Jungen zu Hilfe. Der hatte sich mit dem Rücken gegen die Mauer gelehnt und trat einen der Angreifer mit aller Kraft in den Magen, während sein Bruder dem anderen die mit Ketten gefesselten Fäuste ins Gesicht schlug.

     Wenig später war es MacEgan gelungen, das Schwert eines gestürzten Normannen an sich zu bringen. Ohne zu zögern, tötete er den Mann. In der Nähe der Leiter sank ein anderer zu Boden. Genevieve stand hinter ihm, ein Messer in der Hand haltend. Sie war weiß wie ein Leichentuch.

     Bevan warf ihr einen kurzen Blick zu. Zweifellos war es das erste Mal, dass sie einen Menschen getötet hatte. Sie sah so verängstigt aus, als rechnete sie damit, dass Gott sie als Strafe für ihre Sünde mit einem Blitz niederstrecken würde. Der Ire hingegen fürchtete die himmlische Gerechtigkeit seit Langem nicht mehr. Während der letzten zwei Jahre war sein Leben schrecklicher gewesen, als er sich die ewige Verdammnis je vorgestellt hatte. Ohne die geringsten Gewissensbisse erschlug er einen weiteren Wachmann. Jetzt hielt sich nur noch einer der Normannen aufrecht. Panik flammte in dessen Augen auf, und er wandte sich der Leiter zu.

     Bevan schlang die Ketten um den Hals des Flüchtenden. "Den Schlüssel!", befahl er.

     Der Soldat stand wie erstarrt.

     "Wenn dir dein Leben lieb ist, tu, was ich dir sage."

     Mit zitternden Fingern zeigte der Normanne auf einen der gefallenen Wachmänner. Jetzt bemerkte auch Bevan, dass am Gürtel des Toten ein metallener Ring befestigt war. Daran hingen mehrere Schlüssel.

     "Rasch!"

     Der Wachmann bückte sich, ohne dass Bevan ihn freigegeben hätte, löste den Ring und begann mit einem der Schlüssel am Schloss der Fesseln herumzuhantieren. Mit lautem Rasseln fielen die Ketten zu Boden, im nächsten Augenblick hielt MacEgan ein Schwert in der Hand. Die Spitze dieser Waffe auf das Herz des Normannen gerichtet, sagte er: "Jetzt befreie meinen Bruder."

     Er gehorchte. Doch dann, kaum dass Ewan frei war, machte der Wachmann einen gewaltigen Satz in Richtung Leiter. Bevan schlug ihm die flache Seite des Schwertes auf den Kopf. Mit einem Stöhnen sank der Normanne zu Boden.

     "Ihr habt ihn nicht getötet", murmelte Genevieve, die noch immer sehr blass war.

     "Ich habe ihm das Leben versprochen." MacEgan wandte sich seinem Bruder zu. "Hol unsere Waffen und befreie unsere Leute. Sie sollen den anderen Bescheid geben und so schnell wie möglich nach Laochre zurückkehren."

     Ewan verschwand, und Bevan fand endlich Zeit, sich um Genevieve zu kümmern. Sie stand gegen die Wand gelehnt und hatte eine Hand schützend auf die Rippen gelegt.

     "Ihr seid verletzt?"

     "Es ist nichts. Erlaubt mir, mich um Eure Wunde zu kümmern. Eure Schulter blutet heftig."

     "Dafür ist jetzt keine Zeit." Obwohl der Blutverlust und die Schmerzen ihm zu schaffen machten, wusste er, dass er sich keine tödliche Verletzung zugezogen hatte. "Ich muss fort. Begleitet Ihr mich?"

     Tränen standen in ihren Augen, als sie jetzt zu Hugh hinsah. "Lebt er noch?"

     "Ja."

     "Dann kann ich nicht mehr hier sein."

     Ewan kam zurück, beladen mit zwei Bogen, Pfeilen und zwei Schwertern, die für seine schmächtige Gestalt viel zu groß und zu schwer wirkten. "Die Männer sind im Begriff, die Burg durch den Gang zu verlassen."

     "Gut." Bevan nahm ein Schwert, ehe er sich erneut an Genevieve wandte. "Es steht Euch frei, mit uns zu kommen."

     Sie warf einen letzten furchtsamen Blick auf den am Boden ausgestreckt liegenden Hugh. "Ich gehe mit Euch. Auf Rionallís kann ich nicht bleiben."

