Vom Feind erobert - Prolog + 1. Kapitel

Prolog

Taerford Hall, Wessex, England
Dezember 1066

Bischof Obert hatte eine Zusammenkunft mit dem zweiten Ritter auf der Liste anberaumt, die er bereits vor Monaten erstellt hatte. In diesem Verzeichnis fanden sich all jene, die in den Genuss der Großzügigkeit des künftigen Königs kommen sollten. Er hatte die Papiere dabei, die den Ritter zum Vasallen, den mittellosen Bastard zum reichen Grundherrn machen würden – sofern dieser die ihm zugedachten Ländereien den rebellischen Angelsachsen entreißen konnte, die sie besetzt hielten.

     Während er auf Brice Fitzwilliam, den Ritter aus der Bretagne, wartete, schritt Obert neben der Tafel auf und ab. Wenn er vor der Krönung Williams wieder in London sein wollte, musste er morgen aufbrechen. Das Treffen mit Fitzwilliam war die letzte Aufgabe, die er hier in Taerford für den normannischen Herzog zu erledigen hatte. Obwohl der Winter schon Einzug gehalten hatte und das Land nach wie vor nicht befriedet war, diente Obert, ohne Rücksicht auf seine eigenen Wünsche und Bedürfnisse, treu dem zukünftigen König. Nach Gott natürlich, fügte er in Gedanken hinzu und wandte sich der Gruppe von Männern zu, die sich näherte.

     Wie gewohnt fand Obert den Ritter, auf den er wartete, an der Seite von Giles Fitzhenry, dem neuen Lord of Taerford. Wenn er an die vergangenen Wochen zurückdachte, hatte er den einen selten ohne den anderen gesehen, weder in der Halle noch auf dem Hof, kurzum: bei allen alltäglichen Verrichtungen hier in Taerford. Als sie nun, gefolgt von weiteren Männern des Lords of Taerford, auf ihn zukamen, war den beiden Rittern deutlich anzusehen, dass sie sich bis vor Kurzem auf dem Burghof im Kampf geübt hatten. Mit jedem Schritt auf Obert zu wurden die Kämpen stiller, und als sie ihn erreicht hatten, verbeugten sie sich vor ihm wie ein Mann.

     „Monseigneur“, begrüßte der Bischof zunächst Giles und wandte sich dann an dessen Gefährten. „Monseigneur“, sprach er auch Brice Fitzwilliam an und nickte ihm zu.

     Jeder der Zuhörer wusste, was die gehobene Anrede „gnädiger Herr“ zu bedeuten hatte. Schweigen senkte sich über die Halle, während alle Oberts Worten harrten. In der Miene des Angesprochenen Brice Fitzwilliam spiegelte sich Überraschung, und schließlich lachte er auf. Das war zwar unangebracht, aber der Bischof ging nachsichtig darüber hinweg – die Großzügigkeit eines Bastards, der einem Leidensgenossen den Erfolg gönnte. Das Jauchzen und Gejohle, das auf Brices Lachen hin losgebrochen war, verebbte rasch wieder, denn alle in der Halle warteten gespannt auf die Verlautbarung.

     Obert hieß den Ritter vortreten und vor ihm niederknien. Gewiss hätte dies mit mehr Zeremoniell und Förmlichkeit und vor allem vor dem Herzog höchstselbst erfolgen müssen. Aber es herrschten gefahrvolle Zeiten, und sie befanden sich an einem nicht minder gefährlichen Ort – all das rechtfertigte gewisse Zugeständnisse. Lord Giles stand einmal mehr an der Seite des Freundes und legte ihm die Hand auf die Schulter. Obert fuhr fort: „Im Namen des Herzogs erkläre ich Euch, Brice Fitzwilliam, zum Baron und Lord of Thaxted sowie zum Vasallen des Herzogs“, verkündete er. Ein Treueversprechen unmittelbar dem normannischen Herzog gegenüber, der in Kürze König sein würde, war ein geschickter Schachzug. Dadurch sollte sichergestellt werden, dass sich der künftige Herrscher in England auf ein dichtes Netz an Kriegern würde stützen können, die Ländereien, Titel und Vermögen allein ihm verdankten. Zwischen König und Vasall standen somit keine anderen Lehnsherren, die Kriegsdienste und andere Abgaben beanspruchen könnten. Obert fiel es schwer, sich ein Lächeln zu verkneifen, denn dieser Plan stammte von ihm.

