Vom Feind erobert - 2. Kapitel

2. Kapitel

Aufgrund seiner streckenweise recht erbärmlichen Vergangenheit und des Umstands, als Bastard unter Edelleuten zu leben, war Brice Fitzwilliam durch eine harte Schule gegangen. Dennoch hatte er die Tugend der Geduld nie erlernt, denn diese wurde in seinen Augen maßlos überschätzt und war nichts als ein notwendiges Übel. Die gegenwärtige Lage überzeugte ihn einmal mehr davon.

     Er hatte sich, wie vom König verlangt, in Geduld geübt, hatte den Winter ins Land ziehen lassen und ergeben auf die letzten Urkunden gewartet, die ihm Land und Titel des Baron und Lord of Thaxted zugestanden. Anschließend hatte er sich hierher aufgemacht, nur um festzustellen, dass sich die Festungsbewohner gegen ihn verschanzt hatten. Im Gegensatz zu den meisten angelsächsischen Verteidigungsbauten, die nur durch hölzerne Palisaden geschützt wurden, verfügte Thaxted Hall über starke, massive Steinmauern, die auf ein früheres römisches Kastell zurückgingen. Drei Wochen lang hatte Brice auf Verstärkung durch die Truppen seines Freundes Giles gewartet, ohne dass die Eroberung der Feste einen Zoll näher gerückt wäre. Lediglich ein paar entlaufene Bauern hatte er eingefangen. Schließlich hatte er auch noch feststellen müssen, dass ihm seine – wohl nicht zum ersten Mal flüchtige – Braut entwischt war und sich seiner Herrschaft im Schutz des Klosters zu entziehen suchte. Nur gut, dass er schon vor Tagen sein Hauptquartier hierher verlegt hatte, um seinen Gegner zu verwirren. Und nur gut, dass Stephen ihn begleitete, denn wenn dieser erst einmal auf eine Spur angesetzt worden war, entkam ihm nichts und niemand. Nicht umsonst nannten sie ihn „den Jäger“.

     Nun wand sich eben diese Braut in seinen Armen. Brice war sicher, dass sie nicht ahnte, wer er war oder dass sie ihm gehörte. Ihre leichtsinnige Unbekümmertheit ob der Gefahren auf der Straße machte ihn unsagbar wütend. Wenn er sie nicht aufgegriffen hätte … Der Gedanke daran, was ihr alles hätte zustoßen können, schreckte ihn aus vielerlei Gründen. Eine Lektion war angebracht, und er würde sie ihr erteilen.

     Zumindest war sie am Leben, sodass er dafür sorgen konnte, dass sie ihr Handeln überdachte.

     „Also, wie viel kostet eine Nacht mit Euch, mein Engel?“ Er ließ die Hand über ihren Körper gleiten und spürte, wie sie unter seiner Berührung erschauderte. „Viele meiner Männer besitzen Münzen und ein wenig hübschen Tand und könnten Euch die Zeit mit ihnen wohl vergelten.“

     „Aber ich bin keine Hu-hur…“, stammelte sie. „Ich veräußere meine Gunst nicht.“

     Brice gab sie frei und riss sie herum, sodass sie ihm gegenüberstand und ihm in die Augen sehen musste. Ihr Anblick raubte ihm fast den Verstand, denn zum ersten Mal sah er seine Braut aus nächster Nähe. Sie war eine Schönheit – und sie war sein.

     Die Augen in ihrem herzförmigen Gesicht waren groß und von leuchtend blaugrüner Farbe. Lange dunkelbraune Locken stahlen sich unter dem Kopftuch hervor und fielen über ihre Schultern. Obwohl sie eines dieser weiten angelsächsischen Gewänder trug, ahnte er, dass ihr Leib wunderbar geformt war und jene weiblichen Rundungen aufwies, die er bei seinen Geliebten so schätzte: volle weiche Brüste und wohlgerundete Hüften. Ihrem hartnäckigen Widerstand nach zu urteilen, waren ihre Beine und Arme kräftig.

