Vom Feind erobert - 9. Kapitel

9. Kapitel

Gillian fuhr ruckartig aus dem Schlaf hoch. Einen Moment lang konnte sie sich nicht entsinnen, wo sie war, bis ihr Körper sie daran erinnerte – er schmerzte an Stellen, die ihr bis gestern völlig unbekannt gewesen waren.

     Sie lag neben ihrem Gemahl.

     Einem bretonischen Ritter, der darauf hoffte, ihrem Bruder Thaxted zu entreißen.

     Einem Bastard, den sein König ihr als Gemahl aufgezwungen hatte.

     Einem Mann, der eine solche Leidenschaft in ihr entfacht hatte, dass er sie damit beinahe um den Verstand gebracht hätte.

     Beinahe. Sie dachte über das nach, was zwischen ihnen geschehen war, seit sie sich gestern zu ihm gelegt hatte. Nicht im Traum wären ihr so viele verschiedene Wege eingefallen, jemandem Wonnen zu bereiten oder selbst Lust zu erfahren. Das erste Mal war er fast bedächtig vorgegangen, nicht so jedoch bei den nachfolgenden Malen. Einmal hatte er sie gar von hinten genommen, dabei ihre Brüste liebkost und jenen besonderen Punkt zwischen ihren Schenkeln gerieben, während er sich wieder und wieder in sie versenkt hatte.

     Und dann das letzte Mal. Gillian schloss die Augen und ließ wieder aufleben, wie kraftvoll, wie drängend, wie tief er in sie eingedrungen war. Hatte sie zum Ende hin gar die Besinnung verloren? Anschließend waren sie beide eingeschlafen, völlig erschöpft von ihrem Liebesspiel und dem vorangegangenen Tag.

     Sie vernahm die Laute des erwachenden Lagers. Die Männer rüsteten sich für den Kampf. Gillian drehte sich auf die Seite, um Brice anzuschauen. Wie würde er ihr nach den Vertraulichkeiten der vergangenen Nacht begegnen, wie würde er sie ansprechen oder ansehen? Doch der Platz neben ihr auf dem Lager war leer.

     Gillian wickelte sich die Decken um den Oberkörper, setzte sich auf und sah sich im Zelt um. Ihre Kleider lagen quer über dem Fußende des Lagers. Was Brice getragen hatte, war fort. Sie lauschte kurz und streifte sich Hemd und das lange Obergewand über, ehe irgendwer eintreten und sie hüllenlos vorfinden konnte. In wenigen Augenblicken waren auch Tuch und Umhang angelegt, und Gillian hob die Zeltklappe.

     Das Lager war so gut wie verlassen.

     Hatte sie den Kampf um Thaxted etwa verschlafen? Aber das war unmöglich! Brice musste sie in seinem Zelt sicher gewähnt haben und daher gegangen sein, ohne sie zu wecken. Aber den Lärm eines Gefechts konnte man doch wohl kaum überhören? Brice erwartete, dass sie sich heute an Vater Henrys Seite hielt. Daher begab sie sich auf die Suche nach dem Priester und schlängelte sich durch das Dorf aus Zelten. Gestern hatte sie erfahren, dass sich seine Unterkunft am östlichen Ende des Platzes befand, und nachdem sie sich bei einigen Bediensteten und Frauen nach dem genauen Weg erkundigt hatte, machte sie sich sogleich auf den Weg.

     Kein Schlachtenlärm, sondern tödliche Stille umgab sie. Sie schirmte die Augen gegen die Sonne ab, ließ den Blick in Richtung Thaxted Hall schweifen und erblickte Reihe um Reihe Bewaffnete. Die Feste war umzingelt. Unwillkürlich wandte Gillian sich in Richtung der Burg und lief darauf zu, bis sie von dem Priester aufgehalten wurde, nach dem sie gesucht hatte.

     „Lady Gillian, kommt.“ Er fasste sie am Arm und zog sie zurück. „Hier ist es nicht sicher für Euch.“

     „Hat es schon begonnen, Vater?“, wollte sie wissen, nicht bereit, sich im hinteren Bereich des Lagers zu verstecken, wenn so viele, die sie kannte, an der Front dieser Schlacht standen.

