Mein irischer Held - 9. Kapitel

9. KAPITEL

Einige Tage später kehrten Bevan MacEgan und der Earl of Longford noch einmal nach Tara zurück, um die Könige über das neue Eheabkommen zu unterrichten. Sowohl der irische Hochkönig als auch König Henry erklärten sich mit allem einverstanden, was Longford vorschlug. Unter anderem wurde beschlossen, dass Hugh Marstowe keinerlei Entschädigung für den Verlust seiner Braut zustand.

     Während die Männer sich noch am Hof des irischen Hochkönigs aufhielten, verließ auch Genevieve Laochre. In Begleitung einer beachtlichen Schutztruppe reiste sie nach Rionallís. Am Morgen nach ihrer Ankunft rief sie ihr Gesinde zusammen und erklärte, dass es ihr Wunsch sei, alles, was an Hugh Marstowe erinnerte, zu entfernen. Ein Aufatmen ging durch den Saal. Obwohl niemand sprach, war nicht zu übersehen, dass der Normanne nicht beliebt gewesen war. Genevieve erläuterte die Einzelheiten ihres Vorhabens, und wenig später waren Knechte und Mägde damit beschäftigt, die erhaltenen Anweisungen auszuführen.

     Sie selbst hatte sich unterdessen in Begleitung mehrerer irischer Soldaten darangemacht, die einzelnen Kammern der Burg zu inspizieren. Als sie in den Kerker kamen, fanden sie dort die Leiche einer Frau. Man hatte ihr das Haar geschoren, sie gefoltert und ihren toten Körper achtlos liegen lassen. Genevieve traten Tränen in die Augen. Ihr war sofort klar, dass es sich nur um Declans Mutter handeln konnte. Der arme Junge war also innerhalb weniger Tage zur Vollwaise geworden.

     Obwohl sie weder Kiaras Tod noch den ihres Mannes hätte verhindern können, empfand sie ein schwaches Gefühl der Schuld. Es wunderte sie noch immer, dass Bevan einen seiner eigenen Männer getötet hatte, um sie zu retten. Auch konnte sie noch nicht recht begreifen, warum er sich letztendlich doch entschlossen hatte, sie zu heiraten. Ein wenig ängstlich fragte sie sich, wie er sich wohl als ihr Gemahl benehmen würde. Sie zweifelte nicht daran, dass er sie niemals so quälen würde, wie Hugh das getan hatte. Doch wenn ihre Eltern erst nach England zurückgekehrt waren, gab es auf Rionallís niemanden mehr, der wirklich an ihrem Wohl interessiert war.

     Die Stimmung in der Burg hatte sich deutlich verändert, seit Hugh fort war. Nach zwei Tagen – inzwischen gab es kaum noch etwas, das mit ihm in Verbindung gebracht wurde – fühlte Genevieve sich beinahe glücklich in ihrem zukünftigen Zuhause. Endlich fasste sie den Mut, ihr ehemaliges Schlafgemach zu betreten. Sie nahm einen Arm voll von frischen Binsen mit, um den Fußboden neu zu bestreuen. Auch ließ sie sich von mehreren Mägden begleiten, die ihr beim Aufräumen und Reinigen helfen sollten. Doch sie empfand noch immer eine große Scheu, in der Kammer zu sein, in der Hugh sie so gequält und gedemütigt hatte. Allein hätte sie es nicht gewagt, sich in ihr aufzuhalten.

     Das schon einige Zeit zuvor im Kamin entzündete Torffeuer verbreitete eine angenehme Wärme. Dennoch überlief sie ab und zu ein kalter Schauer. Sie bemühte sich, nicht zum Bett zu schauen. Immer wieder hatte Hugh sie in die Kissen gedrückt, ihr gesagt, dass er sie liebe und eine "richtige Frau" aus ihr machen würde. Immer wieder hatte er ihr seine Küsse aufgezwungen und sie abwechselnd gestreichelt und geschlagen. Die Erinnerung ließ Übelkeit in ihr aufsteigen.

     "Ist Euch nicht wohl, Mylady?", fragte eine der Mägde.

     Genevieve schluckte. "Bringt das Bett hinaus. Macht damit, was ihr wollt. Aber sorgt dafür, dass ich es nie wieder zu Gesicht bekomme."

     Zwei der Dienerinnen tauschten einen kurzen Blick aus. Dann begannen sie, unterstützt von den anderen, mit der Arbeit.

     "Ihr braucht nicht wiederzukehren, ich möchte allein sein." Genevieve rückte einen Stuhl zum Kamin, setzte sich und starrte in die Flammen. In ein paar Tagen würde sie als frisch vermählte Braut das Bett mit ihrem Gemahl teilen müssen. Sie wusste, dass Bevan sie nicht wollte. Und schließlich hatte sie ihm ja auch gesagt, dass sie damit einverstanden wäre, wenn er seine eigenen Wege ginge. Aber sie war sich darüber im Klaren, dass sie zumindest in der Hochzeitsnacht bei ihm schlafen musste. Wenn sie nicht wenigstens den Anschein erweckten, dass sie wie Mann und Frau zusammenlebten, dann konnte die Ehe jederzeit für ungültig erklärt werden.

     Sie seufzte auf, entschied dann, dass sie eine Ablenkung von diesen Gedanken brauchte. Augenblicklich verließ sie den Raum, um nach Ewan zu suchen.

