Von dir will ich alles - 1. Kapitel

1. KAPITEL

"Du brauchst einen Mann."

     "Rachel!" Sylvia Sommers verschluckte sich an ihrem Wein und rutschte noch tiefer in die Nische. Am liebsten hätte sie sich in einem Mauseloch verkrochen.

     "Im Ernst", fuhr ihre Freundin fort, "wir müssen bloß den Richtigen finden. Du brauchst ihn nur für einen Abend, und schon ist das Problem gelöst. Also such dir einen aus."

     Sylvia sah sich in dem irischen Pub im Herzen von Manhattan um. Zum Glück beachteten die meisten anderen Gäste sie nicht. Nur ein Kellner schaute einen Moment neugierig herüber, bevor er sich abwandte, um die leeren Gläser am Nebentisch abzuräumen.

     "Lass uns aufhören mit dem Gerede über Männer", bat sie Rachel mit einem vielsagenden Blick auf den Kellner. "Es könnte missverstanden werden."

     "Hast du Angst, er könnte glauben, du wolltest was von ihm?"

     "Hör auf!", zischte Sylvia, die ganz sicher war, dass er sie hören konnte. Tatsächlich neigte er den Kopf ein wenig, um sie besser sehen zu können. Und sie hätte schwören können, dass er schmunzelte, als er dann weiterging.

     Das dämmrige Licht ermöglichte ihr keinen besonders guten Blick auf ihn, aber was sie sah, gefiel ihr. Markante Züge, ein nettes Lächeln und eine nette Ausstrahlung. Nun, das war typisch. Ein gut aussehender Mann schaute in ihre Richtung, und sie führte eine absurde Unterhaltung über Männer!

     Sie runzelte die Stirn. Rachel Dean mochte zwar ihre beste Freundin sein und seit sechs Jahren auch ihre Literaturagentin, aber sie konnte manchmal ganz schön nerven.

     "Stell dich nicht so an, Sylvia. Die Hälfte deiner Romanfiguren läuft in winzigen Bikinis an den Armen wahnsinnig männlicher Geheimagenten herum. Man sollte meinen, dass ich über diese Dinge reden könnte, ohne dass du gleich errötest."

     "Das sind Romanfiguren und keine Menschen aus dem wirklichen Leben!"

     "Eben – noch ein Grund, warum du einen Mann brauchst!"

     "Im Gegensatz zu gewissen anderen Leuten habe ich eben gewisse Maßstäbe."

     Rachel deutete auf sich selbst und zog die Brauen hoch. "Die habe ich auch. Er muss männlich sein, das ist Voraussetzung."

     Sylvia verdrehte die Augen. Rachel mochte zwar keine Heilige sein, aber sie war trotzdem noch weit entfernt davon, der Vamp zu sein, den sie anderen so gern vorspielte. "Die bloße Existenz männlicher Chromosomen reicht mir nicht." Sie wollte erheblich mehr als das.

     "Nein, du willst Montgomery Alexander. Was würdest du denn tun, wenn er jetzt durch die Tür käme? Dich auf ihn stürzen und ihn vor all diesen anständigen, gesetzestreuen Bürgern vernaschen?"

     Sylvia errötete. Rachel kannte sie zu gut. "Von wegen", gab sie rasch zurück, "dazu bin ich viel zu anspruchsvoll." Sie strich ihr Haar zurück und lächelte. "Und der Boden hier ist mir zu hart."

     Rachel trank ihr Bier aus. "Soll ich dir mal was sagen? So etwa Wildes würdest du niemals wagen. Und in der Zwischenzeit verstaubt dein Diaphragma."

     "Natürlich wird es nicht zu so einem tollen Erlebnis kommen. Weil ich nicht auf Alexander warte." Sylvia wusste selbst am besten, dass sich ihre Fantasie, irgendwann einmal jemandem wie Alexander zu begegnen, niemals erfüllen würde.

     Das Problem war, dass Alexander ein dermaßen toller Traum war, dass er nur sehr schwer aufzugeben war. Er war weltmännisch und humorvoll. Eiskalt zu seinen Feinden und heiß und leidenschaftlich, wenn er liebte. Loyal, aufrichtig und sexy. Ein Mann mit der Haltung eines Prinzen und der Kaltblütigkeit eines James Bond, der mit einem einzigen Blick das Herz einer Frau gewinnen konnte.

     Sylvia schloss die Augen und seufzte. Sosehr sie ihn auch herbeisehnen mochte, Alexander würde nie erscheinen. Kannte sie nicht genug Männer, um das zu wissen? Sie nippte an ihrem Wein und betrachtete die dunkelrote Flüssigkeit. Sie wusste, was sie vom Leben erwartete, und hatte es sogar ganz genau umrissen. Alexander war viel zu unbekümmert und gefährlich für das ruhige, solide Leben in der Vorstadt, das sie irgendwann einmal zu führen hoffte.

