Vom Feind erobert - 13. Kapitel

13. Kapitel

„Mylady?“

Gillian lag allein im Bett, fest in die Decken gehüllt. Wenn sie es zuließ, spürte sie noch immer Brices starke Arme um sich. Sie verdrängte Leomas Stimme, schloss die Augen und atmete den Duft ein, den ihr Gemahl hinterlassen hatte.

     Männlich.

     Nach Leder.

     „Mylady?“, versuchte Leoma es erneut. „Seid Ihr wach?“

     Gillian schlug die Decken zurück und seufzte. „Ja, Leoma, ich bin wach.“ Das war sie tatsächlich, obgleich sie hartnäckig bemüht war, im Land des Schlafs und der Träume zu verweilen. Und, ach, was für Träume das gewesen waren! Doch das gleißende Licht kündete von einem herrlichen Vorfrühlingstag, und dieser lockte sie ebenso wie die Träume.

     „Lord Brice lässt fragen, ob Ihr ihm beim Morgenmahl Gesellschaft leisten wollt.“

     Viel zu hastig setzte Gillian sich auf und zuckte zusammen, als der Schmerz ihr in die Schulter schoss. Mit ein wenig Hilfe von Leoma gelang es ihr, die Beine über die Bettkante zu schwingen und sich aufzurichten. Das Gleichgewicht zu halten, war schwierig, wenn einem nicht beide Arme zur Verfügung standen. Heute Morgen allerdings fühlte sich ihre verletzte Schulter schon besser an als gestern – gewiss ein gutes Zeichen.

     „Wartet er?“, fragte sie, nahm Leoma den feuchten Lappen ab und rieb sich damit übers Gesicht. Als Leoma nickte, lächelte Gillian. „Kannst du mir rasch beim Ankleiden helfen?“

     Leoma bedachte sie mit einem rätselhaften Gesichtsausdruck, so als wisse sie um ein Geheimnis. Sie trug die Salbe auf, verband die Wunde neu und half ihr beim Anziehen. Gillian hatte so überrascht wie erleichtert festgestellt, dass ihre Truhe nach wie vor all ihre Kleider barg. Sie wählte ihr Lieblingsgewand und einen passenden Schleier. Bald war sie fertig und machte sich auf den Weg hinunter in die Halle, um Brice einen guten Morgen zu entbieten.

     Mit Ernaut an der Seite und Leoma im Schlepptau nahm Gillian behutsam eine Stufe nach der anderen. Auch beim Gehen fühlte sie sich weit weniger eingeschränkt als gestern. Als sie die Halle betrat, hielt sie jäh inne. Erinnerungen stürmten auf sie ein. Erinnerungen daran, wie sie diese Halle vor ihrer Flucht das letzte Mal betreten hatte. Fast meinte sie zu hören, wie Oremund ihr befahl, zu Lord Raedan zu treten.

     Endlich wagte sie es, den Blick durch den großen Raum schweifen zu lassen. Sie erkannte die Halle kaum wieder. Seit Brices Ankunft hatte sich einiges getan. Die besudelten Binsenmatten waren ausgewechselt worden, die Hunde vertrieben und ausgesperrt und Tafel und Bänke blank geschrubbt und die Wände von Spinnweben befreit – Thaxted Hall wirkte wie neu.

     Das Beste jedoch war, dass sie sich seit vielen Monaten erstmals wieder sicher fühlte, als sie die Halle auf der Suche nach Lord Brice durchschritt. Gillian konnte sich nicht entsinnen, ihm erzählt zu haben, dass Oremund nicht nur sie, sondern auch die übrigen Menschen hier malträtiert hatte. Sie musste ihm allerdings genug berichtet haben, um ihm einen Einblick in das wahre Wesen ihres Halbbruders zu geben.

     Der einzige Wermutstropfen, der ihr die Rückkehr in die Halle bitter machte, war das Gebaren des Gesindes, das hier und in der benachbarten Küche tätig war. Von Brice unbemerkt, funkelten die Bediensteten sie verächtlich an, während sie auf die normannischen und bretonischen Krieger im vorderen Bereich der Halle zustrebte. Einige Dienerinnen raunten ihr gar Gemeinheiten zu und nannten sie im Vorbeigehen eine Verräterin.