     Isabel hatte darauf bestanden, dass der jüngste der MacEgan-Brüder sie mit mehreren von Patricks Kriegern nach Rionallís begleitete. Nachdem Genevieve in der Küche und im Hof nach ihm Ausschau gehalten hatte, fand sie ihn schließlich in der Waffenkammer. Er war so in sein Tun vertieft, dass er zunächst gar nicht bemerkte, wie die Tür geöffnet wurde.

     Genevieve beobachtete ihn verwirrt. Er hatte sich einen freien Platz gesucht und schien einen einsamen Tanz aufzuführen. Den Arm ausgestreckt, als hielte er ein unsichtbares Schwert, und den Blick fest auf den Boden gerichtet, machte er Schritte nach vorn, zur Seite und wieder nach hinten.

     "Verzeih mir, Ewan", machte sie ihn auf sich aufmerksam, "aber ich wüsste gern, was du da tust."

     Er zuckte zusammen und fuhr zu ihr herum. "Bitte, schließt die Tür. Dann werde ich es Euch erklären."

     Neugierig trat sie ein und zog die Tür hinter sich zu.

     Ewan holte sich ein Schwert und begann, sich nach dem gleichen Muster wie zuvor zu bewegen. Nur, dass er jetzt mit dem Schwert einen unsichtbaren Gegner angriff beziehungsweise abwehrte.

     "Du hast eine neue Übungsmethode gefunden."

     "Ja. Ich komme jeden Tag her und versuche mich in den verschiedenen Kampfstellungen. Findet Ihr nicht, dass ich schon deutlich besser geworden bin? Nicht mehr lange, dann kann ich meine Fähigkeiten auf dem Schlachtfeld unter Beweis stellen."

     "Das sieht alles sehr kompliziert aus."

     "Es ist auch verdammt schwierig. Seht nur, wie genau man auf die Füße achten muss." Wieder begann er sich zu bewegen, den Blick fest auf den Boden gerichtet.

     "Aber muss ein Kämpfer nicht seinen Gegner im Auge behalten?"

     "Was?" Er blieb so abrupt stehen, dass er fast das Gleichgewicht verloren hätte. Dann schaute er zu Genevieve hinüber und nickte. "Das werde ich üben, sobald ich dieses Schrittmuster sicher beherrsche."

     Genevieve ließ ihn eine Weile weiter seine Bewegungsfolgen ausführen, ehe sie sich wieder zu Wort meldete. "Früher habe ich oft meinen Brüdern bei ihren Übungen zugesehen. Sie sind gute Schwertkämpfer geworden. Bestimmt hätten sie mir eine Menge beibringen können. Aber sie haben sich immer geweigert, mir zu zeigen, wie man sich verteidigt."

     Ewan musterte sie nachdenklich. "Ein Schwert ist nicht leicht. Die meisten Frauen können es nicht halten."

     "Wahrscheinlich … Das haben meine Brüder auch behauptet. Immerhin waren sie bereit, mir einiges zu erklären. Ich erinnere mich noch genau, wie sie häufig betont haben, dass man – ganz gleich, was geschieht – stets darauf achten muss, was der Gegner tut."

     "Das sagt Bevan auch. Er ist ein hervorragender Schwertkämpfer. Niemand hat ihn bisher besiegt." Ewan errötete ein wenig und gestand dann leise: "Ich habe noch nie einen Kampf gewonnen."

     "Ich ebenso nicht." Genevieve lächelte. "Aber wenn man genug übt, wird man irgendwann gut, nicht wahr?"

     Ewans Stimme klang gepresst, als er antwortete: "Ich arbeite so hart an meiner Technik, aber … Eines Tages will ich der Beste sein. Ich will zu einer Legende werden."

     "Ich glaube, das wird dir gelingen", ermutigte sie ihn. "Aber dann wirst du mehr auf deinen Gegner als auf deine Füße achten müssen."

     Nachdenklich runzelte er die Stirn. "Wenn ich nicht auf meine Füße schaue, stolpere ich. Deshalb habe ich mich für diese Art des Einübens entschieden." Er begann wieder, die von ihm entworfenen Schrittfolgen auszuführen. Nach einer Weile hielt er inne. "Ich weiß, dass manche Euch mit Fiona vergleichen. Aber ich finde, dass Ihr ganz anders seid als sie."

     "Wie meinst du das?"

     "Ihr seht ihr vielleicht ein bisschen ähnlich, aber Ihr benehmt Euch ganz anders. Fiona hat nie gelacht. Ich erinnere mich noch gut daran, wie Bevan sich bemüht hat, ihr wenigstens ein Lächeln zu entlocken."

     "Denkst du, dass sie auf Rionallís nicht glücklich war?"

     Er zuckte mit den Schultern. "Wenn Bevan nicht da war, hat sie die Festung oft verlassen, um draußen herumzuwandern. Manchmal ist sie stundenlang fort gewesen. Sogar nachts ist sie manchmal weggeblieben. Ich habe mich damals gefragt, was sie wohl macht. Aber ich hatte keine Gelegenheit, es herauszufinden. Sie ist gestorben, ehe ich dazu kam, genauere Nachforschungen anzustellen."

     Da Genevieve wusste, wie groß Bevans Bedürfnis war, andere zu beschützen, kam ihr das alles etwas unwahrscheinlich vor. "Ist denn niemand Fiona gefolgt?", erkundigte sie sich. "Bevan hätte doch sicher nicht zugelassen, dass sie sich mit ihren einsamen Wanderungen in Gefahr bringt."