     Sie drehte den Stiel des Glases zwischen ihren Fingern. Sicher, da war ein Teil von ihr – ein kleiner, aber sehr beharrlicher –, der sie drängte, endlich mal etwas zu riskieren. Sich wenigstens einmal auf ein Abenteuer einzulassen und das Glück beim Schopf zu packen …

     Es hatte sie einen harten Kampf gekostet, derartige Impulse zu beherrschen. Ein Mann wie Alexander hätte eine echte Bedrohung für ihre sorgfältig geplante Zukunft dargestellt. Und deshalb war es wohl das Beste, dass es ihn gar nicht gab.

     Rachel lehnte sich zurück. "Wenn du also auf keinen Alexander wartest, um dich zu verlieben, auf wen, zum Teufel, wartest du dann?"

     "Ich warte auf niemanden. Ich gehe aus mit Männern. Mit netten Männern – mit den richtigen." Männer, die ihr Herz nicht schneller schlagen ließen. Bei denen sie nichts spürte – nicht das Geringste.

     "Männer, die Daddy akzeptieren würde? Ich werd dir mal was sagen, Kleines. Du kennst bloß langweilige Männer, und davon nicht einmal sehr viele. Und wenn man bedenkt, wie diese Männer sind, ist es vielleicht gar nicht so schlecht, dass dein Diaphragma langsam rostet."

     Sylvia wurde ärgerlich. "Ich habe gar keins."

     "Dann kauf dir eins. Dein Leben könnte ruhig etwas abenteuerlicher sein."

     Sylvia dachte nicht daran, Rachel zu gestehen, dass sie in letzter Zeit das Gleiche dachte. "Ich habe genug Abenteuer. Ich ertrinke buchstäblich in Abenteuern." Was sie brauchte, war Leidenschaft. Einen kleinen Vorgeschmack der wilden, alles überwältigenden Leidenschaft, die sie sich bei Alexander vorstellte. Einen einzigen Moment der Wirklichkeit, der ihre Fantasie beflügeln und ihr für den Rest des Lebens in Erinnerung bleiben würde.

     "Klar hast du Abenteuer. Aber nur in deinem Kopf. Ich rede von der Wirklichkeit."

     "Du redest Unsinn", versetzte Sylvia schroffer als beabsichtigt. "Könnten wir jetzt wieder zur Sache kommen? Ich bin nicht extra aus Texas hergeflogen, um mir einen Vortrag über Männer anzuhören." Sie trank einen Schluck Wein, lehnte sich zurück und bemerkte, dass der gut aussehende Kellner zu ihr herüberstarrte, als wollte er jedes Wort von ihren Lippen ablesen. Na fabelhaft, dachte sie. Sein Lächeln wurde breiter, und sie spürte, dass ihr das Blut in die Wangen stieg. Etwas drängte sie dazu, ihn anzusprechen, und wenn auch nur, um Rachel etwas zu beweisen.

     "Könnten Sie uns bitte Wasser bringen?"

     "Klar." Der New Yorker Akzent seiner tiefen Stimme war ausgeprägt genug, um ihm ein gewisses Flair zu geben, ohne jedoch von seinen anderen interessanten Attributen abzulenken.

     Als er sich vorbeugte und ihre Gläser abräumte, roch Sylvia seinen Duft nach Zimt und Moschus, ein angenehmer Kontrast zu dem Geruch von Bier und Zigarettenrauch, der das Lokal durchzog. Mit seinen dunklen Bartstoppeln und dem welligen dunkelblonden Haar wirkte er sehr unkonventionell. Sein Haar war von der Art, die Frauen gern berührten.

     Sein Profil erschien ihr irgendwie vertraut. Aber wieso? Sie hatte ihn noch nie zuvor gesehen. Sein Gesicht war klar geschnitten, mit hohen Wangenknochen und einem markanten Kinn. Die Nase war ein bisschen krumm, als hätte er sie als Kind gebrochen.

     Er wandte sich ab und ging zurück zur Bar.

     Da dämmerte es ihr plötzlich: die klaren Gesichtszüge, die sinnlichen Lippen, die Haltung …

     "Hallo!", rief sie, weil sie ihn noch einmal von vorn sehen wollte.

     Als er sich umwandte und in den Lichtschein trat, unterdrückte sie einen Ausruf. Sie hatte recht gehabt. Mit jeder Linie, jeder Kante, jeder Kontur entsprach er Alexander. Bis auf das dunkelblonde Haar hätte dieser Mann Alexanders Zwillingsbruder sein können.

     "Miss?"

