Vom Feind erobert - 11. Kapitel

11. Kapitel

Rasch ging Gillian auf, dass sie doch noch nicht so weit genesen war, wie sie angenommen hatte. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis sie sich die schmale hölzerne Stiege hinabgetastet hatte. Den Arm mit der verletzten Schulter trug sie in einer Schlinge, und so bereitete ihr die Treppe einige Mühe. Als sie endlich unten angelangt war, musste sie Atem schöpfen, ehe sie sich daranmachte, die von außen getarnte Metalltür zu öffnen, die den Zugang zu dem Geheimgang verbarg. Sie spähte in die Kate des Schmieds und wagte sich erst heraus, als sie sich vergewissert hatte, dass diese leer war.

     Haefen, der Schmied, stand nicht an seinem Amboss. Er war einer der wenigen Männer, in deren Gegenwart sie sich sicher fühlte, denn seine verstorbene Frau war ihre Tante gewesen. Gerade zu Kriegszeiten war Haefen zu wichtig, als dass Oremund ihn hätte verbannen können. Nicht ohne Grund hatte Gillians Vater den geheimen Gang von ihrer Kammer – und den Tunnel von draußen – zur Schmiede legen lassen – Haefen war groß und stark und hätte ihre Mutter und sie im Notfall schützen und in Sicherheit bringen können. In der Esse brannte Feuer, aber vom Schmied selbst war nichts zu sehen.

     Heilige Jungfrau! Hatten die Krieger von Lord Brice ihn etwa getötet, als sie in die Feste eingedrungen waren? Gillian trat aus dem Schatten und hielt Ausschau nach Haefen. Er war der einzige nahe Verwandte, den sie außer ihrem Bruder besaß, und so klopfte ihr das Herz bei dem Gedanken daran, dass er im Bemühen, das Leben anderer zu retten, sein eigenes verloren haben mochte. Sie schlich zur offen stehenden Tür der Hütte, um zu schauen, ob Haefen vielleicht im Hof war.

     Auch dort war keine Spur von ihm, wenngleich auf dem Hof selbst rege Betriebsamkeit herrschte. Männer schleppten schwere Steinquader, um die Mauern auszubessern. Einige zerlegten Baumstämme zu Planken, und wieder andere befolgten die Befehle der normannischen Krieger. Allerdings machte sie weder Haefen noch Lord Brice aus. Gillian hielt sich dicht an den Wänden der Gebäude und beobachtete im Gehen, wie alle im Innern der Feste Hand anlegten, um instand zu setzen und wieder aufzubauen. Keiner der Bewohner Thaxteds schien bedroht oder in Gefahr, sie alle werkelten Seite an Seite mit den normannischen und bretonischen Eindringlingen – mit verdrießlicher Miene zwar, die ihnen unter Oremund eine ordentliche Tracht Prügel eingebracht hätte, die aber von den Eroberern entweder übersehen oder geduldet wurde.

     Gillian gelangte unbemerkt zu der Stelle, an der die Pferde untergebracht waren. Ein großes Stück des Hofes war umzäunt worden, und hier endlich entdeckte sie den emsig arbeitenden Haefen. Sie rief ihn und schritt auf den Pferch zu. Er wirkte wohlauf. Gillian spürte, wie ihr Tränen in die Augen traten, sosehr freute sie sich, dass er lebte.

     „Mein Mädchen!“ Haefen griff über den Zaun, hob sie kurzerhand zu sich hinüber und schloss sie in die Arme. Während er sie festhielt und wiegte, hätte sie schreien können vor Schmerz, doch die Umarmung fühlte sich ungemein tröstlich an.

     „Onkel“, flüsterte sie. „Ich bin ja so froh, dass du lebst. Ich hatte Angst, du … Ich hatte gefürchtet, du … du seiest tot.“ Noch brachte sie es nicht über sich, ihm zu beichten, dass sie dem Feind den Zugang zur Burg verraten hatte. Haefen ließ sie los, und Gillian ergriff Halt suchend seine Hand.

