Mein irischer Held - 7. Kapitel

7. KAPITEL

Genevieve war überrascht, wie gut ihr das Alban-Arthuan-Fest gefiel. Die warmen Flammen in den beiden offenen Kaminen des Saals, die unzähligen flackernden Kerzen, die Girlanden aus Immergrün und die fröhlichen Stimmen der feiernden Menschen erinnerten sie an daheim und gaben ihr ein Gefühl der Sicherheit, fast glaubte sie, sie würde dazugehören.

     Connor benahm sich charmant, aber nicht aufdringlich, und die Antipathie, die sie ihm gegenüber anfangs empfunden hatte, ließ nach. Einmal, als er ihr ein paar Köstlichkeiten von dem riesigen mit den unterschiedlichsten Gerichten vollgestellten Tisch brachte, sagte er: "Es ist schön, Euch lächeln zu sehen."

     Und sie antwortete ihm: "In letzter Zeit gab es wenig, über das ich hätte lächeln können. Aber hier, bei Eurer Familie, fühle ich mich wohl."

     "Ja, meine Brüder sind gute Menschen. Sie beschützen jene, die in Not sind."

     Diese Bemerkung rief ihr den kleinen Jungen in Erinnerung, der sich, soweit sie wusste, noch immer in Siorchas Obhut befand. "Hat irgendwer inzwischen etwas über das Schicksal von Declans Eltern in Erfahrung gebracht?", erkundigte sie sich.

     "Gleich morgen früh werde ich mich auf die Suche nach dem Vater machen; auch will ich etwas über den Verbleib der Mutter in Erfahrung bringen", erwiderte Connor. "Jetzt allerdings möchte ich feiern."

     Bevan scheint sich nichts aus Festen zu machen, hätte sie beinahe gesagt. Doch sie biss sich auf die Lippen und schaute sich noch einmal im Saal um. Vielleicht hatte sie ihn ja bloß noch nicht bemerkt? Aber er war nirgends zu sehen. Und wie bereits zuvor kam in Genevieve der Verdacht auf, dass er ihr aus dem Weg ging.

     "Möchtet Ihr, dass ich Euch allein lasse?", fragte Connor sie in diesem Moment. "Es ist offensichtlich, dass Ihr mit Euren Gedanken woanders seid."

     "Verzeiht mir. Ich wollte Euch nicht kränken."

     Er lächelte. "Ihr könnt alles wiedergutmachen, wenn Ihr mit mir tanzt." Damit ergriff er ihre Hände.

     Sie lauschte der fröhlichen Musik, schüttelte dann aber den Kopf. "Ich möchte lieber nur zuhören."

     "Gut." Mit einer beschützenden Geste legte er ihr die Hand um die Schultern.

     Ihr erster Gedanke war, sich loszureißen. Aber tatsächlich hatte Connor nichts getan, was sie ihm hätte zum Vorwurf machen können. Also blieb sie reglos stehen und konzentrierte sich auf die schöne Melodie.

     Nach einer Weile gingen die Musikanten zu einem schnelleren Rhythmus über. Die Menschen auf der Tanzfläche bildeten einen Kreis, fassten sich bei den Händen und begannen, in atemberaubendem Tempo mit den Füßen zu stampfen. Unwillkürlich fing auch Genevieve an, mit den Zehen zu wippen.

     "Ich glaube, nun kann ich Euch doch noch zu einem Tanz überreden", meinte Connor lachend. Und als die Musiker das nächste Stück anstimmten, zog er Genevieve einfach mit sich.

     Diesmal wehrte sie sich nicht. Die Tanzschritte waren ihr fremd. Doch Connor übernahm die Führung mit so viel Geschick, dass sie sich ihm einfach anvertraute.

     Der letzte Ton verklang, und sie blieben stehen. Genevieve fühlte sich etwas schwindelig. Sie machte einen unsicheren Schritt – und spürte, wie Connor stützend nach ihrem Ellbogen fasste. Gleich darauf schloss er sie fest in die Arme. Sein Gesicht war dicht vor ihrem. O Gott, er wollte sie küssen!

     "Bitte nicht", stieß sie hervor.

     Ein beinah wehmütiges Lächeln umspielte seine Lippen. "Ihr mögt ihn sehr, nicht wahr?", murmelte er.

     Ihr Herz klopfte nach der Anstrengung des Tanzens viel zu schnell. Nun kam noch die Aufregung hinzu. Sie durfte nichts Falsches sagen. "Bevan ist ein guter Freund", erklärte sie.

     "Ich glaube, dass Eure Gefühle für ihn viel tiefer gehen", gab Connor zurück. "Ihr hättet mir gewiss einen Kuss gegönnt, wenn Eure Gedanken nicht ständig bei meinem Bruder wären."

     Sein selbstbewusster Ton weckte ihren Zorn. "Denkt Ihr, nur weil Ihr gut ausseht, müsse jede Frau von Euch hingerissen sein? Ich würde unter keinen Umständen den Wunsch haben, mich von Euch küssen zu lassen."

     Statt gekränkt zu reagieren, lachte er. Ihre Worte schienen ihn zu amüsieren. "Ihr findet also, dass ich gut aussehe? Das sollte ich ihm erzählen. Wahrscheinlich würde es ihm nicht schlecht bekommen, etwas Eifersucht zu empfinden."