     Sein Körper erwachte, noch ehe Brice seine Begutachtung abgeschlossen hatte. Hitze schoss ihm in die Lenden, und er war bereit für all die Dinge, die er ihr so schamlos angedroht hatte. Erst als einer seiner Männer hüstelte, fand Brice die Sprache wieder. „Wenn keine Hure, was dann?“

     „Wie ich diesen Männern bereits sagte, hat mich meine Herrin zum Kloster geschickt. Dorthin führt mich mein Weg.“

     „Ganz allein, Mädchen? Wo doch in diesen Zeiten so viele Plünderer und Gesetzlose durch den Wald streifen und die Straßen unsicher machen? Hätte Eure Herrin Euch einen Begleitschutz mitgeben sollen?“, fragte er und trat einen Schritt näher.

     Sie wich zurück, aber die Krieger hinter ihr blieben, wo sie waren, und bildeten eine Mauer, sodass sie in der Falle saß. Brice sah, wie sich zunehmend Furcht in ihren Blick stahl, und wusste, dass die Maske der Tapferkeit zu bröckeln drohte. Doch dann, während er noch all dies beobachtete, riss Gillian sich zusammen, straffte die Schultern und reckte das Kinn.

     „Meine Herrin hat derzeit ganz andere Sorgen, Mylord. Zudem weiß sie, dass ich selbstständig bin und mich allein zum Kloster durchschlagen kann.“

     Selbstständig? Das sah Brice ganz anders. Da stand sie, vermutlich meilenweit entfernt von ihrem Heim und mutterseelenallein, und das nicht zum ersten Mal. „Töricht“ hätte es eher getroffen, dachte Brice bei sich.

     „Seid Ihr närrisch?“, fragte er. „Wollt Ihr Euch unbedingt in Schwierigkeiten bringen?“ Er ließ den Blick an ihren Rundungen hinabwandern und machte keinen Hehl daraus, dass ihm gefiel, was er sah. „Jede Herrin, die in diesen … heiklen Zeiten eine Dienerin auf die Straße schickt, sollte wissen, welche Botschaft sie damit vermittelt.“

     Brice meinte fast zu hören, wie sie versuchte, den Kloß im Hals hinunterzuschlucken und ihre Angst zu bezwingen. In ihren Augen schimmerten erste Tränen, und ihre Lippe – ihre wunderbar volle Unterlippe, die ihn so sehr lockte – bebte leicht. Ah, vielleicht ging ihr endlich auf, wie dumm ihr Vorhaben war?

     „Ein Edelmann würde, gleichgültig ob Dame oder Magd, einer Frau sicheres Geleit zum Kloster gewähren. Ein wahrer Edelmann würde niemals die Schutzlosigkeit einer Maid ausnutzen. Ein wahrer Edelmann würde …“ Ehe sie eine weitere Tugend anführen konnte, brachte er sie mit einem Kopfschütteln zum Schweigen.

     „Ich habe nie behauptet, ein Edelmann zu sein“, knurrte er. Abermals spürte er Zorn in sich auflodern. „Aber selbst wenn ich einer wäre – sollte Eure Herrin glauben, ein jeder Edelmann sei rechtschaffen und würde sich eine Versuchung, wie Ihr sie darstellt, einfach entgehen lassen, so ist sie einfältiger, als ich dachte.“

     Seine Kumpane feixten, denn weder er selbst noch sie waren von edlem Geblüt oder auch nur ehelicher Geburt. Brice bemerkte, dass Gillian verwirrt war. Die meisten Männer hätten sich gewiss von ihr um den kleinen Finger wickeln lassen, aber nicht dieser Haufen hier. Ein jeder von ihnen hatte sich seinen Weg in der Welt durch harte Arbeit, Blut und Schweiß erkämpfen müssen.

     Gillian wollte etwas einwenden, fand jedoch keine Worte. Sie senkte den Kopf und wandte sich ab. Sein Bemühen, sie zu demütigen, verschaffte ihm jedoch nicht die Genugtuung, die er sich erhofft hatte. Er warf seinen Männern einen raschen Blick zu. Die Nacht brach herein und es gab vieles zu erledigen, nun da ihm seine Braut in die Arme spaziert war. „Bringt sie in mein Zelt und sorgt dafür, dass sie es nicht verlässt“, befahl er.