     Sie hätte sich daran nicht stören sollen, denn die Knechte und Mägde hatten mehr auf Oremunds denn auf ihrer Seite gestanden, als ihr Bruder die Herrschaft über Thaxted übernommen hatte. Und das, obwohl er ein grausamer Herr war. Aber einige der Schmähungen waren so unverfroren, dass Gillian unwillkürlich zusammenfuhr. Die hasserfüllten Worte und Gesten erschütterten sie dermaßen, dass sie entschied, wieder in ihre Kammer zu fliehen, anstatt weitere Kränkungen über sich ergehen zu lassen.

     Sie entzog sich Ernauts Arm, machte auf dem Absatz kehrt und lief prompt in Leoma hinein, die gerade ihrem Mann schöne Augen gemacht und ihr daher keine Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Die Wucht des Zusammenstoßes ließ den Schmerz in ihrer Schulter erneut aufflammen, aber sie stolperte einfach weiter. Blindlings hastete sie die Treppe hinauf, zurück in ihr Gemach und legte den Riegel vor die Tür. Sie hatte sich gerade aufs Bett geworfen, als jemand, wahrscheinlich Leoma, an der Tür rüttelte.

     „Verschwinde!“, rief Gillian laut genug, dass es durchs Holz drang.

     „Aber Ihr müsst doch etwas zu Euch nehmen, Mylady.“

     „Ich habe keinen Hunger.“ Sie hörte selbst, dass sie wie ein trotziges Kind klang, aber Hunger hatte sie tatsächlich keinen. Die Schimpfworte lagen ihr allzu schwer im Magen.

     „Aber Ihr müsst etwas essen, Gillian.“

     Sie schloss die Augen und bemühte sich, Brices Stimme zu widerstehen. In der Halle hatte sie ihn nicht gesehen. Er musste bei seinen Gefährten an einem der unteren Tische gesessen haben, statt an der Tafel auf der Estrade, die ihr Bruder eigens für sich hatte zimmern lassen – nicht zuletzt, um sich und seinen Rang zu präsentieren. „Geht weg“, rief sie. „Bitte.“

     „Nein.“

     Er flehte nicht, er bat nicht, er befahl nicht. Er stellte fest. Und das eine Wort machte klar, dass er nicht lockerlassen würde. Gillian glitt vom Bett, ging zur Tür, entriegelte sie und trat beiseite, damit Brice eintreten konnte.

     Mit einer Geste wies er Leoma an, draußen zu bleiben, ehe er die Tür schloss und sich dagegenlehnte.

     Gillian wartete darauf, dass er etwas tat oder sagte, doch er betrachtete sie nur.

     Als er sich endlich rührte, streckte er lediglich die Hand aus und strich ihr die Tränen von der Wange, die sie bis dahin gar nicht bemerkt hatte. Ganz zart war seine Berührung, und sollte morgen alles vorbei sein zwischen ihnen, würde sie Zärtlichkeiten wie diese in ihrer Erinnerung bewahren.

     „Zweimal habe ich Euch nun schon Unheil zugefügt, Gillian. Zweimal, obgleich ich es besser hätte wissen müssen. Oder mich nach den weisen Worten anderer hätte richten sollen.“

     Gillian warf einen flüchtigen Blick auf ihre Schulter, da sie glaubte, er spreche von ihrer Blessur. Die Wunde schmerzte vom Zusammenprall mit Leoma, aber das war ja nicht seine Schuld.