     "Es wird Euch nicht gelingen, solche Gefühle in ihm zu wecken. Aber vielleicht könnt Ihr mir verraten, wo er sich aufhält? Warum nimmt er nicht an diesem Fest teil?"

     "Ihr glaubt, er sei nicht da? Nun, Ihr täuscht Euch. Er beobachtet Euch schon seit einiger Zeit."

     "Ihr scherzt."

     "Es stimmt, dass er den Beginn der Feierlichkeiten verpasst hat. Er war auf Ennisleigh, um Männer auszusuchen, die ihn nach Tara begleiten sollen. Aber inzwischen ist er zurück. Und ich denke nach wie vor, dass es eine gute Idee wäre, ihn ein bisschen eifersüchtig zu machen. Ein einziger Kuss würde genügen."

     "Ihr scheint ziemlich sicher zu sein, dass keine Frau Euch abweist."

     "Hm …"

     "Nun, ich werde Euch nicht küssen."

     "Wollt Ihr denn gar nicht wissen, wie Bevan darauf reagieren würde?"

     "Erstens weiß ich, dass er nicht hier ist. Und zweitens bin ich sicher, dass es ihm gleichgültig wäre, wer mich küsst."

     Jetzt lachte Connor laut auf. "Ihr habt in beidem Unrecht." Er wies unauffällig nach rechts. "Dort ist er."

     Genevieve wandte den Kopf, gerade als Connor sich zu ihr hinabbeugte. Seine Lippen streiften ihre Wange.

     An die Wand gelehnt stand Bevan. Er hielt einen Becher Met in der Hand und rührte sich nicht.

     "Gleich wird er zu Euch kommen", stellte Connor fest.

     Doch darin hatte er sich geirrt. Wenig später verließ Bevan den Saal.

     Die Enttäuschung, die Genevieve darüber empfand, war groß. Es interessierte ihn also wirklich nicht, was sie tat. Sie bedeutete ihm nichts. Ihr Wohlergehen zu gewährleisten, war nicht mehr als eine lästige Verpflichtung für ihn.

     Er weiß, dass sein Bruder dafür sorgen wird, dass mir nichts zustößt, dachte Genevieve, also kann er mich Connor unbesorgt überlassen, meine Gefühle sind ihm völlig gleichgültig. Sie fühlte, wie sich über ihre freudige Stimmung Melancholie legte.

     "Dieser Dummkopf", sagte Connor in diesem Moment. "Es scheint fast, als sei er zu blind, um Eure Schönheit zu erkennen. Ich verfüge jedoch über sehr gute Augen." Mit diesen Worten presste er seine Lippen auf ihre.

     Genevieve erstarrte, sie begann zu zittern.

     Connor gab ihren Mund sogleich frei und legte ihr beruhigend die Hand auf den Arm. "Es ist doch alles in Ordnung mit Euch?"

     "Nein, nichts ist in Ordnung", stieß sie hervor. Sie bebte noch immer, doch der schlimmste Schrecken war bereits überwunden. Genevieve kam sich sogar ein bisschen albern vor. Schließlich wusste sie, dass Connor ihr kein Leid zufügen würde. Trotzdem verabscheute sie ihn in diesem Augenblick. "Ich möchte allein sein", erklärte sie. Dann wandte sie sich ab und schritt mit stolz erhobenem Kopf zur Treppe.

     Connor folgte ihr nicht.

Er musste all seine Selbstbeherrschung aufbringen, um nicht zu ihr zu eilen. Er hatte genau gesehen, wie sein Bruder Genevieve geküsste hatte und wie sie daraufhin geflohen war. Er war wütend über Connors Verhalten. Aber ihm war bewusst, dass dieser ihn damit auf die Probe stellen wollte.

     Also blieb er in seinem Versteck. Von dort aus konnte er den Saal, aber auch die unteren Stufen der Treppe im Auge behalten, ohne von den Feiernden bemerkt zu werden. Jetzt beobachtete er, wie Genevieve sich auf eine der Stufen sinken ließ und den Kopf gegen die Wand lehnte. Die Arme hatte sie vor der Brust gekreuzt. Sie wirkte unglücklich, weinte aber nicht.

     Bevan machte sich Vorwürfe, weil er Connor keine genaueren Anweisungen gegeben hatte. Nun, er hatte einfach nicht damit gerechnet, dass sein Bruder versuchen würde, Genevieve zu küssen. Natürlich war sie in Panik geraten. Nach allem, was sie mit Marstowe erlebt hatte, musste ihr ein derart typisch männliches Verhalten Angst machen.

     Allerdings hat sie sich nicht gefürchtet, als ich sie geküsst habe, dachte Bevan. Ihm war noch deutlich in Erinnerung, welch wunderbares Gefühl es gewesen war, sie in den Armen zu halten. Ihm war, als könne er noch immer den Duft ihres Haars riechen. Dann wurde ihm deutlich, dass er nicht eine Sekunde lang an Fiona gedacht hatte, während er zärtlich zu der Normannin war. Konnte das nun als ein gutes oder schlechtes Zeichen gelten?

