Von dir will ich alles - 12. Kapitel

12. KAPITEL

"Sie müssen Montgomery Alexander sein", sagte der Richter und reichte Devin die Hand. "Patrick Sommers. Ich bin ja so froh, dass Sie nach Houston kommen konnten. Es ist eine Ehre für mich, Sie in meinem Haus begrüßen zu können. Ich freue mich, endlich den Mann kennenzulernen, der meine Tochter so in Atem hält." Mit dem freien Arm drückte der Richter Sylvia an sich. Sie lächelte ihren Vater an und legte einen Arm um seine Taille.

     "Es ist mir ein Vergnügen", antwortete Devin ehrlich, denn der Richter war ihm auf den ersten Blick sympathisch.

     Rachel kam und küsste den alten Herrn auf beide Wangen. "Wo ist die Bar?"

     Patrick Sommers lachte. "Schön, dich zu sehen, meine Liebe." Er schaute über seine Schulter. "Im Gästehaus wirst du alles finden, was dein Herz begehrt."

     Rachel grinste Sylvia an. "Siehst du, deshalb besuche ich deinen Dad so gern. Er kennt meine Bedürfnisse." Gut gelaunt schlenderte sie zu dem kleinen Gästehaus im Park hinüber.

     "Ich habe gestern Abend ein Buch von Ihnen gelesen", wandte Richter Sommers sich wieder an Devin.

     Sylvia fuhr herum. "Nein! Wirklich?"

     "Wie fanden Sie es?", fragte Devin. Er sah, dass Sylvia sich versteifte, und widerstand der Versuchung, ihre Hand zu nehmen.

     Der Richter rieb sich das Kinn. "Eigentlich nicht mein Genre", erwiderte er, und Sylvia ließ die Schultern hängen. "Aber", fuhr er fort, "es war sehr viel unterhaltsamer, als ich dachte. Gut geschrieben, die Charaktere sind nicht flach. Spannend. Es ist kein …" Er schien nach dem richtigen Wort zu suchen.

     "Schund?", warf Devin ein.

     "Richtig." Der Richter klopfte ihm auf die Schulter. "Es ist kein kompletter Schund."

     "Schund? Kompletter Schund?", echote Sylvia und schaute von Devin zu ihrem Vater.

     Devin lachte, und Sylvia bedachte ihn mit einem finsteren Blick.

     Der Richter drückte ihre Hand. "Beruhige dich, Liebes. Der Autor lacht. Ich glaube nicht, dass dein Klient beleidigt ist."

     "Überhaupt nicht", beteuerte Devin.

     "Na also. Siehst du. Du hättest nie gedacht, dass seine Romane mir gefallen würden, was?"

     Sylvia seufzte. "Nein, Daddy. Damit hatte ich wirklich nicht gerechnet."

     "Na also. Dann wünsche ich euch jetzt viel Vergnügen auf der Party. Larry suchte dich vorhin. Wahrscheinlich will er mit dir tanzen."

     "Larry?", fragte Devin, als sie weitergingen.

     "Wir waren zusammen auf der Highschool. Er ist Staatsanwalt. Er ist gerade zum Generalstaatsanwalt befördert worden. Der jüngste, den es je in diesem Amt gegeben hat."

     Na großartig. Larry, das Wunderkind als Konkurrenz, dachte Devin.

     "Es ist schön hier", sagte er, als sie sich auf einer Marmorbank neben einem japanischen Fischteich niederließen. "Bist du hier aufgewachsen?"

     "Die meiste Zeit. Kurz nachdem ich die Highschool abgeschlossen hatte, sind wir von der Ranch hierhergezogen." Sylvia deutete auf den weitläufigen Garten. "Hier war bloß Gras und Erde, als wir einzogen." Jetzt war es ein Paradies. Efeu rankte am Zaun empor, Rosenbüsche überwucherten Spaliere, und hübsch gepflasterte Wege führten durch die verschiedenen Bereiche des gepflegten Parks.

     Die Bäume schmückten Lampions, die ihren weichen Schein auf Sylvias Haut und Haar warfen. "Du bist schön", sagte Devin.

     "Ich wette, dass du das zu allen Frauen sagst", erwiderte Sylvia lächelnd.

     Devin hätte sie jetzt gern geküsst. Es war über zwei Stunden her, seit er sie in den Armen gehalten hatte, und das war viel zu lang. "Sylvia, sag es deinem Vater. Heute Abend. Folg deinem Herzen. Er scheint ein netter Mann zu sein und wird sicher nicht so heftig reagieren, wie du denkst."