     „Ich meine nicht nur heute, Gillian“, fuhr Brice sanft fort. Wie immer, wenn er leise sprach, kam sein fremdländischer Zungenschlag umso deutlicher zum Tragen. „Hier, setzt Euch.“ Er rückte ihr den Stuhl heran und wies darauf. „Wollen wir nun vielleicht über ein paar wichtige Dinge reden, die uns betreffen?“

     So wie er gewartet hatte, bis sie von sich aus nach den Wonnen des Fleisches verlangte, hatte er auch in diesem Punkt warten wollen, bis sie bereit war, sich der heiklen Lage zwischen ihnen und um sie her zu stellen. Aber die Zeit lief ihnen davon. Die Gefahren nahmen zu, und Brice war nicht klüger als an jenem Tag, da er Thaxted eingenommen hatte. Er sah die Falten auf ihrer hübschen Stirn und ihren schmerzerfüllten Blick. Wenn auch kein Vertrauen zwischen ihnen herrschte, so mussten sie doch zumindest aufrichtig zueinander sein.

     „Ich habe Eurem Bruder gestattet, Bedingungen zu stellen, und das hat damit geendet, dass Ihr verletzt wurdet“, erklärte er. „Ich hatte mir erhofft, mehr über ihn und seine Absichten zu erfahren. Vergeblich. Doch haben sich mir immerhin seine Niedertracht und Ehrlosigkeit eröffnet.“ Er entfernte sich einige Schritte und kam zurück. „Ich dachte, wenn ich Euren Bruder vertreibe und eine andere Art von Herrschaft einführe, ähnlich der, die Euer Vater ausgeübt haben soll, würden mich die Leute hier annehmen. Tja, ich habe sie mit ebenso wenig Erfolg wie bei Euch dazu bringen können, mir zu vertrauen und zu helfen.“ Er fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar und schaute sie an. „Mir ist nicht klar gewesen, dass es weit länger als zwei Wochen dauert, etwas aufzubauen, das Euer Bruder mit einem Handstreich erfolgreich zerstört hat.“

     Er hatte beobachtet, wie Gillians Miene immer bekümmerter geworden war, als sie die Halle durchschritten hatte. Da war ihm aufgegangen, dass die Bediensteten ihr Beleidigungen zuzischten. Einige davon waren höchst ehrverletzend gewesen; seine Männer hatten zahlreiche aufgeschnappt. Aus allen sprach eine Häme, die nur Oremund gesät haben konnte. Um aber die Wahrheit zu erfahren, musste er Gillian dazu bringen, ihm mehr über das zu erzählen, was hier wirklich auf dem Spiel stand. Gillian war wie kein anderer in all dies verwickelt. Er hockte sich vor sie und sah ihr geradewegs in die Augen.

     „Um zu richten, was er zerstört hat, und um meine Herrschaft hier zu festigen, bedarf ich Eurer Unterstützung, Gillian. Werdet Ihr mir die Wahrheit über Euren Vater und Eure Mutter sagen? Und über Oremunds Ansprüche auf Thaxted?“

     Brice beobachtete die widerstrebenden Gefühle, die sich für die Dauer eines Herzschlags in ihren Zügen spiegelten. Schließlich nickte sie. Er erhob sich und brachte ein wenig Abstand zwischen sie, damit er ihren Worten lauschen konnte und nicht von ihrem Duft oder dem Verlangen, ihre Haut zu berühren, abgelenkt wurde. Als sie sich letzte Nacht entspannt an ihn geschmiegt hatte, hatte sein Körper die Botschaft sehr wohl empfangen. Nie hatte Brice eine härtere Prüfung durchstehen müssen, was die Beherrschung seines Verlangens betraf. Dass Gillian ihm so nahe und noch dazu bereit für mehr war, hatte ihn fast wahnsinnig gemacht vor Begehren. Und da er ein Mann war, der keiner willigen Frau je sein Lager versagt hätte, war die vergangene Nacht schlicht und ergreifend eine Qual für ihn gewesen.