     „Nein, Mylady“, erwiderte er und schüttelte den Kopf. „Euer Bruder und Lord Brice reden noch.“

     „Über mich? Über meine Ländereien?“

     Noch ehe er etwas entgegnete, wurde sie sich ihres Irrtums bewusst – die Ländereien gehörten ihr nicht länger, und auch all ihre Rechte hatte sie verwirkt. Beides hatte sie an den Mann abgegeben, den sie geheiratet hatte. Die Normannen dachten anders über Position und Recht der Frau als die Engländer, Waliser oder Schotten. Sie wichen in ihren Ansichten selbst von denen der Nordmänner ab, die vor nicht allzu langer Zeit noch einen Teil Englands beherrscht hatten. Nach Vorstellung der Normannen gehörte alles dem Gemahl.

     Da es den normannischen Absichten in diesem Fall entgegenkam, würden sie das Testament ihres Vaters anerkennen und Thaxted ihr zugestehen – nur um Gewalten und Befugnisse umgehend ihrem Gemahl zu übertragen.

     „Sie sprechen über Frieden und wollen in dieser Auseinandersetzung zu einer gütlichen Einigung gelangen, anstatt sie mit Opfern auf beiden Seiten zu lösen, Mylady.“ Vater Henry musste langjährige Erfahrung mit Friedensverhandlungen zwischen Kontrahenten haben. Das schloss sie sowohl aus seinem ruhigen Ton als auch aus der Wahl seiner Worte.

     „Und habe ich etwa kein Mitspracherecht bei dieser Unterredung?“, fragte sie erzürnt.

     Gott allein mochte wissen, welche Lügen Oremund ihrem Gemahl auftischte. Schlimmer noch, er würde Anschuldigungen gegen sie und ihre Mutter erheben. Ihr Bruder würde alles sagen oder tun, um endgültig die Macht über Thaxted zu erlangen – wie er ebenso alles tun würde, um herauszufinden, wo ihr Vater sein Vermögen verborgen hatte. Wenngleich er dessen Existenz kaum ihrem bretonischem Gemahl auf die Nase binden würde.

     „Ganz recht, Madame, das habt Ihr nicht“, rief Letzterer urplötzlich hinter ihr. Gillian fuhr herum und sah sich Brice und zweien seiner Befehlshaber gegenüber.

     Dies war nicht länger der Mann, der ihr mit tiefer Stimme Zärtlichkeiten zugeraunt hatte, während er ihre intimsten Stellen liebkoste. Dies war nicht der Mann, der sie mit Leib und Seele zu Wonnen geführt hatte, die sie sich niemals hätte träumen lassen. Dies war nicht länger nur ein Mann, dies war … ein Krieger des Königs.

     Gillian hatte ihn schon zuvor in Brünne und Helm gesehen, das Schwert an der Seite. Sie hatte erlebt, wie er auf der Straße seine Mannen befehligt hatte, während sie sich im Gebüsch versteckt hielt. Als er nun auf sie zuschritt, zuckte sie zusammen und war versucht, näher an den Priester zu rücken. Als könne ein einfacher Mann Gottes ihn daran hindern zu tun, was immer er zu tun beliebte!

     „Euer Bruder wünscht Euch zu sprechen. Er möchte sich vergewissern, dass Ihr wohlauf und in Sicherheit seid. Er hat tagelang nach Euch gesucht und dankt dem Allmächtigen dafür, dass Euch bei Eurem närrischen Unterfangen kein Haar gekrümmt wurde.“ Er sprach ruhig, stieß die Worte jedoch zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Sie sah, dass seine Kiefermuskeln deutlich hervortraten. Seine Augen verdunkelten sich zusehends, und sein Blick schien sie zu durchbohren.

     Die beiden Männer neben ihm rührten sich nicht und blieben stumm. Gillian war überzeugt, dass die Kerle sie gleich packen und zu ihrem Bruder schleifen würden. Mit einem Mal begann ihre Zuversicht zu bröckeln, und sie zögerte, ihm die wahren Absichten ihres Bruders zu offenbaren. Ihr schoss durch den Kopf, was sie gerade über die Normannen gedacht hatte. Wer wusste schon, ob Brice nicht ein falsches Spiel mit ihr trieb? Somit mochte Schweigen die beste Lösung sein.

     Wenngleich dies ihrem Wesen widersprach.