     Genevieve hatte gesagt, dass sie keinerlei Ansprüche an ihn stellen würde, wenn er sie heiratete. Vermutlich betrachtete sie die Ehe als ein Opfer, das es zu bringen galt, wenn weiteres Blutvergießen wegen Rionallís verhindert werden sollte.

     Unwillkürlich seufzte er auf. Er war sich ziemlich sicher, dass sie zu ihrem Wort stehen würde. Wenn sie versprach, sich auch als seine Gemahlin nicht in sein Leben einzumischen, dann konnte er darauf vertrauen, dass sie ihm alle Freiheiten lassen würde. Aber es widersprach seiner Ehre, ein solches Angebot anzunehmen. Genevieve sollte entweder in ein Kloster gehen, um für immer vor den Nachstellungen der Männer in Sicherheit zu sein. Oder sie sollte die Chance bekommen, eine Ehe in gegenseitiger Zuneigung zu führen und Kinder zu gebären. Es war ihm nicht entgangen, wie liebevoll sie den kleinen Declan behandelt hatte. Er hatte die Sehnsucht in ihren Augen bemerkt, wenn sie das Kind anschaute. Ja, zweifellos wünschte sie sich, einmal Mutter zu werden.

     Er trat aus seinem Versteck und machte ein paar Schritte in Richtung Treppe. Dann zögerte er. Ihm war bewusst, dass er im Begriff war, eine weit reichende Entscheidung zu treffen. Eine gefährliche Entscheidung … Warum, um alles in der Welt, war Genevieve ihm in dieser kurzen Zeit so wichtig geworden? Warum berührte es ihn so, sie unglücklich zu sehen? Warum sehnte er sich danach, ihre weiche Haut zu fühlen, ihre Lippen zu schmecken und dieses Leuchten in ihren Augen zu sehen? Und warum war er plötzlich so nervös?

     Er holte ein paarmal tief Luft und machte sich über sich selbst lustig. Er benahm sich wie ein Knabe, dem jegliche Erfahrung im Umgang mit Frauen fehlte. Dabei war er nicht einmal in Genevieve verliebt. Er begehrte sie, ja. Aber jetzt ging es schließlich nur darum, noch einmal mit ihr zu reden. Nur, wie sollte er anfangen?

     Sie hob den Kopf und entdeckte ihn. Doch das erhoffte Leuchten erschien nicht in ihren Augen. Ihr Blick blieb leer.

     Bevan setzte sich neben sie auf die Treppenstufe. "Patrick möchte, dass ich morgen nach Tara aufbreche", sagte er. "Ihr wisst ja, dass unser Hochkönig uns zu sich befohlen hat. Doch mein Bruder meint, er sei hier unabkömmlich. Zweifellos wird es bei den Gesprächen auch um Rionallís gehen."

     Sie schwieg. Und Bevan kam sich plötzlich sehr ungeschickt vor. Er hatte ihr nichts Neues gesagt. Über das geplante Treffen mit dem englischen König Henry und dem irischen Hochkönig Ruaidhrí war sie längst informiert. "Ich werde mehrere Tage lang fort sein", schloss er ohne jegliche Emotionen.

     "Es wäre sicher angebracht, Euch viel Erfolg zu wünschen", stellte Genevieve leise fest, "aber ich fürchte, mir fehlt die Kraft dazu."

     Er hob die Brauen.

     "Während der letzten Tage habe ich viel über Rionallís, aber auch über meine eigene Zukunft nachgedacht." Sie runzelte die Stirn und schien nach den richtigen Worten zu suchen. Schließlich fuhr sie zögernd fort: "Nachdem ich Verschiedenes gegeneinander abgewogen habe, bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass es am besten sein wird, wenn ich Euch begleite. Auf Tara habe ich die Möglichkeit, selbst mit meinem Vater zu sprechen. Und wenn es sich als nötig erweisen sollte, könnten er und ich gemeinsam um ein Gespräch mit König Henry bitten."

     "Ich möchte, dass Ihr hierbleibt, wo Ihr in Sicherheit seid."

     "Ich bin nicht Eure Gefangene."

     Er griff nach ihrer Hand und hielt sie fest. "Genevieve", seine Stimme hatte einen eindringlichen Ton angenommen, "bitte, hört auf mich. Bleibt hier!"

     Hartnäckig schüttelte sie den Kopf. "Ihr könnt mich nicht dazu zwingen."

     "Wollt Ihr wirklich das Risiko eingehen, Hugh und seinen Männern in die Hände zu fallen? Himmel, Ihr wollt Euch doch nicht selbst in Gefahr bringen! Also hört auf meinen Rat und bleibt auf Laochre."

     "Nein. Ich werde tun, was ich für richtig halte." Kampflustig hob sie das Kinn.

     Unwillkürlich verstärkte er den Druck seiner Hand, bis Genevieve vor Schmerz aufstöhnte. Bevan erschrak. Das hatte er nicht gewollt. "Verzeiht. Es war nicht meine Absicht, Euch wehzutun."