     MacEgan führte sie zu der Vorratskammer, von der aus der unterirdische Gang begann. Die schlechte Luft machte ihr, der nach wie vor jeder Atemzug Schmerzen bereitete, zu schaffen. Auch das rasche Gehen in gebückter Haltung fiel ihr schwer. Doch sie beklagte sich nicht. Endlich traten sie in die frische Nachtluft hinaus, Kälte schlug ihnen ins Gesicht. Obwohl Genevieve daran gedacht hatte, einen Umhang mitzunehmen, begann sie zu zittern.

     Bevan reichte ihr die Hand, und sogleich wurde sie ruhiger. Sie ahnte nicht, was in ihm vorging. Genau wie sein Bruder hatte er während ihrer gemeinsamen Flucht kein Wort gesprochen. Doch in Gedanken plante er jeden weiteren Schritt. Er wusste, dass es ein Fehler gewesen war, der jungen Lady seine Hilfe anzubieten. Er setzte damit das Leben seiner Leute ebenso wie seine eigene Zukunft aufs Spiel. Aber er konnte es nicht ertragen, dass schutzlose Frauen geschlagen wurden. Er hasste und verachtete Hugh für seine Brutalität.

     Glücklicherweise war es nicht allzu weit bis zu einem Ort, an dem sie Unterschlupf finden würden, ehe sie ihre Flucht fortsetzen mussten. Ihr endgültiges Ziel war die Burg seines älteren Bruders, doch die lag mehr als eine Tagesreise entfernt. Er war zu Pferd nach Rionallís gekommen, doch nach den Ereignissen der letzten Stunden konnte er unmöglich das Risiko eingehen, sein Reittier zu holen. Er musste Ewan und die Normannin so schnell und unauffällig wie nur möglich zum Turm bringen.

     Von seinen Männern gab es nirgends eine Spur. Das erfüllte ihn mit Besorgnis. Diejenigen, die sich im Inneren der Burg aufgehalten hatten und gefangen genommen worden waren, waren von Ewan befreit worden. Aber war ihnen die Flucht tatsächlich gelungen? Und wie stand es um jene, die an der äußeren Palisade gekämpft hatten?

     Er blieb stehen und schaute sich um. Überall waren im Umkreis der Burg brennende Fackeln zu sehen. Hatte Marstowe seine Leute bereits ausgeschickt, um die Verfolgung der Iren aufzunehmen? Himmel, sie mussten sich beeilen.

     Er umfasste Genevieves Hand fester und zog die junge Frau mit sich fort. Ewan schien es leichtzufallen, mit ihm Schritt zu halten. Das mochte daran liegen, dass Bevan durch die Schulterverletzung geschwächt war. Er litt große Schmerzen und spürte, dass die Wunde noch immer blutete. Aber er musste durchhalten.

     Tatsächlich war es Genevieve, die als Erste nicht mehr weiter konnte. Sie ließ sich gegen den rauen Stamm eines Baumes sinken und keuchte: "Bitte, lasst uns einen Moment lang ausruhen."

     Ewan warf ihr einen mitleidigen Blick zu. Er selbst war erschöpft, verfügte jedoch noch über ausreichende Kraftreserven. Eine Frau hingegen – zumindest eine vornehme normannische Frau – war an solche Anstrengungen nicht gewöhnt. Zudem schien sie verletzt zu sein, denn immer wieder legte sie die Hand schützend auf die Rippen, auch atmete sie auffallend flach. Ewan hatte gesehen, wie Hugh sie niedergeschlagen hatte. Er bedauerte sie.

     Bevan hingegen wusste, dass jetzt keine Zeit für solche Gefühle war. Er musterte Genevieve prüfend, wobei er sagte: "Wir werden verfolgt. Wenn wir nicht riskieren wollen, dass man uns einholt, müssen wir weiter. Oder wollt Ihr lieber nach Rionallís zurückkehren?"

     "Nein!" Ihre Augen blitzten auf, sie versuchte die Schultern zu straffen. "Niemals werde ich zu ihm zurückkehren." Mit schleppenden Schritten ging sie weiter.

     "Ist er Euer Gemahl?"

     "Mein Verlobter." Sie schaffte es tatsächlich, das Tempo zu steigern. "Aber ich werde die Verlobung lösen, sobald ich in Sicherheit vor ihm bin."