     „Als Vasall“, fuhr er fort, „habt Ihr das Recht, Euch Land, Vieh, Leibeigene und samt und sonders alles zu eigen zu machen, was der Verräter Eoforwic of Thaxted vor seinem Tod besessen hat.“

     Die anwesenden Normannen und Bretonen brachen erneut in Jubel aus. Nur die angelsächsischen Bauern, die diesem Land entstammten, stimmten nicht ein. Obert wusste, dass die Gewinner eines jeden Gefechts verdienten, was sie sich so hart erkämpft hatten. Dennoch war er nicht ohne Mitgefühl und verstand, wie schmachvoll es war, der Besiegte zu sein. Dieser Tag allerdings gehörte dem siegreichen bretonischen Ritter, der vor ihm kniete.

     „Der Herzog verfügt, dass Ihr die Tochter Eoforwics ehelichen sollt. Ist dies nicht möglich, sollt Ihr Euch eine passende Braut unter den Töchtern der getreuen Vasallen des Umlands suchen.“

     Obert überreichte dem frischgebackenen Lord den Stapel gefalteter Pergamente, welche die Übertragung der Ländereien und Titel beurkundeten. Er hielt dem Ritter die geöffneten Hände hin und gab ihm damit das Zeichen, den Lehnseid abzulegen. Brice legte seine Hände in die des Bischofs und begann. Die ernsten Formeln des Gelübdes ließen seine tiefe Stimme beben, als er die Worte nachsprach, die Oberts Schreiber ihm flüsternd vorgab.

     „Im Namen des Herrn, vor dem ich, Brice Fitzwilliam und fürderhin Lord of Thaxted, diesen Schwur ablege, sowie im Namen von allem, was da heilig ist, versichere ich William, dem Herzog der Normandie und künftigen König von England, meiner Treue und Ergebenheit. Ich gelobe, alles zu lieben, was er liebt, und alles zu schmähen, was er schmäht, gemäß Gottes Gesetzen und der Ordnung der Welt. Ich schwöre, niemals, weder in Gedanken noch im Wirken, durch Wort, Tat oder Versäumnis etwas zu unternehmen, das ihm nicht wohlgefällig ist – unter der Bedingung, dass er zu mir steht, soweit ich dies verdiene. Und dass er all das erfüllt, über das wir übereingekommen sind, als ich mich ihm und seiner Barmherzigkeit unterworfen und meinen Willen dem seinen unterstellt habe. Dies gelobe ich bedingungslos, ohne etwas anderes zu erwarten als sein Vertrauen und seine Gunst als mein Lehnsherr.“

     Obert hob die Stimme, damit alle ihn hörten. „Ich, Obert de Caen, spreche im Namen Williams, Herzog der Normandie und fortan König von England. Hiermit erkenne ich den Lehnseid an, der vor den anwesenden Zeugen und vor Gott geleistet wurde. Und ich verspreche, dass William als Herr und König das Leben ebenso wie das Eigentum von Brice Fitzwilliam of Thaxted schützen und verteidigen wird, der hier bei seiner Ehre schwört, sich vom Willen und Wort des Königs leiten zu lassen. Im Namen des künftigen Königs billige ich die durch diesen Schwur geleisteten Zusicherungen, ohne etwas anderes zu erwarten als Fitzwilliams Vertrauen und seinen Dienst als getreuer Vasall des Königs.“

