Vom Feind erobert - 5. Kapitel

5. Kapitel

Am Abend zuvor war es feucht gewesen, und die klamme Kälte war ihr bis ins Mark gedrungen. Daher genoss Gillian die Wärme, die sie nun einhüllte. Um sie herum hörte sie das Lager langsam erwachen. Sie rekelte sich in ihrem Nest aus Umhang und Decken und merkte plötzlich, wem sie diese wohlige Behaglichkeit zu verdanken hatte. Sie schlug die Augen auf und fand ihren Gemahl über sich.

     Der ihren Blick erwiderte.

     Es dauerte nur kurz, bis sie seine Absichten durchschaute, da beugte er sich schon über sie und seine Lippen berührten die ihren. Sie war unter den schweren Stoffen und seinen Armen gefangen und konnte sich ihm nicht entziehen – das zumindest redete sie sich ein. Als der Bretone sie küsste, konnte sie an nichts anderes mehr denken als an ihn.

     Er hatte ihr einen Arm unter den Rücken geschoben und hielt sie umschlungen, während er ihr den anderen über den Bauch legte. Wie beim letzten Mal, da er sie so berührt hatte, überwältigten sie die Gefühle, loderte Hitze in ihr auf. Sie erbebte unter seinen Händen.

     „Ist Euch kalt?“, fragte er leise, löste sich von ihren Lippen und hob den Kopf gerade so weit, dass er sie anschauen konnte.

     „Nein.“ Gillian schüttelte den Kopf, obgleich sie beim Sprechen ein weiterer Schauer überkam. „Ich glaube nicht“, fügte sie zögernd hinzu. Behutsam und forschend strich er mit den Fingern über ihren Bauch und zog eine Spur aus Feuer bis hinab zu ihren Schenkeln. „Nein“, hauchte sie noch einmal.

     Brice lächelte, und ihr Herz schlug schneller. Er ließ seine Hände langsam über ihre Hüften und Beine wandern, und Gillian wurde das Atmen schwer. Sie versuchte, tief Luft zu holen und sich zu fassen, aber es gelang nicht. Als er seine Hände unter den Saum ihres Gewands schob und sie höher wandern ließ, antwortete ihr Körper wie unverzüglich.

     Die Haut ihrer Schenkel unter dem Rock prickelte, als Brice darüberstrich. Das Blut toste ihr heiß durch die Adern und pulsierte besonders heftig zwischen ihren Beinen. In ihren neunzehn Lebensjahren war ihr selten aufgefallen, wie empfindsam diese Stelle war. Wie schon unter seinen Berührungen in der zurückliegenden Nacht pochte es dort jetzt wieder fast schmerzhaft, wenn auch nicht unangenehm.

     Ohne ihre Einwilligung abzuwarten – und erst recht nicht ihren Widerstand – zog Brice sie näher und küsste sie erneut. Ihr Atem wurde schneller, und er spürte, wie sie sich ihm entgegendrängte. Er lächelte an ihren Lippen, neckte und schmeckte sie mit der Zunge, während er sie unablässig streichelte und dabei ihren geheimsten Gefilden stetig näher kam.

     Gillian wusste, welche Absicht er verfolgte. Sie wusste, er würde sich mit ihr vereinigen und sie dadurch bindend zu seiner Gemahlin machen. Doch all die Gründe, mit denen sie sich selbst davon überzeugt hatte, dass dies nicht geschehen dürfe, schwanden in der Leidenschaft seines Vorstoßes dahin. Bereits vergangene Nacht, vor ihrer Flucht, hatte sie davon gekostet, und nun fragte sie sich, ob vielleicht Furcht sie bewogen hatte fortzulaufen – vor diesem Mann, der ihr zwar fremd war, aber zugleich überaus verführerisch. Und vor den Gefühlen, die er in ihr weckte. Als er die Finger zwischen ihre Beine gleiten ließ, verspannte sie sich und wölbte sich ihm dennoch unwillkürlich entgegen. Die Empfindungen der letzten Nacht wallten einmal mehr in ihr auf – ebenso stark wie die Angst und der Drang zu fliehen.

