Vom Feind erobert - 10. Kapitel

10. Kapitel

Brice fühlte, wie sie die Besinnung verlor. Im Grunde war ihm dies lieber, als wenn sie bei Bewusstsein geblieben wäre. Der Pfeil war weit oben in ihre Schulter eingedrungen. Vermutlich war es nur eine Fleischwunde und kein ernsthafter Schaden. Aber dieses Vorkommnis bestätigte Brice, was für ein elender Hurensohn Gillians Bruder war.

     Hinterrücks auf die eigene Schwester zu schießen!

     Nie hatte Brice einen Mann tiefer sinken sehen – zunächst hatte Oremund seine Schwester beleidigt, um sie anschließend für ihre Aufmüpfigkeit zu strafen. Es lag auf der Hand, dass er Gillian schon vor langer Zeit beseitigt hätte, ohne mit der Wimper zu zucken, wenn sie nicht etwas hätte, das ihm von Nutzen sein konnte. Oh, Blutsbande scherten ihn keinen Deut, sehr wohl hingegen Reichtum und Macht – wären die hier nicht im Spiel, so wäre die Halbschwester, dieser Bastard seines Vaters, mit Sicherheit und ohne viel Federlesens den Eltern in den Tod gefolgt. Das hieß, dass Gillian etwas besaß, das Oremund haben wollte – etwas, mit dem sie aus Thaxted geflohen war. Und da sie außer den Kleidern, die sie am Leibe trug, kaum etwas bei sich gehabt hatte, musste es sich um eine wichtige Information handeln, etwas, von dem nur sie allein Kenntnis hatte.

     Er drückte sie fester an sich und schritt eilig durch die Linien der Krieger zum Lager, wo es sich bereits herumgesprochen hatte, dass Lady Gillian verwundet war. Zwei seiner Männer sahen die Blessur und führten Brice zu einer Pritsche, auf der er Gillian ablegen und auf die Seite drehen konnte, sodass die durchbohrte Schulter nicht belastet wurde. Vater Henry kam angestürzt und kniete neben ihr nieder.

     „Wie ist das geschehen?“, fragte er.

     „Oremund hat sie angeschossen. Ich denke, das war von Anfang an seine Absicht“, murmelte Brice. „Um sie einzuschüchtern. Und zu maßregeln. Töten wollte er sie nicht, denn er braucht sie noch.“ Als er sie letzte Nacht streichelte, hatte er die Narben an der Rückseite ihrer Schenkel sowie an Hüften und ihrem Gesäß gefühlt. Und er wusste, dass Narben wie diese nur zurückblieben, wenn jemand häufig geschlagen wurde. Grundgütiger! Was hatte sie unter Oremunds Herrschaft nur erdulden müssen? Kein Wunder, dass sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit das Weite gesucht hatte.

     Sobald Gillian versorgt war, stellte sich Brice wieder an die Spitze seiner Truppen. Seine Gemahlin hatte ihm eine Möglichkeit eröffnet, die es ihm gestattete, sowohl die Festung als auch die meisten ihrer Bewohner zu verschonen. Ob Oremund überlebte oder verreckte, war ihm herzlich gleich, doch die übrigen Menschen waren unschuldig und diejenigen, die sich künftig um seine Ländereien kümmern würden. Und die waren ihm lebendig lieber als tot oder verstümmelt.

     Seine Krieger waren gar nicht glücklich über die Änderung der Strategie. Wenn die Erregung vor einem Gefecht das Blut eines Mannes erst einmal in Wallung gebracht hatte, fiel es ihm schwer, auf den Kampf zu verzichten. Auch Brice spürte es in seinen Adern brodeln, aber er mutmaßte, dass dies vor allem seinem Zorn wegen Gillians Verletzung geschuldet war. Nie hätte er sie so nah an Oremund heranlassen dürfen. Er hätte dessen große Worte in den Wind schlagen und sich an seine eigene Strategie halten sollen; das hätte Gillian den Pfeil erspart. Sein Versagen hätte sie das Leben kosten können – und mochte sie nach wie vor gefährden, sofern die Wunde brandig wurde oder schlecht verheilte.