     „Meine Mutter wurde die Geliebte meines Vaters, als Oremund zwei Jahre alt war“, begann Gillian. „Ich weiß nicht, was zwischen Vater und seiner Gemahlin vorgefallen ist, aber man munkelte, dass er nach Oremunds Geburt nie wieder das Bett mit ihr geteilt hat. Als ich zur Welt kam, wuchs die Kluft zwischen Vater und seiner Frau, weshalb er immer mehr Zeit in Thaxted verbrachte. Lady Clænnis wurde zusammen mit Oremund auf eines von Vaters Gütern weiter nördlich geschickt. Als Vater vom Tod seiner Gemahlin erfuhr, heiratete er noch am selben Tage meine Mutter.“

     Brice hätte einen guten Grund für ein derart öffentlich zur Schau gestelltes Zerwürfnis zwischen den Eheleuten nennen können, aber da er nur einen Verdacht und keine Beweise hatte, sprach er ihn nicht aus. „Er blieb also hier und ließ Oremund im Norden?“ In unmittelbarer Nähe zu Mercia und Northumbria und den beiden ewigen Unruhestiftern Edwin und Morcar, den Söhnen Ælfgars.

     „Ja, allerdings gab es anfangs gewisse Zeiten, die Oremund hier auf Thaxted verbrachte. Dabei ließ er keine Gelegenheit aus, um mir heimlich, wenn niemand in der Nähe war, zuzusetzen und mich zu peinigen. Bis mein Vater davon erfuhr und beschloss, Oremund für immer aus Thaxted zu verbannen. Der Streit zwischen den beiden wurde jedoch zusehends erbitterter. Als mein Bruder mündig wurde, stellte er alles infrage, was Vater tat, ja stritt sich gar mit ihm darüber, wer Freund und wer Feind sei. Kurz darauf, als König Edward starb und Harold gekrönt wurde, verschärfte sich die Lage, denn als König Harold zu den Waffen rief, verweigerte sich Oremund. Statt seiner musste Vater in den Kampf ziehen.“

     Immer mehr Fäden des Gespinstes traten hervor, immer mehr Verbindungen zwischen Oremund und den Earls aus dem Norden wurden ersichtlich. Alles deutete darauf hin, dass das Ausmaß der Verschwörung viel größer war, als Brice ursprünglich angenommen hatte. Hatte König William tatsächlich geglaubt, es genüge, Morcar, Edwin und Edgar aus England zu verbannen, um ihre Pläne zu durchkreuzen? Dass Edmund Haroldson noch immer am Leben war und sich zunehmend mehr Aufständische seinem Heer anschlossen, mochte sich für die Eroberer letztlich doch noch als fatal erweisen. Und auch um seine eigene Haut ging es hier, wusste Brice, denn schließlich versuchte er gerade, eine Feste unter seine Herrschaft zu zwingen, die anscheinend nichts anderes war als ein Rebellennest.

     Er nickte Gillian zu. „Und Eure Mutter?“

     Sie seufzte, und Traurigkeit stahl sich in ihre Stimme. „Sie wurde krank, als sich die Lage zwischen Vater und Oremund zuspitzte. Es war fast so, als gebe sie sich die Schuld an dem Zwist. Mein Vater brachte sie zu den Schwestern ins Kloster. Sie werden für ihre Heilkünste gerühmt.“

     Brice lief ein Schauer über den Rücken. Er wartete darauf, dass sie fortfuhr. „Und?“

     „Sie verschied, ohne je nach Thaxted zurückzukehren. Mein Vater erhielt eines Tages die Nachricht von ihrem Tod, und als wir das Kloster erreichten, ruhte Mutter bereits in geweihter Erde. Da Vater ihr Thaxted als Morgengabe übereignet hatte, ernannte er mich zur Erbin. Oremund sollte nach Vaters Tod alle übrigen Güter und Titel erhalten.“

     Abermals beschlich ihn dieses kalte, ungute Gefühl. Es sagte ihm oder warnte ihn vielmehr davor, dass noch mehr – viel mehr – hinter der Sache steckte. Gleiches galt für den Umstand, dass Oremund schier versessen darauf schien, Gillian in die Fänge zu bekommen. Ehe Brice nachbohren konnte, hörte er in der Stille Gillians Magen grummeln.

     Sie errötete. Ihm wurde bewusst, dass sie in die Halle gekommen war, um das Frühmahl einzunehmen, und heute noch gar nichts gegessen hatte. Er streckte ihr die Hand entgegen. „Verzeiht mir, Madame, dass ich Euch habe so lange hungern lassen. Kommt, in der Halle warten Speisen.“

     Gillian war hin- und hergerissen. Sollte sie die Hand ergreifen und an den Ort zurückkehren, an dem man ihr Feindseligkeit entgegenbrachte? Oder sollte sie hier bleiben, wo sie verhältnismäßig sicher war? Abgeschieden zwar, aber geschützt und weit weniger Kummer ausgesetzt.