     „Das könnt Ihr nicht tun!“, rief sie. Er machte einen Schritt auf sie zu und zwang sie dadurch, zu ihm aufzublicken. „Die frommen Schwestern …“

     „Die frommen Schwestern werden ihr Nachtmahl zu sich nehmen, ihre Gebete sprechen und zu Bett gehen wie jeden Abend, Liebchen. Eure Herrin hätte ihren Plan überdenken sollen, bevor sie ihn ausführte.“

     Sie versuchte, ihn fortzuschieben. „Sie erwarten mich. Meine Herrin hat ihnen eine Nachricht geschickt.“

     „Ich kann Euch versichern, dass kein Bote im Kloster eingetroffen ist. Wir lagern hier seit Tagen und aus Richtung Thaxted ist niemand gekommen … bis Ihr heute aufgetaucht seid.“ Insgeheim dachte er, dass es doch recht seltsam sei, einen Boten auszuschicken, der die Ankunft einer Magd verkündete. Hätte er nicht gleich selbst die Botschaft überbringen können?

     Nach diesen Worten fiel ihr Selbstvertrauen in sich zusammen, und er spürte, wie ihr Kampfesmut erlosch. Sie ließ den Blick über das Lager gleiten, und erst jetzt schien ihr bewusst zu werden, wie viele Krieger sie umgaben und welche Gefahr von ihnen ausging. Sollte es tatsächlich einen Boten gegeben haben, hatten seine Männer ihn jedenfalls nicht gesehen. Wobei durchaus die Möglichkeit bestand, dass der Bursche kehrtgemacht hatte, als er das Lager erspähte, denn ihm musste klar gewesen sein, dass er es nicht würde passieren können.

     „Bringt sie fort“, wiederholte Brice leise und trat beiseite, damit Stephen die Anweisung ausführen konnte.

     Zunächst schien es, als wolle sich seine junge Braut widersetzen, aber dann nickte sie nur und ließ sich fortführen. Wenigstens war sie in Sicherheit, wofür er Gott dankte. Eine Sache weniger, über die er sich in dieser widrigen Lage den Kopf zerbrechen musste. Morgen früh wäre sie sein, ebenso wie ihm Thaxted Hall mitsamt aller Ländereien gehören und er Lord of Thaxted sein würde.

     Gemeinsam mit Giles’ Mannen von Taerford und einigen Kriegern des Königs würde Brice die Festung erobern. Er würde die Rebellen und alle anderen vertreiben, die sich weigerten, König William die Treue zu schwören. Fortan würde er zu den Reichen und Mächtigen gehören und nicht länger zu den gemeinen Kriegern. Brice atmete tief durch. In den kommenden aufreibenden Tagen stand ihm einiges bevor, doch vielem davon fieberte er voller Tatendrang entgegen.

     Nicht dazu gehörte allerdings, sich Lady Gillians Wut zu stellen, wenn diese von seinem Täuschungsmanöver erfuhr.

Stunden verstrichen, in denen Brice Vorbereitungen für den letzten Sturm gegen Thaxted traf und einige persönlichere Dinge regelte, die Lady Gillian betrafen. Er ließ die Mutter Oberin im Kloster wissen, dass die Dame in Sicherheit sei und bald nach Hause zurückkehren werde. Eine großzügige Spende begleitete die Botschaft und würde, so hoffte er, den Weg für zukünftig gute Beziehungen zu den frommen Schwestern ebnen. Er hatte viele Männer den Fehler begehen sehen, dem Klerus den Respekt zu versagen, und er war entschlossen, es besser zu machen.

     Die Sonne war schon lange untergegangen, als Brice es an der Zeit fand, den ersten Schritt zu tun, um sein Land in Besitz zu nehmen – und seine Braut. Er rief einige Männer in der Nähe zu sich und schritt zum Zelt, das von vier Posten bewacht wurde. Einer an jeder Ecke – und keiner wirkte sonderlich glücklich.

     „Gab’s Schwierigkeiten, Ansel?“, fragte Brice im Näherkommen. Alles wirkte ruhig, doch die Mienen der Wachen und allein schon ihre Zahl kündeten davon, dass der Schein trog. Es war Ansels erster Feldzug, aber Brice war überzeugt, dass der junge Bursche jede ihm anvertraute Aufgabe zu bewältigen wusste.

