Vom Feind erobert - 17. Kapitel

17. Kapitel

Ein Sturm braute sich zusammen.

Das spürte Gillian in ihren Knochen – ebenso wie in ihrem Herzen. Die nächste Woche durchlebte sie wie betäubt. Sie kam ihren Pflichten nach, Aufgaben, die ihr anfangs so viel Freude bereitet hatten, führte sie nun geistesabwesend aus, ohne sich dessen bewusst zu sein. Als ihr Monatsblut versiegte, lag Brice ihr wieder bei, aber selbst die sinnlichen Freuden wurden ihr durch den bitteren Verrat ihres Onkels so gut wie vergällt.

     Der Morgen kam, der Tag verging, die Nacht brach herein. Ein ums andere Mal und ohne dass es ihr etwas bedeutet hätte. Gillian bewältigte Tag um Tag nur, indem sie ihre Gefühle verdrängte und den furchtbaren Schmerz nicht allzu nah an sich heran ließ. Das letzte Band zu Mutter und Vater war zerrissen, und sie redete sich ein, dass sie nichts dabei empfand.

     In der Halle wie auch unter den Bewohnern von Thaxted wuchs die Anspannung und wurde immer drückender. Bald würde sich ein wahrliches Gewitter entladen, das wusste Gillian. Brices Männer übten sich weiterhin im Kampf, fuhren fort mit Bau- und Erneuerungsarbeiten und hofften, dass die neue Mauer der Gefahr würde trotzen können. Gillian war sich sicher, dass dies unmöglich war. Denn wenn bösartige, hinterlistige Schurken wie ihr Halbruder sich zu etwas entschlossen hatten, konnte sie kaum etwas aufhalten.

     Schließlich begannen rings um Thaxted kleinere Übergriffe aufzuflammen, sodass Brice gezwungen war, Krieger auszuschicken, um die Missetäter zu ergreifen. Gillian erkannte das Muster, dem die Angriffe folgten noch vor Brice. Zu sehr war ihr Gemahl damit beschäftigt, alle Fäden in der Hand zu halten und einen scheinbar unsichtbaren Feind zu stellen.

     Gillian hatte jeden verloren, der ihr lieb und teuer war. Nun drohte auch Brice der Verlust von allem, was ihm wichtig war. Wenn es ihm nicht gelang, Thaxted für seinen König zu halten, büßte er Ländereien, Titel und womöglich auch sein Leben ein. Und, so viel hatte sie erfahren, wenn Brice scheiterte, würde Soren, dem letzten seiner engsten Freunde, sein Lehen verwehrt bleiben.

     Was Gillian vor allem davon abhielt, Brice in ihre letzten Geheimnisse einzuweihen, war die Angst, er könne werden wie Oremund. Männer, so hatte sie erfahren, töteten für Gold, wurden blind durch die Aussicht auf Gold. Männer verfielen in einen Rausch und waren wie besessen, wenn sie nach seinem Besitz strebten. Gillian fürchtete sich davor, in Brices Augen zu sehen, dass er das Gold mehr begehrte als sie.

     Aber in jenen finsteren Stunden der Nacht, ehe der Sturm über sie hereinbrach, erkannte Gillian die Wahrheit: Es gab da noch etwas, das sie zu verlieren hatte. Sie lag in Brices Armen, die sie auch in der schwärzesten Nacht sicher bargen, und wusste: Dieser bretonische Ritter hatte es geschafft, ihre Abwehr zu durchbrechen und sich einen Weg in ihr Herz zu bahnen. Sollte es Oremund gelingen, ihren Gemahl zu schlagen und seine Träume zunichtezumachen, würde sie sich dies niemals verzeihen. Sie würde nicht länger leben können.

     Denn Oremunds Triumph würde bedeuten, den letzten Menschen auf der Welt zu verlieren, den sie liebte. Lange genug hatte sie sich dieser Erkenntnis verwehrt. Nun, da sie sich ihrer Liebe zu Brice endlich bewusst war, gab es keinen anderen Weg für sie, als ihm mit ihrem ganzen Wesen zu vertrauen.