     Sie durchquerten ein Wäldchen, was im Dunkeln ausgesprochen mühsam war. Glücklicherweise erreichten sie bald wieder offenes Land. Suchend schaute Bevan sich um. Wenn er jetzt den falschen Weg wählte, konnte ihn das sein Leben kosten. Zudem war er für Ewan und die Frau verantwortlich. Er musste sie retten.

     Endlich entdeckte er, wonach er so verzweifelt Ausschau gehalten hatte: einen schwachen Lichtschein. Dort musste sich die Kirche befinden. "Weiter", rief er aus, obwohl er spürte, dass auch seine Kräfte zu Ende gingen.

     Genevieve legte ihm vorsichtig die Hand auf den Arm. "Gestattet mir, Eure Wunde zu verbinden."

     Er schüttelte den Kopf. "Wir können es uns nicht erlauben, eine Pause zu machen."

     "Bruder", Ewan stellte sich ihm in den Weg, "sie hat recht. Du wirst nicht durchhalten, wenn deine Wunde nicht versorgt wird."

     Es widerstrebte ihm zutiefst, zuzugeben, wie geschwächt er war. Diese beiden Menschen waren abhängig von ihm, er war für sie verantwortlich. Aus diesem Grund musste er stark sein. Aber er wusste auch, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis er das erste Mal stolpern und vielleicht sogar stürzen würde. Er richtete den Blick fest auf das schwache Licht. "Ich kenne einen Ort, an dem wir uns verstecken können", erklärte er. "Es ist nicht mehr weit."

     "Gut." Ewan nickte, und sie setzten ihren Weg unter größten Anstrengungen fort.

     Nach einer Weile – sie mussten die Grenze des zu Rionallís gehörenden Landes fast erreicht haben – tauchte rechts von ihnen ein Cottage auf. Genevieve zeigte darauf. "Bitte!"

     "Nein." Bevan war unerbittlich. "Ich bringe nicht wissentlich das Leben meiner unschuldigen Pächter in Gefahr."

     Er hatte natürlich recht. Wenn Hugh erfuhr, dass jemand ihnen Unterschlupf gewährt hatte, würde seine Rache furchtbar sein.

     "Seht Ihr den Turm?" MacEgan zeigte nach vorn. "Dort werden wir uns ausruhen."

     Der steinerne Rundturm stand in der Nähe der kleinen Kirche, an deren Licht er sich orientiert hatte und die sie nach wenigen Minuten erreichten. Mit Gesten forderte Bevan seinen Bruder auf, das Gebäude zu umrunden, um nach Feinden Ausschau zu halten. Rasch und mit einem Lächeln auf den Lippen kehrte der Junge zurück. Alles schien sicher zu sein. Jetzt erst hob MacEgan die Faust und klopfte an die Tür eines gleich neben der Kirche stehenden Gebäudes.

     Ein großer Mann öffnete, es war Pater Ó Brian, der Priester. Jeder in der Gegend wusste, dass er als junger Mann selbst ein Krieger gewesen war, und man achtete ihn dafür.

     "Wir brauchen eine Unterkunft, Vater", sagte Bevan.

     Der Priester musterte die drei Menschen aufmerksam. Er bemerkte den großen Blutfleck auf MacEgans Umhang, sah, wie erschöpft die Frau war und wie erleichtert der Junge, dass sie ihr vorläufiges Ziel erreicht hatten.

     "Ihr wart lange fort, MacEgan", meinte er. "Es muss beinahe zwei Jahre her sein, dass Ihr Rionallís verlassen habt. Kommt herein." Er machte einen Schritt zur Seite, damit sie eintreten konnten. "Es ist gut, Euch zu sehen. Viele haben gebetet, damit Ihr den Weg nach Hause findet."

     Bevan verstand den versteckten Tadel sehr wohl. Er hätte Rionallís und die dort lebenden Menschen nicht allein lassen dürfen, dann wären Burg und Land nie in die Hände der Normannen gefallen. Aber nach Fionas Tod hatte er es in der vertrauten Umgebung, in der ihn alles an sie erinnerte, nicht mehr ausgehalten. Deshalb hatte er sich entschlossen, sich eine Zeit lang als Söldner zu verpflichten.