     "Ich glaube, außer mir hat niemand etwas von ihren heimlichen Ausflügen mitbekommen. Ich habe sie einmal durch Zufall gesehen, wie sie sich aus der Burg schlich. Von da an habe ich sie beobachtet."

     Genevieve hätte nur zu gern erfahren, wohin Fiona sich heimlich entfernt hatte. Aber Ewan hatte behauptet, er wisse es nicht.

     "Ich bin froh", sagte er in diesem Moment, "dass Ihr meinen Bruder heiratet."

     Die Bemerkung überraschte sie. "Warum?"

     "Ich habe gesehen, wie Ihr ihn anschaut. Ihr liebt ihn mehr als Fiona." Seine Miene hatte sich verfinstert, und Genevieve fragte sich, warum er seine verstorbene Schwägerin so wenig gemocht hatte.

     "Ich wünschte, er hätte mich auch gern. Aber er hat sich nur widerwillig zu dieser Ehe entschlossen. Für ihn bin ich nichts weiter als eine Normannin."

     "Ach was, darum geht es gar nicht." Ewan nahm seine Übungen wieder auf. "Es ist nur, dass Bevan einen Eid geleistet hat. Als Fiona starb, hat er geschworen, ihr für alle Zeit treu zu sein und nie wieder zu heiraten."

     Sie hatte natürlich gewusst, dass Fiona Bevan viel bedeutet hatte. Aber dass jemand einer Toten für immer treu bleiben wollte, erschien ihr trotzdem ungewöhnlich. Verglich er nun alle anderen Frauen mit seiner verstorbenen Gemahlin? Die Vorstellung behagte ihr nicht.

     Genevieve trat zur Wand und nahm sich eines der dort aufbewahrten Schwerter, wobei sie darauf achtete, keines der besonders großen und schweren zu wählen. Dennoch fiel es ihr tatsächlich nicht leicht, die Waffe zu halten. Das Gewicht zog sie nach vorn, aber sie spannte alle Muskeln an und blieb aufrecht stehen. "Hast du eine Idee, was ich tun könnte, um Bevan mir gegenüber weicher zu stimmen?"

     Ewan zuckte die Schultern. Doch dann erklärte er lächelnd: "Ihr könntet ihm etwas Leckeres backen. Diese Apfelküchlein mag er sehr."

     Da Genevieve von Ewans Vorliebe für süße Kuchen wusste, musste sie ein amüsiertes Lachen unterdrücken. Zweifellos bedeutete ihm das Gebäck mehr als seinem Bruder. Scheinbar ernst sagte sie: "Ja, das ist ein guter Rat." Mit ziemlicher Anstrengung gelang es ihr nun, das Schwert zu heben und Ewans Waffe damit zu berühren. "Vielleicht wirst du eines Tages nach England gehen. Dort könntest du mit den Männern meines Vaters üben, wenn du das wünscht."

     Er schüttelte den Kopf. "Mein Platz ist hier, in Irland. Und der Eure auch, wenn Ihr erst Bevans Gemahlin seid."

     "Ja." Sie war froh, weit fort von Hugh zu sein. Allerdings fiel es ihr manchmal noch schwer, die Erinnerung an ihn zu verdrängen. Schließlich hatte sie einige Wochen lang mit ihm auf Rionallís gelebt. Er hatte der Burg seinen Stempel aufgedrückt. Das war selbst nach der großen Putz- und Aufräumaktion noch zu spüren.

     Entschlossen straffte Genevieve die Schultern. "Hättest du Lust, mir beizubringen, was du über den Schwertkampf weißt, Ewan?"

     Seine Augen leuchteten auf vor Freude darüber, dass sie so viel Vertrauen in seine Fähigkeiten hatte. Aber dann antwortete er ehrlich: "Ich weiß so wenig, dass der Unterricht nicht lange dauern wird."

Bevan ritt inmitten seiner Männer. Seine Schulter schmerzte, aber er bemühte sich, sich nichts anmerken zu lassen. Kürzlich riss die alte Wunde noch einmal auf, doch glücklicherweise hatte ein Verband die Blutung bald zum Stillstand gebracht. Bevan hatte Männer gekannt, die an weniger schweren Verletzungen gestorben waren. Er war Genevieve aufrichtig dankbar dafür, dass sie die Wunde so geschickt verarztet hatte.

     Der Gedanke an seine künftige Gemahlin bewirkte, dass Bevan sich noch unbehaglicher fühlte. Ruaidhrí hatte ihm befohlen, gleich nach seiner Rückkehr zu heiraten. Auch der Earl war der Ansicht gewesen, dass die Hochzeit möglichst bald gefeiert werden sollte. Alle schienen zu fürchten, dass Hugh etwas unternehmen würde, um die geplante Ehe doch noch zu verhindern.

     Genevieves Eltern reisten gemeinsam mit den Iren, hatten sich aber die ganze Zeit über abseits von ihnen gehalten. Lady Helen schien ihren zukünftigen Schwiegersohn für einen wahren Teufel zu halten. Longford wiederum hatte begonnen, ihm eine gewisse Achtung entgegenzubringen, zweifellos eine Folge des Bogenschusses, den Bevan abgegeben hatte, um seine Tochter aus der Gewalt des Entführers zu befreien. Trotzdem war auch das Verhältnis zwischen dem normannischen Earl und dem irischen Krieger noch immer angespannt. Man bemühte sich, einander aus dem Weg zu gehen.

     Die Reisenden waren nur noch ein paar Meilen von Rionallís entfernt, als sich ihnen ein einzelner Reiter näherte: Connor.

