Und plötzlich ist es Leidenschaft - 1. Kapitel

1. KAPITEL

Die meisten Leute lieben Hochzeiten. Cole Erickson hasste sie. Natürlich hatte er nichts gegen Freude und Glück einzuwenden. Oder dagegen, dass zwei Menschen sich versprachen, bis an ihr Lebensende füreinander da zu sein. Aber Brautkleider und Hochzeitstorten erinnerten ihn immer daran, diesen Schritt als erster Erickson seit Generationen versäumt und dabei auch noch einige Herzen gebrochen zu haben.

    Daher wirkte sein Lächeln angespannt, als die Musik zum Auszug aus der Blue-Earth-Valley-Kirche erklang und sein frisch verheirateter Bruder Kyle seine Frau Katie vor das Portal geleitete.

    Cole bot der Trauzeugin der Braut seinen Arm an und folgte dem glücklichen Paar nach draußen. Dort warteten schon die Gratulanten, dies Konfetti regnen ließen und gemäß einer neuen Mode das frisch verheiratete Paar mit Seifenblasen einhüllten. Jemand drückte Cole eine orangefarbene Flasche mit Seifenlauge in die Hand. Emily, die Trauzeugin, lachte und ließ seinen Arm los. Sie öffnete ihre Flasche und pustete voller Hingabe ebenfalls Seifenblasen auf das Brautpaar.

    Grandma Erickson trat neben Cole, winkte jedoch ab, als er ihr die Flasche mit der Seifenlauge anbot. Sie warf eine Hand voll Konfetti auf das Brautpaar. "Die Reinigung des Portals wird uns zusätzlich zweihundert Dollar kosten."

    "Hochzeit feiert man ja nur einmal im Leben", beschwichtigte Cole sie.

    "Genau darüber wollte ich mit dir reden."

    Cole ahnte, dass ihm ein Vortrag blühte. "Grandma …", warnte er sie.

    "Melanie war eine nette Frau."

    "Melanie war eine fantastische Frau", stimmte er zu.

    "Du hast deine Chance vertan."

    "Ja." Cole würde seiner Großmutter nicht widersprechen. Er hatte Melanie geliebt. Jeder hatte das getan. Sie hatte keinen Funken Gemeinheit oder Egoismus in sich gehabt, und jeder Mann auf der Welt würde sich glücklich schätzen, sie zur Frau zu bekommen.

    Das Problem war, dass Cole sehr wohl gemeine und egoistische Züge hatte. Er konnte nicht der Ehemann Melanies oder einer anderen Frau werden. Er war ungeeignet als aufmerksamer und ergebener Bräutigam. Er konnte nicht auf die Launen einer Frau eingehen und ihr zuliebe seine Gewohnheiten ändern. Kurz und gut, er würde jetzt oder in absehbarer Zukunft auf keinen Fall heiraten. Das stellte ihn allerdings vor ein Riesenproblem. Denn damit brach er mit einer neunhundert Jahre alten Familientradition.

    "Du wirst nicht jünger", sagte Grandma.

    "Ich habe nachgedacht", meinte Cole, als Kyle und Katie in die Limousine stiegen, die sie zurück zur Ranch bringen sollte. Dort im Garten fand der Hochzeitsempfang statt.

    "Das wird auch Zeit", erklärte Grandma missbilligend.

    "Darüber, dass der Blitz des Nordens ein perfektes Hochzeitsgeschenk für Kyle und Katie wäre."

    Selbst inmitten des Stimmengewirrs der unzähligen Glückwünsche und Verabschiedungen bemerkte Cole, dass seine Großmutter sprachlos war. Der Vorschlag, die kostbare antike Brosche mit dem poetischen Namen, die von Generation zu Generation weitervererbt wurde, dem zweitgeborenen Sohn zu geben, grenzte an Ketzerei. Allerdings wäre es nur konsequent. Cole war bereits vom Ranchhaus in das alte Blockhaus am Bach umgezogen, um Kyle und Katie nicht zu stören. Schon bald würden die Kinder der beiden im Haus herumtollen, und Kyle wäre dann der Patriarch der nächsten Dynastie der Ericksons. Daher gebührte ihm die Brosche.

    "Damit schlägst du vor, eine über neunhundert Jahre alte Tradition einfach über den Haufen zu werfen", sagte Grandma schließlich, während die Hochzeitsgäste zu ihren Autos strömten.