     Sie wollte zurückweichen, seiner Berührung entkommen, wurde aber durch die Decken und seinen Arm daran gehindert. Obwohl sie sich wand, drang er immer weiter vor und ließ seine Finger über ihre empfindsame Spalte streichen und gar dazwischenfahren. Etwas tief in ihrem Schoß zog sich zusammen und begann zu pulsieren. Sie entzog sich seinen Lippen, sog scharf die Luft ein und machte sich bereit, sich den Ausweg entweder zu erstreiten oder zu erkämpfen, als etwas in seiner Miene sie innehalten ließ.

     Gillian hatte sich einreden wollen, dass dieser Bretone nur ein einfacher Mann war, der in den Adelsstand erhoben worden war und nun einforderte, was ihm an Land, Gütern und Menschen kraft seines neuen Titels zustand. Dass er sie auf eine Weise in Besitz nehmen wollte, die sie mit Leib, Herz und Seele für immer als sein Eigen kennzeichnen würde. Damit sie niemals vergessen oder missachten könnte, dass sie ihm gehörte. Nun jedoch, da sie ihm in die Augen schaute und nichts als Verlangen und Leidenschaft darin sah, ahnte Gillian, dass er nichts mehr als ein Mann war, der eine Frau begehrte … vielmehr: der sie begehrte.

     So wie sie um ihrer selbst willen noch nie zuvor begehrt worden war.

     Obgleich sie immer noch zweifelte, ergab sie sich diesen Empfindungen. Zu viele Jahre hatte sie ohne Liebe auskommen müssen, und ihre Seele schrie geradezu danach, von der Pein und der Einsamkeit ihres unerwünschten Daseins erlöst zu werden.

     Gillian schloss die Augen und ließ sich küssen und streicheln, auch wenn sie sich vor dem, was folgen würde, ängstigte. Und wusste, dass es kein Zurück mehr gab, wenn sie ihn gewähren ließ.

     Brice spürte ihren Widerstand weichen, als ihr Mund und ihr Leib nachgaben. Den Grund erahnte er nicht, denn in der Nacht zuvor hatten seine Zärtlichkeiten damit geendet, dass er ohnmächtig und blutend am Boden lag. Sein Körper jedoch war mehr als bereit und siegte über sein Zögern, er drängte ihn, diese Frau in Besitz zu nehmen.

     Als seine Gemahlin.

     Gerade noch hatte er sie umschmeicheln und allmählich verführen wollen, nun aber berührte und küsste er sie glühend, um ihre Lust zu entfachen. Wohl hätte er sich für ihre erste Zusammenkunft die Abgeschiedenheit eines sicheren und bequemen Schlafgemachs gewünscht. Doch all seine Pläne setzten voraus, dass seine Ehe allen Angriffen, ob durch Kirche oder König, zu trotzen vermochte. Und das hieß, dass er nicht warten durfte. Um sich herum hörte er, wie sich die Männer im ersten Morgenlicht erhoben und sich für den Kampf um Thaxted rüsteten, und das bedeutete, dass er auch nicht warten konnte.

     Er spielte mit ihrem herrlichen Mund, leckte ihre Lippen und küsste sie leidenschaftlich. Seine Zungenspitze berührte die ihre und umkreiste sie. Er sog an ihren Lippen, wie er es gleich mit ihren Brüsten und gar mit der Stelle machen würde, die er gerade streichelte. Gillian hielt die Augen geschlossen, aber ihr Körper verriet sie und erbebte unter seinen Zuwendungen. Das erregte ihn umso mehr. Sein Schaft wurde größer und härter und drängte gegen ihren Leib, zum Vorstoß bereit.