     Erschrocken merkte sie, dass sie ihn mit offenem Mund anstarrte. Sie suchte nach Worten, und ihr Blick fiel auf die leere Schale auf dem Tisch. "Ich … Könnten Sie uns bitte noch etwas zum Knabbern bringen?"

     Der gut aussehende Kellner nickte. "Kein Problem."

Devin O'Malley hatte Mühe, sich wieder in den Griff zu bekommen. Frauen erregten sonst nur selten seine Aufmerksamkeit. Seit Jahren konzentrierte er sich zu sehr auf sein Geschäft, um das nötige Interesse für Liebesbeziehungen aufzubringen. Aber das hinderte die Frauen natürlich nicht daran, ihn zu bemerken, und wenn sie den ersten Schritt machten, hatte er nichts dagegen, auf ihr Spielchen einzugehen. Er hatte viele Frauen wie diese Dunkelhaarige, die Rachel hieß, gehabt und wusste, dass ihr großspuriges Gerede über Sex fast immer in lustvolle Seufzer und hingebungsvolles Stöhnen überging, sobald das Licht gelöscht wurde.

     Doch noch nie hatte es ihm schon eine solche Freude gemacht, eine Frau bloß anzusehen, wie nun bei dieser zierlichen Blondine mit den warmen braunen Augen. Und er hatte sich auch schon ewig nicht mehr die Frage gestellt, wie er es anstellen sollte, sich mit einer Unbekannten zu verabreden.

     Aber jetzt fragte er sich, wie ihm das bei dieser Frau gelingen könnte.

     Sylvia war ihr Name. Sie war nicht klassisch schön. Jeder ihrer Gesichtszüge wies, für sich betrachtet, Mängel auf. Ihre braunen Augen standen zu weit auseinander, die Brauen waren eine Spur zu dunkel für die blonden Locken, und ihre Nase war ein klein wenig gebogen. Aber als Ganzes betrachtet war ihr Gesicht unwiderstehlich. Für ihn stellte sie die Verkörperung all seiner Träume dar.

     Ihre Freundin hatte gesagt, sie brauche einen Mann. Nun, er hatte vor, sich um die Stellung zu bewerben.

     "Gib mir ein paar Nüsse, Jerry", sagte Devin, als er hinter den Mahagonitresen trat.

     "Sie sind im Lager. Soll ich gehen?"

     "Nein, lass nur", antwortete Devin, weil er ein paar Minuten brauchte, um seinen nächsten Schritt zu planen.

     Im Vorratsraum herrschte ein unübersichtliches Durcheinander. Devin fand die Nüsse schließlich unter einem Stapel Speisekarten.

     "Larry? Der Staatsanwalt? Der hat keine Ausstrahlung. Dem würde niemand glauben, dass er Alexander ist."

     Devin ließ fast die Tüten fallen. Diese sanfte Stimme, das war sie! Er hatte vollkommen vergessen, dass die dünne Wand des Vorratsraums direkt an Nische zwölf angrenzte.

     "Er wäre aber ideal dafür", entgegnete Rachel.

     "Die Leute haben eine bestimmte Vorstellung von Alexander. Nicht jeder kann seinen Part spielen."

     Wer immer dieser Alexander sein mochte, er schien Sylvia sehr zu imponieren. So ein Glückspilz! Devin schüttelte den Kopf. Was dachte er sich bloß dabei, eine Frau, die er nicht kannte, zu belauschen und eifersüchtig auf einen Mann zu sein, dem er noch nie begegnet war?

     "Du spinnst, Dev", murmelte er.

     "Das kannst du laut sagen", erklärte Jerry.

     Devin fuhr herum und legte einen Finger an die Lippen.

     "Keine Angst", versicherte Jerry. "Die Geräusche dringen nur nach innen. Frag mich nicht, warum. Ich wollte nur …"

     Devin hob die Hand. Die Frauen sprachen wieder.

     "Dann bist du mit dem Vorschlag also einverstanden?", fragte Rachel.

     "Nein, überhaupt nicht." Das war Sylvia. "Wie könnten wir, selbst wenn er vom Aussehen her perfekt wäre, sicher sein, dass er unser Geheimnis wahrt? Außerdem wäre es doch Betrug, oder?"

     "Betrug? Und was ist das, was wir die ganze Zeit schon tun?"

     "Nichts", antwortete Sylvia. "Montgomery L. Alexander ist doch nur das Pseudonym, hinter dem ich mich verberge."

     "Ich will verdammt sein!", flüsterte Jerry. "Wer hätte gedacht, dass Montgomery Alexander eine Frau ist?"

     Devins Herz schlug schneller. Ein zufriedenes Lächeln glitt über sein Gesicht, und er hätte beinahe laut gelacht. Es gab gar keinen Alexander! Das war bloß ein Pseudonym!