     "Ich verstehe nicht, warum Ihr Euren Willen unbedingt durchsetzen wollt. Es ist mein dringender Wunsch, nach Tara zu gehen. Ich muss mit meinem Vater sprechen. Es war ein Fehler, ihn um sein Einverständnis zu meiner Verlobung mit Hugh zu bitten. Er sollte wissen, dass ich mich meiner Dummheit schäme und dass …"

     Bevan unterbrach sie erregt. "Es wäre die Aufgabe Eures Vaters gewesen, Euch vor Hughs Brutalität zu schützen."

     "Mein Vater war krank. Außerdem ist in England manches anders als hier. Dort gilt es als die erste Pflicht jeder Frau, sich ihrem Gemahl unterzuordnen. Nie darf sie sich seinen Forderungen widersetzen."

     "Das ist falsch und sollte geändert werden. Wir Iren glauben, dass ein Mann nicht das Recht hat, rücksichtslos über eine Frau zu herrschen. Ist er etwa mehr wert als sie? Nein! Deshalb finden wir es beschämend, wenn ein Mann seine körperliche Kraft missbraucht, um eine Frau zu quälen. Und Ihr habt nichts getan, um Marstowes Schläge zu verdienen."

     "Das stimmt. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass die Verlobung gelöst werden kann. Doch früher oder später werde ich heiraten müssen. Ich kann nur hoffen, dass mein Vater einen Ehemann für mich wählen wird, der mich besser behandelt, als Hugh es getan hat."

     Die Vorstellung, dass sie heiraten würde – ganz gleich, ob ihr Gemahl nun Marstowe oder ein anderer Normanne sein würde –, beunruhigte Bevan. Er wollte nicht, dass irgendein Mann ihr bei der Ausübung seiner ehelichen Rechte Angst einjagte. "Ihr könntet ein Leben im Kloster wählen", sagte er.

     "Ich wäre dort nicht glücklich."

     Der Grund dafür war ihm sofort klar. Bevan hatte nicht vergessen, mit welcher Sehnsucht sie den kleinen Declan angeschaut hatte. Ja, es stand wohl außer Frage, dass sie sich eigene Kinder mehr als alles andere auf der Welt wünschte. Das allerdings bedeutete gleichzeitig, dass er, Bevan, sie auf gar keinen Fall ehelichen konnte. Er würde es nicht ertragen, wieder Vater zu werden. Einerseits fürchtete er, durch ein neues Baby ständig an den Tod seiner Tochter erinnert zu werden. Andererseits empfand er eine panische Angst davor, noch einmal ein kleines Wesen, das er liebte, zu verlieren.

     Er fühlte eine große Zuneigung zu Genevieve, und das allein wäre vielleicht eine akzeptable Grundlage für eine Vernunftehe gewesen. Doch da war auch noch diese unbegreiflich heftige Leidenschaft, die sie in ihm weckte. Wenn sie erst seine Frau war, würde er der Versuchung, seiner Begierde nachzugeben, kaum widerstehen können. Schon jetzt sehnte er sich danach, sie in die Arme zu schließen und sie zu küssen. Daher war es besser, das Thema zu wechseln. "Wie geht es Declan?"

     "Er ist fast wieder gesund. Siorcha hat ihn heute mit Süßigkeiten verwöhnt. Das hat ihm natürlich gefallen. Trotzdem hat er immer wieder nach seiner Mutter gefragt."

     "Alle kleinen Kinder wollen bei ihrer Mutter sein. Brianna hat sich manchmal sogar dagegen gewehrt, dass ich, ihr Vater, sie auf den Arm nahm. Sie hat dann laut nach ihrer Mama gerufen."

     "Ich fürchte, dass Hugh Declans Mutter längst umgebracht hat."

     "Ja, ich teile Eure Sorge." Bevans Stimme klang bedrückt. "Aber Ihr solltet Euch nicht zu sehr an den Jungen binden. Er gehört zu seiner Familie."

     "Ich weiß. Aber manchmal kämpft man vergeblich gegen die eigenen Gefühle an. Und wenn sein Vater nun wirklich …" Genevieve konnte nicht weitersprechen, Tränen traten ihr in die Augen.

     Mit den Fingern fuhr Bevan ihr sanft über die Wange. "Ihr meint, wenn sein Vater tatsächlich ein Verräter ist? Ich hoffe, wir werden feststellen, dass er nichts getan hat, was uns schaden könnte."

     "Hm …" Sie schluchzte leise auf.

     Er legte ihr tröstend den Arm um die Schultern und wartete ab, ob sie etwas unternehmen würde, sich zu befreien. Doch sie rührte sich nicht. Nach einer Weile hob sie den Kopf, und ihre Blicke trafen sich. Ein heißer Schauer überlief Bevan.

     Als Genevieve sich vertrauensvoll an ihn lehnte, wurde ihm bewusst, dass er sich auf gefährliches Terrain wagte. Sein Verstand sagte ihm, dass er sich zurückziehen musste. Doch seine Sehnsucht nach der Nähe dieser Frau war stärker als alle Vernunft. Er zog Genevieve fester an sich und küsste sanft ihre Stirn.

     Sie seufzte kaum hörbar auf.

     Der kleine Laut ließ sein Herz schneller schlagen. Diese Frau war so verwundbar und dabei so anschmiegsam, ja, hingebungsvoll. Himmel, wie sehr er sie begehrte! Sein Blut schien regelrecht zu kochen. Schließlich gab er dem Verlangen nach und presste seine Lippen auf die ihren.