     Lucais und Ansel waren gegen das neue Vorhaben, doch Stephen und Richier, zwei gestandene Haudegen, überdachten es und nickten schließlich. Alle wollten sich dem kleinen Trupp anschließen, der durch den Tunnel oder Gang in die Festung vordringen würde. Die Männer eilten davon, um Vorkehrungen zu treffen, und Brice bereitete die Ablenkung vor, mit der er die Aufmerksamkeit der Verteidiger auf den vorderen Mauerabschnitt ziehen wollte, fort von dem geheimen Zugang.

     Er entschied, dass es eine kluge Taktik sein würde, ein wenig Zeit bis zum Vorstoß verstreichen zu lassen. Zwar wussten seine Männer um den neuen Plan, doch im Innern der Festung erwartete man vermutlich einen unmittelbaren Vergeltungsschlag. Gut möglich, dass Gillian mit ihrer Bitte vielen in Thaxted wie auch in seinen eigenen Reihen das Leben gerettet hatte, denn von Zorn getrieben in den Kampf zu ziehen, war stets riskant. Krieg war eine Angelegenheit, die man am besten mit Kalkül und Besonnenheit anging.

Und das taten sie später am Tag, beherrscht und routiniert, wie es ihnen in zahlreichen gemeinsamen Schlachten an vielen Orten und gegen unterschiedlichste Feinde zur Gewohnheit geworden war. An der Seite der Gefährten, die heute seine Befehlshaber waren, hatte Brice sich in der Bretagne, in der Normandie und in England im Kampf erprobt und bewiesen. Er hätte ihnen sein Leben anvertraut.

     Sein einziges Bedauern galt der Tatsache, dass seine beiden engsten Freunde ihm nicht den Rücken deckten. In seinem letzten – gar eigenhändig verfassten – Schreiben hatte Giles ihm seine Unterstützung zugesichert, sobald Lady Fayth niedergekommen sei. Die Neuigkeiten, die es über Soren zu berichten gab, waren hoffnungsvoll und beunruhigend zugleich – zwar erholte er sich weiterhin gut von den Wunden, die er sich bei Hastings eingehandelt hatte, doch war er nicht mehr der Alte. Fort war der Mann, der ob seines Aussehens einst als der „schöne Bastard“ bekannt gewesen und ebenso gerufen worden war – Name wie Erscheinung hatten ihm Zugang zum Bett so manch begehrenswerter Dame verschafft. Die schweren Blessuren, die er davongetragen hatte, hatten sein Äußeres gezeichnet und, so schien es, auch seine Seele nicht verschont.

     Seine Mannen gingen genauso vor, wie von Brice erwartet – gründlich, gekonnt und erfolgreich. Nach etwa zwei Stunden war die Feste in seiner Hand. Der einzige Wermutstropfen war, dass es Oremund und dessen Kumpan Raedan gelungen war, sich eine Bresche durch eine Schwachstelle in den Reihen der Belagerer zu schlagen. Sie türmten und tauchten im Wald unter, der ihnen um vieles vertrauter war als Brice und seinen Truppen. Bereits zermürbt durch die Fahnenflucht ihres Lords brachen Thaxteds Krieger unter der zahlenmäßigen Überlegenheit des Gegners zusammen und gaben sich geschlagen.

Bis zum Einbruch der Nacht waren die Leiber der Gefallenen fortgeschafft. Die Festung war vom obersten Geschoss des Wohnturms bis hinab ins Verlies sorgfältig durchstöbert worden. Alles von Wert war beschlagnahmt worden. Die Vorräte würden sämtlich erfasst werden, damit Brice wusste, was er besaß und was eingehandelt werden musste, um Thaxted wieder aufzubauen. Die Verwundeten wurden versorgt und die Toten gesegnet und begraben. Erst als alles Notwendige veranlasst war und an den Straßen nach Thaxted Wachposten aufgestellt worden waren, gestattete sich Brice, an Gillian zu denken.

     Den ganzen Tag über war ihm immer wieder zugetragen worden, wie es ihr ging. Daher wusste er, dass der Pfeil entfernt worden war, dass sie eine Menge Blut verloren hatte und noch nicht wieder zu sich gekommen war. Sie war in die Zurückgezogenheit seines Zelts gebracht worden, und eine der Frauen aus dem Lager kümmerte sich um sie. All dies hatte er sich aufmerksam angehört, es jedoch vorerst beiseitegeschoben und sich auf den Kampf konzentriert.