     „Nein.“ Er schüttelte beschwichtigend den Kopf. „Ich hab vom Plan deines Bruders erfahren. Hab die Streitmacht dieses Lords gesehen und gewusst, dass er Thaxted bekommen würde.“ Er trat einen Schritt zurück und begutachtete sie von Kopf bis Fuß. „Dein Bruder sagte, du bist tot. Hat uns weismachen wollen, er sei der Einzige, der uns vor den Normannen retten kann.“ Er grinste und schüttelte abermals den Kopf. „Hätte wissen müssen, dass du zu störrisch bist zum Sterben.“

     Die Tränen begannen von allein zu fließen. Hastig wischte Gillian sie fort. „Was ist mit den anderen? Wie viele hat Thaxted verloren?“

     „Nicht viele. Die meisten der Gefallenen gehörten zu Oremunds Kriegern. Dein Bruder hat einige umgebracht, weil sie fliehen wollten, kurz nachdem du dich davongemacht hast. Die Übrigen sind noch da und warten ab, wer sich als Lord durchsetzt.“

     Gillian nickte. Ihnen beiden war klar, dass es noch nicht vorbei war. Bevor sie ihren Onkel weiter mit Fragen löchern konnte, ergriff er das Wort. „Traust du diesem Normannen?“

     „Ich weiß nicht so recht.“ Sie überdachte ihr eigenes Verhalten und das von Brice, und ihr wurde bewusst, dass sie ihm in vielerlei Hinsicht tatsächlich traute. „Weshalb fragst du?“

     „Weil er gerade herkommt und so wirkt, als wolle er dich umbringen“, entgegnete Haefen und baute sich schützend vor Gillian auf. „Wie’s aussieht, wollen das eine Menge Leute in letzter Zeit.“

     Wie wahr. Sie schien tatsächlich viele Menschen zur Weißglut zu bringen – vorrangig diejenigen, die sie zu beherrschen versuchten. Sie spähte an Haefen vorbei und zuckte unter den wütenden Worten zusammen, die ihr Gemahl auf sie niederprasseln ließ. Da waren sie also wieder an dem Punkt angelangt, an dem er sie lauthals verfluchte. Das hieß nichts Gutes für ihren Onkel. Sich selbst wähnte Gillian sicher, aber sie wusste nicht, wie Brice mit Leuten umsprang, die sich ihm in den Weg stellten. Womöglich schwebte ihr Onkel in weit größerer Gefahr als sie, und sie beeilte sich, vor ihn zu treten, ehe ihr Gemahl sie beide erreichte.

Brice erblickte sie vom Wachtturm aus. Wenn er künftig sichergehen wollte, dass sie blieb, wo sie war, würde er sie wohl ans Bett ketten müssen, so wie seine Männer sie damals im Zelt gefesselt hatten. Er ließ den Blick über den Hof schweifen, sah jedoch keine Spur von Ernaut oder Leoma. Dabei hatte er ihnen doch eingeschärft, Gillian nicht einen Atemzug lang allein zu lassen, wenn er nicht selbst bei ihr sein konnte. Er hastete die Stiege vom Ausguck hinab und hatte den Hof zur Hälfte überquert, als ihm aufging, wie närrisch er sich verhielt; also verlangsamte er seine Schritte. Lucais, den er mitten im Satz stehen gelassen hatte, folgte ihm auf den Fersen. Ehe Brice den behelfsmäßigen Pferch für die Pferde erreichte, hatten sich weitere Männer zu ihnen gesellt.

     Bei jedem Fluch, den Brice ausstieß, lachte Lucais laut auf. Das mäßigte seine Wut nicht eben, erst recht nicht, als er mit ansehen musste, wie der vierschrötige Schmied Gillian in die Arme schloss – und seiner Frau dies auch noch zu gefallen schien. Umarmt zu werden von einem anderen Mann. In aller Öffentlichkeit. In dem Moment musste er sein Schwert gezogen haben, wenngleich Brice dies erst auffiel, als er es in der Hand hielt. Der Kerl erkannte die Gefahr und stellte sich schützend vor Gillian.

     Als seine Gemahlin – verwünscht sei sie – ihn fluchend auf sich zukommen sah, trat sie ihrerseits vor den Schmied. Obwohl sie sich kaum aufrecht halten konnte, ihre Wunde noch nicht verheilt war und er mit erhobenem Schwert auf sie zustapfte, wich sie keinen Zoll. Einige Schritte vor ihr blieb er stehen und senkte die Waffe.

     „Bleibt Ihr eigentlich niemals dort, wo man Euch gelassen hat?“, fragte er, ohne wirklich eine Antwort zu erwarten. Als sie zu einer ansetzte, brachte er sie mit einem wütenden Blick zum Verstummen.