     „Und das glaubt Ihr ihm, Mylord?“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust, obwohl sie wusste, dass sie ihn damit herausforderte. Aber er musste begreifen, dass ihr Bruder log. „Ihr stellt also sein Wort über das meine?“

     Brice betrachtete sie. Er sah Wut in ihren Augen aufflammen. Ihre ganze Haltung drückte Empörung aus, die zweifellos aufrichtig war. So stürmisch sie sich in der Nacht der gemeinsamen Lust hingegeben hatte, so leidenschaftlich würde sie ihm nun trotzen. Doch dies war ein entscheidender Moment, und daher konnte er ihr dies nicht durchgehen lassen.

     Er wusste, dass ihr Bruder ein berechnender Lügner war, der seine eigene Mutter an den Teufel verkauft hätte, um zu erreichen, was er wollte. Aber jedes Zeichen dafür, dass er sich von Gillian beeinflussen ließ, würde seine Position derzeit schwächen, das wusste Brice. Ein Mann, der sich der Frau fügte, mit der er gerade einmal einen Tag lang vermählt war, musste als Weichling gelten, und das konnte er sich nicht erlauben.

     „Schließlich ist er ein Mann, Madame“, erwiderte er. Damit beantwortete er ihre Frage zwar nicht, wies den darin mitschwingenden Vorwurf jedoch auch nicht zurück. Gillian wurde rot. Brice glaubte schon, sie werde gleich aufbrausen, aber stattdessen presste sie die Lippen zusammen und begegnete seinem Blick. Er unterband weitere Fragen, indem er ihr mit einer Geste zu verstehen gab, sie solle seinen Männern folgen.

     Vater Henry trat einen Schritt vor, als wolle er sich zwischen Gillian und ihn stellen. Das hatte Brice ihn schon in Taerford tun sehen; auch dort hatte er mehrmals zwischen Lord und Lady vermittelt. Hier und jetzt jedoch konnte es seine Pläne gefährden. „Es besteht kein Grund, sich um die Sicherheit der Dame zu sorgen, Vater“, sagte Brice. „Immerhin ist sie meine Gemahlin.“

     Besagte Dame drehte sich um und schaute ihn an. „Dann werdet Ihr also meine Rechte gegen meines Bruders Ansinnen, sie mir zu entreißen, verteidigen?“

     Brice unterdrückte den heftigen Drang zu lachen. Er schätzte so gut wie alles, was er nach und nach an Gillian entdeckte, aber das durfte er ihr auf keinen Fall zeigen. „Ihr meint meine Rechte, Lady Gillian, nicht wahr?“ Er griff sie bei der Hand und zog sie an seine Seite. „Nun, da ich alles beherrsche, was Ihr in diese Ehe mit eingebracht habt.“

     Er glaubte, sie werde sich sträuben, aber sie gab nach und schritt neben ihm her. Wenigstens würde sie so in seiner Nähe sein, sodass er sie vor allem beschützen konnte, was da kommen mochte. Sein Herzschlag beruhigte sich, und er sann darüber nach, welchen Verlauf der Tag wohl nehmen mochte.

     Als er vorhin zum Zelt zurückgekehrt war und Gillian nicht dort angetroffen hatte, hätte er beinahe lauthals ihren Namen geschrien. Wegen der anberaumten Unterredung vor dem Morgengrauen hatte er sie kurz verlassen müssen, hatte jedoch zurück sein wollen, ehe sie aufwachte. Stattdessen fand er ein leeres Lager und keine Gemahlin vor. Sein erster Gedanke war, sie sei erneut geflohen, doch dann hatte er sich zusammengerissen und vor Augen gehalten, wie unwahrscheinlich dies war.

     Schließlich war ihm eingefallen, dass sie versprochen hatte, dem Priester zur Hand zu gehen, und da wusste er, wo sie sein würde. Dass er sich auch nur einen Moment lang wegen ihr gesorgt hatte, stimmte ihn gereizt, was er bei seiner Begrüßung nicht hatte verhehlen können. Gerne hätte er Gillian beschwichtigt, wagte es jedoch nicht. Sie war eine kluge Frau – sie würde schon verstehen, wenn er ihr die Sache später auseinandersetzte.

     Ganz bestimmt wird sie verstehen.

     Sie hatten das offene Gelände fast erreicht, auf dem seine Männer warteten, als Gillian ihm im Gehen ihre Hand entzog.

     Nun, vielleicht versteht sie auch nicht.