     „Begleitet mich“, sagte er. Es war weniger ein Befehl als eine Bitte. Dieses Mal akzeptierte sie seine Hand und erhob sich.

     Auf dem Weg in die Halle wusste Brice, was er zu tun hatte. Einst hatte er die Nase gerümpft, als Giles etwas ganz Ähnliches getan hatte. Aber inzwischen hatte er erkannt, weshalb es notwendig war, öffentlich ein Zeichen zu setzen. Auf der Treppe hinunter war er mehrmals versucht, Gillian zu tragen, doch er beließ es dabei, sie zu geleiten, obwohl er spürte, dass sie am ganzen Körper zitterte. Als sie die Halle erreichten, stellte er zufrieden fest, dass seine Männer seine Anweisungen befolgt hatten.

     Alle angelsächsischen Bediensteten, die im Wohnturm und den umliegenden Gebäuden arbeiteten, warteten auf ihn. Es bedurfte keiner großartigen Zurschaustellung; eine kleine sollte genügen, denn sie würde sich herumsprechen. Gillian versuchte, sich von seiner Seite zu stehlen, aber er hielt ihre Hand fest und wartete, bis Ansel seinen Namen und seinen Titel ausgerufen hatte. Dann ergriff er das Wort.

     „Lord Eoforwic – möge Gott seiner Seele gnädig sein – heiratete Ældra of Thaxted nach dänischem Brauch“, setzte er an, wobei er Informationen einfließen ließ, die er bereits anderswo in Erfahrung gebracht hatte. „In seinem Letzten Willen hat er verfügt, dass Lady Gillian of Thaxted nach seinem Tode das Erbe ihrer Mutter antreten soll. Damit stehen ihr Thaxted und alle zugehörigen Ländereien zu, ohne Anspruch auf die übrigen Güter oder Titel ihres Vaters zu haben.“ Er hob die Hand, mit der er die ihre hielt, so hoch, dass alle es sehen konnten, und fuhr fort: „Durch das ihm gegebene Recht als königlicher Herrscher hat William von der Normandie mich, seinen Lehensmann Brice Fitzwilliam, zum Baron und Lord of Thaxted ernannt. Zudem hat er mir Lady Gillian zur Gemahlin gegeben. Unsere Ehe wurde vor der Kirche und vor Zeugen geschlossen. Lady Gillian of Thaxted ist nun meine rechtmäßige Frau und somit die Herrin dieser Halle.“

     Er legte eine Pause ein und sah den wenigen in die Augen, die so kühn waren, den Blick zu heben. „Jede Respektlosigkeit ihr gegenüber geschieht auch mir gegenüber. Wer ihrem Wort nicht Folge leistet, verstößt gegen das meine. Wer Zwietracht wider ihren Willen sät, sät ihn auch wider den meinen.“ Er ließ Gillians Hand los und trat einen Schritt auf die Menge zu, eine deutliche Botschaft an das versammelte Gesinde wie auch an die Freien, die soeben hereingekommen waren und seine Worte gehört hatten. „Die Bestrafung ist simpel – wer sich schuldig macht, wird verstoßen.“

     Alle keuchten auf. Der Einzige, der die redlichen Menschen vor den Geächteten, Schurken und Galgenvögeln im Land zu schützen vermochte, war der Burgherr. Er war derjenige, der die Menschen unterstützte und ernährte. Für einen Leibeigenen, der von der Scholle seines Lords abhängig war, bedeutete Verbannung den beinahe sicheren Tod.