     Er grüßte alle, lenkte sein Pferd dann neben das seines Bruders und meinte leise: "Bevan, du machst ein Gesicht, als würde man dich zur Hinrichtung führen und nicht zum Traualtar. Oder hast du dich in der Zwischenzeit doch wieder gegen die Ehe entschieden?"

     "Du wirst bald auf meiner Hochzeit tanzen können."

     "Gut! Ich gratuliere. Obwohl es mich auch ein bisschen traurig macht, dass nicht ich die schöne Genevieve heimführen kann. Ihre blauen Augen erinnern an den Sommerhimmel, ihre Lippen sind so süß wie Honig und …"

     Bevan warf ihm einen so bösen Blick zu, dass Connor mitten im Satz verstummte. Doch dann sagte er rasch: "Keine Sorge, sie würde mich nicht nehmen. Du wirst es sein, der das Ehebett mit ihr teilt."

     Eifersucht brannte in Bevans Brust. Dummkopf, schalt er sich selbst. Er kannte seinen Bruder gut genug, um zu wissen, dass Connor nicht abgeneigt war, die Gesellschaft einer temperamentvollen Frau zu genießen. Aber niemals würde er versuchen, sich zu nehmen, was einem anderen gehörte.

     Ihm fiel ein, wie zugewandt Fiona stets zu Connor gewesen war. Und nicht nur zu ihm. Sie hatte auch Fremde mit geradezu überschwänglicher Freundlichkeit auf Rionallís willkommen geheißen. Nur ihm gegenüber, ihrem Gemahl, hatte sie stets eine gewisse kühle Zurückhaltung bewahrt. Insbesondere wenn er mit ihr allein war, hatte er oft das Gefühl gehabt, dass sie sich innerlich vor ihm zurückzog. Zwar hatte er ihren Körper zur Ekstase bringen können, doch ihre Seele schien dann weit fort zu sein.

     Sie war ein wenig unausgeglichen gewesen, dachte er. Doch schon im nächsten Augenblick schüttelte er verärgert über sich selbst den Kopf. In letzter Zeit schien er sich immer deutlicher an die Schwächen seiner Frau zu erinnern. Dabei hätte er viel lieber an all die schönen Dinge gedacht, die er während der Jahre an Fionas Seite erlebt hatte.

     Seine Gedanken wanderten zu Genevieve. Wenn er sie in den Armen hielt, schien sie ganz bei ihm zu sein. Trotz der nur zu verständlichen Angst, die sie vor Männern hatte, war sie offensichtlich gern mit ihm zusammen. Ja, selbst wenn sie zornig auf ihn war, stieß sie ihn nicht zurück. Und bald schon würde sie ihm gehören. Als ihr Gemahl würde er das Recht haben, das Bett mit ihr zu teilen.

     Genau das war es, was ihn so beunruhigte. Er war zu dieser Ehe gezwungen worden. Würde er deshalb den Treueschwur, den er nach Fionas Tod abgelegt hatte, brechen müssen? Genevieve hatte gesagt, sie sei damit einverstanden, dass sie nur dem Namen nach eine Ehe führten, sie wolle ihm jede Freiheit lassen, es ihm ermöglichen, seine eigenen Wege zu gehen. Aber in der Hochzeitsnacht würde er sie zu seiner Frau machen müssen, wenn er nicht das Risiko eingehen wollte, dass man ihre Verbindung für ungültig erklären konnte.

     Bevan runzelte die Stirn. War es möglich, einer Frau körperlich nahe zu sein, ihr alles zu geben, ohne sich gefühlsmäßig zu binden? Konnte er sein Herz vor allen zärtlichen Gefühlen verschließen? War es möglich, Fiona auf diesem Wege treu zu bleiben? Würde er überhaupt die Ehe mit Genevieve vollziehen können, ohne sie in Panik zu versetzen? Auf keinen Fall wollte er, dass durch sein Verhalten die Erinnerung an all die Qualen aufflammte, die sie durch Hugh hatte erleiden müssen.

     Einen Moment lang fühlte er sich entsetzlich schuldig, weil Genevieve immer wieder sein Verlangen weckte. Woran lag es nur, dass er stets diesen beinahe unwiderstehlichen Wunsch verspürte, sie zu streicheln, sie zu küssen, sie zur Ekstase zu bringen?

     In diesem Moment tauchte Rionallís am Horizont auf. Bevans Herz machte einen Sprung. Ein großes mit Schnee bedecktes Feld trennte die Gruppe der Reiter noch von der Burganlage. Im Sommer würde dort golden das Getreide reifen, auf den umliegenden Wiesen das Vieh weiden. Und Menschen würden damit beschäftigt sein, die äußere Mauer von Rionallís zu verstärken.

     Ich werde dafür sorgen, schwor Bevan sich, dass alle, die hier leben, ohne Angst vor Überfällen ihrer Arbeit nachgehen und einen gewissen Wohlstand genießen können.

     Obwohl er so oft an Rionallís gedacht hatte, war ihm nicht wirklich bewusst gewesen, wie sehr er den Besitz und die Menschen, die dort zu Hause waren, vermisst hatte. Aus Angst vor allem, was ihn an Fiona erinnerte, hatte er Rionallís den Rücken gekehrt. Aber nun tat es gut, zurückzukommen.

     Früher hatte Fiona ihn willkommen geheißen. In Zukunft würde es Genevieve sein, die auf ihn wartete und ihn mit leuchtenden Augen begrüßte.