     Es galt, wie er ihr gestern Abend gesagt hatte, viele Dinge zwischen ihnen zu klären, wenn dieser Tag erst einmal vorüber war. Jetzt allerdings war nicht die Zeit dafür. Sie ließen die letzten Zeltreihen hinter sich und näherten sich der Linie, die seine kampfbereiten Krieger bildeten. Gillians selbstsicherer Gang wurde zögerlich, und sie überraschte ihn einmal mehr, als ihre Hand erneut die seine suchte.

     „Gibt es denn keine andere Möglichkeit?“, fragte sie flüsternd.

     „Euer Bruder hat zugesichert, Euch Thaxted zu übergeben, sobald er sich davon überzeugt hat, dass Ihr in Sicherheit seid und Euch aus freiem Willen vermählt habt.“

     Sie blieb so abrupt stehen, dass Brice noch drei Schritte machte, bevor er es merkte und sich umwandte. Sie stand stocksteif da, die Miene in Fassungslosigkeit erstarrt.

     „Gillian, jetzt ist keine Zeit dafür“, sagte er warnend. „Menschenleben stehen auf dem Spiel.“

     „Er ist ein Lügner.“ Einmal mehr verschränkte sie aufsässig die Arme vor der Brust, ehe sie sich ihm zuneigte und die Stimme senkte, damit nur er sie hören konnte. „Oremund ist ein vermaledeites, strohdummes Schandmaul und hat Euer Vertrauen nicht verdient.“

     Brice ahnte einiges und wusste nur wenig, doch das bisschen, das er über ihren Bruder und dessen Absichten in Erfahrung gebracht hatte, durfte er Gillian gegenüber nicht preisgeben. „Und Ihr hingegen habt mein Vertrauen verdient?“, erwiderte er. „Wann habt Ihr es Euch verdient?“ Er trat einen Schritt vor, sodass kein Raum mehr zwischen ihnen war. „Als Ihr Euch vor mir versteckt habt? Oder als Ihr mich angelogen habt, was Euren Namen angeht? Oder womöglich sollte ich Euch vertrauen, weil Ihr mich niedergeschlagen habt und anschließend fortgelaufen seid? Auf welche dieser vertrauenerweckenden Begebenheiten zwischen uns soll ich ein solches Urteil stützen?“

     Ihr hübsches Gesicht lief rot an, und sie wandte den Blick ab, da sie dem seinen nicht standhalten konnte. Ihr Verhältnis zueinander hatte nicht ungetrübt begonnen, aber Brice glaubte, dass dies zu beheben war – sobald er den Anspruch auf seinen Besitz durchgesetzt und seine Herrschaft gefestigt hatte. Auch bei Giles war nicht alles glattgegangen. Sie wussten beide, dass die ihnen zugesprochenen Lehen zu den besten des Landes gehörten. Zwar zählten die Burgen zu denen, die am schwersten einzunehmen waren, aber was das betraf, zählten Giles und er zu den Besten.

     „Kommt“, sagte er ruhiger. „Euer Bruder wartet auf Euch.“

     Sie schwieg, während er sie zu dem offenen Feld führte, das Gillian von ihrem Zuhause und der Streitmacht ihres Bruders trennte. Letzterer saß mit zweien seiner Männer hoch zu Ross und blickte ihnen schweigend entgegen. Die weiße Fahne an seiner Seite war der einzige Grund dafür, dass Brice ihn nicht längst in Stücke gehauen hatte.

     Seine Gefährten argwöhnten eine Falle. Er konnte ihre Wachsamkeit regelrecht spüren. Lucais, Stephen und die übrigen Führer seines Heers achteten aufmerksam auf seine Signale und spähten nach Anzeichen dafür, dass etwas nicht stimmte. Sie hatten eine Strategie ausgearbeitet und vorbereitet – am Ende dieses Tages würde er Lord of Thaxted sein, und dies nicht nur dem Namen nach, sondern ganz und gar.

     „Ah, liebste Gillian“, rief Oremund. „Du bist gesund und wohlauf!“ Er saß ab und breitete die Arme aus. „Komm, lass mich dich empfangen, wie ein Bruder seine geliebte Schwester empfangen sollte.“

     Brice entging nicht, dass Oremunds Lächeln nicht die Augen erreichte. Gillian machte keinerlei Anstalten, von seiner Seite zu weichen. „Die Dame bleibt bei mir, bis wir uns einig geworden sind“, erklärte Brice. Das einzige Merkmal, das die beiden Geschwister teilten, war die Farbe ihres Haars. Gillian musste eher nach ihrer Mutter kommen als nach dem gemeinsamen Vater.