     "Ich werde zurückkommen und mich meinen Pflichten stellen", versprach Bevan. "Doch jetzt …" Aus den Augenwinkeln sah er, wie Ewan errötete. Vermutlich machte auch der Junge ihm insgeheim Vorwürfe wegen des Schicksals, das Rionallís ereilt hatte. Erschwerend kam hinzu, dass es ihm in dieser Nacht nicht gelungen war, seinen Besitz zurückzuerobern.

     "Gut!" Pater Ó Brian nickte. "Was kann ich tun, um Euch zu helfen?"

     "Wir werden verfolgt und brauchen ein sicheres Versteck, auch etwas zu essen. Und wenn möglich Pferde, um unsere Reise fortsetzen zu können."

     "Ich werde sehen, was ich machen kann." Ó Brian runzelte nachdenklich die Stirn. "Aber zuerst bringe ich Euch in den Turm."

     Der Eingang lag einige Meter über der Erde, eine Treppe gab es nicht. Aus einem Versteck holte der Priester eine Leiter, damit die drei Flüchtlinge hinaufsteigen konnten. Im Inneren des Turms fanden sie eine Fackel vor sowie eine Strickleiter, über die sie die nächste Ebene erreichen konnten.

     "Zu welchem Zweck wurde dieser Turm erbaut?", erkundigte Genevieve sich.

     "Das weiß niemand genau, denn er ist sehr alt. Uns hat er von jeher als Vorratskammer gedient, aber auch als Aussichtsturm, von dem aus wir unsere Feinde schon von Weitem erkennen konnten", antwortete Bevan. "Man sagt, dass die ersten christlichen Priester in Irland solche Türme benutzt haben, um Schätze, die der Kirche gehörten, sicher zu verwahren."

     Mühsam stiegen sie zu dem Raum hinauf, der sich oben im Turm befand. Hier gab es sechs Öffnungen, von denen aus man das Land überblicken konnte. In einer Ecke lag ein Haufen sauberes Stroh, das als Bett dienen konnte. Sehnsüchtig schaute Genevieve dorthin.

     In diesem Moment tauchte Pater Ó Brian mit einem Schlauch voll Wasser und einigen Streifen sauberen Leinens auf. "Ich werde mich um Eure Verletzungen kümmern, MacEgan."

     "Lasst mich das machen", bat Genevieve. "Könnt Ihr mir Nadel und Faden besorgen? Ich fürchte, dass die Wunde an der Schulter genäht werden muss."

     Der Priester sah sie misstrauisch an, doch dann nickte er und verschwand, um das Gewünschte zu holen.

     Es dauerte eine Weile, bis er zurückkehrte. Er hatte nicht nur Nähzeug, sondern auch Brot und Met mitgebracht. Hungrig und durstig machten sie sich darüber her, ehe Genevieve sich schließlich der Behandlung von Bevans Wunden widmete.

     Sie arbeitete rasch und geschickt, doch es entging MacEgan nicht, dass sie unruhig, fast ängstlich war. Selbst nach allem, was geschehen war, fürchtete sie sich offensichtlich vor ihm. Nun, er war ein Mann, und vermutlich konnte sie nicht vergessen, was ein anderer ihr angetan hatte.

     Tatsächlich war ihre Wange inzwischen stark angeschwollen und hatte sich bläulich verfärbt. An ihrer Schläfe klebte geronnenes Blut. Auch atmete sie noch immer so flach, dass kein Zweifel daran bestehen konnte, dass ihre Rippen heftig schmerzten.

     Ich bin froh, dass ich sie von Rionallís fortgeholt habe, dachte Bevan. Ich hätte es mir nicht verziehen, wenn ich sie in der Gewalt dieses brutalen Normannen zurückgelassen hätte. Aber was soll ich nun mit ihr tun?

     "Habt Ihr Verwandte in Irland?", erkundigte er sich.

     Genevieve schüttelte den Kopf. "Mein Vater hätte mich begleiten sollen, aber er wurde krank und musste die Reise unterbrechen. Er hat stattdessen Sir Peter beauftragt, auf mich zu achten. Eigentlich hätte ich Hugh gleich nach unserer Ankunft auf Rionallís heiraten sollen."

     "Aber das habt Ihr nicht getan."

     Sie seufzte. "König Henry wollte – vermutlich auf Drängen meines Verlobten – als Gast an der Hochzeit teilnehmen. Ich glaube, Hugh überschätzt die Bedeutung, die der König ihm beimisst. Aber ich war froh über den Aufschub."

     "Dieser Sir Peter scheint kein besonders zuverlässiger Beschützer zu sein", stellte Bevan fest.