     „Ja“, erwiderte Ansel. „Doch sie ist … Also, die Dame ist … recht willensstark.“ Er schüttelte resigniert den Kopf, als habe er versagt, und Brice sah, dass am Kinn des Mannes die ersten Zeichen einer Prellung sichtbar waren.

     Er griff nach der Zeltklappe, hielt jedoch inne. „Sofern die Dame unversehrt ist, stelle ich dein Handeln nicht infrage.“

     Ansel nickte, doch noch immer hing etwas Ungeklärtes in der Luft, das Brice nicht greifen konnte. Da näherte sich Stephen.

     „Sie wäre dreimal fast entkommen, Brice“, erklärte er. „Einmal ist sie beinahe aus dem Lager entwischt.“ Brice nahm die Wachposten einen nach dem anderen in Augenschein und bemerkte, dass mehrere von ihnen frische Kratzer oder rote Striemen hatten. Schließlich blickte er wieder Stephen an, der geräuschvoll die Luft ausstieß und mit den Schultern zuckte. „Nur zu, ich will die Schuld wohl auf mich nehmen, aber anders ließ sie sich nicht bändigen.“

     Sowohl die Worte als auch der Ton ließen Brice zusammenfahren. Was mochten sie mit ihr getan haben? Er nickte ihnen zu. „Bringt der Dame etwas zu essen und holt euch dann selbst etwas. Wenn sie gegessen hat, sehen wir weiter.“

     Die Männer verschwanden, und Brice schob die Zeltklappe beiseite. Gebückt, um mit dem Kopf nicht gegen den Baldachin zu stoßen, trat er ein und hielt inne. Eine einzelne Laterne erhellte das Dunkel, doch er konnte Lady Gillian deutlich erkennen. Bei ihrem Anblick blieb ihm der Mund offen stehen, und zugleich mühte er sich, sein Herz zu verschließen.

     Die Männer hatten zwei dicke Holzpflöcke in die Erde getrieben, der Dame die Hand- und Fußgelenke gefesselt und diese an die Pfähle gebunden. Das Kopftuch hatte sich um ihren Hals gewickelt, und ein Knebel verschloss ihr den Mund. Anscheinend hatte sie sich lebhaft gegen die Fesseln gestemmt, und dadurch war ihr Rock nach oben gerutscht, sodass Brice ihre wohlgeformten Fesseln und Waden bewundern konnte. Da ihr die Arme über den Kopf gezwungen worden waren und sich das Oberteil ihres Gewands verdreht hatte, wurden ihre Brüste hart gegen den Stoff gepresst. Unter dem weichen Gewebe zeichneten sich deutlich die festen Spitzen ab.

     Brice schluckte, einmal und ein zweites Mal, denn plötzlich war sein Mund wie ausgedörrt. Er ließ die Klappe hinter sich zufallen. Als er näher trat, begann Lady Gillian erneut gegen die Stricke anzukämpfen, wodurch ihr Rock noch ein wenig höher glitt. Während sie sich wand und zu befreien suchte, wurde Brice ein unverhüllter Blick auf ihre Schenkel gewährt. Er ertappte sich dabei, wie er unwillkürlich die Hände zu Fäusten ballte und wieder öffnete, um den schier schmerzhaften Drang zu bezwingen, über ihre zarte weiße Haut zu streichen. Hitze wallte in ihm auf, und er malte sich aus, wo er seine Braut liebkosen und küssen würde, ehe der Morgen anbrach.

     Sie murmelte etwas in den Knebel hinein, und Brice wurde plötzlich bewusst, dass er sie nicht so liegen lassen konnte. Er hockte sich neben sie, zückte seinen Dolch und durchschnitt den Stoffstreifen, der den Knebel fixierte. „Ruhig, Mädchen“, sagte er leise. Behutsam strich er ihr die Haare aus dem Gesicht und fuhr sanft über ihre Wangen.