     Er fühlte, dass Sylvia sich wieder versteifte, und bereute, sie bedrängt zu haben.

     Auf einmal kam Rachel auf sie zu, mit einem Mann, der aussah, als wäre er einem Modemagazin entsprungen.

     "Larry bat mich, ihn zu dir zu führen", sagte Rachel.

     "Ich dachte, wir könnten ein bisschen tanzen und über alte Zeiten reden", erklärte das Wunderkind, das wie ein Dressman wirkte.

     "Ich …" Sylvia schaute von Devin zu Rachel.

     "Komm, tanz mit mir." Rachel streckte ihre Hand nach Devin aus.

     Der zögerte, weil die Saat der Eifersucht bereits aufging.

     "Komm schon. Lass die Kinder plaudern. Ich beiße nicht." Sie wandte sich an Sylvia. "Darf ich ihn entführen?"

     Bevor Sylvia etwas erwidern konnte, fand Devin sich auf der Tanzfläche wieder.

     "Sie sind ja steif wie ein Brett", meinte Rachel. "Sind Sie eifersüchtig?"

     "Was? Nein", erwiderte Devin viel zu schnell, um jemandem wie Rachel etwas vorzumachen.

     "Hm." Rachel drehte sich in seinem Arm. "Haben Sie es ihr endlich gesagt?"

     "Was?"

     "Dass Sie in sie verliebt sind."

     Das kam so unerwartet, dass Devin nicht wusste, was er davon halten sollte. "Nein. Ich hab ihr noch nichts gesagt."

     "Dann lieben Sie sie also nicht."

     "Sind Sie blind?", fragte er grinsend. "Natürlich liebe ich sie."

     "Dann sollten Sie es ihr auch sagen."

     Devin nahm Rachels Arm und zog sie von der Tanzfläche. "Ist Sylvia blind?"

     "Nein, aber sie ist manchmal etwas kurzsichtig, wenn Sie verstehen, was ich meine."

     "Wieso liegt Ihnen so viel daran, dass ich es Sylvia sage?"

     Rachel lächelte. "Sie wollen die Wahrheit? Weil Sie mir gefallen. Und weil ich glaube, dass Sie gut zusammenpassen. Sie sind anders als die langweiligen alten Spießer, die ihr Vater ihr vorstellt."

     "Das Wunderkind sieht aber gar nicht spießig aus."

     Rachel machte große Augen. "Wer?"

     Devin zeigte auf die Tanzfläche, wo Mr. Generalstaatsanwalt Sylvia in den Armen hielt. "Er."

     "Larry? Ach, der ist okay, aber er passt nicht zu ihr. Außerdem kennen sie sich seit der Highschool. Wenn es hätte passieren sollen, wäre es längst passiert."

     Devin schaute noch mal hin. Rachel hatte recht. Sylvia bewegte sich mit Larry über das Parkett, aber sie wirkte nicht besonders begeistert. Sie sah zwar nicht gelangweilt, aber auch nicht gerade glücklich aus. Als Larry sich mit ihr drehte, schaute sie in seine, Devins, Richtung. Und als ihre Blicke sich nun begegneten, lächelte sie.

     "Sie glauben also, ich hätte eine Chance bei ihr?"

     "O ja. Sie sind genau der Richtige für sie", erklärte Rachel. "Ich habe ihr gesagt, sie hätte mit Ihnen den letzten guten Mann in ganz New York gefunden. Und es sieht so aus, als ob ich recht behalten hätte."

     Devin lächelte noch über Rachels Worte, als er durch die Gästemenge ging und Sylvia suchte. Rachel hatte noch mehr recht, er musste Sylvia endlich sagen, was er für sie fühlte. Und dies war vielleicht genau der richtige Moment dafür …

     In der Grillecke hörte er Sylvias Stimme und blieb stehen, um nicht von ihr gesehen zu werden.

     "Was ich dir sagen wollte, Daddy, ist, dass ich ein Buch schreibe."

     Würde sie ihrem Vater jetzt die Wahrheit gestehen?

     "Nun, das ist doch schön für dich, mein Kind. Was für eine Art von Buch ist es denn? Etwas Dokumentarisches?"

     "Nein, nicht ganz. Es ist eine Familiensaga … ein historischer Roman. Er beginnt in Irland und beschreibt die Zeit vom Amerikanischen Bürgerkrieg bis zur Weltwirtschaftskrise."

     "Nun, das klingt doch interessant. Erstaunlich, dass du Zeit zum Schreiben hast, wo du doch so viel unterwegs bist."

     "Es ist nicht einfach."

     "Hast du schon einmal darüber nachgedacht, eine Familie zu gründen?"