     Es war an der Zeit, sich damit abzufinden.

Genevieve hob ihr Schwert, um Ewans Angriff abzuwehren. Ihre Armmuskeln waren kräftiger geworden, und sie konnte die schwere Waffe jetzt ohne allzu große Anstrengung halten. Wenn allerdings Metall auf Metall stieß, dann durchfuhr jedes Mal ein Schmerz ihre angespannten Sehnen.

     Während der letzten Tage hatte sie regelmäßig mit Ewan geübt. Sie wusste nicht, ob er ein guter Lehrmeister war, aber sie war stolz auf alles, was er ihr beibrachte. Und er war stolz darauf, dass er sein Können – so bescheiden es auch war – weitergeben konnte. Das allein tat seinem Selbstbewusstsein so gut, dass er tatsächlich Fortschritte machte.

     Genevieve war zufrieden mit sich. Es war ihr gelungen, etwas für den ehrgeizigen und dabei so ungeschickten Jungen zu tun. Zugleich hatte auch sie selbst Vorteile dadurch. Ihr ging es dabei weniger um ihre Fertigkeiten im Schwertkampf. Viel wichtiger war, dass ihr Plan, von Ewan mehr über Bevan zu erfahren, aufgegangen war. Ewan bewunderte seinen älteren Bruder und bemühte sich, es ihm in allem gleichzutun. Das verrieten seine Worte immer wieder.

     "Heiraten", sagte er in diesem Moment, "werde ich allerdings nie."

     "Warum nicht?"

     "Ich besitze nichts, höchstens ein paar Rinder. Wie sollte ich also einen richtigen Hausstand gründen? Ich brauche keine Frau, die mir den Haushalt führt."

     Genevieve unterdrückte ein Lächeln. Glaubte der Junge wirklich, Männer würden sich nur deshalb eine Frau suchen, damit sich jemand um das Heim kümmerte? Laut sagte sie: "Ich bin ziemlich sicher, dass Patrick dir ein Haus und ein Stück Land überlassen würde, wenn du dir beides nicht selbst erwerben kannst."

     Ewan ließ das Schwert sinken. "Meine Brüder wollen, dass ich die Priesterlaufbahn einschlage. Aber diese Art von Leben liegt mir nicht. Ich werde mich als Kämpfer bei anderen Herren verdingen, in ihrem Auftrag große Siege erringen und meinen Lohn sparen, bis ich mir eigenes Land anschaffen kann."

     "Und dennoch möchtest du keine Söhne haben, die deinen Besitz eines Tages erben?"

     "Hm …" Er war rot geworden.

     "Man braucht eine Frau, um Kinder zu haben."

     Jetzt wurden seine Wangen noch röter. Um seine Verlegenheit zu verbergen, begann er wieder, mit dem Schwert zu üben. "Die Mädchen lachen über mich. Sie wissen, dass ich nicht kämpfen kann."

     Genevieve hätte all diese dummen Mädchen am liebsten durchgeschüttelt. Ewan war ein so netter Junge! Er hatte es nicht verdient, dass sie sich über ihn lustig machten und seine Ungeschicklichkeit tadelten. "Es gibt auch Mädchen, die auf innere Werte achten", erklärte sie.

     Ewan schwieg. Aber seine Miene verriet deutlich, dass er das für eine Lüge hielt. Genevieve spürte, dass er allein sein wollte. Da auch sie gegen etwas Ruhe nichts einzuwenden hatte, verließ sie die Waffenkammer. Vielleicht würde es ihr guttun, sich ein bisschen mit der Handarbeit zu beschäftigen, die sie begonnen hatte. Sie begab sich in den großen Saal und nahm den Korb zur Hand, in dem sie Nadeln und Garn aufbewahrte.

     Doch schon nach kurzer Zeit stand sie wieder auf. Sie war zu nervös, um sich auf die Stickarbeit zu konzentrieren. Nach dem Gespräch mit Ewan gab es so viel, über das sie nachdenken musste. Aber am liebsten hätte sie jetzt ein wenig musiziert. Ja, wenn sie nur die Möglichkeit hätte, Harfe zu spielen, dann würde sie all ihre Sorgen vergessen können.

     Leider hatte Hugh dafür gesorgt, dass es auf Rionallís keine Instrumente gab. Er hatte Musik verabscheut. Auch darin war er grundlegend anders als Bevan. Tatsächlich waren die beiden so verschieden, wie zwei Männer es nur sein konnten. Genevieve dachte daran, wie sanft Bevan sie geküsst hatte. Auch als seine Leidenschaft entflammt war, hatte er sich rücksichtsvoll und zärtlich gezeigt. Aber das allein war natürlich kein Beweis dafür, dass er ihr mehr als freundschaftliche Gefühle entgegenbrachte. Ja, vermutlich betrachtete er sie nicht einmal als Freundin. Schließlich war sie eine Normannin, eine Feindin der Iren. Deshalb konnte er ihr gegenüber nicht offen sein.

     Seiner verstorbenen Gemahlin hatte er offensichtlich in allem vertraut. Er musste sie über die Maßen geliebt haben. Und das, obwohl sie allem Anschein nach Geheimnisse vor ihm gehabt hatte. Was Ewan erzählte, war durchaus glaubhaft. Fiona hatte Rionallís mehr als einmal heimlich verlassen. Und dafür konnte es – wie Genevieve glaubte – nur einen Grund geben: Fiona war Bevan nicht treu gewesen.