     Seine Reaktion war absurd, und er wusste es. Sylvia kannte ihn nicht einmal. Und nur weil es keinen Alexander gab, würde sie ihm, Devin, noch lange nicht in die Arme sinken. Was änderte es also schon, ob dieser Alexander aus dem Rennen war? Nicht das Geringste.

     Trotzdem. Der Teil seines Gehirns, der für Logik zuständig war, musste Urlaub genommen und seinen Hormonen die Kontrolle überlassen haben. Denn sein einziger Gedanke war, dass es nach Alexanders vorzeitigem Ableben nun einen Konkurrenten weniger für ihn gab.

     Jetzt musste er sich nur noch überlegen, wie er Sylvias Interesse wecken konnte.

     "Na schön", meinte Rachel schließlich. "Aber auf der Rückseite deines letzten Buches ist eine Zeichnung von Alexander. Es gibt Artikel über ihn, Infos im Internet und Online-Interviews. Es gibt sogar Frauen, die behaupten, mit ihm geschlafen zu haben. Das hattest du nicht erwartet, und ich auch nicht. Aber damit werden wir uns jetzt auseinandersetzen müssen."

     "Vielleicht wäre es das Beste, wenn ich auf dem Empfang einfach die Wahrheit sagen würde", erwiderte Sylvia.

     "Und alles ruinieren? Das viele Geld, all die Publicity und den Vertrag über die Hardcover? Du weißt, dass Cobalt Blue dir das Angebot nur dann macht, wenn Alexander zu der Party kommt."

     "Ich weiß. Es war nur so dahingeredet. Aber du weißt, dass ich nicht die Wahrheit sagen kann. Nicht jetzt. Ich steck viel zu tief darin."

     "Dann lass uns endlich einen Alexander suchen." Eine kurze Pause. "O nein. Sag jetzt bloß nicht, was ich denke, was du sagen wirst!"

     "Aber so ist es doch", beharrte Sylvia. "Nicht jeder könnte Alexander sein. Er ist etwas Besonderes."

     "Er ist erfunden, Sylvia, der Mann existiert doch gar nicht! Also red keinen Unsinn!"

     Devin hörte Rascheln.

     "Vielleicht sollte ich einfach sagen, er hätte sein Flugzeug verpasst." Sylvias Stimme klang jetzt leiser, aber Devin konnte sie trotzdem noch verstehen. "Als seine Managerin werde ich die schlechte Nachricht ja wohl leider selbst verkünden müssen."

     Ihre Stimme erstarb, und Devin merkte, dass sie gingen. Rasch eilte er hinaus, aber als er das Lokal betrat, fiel die Eingangstür schon hinter ihnen zu.

     "Verdammt!" Fluchend lief er zur Tür, riss sie auf und stürzte auf die Straße. Sylvia stieg gerade in ein Taxi ein.

     Einen Moment lang schien sie ihn direkt anzusehen. Ohne groß zu überlegen, machte er einen Schritt in ihre Richtung. Es zuckte um ihre Lippen, als lächelte sie, doch dann schlug sie die Wagentür zu.

     Er kam sich vor wie ein Idiot. Seit wann lief Devin O'Malley fremden Frauen nach? Er versuchte, darüber zu lachen und sich sein albernes Benehmen mit seinen Hormonen, der Hitze und seinem kurz bevorstehenden einunddreißigsten Geburtstag zu erklären.

     "Sie ist die Antwort auf deine Gebete, was?"

     "Sie ist ein geschliffener Diamant", erklärte Devin, ohne sich zu Jerry umzuwenden. "Und falls du es noch nicht bemerkt haben solltest, ich bin bloß ein Rohstein. Bei meiner Herkunft kann ich nicht darauf hoffen, jemals ihren Schliff zu haben."

     "Ich sag ja nicht, du sollst sie heiraten. Ich meinte bloß, dass sie die perfekte Lösung für dein Problem wäre."

     "Was redest du da, Jerry?"

     "Ich rede von der blonden Frau und den zwanzigtausend Dollar, die du einem gewissen Gangster schuldest."

     Langsam wandte Devin sich um. "Es sind nicht meine Schulden." Rein technisch gesehen, stimmte das sogar. Nach dem Schlaganfall seines Vaters hatte er dessen Spielschulden übernommen. Sein Pech, dass der Gläubiger schlimmer war als der fieseste Typ in einem der Mafia-Filme von Martin Scorcese.

     Jerry zuckte mit den Schultern. "Du hast sie übernommen, also sind es deine."

     Devin trat an die Tür, um den Passanten aus dem Weg zu gehen. "Was heckst du jetzt schon wieder aus?"