     Es freute ihn, dass sie wieder auf den Beinen war und es ihr besser ging. Doch sie war bleich wie ein Geist und atmete schwer, und das sagte ihm, dass sie keineswegs kräftig genug war, sich auf dem Hof herumzutreiben. Allein.

     Um sich von fremden Männern betatschen zu lassen.

     „Das hat ihr seliger Vater auch oft beklagt, Mylord“, antwortete dieser Halunke von Schmied an ihrer statt.

     „Was fällt dir ein, Mann?“, stieß Brice hervor und schluckte hinunter, was ihm eigentlich auf der Zunge lag: Was fällt dir ein, dir solche Vertraulichkeiten gegenüber meiner Gemahlin herauszunehmen? Um zu verdeutlichen, was er meinte, deutete er in Richtung der Pranke des Mannes um Gillians Taille.

     „Mylord“, mischte sich Gillian ein. „Dies ist mein Onkel Haefen.“

     Aus schmalen Augen fixierte Brice den Flegel, der ihm nur als der Schmied von Thaxted geläufig war. „Ich dachte, Ihr hättet keine Verwandten mehr, Madame. Auf welch wundersame Weise ist dieser hier zum Leben erwacht?“ Argwohn packte ihn. Zwischen den beiden bestand keinerlei Ähnlichkeit. Also doch eine Beziehung gänzlich anderer Natur?

     „Hab ihre Tante geheiratet, Mylord. Wir sind nicht blutsverwandt.“

     Der Mann verhält sich nicht aufmüpfig, stellte Brice fest. Er war ja auch nur ein Schmied, er hingegen ein Krieger sowie der neue Lord of Thaxted. Nie hätte er eine Chance gegen ihn gehabt. Genauso wenig gab er sich allerdings duckmäuserisch, wie es so viele Gemeine vor Menschen taten, die durch ihre Geburt als etwas Besseres galten.

     „Was habt Ihr mit diesem Mann zu schaffen, Madame? Ihr solltet im Bett liegen und Euch erholen.“ Nun, da er wusste, welches Band zwischen den beiden bestand, war der Großteil seines Ärgers verschwunden. Dennoch – dass der erste Mensch, zu dem sie lief, ausgerechnet dieser riesige Kerl dort war, schmeckte Brice nicht.

     „Ich wollte mich nur vergewissern, dass mein Onkel am Leben ist“, erwiderte sie, wobei ihre Stimme immer schwächer und sie selbst zusehends blasser wurde.

     „Kehrt in Eure Kammer zurück, wir werden das später bereden“, wies er sie an.

     „Ich kann nicht, Mylord.“

     Die Antwort drückte keinen Trotz, sondern schlicht eine Feststellung aus. Das begriff Brice, als Gillian auch schon kalkweiß wurde und ohnmächtig zusammensank. Hätte ihr Onkel sie nicht an der Taille gehalten, wäre sie bäuchlings im Staub gelandet. Brice schob sein Schwert zurück in die Scheide und erlöste den Schmied von seiner Last. Er hob Gillian auf die Arme und achtete dabei sorgsam auf ihre verbundene Schulter.

     „Komm in die Halle, ich will mit dir sprechen“, befahl er Haefen im Gehen.

     Wenige Augenblicke später war Gillian zurück im Wohnturm. Ernaut blinzelte ihnen verwirrt entgegen. Brice sah, wie der Junge erkannte, dass er in der Erfüllung seiner Pflicht versagt hatte. Entschuldigen konnte er dies zwar nicht, aber andererseits konnte er seinen Knappen auch schlecht für etwas maßregeln, das ihm selbst unerklärlich war.

     „Monseigneur“, brachte Ernaut heraus, öffnete die Tür und wartete, bis Brice seine Gemahlin auf dem Bett abgelegt hatte. Mit dem Handrücken befühlte er ihre Wange und dankte dem Herrn, denn nichts zeugte davon, dass das Fieber zurückgekehrt war.

     „Wir klären das später, Ernaut. Wo ist Leoma?“

     Die kam, als er Gillian zugedeckt und Ernaut gewinkt hatte, ihm hinaus auf den Gang zu folgen. Leoma trug ein Tablett mit Speisen – genau danach hatte seine Gemahlin sie vermutlich geschickt, um unbehelligt entwischen zu können. Sowohl Leoma als auch Ernaut waren ihm ergeben, weshalb er ihnen keine vorsätzliche Täuschung zutraute. Aber beide mussten begreifen, dass sie es mit einem so willensstarken wie aufgeweckten Gegner zu tun hatten, den es zu schützen galt – nicht zuletzt vor sich selbst.