     „Oremund ist fort. All jene unter euch, die seine Absichten unterstützen, seien gewarnt – ich werde Verrätern, die sich seiner Sache verschrieben haben, keine Milde entgegenbringen. Ich bin ein getreuer Ritter Williams, des Königs von England, und werde seine Regentschaft und sein Recht verteidigen.“ Brice trat zurück an Gillians Seite und kam zum Ende. „Eine Menge Arbeit liegt vor uns, aber sie wird reiche Frucht erbringen, sofern nicht Unfriede, Ungehorsam und Untreue alles verderben. Ich bin keineswegs auf Schwierigkeiten aus, aber sollte ich auf welche stoßen, werde ich kurzen Prozess machen. Nun geht zurück an die Arbeit, und vergesst meine Worte nicht.“

     Er verfolgte, wie Mägde und Knechte davonhuschten. Die Freien machten Anstalten, zu ihm zu kommen, doch zunächst wollte er sehen, wie Gillian das Gesagte aufgenommen hatte. Er wandte sich ihr zu.

     „Sie fürchten Oremunds Rückkehr, Mylord“, sagte sie leise. „Er hat angedroht, zurückzukommen und jeden Abtrünnigen zur Rechenschaft zu ziehen. Ähnlich wie Ihr.“

     „Er wird weder Thaxted noch Euch zurückbekommen, Madame“, erwiderte Brice. „Ganz gleich, was er dem Gesinde angedroht hat oder welche Pläne er verfolgt. Thaxted und Ihr seid mein, und keines von beidem werde ich aufgeben.“ Er führte sich ihre Hand an die Lippen und küsste sie.

     Ein zartes Rosa färbte Gillians Wangen, und sie bedachte seine Zusicherung mit einem stummen Nicken. Das Knurren ihres Magens störte den bewegenden Moment und gemahnte Brice an seinen unverzeihlichen Mangel an Manieren. Er führte Gillian zu der Tafel, an der er selbst gegessen hatte, und verlangte nach Speis und Trank. Dieses Mal wurde seiner Anweisung umgehend Folge geleistet.

     Lucais hatte ihm klargemacht, dass er den Leuten hier sowohl seine als auch Gillians Position vor Augen halten müsse. Das hatte Brice nunmehr getan, und zwar auf die seiner Meinung nach einfachste Weise. Er war nicht so töricht zu glauben, dass er sich die Menschen mit seiner Rede zu treuen Ergebenen gemacht hatte. Aber etwas zu unternehmen, war unabdingbar gewesen, damit Gillian sich wieder gefahrlos und ohne beleidigt zu werden in ihrem eigenen Zuhause bewegen konnte.

     Als die Freien, darunter auch Gillians Onkel, sich näherten, winkte er sie zur Tafel, um die Dienstverhältnisse neu auszuhandeln. Gillian schwieg, aber er konnte ihr an Gesicht und Augen ablesen, wann er zu viel und wann zu wenig bot. Dank ihrer verhohlenen Führung beendete er die Verhandlungen zum Wohle der Menschen ebenso wie zum Wohle seines Geldbeutels. Er entließ die Männer mit derselben Warnung, die er den Unfreien mit auf den Weg gegeben hatte, wenngleich er ihnen eine andere, passendere Strafe androhte, sollten sie ihn an Oremund verraten.

     Brice fragte sich, wie er seine Gemahlin dazu bringen konnte, ihm auch den Rest der Wahrheit anzuvertrauen. Nun, die Zeit würde es zeigen. Aber würde es früh genug geschehen, um sie alle zu retten?

Gillian musste sich ein Lächeln verkneifen, während sie Lord Brice dabei beobachtete, wie er mit Müller, Brauer, Kerzenmacher, ihrem Oheim Haefen und einigen anderen Freien verhandelte, die schon für ihren Vater gearbeitet hatten. Als ihr Bruder die Kontrolle an sich gerissen hatte, hatte er eigenmächtig Löhne festgesetzt, die nicht mehr als ein Almosen waren und dem wahren Wert der Arbeit nicht gerecht wurden. Dieser neue Lord nun schien hingegen Gefallen am Hin und Her der Angebote und Gegenangebote zu haben. Dabei entfleuchte ihm gar der eine oder andere Fluch, wenngleich gutartiger Natur.