     "Kennst du die Bücher von Montgomery Alexander?"

     Devin schüttelte den Kopf.

     "Ich hab sie gelesen. Alle. Sie handeln von einem Kerl, der sich Joshua Malloy nennt und Geheimagent ist. Sehr spannend, wirklich, obwohl es eigentlich immer um das Gleiche geht. Der gute Joshua wird von irgendeiner Regierung angeheuert, um Terroristen zu bekämpfen und den Feind zu töten und so weiter und so fort."

     Grinsend nahm Jerry eine Karatestellung ein. "Action, Feuergefechte, Überschalljets, Atombomben und Sex. Keine hochgeistige Literatur, aber sehr, sehr spannend."

     Devin dachte an blonde Locken, ein schmales Gesicht und kleine Hände. "Und so was schreibt diese Frau?"

     "Ja, wer hätte das gedacht, nicht wahr? Seit Jahren fragen sich die Leute, wer Montgomery Alexander ist. Ein früherer Geheimagent? Viele behaupten, er sei ein ehemaliger Spion, der in den Romanen seine eigenen Erlebnisse beschreibt."

     "Du glaubst also, niemand weiß, was wir gerade erfahren haben?"

     "Richtig." Jerry senkte die Stimme. "Niemand käme je auf die Idee, dass dieser Alexander eine Frau ist."

     Devin schaute zur Straße, aber ihr Taxi war längst verschwunden. Sein erster Eindruck war richtig gewesen. Sie war eine besondere Frau. Und er hatte sie entwischen lassen.

     Ich Idiot!, dachte er. Er hätte sich ihr zu Füßen werfen oder ihr Gedichte über den Lautsprecher rezitieren sollen. Irgendetwas, ganz gleich was, um ihr Interesse zu wecken.

     "Nun?", drängte Jerry. "Was sagst du dazu?"

     "Wozu?"

     "Komm schon, Dev." Jerry packte ihn an den Schultern. "Du weißt, dass sie das perfekte Opfer wäre."

     Devin riss sich los. "Ich führe einen Pub. Gaunereien sind nicht mehr meine Welt. Und als ich dich einstellte, hast du versprochen, dass es auch nicht mehr die deine ist."

     "Ich bin sauber, Mann. Seit über einem Jahr schon, seit du mir den Job gegeben hast. Aber du brauchst das Geld, und die Gelegenheit ist da. Du kannst mir nicht erzählen, dass du nicht auch daran gedacht hast. Wie der Vater, so der Sohn. Und dein Dad war einer der Besten."

     "Ich kriege das Geld schon irgendwie zusammen."

     "Wie und wann, Dev? Die Uhr läuft, und du hast eine Riesenhypothek auf dem Lokal. Und ich weiß, dass du kein Geld unter der Matratze versteckt hast. Was willst du also tun? Derek anrufen?"

     Devin verzog das Gesicht. Sein älterer Bruder war nur zu gern bereit gewesen, in die Fußstapfen ihres Dads zu treten. In der Nacht, als er ausgezogen war, hatte Derek ihm gesagt, dass er in seinen Augen ein Verlierer sei, der es auf legalem Weg nie zu etwas bringen würde und mit eingezogenem Schwanz zu ihm zurückgekrochen käme. Prophezeiungen, die er nicht zu erfüllen gedachte, und wenn es ihn das Leben kostete.

     "Ich krieg das Geld zusammen. Ohne Derek und ohne Gaunereien."

     Jerry hob die Hände. "Siehst du, das war es, was ich meinte." Mit einem schiefen Lächeln zeigte er auf Devin und auf sich. "Wir verstehen uns nicht. Ich rede nicht von Gaunereien."

     "Na klar, Jerry."

     "Ehrlich. Ich dachte bloß an ein Geschäft. Du tust was für die attraktive Lady, und sie tut was für dich."

     Zwanzigtausend Dollar Schulden sind kein Pappenstiel, dachte Devin. Wenn Jerry wirklich eine Idee hatte, schuldete er es sich dann nicht, ihm wenigstens zuzuhören?

     "Okay, Jerry, ich gebe dir fünf Minuten, um mir alles zu erklären."

Jerry pfiff leise durch die Zähne. "Du bist fantastisch! Wenn es ein Film wäre, würden sie dich für den Oscar nominieren." Stapel von Taschenbüchern neben sich, lag er auf Devins altem Sofa. Karteikarten und leere Coladosen bedeckten die Glasplatte des Couchtischs und hatten Devins Finanzzeitschriften verdrängt, die nun auf dem Fußboden herumlagen.

     Devin lachte. "Vielen Dank für dein Vertrauen. Aber ich bin nur an der Frau interessiert. Sie ist das Einzige, woran ich heute Abend denken kann."