     Genevieve zitterte leicht, doch statt sich aus seinen Armen zu lösen, öffnete sie die Lippen. Bevans Kuss wurde drängender. Sein Atem beschleunigte sich. Es dauerte lange, bis er ihren Mund freigab.

     "Wir sollten das nicht tun", flüsterte sie.

     "Ich weiß …" Aber noch viel deutlicher wusste er, dass er nicht aufhören konnte, sich nach ihr zu verzehren. Also küsste er sie noch einmal.

     Irgendwann bemerkte er, dass die Musik im Saal aufgehört hatte. Bald würden die Menschen das Fest verlassen, nicht wenige würden die Treppe hinaufsteigen. Es war besser, wenn sie ihn und Genevieve nicht dort überraschten. "Kommt", bat er, ergriff ihre Hand und zog sie mit sich fort. Erst vor der Tür zu seiner Kammer blieb er stehen.

     Es fiel ihm schwer, unsagbar schwer, aber seine Ehre verlangte, dass er Genevieve jetzt die Möglichkeit gab, ihn zu verlassen. "Ihr solltet heute in Eurem eigenen Gemach schlafen", murmelte er.

     Sie begriff sofort – und trat einen Schritt zurück. Einen Moment lang schaute sie ihn an. "Ihr seid ein seltsamer Mensch", murmelte sie. "Wie könnt Ihr so zärtlich sein, wenn ich doch letztlich nur eine Feindin, eine Normannin für Euch bin?" Erneut füllten ihre Augen sich mit Tränen.

     Sanft umfasste er ihr Gesicht mit den Händen und sagte leise: "Ihr seid wunderschön. Ihr seid begehrenswert. Ihr seid eine Frau, von der Männer träumen. Aber Ihr seid nicht die Richtige für mich."

     Sie rührte sich nicht. Ihre blauen Augen schimmerten feucht. Auch ihr Mund glänzte. Ihre Lippen waren leicht geöffnet. Sie sah so verführerisch aus, dass Bevan mehr und mehr seine Selbstbeherrschung verlor. Nur noch einen Kuss, schwor er sich. Dann zog er Genevieve noch einmal an sich.

     Diesmal zitterte sie nicht. Sie erwiderte seine Zärtlichkeiten zurückhaltend, aber ohne Angst. Er wurde mutiger, streichelte ihren Rücken, schob schließlich die Hände in die weiten Ärmel ihres Gewands und ließ sie nach oben wandern. Nach einer Weile berührte er mit den Fingern vorsichtig ihre Brust.

     Genevieve erstarrte, und Bevan begriff, dass er jetzt geduldig sein musste. Er ließ seine Hände auf den Rücken wandern, liebkoste gleichzeitig ihre Wangen, dann ihren Hals. Sie entspannte sich. Er hörte, wie ihr Atem schneller wurde.

     Erneut umfasste Bevan ihre Brüste. Diesmal stöhnte sie leicht auf. Und als er seinen Mund auf ihren presste, erwiderte sie den Kuss mit unerwarteter Leidenschaft.

     Eine Zeit lang standen sie eng umschlungen auf dem Flur. Sie hatten alles um sich herum vergessen. Erst als von der Treppe her laute Stimmen an ihr Ohr drangen, fuhren sie auseinander.

     "Bitte, geht", stammelte Bevan. Selten hatte er solche Scham verspürt. Immer hatte er sich für einen vernünftigen Menschen mit großer Selbstbeherrschung gehalten. Und nun war er nicht einmal in der Lage, sich gegenüber einer Frau zurückhaltend zu benehmen. Er riss die Tür zu seiner Kammer auf, schlug sie von innen zu und lehnte sich mit seinem ganzen Gewicht dagegen.

     Draußen auf dem Gang stand Genevieve und fühlte sich seltsam zerrissen. Sie empfand Bevans Verhalten als schmerzhafte Zurückweisung. Doch zugleich war sie froh, dass nichts weiter geschehen war. Sie staunte darüber, welch wunderbare Empfindungen seine Zärtlichkeiten in ihr geweckt hatten. Er hatte einen wahren Sturm unterschiedlichster Gefühle in ihr entfacht. Nun war sie zutiefst verwirrt.

     Schließlich – zum Glück war niemand in den Flur eingebogen, in dem sie, unfähig sich zu rühren, gestanden hatte – straffte sie die Schultern und begab sich in ihr Schlafgemach.

Declans Vater hatte Laochre noch vor Morgengrauen verlassen. Er wollte von möglichst wenigen Menschen dort gesehen werden, und zum Alban-Arthuan-Fest würden immer viele Gäste auf der Burg weilen. Zudem hatte Hugh ihm eingeschärft, dass er seinen Bericht innerhalb kürzester Zeit abliefern müsse, wenn er Kiaras Leben nicht in Gefahr bringen wollte. Also eilte der Ire jetzt zu dem Lager, das Marstowes Soldaten ein paar Meilen von Patricks Festung entfernt aufgeschlagen hatten.