     Schließlich lud ihr Onkel sie ein, später zu ihm zu kommen. Bevor sie Antwort gab, schaute sie ihren Gemahl an. Zwar hatte er ihr versichert, sie sei keine Gefangene, aber Worte waren eine Sache. Ihr die versprochene Freiheit wirklich zuzugestehen, war hingegen eine ganz andere. Als er sie nur ermahnte, sich an ihrem ersten Tag nach der langen Bettruhe nicht zu viel zuzumuten – wobei seine Augen bei der Erwähnung des Betts einen dunklen Glanz annahmen –, spürte sie eine sonderbare Wärme in sich aufsteigen.

     Der Tag verging wie im Flug. Allerdings vergällte ihr eine unbestimmte Melancholie die Freude an der Freiheit und dem Wissen, dass ihr Gemahl alles tat, um die Menschen von Thaxted vor Oremunds Plänen zu schützen. Als Brice ihr mitteilen ließ, dass er nicht am Nachtmahl teilnehmen werde, beschloss sie, in ihrer Kammer zu essen. Sie ging zu Bett, ehe er zurück war, und bereits jetzt durchströmte sie die erregende Verheißung sinnlicher Wonnen. Diese Empfindung hatte sie schon verspürt, als er ihr die Hand geküsst und tief in die Augen geschaut hatte, und im Laufe des Tages hatte sie immer machtvoller von ihr Besitz ergriffen.

     Aber das Bett unter ihr war behaglich, und die Strapazen des Tages taten ein Übriges. Beides machte ihr Bemühen zunichte, wach zu bleiben und auf Brice zu warten. Bald senkten sich ihre Lider wie von selbst, und sie schlummerte ein.

Lucais war überaus zufrieden damit, dass Brice dem Gesinde die Leviten gelesen hatte. Das Ergebnis nämlich war erstmals heißes Essen, und dieses kam schneller und in üppigeren Mengen auf den Tisch als zuvor. Stephen hingegen war sich nicht so sicher, ob die Botschaft tatsächlich angekommen war. Er wies mahnend darauf hin, dass in den nächsten Tagen so mancher das Weite suchen werde, um sich zu seinem wahren Herrn Lord Oremund durchzuschlagen. In dieser Mahnung schwang eine weitere mit – Brice hatte das Recht, jeden entflohenen Unfreien, der an dieses Anwesen gebunden war, einzufangen und, so er es für gerechtfertigt hielt, hinzurichten.

     Brice hörte dem einen wie dem anderen aufmerksam zu. Er hatte ihren Rat schon in anderen Angelegenheiten eingeholt, denn er hatte festgestellt, dass Lucais und Stephen seinen beiden besten, aber abwesenden Freunden in vielerlei Hinsicht ähnelten. Lucais hatte ein Auge für die Feinheiten, während Stephens Blick direkt war und das Wesentliche erfasste. Beiden lag es, Strategien zu entwerfen, und beide waren schlagfertig und scharfsinnig.

     Und sie hielten ihm bedingungslos die Treue.

     Daher hatte Brice beschlossen, Lucais zu seinem Kastellan zu machen und damit nicht zu warten, bis die geplante, wehrhaftere steinerne Burg den gegenwärtigen aus Holz und Stein gefertigten Bau ersetzte. Stephen hingegen sollte seine Krieger befehligen. Ansel sollte Lucais zur Hand gehen, und Richier würde Stephens Stellvertreter werden. Das Einzige, was in seinem wohlgeordneten Gefüge aus Pflichten und Verantwortungen fehlte, war jemand, der dem Haushalt vorstand.

     Angesichts all dessen, was Gillian widerfahren war, wollte Brice warten, bis sie sich in ihre Rolle als Gemahlin eingefunden hatte, ehe er ihr die Pflichten der Burgherrin übertrug. Doch der Wiederaufbau schritt voran, der Ackerboden musste bestellt und gehegt, das Vieh musste gemästet werden, und schließlich erkannte Brice, dass er auf Gillians Hilfe nicht länger verzichten konnte.

     Von seinem Stammplatz auf dem Wachtturm aus verfolgte er, wie sie auf die Schmiede zustrebte, und er fragte sich, ob er ihr trauen durfte.

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