     Obert ließ seine Worte verhallen, ehe er den neuen Lord of Thaxted aufforderte, sich zu erheben. „Auf den Lord of Thaxted!“, rief er. „Thaxted!“

     Die Männer fielen in seine Hochrufe ein, stampften mit den Füßen und klatschten in die Hände. Obert ließ sie eine Weile gewähren. Lord Giles klopfte seinem Freund brüderlich auf den Rücken und schloss ihn in die Arme – Gesten, welche die gemeinsamen Jahre der Mühsal und des Triumphs widerspiegelten. Erst als Lady Fayth, die Gemahlin Lord Giles’, die Halle betrat, fiel Obert ein, dass er mit Brice noch über jene andere Dame reden musste, die das Ganze hier ebenfalls betraf. Lady Fayth kam näher, und als sie von Brices Errungenschaft erfuhr, beobachtete Obert, wie ihr Gesichtsausdruck mehrmals wechselte und ihre gemischten Gefühle verriet. Dem Bischof war sehr wohl bewusst, dass das schwache Geschlecht den Männern das Leben wahrhaftig schwermachen konnte, obwohl Letzteren als Herr oder Gemahl die Vormundschaft oblag.

     Obert bemerkte das Zögern in Gruß und Glückwunsch der Dame, das allen anderen entging. Ah, die Weiber und ihr empfindsames Gemüt machen die Dinge für das Mannsvolk stets umso vertrackter. Als Lord Giles neben seine Gemahlin trat und ihre Hand ergriff, erkannte Obert den wohl größten Unterschied zwischen den beiden Rittern, die von ihrem Herrn zum Lord erhoben worden waren.

     Lord Giles hatte seine Braut nicht bezwingen müssen, nachdem er sich den Weg zu seinen Ländereien freigekämpft hatte.

     Ob das auch auf Lord Brice zutreffen würde, vermochte er nicht zu sagen.

1. Kapitel

Thaxted Forest, Nordostengland
März 1067

Der Boden unter ihren Füßen bebte, und Gillian fragte sich nach dem Grund. Es war ein schöner Tag, wenn man einmal davon absah, dass der Winter das Land noch in seinem eisigen Griff hielt. Kein Wölkchen befleckte das Blau des Himmels. Sie sah auf, doch nichts deutete auf ein nahendes Unwetter hin, welches das dumpfe Grollen hätte erklären können, das in der Luft lag.

     Gillian schlug die Kapuze zurück, trat auf die Straße und blickte in beide Richtungen. Gerade noch rechtzeitig erkannte sie, was für das Donnern verantwortlich war, und hastete zurück in das Dickicht aus Sträuchern und Buschwerk am Straßenrand. Sie wickelte sich fest in ihren schweren Umhang, den sie vor ihrer Flucht stibitzt hatte, und schickte ein stummes Dankgebet gen Himmel, dass der grobe Stoff dunkelbraun war und ihr somit gute Tarnung bot. Dann lag sie still und ließ die Horde berittener Krieger und Ritter an ihrem Versteck vorbeigaloppieren. Als die Reiter nicht weit entfernt von der Stelle hielten, an der sie reglos und mucksmäuschenstill kauerte, wagte sie nicht einmal zu atmen, aus Angst, die Fremdlinge könnten sie finden und gefangen nehmen.

     Die Gesprächsfetzen, die zu ihr herüberdrangen, waren ein Gemisch aus normannischem Französisch und ein paar englischen Brocken, doch die Männer waren zu weit weg und sprachen zu leise, als dass sie sie verstehen konnte. Gillian hielt den Kopf gesenkt und wartete darauf, dass sie ihren Weg fortsetzen würden. Als sie stattdessen hörte, wie sie absaßen und die Straße abschritten, begann sie zu zittern. In diesen gefahrvollen Zeiten hier draußen allein aufgegriffen zu werden, mochte ihr sehr wohl den Tod oder Ärgeres einbringen. Daher hatte sie bislang jede Begegnung mit Fremden sorgsam vermieden.