     Mit den Fingern tauchte Brice in Gillians Schoß, drang tiefer vor, wurde fordernder und genoss die feuchte Hitze, die er bald erspürte. Gillian keuchte erschreckt auf, als er mit einem Knie ihre Schenkel spreizte.

     „Öffnet Euch mir, Madame“, raunte er beruhigend und lächelte, als sie die Beine entspannte. „Lasst mich Euch zeigen, was Lust ist.“ Er, der er nie auf eine Dame wie sie hatte hoffen dürfen und von Titeln und Ländereien nicht einmal geträumt hatte, hielt nun all dies in seinem Besitz.

     Irgendwie war es ihr gelungen, sich von den Schichten aus Kleidung und Wolldecken zu befreien, und sie fasste nun seine Hand. „Eure Männer …“, flüsterte sie. „Sie werden uns hören.“ Ihre Finger um sein Handgelenk hielten ihn nicht von seinem Tun ab. Er strich über die samtigen Falten zwischen ihren Schenkeln und drang wieder mit einem Finger in sie ein. Ein Stöhnen entfuhr ihr. Doch sie sah ihm tief in die Augen und wartete auf seine Antwort.

     „Mich stört es nicht“, sagte er leise. „Denn ob sie uns hören oder nicht, Madame, Ihr werdet mein sein.“ Er ließ seine Hand verharren, wo sie lag, erwiderte Gillians Blick und wartete ab, wie sie reagieren und ob sie ihn gewähren lassen würde. Denn er würde ihr die Jungfräulichkeit nehmen, hier und jetzt. Wobei er bevorzugte, sie zu verführen und ihr Wonnen zu bereiten, statt gegen sie zu kämpfen und sie zu zwingen.

     Was nun geschah, hatte er sich kaum erhofft – ihr Leib war es, der Antwort gab, indem er sich der liebkosenden Hand entgegenwölbte und nach mehr verlangte. Doch Brice war kein Narr, und so erforschte er wachsam ihr Gesicht, um sicherzugehen, dass es tatsächlich auch ihr Wille war. Ihre blaugrünen Augen wurden dunkel, ehe sie die Lider senkte und ihn küsste. Es war ein unschuldiger, gehauchter Kuss, aber Brice fasste ihn als Einwilligung auf.

     Er ließ seine Fingerspitze weiterwandern, fand die kleine harte Perle in ihrem Schoß und verrieb die Nässe ihrer Erregung darauf. Bei jeder seiner ausgedehnten, langsamen Bewegungen stöhnte Gillian an seinen Lippen, und endlich drang er mit zwei Fingern tief in sie ein. Dabei weidete er sich an ihrem Begehren, denn sie fasste seine Hand und drängte sie weiter in sich hinein.

     Sie war bereit, das wusste er. Er zog die Finger zurück, löste die Schnürung und entledigte sich rasch seiner Hosen. Gillian murmelte etwas. Als er so weit war, streichelte er sie erneut und schob sich dann zwischen ihre Beine. Während er die Spitze seines harten Schafts über die geheime Pforte zwischen ihren Schenkeln gleiten ließ, beobachtete er Gillian, die seinen Blick erwiderte und das Verlangen, das ihren Leib überwältigt hatte, nicht länger verbergen konnte.

     Ihr Mund war leicht geöffnet, und ihre Brust hob und senkte sich unter flachen, kurzen Atemzügen. Brice wünschte, ihm bliebe mehr Zeit – mehr Zeit, ihre Leidenschaft bis zum Höhepunkt zu anzufachen. Doch die Pflichten des Tages rückten unerbittlich näher, ebenso wie der Lärm vor dem Zelt lauter wurde, und er konnte nicht länger warten. Er machte sich bereit und tauchte vorsichtig mit seiner prallen Männlichkeit in ihren engen Schoß ein.