     "Nun ja …"

     "Larry vergöttert dich noch immer. Und auch Anson und Michael fragen stets nach dir."

     "Ich weiß, Daddy. Und Larry ist ein netter Junge …"

     "Nun, du wirst nicht jünger, Sylvia."

     "Daddy! Ich bin knapp dreißig."

     "Trotzdem. Hast du irgendeine ernsthafte Beziehung?"

     Devin hielt den Atem an.

     "Nein", erwiderte Sylvia schließlich leise und trieb ihm damit sozusagen den Dolch ins Herz.

     Er schloss die Augen und lehnte sich an die Gartenmauer. Wut, Enttäuschung und Verzweiflung kämpften in ihm. Es siegte die Enttäuschung. Er konnte ihr nicht wirklich böse sein. Sie hatte ihm von Anfang an Grenzen gesetzt. Es war dumm und arrogant von ihm gewesen, sich einzureden, dass er sie umstimmen könne.

     Von wegen, Devin, sagte er sich. Schau dich doch um. Glaubst du, Larry, Anson und Michael hätten arbeiten müssen, um ihr Studium zu finanzieren? Oder ihre Väter hätten Gaunereien begehen müssen, um etwas zu essen auf den Tisch zu bringen?

     Die Wahrheit ließ sich nicht mehr ignorieren. Zwischen Sylvia und ihm lagen Welten.

"Und jetzt der Mann der Stunde, Mr. Montgomery Alexander", verkündete der Bandleader.

     Sylvia schaute suchend nach Devin und erschrak, als sie ihn hinter der Grillecke hervortreten und zum Podium gehen sah. Hatte er eben alles mitgehört? Sie machte einen Schritt in seine Richtung. Sie musste es ihm erklären, sich entschuldigen.

     Aber es war zu spät. Devin stand schon auf der Bühne und nahm das Mikrofon.

     "Mr. Alexander, Mr. Alexander!"

     Sie konnte den Mann nicht sehen, der ihn rief, aber Devins Stirnrunzeln verriet, dass etwas nicht in Ordnung war.

     "Mr. Alexander, ist es wahr, dass es Enthüllungen über Sie und Ihre Bücher geben wird? Sehr bald schon?"

     Devin sah aus, als hätte er einen Fausthieb in den Magen erhalten. Was war los? Sein Blick glitt suchend zu ihr. Sie zog in einer stummen Frage ihre Schultern hoch.

     "Ja", antwortete er dann, "es wird bald einiges bekannt gegeben werden, was meine Fans sehr überraschen wird."

     Was redete er da?

     "Bis dahin werden Sie sich in Geduld fassen müssen. Danke, dass Sie gekommen sind. Guten Abend." Er verließ die Bühne.

     Sie schaute auf die Uhr. Er sollte etwa eine halbe Stunde reden. Keine zwei Minuten waren vergangen, seit er das Podium betreten hatte. Jetzt ging er mit schnellen Schritten durch die Menge, in die entgegengesetzte Richtung von ihr.

     Kaum war Devin um die Hausecke gebogen, begann Sylvia zu laufen und rannte durch die Küche und in die Eingangshalle.

     Rachel stürzte atemlos herein, als Sylvia das Foyer betrat.

     "Wo ist er?", fragte Sylvia bang und ahnungsvoll.

     "Fort. Er ist mit einem der Mietwagen fortgefahren." Rachel rang nach Atem. "Aber warum nur?"

     "Ich weiß es nicht."

     "Haben wir uns in ihm geirrt? Er wird doch wohl nicht vorhaben …?" Rachel ließ die Frage offen, aber Sylvia wusste, was sie meinte.

     "Mein Geheimnis zu lüften? Mich zu erpressen? Nein, ganz bestimmt nicht. Mit 'Enthüllungen' kann er alles Mögliche gemeint haben. Joshuas neue Partnerin, Vivian. Den Vertrag über die nächsten Bücher. Oder dass er vorhat, sich die Haare blond zu färben. Was weiß ich."

     Rachel nickte. "Ich glaube es eigentlich ja auch nicht. Aber was hat er bloß? Was meinte er?"

     "Ich weiß nur, dass Devin mir nicht schaden würde."

     "Er ist aber weggefahren", gab Rachel zu bedenken.

     Sylvia senkte den Blick. "Das ist meine Schuld. Ich habe ihn verletzt."

Patrick Sommers schob Sylvia eine Tasse Kaffee zu. "Seit vier Tagen bist du so bekümmert, Kind. Willst du mir nicht sagen, was du hast? Hat er dich entlassen?"