     Als sie erwachte, hatte sie zum ersten Mal seit Wochen wieder ein Ziel vor Augen. Sie bat Brice, sich zur Lagebesprechung mit seinen engsten Vertrauten hinzugesellen zu dürfen. Nachdem alle in der Halle die erste Mahlzeit des Tages beendet und die meisten sich aufgemacht hatten, um ihren Pflichten nachzugehen, hieß Brice sie, an seiner Seite zu bleiben.

     „Lady Gillian hat um ein Gespräch mit uns ersucht“, erklärte er.

     Gillian bemerkte, dass die Männer am Tisch sie verwundert ansahen.

     „Mein Bruder glaubt, irgendwo in Thaxted sei ein Goldschatz versteckt“, begann sie unumwunden. „Und er denkt, dass ich das Versteck kenne.“

     Der Bursche namens Richier stieß einen langen Pfiff aus. „Das erklärt einiges.“

     „Und gibt es einen solchen Goldschatz?“, erkundigte sich Brice leise.

     Gillian wich seinem Blick aus. Sie wollte nicht sehen, wie er nach etwas anderem mehr hungerte als nach ihr.

     „Mein Vater hat Thaxted meiner Mutter geschenkt und uns versichert, es gebe Gold genug, um Burg und Ländereien zu unterhalten“, erwiderte sie. „Das ist alles, was ich weiß. Alles Übrige sind Gerüchte und Mutmaßungen.“

     „War das Gold Teil der Morgengabe, Madame?“, fragte Lucais.

     Sie schaute ihn an. „Ja. Damit Mutter keinen Anspruch auf Vaters andere Güter und Besitztümer erheben würde. Oder vielmehr keinen Anlass dazu hätte.“ Lucais nickte und gab damit zu verstehen, dass er wusste, wie eine Frau abgesichert wurde, wenn der Ehebund nicht von der Kirche sanktioniert war.

     „Und wo ist dieses Gold nun?“, fragte Brice.

     Nun ging es also los. Gillian wusste, würde sie jetzt seinem Blick begegnen, würde die Gier darin nicht ihr gelten. Schmerz schürte ihr das Herz ein, und sie vermied es weiterhin, Brice anzuschauen.

     „Nach dem Tod meiner Mutter hat er es nie wieder erwähnt. Ich weiß nicht, ob er dieses Gold überhaupt je besessen hat. Womöglich hat er es aber auch in den Feldzug gegen Tostig und Harald Hardråde fließen lassen. Vielleicht hat er es König Harold geschenkt.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht.“

     „Oremund glaubt fest an den Schatz“, wandte Brice ein. „Er meint, dass Ihr ihn zu dem Gold führen könnt.“ Aller Blicke waren auf ihn gerichtet. Er schüttelte den Kopf. „Nur deshalb hat er Euch am Leben gelassen, Gillian. Nur deshalb hat er alle um Euch herum getötet – um Euch zu isolieren und die Wahrheit zu entlocken.“ Seine Stimme wurde weich. „Nur deshalb hat er Euch geschlagen und hungern lassen.“

     Die Männer an der Tafel schnappten nach Luft und knurrten aufgebracht. Alle starrten sie mitleidig an. Es erschien ihr merkwürdig, dass diese stämmigen, raubeinigen, gestandenen Krieger sich derart über Oremunds Taten empörten. Was bedeutete schon ein wenig Folter, wenn sie Ergebnisse zeitigte?

     Gillian warf Brice einen flüchtigen Blick zu. „Er glaubt noch immer, dass das Gold hier ist“, sagte sie. „Er braucht es und wird alles unternehmen, um es zu finden.“

     „Dann müssen wir ihm zuvorkommen und ihn wissen lassen, dass wir es haben“, verkündete Brice. Gillian hielt entgegen, dass niemand wisse, wo das Gold sei, aber er schüttelte nur den Kopf und zwinkerte seinen Gefährten vielsagend zu, die zurückgrinsten und schließlich lachten. Hatten sie den Verstand verloren? Gillian betrachtete sie eingehend und gelangte zu dem Schluss, dass es eine Geheimsprache geben musste, die nur unter Kampfgefährten verstanden wurde – ein kurzer Blick, ein Schulterzucken, ein Nicken, ein Kopfschütteln hier und da und ein paar brummige Flüche schienen zu genügen, um binnen weniger Herzschläge einen Plan auf die Beine zu stellen.