     "An das Geld des Mädchens, meinst du wohl", sagte Jerry und legte ein weiteres Notizblatt in eins der Bücher.

     "Natürlich", log Devin. Die erste Regel eines Trickbetrügers – stets das Ziel im Auge zu behalten – hatte er bereits gebrochen.

     Sein Verstand sagte ihm, dass Geld der einzige Grund war, warum er sich auf diesen kleinen Schwindel eingelassen hatte. Doch sein Herz sagte etwas völlig anderes. Er wollte Sylvia wiedersehen. Ihr näherkommen. Mit ihr reden.

     Sie berühren.

     Sein Verstand war bei dem Bluff, sein Herz bei der Verführung.

     Na fabelhaft! Sein erster Coup seit Jahren, und er war nicht einmal in der Lage, sich darauf zu konzentrieren. Diese Frau hatte ihm gründlich den Kopf verdreht.

     Aber er war trotzdem nicht besorgt. Als Teenager hatte er lange genug mit seinem Vater auf der Straße gearbeitet, um zu wissen, dass er das Talent besaß, in jede Rolle zu schlüpfen, die gerade nötig war. Sobald er seinen alten Rhythmus wiederfand, würde er jeden Trick mit geradezu schlafwandlerischer Sicherheit durchführen.

     Doch es widerstrebte ihm, seine Karriere als Gauner, die er an seinem achtzehnten Geburtstag aufgegeben hatte, wieder aufzunehmen. Und nicht einmal die Aussicht, diese besondere Frau wiederzusehen, konnte ihn dazu bewegen.

     "Vergiss es, Jerry. Ich hab's mir anders überlegt."

     Jerry schloss ein Buch, das voller gelber Spickzettel war. "Du tust ihr nur einen Gefallen, Mann. Du hast doch gehört, was sie gesagt hat. Sie braucht jemanden, der Montgomery Alexander darstellt." Er warf Devin das Buch zu. "Und du bist der ideale Kandidat für diese Rolle."

     Devin betrachtete das gezeichnete Porträt des Autors auf der Rückseite des Buchs. Der Künstler hatte darauf geachtet, nichts zu Spezifisches in der Zeichnung anzudeuten. Aber selbst so war eine Ähnlichkeit vorhanden. Er könnte als Montgomery Alexander durchgehen …

     "Dein geschliffener Diamant hat Schwierigkeiten, Dev. Du hast es selbst gehört. Glaubst du nicht, dass sie liebend gern zwanzig Riesen für den idealen Alexander-Darsteller zahlen würde?"

     "Vermutlich schon."

     "Na also", sagte Jerry, als hätte er gerade ein schwieriges mathematisches Problem gelöst.

     "Aber sie hat mich nicht engagiert. Ich soll doch völlig unerwartet auf dem Fest erscheinen, nicht wahr? Und deshalb wäre es Erpressung und kein legal verdientes Geld."

     "Ach, hör auf, Dev. Wo ist der Unterschied? Wir sind uns doch schon sicher, dass sie bezahlen wird. Und unser Bluff ist bestimmt nicht schlimmer als der, den sie am Laufen hat."

     "Was für ein Bluff?"

     Jerry breitete die Arme aus. "Alles. Die ganze Geschichte. Dass sie die Welt im Glauben lässt, es gäbe diesen geheimnisvollen Schriftsteller wirklich. Dass er Zigarren raucht und schnelle Wagen fährt und ein Frauenheld ist, obwohl er in Wirklichkeit eine Frau ist …"

     Ein Klopfen an der Tür ließ Jerry innehalten. "Erwartest du jemanden?"

     Devin schüttelte den Kopf. Sein Apartment mochte zwar nicht in einem der bestgesicherten Gebäude der Stadt liegen, aber niemand kam herein, ohne wenigstens vorher zu läuten. "Eine Nachbarin vermutlich." Aber ein ungutes Gefühl beschlich ihn …

     Er schaute durch den Spion. Niemand. Wahrscheinlich hatte der Postbote seine Post wieder in Mrs. Millers Briefkasten gesteckt und die nette alte Dame hatte sie heraufgebracht.

     Doch als er die Tür aufmachte, fand er statt der Post ein kleines Päckchen, auf dem keine Adresse angegeben war. Ein schlechtes Zeichen.

     Jerry schaute über seine Schulter. "Sie wissen, wo du wohnst, Mann."

     Widerwillig hob Devin das Päckchen auf, riss das Papier ab – und hätte sich beinahe übergeben, so übel wurde ihm.

     Eine Rinderzunge. Frisch vom Schlachter.