     Gillian hatte den Entschluss, ihr Heim zu verlassen und ins Kloster zu fliehen, keineswegs überstürzt getroffen. Auch hatte sie die Folgen ihres Tuns wohl überdacht. Nur wenige Möglichkeiten hatten ihr offengestanden, und diese waren nicht eben verlockend gewesen: entweder die von ihrem Halbbruder Oremund arrangierte Ehe mit einem pockennarbigen Greis oder aber die von diesem räuberischen normannischen Herzog befohlene Heirat mit einem seiner barbarischen Krieger. Der übrigens bereits auf dem Weg sein musste, um alles zu zerstören, was sie liebte und ihr etwas bedeutete. Sie konnte nichts anderes tun, als sich möglichst unsichtbar zu machen und zu beten, dass der Trupp weiterzog und sie selbst ihren Weg zum Kloster fortsetzen konnte.

     Gillian wartete, während die Männer irgendetwas besprachen. Als sich die Stimmen näherten, hielt sie einmal mehr den Atem an, um die Aufmerksamkeit dieser Kerle nicht auf sich zu ziehen. Sie hörte den Namen ihres Zuhauses heraus, auch der ihres Bruders fiel. Wenn diese Fremden doch nur Englisch oder wenigstens so langsam sprechen würden, dass sie mehr verstehen könnte!

     Nach einigen Augenblicken, die sich wie eine Ewigkeit anfühlten, entfernten sich die Männer wieder und riefen den übrigen zu, dass nichts zu sehen sei – so viel bekam Gillian jedenfalls mit. Vorsichtig und so langsam wie möglich hob sie den Kopf und beobachtete, wie die Gruppe sich zurückzog. Ein Ritter jedoch stand weiterhin auf dem Weg, nur wenige Schritte von ihrem Schlupfwinkel entfernt. Statt den anderen zu folgen, zog er sich den Helm vom Kopf und klemmte ihn sich unter den Arm. Dabei wandte er sich um.

     Das Keuchen war heraus, ehe Gillian es unterdrücken konnte.

     Der Ritter war hochgewachsen, kräftig und der stattlichste Mann, den sie je gesehen hatte – sogar im Vergleich zu ihrem Vetter, für den wohl so einige Frauen schwärmten. Der Krieger trug das blonde Haar nicht kurz geschoren, wie bei den Normannen üblich, sondern es reichte ihm bis zur Schulter. Er war zu weit entfernt, als dass sie die Farbe seiner Augen erkennen konnte, doch sein Antlitz fand sie markant und anziehend – und das, obwohl er Normanne war.

     Ein Normanne! Noch dazu in voller Kriegsrüstung!

     Heilige Jungfrau, schütze mich!

     Angestrengt spähte der Ritter in Richtung des Gebüschs, in dem sie sich verbarg. Gillian wagte nicht, sich zu rühren, ja wagte nicht einmal, sich tiefer in das Gewirr aus Zweigen zu ducken, denn der Krieger legte den Kopf schräg, verengte die Augen und verharrte. Sie wusste, er horchte auf ein weiteres Anzeichen dafür, dass sich jemand hier versteckte, und so hockte auch sie reglos da und atmete möglichst flach.

     Sie fürchtete schon, er werde gleich das Buschwerk durchstöbern, aber endlich drehte er sich zu seinen Kumpanen um, setzte den Helm wieder auf und kehrte mit ausladenden Schritten zu ihnen zurück. Dabei stieß er einen Schwall an Flüchen aus, von denen einige so laut und lästerlich waren, dass Gillian spürte, wie ihr die Schamesröte in die Wangen stieg. Unmöglich konnte dieser Grobian jener Lord sein, dem der Eroberer Thaxted zugesprochen hatte. Kein Edelmann würde sich derart ungehobelt aufführen und solche Ausdrücke in den Mund nehmen. Einen seiner Mannen verglich er gar mit einem Esel, noch dazu mit einem lahmen und unnützen.