     „Ich habe sie im Hof gefunden“, erklärte Brice. „Da ihr keine Flügel gewachsen sind und ich weiß, dass Ernaut seinen Posten nicht verlassen hat, muss es noch einen weiteren Weg aus der Kammer geben.“

     Die beiden tauschten einen Blick, sahen wieder Brice an und nickten.

     „Pass auf sie auf, Leoma. Ich denke nicht, dass sie genügend Kraft für eine weitere Flucht aufbringt …“, er hörte selbst, wie aberwitzig dies angesichts der Umstände klang, „… aber ich will nicht, dass sie sich selbst Schaden zufügt, indem sie es auch nur versucht.“

     Brice hatte bereits geargwöhnt, dass es, abgesehen von dem Tunnel, weitere geheime Gänge unterhalb der Feste gab. Mit seinen Männern hatte er jeden Winkel abgesucht, auch Gillians Gemach, jedoch nichts gefunden.

     Da er Gillian wohl versorgt wusste, begab er sich in die Halle. Dort erblickte er den Schmied, bewacht von Lucais. Brice bedeutete ihm mit einer Geste, ihm zu folgen, und führte ihn zu einer Seite des Raums, wo ein Tisch und Bänke standen. Dort besprach er sich für gewöhnlich mit seinen Befehlshabern.

     Er verlangte nach Bier und sah der Magd nach, die sich sichtlich Zeit ließ. Er schüttelte den Kopf, drauf und dran, die Beherrschung zu verlieren ob der Säumigkeit der Bediensteten. Damit verhielt es sich im Wohnturm nicht anders als in der übrigen Festung. Die verhohlenen wie auch die offenen Blicke der Angelsachsen waren entweder leer oder voller Feindseligkeit – und niemand machte sich die Mühe, diese Haltung vor ihm oder seinen Gefolgsleuten zu verbergen. Mehr als einmal hatte er erlebt, wie einer seiner Männer dies mit einer Ohrfeige vergolten hatte, doch ihm selbst lag solche Art der Züchtigung nicht.

     Zumindest bislang nicht.

     Brice goss Bier in einen Becher und reichte ihn dem nach wie vor stehenden Schmied. Er schickte Lucais zurück an die Arbeit und nahm selbst einen Schluck Bier.

     Er wusste, dass Oremund Spione zurückgelassen hatte. Gesinde, das ihm treu war und ihn über alle möglichen Dinge auf dem Laufenden hielt – wie viele kampftaugliche Männer es gab, wie diese ausgerüstet und bewaffnet waren und was an Nahrungsmitteln und anderen Vorräten da war. Auch Giles war in Taerford auf Widerstand gestoßen. So wie sein Freund musste er ebenfalls herausfinden, wer dahintersteckte. Er würde die Übeltäter jedoch nicht bestrafen, sondern ihnen Gelegenheit geben, statt Oremund ihm Gefolgschaft zu schwören.

     Und mit seinen Nachforschungen würde er beim Schmied beginnen.

     „Bist du Freier oder Leibeigener, Haefen?“, fragte er und wies dem Mann mit einer Geste einen Platz zu.

     „Ich bin frei, wie der Müller, der Kerzenmacher und der Brauer.“ Die Einladung, sich zu setzen, schlug Haefen aus.

     „Wie lange lebst du schon in Thaxted?“

     „Bin hier geboren und aufgewachsen, Mylord“, entgegnete er. „Wie die meisten hier“, fügte er an, und Brice meinte, ein Zögern herauszuhören. Er hakte nach.

     „Und Lord Oremund? Wie lange hat der hier gelebt?“ Brice trank noch einen Schluck Bier, den Blick starr auf Gillians Onkel gerichtet.

     „Er kam her, kurz nachdem sein Vater im letzten September bei Stamford Bridge gefallen ist.“

     „Vergangenen September erst?“ Bei ihrer Unterredung neulich früh hatte er sich aufgeführt, als weile er schon seit seiner Geburt auf Thaxted Castle. „Wo war er vorher?“

     „Lord Eoforwic hat dem jungen Oremund vor einigen Jahren eines seiner größeren Güter abgetreten.“

     „Weshalb hat Oremund nicht zu den Waffen gegriffen und bei Stamford Bridge und Hastings gekämpft, wie er es seinem König geschuldet hätte?“

     „Ich bin wohl kaum der Richtige, all diese Fragen zu beantworten, Mylord“, wandte Haefen ein.