     Brice beraumte eine weitere Besprechung während des Nachtmahls an, wenn alle Vorbereitungen getroffen sein würden. Die Männer gingen, und er erhob sich. Sie hatten sich also vorgenommen, selbst zu suchen. Da Gillian nach wie vor keine Lust verspürte, die Goldgier in Brices Augen zu sehen, stand auch sie auf und wandte sich zum Tor. Aber Brice hielt sie zurück, indem er sie am Arm fasste.

     „Ich möchte Euch danken, Gillian“, sagte er leise.

     „Dafür, dass ich Euch die Beweggründe meines Bruders verraten habe? Ihr solltet mir zürnen, weil ich das nicht früher getan habe.“ Endlich wagte sie es, seinem Blick zu begegnen, und sie wappnete sich gegen das, was sie darin sehen würde.

     Seine Augen verdunkelten sich, aber nicht aufgrund von Begierde – weder nach dem Gold noch nach ihr. Etwas anderes leuchtete in ihren Tiefen; etwas, das sie kaum zu hoffen wagte.

     „Nicht wegen Eures Bruders oder des Goldes, Gillian, sondern dafür, dass Ihr mir endlich die Wahrheit anvertraut habt.“ Er senkte die Stimme. „Dafür, dass Ihr so weit gegangen seid, mir Eure Geheimnisse preiszugeben.“

     Er trat näher, legte ihr einen Arm um die Schultern und neigte den Kopf, um sie zu küssen. Er hatte sie Dutzende, nein, Hunderte oder gar Tausende Male geküsst, seit er sie geehelicht hatte, doch keiner der Küsse war wie dieser gewesen. Der Kuss war gänzlich anders als alle vorangegangenen, wie auch alle nachfolgenden nie wieder sein würden wie dieser. Er markierte einen Wendepunkt in ihrer Beziehung, und Gillian spürte diesen Wandel in ihrem Blut, in ihrem Herzen und in ihrer Seele. Als Brices Lippen die ihren berührten, wurde ein Versprechen zwischen ihnen besiegelt.

     Als er sich von ihr löste, schaute Gillian auf, um sich zu vergewissern, dass sie sich nicht getäuscht hatte. Aber sie irrte nicht – der Blick, mit dem er dem ihren begegnete, war voller Liebe.

     Stephen rief nach ihm. „Ich muss gehen, aber bleibt heute Abend auf, bis ich zu Euch komme“, sagte Brice und wandte sich ab.

     Gillian konnte nur nicken, denn Tränen drohten sich Bahn zu brechen, und ihre Kehle war wie zugeschnürt. Brice schritt davon, drehte sich im Gehen jedoch zweimal um, ehe er das Tor zum Hof erreichte. Dort angekommen, fluchte er vernehmlich, sagte etwas zu Stephen, machte auf dem Absatz kehrt und zog sie abermals in die Arme, presste sie so fest an sich, dass es ihr den Atem raubte.

     Und dann der Kuss!

     Er brannte vor Feuer und Hitze, vor Leidenschaft und Verlangen, vor Verheißungen und Liebe, und die Innigkeit seiner Liebkosung verschlug ihr erst recht den Atem. Sie spürte Brices Lippen auf den ihren; er drang vor, kostete sie und weckte in ihrem Leib die Sehnsucht nach mehr. So stürmisch es begonnen hatte, so abrupt war es vorbei, und Brice eilte davon, um Stephen einzuholen.

     Was sie in diesem Moment empfand, war mit nichts in den vergangenen Wochen zu vergleichen. Eine ganz neuartige Erregung hatte sie gepackt. Sie fieberte nicht nur der kommenden Nacht entgegen. Auch die Aussicht darauf, womöglich die Absichten ihres Bruders zu vereiteln und endlich ein Leben ohne seine Einmischung und seine Drohungen führen zu können, war überaus befreiend.

     Und das alles nur, weil sie es endlich gewagt hatte, ihr Schicksal in die Hände ihres Gemahls zu legen.