     Sylvia schüttelte den Kopf und putzte sich die Nase.

     Sie hatte Devin angelogen. Sie hatte ihm versprochen, ihrem Herz zu folgen, und dann war sie zu feige dazu gewesen. Sie liebte es, die Montgomery-Alexander-Bücher zu schreiben.

     Und sie liebte Devin.

     Seit Tagen glaubte sie, dass er es war, wenn das Telefon klingelte, und lief jedes Mal zur Tür, wenn sie einen Wagen vorfahren hörte. Und jedes Mal, wenn er es doch nicht war, zerbrach ihr Herz noch etwas mehr.

     Nun, das musste aufhören. Sie würde alles tun, um ihn zurückzukriegen. Alles.

     Und sie wusste auch, wo sie beginnen musste.

     "Daddy?"

     "Ja, Liebes?"

     "Dieses Buch, von dem ich dir erzählt habe …"

     Als sie ihm alles gestanden hatte, musste Sylvia zugeben, dass sie beeindruckt war. Ihr Vater hatte sie nicht unterbrochen, und auch jetzt saß er still und besonnen da. Und obwohl sein Schweigen nicht bedeutete, dass alles gut war, war es doch zumindest kein Wutanfall.

     "Daddy? Willst du denn nichts dazu sagen?"

     Der Richter verschränkte die Hände und stützte das Kinn darauf. "Ich dachte mir schon, dass du etwas vor mir verbirgst. Aber ich hätte mir nie träumen lassen, dass du diese Bücher schreibst. Ich dachte, du wärst verliebt in Mr. Alexander." Er schüttelte den Kopf. "Ich meine, in Devin."

     Sie biss sich auf die Lippen und versuchte, seinen Ausdruck zu entschlüsseln. "Ist es okay für dich?"

     Richter Sommers stand auf und schenkte sich eine Tasse Kaffee ein. Ihr den Rücken zukehrend, stand er am Fenster und starrte auf die Einfahrt. Sylvia begann langsam nervös zu werden.

     "Habe ich dir je von meiner ersten Reise mit deiner Mutter erzählt?", fragte er schließlich und warf ihr einen Blick über die Schulter zu.

     Sie schüttelte den Kopf.

     "Deine Mutter und ich hatten gerade angefangen, miteinander auszugehen. Es war Mai. Und deine Mutter wollte unbedingt den Eiffelturm sehen. Sie arbeitete in einem Schreibbüro, und ich studierte Jura. Sie nahm ihre Ersparnisse, ich mein Studiengeld, und wir fuhren nach Paris. Einfach so. Und dort bist du gezeugt worden. Wir heirateten am Tag, als wir zurückkamen."

     "Im Ernst? Das sieht dir gar nicht ähnlich, Daddy."

     Er drehte sich langsam zu ihr um und lächelte. "Nein, aber so war deine Mutter."

     Sylvias Augen wurden feucht. "Wirklich? Ich wollte immer so wie sie sein. Ich dachte mir, du wolltest das. Sie war in allem so perfekt. Die ideale Gastgeberin, die beste Ehefrau und Mutter. Sie hat immer das Richtige getan. Das Vernünftigste. Um unserem Namen nicht zu schaden. Oder dir."

     "Sie war all das und noch viel mehr." Ihr Vater nahm ihre Hand. "Deine Mutter wusste, wie wichtig es oft ist, nur seinem Herz zu folgen."

     "Du billigst es also?"

     "Billigung ist ein großer Schritt für einen alten Mann beim Frühstück. Sagen wir einfach, ich verstehe. Ich hatte nicht viel einzuwenden gegen die Wege und Wünsche deiner Mutter. Denn schließlich haben sie mir dich beschert. Und du bist ihr sehr, sehr ähnlich. Ich möchte nur, dass es dir gut geht." Er lächelte. "Und dass du glücklich bist."

     Sylvia lachte über ihre eigene Dummheit. "Devin macht mich glücklich. Warum konnte ich ihm das vor ein paar Tagen nicht sagen?"

     "Weil du es da selbst noch nicht geglaubt hättest."

     Sylvia seufzte. "Oh, Daddy. Was mache ich jetzt bloß?"

     Er trat hinter sie und strich ihr übers Haar. "Was du tun musst."

     Das Klingeln des Telefons unterbrach sie.

     Devin!

     Sylvia griff danach. "Devin?"

     "Miss Sommers?" Die raue Stimme hatte nicht die geringste Ähnlichkeit mit Devins leiser, verführerischer Stimme.

     "Ja? Wer spricht dort?"

     "Ich muss Sie sehen. Ich bin Devin O'Malleys Vater."

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