     Doch kaum spürte er ihr feuchtes Fleisch, das ihn umfing und sich so köstlich anfühlte, schien sich sein Leib wieder in den eines jungen, unerfahrenen Grünschnabels zu verwandeln. Er drang er tiefer und schneller ein, als er vorgehabt hatte, bis er sie schließlich ganz ausfüllte. „Frau“, murmelte er, zog sich zurück und warf sich erneut in sie. „Meine Frau.“ Er stöhnte.

     Eben noch hatte Gillian sich gefühlt, als schmelze sie innerlich dahin, und ihr Leib hatte gebebt vor Wollust. Damit war es jäh vorbei, als er ungestüm von ihr Besitz nahm. Nicht länger folgte ihr Körper dem lustvollen Pfad der Begierde, auf den sie der Bretone geführt hatte. Nur einen unangenehmen Druck, gefolgt von heftigem scharfem Schmerz, verspürte sie in ihrem Schoß, es brannte und spannte bei jeder seiner hastigen Bewegungen.

     Noch zwei oder drei Stöße, dann hielt er inne. Aus seinem Blick verschwanden Verlangen und Leidenschaft, die Gillian dazu verführt hatten, sich ihm hinzugeben. Kurz wirkte er, als bereite ihm etwas Mühe, ehe sein Ausdruck seltsam leer wurde, was sie nicht zu deuten vermochte. Sein Atem ging stoßweise; er wandte das Gesicht ab, um ihr nicht in die Augen sehen zu müssen. Seine Arme, mit denen er sich abstützte, zitterten vor Anstrengung. Gillian wartete.

     Sie wartete darauf, dass das Begehren sie überwältigte. Sie nahm an, dass er ihr nun Laute entlockte, wie sie sie bei anderen Paaren vernommen hatte, die … das hier getan hatten. Sie erwartete, die Beherrschung über sich zu verlieren und von Versuchung und der Sünde der Lust fortgerissen zu werden.

     Sie wartete vergebens.

     Er glitt aus ihr heraus und kämpfte sich aus den Decken. Gillian beobachtete ihn. Sie fühlte sich seltsam losgelöst, so als betrachte sie das Geschehen durch die Augen einer anderen. Wenn sie ehrlich zu sich war, musste sie zugeben, dass sie drauf und dran war, um etwas Verlorenes zu weinen. Um etwas, das sich nicht erfüllt hatte, um … etwas, das sie nicht benennen konnte.

     Als er sie beide aus den Decken befreit hatte, zerrte Gillian ihren Umhang unter sich hervor und legte sich die Gewänder über ihre bloßen Beine. Sie brachte es nicht fertig, den Bretonen anzusehen. Er stand auf und entfernte sich von der Bettstatt, und das nutzte sie, um selbst auf die Füße zu kommen.

     Sie löste die Kordeln ihres Umhangs, streifte ihn ab und entwirrte auch das Tuch, das sich ihr um den Hals gewunden hatte. Sie nahm ihr Haar in eine Hand und kämmte es mit den Fingern der anderen, um die Knoten darin zu lösen.

     Noch immer war ihr nach Weinen zumute.

     Das machte ihr umso mehr zu schaffen, da sie so gut wie niemals Tränen vergoss. Wenn etwas sie besonders wütend machte, tobte, schrie, stritt und fluchte sie – mochte Gott ihr vergeben. Nur äußerst selten jedoch weinte sie. Und da stand sie nun im Zelt dieses Mannes, beobachtete ihn aus den Augenwinkeln und spürte, wie ihr die Kehle immer enger wurde und ihre brennenden Augen sich mit Tränen füllten. Schlimmer konnte es nur werden, wenn er jetzt auch noch freundlich zu ihr wäre.

     „Madame“, setzte er prompt an und hielt ihr einen Becher hin. „Dies ist ein Zelt in einem Kriegerlager und nicht für die Ansprüche einer Dame ausgelegt. Ich …“ Er stockte und brachte nicht heraus, was immer er äußern wollte, aber sie unterbrach ihn ohnehin.