     „Aber du bist ein Freier, Schmied. Du kannst kommen und gehen, wie es dir beliebt. Du kannst deinen Lohn aushandeln und Bedingungen stellen. Also bist du weit besser geeignet, meine Fragen zu beantworten, als ein Leibeigener, der seinem Herrn in jeder Hinsicht verpflichtet ist. Ein Leibeigener darf keine andere Meinung kennen als die seines Herrn. Die meisten Leibeigenen kennen ja nicht einmal die Welt jenseits ihrer Scholle. Ein Freier hingegen hat einen weiteren Horizont.“

     Kurz meinte Brice, diesem Freien würde es tatsächlich belieben, zu gehen und eine Antwort schuldig zu bleiben, aber nach einem Moment, der sich in die Länge zog, sprach Haefen doch.

     „Es gab eine Abmachung“, räumte er widerwillig ein. „Lord Oremund und Raedan sollten sich zurückfallen lassen und König Harolds Heer den Rücken decken.“

     Das klang abwegig. Herzog William hatte kurz vor der Schlacht von Hastings die Botschaft erhalten, dass Harold die Truppen seiner Widersacher Tostig und Harald Hardråde bei Stamford Bridge ordentlich ausgedünnt habe. Die einzigen Streitkräfte, die ihm in den Rücken hätten fallen können, waren die des Earl of Mercia und des Earl of Northumbria, und die waren seine Verbündeten.

     Zudem wäre bei Hastings jeder Mann gebraucht worden, um das Ruder zu Harolds Gunsten herumzureißen. Hatte Harold sich durch seine beiden Schwäger Edwin of Mercia und Morcar of Northumbria letztlich doch bedroht gefühlt? Hatten sich etwa alte Rivalitäten und Machtrangeleien zu den Gefahren und Gegnern gesellt, denen sich Harold Godwinson in seinen letzten Herrschertagen in England gegenübersah?

     Brice fiel ein, dass sich Harolds Sohn Edmund mitsamt seinen Anhängern weiterhin in Lauerstellung befand. Der Kindkönig Edgar Ætheling und die Earls aus dem Norden Englands weilten zwar auf Williams Geheiß hin in der Normandie. Aber nach wie vor gab es genügend entrechtete, dennoch einflussreiche angelsächsische Lords und Landbesitzer, die William das Leben schwer machen konnten – vor allem, wenn ein starker Anführer auf den Plan trat.

     Er atmete tief durch. Einst hatte er Giles gesagt, dass es nicht klug gewesen sei, Edmund am Leben zu lassen. Das war nun mehrere Monate her, aber Brice wurde das Gefühl nicht los, dass die Folgen dieses Gnadenakts wesentlich zu den Verwicklungen beitrugen, mit denen er sich heute herumschlagen durfte. Wie ironisch es doch anmutete, dass sein Schicksal nach wie vor mit dem von Giles verwoben war, obwohl so viele Meilen sie trennten.

     Ihm kam seine Gemahlin in den Sinn, die in ihrer Kammer lag. Viel zu viele Fragen verlangten nach einer Antwort.

     „Was will Oremund mit Gillian?“

     „Das, was jeder Edelmann mit den unverheirateten Frauen in der eigenen Familie tun will – sie benutzen, um Verbindungen zu anderen Familien aufzubauen.“

     Dieser Haefen wusste zu viel. Und Brice gewann den Eindruck, dass nichts diesen Mann dazu bewegen würde, Gillian zu verraten. Der Schmied verschränkte die Arme vor der mächtigen Brust, und Brice fragte sich, wer von wem gelernt hatte, was Sturheit war – der Onkel von der Nichte oder umgekehrt.

     „Lebt deine Frau gar nicht hier in Thaxted?“

     Zum ersten Mal, seit er den Mann zusammen mit Gillian gesehen hatte, zeigte dieser Schwäche. Schmerz glomm in seinen Augen auf, war aber gleich wieder verschwunden. Hätte Brice es nicht selbst gesehen, so hätte er es nicht für möglich gehalten.

     „Sie ist tot, Mylord“, entgegnete Haefen. Seine Stimme war tonlos und strafte seine Unerschütterlichkeit Lügen.