     Wer also war er und was tat er hier?

     Ein Krieger bellte den Befehl zum Aufbruch, und Gillian betete, dass die anderen dem nachkommen würden. Sie bewegte sich erst wieder, als der Staub sich gelegt hatte und nichts mehr zu hören war. Dann setzte sie sich langsam auf und zog den Umhang enger um sich. Sie würde sich nicht vom Fleck rühren, ehe sie nicht Gewissheit hatte, dass eine sichere, ausreichend große Distanz zwischen ihr und dem Reitertrupp lag.

     Sie zog den Trinkschlauch mit verdünntem Bier unter dem Umhang hervor und trank gierig, um ihre trockene Kehle zu benetzen. Die Strapazen des meilenweiten Marschs, die staubige Straße und die Angst, die ihr noch immer in den Knochen saß, hatten ihren Hals ausgedörrt. Das Bier war angenehm kühl. Sie war versucht, auch eine Kleinigkeit von dem zu essen, was sie in ihrem Beutel bei sich trug, entschied sich jedoch dagegen. Sie hatte nur so viel mitgenommen, wie sie für den zweitägigen Marsch von Thaxted Hall zum Kloster benötigte, und sie besaß nur wenige Münzen, um mehr zu kaufen.

     Wenn es denn unterwegs überhaupt etwas zu erwerben gäbe.

     Die letzte Ernte war, nicht zuletzt bedingt durch die schweren Zeiten des Krieges, mager ausgefallen. Als im Herbst König Harold Godwinsons Krieger unweit der Ländereien ihres Vaters vorbeigezogen waren, hatte man ihnen alles gegeben, was entbehrlich schien – darunter auch einen Teil der Vorräte, welche die Menschen auf Thaxted gut durch den Winter gebracht hätten, welcher in jenem Jahr ungewöhnlich früh hereinbrechen sollte. Harold war zunächst nach Norden marschiert, um den Angriff des norwegischen Königs Harald Hardråde zurückzuschlagen, und anschließend nach Süden, um sich der Streitmacht von Herzog William, dem Eindringling aus der Normandie, zu stellen.

     Die königlichen Truppen hatten also kaum Zeit gefunden, sich nach der Schlacht gegen die Nordmänner neu zu formieren, bevor sie erneut aufbrechen mussten, um nahe der Küste die normannischen Truppen zu bekämpfen. Und so bedurfte es nur eines einzigen Tages Mitte Oktober, Englands Hoffnungen zu zerschlagen: König Harold fiel bei Hastings und mit ihm viele seiner engsten Verbündeten.

     Schlimmer noch – in den Monaten nach jener Schlacht waren Geächtete und Rebellen durchs Land gezogen und hatten sich einfach genommen, was sie benötigten, um das erobernde Normannenheer zu bekämpfen.

     Gillian seufzte. Bei der Erinnerung an die zurückliegenden Monate hatte sich ihr Magen zusammengezogen, sodass sie nun nicht mehr ans Essen denken mochte. Außerdem hatte sie genug Zeit vertrödelt. Sie kam auf die Beine, klopfte sich feuchte Erde und Blätter von Kleid und Umhang und bahnte sich einen Weg durchs Dickicht bis zur Straße.

     Dass der unplanmäßige Halt sie vermutlich eine ganze Stunde kostbaren Tageslichts gekostet hatte, erkannte sie, als sie zur Sonne aufsah. Sie trat auf die Straße und setzte ihren Weg fort, wobei sie rascher ausschritt als zuvor. Wenn sie das Kloster nicht vor der Dämmerung erreichte, würde sie eine weitere Nacht allein im Wald verbringen müssen – und dieser Gedanke schreckte sie nun umso mehr, da sie fürchtete, die Normannen könnten ihr Gesellschaft leisten.