     Würde er sich weiterhin an seinen Schwur gebunden fühlen, wenn er erfuhr, dass seine Gemahlin ihn hintergangen hatte? Vermutlich nicht. Dennoch konnte sie, Genevieve, ihm die Wahrheit auf keinen Fall mitteilen. Er würde es ihr nie verzeihen, wenn sie das Idealbild seiner Frau zerstörte. Also würde sie schweigen müssen.

     Laute Stimmen rissen sie aus ihren Gedanken. Sie wandte sich zur Tür und stieß einen Freudenschrei aus. "Mutter!"

     Lady Helen war eine schlanke, hoch gewachsene Dame mit dunklem Haar, das sie jetzt unter einem Schleier verborgen hatte. Sie schaute ihrer Tochter, die auf sie zueilte, lächelnd entgegen, dann fielen die beiden Frauen sich in die Arme.

     "Mutter …"

     "Mein Liebes." Lady Helen drückte Genevieve fest an sich. "Du musst mir alles erzählen!"

     "Natürlich." Genevieve führte ihre Mutter zum nächsten Tisch und bedeutete einer Magd, Erfrischungen zu bringen. Danach begann sie mit ihrem Bericht über das Leben, das sie an Hughs Seite hatte führen müssen. Manchmal klang ihre Stimme bitter.

     "Ich wünschte, wir hätten eher davon erfahren", sagte Helen leise. "Aber wir haben erst vor Kurzem ein paar Zeilen von dir erhalten. Wir sind sofort aufgebrochen, um dir zu Hilfe zu kommen. Trotzdem mache ich mir Vorwürfe. Wir hätten dich nicht Sir Peters Schutz anvertrauen dürfen. Er ist ein Freund deines Vaters, aber vermutlich ließ ihn seine Bewunderung für Hughs Kriegskünste manches übersehen."

     "Hugh hat immer behauptet, er habe mich für mein Fehlverhalten züchtigen müssen. Sir Peter wusste vermutlich nicht, auf welche grausame Art ich bestraft wurde. Aber er hätte mir Gehör schenken müssen, als ich ihn um Unterstützung bat."

     "Das hätte er zweifellos." Tränen glitzerten in Lady Helens Augen. "Es tut mir so leid, Genevieve. Wahrhaftig, wenn Sir Peter noch hier wäre, würde ich ihm meine Meinung sagen. Und Hugh würde ich auspeitschen lassen!" Sie strich ihrer Tochter liebevoll übers Haar, anschließend wechselte sie das Thema. Es war von jeher ihre Art gewesen, nicht länger als nötig bei unangenehmen Dingen zu verharren. Zudem war sie verständlicherweise neugierig auf den Mann, der so unerwartet ihr Schwiegersohn werden würde. "Was kannst du mir über Bevan MacEgan erzählen?"

     Genevieve hob die Augenbrauen. Der Tonfall ihrer Mutter verriet keinerlei Sympathie für den Bräutigam.

     "Hast du wirklich vor, diesen Iren zu heiraten?" Lady Helen sprach, als habe ihre Tochter etwas Schreckliches vor, etwas Lebensgefährliches. Als wollte sie sich von einem Turm stürzen.

     Beschwichtigend erklärte Genevieve: "Er ist ein guter Mensch und ein hervorragender Kämpfer. Sein Herz allerdings gehört seiner verstorbenen ersten Frau."

     Helen seufzte. "Ich habe nicht nach seinen Gefühlen gefragt. Schließlich geht es um eine eheliche Verbindung und nicht um das Lied eines Minnesängers."

     "Das weiß ich."

     "Bist du dir da ganz sicher? Wenn ich an die Geschichte mit Hugh denke, habe ich so meine Zweifel. Ich fürchte, du lässt dich zu sehr von deinen Gefühlen leiten. Sicher, der König hätte es gern gesehen, wenn du Marstowes Gemahlin geworden wärst. Aber du hattest genug andere Verehrer. Wir hätten dich ebenso einem von ihnen zur Frau gegeben. Du aber hattest nur Augen für Hugh …" Ein neuer Seufzer. "Leider kann ich nicht behaupten, dass ich dich für besonders vernünftig halte. Wirklich, wie bist du nur auf die Idee gekommen, dieser Ire könne der Richtige für dich sein?"

     "Er ist stark, er wird mich beschützen."

     "Ich frage mich, ob du ein Leben an seiner Seite, zumal weit fort von England, überhaupt ertragen kannst." Helen erschauerte bei der Vorstellung, selbst nach Irland übersiedeln zu müssen. Anscheinend hatte sie vergessen, dass auch Sir Hugh Marstowe mit ihrer Tochter auf Rionallís gelebt hätte.

     Genevieve lächelte. "Ich bin gern hier." Im Gegensatz zu ihrer Mutter liebte sie Irland. Das war nicht immer so gewesen. Doch inzwischen fand sie die wilde grüne Insel ungeheuer reizvoll.

     In diesem Moment wurde die Tür erneut geöffnet, eine Gruppe von Kriegern betrat den Saal. Einer von ihnen war Bevan. Erwartungsvoll schaute er zu Genevieve hinüber.

     "Entschuldige mich bitte einen Moment, Mutter."

     "Er ist ein Barbar", hörte sie Helen murmeln.

     Genevieve wandte sich noch einmal um. "Ich möchte allein und ungestört mit ihm reden", sagte sie mit fester Stimme.

     Lady Helen wollte protestieren, doch als sie die aufrechte Haltung und die gestrafften Schultern ihrer Tochter bemerkte, wurde ihr klar, dass es sinnlos gewesen wäre.