     "Das ist eine Warnung." Jerrys Stimme klang ernster, als Devin sie je zuvor gehört hatte. "Wenn du zur nächsten Frist nicht bezahlst, wird es deine Zunge sein. Oder die deines Vaters."

     Devin nickte und wäre am liebsten die Treppe hinuntergestürzt, um die Straßen nach dem Überbringer dieses Päckchens abzusuchen. Aber das hätte nicht viel genützt und alles höchstens noch verschlimmert.

     Sein Dad war nie eine große Nummer gewesen. Mit kleineren Betrügereien hatte er gerade genug verdient, um die Miete zu bezahlen und seine Familie zu ernähren. Bis seine verfluchte Spielsucht überhandgenommen hatte. Erst auf der Rennbahn, dann an den Spieltischen in Atlantic City.

     Der größte Fehler seines Vaters war der gewesen, bei Carlos Leuten eine Wette zu platzieren. Carlo und seine Gorillas hatten seinen Vater dann immer tiefer in den Sumpf gezogen. Und illegale Buchmacher kennen kein Pardon. Wobei es nicht die Zinsen sind, sondern die zu erwartenden Strafen, die einen zwingen zu bezahlen.

     "Es ist deine Entscheidung, Mann. Entweder rufst du Derek an oder …" Jerry verstummte und warf einen vielsagenden Blick zu den Büchern auf der Couch.

     Devin schloss die Augen. Jerry hatte recht. Um nichts auf der Welt würde er seinen Bruder anrufen. Und deshalb blieb ihm keine andere Wahl, als es zu tun.

     Für seinen Vater würde er einen letzten kleinen Coup durchziehen.

 

Sylvia atmete tief ein. Es half nichts. Ihre Panik steigerte sich bei jedem Schritt.

     Die erste Stunde der Party war glatt über die Bühne gegangen. Sie hatte mit den Gästen geplaudert und war den Fragen nach Montgomery Alexander geschickt ausgewichen. Doch langsam begannen die Leute, sich zu wundern, warum der Autor immer noch nicht eingetroffen war. Und das hieß, dass es Zeit war für den letzten Akt.

     Seufzend lehnte Sylvia sich an eine Wand und hoffte, dass niemand sie bemerkte und ansprach. Im Moment hätte sie keinen zusammenhängenden Satz mehr herausgebracht. Doch trotz ihrer zum Zerreißen angespannten Nerven fiel ihr auf, dass die Party ein sehr großer Erfolg war. Cobalt Blue Publishing hatte einen großen Speisesaal in einem renommierten älteren Hotel gemietet, in dem sie häufig abstieg.

     Als sie vorhin durch den Saal gewandert war, hatten viele Gäste sie auf Alexander angesprochen. Manche hatten sie sogar ganz unverblümt gefragt, ob sie mit ihm liiert sei. Sie hatte natürlich verneint, obwohl sie einen flüchtigen Moment versucht gewesen war, ihnen von der leidenschaftlichen Affäre zu erzählen, die sie in ihrer Fantasie mit Alexander unterhielt.

     Doch obwohl Alexander die Hauptattraktion des Abends war, hielt seine Abwesenheit die Leute nicht davon ab, die hervorragende Musik, das exzellente Büfett und den Champagner zu genießen.

     Das muss man Ellis Chapman lassen, dachte Sylvia. Er hat sich wieder einmal selbst übertroffen. Der Besitzer von Cobalt Blue hatte aus seiner kleinen Druckerei einen bedeutenden Verlag gemacht. Diesen Aufstieg verdankte er vor allem seinen aggressiven Marketing-Strategien. Das Mindeste, was Ellis von seinen Autoren verlangte, waren Auftritte in lokalen Fernseh-Talkshows, und daher hatte es ihn anfangs sehr geärgert, dass Alexander öffentliche Auftritte ablehnte. Aber so clever, wie Ellis war, hatte er die Situation rasch zu seinem Vorteil umgewandelt, indem er Kapital aus dem Mysterium um Alexander schlug. Sylvia war ziemlich sicher, dass das Gerücht, Montgomery Alexander sei ein ehemaliger CIA-Agent, von Ellis Chapman stammte.

     Sie hatte gehofft, er würde sich auch weiterhin mit Gerüchten über den geheimnisumwitterten Autor begnügen. Aber seit dem Erscheinen von "Mein bester Freund – mein bester Feind" war er unruhig geworden. Die Verkaufszahlen waren gut, aber er wünschte sich noch bessere. Als das Buch es dann in die Bestsellerlisten schaffte, hatte er Einladungen zu einer lockeren Party anlässlich des Erfolgs des Buches verschickt und den richtigen Leuten gegenüber angedeutet, dass möglicherweise auch Montgomery Alexander käme.