     Nun machte er sich auf den Weg zu ihr. Sofern sie bewegt werden durfte, würde er sie in den Wohnturm bringen, wo sie es bequemer hätte und besser versorgt werden konnte. Ihr Gemach war hergerichtet und die Spuren der Durchsuchung beseitigt worden, ein Feuer würde ihr Wärme spenden.

     Ernaut stand vor dem Zelteingang und grüßte ihn mit rebellisch verzogenen Mundwinkeln. Der Junge war alles andere als erfreut darüber, gleich zu Beginn des Gefechts in die letzte Reihe verbannt worden zu sein. Brice verstand seinen Unmut, denn er wusste, sein Knappe glaubte, er sei bereit, sich ihm Kampf als Mann zu erweisen. Diese Gelegenheit war ihm heute verwehrt geblieben.

     „Meine Gemahlin?“, fragte Brice knapp im Gehen.

     „Ist noch nicht wieder bei Bewusstsein, Monseigneur“, erwiderte Ernaut und wollte die Zeltklappe heben.

     Brice trat näher und senkte die Stimme. „Ich möchte dich bitten, auch weiterhin der Leibwächter meiner Gemahlin zu sein, Ernaut. Wie du selbst erlebt hast, ist nicht einmal ihrer Familie zu trauen. Aber ich weiß, dass ich dir vertrauen kann.“ Die Augen des Knaben leuchteten vor Stolz, die verdrossene Miene war auf einen Schlag verschwunden. „Du würdest sie niemals im Stich lassen.“

     „Ja, Monseigneur“, beteuerte Ernaut, der prompt ein Stück gewachsen zu sein schien.

     Als Brice sich durch den Eingang duckte, sah er Gillian zugedeckt auf der Bettstatt liegen. Die Frau, die sie pflegte, stand auf und nickte ihm zu.

     „Sie schläft noch?“, fragte er und kniete sich hin, um Gillian besser in Augenschein nehmen zu können.

     „Ja, Mylord. Sie ist noch nicht wieder aufgewacht, seit sie …“

     Er strich Gillian das Haar aus dem Gesicht und bemerkte, wie blass sie war. Als er die Decken zurückschlug, sah er, dass man ihr die Kleider aufgeschnitten hatte. Die Schulter steckte in einem dicken Verband, der rot durchtränkt war. Offenbar war die Blutung noch nicht gänzlich gestillt.

     „Darf sie getragen werden?“, fragte Brice. Er hatte wenig Erfahrung mit Verletzten. Kleinere Blessuren, die er sich im Kampf zuzog, behandelte er stets selbst, aber diese Wunde hier war schwerwiegender – und Gillian zudem eine zarte Frau und kein abgehärteter Krieger. „Der Wind hat aufgefrischt und kündet Sturm an. Deshalb würde ich sie lieber in die sichere Burg bringen.“

     Die Frau nickte. „Solange Ihr sie dabei nicht durchschüttelt, wird es die Blutung nicht verschlimmern. Und wie Ihr ganz richtig sagt, Mylord, da braut sich ein Unwetter zusammen.“ Sie trat neben Gillian. „Ich werde sie herrichten.“

     Brice stand auf, um ihr Platz zu machen. Er rief nach Ernaut und wies ihn an, die Habseligkeiten im Zelt zusammenzupacken und zur Feste zu bringen.

     Schließlich war Gillian wieder züchtig bedeckt und der Verband gestrafft. Sie war fest in ihren Umhang gewickelt, damit ihr Körper möglichst wenig bewegt wurde. Brice kniete sich auf ihrer unverletzten Seite nieder, schob die Arme unter sie und hob sie vom Lager auf. Er wartete, bis die Frau den Umhang noch einmal festgesteckt hatte, und trug Gillian aus dem Zelt.

     „Wie heißt du?“, fragte er Normannin.

     „Man nennt mich Leoma, Monseigneur.“ Sie ging neben ihm her durchs Lager, in dem es zuging wie in einem Ameisenhaufen.