    "Ich schlage vielmehr vor, diese alte Tradition zu respektieren. Denn Kyle und Katie werden Kinder haben."

    "Du auch."

    "Nicht, wenn ich nicht heirate."

    "Natürlich wirst du heiraten."

    "Grandma, ich bin dreiunddreißig Jahre alt. Melanie wäre wahrscheinlich mein bester Fang gewesen. Gib Kyle die Brosche, damit Katie sie tragen kann."

    "Du bist der älteste Sohn, also müsstest du sie bekommen."

    "Olav der Dritte hat diese Regel im Jahr 1075 aufgestellt. Seitdem haben sich ein paar Dinge verändert."

    "Nicht die wichtigen Dinge."

    "Wach auf, Grandma. Wir leben im einundzwanzigsten Jahrhundert. Die britische Königsfamilie erwägt sogar, Mädchen das Recht auf die Thronfolge einzuräumen."

    "Wir sind nicht die britische Königsfamilie."

    "Nun, zum Glück. Es wäre wirklich der Horror, mich mit den Kronjuwelen herumschlagen zu müssen."

    Grandma verdrehte die Augen und hielt sich an Coles Arm fest, den er ihr automatisch hinhielt, um sie zu stützen. "Nur weil du zu faul bist, dir eine Frau zu suchen."

    "Faul?"

    Sie sah ihm ins Gesicht. "Ja, Cole Nathaniel Walker Erickson. Faul."

    Cole verkniff sich ein Grinsen. Dieser Vorwurf war lächerlich. "Ein weiterer Grund, mir nicht den Familienschatz anzuvertrauen."

    "Ein weiterer Grund, dir einmal kräftig in den Allerwertesten zu treten und dir Beine zu machen."

    Er wich zurück. "Grandma. Ich bin schockiert."

    "Schockiert? Oh, das wirst du tatsächlich sein, wenn du dich nicht in Bewegung setzt und endlich eine Frau findest." Dann tätschelte sie ihm die Wange. "Du bist mein Enkel, und ich liebe dich sehr, aber jemand muss dafür sorgen, dass du die Augen nicht vor deinen Schwächen verschließt."

    "Ich weiß, ich bin ein hoffnungsloser Fall", erwiderte er zerknirscht.

    "Menschen können sich ändern."

    Sie hatten seinen Pick-up erreicht, und Cole öffnete seiner Großmutter die Beifahrertür. "Ich nicht."

    "Warum nicht?"

    Er zögerte, aber er wusste, dass er ehrlich sein musste, wenn er ihre Unterstützung haben wollte. "Ich bringe die Frauen zum Weinen, Grandma."

    "Weil du sie verlässt."

    "Sie verlassen mich."

    Sie schüttelte mit einem halben Lächeln den Kopf. "Du wendest dich emotional von ihnen ab, und dann wenden sie sich physisch von dir ab."

    "Das kann ich nicht ändern."

    "Doch, das kannst du."

    Cole atmete tief ein. "Gib Kyle die Brosche. Es wäre die richtige Entscheidung."

    "Such dir eine Frau. Das ist die richtige Entscheidung. Am Ende wirst du mir dankbar sein."

    "Für mein Eheglück?"

    "Für dein Eheglück."

    Er musste grinsen. "Und das sagt eine Frau, die einmal die Kleider ihres Ehemanns aus dem Fenster des zweiten Stocks geworfen hat."

    Grandma drehte sich schnell weg, dennoch bemerkte er, dass sie lächelte.

    "Du weißt sehr gut, dass diese Geschichte maßlos übertrieben ist."

    "Aber du gibst zu, dass seine Anzüge über den ganzen Rasen verstreut waren."

    "Das gebe ich nicht zu, Cole Nathaniel." Sie rümpfte die Nase. "Du bist unverschämt."

    "Wie immer."

    "Das hast du von deiner Mutter. Möge sie in Frieden ruhen."

    Er half ihr nun beim Einsteigen. "Die Brosche wäre ein perfektes Hochzeitsgeschenk."

    "Das wird sie sein", stimmte Grandma zu. "Du musst nur eine Braut für dich finden."

    Coles Hoffnungsschimmer verflog. "Das wird nicht passieren."

    "Brauchst du dabei Hilfe?"

    Er erstarrte einen Moment vor Entsetzen. "Grandma …"

    Sie faltete die Hände in ihrem Schoß. "Wie werden zu spät zum Empfang kommen."