     Mit jedem Schritt wurde ihm das Herz schwerer. Als er seinen Sohn so unerwartet in den Armen der Normannin gesehen hatte, wäre er am liebsten zu ihm gestürzt und hätte ihn an sich gerissen. Aber er hatte genau gewusst, dass das ganz unmöglich war. Also hatte er nur eine Nachricht an seine Schwägerin geschickt und diese gebeten, sich um den Jungen zu kümmern.

     Würde er Declan je wiedersehen? Seine Mission war anders verlaufen, als er gehofft hatte. Es war einfach Pech gewesen, dass ausgerechnet einer seiner Freunde in der vorhergehenden Nacht zu den Wachposten gehört und ihn sogleich in ein Gespräch verwickelt hatte. War dieser Freund misstrauisch geworden? Die Wahrscheinlichkeit war groß …

     Aber ihm blieb keine Wahl. Er musste zu den Normannen zurückkehren.

     Als er ihr Lager erreichte, brachte man ihn sofort zu Robert Staunton, dem Befehlshaber der Soldaten.

     "Welche Nachrichten bringt Ihr?", fragte dieser.

     "Patrick und Bevan MacEgan werden nach Tara reisen. Ein Trupp von Kriegern wird sie begleiten. Deshalb werden sich in der Festung weniger Soldaten aufhalten als gewöhnlich. Die äußere Mauer wird sowieso kaum bewacht. Es gibt dort eine Stelle, die dringend repariert werden müsste. Ich könnte sie Euch zeigen." Er war erstaunt darüber, wie leicht es ihm fiel, zu lügen.

     "Was wisst Ihr von Lady Genevieve?"

     "Sie kann sich auf Laochre frei bewegen. Offenbar wird sie behandelt wie ein Gast. Für jemanden, der kein Misstrauen unter den Soldaten erregt, dürfte es leicht sein, sie zu entführen. Ich selbst werde sie nach Rionallís bringen, und sie im Tausch gegen meine Frau dortlassen."

     "Gut. Vergesst nicht, dass es Eurer Frau zum sicheren Verhängnis wird, wenn Ihr versucht, uns zu hintergehen." Staunton gestattete sich ein kleines Lächeln. "Hier habt Ihr den Lohn für Eure Bemühungen." Er warf dem Iren einen Lederbeutel zu.

     Der Beutel war so leicht, dass er keinesfalls Münzen enthalten konnte. Der Mann öffnete ihn mit vor Nervosität zitternden Fingern. Drinnen fand er eine lange Haarsträhne. Kiaras Haar! Anscheinend hatte man ihr auf Rionallís den Kopf geschoren.

     Jetzt zitterte er vor Wut.

Genevieve kitzelte Declan, der in lautes Lachen ausbrach.

     Der Junge schien wieder gesund zu sein. Manchmal hustete er noch ein wenig. Aber es hörte sich nicht mehr erschreckend an, und das Fieber war verschwunden.

     Genevieve fiel in das unbeschwerte Kinderlachen ein, obwohl sie in ihren Gedanken gerade mit ernsteren Dingen beschäftigt war. In der Nacht, noch ehe sie zu Bett gegangen war, hatte sie ihre wenigen Besitztümer zusammengepackt, damit sie bereit war, um mit den Männern nach Tara zu reisen. Am Morgen hatte sie Bevan noch einmal daran erinnert, dass sie zu ihrem Vater wollte. Doch der Ire hatte sich standhaft geweigert, sie mitzunehmen. Auch Patrick schien davon überzeugt zu sein, dass es besser war, wenn sie auf Laochre blieb. Widerstrebend hatte sie sich fügen müssen. Allein konnte sie den Weg nach Tara nicht zurücklegen, da sie damit rechnen musste, dass Hughs Männer ihr irgendwo auflauerten.

     Ein Klopfen riss sie aus ihren Grübeleien. "Herein!"

     Eine junge Frau öffnete die Tür. Beim Anblick des Jungen begann ihr Gesicht zu strahlen. "Declan, mein Schatz", rief sie auf Gälisch.

     "Tante Síle!" Er rannte zu ihr und warf sich in ihre Arme.

     Genevieves Magen zog sich schmerzhaft zusammen. "Ihr seid nicht seine Mutter?", fragte sie leise.

     Die junge Frau trat zu ihr, ergriff ihre Hände und drückte sie voller Herzlichkeit. Ich bin die Schwester seiner Mutter. Und Ihr seid Lady Genevieve? Ich bin Euch so dankbar für alles, was Ihr getan habt."

     Genevieve lächelte, wurde aber gleich wieder ernst. "Wisst Ihr, wie es seiner Mutter geht?"

     Síle schüttelte den Kopf. "Vor ein paar Tagen soll sie sich auf die Suche nach ihrem Mann gemacht haben. Declan hatte sie einer Nachbarin anvertraut. Aber irgendwie ist es ihm gelungen, von ihr fortzulaufen. Ich selbst habe erst vor Kurzem erfahren, dass er hier ist. Ich bin dann sofort gekommen."

     "Natürlich …"

     "Der arme Kleine. Er hätte sterben können, als er ins Eis einbrach. Ihr habt ihm das Leben gerettet."