     Allmählich begann das große Ganze sich abzuzeichnen. Noch war es nur vage auszumachen, aber ein paar Fäden des Netzes konnte Brice bereits entwirren. Ihm war klar, dass Haefen aus mehreren Gründen in Thaxted geblieben war. Der erste und vorrangige war, Gillian zu beschützen – ob vor ihm oder Oremund, das würde er erst ergründen müssen. Er trank sein Bier aus und erhob sich.

     „Du kannst deine Nichte sehen, wenn du willst. Ich bin sicher, sie hat viel mit dir zu bereden. Lass sie ausschlafen und komm vor dem Nachtmahl wieder.“ Er wartete auf eine Antwort.

     „Habt Dank“, sagte Haefen schließlich und neigte zum ersten Mal den Kopf.

     „Und morgen bring die übrigen Freien her“, fuhr Brice fort, „damit wir besprechen können, was für Thaxted und die Menschen hier getan werden muss. Das würde ich gern klären, solange wir mit dem Wiederaufbau beschäftigt sind.“

     „Ja, Mylord.“ Abermals die Andeutung einer Verbeugung. Ein Zeichen dafür, dass da Achtung keimte?

     Haefen ging. Brice forderte Lucais mit einer Geste auf, ihm zum Wachtturm zu folgen. Es war das höchste Gebäude von Thaxted. Von dort aus konnte man die Gegend meilenweit überblicken. Und zudem war es der einzige Ort, an dem man sich unterhalten konnte, ohne belauscht zu werden.

Erst Stunden später wurde Brice durch seinen grummelnden Magen daran gemahnt, dass er noch gar nichts gegessen hatte. Außerdem hatte er über eine Woche lang kein Gespräch mehr mit Gillian geführt, das der Rede wert gewesen wäre.

     Schlimmer noch – er hatte sie nicht einmal streicheln oder küssen oder gar in einem Bett mit ihr schlafen können, weil er fürchtete, er könne an ihre Verletzung rühren und ihr Schmerzen bereiten. Nun jedoch, da er sich davon hatte überzeugen können, dass sie auf dem Wege der Besserung war, wollte er sie sehen.

     Um die Wahrheit zu sagen, wollte er ihr jeden Zoll Stoff vom Leibe reißen, vor allem dieses verfluchte schleierartige Tuch, das ihr Haar und einen Großteil ihres Gesichts bedeckte. Er wollte erkunden, was unter der Kleidung war, und dies in der Behaglichkeit eines warmen, trockenen Betts, ohne dass jemand horchte oder störte. Er wollte sie leise keuchen hören, wie sie es tat, wenn er sie an den geheimsten, empfindsamsten Stellen berührte.

     Prompt spürte er seine Lenden sich regen, wie stets, wenn er an seine Frau dachte. Er täte gut daran, selbst den Ratschlag zu beherzigen, den er Giles einst so unbedacht gegeben hatte: Verfolge den Weg unbeirrbar weiter, den du eingeschlagen hast. In den Augen seiner Männer war Gillian seine Gemahlin, denn sie waren bei der Vermählung dabei gewesen. Aber er wusste nicht, welche Geschichten den Leuten von Thaxted zu Ohren gekommen waren.

     Nun, da es Gillian besser ging, wäre es unklug, sie in ihrer Kammer einzusperren. Das würde so aussehen, als sei sie seine Gefangene. Dagegen würde zwar der Besuch ihres Onkels sprechen, aber das reichte nicht. Gillian musste sich den Menschen von Thaxted als seine Gemahlin zeigen. Die Lage ähnelte der, die damals in Taerford geherrscht hatte, mit einigen Unterschieden. Als Lady Fayth damals von der Bildfläche verschwunden war, hatten die Leute sich nach ihr erkundigt und darauf bestanden, sie zu sehen. Nicht ein Mensch, nicht einmal ihr Onkel, hatte hingegen Besorgnis um Gillian geäußert. Brice wusste nicht so recht, was er davon halten sollte, doch ein gutes Zeichen war es nicht.

     Die Menschen, die in der Halle schliefen, richteten sich bereits für die Nacht ein, als Brice den Raum durchquerte. Im Gehen wies er eine Magd an, ihm etwas zu essen zu bringen, und nahm dann die Stufen nach oben.

     Verfolge den Weg weiter, den du eingeschlagen hast. Oh, er wusste genau, wohin ihn sein Weg führen würde.

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