     Ganz Thaxted schien an diesem Tag zu neuem Leben zu erblühen, als sei es aus einem langen Schlummer erwacht. Alle strebten einem gemeinsamen Ziel zu. Gillian fand wieder Erfüllung in ihren Pflichten als Burgherrin und verfolgte, wie sich ein jeder, der sich rühren konnte, in die Arbeit stürzte.

     Gillian wusste, dass Brice draußen damit beschäftigt war, einen Plan zu schmieden, bei dem es um das Gold ging. Und Stephen, der in den vergangenen Wochen sie selbst, ihren Bruder und ihren Onkel gejagt hatte, half nun beim Aufspüren des Goldes. Niemanden schien dabei zu kümmern, ob das Gold in Thaxted war oder nicht. Oder ob es überhaupt existierte.

     Die Stunden zogen sich zäh dahin, und der Abend wollte einfach nicht kommen. Sich in Betriebsamkeit zu stürzen, hätte sie eigentlich ablenken sollen, aber das tat es nicht. Auch körperliche Arbeit verfehlte ihre Wirkung. Und dass die Frauen ihr immer wieder bedeutungsvoll zulächelten, machte die Warterei auch nicht erträglicher. Endlich hatte die Sonne ein Einsehen und ging unter, und alle Bewohner Thaxteds bereiteten sich auf die Nacht vor.

     Und Gillian wartete in ihrer Kammer auf Brice.

Brice meinte zu wissen, was Gillian dazu bewogen hatte, sich so weit vorzuwagen. Aber was auch immer den Anstoß gegeben hatte – er war glücklich, dass sie diesen Schritt gegangen war. Dass sie ihm vertraute, bedeutete ihm fast mehr als die Liebe, die er in ihren Augen gesehen hatte – ihr Vertrauen nämlich bedeutete, dass sie alle überleben würden.

     Dank Gillians Schilderungen war ihm inzwischen klar geworden, welchem Zweck die Übergriffe rund um Thaxted dienten – ihre Feinde wollten sie verwirren und ablenken, um in einem günstigen Moment zuschlagen zu können und den angeblichen Schatz an sich zu reißen. Dieses Wissen wiederum eröffnete ihm Möglichkeiten, die er vorher nicht gesehen hatte. Seine Männer hatten ebenfalls umgehend begriffen, dass sie durch Gillians knappe, aber bedeutungsvolle Worte nicht länger eine Verteidigerrolle einnehmen mussten. Denn sie besaßen Macht.

     Gillian hatte ihnen mit ihren Worten eine Waffe in die Hand gegeben, und nichts liebte ein Krieger mehr als ein gutes Kampfwerkzeug. Gillian hatte sie befreit – sie mussten nicht länger auf der Hut sein, sondern konnten endlich handeln. Weil sie mir vertraut.

     Die Liebe, die er in ihren Augen gesehen hatte, war etwas, auf das er nie zu hoffen gewagt hatte.

     Brice verbrachte den Tag damit, das neu erworbene Wissen zu nutzen, um Pläne wider den Feind zu schmieden. Den ganzen Tag über ging Gillian ihm nicht aus dem Sinn, aber noch etwas anderes beschäftigte seine Gedanken. Etwas, das mit dem ursprünglichen Vorhaben ihres Vaters zu tun hatte, Gemahlin und Tochter zu schützen. Etwas, das mit dem Gold zu tun hatte. Als er schließlich die Treppe zu Gillians Gemach hinaufstieg, vergaß er diesen Teil des großen Rätsels allerdings. Die Aussicht darauf, sie zu sehen, rückte alles andere in den Hintergrund.

     Er klopfte und stieß die Tür auf.

     Gillian stand vor dem Kohlebecken und trug nur ihr Unterkleid. Im spärlichen Licht der Glut zeichneten sich ihre köstlichen weiblichen Rundungen unter dem dünnen Stoff ab. Brice sah, dass sich die dunkelrosafarbenen Knospen ihrer Brüste zu zwei harten Perlen aufgerichtet hatten. Auch das verführerische lockige Dreieck zwischen ihren Beinen blieb ihm nicht verborgen. Als er sich näherte, wandte sie sich ihm lächelnd zu. Wäre er Adam gewesen, so hätte ein solches Lächeln ihn dazu gebracht, das Paradies aufzugeben. Doch das musste er nicht, denn dieses Lächeln hier versprach ihm das Paradies.