     "Bevan! Ich hoffe, meine Mutter …" Sie unterbrach sich, als er einen Schritt nach vorn machte und sich leicht zu ihr herabbeugte. Er war ihr jetzt so nah, dass sie seinen Atem spüren konnte. Unwillkürlich hob sie den Arm und legte ihm die Hand auf die Brust.

     Er sah sehr ernst aus. "Die Hochzeit wird noch heute stattfinden", sagte er. Dann umschloss er ihre Finger mit den seinen.

     Es tat weh, zu wissen, dass er gegen seinen Willen zu dieser Entscheidung gezwungen worden war. "Welche Eile …", murmelte sie. Und dann: "Warum habt Ihr Euch eigentlich mit der Eheschließung einverstanden erklärt?"

     Er schwieg eine Weile und meinte dann nur: "Vergesst Euer Versprechen nicht: Nach der Heirat werden wir getrennte Wege gehen."

     Sie nickte.

     "Gut. Dann geht jetzt, um Euch für die Zeremonie fertig zu machen. Ich lasse Euch rufen, sobald der Priester hier ist."

     Ihre Augen brannten, so sehr musste sie sich beherrschen, um nicht in Tränen auszubrechen. Bevan wollte sie wirklich nicht. Das hatte sein Verhalten nur allzu deutlich bewiesen. Er erfüllte einzig eine ungeliebte Pflicht, indem er sie heiratete. Aber er würde wohl die Ehe vollziehen. Und das bedeutete, dass sie, Genevieve, ihre Angst überwinden musste.

     Ihr war plötzlich sehr kalt.

Isabel war ebenfalls von Laochre nach Rionallís gekommen, um bei der Hochzeit dabei zu sein. Jetzt trat sie auf Genevieve zu, legte ihr sanft die Hand auf den Arm und sagte: "Kommt, ich werde Euch beim Umkleiden behilflich sein."

     Mit Füßen schwer wie Blei folgte Genevieve der Königin von Laochre die Treppe hinauf. In Genevieves Gemach holte Isabel ein Unterkleid aus safrangelber Seide und ein dazu passendes blaues Obergewand aus einer Truhe. "Zu Eurem dunklen Haar und den blauen Augen wird das sehr hübsch aussehen", bemerkte sie.

     Es klopfte, und kurz darauf trat Lady Helen in die Kammer ein. Sie hielt ein Schmuckkästchen in ihren Händen, und nachdem sie das Kleid begutachtet hatte, suchte sie farblich dazu harmonisierende Ohrringe und ein kostbares Geschmeide für die Braut heraus. Auch bestand sie darauf, dass niemand anderes als sie, ihrer Tochter das Haar richten dürfe.

     Isabel erklärte sich sogleich damit einverstanden, und so bemühten die beiden Frauen sich gemeinsam um Genevieve. Sie kamen überraschend gut miteinander aus. Nur als Helen murmelte: "Er ist ihrer nicht würdig", warf die Irin der Normannin einen zornigen Blick zu.

     Genevieve reagierte augenblicklich: "Mutter, ich möchte nicht, dass du schlecht über meinen zukünftigen Gemahl sprichst."

     Isabel schenkte ihr ein ermutigendes Lächeln. "Ich bin sicher, dass alles bestens wird. Hier, nehmt noch diesen Schleier." Sie reichte der Braut ein cremefarbenes hauchdünnes Stück Stoff, das am Saum mit kleinen Perlen verziert war.

     "Du siehst wirklich bezaubernd aus", stellte Lady Helen fest. Trotz aller Bedenken gegen die Ehe musterte sie ihre Tochter voller Stolz.

Es dämmerte schon, als die Hochzeitszeremonie begann. Zuerst badeten Bevan und Genevieve als Zeichen des Willkommens die Füße ihrer Gäste. Eine Silbermünze wurde anschließend in der Wasserschüssel zurückgelassen. Und jedes der anwesenden jungen Mädchen versuchte, sie an sich zu bringen. Es hieß nämlich, dass diejenige, die die Münze erhaschte, als Nächste heiraten würde.

     Anschließend trat das Hochzeitspaar vor den Priester, der ihren Bund segnete. Bevan hielt dabei die Hand der Braut. Einen Moment lang freute Genevieve sich über die Wärme, die der Druck seiner Finger ihr vermittelte. Dann jedoch bemerkte sie den traurigen Blick ihres Bräutigams. Ihre Freude verflog sofort.

     Dachte Bevan an seine erste Eheschließung? An die Frau, die er so sehr geliebt hatte, dass er die Augen vor ihren Fehlern verschlossen hatte? Für Genevieve war das eine quälende Vorstellung.

     Zum Abschluss der Zeremonie gab ihr frisch angetrauter Gemahl ihr einen Kuss, durch den die Verbindung besiegelt wurde. Die Gäste eilten herbei, um dem jungen Paar Glück zu wünschen. Bedienstete erschienen mit Bechern voller Met und anderen Getränken. Irgendwer rief: "Das Fest kann beginnen!" Und alle strömten zu den mit Speisen überladenen Tischen.

     Die Braut nahm, begleitet von Bevan, in der Nähe ihrer Eltern Platz. Da Lady Helen sie aufmerksam beobachtete, bemühte sich Genevieve, ein glückliches Gesicht zu machen. Zum Glück sah sie, wie ihr Ehemann nacheinander seinen Schwiegereltern und Isabel, die am selben Tisch saß, zulächelte.