     „Und dein Mann?“ Alle Frauen hier im Lager waren entweder ihrem Gemahl gefolgt oder hofften, einen zu finden.

     „Danyel ist mein Gemahl“, erwiderte sie.

     Ein anständiger Kerl – Brice hatte ihn in der Bretagne kennengelernt. Sie hatten unter demselben Heerführer gedient, ehe Danyel seine Dienste Giles angeboten hatte. Und Giles hatte ihn nun Brice „geborgt“.

     „Willst du mich begleiten und dich weiterhin meiner Gemahlin annehmen, Leoma? Sie wird Hilfe brauchen, bis sie sich erholt hat.“

     „Gern, Monseigneur.“

 

Brice schwieg, bis sie das Gemach erreichten und er Gillian auf dem Bett ablegte. „Ich werde Danyel wissen lassen, dass du hier bist. Sei so gut und bleib bei ihr, bis sie zu sich kommt.“

     Weder in diesem Augenblick noch später dachte Brice groß über sein Tun nach. In seinen Augen trug er lediglich Sorge für die Frau, die er geehelicht hatte – nicht mehr, nicht weniger. Er würde sich um ihr Wohl und ihre Pflege kümmern, wie es seine Pflicht war. Ihm waren diverse Geschichten über die Dame zu Ohren gekommen, und auf dem Weg hierher hatte er sich oft ausgemalt, wie sie wohl sein mochte. Nichts aber hatte ihn auf die wirkliche Gillian vorbereiten können.

     Dass sie von Thaxted und vor ihrem Bruder davongelaufen war, hatte er ihr als groben Ungehorsam ausgelegt, obgleich es das nicht war. Er hatte sie für einen hohlköpfigen, flatterhaften Wildfang gehalten, der überstürzt handelte. Inzwischen hatte er erkannt, dass Gillian ihre Taten für gewöhnlich wohl durchdachte und sie besonnen handelte. Aber was das Schlimmste war – er hatte geglaubt, dass sie kein Verantwortungsgefühl gegenüber den Menschen von Thaxted besitze, und dabei setzte sie sich für diese ein, sogar dann noch, als sie schwer verletzt und schon beinahe besinnungslos war.

Als Brice in die Kammer zurückkehrte und Leoma gestattete, zu ihrem Gemahl zu gehen, grübelte er unentwegt nach. So viele Verbindungen, die ihm bislang verborgen gewesen waren. So viele Bedrohungen, die es abzuwenden galt. So viele Feinde, die er bekämpfen musste. Selbst als sein Leib sich längst nach Schlaf sehnte, ließen die Fragen ihn nicht in Ruhe. Es wurden immer mehr, und jede Einzelne verwies auf die Frau, die dort ohne Bewusstsein auf dem Bett lag.

     Als Gillian mitten in der Nacht von Fieber befallen wurde, betete Brice inständig, dass er Gelegenheit bekommen möge, sie besser kennenzulernen. Nicht ein einziges Mal kam ihm in den Sinn, dass er sich weit mehr um sie sorgte, als es die Pflicht gebot.

Gillian unterdrückte die Schreie, die in ihr aufstiegen.

     An nichts ergötzte sich ihr Bruder mehr als an der Gewissheit, dass er ihr mit seinen Strafen wehtat und sie ängstigte. Daher hatte sie gelernt, seine Misshandlungen stumm durchzustehen, weil sie ansonsten länger oder grausamer ausfielen. So fest biss sie die Zähne zusammen, dass ihr der Kiefer schmerzte – nur nicht die Qual herauslassen.

     Verbrannte er sie etwa bei lebendigem Leibe? Ihre Haut brannte, und ihr war so heiß, als stünde sie in Flammen. Sie wollte um Wasser bitten, um etwas, das ihr die trockene Kehle netzte und das Feuer linderte, wagte es jedoch nicht. Jede Schwäche, die sie nun zeigte, würde später gegen sie verwendet werden. Als die Glut heißer wurde, entrang sich ihr dennoch ein Stöhnen. Sosehr sie sich auch zur Wehr setzte, die Pein war stärker.