     "Ich bin froh, dass ich zur rechten Zeit zur Stelle war." Sie warf einen Blick auf den Jungen, der sich ein hölzernes Spielzeugschwert geholt hatte, um es seiner Tante zu zeigen. Er schien so glücklich zu sein. Genevieve jedoch dachte wehmütig daran, dass er sie nun verlassen würde. Der Abschied würde ihr schwerfallen. Sie hatte das Kind, um das sie sich so hingebungsvoll gekümmert hatte, fest ins Herz geschlossen.

     "Ihr ähnelt Fiona MacEgan", sagte Síle in diesem Moment. "Ich habe sie im letzten Sommer in Leinster gesehen, als ich dort zu Besuch bei Verwandten war."

     Genevieve versuchte ihre Neugier zu verbergen. "Ich danke Euch für das Kompliment, denn wie ich gehört habe, soll Fiona sehr schön gewesen sein. Ich habe allerdings auch gehört, dass sie vor zwei Jahren gestorben ist."

     Síle runzelte die Stirn. "Wie merkwürdig … Ich hätte schwören können, dass sie in Leinster war. Allerdings habe ich sie nur aus einiger Entfernung gesehen."

     Damit schien das Thema beendet. Und Genevieve sagte: "Ihr wollt Euren Neffen sicher mitnehmen. Er ist ein so lieber kleiner Kerl." Sie wandte sich dem Jungen zu. "Gibst du mir einen Abschiedskuss, Declan?"

     Er drückte ihr einen lauten, feuchten Schmatz auf die Wange.

     In diesem Moment schwor sie sich, dass sie – ganz gleich, was sie dafür würde tun müssen – eines Tages eigene Kinder haben würde.

"Ihr glaubt also, dass er lügt?", fragte Hugh Marstowe.

     Robert Staunton nickte. "Ja. Seine Loyalität gegenüber den MacEgans ist offenbar stärker, als wir angenommen haben."

     "Dann sollten wir die Frau jetzt umbringen und ihre Leiche diesem Kerl schicken. Außerdem ist es an der Zeit, einen Angriff auf Laochre vorzubereiten."

     "Es wäre klüger, auf die Ankunft des Earl of Longford zu warten und den Angriff gegen die Iren gemeinsam mit seinen Männern zu führen."

     "Nein." Hughs Stimme klang kalt. "Soll ich mir etwa vorwerfen lassen, ich wäre nicht in der Lage, meine Verlobte zu schützen?"

     Staunton, der seinen Herrn nur zu gut kannte, wusste, dass es sinnlos war, eine Diskussion zu beginnen. Andererseits wusste er auch, dass es ein selbstmörderisches Unternehmen war, Laochre mit so wenigen Soldaten anzugreifen. Angestrengt suchte er nach Argumenten, mit deren Hilfe er Marstowe vielleicht doch noch umstimmen konnte. "Sir Hugh", begann er, "niemand würde es wagen, Eure Tapferkeit und Euer kämpferisches Können anzuzweifeln. Es besteht also kein Grund zur Eile. Wie ich erfahren habe, beabsichtigen die MacEgans, nach Tara zu reisen. Ein Trupp ihrer Krieger wird sie begleiten. Das bedeutet, dass die Festung ein paar Tage lang schlecht bewacht wird. Ein eindeutiger Vorteil für uns …"

     "Eben habt Ihr noch gesagt, dieser Ire hätte gelogen."

     "Ja, aber ich denke, in diesem Punkt hat er die Wahrheit gesagt. Es ist allgemein bekannt, dass König Henry sich auf Tara aufhält, um Gespräche mit dem irischen Hochkönig zu führen. König Henry sollte wissen, was Lady Genevieve zugestoßen ist. Es wird ihm nicht gefallen, was die Iren getan haben. Vielleicht wird er sich gleich der MacEgans bemächtigen. Und deren Leute könnten einem Angriff der königlichen Truppen gewiss nicht widerstehen."

     Marstowe runzelte die Stirn. Dann nickte er. "Ihr habt recht. Der König wird nicht zulassen, dass diese Barbaren die Tochter eines seiner geschätzten Untertanen bedrohen. Ja, Henry wird etwas unternehmen. Und das wird ganz im Sinne des Earls sein." Nachdenklich starrte er vor sich hin. "Allerdings war es eigentlich meine Absicht, mit Genevieve gemeinsam nach Tara zu reisen. Der König sollte Zeuge unserer Eheschließung sein."

     Staunton senkte den Kopf, damit Hugh nicht an seiner Miene ablesen konnte, wie erleichtert er war. Marstowe jedoch war viel zu zufrieden mit sich selbst, um auf seinen Untergebenen zu achten.

     Ein Lächeln umspielte seine Lippen. "Ja", stellte er fest, "diese unerfreuliche Angelegenheit wird sich noch sehr vorteilhaft für mich entwickeln. Ich werde dafür Sorge tragen, dass König Henry genauestens erfährt, wie die Iren mit seinen Untertanen umspringen." Er erhob sich. "Staunton, Ihr solltet mit einigen Eurer Männer bald zum Aufbruch bereit sein."

     "Jawohl, Sir."