Eine Stunde zog ins Land und dann noch eine. Während sie weiterwanderte, richtete Gillian ihren Blick stets wachsam nach vorn und horchte auf jeden Laut, der von Gefahr kündete. Sie ging in dieselbe Richtung, in die auch die Männer geritten waren, und hoffte, dass sie weit genug zurückblieb und sie nicht einholte. Als die Sonne im Westen tiefer sank, musste sie einsehen, dass sie das Kloster nicht erreichen würde, bevor die Schwestern die Pforte für die Nacht schlossen. Aber gewiss würde sie im Schatten der Klostermauern genauso sicher schlafen wie dahinter, oder? Mit einem Zipfel ihres Umhangs wischte sie sich den Schweiß von der Stirn.

     Gillian beschleunigte ihre Schritte und beschloss, das Stück Brot und den Käse in ihrem Beutel doch zu essen. Sie verschlang die karge Mahlzeit im Gehen und wurde erst langsamer, als der Weg anstieg, was ihr die Gewissheit gab, dass sie ihr Ziel fast erreicht hatte. Von früheren Besuchen wusste sie, dass das Kloster nunmehr nur noch knapp eine Meile entfernt lag. Als sie die Anhöhe erklomm, geriet sie ins Keuchen und musste mehrmals innehalten, um nach Luft zu ringen.

     Oben angelangt bot sich ihr ein Anblick, der ihr endgültig den Atem nahm – am Rande der Straße lagerte derselbe Trupp von Kriegern, dem sie vorhin begegnet war. Es hatten sich gar noch Männer hinzugesellt. Gillian starrte angestrengt nach vorn und überlegte, ob sie ihren Weg dennoch fortsetzen sollte. Und wenn sie so tat, als sei sie eine schlichte Bauersfrau, die etwas zu erledigen hatte? Vielleicht würden die Männer sie dann nicht weiter beachten? Entschlossen rang sie den Drang zu fliehen nieder, denn wenn sie davonlief, würde das diese Kerle nur anstacheln, ihr nachzusetzen. Also war es wohl das Beste, ruhig und möglichst unbekümmert weiterzugehen.

     Gillian zog sich die Kapuze tiefer ins Gesicht, hielt den Kopf gesenkt und setzte einen Fuß vor den anderen. Sie zwang sich, langsam und gemessen auszuschreiten. Aus den Augenwinkeln spähte sie wachsam zu den Kriegern hinüber und wünschte, sie wäre schon an ihnen vorbei. Einige traten an die Straße, aber keiner hielt sie an. Als sie das Lager fast hinter sich gelassen hatte, regte sich schon eine zage Hoffnung in ihrem Herzen, als ihr ein Hüne von einem Mann in den Weg trat.

     Sie umrundete ihn oder versuchte es zumindest, doch er folgte ihrer Bewegung. Seine riesige, muskulöse Gestalt zeugte von Kraft, und Gillian überlegte fieberhaft, was sie tun konnte. Sie machte kehrt, um in die Richtung zurückzugehen, aus der sie gekommen war, und sah sich prompt einem weiteren Kerl gegenüber. Ein Dritter und ein Vierter verwehrten ihr, zur Seite auszubrechen, sodass keine Flucht möglich war. Sie atmete tief durch und wartete ab.

     „Was tut Ihr so allein auf der Straße, Mädchen?, fragte einer auf Englisch mit schwerem normannischem Zungenschlag. „Was verschlägt Euch hierher?“

     Gillian hatte sich bei ihrem Marsch durchs Lager eine Geschichte zurechtgelegt, um genau diese Frage zu beantworten – wobei sie gehofft hatte, sie nie anbringen zu müssen. Sie wandte sich dem Wortführer zu, ohne ihm in die Augen zu sehen.

     „Meine Herrin schickt mich zum Kloster, Mylord“, erklärte sie und hoffte, dass die gehobene Anrede dem einfachen Mann schmeicheln und ihr das Entkommen erleichtern werde. Während sie sprach, senkte sie den Kopf noch ein wenig mehr.