     Sie errötete. "Er findet es richtig, dass eine ungehorsame Frau betraft wird." Für einen Augenblick starrte sie zu Boden. Dann wechselte sie das Thema. "Ich muss mich noch um den Schnitt auf Eurer Wange kümmern." Schweigend säuberte und verband sie die Wunde.

     Endlich war alles zu ihrer Zufriedenheit erledigt. Sie setzte sich auf den Strohhaufen, und Bevan goss sich noch einen Becher Met ein. "Wohin soll ich Euch bringen?"

     "Fort von Hugh, das ist das Wichtigste."

     Das war nicht die Antwort, die er erhofft hatte. Er wollte sich der Verantwortung für diese Frau so rasch wie möglich entledigen. Sie war eine Normannin, eine Feindin. Er stand in ihrer Schuld, weil sie ihm und Ewan geholfen hatte. Aber indem er sie mitgenommen hatte, war diese Schuld beglichen – oder nicht?

     Ohne weiter über seine Beweggründe für sein Handeln Rechenschaft abzulegen, ging er mit dem Wasserbehälter und einem Tuch zu ihr und begann, das Blut von ihrer Schläfe zu waschen. Dabei nahm er den leichten Duft nach Lavendel wahr, der von ihrem Haar aufstieg.

     Fiona hatte sich nie mit Lavendel parfümiert. Trotzdem überfiel ihn in diesem Moment die Erinnerung an sie mit schmerzhafter Heftigkeit. Genevieve hatte das gleiche volle dunkle Haar wie seine verstorbene Gemahlin. Aber gab es eine darüber hinausgehende Ähnlichkeit? Wohl kaum …

     Ein Windstoß fuhr durch die Turmöffnungen ins Innere und brachte ein paar weiße Flocken mit. Genevieve erschauerte vor Kälte. Ewan jedoch stellte zufrieden fest: "Der Schnee wird unsere Spuren überdecken. Nun werden sie uns nicht verfolgen können."

     Lächelnd schaute Genevieve zu ihm hin. Bevan, der die Szene beobachtet hatte, spürte, wie sein Herz schneller zu schlagen begann. Wie lange war es her, dass er ein so sanftes, warmes Lächeln gesehen hatte?

     Dummkopf, rief er sich selbst zur Ordnung, sie ist eine Normannin, und ihre Leute haben deine Pächter angegriffen und dein Land gestohlen. Trotzdem fühlte er sich zu ihr hingezogen. Vielleicht hatte sie ihn verhext …

     "Ihr solltet jetzt schlafen", sagte er. "Ewan und ich werden abwechselnd Wache halten."

     Sie nickte, legte sich ins Stroh und rollte sich zum Schutz gegen die Kälte zusammen. Gleich darauf war sie eingeschlafen.

Bevan betrachtete Genevieve. Sie wirkte jetzt entspannt, und ihr Atem ging gleichmäßig. Das dunkle Haar fiel ihr in weichen Wellen auf die Schulter. Unwillkürlich streckte er die Hand aus und wickelte eine der glänzenden Strähnen um seinen Finger.

     Eine geheimnisvolle Anziehungskraft ging von der Normannin aus. Lag es daran, dass sie so hilflos wirkte? Nun, Bevan wusste, dass sie es keineswegs war. Ihr war es zu verdanken, dass er und Ewan aus Rionallís entkommen waren. Mit überraschendem Mut hatte sie sich gegen ihren Verlobten gestellt und ihn sogar angegriffen. Dass sie unter diesen Umständen nicht in seinem Herrschaftsbereich bleiben konnte, war klar. Aber wohin sollte sie fliehen?

     Ein leiser Laut riss ihn aus seinen Gedanken. Rasch zog er die Hand zurück.

     Genevieve schlug die Augen auf. "Ich habe geträumt …" Sie war blass. Aber ihr Blick war fest, als sie nun zu Bevan aufschaute. "Ich habe Euch noch nicht dafür gedankt, dass Ihr mich mitgenommen habt. Ich weiß, dass ich eine Last für Euch bin."

     "Sobald wir die Burg meines Bruders erreicht haben, sind wir in Sicherheit. Ich werde mich dann darum kümmern, dass man Euch hinbringt, wo immer Ihr auch hingehen möchtet."