     Tränen. Sie hatte geweint. Das Wenige, was er bisher über seine Braut erfahren hatte – aus ihrem Verhalten und aus seinen Nachforschungen –, ließ ihn vermuten, dass dieses Zeichen von Schwäche sie beschämen musste. Doch im Moment stand ihm gar nicht der Sinn danach, sie weiter zu demütigen. Er ging zu dem kleinen Tisch, goss ein wenig Wein aus einem Krug in einen metallenen Becher und brachte ihn Gillian.

     „Hier, trinkt.“ Er stützte ihren Kopf und hielt ihr den Becher an die Lippen. Nachdem sie ihn geleert hatte, füllte er ihn erneut und stürzte den Wein hinunter.

     Dann kniete er sich abermals neben sie und machte sich daran, ihre Kleider zu ordnen. Als er ihren entblößten Schenkel streifte, konnte er der Versuchung nicht widerstehen und berührte ihre Haut. Langsam ließ er die Hand über ihren Schenkel bis zum Knie gleiten und wieder hinauf, ehe er den Saum des Gewands fasste. Alles in ihm drängte danach, bis zu jener köstlichen Stelle zwischen ihren Beinen vorzudringen, die unter den Liebkosungen seiner Finger feucht werden würde. Verzweifelt kämpfte er gegen das überwältigende Verlangen an, ihren Körper zu erkunden, und erst Gillians leise Worte brachten ihn wieder zu Verstand.

     „Ich bitte Euch, Mylord“, flüsterte sie. „Bitte nicht …“

     Stocksteif lag sie da, und das war gut so, denn in ihm rang der Anstand mit dem Begehren seines Körpers, und Letzteres drohte die Schlacht für sich zu entscheiden. Nach einem Augenblick, der vielleicht eine Spur zu lange währte, zog Brice den Rock über ihre Beine und wich zurück.

     Das unbehagliche Schweigen zwischen ihnen wurde jäh von Ansels Ruf unterbrochen. Brice erhob sich, trat aus dem Zelt und kehrte mit einem Holzteller zurück. Er stellte den Teller auf den kleinen, niedrigen Tisch, zückte erneut seinen Dolch und durchtrennte behutsam die Fesseln an ihren Handgelenken. Sie schnappte nach Luft, als er die Klinge drehte, vermutlich mehr aus Erstaunen als aus einem anderen Grunde, denn Brice achtete darauf, ihr nicht die Haut zu ritzen.

     Gillian traute ihm nicht, auch wenn jetzt gerade etwas Sanftes in seinem Blick lag. Noch hatten seine Männer ihr nichts angetan, aber gefesselt und geknebelt und stundenlang sich selbst überlassen zu werden hatten ihre Geduld und ihren Mut auf eine harte Probe gestellt. Obwohl sie unberührt war und dementsprechend unerfahren, hatte sie die Begierde in den Augen dieses Mannes sehr wohl erkannt, als er sie am Bein berührt und Teile ihres Körpers angestarrt hatte, die durch das verrutschte Kleid entblößt worden waren – Stellen, die besser verhüllt geblieben wären. Sie wusste nicht, wie lange sie noch unangetastet und unversehrt bleiben würde, und wagte auch nicht zu fragen.

     Doch ohne Fesseln hatte sie eine bessere Chance zu entkommen als verschnürt wie eine Gans. Daher nahm Gillian seine Hand und ließ sich von ihm in eine sitzende Haltung ziehen. Als sie nach den Riemen griff, mit denen ihre Beine an den unteren Pflock gebunden waren, gebot er ihr Einhalt.

     „Lasst das“, befahl er barsch, und die tiefe Stimme und der Akzent hatten mehr Wirkung auf sie, als ihr lieb war. Sie zog den Saum ihres Kleids so weit wie möglich über ihre Füße und schnürte ihren Ausschnitt fester zu.

     Brice nahm ein Leinentuch, tauchte es in einen Wassereimer am Zelteingang und reichte es Gillian. Sie fuhr sich damit über Gesicht und Hals und wischte den Schmutz fort, den sie sich eingehandelt hatte, als sie sich gegen ihre Bewacher wehrte. Und ebenso die Tränen, die sie trotz aller Versuche, sich zu beherrschen, vergossen hatte. Zuletzt reinigte sie sich die Hände und gab ihm das Tuch zurück. „Merci“, hauchte sie.