     Gillian versuchte, die Lider aufzuzwingen, um zu sehen, welche Strafe er sich dieses Mal hatte einfallen lassen, aber es gelang ihr nicht. Plötzlich fühlte sie ein kaltes Tuch auf ihrem Gesicht. Sie spürte es auf ihren Wangen, auf ihrem Hals. Das Brennen ließ nach. Ein sanftes Flüstern mischte sich in die Kühle, und Gillian glaubte schon, sie werde womöglich doch überleben.

     Dann aber endete das Labsal so abrupt, wie es gekommen war, und die Züchtigung begann aufs Neue. Schließlich gewann der Schmerz die Oberhand, und Gillian schrie auf, unfähig, sich zurückzuhalten.

     So müde war sie der Angst. So müde war sie Folter und Qual. So müde war sie … einfach allem.

     Gillian gab den Kampf auf und ließ sich fallen.

Als sie das nächste Mal zu sich kam, war es dunkel um sie her. Gillian hörte, wie sich nicht weit entfernt von ihr jemand regte. Das Feuer in ihr war erloschen, doch der Schmerz durchbohrte sie nach wie vor, beschränkte sich nun allerdings auf linke Schulter und Arm. Obwohl die Flammen ihr nicht länger zusetzten, konnte Gillian sich nicht rühren – es war, als sei alle Kraft aus ihrem Körper gewichen, als sei sie so hilflos wie ein Neugeborenes.

     Endlich öffnete sie die Augen und sah sich um. Sie lag in ihrem eigenen Bett in ihrer eigenen Kammer in Thaxted Hall! Hatte sie die Drangsal und Prüfungen der vergangenen Tage womöglich nur geträumt? Hatte etwa irgendeine Krankheit ihrem Verstand vorgegaukelt, sie sei entflohen und von dem normannischen Lord aufgegriffen worden, dem sie als Braut versprochen war? Gillian wollte den Kopf heben, schaffte es jedoch nicht.

     „Seid Ihr wach, Madame?“

     Sie erkannte die tiefe Stimme. Als er näher trat, erblickte sie einen Brice, der so gänzlich anders war als der, den sie zuvor erlebt hatte. Dieser hier trug einen kurzen struppigen Bart, hatte dunkle Ringe unter den Augen und wirkte, als habe er nächtelang nicht geschlafen. Sie versuchte zu antworten, doch die Worte blieben ihr in der ausgedörrten Kehle stecken und ließen sie husten.

     „Hier, trinkt“, sagte er leise, schob ihr eine Hand unter den Kopf und stützte ihn. „Nehmt einen Schluck, ehe Ihr sprecht.“

     Es war verdünntes Bier, und es schmeckte herrlich und rann ihr noch viel herrlicher die staubtrockene Kehle hinab. Sie nahm einige Züge und hätte gern mehr getrunken, aber Brice entzog ihr das Getränk. Sie war nicht kräftig genug, sich aufzurichten und dem Becher mit dem Mund zu folgen.

     „Langsam … langsam.“ In seiner Stimme schwang eine Spur Belustigung mit – neben dem Akzent, der ihr zu gefallen begann. „Ihr bekommt mehr, sofern Ihr bei Euch behaltet, was Ihr getrunken habt.“

     „Was ist geschehen? Wie kommt es, dass ich in meinem Bett liege?“ Abermals ließ Gillian den Blick umherschweifen, um sich zu vergewissern, dass dies kein Traum war. „Und wo ist mein Bruder?“

     Brice drehte den Stuhl neben dem Bett um, setzte sich rittlings darauf und sah sie an. „Euer Bruder ist während des Angriffs geflohen.“ Er verstummte und betrachtete sie eingehend, um dann ihre übrigen Fragen zu beantworten. „Nachdem er Euch hinterrücks angeschossen hat … Nachdem wir durch den Tunnel eingedrungen sind. Als Eure Wunde aufgehört hat zu bluten – nun, zumindest weitestgehend aufgehört hat –, habe ich Euch hergebracht, damit Ihr es bequemer habt.“