     "Ich möchte heim nach England", sagte sie leise. "Aber zunächst müsst Ihr dafür sorgen, dass Euch und Eurem Bruder nichts zustößt. Hugh wird alles in seiner Macht Stehende tun, um sich an Euch zu rächen."

     "Und an Euch."

     Sie senkte den Blick, und ein paar dunkle Haarsträhnen fielen ihr ins Gesicht. "Ja."

     Nur mit Mühe konnte er dem Verlangen widerstehen, sie zu berühren. Zorn auf seine eigene Schwäche breitete sich in ihm aus. Was hatte diese Frau nur an sich, dass ihn so anzog?

     Abrupt stand er auf und trat zu einer der Turmöffnungen, um wortlos in die Nacht hinauszustarren.

"Wir müssen weiter", erklärte Bevan.

     Genevieve öffnete die Augen. Sie war sofort hellwach. Eine seltsame Mischung aus Angst und Hoffnung erfüllte sie. Es war ihr gelungen, Hugh zu entkommen. Nun würde ihr Vater ihr helfen, die Verlobung zu lösen. Sie musste ihn nur finden. Nun, wahrscheinlich war es am einfachsten, zu Hause in England auf ihn zu warten. Ja, sie würde – so wie sie es MacEgan in der Nacht mitgeteilt hatte – nach England zurückkehren.

     "Wohin wollen wir?", erkundigte sie sich, während sie sich die Arme rieb, um das Blut in ihren Adern in Bewegung zu bringen. Trotz des wärmenden Strohs fühlte ihr Körper sich steif vor Kälte an.

     "Ich habe darüber nachgedacht, was das Beste für Euch ist. Vermutlich sollte ich Euch nach Tara bringen, wo es ein normannisches Lager gibt."

     Sie schüttelte den Kopf. Hugh würde es bald erfahren, wenn sie sich dort aufhielt.

     "Unter Euren Leuten wäret Ihr in Sicherheit", beharrte Bevan.

     "Nein. Die Normannen bewundern Hugh." Sie spürte, wie Verwirrung und Zorn in MacEgan aufwallten. Zweifellos war er nicht daran gewöhnt, dass man seine Entscheidungen infrage stellte. Trotzdem fuhr sie unbeirrt fort: "Mein Verlobter ist ein berühmter Ritter. Er hat viele Freunde, selbst der König achtet ihn. Irgendwer wird mich an ihn verraten."

     Der Ire hatte die Stirn gerunzelt, sagte jedoch nichts. Er hielt sich sehr aufrecht, fast ein wenig verkrampft. Und jetzt bemerkte Genevieve, dass die Stichwunde an seiner Schulter aufs Neue rote Flecken auf seinem Umhang verursacht hatte. Offenbar hatte die Blutung nicht vollständig aufgehört, obwohl die Wunde genäht worden war.

     "Wir müssen einen Heiler finden, der sich um Eure Verletzungen kümmert", stellte sie fest.

     "Auf der Burg meines Bruders lebt einer, brechen wir also auf." Er gürtete sein Schwert um, und einen Moment lang spiegelte seine Miene wider, welche Schmerzen er litt. "Was ist mit Euch? Braucht Ihr auch einen kundigen Heiler? Sind Eure Rippen gebrochen?"

     "Das habe ich zuerst angenommen", antwortete sie. "Aber inzwischen glaube ich, dass es nur eine Prellung ist."

     "Gut." Er wandte sich seinem Bruder zu, der noch immer fest schlief. Doch als Bevan den Jungen an der Schulter berührte, gähnte dieser, sprang auf die Füße und streckte sich. Ewans Haar war vom Schlaf zerzaust, er sah noch sehr jung aus. Genevieve fühlte sich an ihre eigenen Brüder erinnert. Sehnsucht nach ihrer Familie überkam sie, aber sie wusste, dass sie jetzt nicht sentimental werden durfte.

     Während Hugh sie auf Rionallís wie eine Gefangene behandelt hatte, war sie oft versucht gewesen, James oder Michael eine Nachricht zu schicken. Aber es gab einiges, das dagegen sprach. Michael war in Schottland, und es hätte lange gedauert, bis er von ihren Problemen erfuhr. James wiederum war seit etwa einem Jahr verheiratet und zweifellos mit anderen Dingen beschäftigt. Beide hätten dennoch einen Hilferuf ihrer Schwester sehr ernst genommen. Und beide hätten nicht gezögert, Hugh umzubringen. Auch das war für Genevieve ein Grund, lieber die Unterstützung ihres Vaters zu suchen.