     Während der letzten Stunden hatte Genevieve sich immer wieder gesagt, dass es ein gutes Gefühl sein müsse, mit einem Mann verheiratet zu sein, der sie nie schlagen oder auf andere Art quälen würde. Sie mochte Bevan und hatte sich eingeredet, dass auch er mit der Zeit zufrieden damit sein würde, an ihrer Seite zu leben. Natürlich waren ihr hin und wieder Zweifel daran gekommen, ob ihre optimistische Vorstellung von der Zukunft sich als richtig erweisen würde. Dann hatte sie sich in Erinnerung gerufen, wie seine Augen vor Verlangen geglüht hatten, als er sie küsste. Er begehrte sie. War das nicht zumindest ein Ausgangspunkt für eine erfolgreiche Ehe?

     Jedes Mal, wenn sie mit ihren Überlegungen bis zu diesem Punkt gekommen war, hatte sie sich bemüht, rasch an etwas anderes zu denken. Denn die Vorstellung dessen, was man gemeinhin als eheliche Pflichten bezeichnete, erfüllte sie noch immer mit großer Angst. Damit die Ehe rechtskräftig wurde, würde ihr Gemahl von ihr erwarten, dass sie ihm ihre Jungfräulichkeit zum Opfer brachte. Und nach den Erfahrungen mit Hugh erschien ihr dieses unverhältnismäßig groß.

     Genevieve goss sich etwas Wein in ihren Becher und nahm einen großen Schluck, um ihre Angst und Nervosität zu bekämpfen. Aber es half nichts. Von Minute zu Minute fühlte sie sich schlechter. Ihre Fantasie gaukelte ihr Bilder vor, die ihr die Schamesröte ins Gesicht trieben. In England war es üblich, dass mehrere Frauen das Schlafgemach der frisch Vermählten stürmten, um die Braut unter Gelächter bis auf ihr Hemd auszuziehen. Ja, manchmal durfte sie nicht einmal dieses Kleidungsstück anbehalten. Völlig entblößt wurde sie ins Bett gebracht, wo sie dann die Ankunft ihres Gemahls erwarten musste.

     Unsicher schaute Genevieve sich um. Folgte man in Irland den gleichen Traditionen? Nichts wies darauf hin, aber sie fürchtete sich trotzdem. Würde gleich eine Gruppe Frauen zu ihr kommen, um sie nach oben zu führen?

     Nach einer Weile entschloss sie sich, selbst den ersten Schritt zu machen. Sie erhob sich und wollte zur Treppe gehen.

     "Was habt Ihr vor?", fragte Bevan.

     "Ich bin müde. Ich denke, ich sollte ins Schlafgemach gehen." Sie schenkte ihrem Gemahl ein schwaches Lächeln und eilte, ohne auf eine Reaktion seinerseits zu warten, aus dem Saal. Dabei sagte sie sich immer wieder, dass sie selbst es gewesen war, die Bevan vorgeschlagen hatte, eine Ehe nur dem Namen nach einzugehen. Sie hatte ihm versprochen, ihm alle Freiheiten zu lassen. Vielleicht würde er es vorziehen, weder diese noch sonst eine Nacht mit ihr zu verbringen.

     Erst auf der Treppe wagte sie es, sich noch einmal umzuschauen. Bevan hatte sich erhoben, machte aber keine Anstalten, ihr zu folgen. Sein Blick allerdings war fest auf sie gerichtet. Und ihr schien, als läge in seinen Augen ein ermutigender und beinahe zärtlicher Ausdruck.

     Sie holte tief Luft und schritt die restlichen Stufen hinauf. Nun stand sie vor der Tür zu ihrer Kemenate. Nach kurzem Zögern öffnete sie diese und trat ein. Die Bediensteten hatten ein neues Bett aufgestellt. Es sah bequem und einladend aus. Aber es war zweifellos nicht als Ehebett gedacht, dazu war es zu schmal.

     Genevieve starrte auf die Verbindungstür zu Bevans Schlafgemach. Ihre Finger spielten nervös mit dem Seidenstoff ihres Gewands. Ihr Herz klopfte in ängstlicher Erwartung. Wann würde ihr Gemahl kommen? Würde er überhaupt erscheinen?

     Nach einer Weile überlegte sie, dass es in Irland wohl üblich war, die Hochzeitsnacht im Bett des Ehemannes zu verbringen. Vermutlich hatte die Braut den Bräutigam dort willkommen zu heißen. Also öffnete sie die Verbindungstür und betrat zögernd Bevans Kammer. Hier gab es tatsächlich ein großes mit Vorhängen versehenes Bett. Sie zog es jedoch vor, sich auf einen nahe dem Kamin stehenden Stuhl zu setzen und dort auf ihren Ehemann zu warten.

     Nach einer Weile nahm Genevieve ihren Schmuck ab, und noch etwas später zog sie ihr Hochzeitsgewand aus und schlüpfte, nur mit dem Hemd bekleidet, unter die Bettdecke. Sie schloss die Augen und bemühte sich, möglichst gleichmäßig zu atmen.

     Bevan ist nicht Hugh, wiederholte sie in Gedanken immer wieder, er wird mich nicht demütigen.

     Die Zeit verging, und irgendwann wurde Genevieve klar, dass ihr Gemahl offensichtlich nicht vorhatte, die Ehe zu vollziehen. Ihre Erleichterung war mit etwas vermischt, was sich beinahe wie Kummer anfühlte …

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