     Als Sylvia protestiert hatte, hatte er Worte wie "Hardcover", "höhere Tantiemen" und "Verträge" fallen lassen. Gleichzeitig hatte er ihr zu verstehen gegeben, dass Alexander nichts von alldem sehen würde, wenn er nicht zu der Cocktailparty käme.

     Und nun war der Saal gefüllt mit Leuten, die gekommen waren, um den mysteriösen Schriftsteller zu sehen. Reporterinnen tanzten mit Lektoren. Leser plauderten mit Autoren. Seifenopernstars posierten für die Fotografen.

     Sylvia sah Ellis mit einer Journalistin aus den Morgennachrichten. Sie schluckte und fragte sich, wie Ellis reagieren würde, wenn sie ankündigte, dass Alexander doch nicht käme. Ihr Blick glitt über die Gäste. Eigentlich wirkten sie alle recht zivilisiert. Die würden sie doch wohl nicht lynchen, oder?

     Rachel kam mit zwei Gläsern Champagner auf sie zu und gab ihr eins.

     "Du weißt doch, dass ich dieses Zeug nicht trinke."

     "Dieser hier ist gut, vertrau mir,"

     Sylvia seufzte und trank einen kleinen Schluck. Der Champagner kitzelte in der Nase, und da er besser schmeckte, als sie gedacht hatte, trank sie noch einen Schluck.

     "Amüsierst du dich?"

     "Hm." Sie runzelte die Stirn, als sie an das bevorstehende Geständnis dachte, und deutete mit einer weit ausholenden Geste auf den Saal. "Wenn sie alle Nadelstreifen trügen, wäre das wie eine dieser Partys, die mein Vater gab, als er noch in der Politik mitmischte. Und dabei hatte ich mir geschworen, zu solchen Festen nicht mehr hinzugehen."

     "Es ist doch trotzdem nett, nicht wahr? Und du bist heute nicht mehr das Mädchen, das Daddys Angebot abschlug, seine Anwaltspraxis zu übernehmen, als er Richter wurde, ohne ihm den wahren Grund dafür zu nennen."

     Sylvia nickte. Ja, sie hatte sich sehr verändert seit ihrem Jurastudium. Wenn ihr Vater die Frau, die sie heute war, gebeten hätte, in seine Fußstapfen zu treten, hätte sie vermutlich ehrlich zugegeben, dass sie lieber schreiben wollte. Und in einem ganz besonders tapferen Moment hätte sie ihm möglicherweise sogar gestanden, dass sie Thriller mit viel Action und Erotik schrieb.

     Doch damals vor zehn Jahren hatte sie nicht den Mut gehabt, ehrlich zu ihrem Dad zu sein. Weil sie seinen vorwurfsvollen Blick nicht ertragen hätte. Deshalb hatte sie eine Stellung in einer anderen Stadt erfunden und ihm nie erzählt, dass sie Thriller schrieb.

     Sie verzog das Gesicht. Die Sylvia von heute war auch nicht tapferer. Ihr war es gelungen, sich in ein Leben voller Lügen zu verstricken. Aber das würde sich bald ändern. Sie hatte ihre literarische und finanzielle Zukunft genauestens geplant und nicht die Absicht, ihrem Dad noch viel länger etwas vorzumachen. Sobald sie aufhören konnte, unter dem Pseudonym Montgomery Alexander Bücher zu verfassen, würde sie es tun und sich respektablerer Literatur zuwenden. Von der Art, die Literaturpreise gewann. Und die ihr Vater respektieren würde.

     Sylvia leerte ihr Glas, nahm Rachels, das noch unberührt war, und trank es aus. "Ich glaube, ich habe gerade das perfekte Mittel gegen Angst entdeckt", sagte sie und hob das leere Glas. "Champagner."

     "Es wird Zeit", ermahnte Rachel sie. "Geh jetzt."

     Sylvia nickte ergeben. Als wäre sie auf dem Weg zum Scheiterhaufen, überquerte sie die Tanzfläche und wandte sich Richtung Küche. Unterwegs fielen ihr das Gedränge an der Eingangstür und die Blitzlichter der Fotografen auf.

     An jedem anderen Tag hätte sie vielleicht gehofft, einen berühmten Schauspieler zu sehen. Aber dazu war jetzt keine Zeit. Sie musste zum Telefon hinübergehen und so tun, als spräche sie, um dann in den Saal zurückzukehren und bedauernd zu verkünden, Mr. Alexander habe seinen Flug verpasst.

     Plötzlicher Applaus ließ sie den Schritt verhalten. Neugierig drehte sie sich um und sah, dass die Menge sich teilte, um einen Mann durchzulassen. Einen Mann, der gar nicht existierte.

     Montgomery Alexander.

     Und er kam direkt auf sie zu.

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