     „Wie lange ist das her, Mylord? Wie lange war ich besinnungslos?“

     „Vier Tage sind vergangen, seit Ihr verletzt worden seid“, erwiderte er, und in seiner Stimme schwang Erschöpfung mit. „Noch in derselben Nacht habt Ihr zu fiebern begonnen, und das Fieber hat Euch drei Tage und Nächte lang in seinen Klauen gehabt.“ Er begegnete ihrem Blick. „Erst heute Morgen ist es abgeklungen.“

     Sie wollte sich aufsetzen, kam aber nicht weiter als zuvor. Schon beim Versuch, den Arm zu bewegen, schoss ihr blitzartig Schmerz durch die Schulter bis hinab zur Hand. So heftig war er, dass sie aufkeuchte, sich zurücksinken ließ und bemüht war, den Arm nicht mehr zu rühren.

     „Und seitdem seid Ihr hier?“

     Brice, der noch immer auf dem Stuhl saß, streckte sich und verschränkte die Arme vor der Brust, ehe er mit den Schultern zuckte und den Kopf schüttelte.

     „Die meisten Nächte über“, erwiderte er. „Tagsüber war vorwiegend Leoma bei Euch und hat Euch gepflegt.“

     „Leoma?“ Der Name sagte ihr nichts. Nachdem ihre alte Dienerin gestorben war, hatte Oremund ihr keine neue zugestanden, deren Treue sie hätte gewinnen können. Wenn sie Hilfe brauchte, hatte er ihr jeweils die Frau geschickt, mit der er gerade das Bett teilte. Den Namen Leoma hatte sie nie zuvor gehört.

     „Sie ist mit einem meiner Männer verheiratet, lebt jedoch, wenn sie ihrem Gemahl nicht in den Krieg folgt, auf Taerford. Sie hat Eure Wunden versorgt und sich um all Eure Bedürfnisse gekümmert, während ich meinen Verpflichtungen nachkommen musste.“

     Er stand auf und schritt zu einem kleinen Kohlebecken in der Ecke. Mit einem Metallbecher in der Hand kehrte er zurück, stellte ihn auf dem Tisch ab und half Gillian, sich aufzusetzen. Das kostete sie mehr Anstrengung, als er sich vermutlich vorstellen konnte. Zu gern wäre sie einfach auf das Bett zurückgesunken, anstatt sich an Torheiten wie einer aufrechten Haltung zu versuchen. Als sie endlich ohne Hilfe sitzen konnte, hielt Brice ihr den Becher an die Lippen.

     „Ein wenig Rinderbrühe, um Euch zu stärken“, sagte er und neigte das Gefäß. „Leoma hat mir aufgetragen, Euch das trinken zu lassen, sobald Ihr aufwacht.“

     Gillian nahm mehrere Schlucke der nahrhaften, heißen Brühe, genoss die Würze und spürte, wie ihr Bauch sich mit Wärme füllte. „Und wo habt Ihr geschlafen?“

     „Dort.“ Er wies auf den Stuhl.

     Sie durchschaute die Lüge, kaum dass er sie ausgesprochen hatte – sein übernächtigtes Erscheinungsbild offenbarte ihr die Wahrheit. Er hatte kein Auge zugetan, seit sie verletzt worden war. Gillian ließ sich einige weitere Schlucke von ihm einflößen, ehe sie mit einem Kopfschütteln zu verstehen gab, dass es genug sei.

     „Wie spät ist es, Mylord?“

     Brice trat ans Fenster und schlug den Lederschutz zurück. Blitze tauchten die Kammer in Licht, und Gillian hörte Regen niederprasseln. Außer dem Wetterleuchten drang kaum Helligkeit herein. „Kurz nach Sonnenuntergang“, beschied er. „Wenngleich das schwer zu sagen ist. Der Sturm tobt seit nunmehr drei Tagen.“

     Da Gillian überzeugt war, Brice werde nicht freiwillig von ihrer Seite weichen, versuchte sie es mit Nachdruck. „Ihr müsst Euch ausruhen, Mylord. Sonst werdet Ihr nicht in der Lage sein, Thaxted zu verteidigen, wenn Oremund zurückkehrt.“

     Er starrte sie an, und sie sah, dass ihre Worte ihn verblüfften. „Er ist fort, Gillian“, sagte er kopfschüttelnd. „Meilenweit ist keine Spur von ihm. Meine Männer haben nach ihm gesucht.“