     Er zuckte zusammen, und sie erkannte ihren Fehler. Eine arme englische Magd sprach kein Französisch. Ein armes englisches Weib war nur des heimischen Dialekts mächtig. Als er in seiner Sprache etwas erwiderte, blinzelte sie daher nur verwirrt und schüttelte den Kopf, als begreife sie nichts. In Wahrheit verstand sie das meiste von dem, was er sagte, sofern er langsam sprach. Das jedoch würde sie weder ihn noch seine Mannen wissen lassen. Solange sie hier war, wollte sie so viel wie möglich in Erfahrung bringen, um es Oremund mitzuteilen, wenn sie nach Thaxted Hall zurückkehrte.

     Falls sie jemals zu ihrem Bruder heimfand. Und auch dann war es nur das kleinere von zwei Übeln.

     Gillian erbebte, als ihr bewusst wurde, dass sie die kommende Nacht womöglich nicht überleben würde. Schließlich hatten diese Kerle ihr die erfundene Geschichte nicht abgenommen und hielten sie für eine Hure. Sofern man sie zwang, ihnen … zu Diensten zu sein, und dies gegen ihren Willen, mochte sie den Morgen nicht mehr erleben, um einen weiteren Fluchtversuch unternehmen zu können. Sie erschauerte vom Kopf bis zu den Sohlen ihrer nackten Füße.

     Der Ritter handelte umgehend, wenn auch nicht so, wie sie erwartet hatte. Er rief nach dem Mann namens Stephen und verlangte nach etwas. Nach einem Mantel? Einem Umhang? Bald darauf wurden ihr Umhang und ihre Schuhe ins Zelt gereicht. Beides hatte Gillian schmerzlich vermisst. Der Normanne schüttelte den Umhang aus und legte ihn ihr um die Schultern. Sie griff danach, wickelte sich fest hinein, als ob sie sich dadurch vor allem Kommenden schützen könnte. Stundenlang hatte sie nahezu unbedeckt auf dem kalten Boden gelegen, doch unter der dicken Wollschicht wurde ihr rasch wieder warm. Der Mann streifte ihr die Schuhe über, und einmal mehr überraschte sie, wie sanft er dabei vorging. Das Schuhwerk und den Umhang hatten die Wachen ihr abgenommen, nachdem sie sich das letzte Mal an ihnen vorbeigestohlen hatte, denn ihnen war klar, dass Gillian nur in ihren dünnen Kleidern und barfüßig in der Kälte der Nacht nicht weit kommen würde.

     Als er ihr den Holzteller reichte, knurrte ihr Magen vernehmlich, sodass sie das Angebotene schlecht ausschlagen konnte. Also nahm sie die Speisen entgegen – ein wenig gebratenes Huhn, ein Brocken Käse und ein Brotkanten – und aß. Welchen Herausforderungen sie sich auch würde stellen müssen, sie musste so stark sein wie nie zuvor. Daher machte sie sich gierig über die Mahlzeit her und verzehrte alles bis auf den letzten Krümel. Als sie aufschaute, bemerkte sie, dass der Krieger jede ihrer Bewegungen verfolgte. Er goss ihr Wein ein, und sie trank.

     Gillian ahnte, dass dies lediglich die Ruhe vor einem wie auch immer gearteten Sturm war, den er über sie hereinbrechen lassen würde. Sie wünschte sich nun, sie hätte sich mehr Zeit gelassen mit dem Essen, aber ihr leerer Magen und die Strapazen des Tages hatten ihren Tribut gefordert.

     Kaum war sie mit Essen und Trinken fertig, wurde es draußen vor dem Zelt unruhig. Gillian hörte Stimmen, und sie kamen näher. Hatte Oremund bemerkt, dass sie nicht mehr in Thaxted war? War er ihr nachgesetzt? Griff er vielleicht an, um sie zu retten? Nachdem der Ritter ihr den Teller abgenommen hatte, verstellte sie sich nicht länger, sondern machte sich daran, die Fußfesseln zu lösen. Entweder nahm er es nicht wahr, oder er traute ihr nicht zu, sich zu befreien, denn er verließ einfach das Zelt. Gillian mühte sich nun umso fieberhafter mit den Riemen.