     „Ich habe Euch mein Wort gegeben, Mylord. Glaubt Ihr etwa, ich werde es nicht halten?“ Oremund runzelte die Stirn.

     Brice spürte, wie Gillian neben ihm sich verspannte. Er warf ihr aus den Augenwinkeln einen Blick zu, um zu ergründen, was sie dachte. Sie sagte nichts, sondern starrte auf ihren Bruder.

     „Euer toter König hatte dem meinen ebenfalls sein Wort gegeben, Oremund.“ Das war weder ein Nein noch eine unverhohlene Schmähung, aber nah genug an beidem, um Oremund zu verstehen zu geben, dass Brice sich nicht würde narren lassen. Der Sohn Eoforwics nickte. Er hatte verstanden.

     „Schwester, Lord Raedan wünscht zu wissen, ob du der Vermählung aus freiem Willen zugestimmt hast oder dazu gezwungen wurdest“, sagte Oremund gelassen.

     Brice legte die Hand auf den Schwertknauf. Oremunds wachsame Miene verriet Brice, dass er wusste, wie nahe er daran war, als Antwort auf diese Beleidigung die Waffe zu ziehen. Leider hatte er ihm versprochen, Gillian alle Fragen beantworten zu lassen, ohne einzugreifen.

     „Ich …“, setzte sie an, aber Oremund winkte ab.

     „Was immer vorgefallen ist und zu welchen verfehlten Entscheidungen du dich gedrängt gefühlt hast – Lord Brice hat mir zugesichert, dass er dich gehen lassen wird, sofern du es wünschst.“

     Brice spürte ihre Verblüffung und nickte ihr zu, obgleich er nicht im Mindesten die Absicht hegte, sie gehen zu lassen. Sollten sie beide ruhig glauben, was sie wollten – Gillian war sein. Ihr jedoch den Ausweg zuzugestehen, sie von ihrem Versprechen zu entbinden, würde ihm Einblick in ihr Denken und ihre Gefühle verschaffen. Dies würde ihm in Zukunft von Nutzen sein. Gillian starrte ihn an, während ihr Bruder weiterschwatzte. Brice vermochte ihre nun ausdruckslose Miene nicht zu deuten.

     „Also, Gillian, möchtest du gehen?“, fragte Oremund.

     Die Männer hinter ihm wurden unruhig. Nur wenige konnten die Gründe für sein Verhalten nachvollziehen, aber Brice wusste, keiner würde es infrage stellen. Zumindest jetzt nicht, doch später würde er sich wohl ein paar Fragen von seinen Gefährten gefallen lassen müssen.

     „Nein.“ Ihre schlichte Erwiderung kam wie ein Fausthieb, und Gillian war klar, dass sie keineswegs das war, was ihr Bruder erwartet hatte. Doch der hatte sie ja noch nie verstanden. Sie wusste nicht so recht, ob Lord Brice das tat, aber der hatte bislang nichts unternommen, das sie so sehr das Fürchten gelehrt hatte wie ihr Bruder. Zu gern hätte sie sich der Kontrolle eines jeden Mannes entzogen, wobei ihr klar war, dass dies nicht dem Lauf der Welt entsprach und ihr nie freistehen würde. Nun, die Antwort war ausgesprochen. Da Brice sich ihr gegenüber selbst in Momenten ehrenhaft verhalten hatte, in denen sie ihn bis aufs Blut gereizt hatte, beschloss sie, ihr Schicksal in seine Hände zu legen.

     „Entscheide dich mit Bedacht, Schwester“, mahnte Oremund mit dieser samtweichen Stimme, die er stets vor Zeugen einsetzte. „Das Los deiner Leute und deiner Familie steht auf dem Spiel.“

     Noch eine Drohung, die im Gewand der Sorge daherkam. Zahllose Menschen waren vor Oremund aus Thaxted geflohen oder von ihm verkauft worden, als die Streitmacht von William, den sie nun den Eroberer nannten, durchs Land gezogen war und der vergangene harte Winter und die leeren Vorratskammern ihren Tribut gefordert hatten. Das ehemals blühende Anwesen verkam zusehends unter Oremunds miserabler Führung. Sie war ganz darin vertieft, das Für und Wider abzuwägen, und daher fiel ihr erst nach einer Weile auf, dass alle auf eine Entgegnung von ihr lauerten.