     Noch immer lächelnd verließ Hugh den Raum. Er war vollkommen davon überzeugt, dass der König seine Partei ergreifen würde. Und er zweifelte auch nicht daran, dass er Genevieve, wenn sie erst wieder bei ihm war, dazu bringen konnte, ihn als ihren Herrn und Gebieter anzuerkennen. Bald schon würde sie diesen unzivilisierten Iren völlig vergessen haben. Sie würde nur ihn, Hugh, lieben.

Aus einer der Kammern drang leise Harfenmusik. Fasziniert von der unbekannten Melodie, lauschte Bevan eine Weile. Es war ein melancholisches Lied. Wer auch immer das Instrument spielte, schien sehr traurig zu sein. Bevan beschloss, nachzuschauen, um wen es sich handelte.

     Er öffnete die Tür zu dem Raum, in dem die Harfe stand, und blieb überrascht stehen. Niemand anderes als Genevieve saß an dem Instrument. Sie hielt die Augen geschlossen, doch ihre Finger bewegten sich rasch und sicher über die Saiten.

     Bevan räusperte sich. Im gleichen Moment riss Genevieve die Augen auf und zog die Hände so abrupt zurück, als habe sie sich an den Saiten der Harfe verbrannt.

     "Verzeiht", stammelte sie. "Ich wollte nicht …"

     "Bitte, es gibt keinen Grund, Euch zu entschuldigen. Ihr spielt wunderschön. Hat Eure Mutter Euch diese Kunst beigebracht?"

     "Nein. Ich habe, wie Ihr wisst, einige Jahre bei einer befreundeten Familie in Wales als Pflegekind verbracht. Im Haushalt lebte ja auch dieses Mädchen aus Irland. Wir wurden Freundinnen. Da sie ihre Harfe mitgebracht hatte, erbot sie sich, mir das Spielen beizubringen."

     Erst jetzt fiel Bevan auf, dass ihre Wangen gerötet waren und Tränen in ihren Augen glitzerten.

     Sie erhob sich plötzlich und schaute ihn herausfordernd an. "Was wollt Ihr?"

     "Ich habe Euch gesucht, um mich zu verabschieden." Es fiel ihm schwer, die richtigen Worte zu finden. Dabei gab es so viel, das er ihr sagen wollte. Er wollte sich entschuldigen für das, was in der Nacht geschehen war. Er schämte sich, weil es ihm nicht gelungen war, Genevieves Anziehungskraft zu widerstehen. Alles war sein Fehler gewesen. Er hätte sie nicht küssen dürfen. Er hätte es nicht genießen dürfen, den Duft ihres Haars einzuatmen und ihren weichen weiblichen Körper zu spüren. Aber er wusste nicht, wie er ihr das sagen konnte, ohne sie noch mehr zu kränken. Also meinte er nur: "Ich wollte mich vergewissern, dass es Euch gut geht."

     "Mit mir ist alles in Ordnung", gab sie kühl zurück, "obwohl ich nicht verstehe, warum Ihr mir verboten habt, meinen Vater zu sehen."

     "Er wird Euch holen, sobald wir den Streit um mein Land beigelegt haben."

     Unwillkürlich seufzte sie auf. "Ich habe begriffen, dass Rionallís einst Euch gehört hat und dass Ihr es meinem Vater übel nehmt, dass jetzt er der Besitzer ist. Doch glaubt mir: Er ist nicht Euer Feind. Er hat Eure Leute beschützt, als Strongbow im vergangenen Jahr das Land mit Krieg überzog. Mein Vater hat Rionallís gegen diesen Barbaren verteidigt und dadurch vielen Menschen das Leben gerettet."

     Bevan hasste Strongbow. In einer Schlacht gegen diesen Eindringling war sein Bruder Uilliam gefallen. Und einige Monate später hatte Patrick viele Soldaten verloren, als Strongbow Laochre angriff. Bevan musste zugeben, dass es gut und richtig gewesen war, den Leuten von Rionallís gegen Strongbow beizustehen. Trotzdem gehörte der Besitz immer noch ihm! "In Irland", erklärte er, "haben die Normannen nichts zu suchen. Niemals werde ich Eurem Vater überlassen, was von Rechts wegen mir zusteht. Ich werde auch keine unerwünschte Ehe schließen, nur um meinen Besitz zu sichern."

     Jetzt blitzten Genevieves Augen zornig auf. "Glaubt Ihr, ich würde freiwillig einen Mann heiraten, der mich nicht will? Ich weiß, dass Ihr mein Volk verachtet. Aber ich bin nicht bereit, untätig zuzuschauen, wie das Blut Unschuldiger vergossen wird, nur weil Ihr Euch in Eurem Stolz gekränkt fühlt."

     Seine Miene verhärtete sich. "Ich gehe jetzt. Wir brauchen einander nie wieder zu begegnen." Damit wandte er sich ab.

     Aus den Augenwinkeln sah er, wie Genevieve blass wurde. Er hatte ihr wehgetan. Und er schämte sich auch dafür. Aber es war ihm unmöglich, sich zu entschuldigen.

     "Lebt wohl", hörte er sie noch sagen.

     Ihre Stimme bebte, und er konnte nicht umhin, sich noch einmal nach ihr umzuschauen.

     Sie starrte ihn einen Moment lang an, dann ging sie mit großen Schritten an ihm vorbei. Sie würde seine Gegenwart auch nicht eine Sekunde länger ertragen können.

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