     Wenn sie bloß einen Dolch oder ihr kleines Messer hätte – irgendetwas Scharfes, um damit den Knoten zu lösen oder die Fesseln zu durchtrennen! Sie nestelte weiter, bis sie hörte, wie der Kerl namens Stephen sich an ihren Peiniger wandte.

     „Die Männer sind so weit.“

     Es war, als löschten diese Worte alles in ihrem Kopf aus; ihre Welt schrumpfte zusammen auf den Kampf gegen die Lederriemen. Fahrig zerrte sie mal hier und mal dort. Der Gedanke an das, was sie erwartete, durchzuckte sie wie ein Blitz, und unwillkürlich begann sie zu zittern. Diese Männer würden ihre Gelüste an ihr stillen. Sie alle etwa? Oh, ihr Heiligen, steht mir bei!

     Gillian rang die Furcht nieder. Sie musste einen klaren Kopf bewahren und auf den passenden Moment warten, um zu entkommen. Und dafür galt es, am Leben zu bleiben. Mehrmals atmete sie tief durch, um die Anspannung abzuschütteln, die sie zu ersticken drohte. Sie wusste genau, was sie zu tun hatte. Als der Anführer zurück ins Zelt trat und sich näherte, hielt sie sich vor Augen, dass er ihre einzige Chance war, dies alles zu überleben.

     Er hatte sich seines Kettenhemds entledigt und trug nur noch den gesteppten Waffenrock. Das nahm ihr keineswegs die Furcht, denn ohne Rüstung konnte er sich ihr viel leichter aufzwingen. Und das verstärkte ihre Angst – er wirkte noch immer so gefährlich wie zuvor in seiner Brünne. Wieder hockte er sich neben sie und bearbeitete mit seinem tödlichen Dolch die Fesseln, bis sie nachgaben. Er half Gillian auf die Beine und fasste sie um die Taille, als sie ins Straucheln geriet.

     „Mylord“, presste sie hervor und sah ihn an. Er gab sie nicht frei. Nein, er hielt sie gar fester als zuvor. „Ich werde … Euch bereitwillig zu Diensten sein, wenn Ihr mir zusichert, mich nicht mit den anderen zu teilen.“

     Sie war entsetzt, als sie diese verruchten Worte tatsächlich laut aussprach, aber sie musste aufrichtig wirken, oder sie wäre verloren. Gillian griff nach dem Ausschnitt seiner Tunika, bereit, ihm alles zu versprechen, um am Leben zu bleiben. „Ich möchte nur Euer Lager wärmen, Mylord.“

     Er ließ sie so rasch los, dass sie beinahe zu Boden getaumelt wäre. Statt ihn mit der Verheißung fleischlicher Wonnen gütig zu stimmen, hatte sie ihn aufgebracht. Er packte sie am Handgelenk und zerrte sie zur Zeltklappe.

     „Nicht, Mylord!“, rief sie, sowohl aus Schmerz ob seines Klammergriffs als auch aus Furcht davor, seinen Kriegern vorgeworfen zu werden. „Ich flehe Euch an, teilt mich nicht mit Euren Männern!“

     Wenige Atemzüge später fand sie sich vor dem Zelt wieder und sah sich einer Schar gegenüber, die aus Hunderten von Kriegern bestehen musste. Es war Nacht, aber schon allein das Licht des Vollmonds hätte genügt, ihre Übermacht zu erkennen. Zusammen mit den überall brennenden Fackeln war das Lager taghell. Der Normanne hielt ihr Handgelenk eisern umklammert und riss sie zu sich herum.

     „Oh ja, Lady Gillian, Ihr werdet mein Lager in der Tat wärmen heute Nacht“, stieß er gepresst hervor. Er wusste es! Er wusste, wer sie war! Doch ehe sie zu einer Erklärung ansetzen konnte, zog er sie so dicht zu sich heran, dass nur sie seine Worte hören konnte. „Und ich habe keineswegs die Absicht, meine zukünftige Gemahlin mit einem anderen Mann zu teilen.“

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