     Er wollte sie küssen, aber sie wich ihm aus, nahm ihn bei der Hand und führte ihn zum Bett. Schweigend löste sie die Schnüre am Ausschnitt seiner Tunika und zog ihm das Kleidungsstück über den Kopf. Danach machte sie sich an seinem Gürtel zu schaffen, zog ihm die Bruche herunter und schien nicht überrascht, dass seine harte Männlichkeit hervorschnellte. Gillian streckte die Hand danach aus, und Brice wartete … wartete auf ihre Berührung.

     Sie lachte kopfschüttelnd. „Noch nicht“, flüsterte sie. Sich in Geduld zu üben, fiel ihm schwer; sein Verlangen ließ ihn erschauern. Gillian drückte ihn auf die Bettkante nieder, und als sie seinen Schaft versehentlich streifte, lachte sie.

     Brice wurde die Brust eng, er bekam kaum Luft. Gillian kniete sich zwischen seine Schenkel, löste die Lederriemen, die seine Beinlinge hielten, und zog ihm danach die Stiefel aus. Sie war zu nah. Viel zu nah. Hitze kochte in ihm auf und sandte das Begehren nach Gillian brodelnd durch seine Adern. Gillian legte ihm die Hände auf die Oberschenkel und streichelte ihn. Vor und zurück ließ sie ihre Finger gleiten, immer hin und her zwischen seinen Knien und seinem … Aber verdammt – schon wieder hielt sie inne, ohne ihn dort zu berühren.

     Er wusste in jenem Moment nicht genau, ob er stöhnte oder flehte. Endlich jedoch ließ sie ihre Hände weiter hinaufwandern und umfasste seinen harten Schaft. Sanft massierte sie diesen, narrte und reizte mit der Aussicht auf mehr. Vernehmbar sog Brice die Luft ein und gab sich der süßen Qual dieser Zärtlichkeiten hin. Als Gillian sich hinabbeugte und ihr Mund den Fingern zu Hilfe kam, ließ er sich nach hinten aufs Bett sinken. Er wähnte sich gestorben und im Paradies.

     Gillian ließ die Lippen auf- und abgleiten, und er hob den Kopf und beobachtete sie. Sie kostete ihn mit der Zunge, dabei fiel ihr Haar ihm ungebändigt auf die Beine. Brice griff danach, während sie an ihm saugte. Immer härter und größer wurde er unter dieser intimen Berührung, aber Gillian wurde nicht langsamer in ihrer Zuwendung. Brice grub die Hände in ihre Flechten, hielt Gillian nah an seinem Schoß und gab ihr das Tempo vor.

     Endlich fand er Erlösung. Sein Schaft zuckte und pulsierte unter Gillians Griff, und sie fing jeden Tropfen auf, den er vergoss. Brice erbebte; ein Schauer nach dem anderen durchlief ihn. Und auch jetzt noch widmete sich Gillian ihm, wobei sie Brice unverwandt in die Augen sah. Jeden einzelnen Moment seiner Wollust nahm sie in sich auf, bis er den Kopf fallen ließ, den Körper befriedigt, das Herz übervoll.

     Das Beste war, dass Gillian noch nicht fertig war mit ihm. Er sah, wie sie sich erhob, zu ihm ins Bett stieg und sich über ihn kniete. Sie küsste seine Schenkel, ließ ihre Lippen über seinen Bauch bis hinauf zum Rippenansatz wandern. Unter ihren Küssen und ihrem Zungenspiel zogen sich seine Muskeln zusammen, sodass die einzelnen Stränge hervortraten. Gillians Mund näherte sich seiner Brust, ihr Haar strich ihm über die Haut, die weichen Flechten kitzelten ihn. Ihre Bewegungen waren langsam und bedächtig – dem Herrn sei Dank! – und darum umso köstlicher und erregender. Denn als sie sich schließlich seinen Brustwarzen widmete, war er abermals bereit.