     "Pater Ó Brian hat uns zwei Pferde besorgt", sagte Bevan, als sie den Turm verließen. "Ihr, Mylady, reitet mit mir."

     Ewan half ihr beim Aufsteigen, ehe er sich auf das andere Pferd schwang.

     Nichts regte sich, als sie aufbrachen, selbst der Priester ließ sich nicht blicken. Es schneite noch immer. Vermutlich würde es nicht lange dauern, bis die stetig fallenden Flocken alle neuen Spuren zugedeckt hatten.

     Genevieve spürte die Wärme, die MacEgans Körper ausstrahlte. Dieser Mann war so stark und selbstbewusst, dass er ihr ein wenig Angst machte. Einen Augenblick lang wünschte sie, ihm nicht so nahe zu sein. Andererseits vermittelte ihr seine Nähe ein Gefühl der Sicherheit, wie sie es seit vielen Wochen nicht mehr erlebt hatte.

     Sie waren noch nicht sehr weit geritten, als Bevan die Richtung änderte.

     "Das ist nicht der kürzeste Weg", protestierte Ewan.

     "Ruhe!", befahl MacEgan und gab seinem Pferd die Sporen.

     Bald darauf tauchte am Horizont das Meer auf. Sie mussten jetzt wieder dichter an Rionallís dran sein als in der Nacht. Das wunderte Genevieve, aber sie kam nicht dazu, irgendwelche Fragen zu stellen, denn nun lenkte Bevan seinen Hengst zu einem kleinen Hafen, in dem ein paar Fischerboote schaukelten. Die Luft roch nach Salz, Möwen kreischten.

     Einige Männer waren damit beschäftigt, Netze zu den Booten zu tragen. Sie mussten die Ankunft der Reiter längst bemerkt haben, gingen aber weiterhin ihrer Arbeit nach, bis MacEgan sein Pferd direkt vor einem der Fischer zum Stehen brachte, sich aus dem Sattel schwang und leise mit dem Mann zu verhandeln begann.

     Nach einer längeren Diskussion auf Gälisch drückte Bevan dem Fischer eine silberne Münze in die Hand, woraufhin dieser auf eines der Boote zeigte und nach dem Zügel des Pferdes griff.

     Genevieve beobachtete die Vorgänge sichtlich verwirrt. Zu Pferd konnte man wesentlich schneller reisen als in einem Fischerboot. Was also hatte der Ire vor?

     "Steigt ab!" MacEgan wollte ihr behilflich sein, doch wegen seiner verletzten Schulter war er nicht schnell genug. Genevieve ließ sich zu Boden gleiten, während Ewan schwungvoll auf den Strand sprang.

     Der Fischer nahm auch das zweite Pferd an sich und entfernte sich mit großen Schritten in Richtung einiger kleiner Katen.

     "Schnell jetzt!"

     Gehorsam kletterten Ewan und Genevieve ins Boot. Bevan folgte ihnen, wobei er zu Genevieve sagte: "Legt Euch flach auf den Boden."

     Ihr gefiel das nicht besonders, aber sie wusste, dass es zwecklos war, sich gegen die Befehle des Iren aufzulehnen. Also fragte sie nur: "Wohin fahren wir?"

     Sie erhielt keine Antwort und konzentrierte sich eine Weile darauf, ihren Magen zu beruhigen, der sich nur schwer an das Auf und Ab der Wellen gewöhnte.

     Bevan und Ewan ruderten. Genevieve sah, wie die Armmuskeln der Männer sich anspannten. Es entging ihr auch nicht, dass MacEgan jede Bewegung große Schmerzen bereitete. Auch wenn sein Gesicht unbeweglich blieb, so zeigten sich in seinen Augen die Qualen, die er litt.

     Sie beobachtete, dass er immer wieder hinüber zum Land blickte. "Was ist?", fragte sie. "Werden wir verfolgt?"

     Er schüttelte den Kopf. "Hier wird uns niemand suchen."

     "Aber?", drängte sie, in dem deutlichen Bewusstsein, das etwas nicht stimmte.

     "Ich mache mir Sorgen um meine Männer. Ich fürchte, die wenigsten von Ihnen konnten entkommen."

     "Vielleicht haben sie sich längst in Sicherheit gebracht."

     MacEgan schüttelte den Kopf. "Dann müsste ich Nachricht von ihnen haben."