    "Wage das bloß nicht."

    Sie drehte sich zu ihm um und blinzelte. "Was?"

    "Versuche nicht, mich zu verkuppeln."

    "Mit wem?"

    "Grandma."

    "Mach die Tür zu. Wir sind spät dran."

    Cole machte den Mund auf, um etwas zu sagen, schwieg aber dann. Genau wie er hatte seine Großmutter die Sturheit und Beharrlichkeit ihrer Vorfahren geerbt. Er fluchte insgeheim, als er losfuhr. Es hatte keinen Zweck, heute mit ihr darüber zu streiten. Aber falls sie anfangen sollte, Wichita Falls Heiratskandidatinnen im Ranchhaus antanzen zu lassen, würde er ganz schnell das Weite suchen.

Als sie Bradley Slander durch das Foyer des Laurent Museums in New York schlendern sah, wurde es Lyndsey Wainsbrook fast übel. Er hielt ein Champagnerglas in der Hand, und durch sein falsches Lächeln wirkte sein Blick noch hinterhältiger als sonst.

    "Mehr Glück nächstes Mal, Wainsbrook", sagte sie zu sich, nahm einen Schluck des 96er Cristal Champagners und leckte sich die Lippen.

    Seine Selbstzufriedenheit ist unverkennbar, dachte Lyndsey, die im Auftrag des Museums an der Auktion teilgenommen hatte. Slander hatte gerade für einen privaten Sammler ein koreanisches Windspiel aus Gold ersteigert und dabei eine hohe Kommission eingeheimst. Damit hatte er sie in diesem Jahr schon das dritte Mal überboten und ihre mühevolle Arbeit ruiniert. Denn sie hatte das antike Stück ausfindig gemacht und es für das Museum erwerben wollen.

    Lyndsey hatte nichts gegen Wettbewerb, und sie hatte Verständnis dafür, dass ein Eigentümer seine Antiquität bestmöglich verkaufen wollte. Aber sie war sauer, weil Slander sich wie ein Geier auf ihre Kontakte stürzte, den Leuten eine Auktion schmackhaft machte und ihnen dann sehr viel weniger Geld für ihre Objekte bot, als er ihnen vorher weisgemacht hatte. Damit enttäuschte er nicht nur die Eigentümer, sondern enthielt der Öffentlichkeit auch für alle Zeit bedeutende historische Erbstücke vor. "Wie können Sie nachts überhaupt ein Auge zutun?", fragte sie ihn.

    Slander lehnte sich lässig gegen einen Marmorpfeiler. "Nun, ganz einfach. Ich aale mich etwa eine Stunde in meinem Whirlpool, genehmige mir dabei einen Brandy und höre ein bisschen klassischen Jazz. Dann lege ich mich in mein großes, komfortables Bett und schließe die Augen. Und Sie?"

    Sie warf unmissverständlich einen Blick auf das Ausstellungsstück an der Wand neben ihnen. "Ich habe Fantasien, in denen Sie und diese Breitaxt da vorkommen."

    Er lächelte spöttisch. "Es freut mich, in ihren Fantasien eine Rolle zu spielen."

    "Ach ja? Im Gegensatz zu Ihnen bleibt die Axt darin heil."

    "Was immer Sie auch anmacht – ich stehe gern zur Verfügung." Er verzog den Mund zu einem breiten Lächeln.

    Lyndsey schauderte allein bei dem Gedanken. Selbst wenn Bradley der letzte Mann auf Erden wäre, würde sie ihn nicht einmal mit der Beißzange anfassen wollen. Sie nahm einen Schluck Champagner und wünschte, es wäre ein starker Drink.

    Slander lachte leise. "Und nun erzählen Sie mir, was uns demnächst bevorsteht."

    Sie hob eine Augenbraue.

    "Was ist das nächste Objekt auf Ihrer Liste, um das wir uns kümmern werden? Sie sind wirklich eine Garantin für glänzende Geschäfte, Wainsbrook."

    "Soll ich Ihnen meine Notizen einfach per E-Mail übermitteln, damit Sie sich weniger Mühe machen müssen?", fragte Lyndsey voller Ironie.

    "Wie immer es für Sie am zweckmäßigsten ist."

    "Ich würde eher in der Hölle schmoren, als Ihnen freiwillig irgendeine Information zukommen zu lassen."