     „Lady Gillian, wie also lautet Eure Antwort auf Eures Bruders Frage?“

     Würde Lord Brice sie tatsächlich gehen lassen? Hatte sie alles, was er gesagt hatte, falsch gedeutet? War all das, was sie über ihn zu wissen meinte, ein Irrtum? Ihr blieb keine Zeit zu ergründen, was es mit seiner Entscheidung auf sich hatte, aber sie hatte die ihre getroffen und sowohl vernünftige als auch weniger vernünftige Gründe dafür.

     „Nein“, beharrte sie. „Ich stehe zu dem Gelöbnis, das ich gegeben habe, Oremund.“ Gillian hatte nicht geahnt, wie sehr sie zitterte und wie groß ihre Anspannung war, bis Brice hinter sie trat und ihr die Hände auf die Schultern legte. Sie sog seine Kraft in sich auf.

     „Gut gemacht“, raunte er ihr ins Ohr und zog sie an sich. „Gut gemacht.“

     Hatte er etwa an ihr gezweifelt? Hatte er dies alles hier vielleicht geplant, um einen Angriff auf Thaxted rechtfertigen zu können? Glaubte er denn wirklich, dass sie sich ihm die ganze Nacht lang hemmungslos hingeben konnte, um ihn im ersten Tageslicht einfach stehen zu lassen? Gillian erahnte Untiefen unter all den getauschten Gesten und Worten; sie ahnte, dass weit mehr dahintersteckte. Hier ging es um etwas, das sehr viel größer war als ihre eigenen Ziele.

     Tief im Innern vertraute sie ihrem Gemahl und war sich gewiss, dass sie bei ihm sicherer war, als wenn sie sich der fragwürdigen, falls denn überhaupt vorhandenen Gnade ihres Bruders auslieferte. Aber hatte Brice mit seinen Worten tatsächlich Zustimmung zu ihrer Entscheidung ausdrücken wollen?

     Oremund verlor die Beherrschung, und nun bekam jeder der Anwesenden einen Einblick in sein Wesen geboten, mit dem Gillian es für gewöhnlich zu tun hatte – einen gefährlichen, Gift verspritzenden, selbstsüchtigen und streitbaren Oremund. Dieses Mal allerdings standen glücklicherweise Männer mit großen Schwertern zwischen ihnen beiden.

     „Du treuloses, verlogenes Luder!“, schrie er, das Gesicht vor Zorn verzerrt. Er machte zwei Schritte auf sie zu, doch sofort bildete sich eine Mauer aus bewaffneten Kriegern, die ihn in Schach hielt. „Für diesen Verrat wirst du zahlen!“

     Gillian war bewusst, dass sie zurückgewichen war und sich fester an Lord Brice drückte. Es war das erste Mal, dass sie sich ihrem wutschnaubenden Bruder gegenübersah und dennoch sicher fühlte. Was für sie jedoch weit mehr Bedeutung hatte – sie wusste, dass dies nicht das Ende war, denn Oremund hatte die Angewohnheit, zuerst mit Worten anzugreifen und sich danach anderer Methoden zu bedienen, um vermeintliche Kränkungen oder Vergehen zu ahnden.

     Als Oremund klar wurde, dass er Gillian nichts anhaben konnte, machte er kehrt, schwang sich aufs Pferd und sprengte zur Burg zurück.

     Dies war nicht das Ende, das stand für Gillian fest.

     Sie wandte sich Brice zu, um ihn zu warnen. Er erahnte ja nicht, wie hinterhältig Oremund sein konnte, wenn er derart aufgebracht war. Brice ließ sie los, als sie sich umdrehte, und sie bemerkte, dass er höchst zufrieden wirkte. Sie schaute sich um und stellte fest, dass sich dieser Ausdruck in den Gesichtern aller Männer fand!

     „Es ist noch nicht vorbei, Mylord!“, stieß sie flüsternd aus, damit nur Brice es vernahm. „Er wird Thaxted nicht kampflos aufgeben. Dies war lediglich eine …“

     „Eine Finte, Madame. Ja, ich weiß. Ich habe nie erwartet, dass er einfach abziehen würde“, erwiderte Lord Brice. „Ernaut, bring Lady Gillian zurück zu Vater Henry und bleibe dort“, befahl er, als er in den Sattel stieg.