     Sie schwiegen, während Ewan mit überraschendem Geschick die kleinen Segel setzte. Das Boot wurde schneller, die Küste war nur noch ein dunkler Streifen am Horizont.

     Nach einer Weile richtete sich Genevieve auf. Die Übelkeit ließ ein wenig nach, aber der Wind war kalt. Frierend verschränkte sie die Arme vor der Brust. "Wohin wollen wir?", fragte sie noch einmal.

     Diesmal antwortete Bevan ihr. "Nach Ennisleigh."

     "Ich habe nie davon gehört."

     "Es ist die Inselfestung meines älteren Bruders Patrick."

     Es dauerte etwa eine Stunde, ehe die kleine Insel in Sicht kam. Ewan machte sich an den Segeln zu schaffen, und kurz darauf hatten sie das felsige Ufer erreicht. Der Junge sprang von Bord. In der Hand hielt er ein Tau, mit dem er das Boot an einem in den Boden gerammten Holzpfahl festband. Bevan stieg aus, ohne darauf zu achten, dass er bis zu den Knien im Wasser stand. "Kommt", forderte er Genevieve auf. Er trug sie an Land.

     "Lebt Ihr hier?", erkundigte sie sich, während sie die ringförmig angelegte Festung musterte.

     "Nein. Aber hier wird man uns freundlich aufnehmen. Ich werde Euch auf der Insel lassen, bis alle Vorbereitungen getroffen sind, um Euch unbeschadet nach England zu bringen."

     Ihr gefiel die Vorstellung überhaupt nicht, dass sie unter Menschen bleiben sollte, denen sie nie zuvor begegnet war. Aber sie meinte nur: "Ihr wollt also nicht hierbleiben?"

     "Ich werde Soldaten anwerben und nach Rionallís zurückkehren, um meine Leute zu retten."

     "Ich frage mich", überlegte Genevieve laut, "warum Ihr von dort fortgegangen seid. Als mein Vater mit seinen Männern vor einiger Zeit nach Irland kam, erhob niemand Anspruch auf die Festung und das dazugehörige Land." Er hatte ihr weiterhin erzählt, dass die Burg unbewohnt und die Räume völlig verwahrlost gewesen seien.

     MacEgans Gesicht blieb unbeweglich. "Ich musste fort. Meinen Pächtern hatte ich befohlen, die Burg nicht zu betreten. Sie haben mir gehorcht, weil sie wussten, dass ich zurückkehren und sie gegen alle Fremden verteidigen würde."

     "Gehöre ich nicht auch zu den Fremden?" Sie betrachtete den Iren nachdenklich. Dann erklärte sie entschlossen: "Rionallís ist ein Teil meiner Aussteuer."

     "So habt Ihr eine, die anderen gestohlen wurde."

     Ihre Augen blitzten bei dieser Anschuldigung zornig auf, aber sie erwiderte nichts. Tatsächlich war sie sich nicht sicher, ob MacEgan nicht im Recht war. Allerdings wusste sie genau, dass sie nicht bereit war, Rionallís einfach aufzugeben. Nach ihrer Ankunft hatte sie dafür gesorgt, dass die Räumlichkeiten der Burg wieder hergerichtet wurden, sie hatte dabei sogar selbst geholfen. Auch hatte sie beobachtet, wie Hughs Soldaten die unterschiedlichsten Reparaturen ausgeführt hatten. Den Pächtern und ihren Familien war kein Leid zugefügt worden.

     "Ich mag Rionallís", sagte sie schließlich. "Und mein Vater hat von König Henry den Auftrag erhalten, sich darum zu kümmern."

     "Euer Vater sollte nach England zurückkehren", erklärte Bevan. Seine Stimme verriet, dass er bereit war, für das, was er für sein Eigentum hielt, zu kämpfen.

     "Vielleicht können wir einen Kompromiss finden."

     "Es kann keinen Kompromiss geben."

     "Aber ich habe Euch und Eurem Bruder zur Freiheit verholfen. Sollte das nicht Grund genug sein, Frieden zwischen unseren Familien zu schließen?"

     "Ich werde dafür sorgen, dass Ihr sicher nach England zurückkehren könnt. Damit, so denke ich, habe ich meine Schuld Euch gegenüber abgetragen."

     Sie wusste, dass es sinnlos war, die Diskussion fortzusetzen.

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