    Slander zuckte die Achseln. "Machen Sie, was Sie wollen." Dann beugte er sich zu ihr. "Ich muss zugeben, dass mich die kleinen Verfolgungsjagden ziemlich antörnen."

    Lyndsey kämpfte gegen den Drang an, ihre Fantasie mit der Axt in die Realität umzusetzen. Was sollte sie jetzt tun? Wenn Slander ihr noch einen ihrer Funde vor der Nase wegschnappte, stand ihr Job im Museum auf dem Spiel. Das hatte ihr Chef ihr heute Nachmittag nach der Auktion unmissverständlich klargemacht. Sie musste unbedingt einen Erfolg vorweisen. Aber dafür brauchte sie etwas Spielraum und musste Slander abschütteln. Vielleicht sollte sie das Land verlassen und nach Mexiko oder Peru gehen. Oder nach … Frankreich. Schnell unterdrückte sie ein Lächeln.

    "Sehen Sie? Sie mögen das Spielchen auch." Slander prostete ihr spöttisch zu. "Bis zum nächsten Mal."

    Sie ersparte sich eine Erwiderung. Sie hatte nicht die Absicht, ihm die Gelegenheit zu einem nächsten Mal zu geben. Außerdem hielt sie es für unwahrscheinlich, dass Bradley Slander ihr nach Europa folgen würde. Das bedeutete, dass sie gute Chancen hatte, den Blitz des Nordens für das Museum zu ergattern.

    Schon seit drei Jahren sammelte sie Informationen über die legendäre antike Brosche. Im Jahr 1075 war sie für Olav den Dritten, den König der Wikinger, gefertigt worden und hatte ihn bei zahlreichen Schlachten und auf Seefahrten begleitet, und es war nachgewiesen, dass das mit Juwelen besetzte Schmuckstück einmal von Papst Urban V., der im 14. Jahrhundert gelebt hatte, gesegnet worden war. Die meisten Leute hielten den Blitz des Nordens für eine Legende. Doch Lyndsey wusste einfach, dass das Schmuckstück auch heute noch auf irgendeinem Dachboden, in irgendeinem Schmuckkästchen, Safe oder Bankfach existierte. Wenn nur die Hälfte der Geschichten, die man sich über die Brosche erzählte, der Wahrheit entsprachen, war sie unbeschadet aus allen Turbulenzen hervorgegangen. Sie nahm sich vor, die Spur der antiken Brosche zu verfolgen und sie zu finden und dann dafür zu sorgen, dass man sie im Laurent Museum bestaunen konnte – selbst wenn sie Bradley Slander anketten müsste, um ihn loszuwerden.

Cole hatte die letzten drei Tage auf einer Viehauktion in Butte, Montana, verbracht und war jetzt besserer Stimmung. Er hatte ein Auge auf ein sehr schönes Pferd geworfen. Am Ende hatte er die Konkurrenten aus Kalifornien und Nevada überbieten und Night Dreams nach Hause mitnehmen können. Er mochte nicht in der Position sein, den Ericksons die nächsten Erben zu schenken, aber er war in der Lage, erstklassige Pferde zu züchten. Auch das zählte schließlich. Er stellte seinen Matchsack auf dem Boden der Blockhütte ab und schloss die Tür.

    Seit der Hochzeit war ein Monat vergangen, und ihn plagten immer noch Schuldgefühle wegen der Vorwürfe seiner Großmutter. In Gedanken nahm er einen alten Kaffeekocher vom Küchenregal. Sobald Katie schwanger wäre, würde er auf seinen Vorschlag zurückkommen, den Blitz des Nordens Kyle und seiner Frau zu geben. Wenn Olav der Dritte eine Tradition begründen konnte, konnte Cole der Erste diese auch wieder ändern. Nachdem er Kaffee in den Kocher gefüllt hatte, schaltete er den Gasherd an und stellte den Kaffeekocher auf die Flamme.

    Als er das Motorengeräusch eines Autos hörte, trat er ans Fenster, um nachzuschauen, wer zu ihm kam. Vor der Hütte blieb ein kleines Sportauto ruckartig stehen, das er noch nie gesehen hatte. Dann ging die Autotür auf, und eine schmale Fessel und eine schön geformte Wade rückten in sein Blickfeld. In dem Moment, als er die Veranda betrat, zischte und dampfte es unter der Motorhaube. Der Motor stotterte, dann gab er Ruhe.