     „Aber …!“, setzten Gillian und Ernaut gleichzeitig an.

     Doch Brices Gedanken kreisten bereits um die nun bevorstehende Eroberung von Thaxted. Er hatte den beiden einen Befehl erteilt und erwartete, dass sie ihn ohne zu zögern ausführten.

     Die Krieger in ihrem Rücken formierten sich bereits, als Gillian klar wurde, dass sie das Blutvergießen verhindern – oder zumindest in Grenzen halten – konnte. Sie lief zu Brice und berührte ihn am Bein, um ihn auf sich aufmerksam zu machen.

     „Mylord“, rief sie über den wachsenden Lärm der Männer hinweg, die sich für den Kampf wappneten. „Mylord, ich muss mit Euch sprechen.“

     Er bedachte sie mit einem finsteren Blick und gab ihr mit einer Kopfbewegung zu verstehen, dass sie verschwinden solle. Das aber tat sie nicht, denn sie wusste, wenn sie ihm von dem Tunnel unter der Festung erzählte, würde er hineingelangen und Thaxted erobern können. Als Brice erkannte, dass sie nicht gehen würde, beugte er sich zu ihr hinab.

     „Es gibt einen anderen Weg …“

     Der Pfeil durchbohrte sie, ehe sie den Satz zu Ende führen konnte, und die Wucht, mit der er sie traf, warf sie zu Boden. Brennender, fürchterlicher Schmerz durchschoss sie, und in ihrem Kopf drehte sich alles. Ihr Magen wurde zu einem harten, heißen Klumpen, als die Pein ein Ausmaß erreichte, wie sie es nie zuvor durchlitten hatte.

     Von diesem Augenblick an herrschte Chaos. Sie hörte, wie die Schreie lauter und lauter gellten, während sie selbst immer weiter von allem fortdriftete. Alles um sie her vermischte sich zu einem großen Wirrwarr – das Licht der Sonne, der Wind, der durch die Bäume fuhr, Brice, der befahl, die Brandpfeile anzuzünden und Thaxted in Flammen aufgehen zu lassen.

     Oh, großer Gott, nicht! Sie musste ihn aufhalten. Gillian sah nur noch verschwommen, wie er vom Pferd glitt und sich zu ihr hinunterbeugte. Wild und grimmig brüllte er seine Anweisungen, sie war jedoch zu benommen, um ihren Blick länger auf ihn richten zu können. Brice hob sie auf, als wiege sie nichts, und trug sie aus dem Getümmel.

     „Mylord“, flüsterte sie. Jeder Atemzug schien an ihren Kräften zu zehren.

     „Still, Gillian“, sagte er an ihrer Stirn. „Vater Henry wird sich um Euch kümmern.“

     „Brice! Wartet!“

     Er blieb stehen. Ihre Sicht wurde immer verschwommener. Das Blut hatte ihre Kleidung durchtränkt, und sie spürte ihren Arm nicht mehr. Gillian blinzelte angestrengt, um sein Gesicht zu erkennen, doch vergeblich. „Brice, ich kann Euch einen Weg hinein zeigen. Ihr müsst Thaxted nicht niederbrennen“, flehte sie flüsternd. „Ich bitte Euch, Mylord. In der Feste sind Unschuldige, die ebenfalls umkommen würden.“

     Er entgegnete nichts, doch sie fuhr unbeirrt fort, presste jedes Wort mühsam hervor, während die Dunkelheit sie stetig tiefer zog. „Vierzig Schritte von der Nordmauer entfernt steht … eine Gruppe von Bäumen … Am Fuße des mittleren …“ Sie schüttelte den Kopf, um wieder Klarheit zu erlangen, konnte den Nebel um sie her jedoch nicht vertreiben. „Wenn Ihr hindurchsteigt, werdet Ihr … werdet Ihr hinter der Kate des Schmieds … herauskommen.“

     Gillian streckte die gesunde Hand nach Brice aus, konnte ihn aber nicht greifen. „Versprecht … versprecht mir, dass Ihr die Menschen schont.“

     Seine Antwort erreichte sie nicht mehr – nur der Schrei, den er ausstieß, hallte in ihrem Kopf wider. Sie spürte noch, wie sie gegen seine Brust sank, und dann wurde ihr Tag schwarz und endete.

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