     „Vorerst. Aber er wird wiederkommen, sobald er genügend Krieger hat, um Euch von hier zu vertreiben. Seid versichert, Mylord.“ Sollte Brice keine Einsicht zeigen, dann zumindest nicht deshalb, weil sie nicht alles versucht hatte. „Es ist nicht seine Art, auf etwas zu verzichten, das er haben will.“

     So plötzlich, wie sie aufgewacht war, überkam sie nun Müdigkeit. Es fiel ihr zunehmend schwer, die Augen offen zu halten und ein vernünftiges Gespräch mit Brice zu führen. Noch schwerer fiel es ihr, ihm nicht zu eröffnen, weshalb Oremund tatsächlich so sehr hinter ihr her war.

     „Lasst Euch helfen“, sagte Brice, bevor sie darum bitten konnte. „Ihr seid schwach und braucht Zeit, um zu genesen.“

     Mit seiner Unterstützung gelang es ihr, sich hinzulegen, ohne die verwundete Schulter allzu sehr zu belasten. Sie ließ zu, dass Lord Brice ihren Arm stützte, und folgte seinen Anweisungen, wodurch der Schmerz in Schulter und übrigem Körper erträglich blieb. Als Brice sich abwenden wollte, ergriff sie seine Hand und hielt ihn zurück.

     „Bitte, Mylord“, flüsterte sie, und die Worte kamen nur mühsam heraus. „Tut Euch etwas Gutes, ruht Euch aus“, drängte sie. Seine Hand entglitt ihr, und sie sank in die Kissen zurück. „Bitte.“

     Sie erfuhr nicht, ob er ihre Ermahnung beherzigte, aber als sie des Nachts erwachte, war er fort. Eine Kerze brannte, und in ihrem Licht sah Gillian, dass die Kammer leer war. Nur Ernaut wachte auf dem Gang gegenüber der offenen Tür.

     Als sie das nächste Mal zu sich kam, war der Morgen angebrochen. Leoma saß auf dem Stuhl, auf dem Brice gesessen hatte, und war mit Flickarbeiten beschäftigt. Nachdem die Lederbespannung vor dem Fenster zurückgebunden war, ergoss sich helles Sonnenlicht in den Raum. Erfreut stellte Gillian fest, dass sie sich immer länger aufsetzen, immer mehr essen und trinken konnte. Langsam kehrten ihre Kräfte zurück.

     Einige Tage darauf schaffte sie es bereits mit etwas Hilfe, aufzustehen und sich Unterkleid und Gewand überzustreifen, obwohl sie noch den dicken Verband trug. Ihr Gemahl besuchte sie regelmäßig, blieb aber nie länger als ein paar Augenblicke. Und nie sprach er über wichtige Dinge. Je kräftiger sie wurde, desto mehr Fragen hatte sie an ihn, doch ehe sie auch nur eine stellen konnte, war er stets bereits wieder verschwunden. Jeder Versuch, sich seine Aufmerksamkeit zu sichern, schlug fehl. Wollte sie die Kammer verlassen, hielten Leoma und Ernaut sie mit vereinten Kräften zurück.

     Weit schlimmer jedoch war, dass niemand ihr Genaueres über die Eroberung von Thaxted und die Zahl der Toten mitteilte. Hatte es eine Schlacht gegeben, oder war Brice ihrem Rat gefolgt und durch den Geheimtunnel in die Burg gelangt? Keiner sagte ihr, wer geblieben und wer mit Oremund geflohen war. Und niemand verriet ihr, welche Vorbereitungen Lord Brice traf, um Thaxted gegen die Rückkehr ihres Halbbruders zu verteidigen.

     Nach einer Woche schließlich war Gillian so gereizt, dass sie jeden hätte anfahren können, der das Gemach auch nur betrat – ein deutliches Zeichen dafür, dass es ihr gut genug ging, dieses Gefängnis zu verlassen. Also nutzte sie Leomas Abwesenheit und stahl sich auf einem Weg aus dem Wohnturm, den nur sie kannte. Wenn niemand ihr erzählen wollte, wie es um Thaxted und die Menschen stand, würde sie es eben selbst herausfinden.

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