    Dem ersten schönen Bein folgte ein zweites. Sexy cremefarbene Schuhe mit hohen Absätzen suchten Halt auf dem sandigen Weg. Die dazugehörige schlanke Frau richtete sich zu ihrer vollen Größe von fast eins siebzig auf. Sie trug einen engen elfenbeinfarbenen Rock mit passender Kostümjacke. Die roten Haare fielen ihr in glänzenden Wellen bis über die Schultern. Ihre Haut war makellos, und ihre Wangen waren leicht gerötet. Als sie sich umdrehte, lächelte sie ihn strahlend an und schob sich die Sonnenbrille ins Haar. Cole hielt unwillkürlich die Luft an.

    "Hallo." Sie winkte und geriet auf dem unebenen Boden leicht ins Stolpern, während sie auf ihn zukam.

    Cole stieg die drei Stufen hinunter, um ihr seinen Arm anzubieten.

    "Danke", hauchte sie und hielt sich an seinem nackten Unterarm fest.

    Die Berührung traf Cole wie ein elektrischer Schlag. Irritiert räusperte er sich. "Macht das Auto Probleme?"

    Sie warf einen Blick auf den Wagen und runzelte die Stirn. "Ich denke nicht."

    Cole zog die Augenbrauen hoch. "Nein?"

    Sie blinzelte ihn aus smaragdgrünen Augen an. "Auf dem Weg hierher schien er gut zu laufen."

    Er starrte in ihre Augen und fragte sich, ob sie farbige Kontaktlinsen trug. Aber das glaubte er nicht. Die Augenfarbe wirkte echt. Genauso wie ihr prachtvolles Haar und der sinnliche rote Mund.

    "Ich denke, dass der Motor überhitzt ist", erklärte er und atmete schwer.

    Sie sah ihn an, und einen Moment lang spürte er ihre manikürten Fingernägel auf seiner Haut. "Sie kennen sich mit Autos aus?"

    Cole streckte sich und wurde einen Zentimeter größer. "Etwas."

    "Das ist gut." Sie hielt Blickkontakt zu ihm und fuhr sich kurz mit der Zungenspitze über die Unterlippe. "Ich nehme mir meistens ein Taxi."

    "Sie sind nicht von hier, nicht wahr?" Das war eine dumme Frage, denn er hätte sie zweifellos schon gesehen, wenn sie in der Nähe von Blue Earth Valley leben würde.

    "Nein, aus New York."

    "Die Stadt?"

    Sie lachte leise, und sein Herz schlug schneller.

    "Ja, die Stadt."

    Auf der Veranda angekommen, hörten sie durch die offene Tür ein Zischen.

    "Verdammt", fluchte Cole.

    "Was ist?"

    "Moment." Er lief in die Küche, nahm schnell den Kaffeekocher vom Gas und schaltete den Herd aus.

    "Haben Sie den Kaffee anbrennen lassen?", fragte sie hinter ihm.

    "Ich fürchte, ja." Cole wischte den verschütteten Kaffee auf, wusch sich die Hände und trocknete sie ab. Dann streckte er ihr eine Hand hin. "Cole Erickson."

    "Lyndsey Wainsbrook."

    Mit einem bezaubernden Lächeln schüttelte sie ihm die Hand, und wieder war er wie elektrisiert.

    "Möchten Sie, dass ich mir Ihr Auto ansehe?" Widerwillig ließ er ihre Hand los.

    "Es wäre mir lieber, wenn sie mir eine Tasse Kaffee anböten."

    "Der ist ruiniert", warnte er sie.

    Sie zuckte die Achseln. "Ich bin nicht zimperlich."

    Cole betrachtete ihre elegante Aufmachung und lachte amüsiert. "Ganz bestimmt."

    "He, ich komme aus New York."

    "Das hier ist Texas."

    "Geben Sie mir eine Chance."

    Nein, darauf werde ich erst gar nicht eingehen, dachte er und schwieg.

    In ihren Augen blitzte der Schalk auf, als sie an ihm vorbeiging, zwei Porzellanbecher vom Regal nahm und sie ihm hinhielt. "Schenken Sie uns Kaffee ein?"

    "Ja, Ma'am."

Lyndsey strich mit der Fingerspitze ihres linken Zeigefingers am Rand des Kaffeebechers entlang. Das Gebräu schmeckte furchtbar, selbst für New Yorker Verhältnisse. Aber sie würde den Becher bis zum letzten Tropfen leeren. Sie wollte, dass Cole begriff, mit wem er es zu tun hatte.