     „Ich wäre jetzt gern einen Moment allein, Mylord“, sagte sie so gebieterisch wie möglich. Der seltsame Schmerz zwängte ihr Herz und Seele ein, und sie musste gegen die Tränen regelrecht ankämpfen. „Und ich muss mich erleichtern.“

     Ihr Bruder wirkte stets angewidert, wenn sie derart direkt war, und diesem Mann hier ging es wohl kaum anders, denn nachdem er ihr den Becher Bier gereicht hatte, verließ er das Zelt. Nach einer Weile kehrte er mit einem Krug, einer Schüssel und einigen Tüchern zurück.

     „Wenn Ihr Euch zuerst waschen wollt, werde ich Euch an einen Ort bringen, an dem …“

     Ohne ihn direkt anzuschauen, beobachtete sie, wie ihm die Röte den Hals hinauf bis in die Wangen stieg. Es überraschte sie, dass ein Mann wie er sich derart zierte, was die intimen Dinge des weiblichen Daseins anging. Sie nahm ihm Krug und Schüssel ab und stellte sie auf das Tischchen neben der Liegestatt. Als sie sich umdrehte, um ihm zu danken, war er schon auf dem Weg aus dem Zelt, und sie sah nur noch seinen Rücken.

     Gillian rang die Tränen nieder, während sie das heiße Wasser in die Schale goss, und begann, sich zu säubern. Es gelang ihr, sie zu zurückzuhalten, während sie sich von den Spuren ihrer verlorenen Unberührtheit reinwusch. Als sie fertig war, blickte sie sich in dem kargen Zelt um, in dem sich etwas ereignet hatte, das ihr Leben für immer verändert hatte und zugleich eine bittere Enttäuschung gewesen war. Da endlich gewann die Traurigkeit die Oberhand, und Gillian gab nach. Sie sank auf die Knie, ließ den Tränen freien Lauf und hoffte, dass sie die Pein und die Ernüchterung fortspülen würden. Kurz darauf hörte sie die tiefe Stimme des Bretonen vor dem Zelt.

     „Lady Gillian?“, rief er. „Wenn Ihr fertig seid, geleite ich Euch jetzt aus dem Lager.“

     Seufzend griff sie nach dem letzten sauberen Lappen und wusch sich das Gesicht. Sie flocht sich das Haar, so gut es ging, zu einem Zopf und band ihr Tuch darum. Dann atmete sie einmal tief durch, schritt zum Eingang und hob die Zeltklappe, während sie mit der anderen Hand ihren Umhang zurechtzupfte.

     Kühle Luft schlug ihr entgegen, als sie hinaus ins helle Morgenlicht trat. Ihr war, als hielten die Männer um sie her kurz in ihrem Tun inne und starrten sie an, aber blitzschnell wandten sie sich wieder ihren Aufgaben zu. Gillian ging ein Stück und sah Brice bei einigen seiner Krieger stehen. Als sie sich näherte, hörte sie, dass die Männer sich leise unterhielten.

     „Guten Morgen, Madame“, rief ihr ein junger Bursche zu.

     Gillian hielt den Kopf gesenkt, damit niemand erkannte, dass sie geweint hatte. Sie nickte dem Jüngling zu. Der lächelte sie an und verbeugte sich leicht. „Wenn Ihr zurückkommt, wird Euer Morgenmahl für Euch bereitstehen.“

     „Habt Dank für Eure Freundlichkeit“, erwiderte sie leise und hoffte, dass Brice sie bald von hier fortbringen werde.

     „Dieser Bursche hat Euren Dank nicht nötig, Madame“, mischte ihr Gemahl sich ein und gab dem Jungen einen spielerischen Klaps aufs Ohr. „Das ist nämlich nur mein nichtsnutziger Knappe Ernaut. Er ist für Euer Wohlergehen verantwortlich, bis wir eine Magd für Euch aufgetrieben haben.“

     „Ist mir eine Ehre, Lady Gillian.“

     Gillian spähte zu ihm hinüber, um zu sehen, ob er sich über sie lustig machte, aber seine Miene war aufrichtig und freundlich.