     „Es ist beinahe dunkel“, sagte jener, der hinter ihr stand. „Kommt, in unserem Lager werdet Ihr heute Nacht sicherer sein.“

     War ein Schaf sicher in der Obhut eines Wolfs? Das bezweifelte sie, und fast meinte sie, die Männer geifern zu hören. Kopfschüttelnd schlug sie die Einladung aus. „Die frommen Schwestern erwarten mich, Mylord, ich muss mich eilen. Meine Herrin wird mir zürnen, wenn ich das Kloster nicht erreiche.“

     Sie versuchte, den Kerl vor sich beiseitezuschieben, doch der rührte sich kaum. Sie mühte sich ein zweites Mal ohne Erfolg. Ehe sie es ein drittes Mal versuchen konnte, packten zwei der Krieger sie an den Armen und zogen sie mit sich fort zu den anderen. Sosehr sie sich auch wehrte, lockerte sich der eiserne Griff doch kein Stück. Ihr Herz begann zu rasen, wild rauschte das Blut durch ihre Adern, und ihr wurde schwindelig.

     Ehe sie sich versah, befand sie sich mitten im Lager, sodass eine Flucht schwerfallen würde. Obgleich sie es ihnen nicht leicht machte, konnte sie die barbarischen Nordmänner nicht aufhalten, ja nicht einmal langsamer wurden sie. Sie schleiften sie einfach zwischen sich mit. Davon schmerzten ihre Arme, und sie wusste, dass sie morgen blaue Flecke haben würde – sofern sie denn die kommende Nacht überlebte.

     Die Kerle unterhielten sich gedämpft; sie klangen fahrig und wütend. Etwas stimmte nicht, erfasste sie und beschloss, dies zu ihren Gunsten zu nutzen. Mit aller Wucht ließ sie ihren Absatz auf den Fuß des Mannes hinter ihr niedersausen und rammte ihn mit der Hüfte in der Hoffnung, ihn dadurch aus dem Gleichgewicht zu bringen.

     Doch der Fluchtversuch missglückte.

     Nur tat ihr Fuß jetzt weh, und sie musste den beiden Burschen humpelnd folgen. Endlich blieben sie stehen, und Gillian nahm erneut die Chance wahr, um sich loszureißen und zu flüchten. Einer der Männer griff nach ihr, erwischte jedoch nur ihren Umhang, der nachgab, als die Schnürung riss. Gillian war noch keine zwei Schritte – zwei qualvolle Schritte – weit gekommen, als ihr jemand einen Arm um die Taille schlang und sie hochriss. Nie war sie gegen etwas Härteres geprallt – ihr wurde regelrecht die Luft aus der Lunge gepresst. Beinahe hätte sie die Besinnung verloren, als sie mit dem Kopf gegen die metallene Brustpanzerung schlug.

     „Wohin so eilig, Mädchen? Seid Ihr etwa nicht geneigt, uns heute Nacht mit Eurer Gesellschaft zu beehren?“

     Als sie die Stimme des Kriegers erkannte, der sie fest an sich gedrückt hielt, drohte sie der Schreck zu überwältigen. Jede Aussicht auf Flucht war dahin, und sie argwöhnte, dass diese Finsterlinge allerlei unstatthafte und unsittliche Dinge im Sinn hatten. Sie lauschte dem Gelächter der Umstehenden und wünschte sich sehnlichst eine Ohnmacht herbei. Als der Riese in ihrem Rücken ihr auch den anderen Arm um den Leib schlang und sie auf unschickliche Weise an sich presste, rang sie nach Luft. Er neigte den Kopf so weit, dass sie seinen Atem im Nacken spürte. „Sagt mir, was Ihr begehrt, mein Herz“, raunte er auf Englisch, und seine Worte waren mit einem fremdartigen Akzent gewürzt. „Sagt es mir, und ich werde Eurem Wunsch entsprechen, so gut ich es vermag.“

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