     Es kostete ihn all seine Kraft, einfach dazuliegen und sich hinzugeben, jede Berührung zu genießen, jeden Kuss, jeden Fingerstreich, jede Liebkosung mit Lippen und Zunge. Er wollte nicht, dass dies je aufhörte, wollte ihr jedoch auch zeigen, wie sehr er sie begehrte, nach ihr lechzte, sich nach ihr verzehrte.

     Und wie sehr er sie liebte.

Sie mochte unerfahrener als manch andere Frau sein, aber den Moment, in dem er sich ergab, spürte sie dennoch. Sein Leib bebte unter ihren Fingern und ihrem Mund, und das sagte ihr, dass Brice ihre Aufmerksamkeiten genoss und sich beherrschte, damit sie fortfahren konnte. Sie fühlte ihn zwischen ihren Lippen pulsieren, fühlte das Leben in ihm, und das ließ ihren eigenen Körper vor Leidenschaft entbrennen. Schon zuvor hatte sie ihn mit dem Mund verwöhnt, ihn aber noch nie bis zum Höhepunkt gebracht.

     Er stöhnte kehlig, und das war die einzige Warnung, die er vorausschickte. Gleich darauf fand Gillian sich aufs Bett gedrückt wieder. Brice kam über sie wie ein Sturm, wild und entfesselt, aber auch voller Empfindsamkeit, bis sie verzweifelt um Erlösung bettelte.

     Brice missachtete ihr Flehen.

     Gillian bog sich ihm entgegen; ihr Leib zuckte, erbebte, erschauerte vor glutheißer Begierde. Die Knospen ihrer Brüste wurden hart, ihre Muskeln zogen sich zusammen, ihr Innerstes verströmte den Saft ihrer Lust.

     Und noch immer versagte er ihr den einen, letzten Moment.

     Sobald sie sich ihm schneller und heftiger entgegenschob, hielt er inne.

     Sobald sie sich fügte und still dalag, machte er weiter, bis er sie erneut so weit hatte, dass sie weder atmen noch denken oder überhaupt irgendetwas tun konnte – außer sich dem Genuss hinzugeben, ihn zu spüren. Es gab keinen Zoll an ihr, den er nicht mit Küssen bedeckte, den er nicht kostete, nicht biss oder liebkoste. Er tat, was er wollte. Er berührte sie, wo er wollte. Er liebte sie genau so, wie sie es wollte.

     Endlich drang Brice mit einem einzigen Stoß in sie ein, so tief, dass sie fühlte, wie er in ihrem Innern gegen etwas stieß. Der Höhepunkt trug sie mit sich fort, und es sollte nicht der letzte sein. Sie wand sich in seinen Armen und erschauerte wieder und wieder. Kraftvoll und tief nahm er sie, ein ums andere Mal, und auch mit Mund und Händen machte er sie rasend. Als Brice so weit war, seinen Samen zu vergießen, hatte er sie abermals an die Schwelle zu jener Ekstase geführt, welche die Welt aus den Fugen zu heben schien.

     Beim nächsten Stoß war es, als seien sie eins, und Gillian vermochte kaum zu sagen, wo ihr Leib endete und der seine begann. Kurz war ihr, als seien sie verschmolzen, denn sie atmeten im Einklang, bewegten sich im Einklang und fanden zugleich zur Erfüllung.

     Er küsste sie. Wollust brandete über Gillian hinweg, wieder und wieder, und immer noch verlangte ihr Leib nach mehr. Schließlich glitt Brice aus ihr heraus und wälzte sich auf die Seite, ohne sie aus seinen Armen zu lassen. Es dauerte eine Weile, ehe sie die Sprache wiederfanden.

Brice ordnete seine Gedanken, die in alle Winde entfleucht waren, sobald Gillians Lippen ihn berührt hatten. Er überlegte, welche Teile des Gesamtbilds er womöglich übersah. Während er darüber nachsann, ob der Schatz vielleicht wirklich existierte, hielt er Gillian fest an sich gedrückt und entwirrte ihr geistesabwesend das Haar.