     „Kommt, Madame“, sagte Brice. „Es bleibt nicht viel Zeit, bis wir uns für den Kampf bereit machen müssen, und vorher möchte ich, dass alles zu Eurer Zufriedenheit ist.“ Er schickte die übrigen Männer mit einer Geste fort und reichte Gillian die Hand.

     Sie erinnerte sich daran, dass ihr einige der Krieger vorgestellt worden waren, nachdem … nachdem sie das Ehegelübde abgelegt hatte. In ihrem Kopf hatten sich die Namen allerdings zu einem unentwirrbaren Einerlei vermengt. Also senkte sie den Blick erneut und folgte Brice, der sie von den Zelten fort zu einem kleinen Hain führte, in dem sie vor Zuschauern abgeschirmt war.

     Gillian versuchte, nicht an die wohligen Empfindungen zu denken, welche die Hand, die sie hielt, vorhin in ihr geweckt hatte. Ein Schauer durchrieselte sie, ein letztes Echo jener Erregung und Lust. Als ihr jedoch das schmerzhafte und enttäuschende Ende des Ganzen einfiel, schüttelte sie den Kopf, um wieder zu Verstand zu kommen. Gemeinsam mit dem Bretonen trat sie zwischen die Bäume.

     Angesichts ihres Verhaltens vergangene Nacht erwartete sie, dass er sich an ihrer Seite halten werde, aber zum Glück sah er davon ab. Es gelang ihm gar, sie zu verblüffen. „Versprecht Ihr mir, dass Ihr nicht versuchen werdet zu fliehen?“

     „Zu fliehen, Mylord? Jetzt?“

     „Ja, Madame. Jetzt.“ Er nickte. „Versprecht Ihr mir, dass Ihr nicht versuchen werdet … jetzt zu fliehen?“

     Sie überdachte dies und erkannte, dass es für sie ohnehin keinen Ort mehr gab, an dem sie hätte Zuflucht suchen können – nun, da er sie zu seiner rechtmäßigen Frau gemacht hatte. Wäre sie unberührt, hätte Oremund etwas zum Verhandeln gehabt. Das entfiel jetzt, weil sie nicht länger Jungfrau war. Sie sah flüchtig zu ihm auf, und erst da wurde ihr bewusst, dass er ihr ein Versprechen abnehmen wollte und geneigt war, sich auf ihr Wort zu verlassen. Das überraschte und berührte sie. Gillian nickte, ohne ihm noch einmal in die Augen zu sehen.

     „Dann genießt ein paar Augenblicke der Ungestörtheit, Madame“, sagte er leise. „Ich werde beim Zelt auf Euch warten.“ Sie hörte, wie er sich entfernte.

     Die Erkenntnis, dass sie wirklich ganz allein hier draußen war, drohte Gillian zu überwältigen. Sie lauschte, aber bis auf die fernen Geräusche aus dem Lager war nichts zu vernehmen. Niemand war in der Nähe, um sie am Gehen zu hindern. Wie merkwürdig, dass sie sich nicht dazu aufraffen konnte.

     Sie rieb sich über die Stirn. Nie wieder würde sie das unschuldige Mädchen sein, das sich ins Kloster hatte retten wollen. Und obwohl sie sich keineswegs wie eine Ehefrau fühlte, hatten die Ereignisse des Morgens sie vor Gesetz und Kirche zu einer solchen gemacht. Alles Leugnen half nichts – sie wusste mit Herz, Seele und Leib, dass der Bretone ihr die Unschuld genommen hatte.

     Seufzend erledigte Gillian, wozu sie gekommen war, und machte sich danach auf, zurück zum Zelt. Ihr blieb nichts anderes übrig, als sich den kommenden Kämpfen und deren Ausgang zu stellen. Nun konnte sie nur noch beten, dass das Gefecht möglichst wenig Opfer forderte.

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