    Sie saß ihm gegenüber am Tisch und musterte ihn. Er war groß und muskulös. Die Ärmel seines Flanellhemdes hatte er hochgekrempelt, so dass seine sehnigen Unterarme zu sehen waren. Er hatte kräftiges Haar, ein markantes Kinn, seine Nase war leicht gebogen, und er sah sie so sinnlich aus ausdrucksvollen kobaltblauen Augen an, dass ihr der Atem stockte. Er war eine einzige Herausforderung. Aber bisher war alles, was mit dem Blitz des Nordens zu tun hatte, eine Herausforderung gewesen. Sie wäre enttäuscht, wenn der Fall bei Cole anders läge.

    "Was führt Sie denn nach Blue Earth Valley, Lyndsey Wainsbrook?"

    Sie lächelte. Ihr kühner Plan gefiel ihr von Minute zu Minute besser. Sie war besorgt gewesen, Cole Erickson könnte ein Widerling oder sonst wie unangenehm sein. Aber er war geradezu ein Traummann. Es war ihr ein Rätsel, weshalb noch keine Frau ihn sich geschnappt hatte. "Sie."

    "Ich?"

    Lyndsey nippte an ihrem Kaffee. "Ja, Sie."

    "Sind wir uns schon mal begegnet?"

    "Bis jetzt nicht."

    Cole lehnte sich misstrauisch zurück. Dann schien ihm etwas zu dämmern, und er hielt abwehrend die Hände hoch. "Warten Sie einen Moment!"

    "Was ist?"

    "Hat Grandma Sie zu mir geschickt?"

    "Nein."

    "Sind Sie sicher? Denn …"

    "Ganz sicher", sagte Lyndsey. Dass sie hier war, war einzig und allein ihre Entscheidung. Und die basierte auf äußerst aufwendigen Nachforschungen in den Museen Europas. "Aber erzählen Sie mir, warum mich Ihre Großmutter zu Ihnen geschickt haben könnte."

    Er lehnte sich zurück und schwieg.

    "Oha. Das scheint ja eine außerordentlich spannende Geschichte zu sein."

    Cole starrte sie nur an.

    "Ich bin ganz Ohr." Lyndsey weigerte sich, sich einschüchtern zu lassen. Sie hatte das untrügliche Gefühl, dass die Menschen normalerweise großen Respekt vor Cole hatten. Und sie hatte nicht die Absicht, sich ebenso zu verhalten. Andere zu überraschen, war eine ihrer besten Strategien.

    Er verdrehte die Augen. "Also gut. Weil sie eine unverbesserliche Kupplerin ist."

    Lyndsey verbiss sich ein Lachen. "Ihre Großmutter will Sie mit einer Frau versorgen?"

    "Das klingt erbärmlich, nicht wahr?" Er verzog das Gesicht.

    "Ein wenig."

    "Sie mischt sich gern ein. Und …, nun …" Cole verstummte und schüttelte den Kopf. "Nein, genug davon. Erzählen Sie mir, was Sie in Blue Earth Valley vorhaben."

    Lyndsey wusste, dass es ihr nicht helfen würde, um den heißen Brei herumzureden. Es war besser, ihn kalt zu erwischen. "Ich arbeite für das Laurent Museum."

    Er zeigte keinerlei Anzeichen von Panik.

    Gut, dachte Lyndsey und fuhr fort: "Ich habe gerade drei Monate lang in Europa Nachforschungen angestellt."

    Cole reagierte immer noch nicht.

    "Davor habe ich zusätzlich drei Jahre lang recherchiert. Für meine Doktorarbeit."

    "Sie haben eine Doktorarbeit geschrieben?"

    "Ja, über den Blitz des Nordens."

    Jetzt wurde Coles Blick eisig.

    "Nach meinen Informationen sind Sie der derzeitige Besitzer."

    "Da sind Sie falsch informiert", erklärte er entschieden.

    "Lassen Sie es mich anders formulieren."

    "Gute Idee."

    Lyndsey lehnte sich ein wenig über den Tisch. "Ich weiß, wie sie funktioniert."

    "Wie was funktioniert?"

    "Die Erbfolge. Ich weiß, dass Ihre Ehefrau die Brosche bekommt. Und ich bin hier, um Ihnen anzubieten, Sie zu heiraten."

 

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