     Falls ihr Vater tatsächlich Gold für ihre Mutter beiseitegeschafft hatte, hätte er dieser davon erzählt. Denn was nützte aller Reichtum, wenn der Bedürftige nicht darum wusste? Nach dem Tod der Mutter hätte Eoforwic das Versteck Gillian mitteilen müssen. Vielleicht hatte der alte Lord seine rechtmäßige Gemahlin und seinen ehelichen Sohn übergangen und seine übrigen Güter ignoriert, weil er vollkommen liebestrunken war. Womöglich hatte Gillians Mutter ihn tatsächlich behext oder gegängelt. Aber Tatsache war, dass irgendwer wissen musste, wo das Gold verborgen war.

     „Gillian“, sagte er sanft in dem Versuch, seine Gemahlin aus dem Schlummer der Erschöpfung zu holen. Statt aufzuwachen, schmiegte sie sich genüsslich an ihn. Er lächelte, von männlichem Stolz erfüllt. „Gillian, Liebste, wacht auf.“

     Sie schlug die Augen auf und erwiderte seinen Blick. Ihm entging nicht, dass sie, durchpulst von einem letzten Rest Lust, noch einmal erschauerte. „Brice“, flüsterte sie.

     Er strich ihr das Haar aus dem Gesicht. „Als ich Euch fragte, ob Euer Vater Euch irgendwelche Schlüssel gegeben hat, habt Ihr verneint. Hat er Euch vielleicht etwas anderes überreicht? Ein Geschenk? Oder Schmuck?“

     Auf einen Schlag war sie hellwach. „Eine Kette“, sagte sie. „Er hat Mutter und mir je eine Kette geschenkt. Die Ketten gleichen sich.“

     „Habt Ihr sie noch?“ Brice argwöhnte, dass Oremund seiner Schwester alles von Wert genommen hatte, da er dessen Gepflogenheiten inzwischen kannte.

     „Ja“, erwiderte sie zu seiner Überraschung. „Ich habe die Kette in den Saum meines Kleids eingenäht, das ich dann auf meiner Flucht getragen habe, damit Oremund sie nicht findet. Ich hatte sie ganz vergessen – bis jetzt.“ Sie hob den Kopf und stützte ihn mit einer Hand. „Ist sie wichtig?“

     „Vielleicht. Falls Euer Vater tatsächlich Gold für Euch versteckt hat, muss er damit gerechnet haben, dass Oremund danach trachtet.“

     Brice wollte ihr keine falschen Hoffnungen machen, solange es keine handfesten Beweise für die Existenz des Goldes gab. Er war vermögend genug, um Thaxted zu unterhalten, sie kämen auch ohne diesen angeblichen Schatz über die Runden. Doch er nahm an, dass Gillians wundes Herz rascher heilen würde, wenn sie die Gewissheit hätte, dass ihre Eltern versucht hatten, die Belange wie auch die Zukunft ihrer Tochter zu sichern.

     „Habt Ihr auch die Kette Eurer Mutter?“

     Sie antwortete nicht gleich, schüttelte schließlich aber den Kopf und sah Brice traurig an. „Nein. Vater sagte, Mutter sei mitsamt der Kette im Kloster beigesetzt worden.

     Etwas daran kam ihm seltsam vor. „Was genau hat er gesagt?“

     „Er meinte, dass außer mir alles, was er im Leben geliebt habe, im Kloster begraben liege.“ Zum Glück hatte das Liebesspiel Gillian völlig ausgelaugt. So war sie viel zu ermattet, um zu erfassen, auf welche Weise man die Worte noch deuten konnte.

     Brice jedoch erkannte es. Er musste die Kette sehen, um zu wissen, ob er mit seiner Vermutung richtig lag. Während er sich auf die Seite drehte und sich an Gillians Rücken schmiegte, kreisten seine Gedanken um Pläne und Möglichkeiten.

     Als am nächsten Morgen die Sonne aufging, hatte Brice kaum ein Auge zugetan. Vor Oremunds Rückkehr gab es viel zu erledigen, und wenn seine Spione recht hatten, blieb ihm nicht mehr viel Zeit.

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