Von dir will ich alles - 2. Kapitel

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


2. KAPITEL

Natürlich wusste Sylvia, dass dieser Mann nicht Alexander sein konnte. Alexander war ein Produkt ihrer Fantasie, ein Mann, den sie erfunden hatte, um niemandem erklären zu müssen, warum sie Romane schrieb, in denen es um Waffen, Autos und Bikinimädchen ging.

     Seit Jahren teilte sie mit ihm die Abenteuer, die sie für sich selbst ersehnte. Abenteuer, die sie sich als Tochter eines Politikers nicht leisten konnte. In ihrer Fantasie waren sie zu exotischen Inseln gereist, hatten bis zum Morgengrauen getanzt und sich splitternackt am Strand geliebt, während die Meeresbrise ihre erhitzte Haut kühlte. Das wirkliche Leben konnte ihre Sehnsucht nach Leidenschaft und Romantik nicht befriedigen, aber Alexander füllte diese Lücke.

     Sie hatten lange Gespräche geführt im Mondschein, und sie hatte ihm ihre Hoffnungen und Träume anvertraut. Er amüsierte sie mit seinem Humor und bezauberte sie mit seinem Charme. Ja, sie hatte ihn erfunden. Aber irgendwie hatte sie sich trotzdem in ihn verliebt.

     Und nun stand er plötzlich vor ihr. Unfassbar!

     Sein Gang wies ihn als selbstbewusst aus, ja vielleicht sogar ein wenig arrogant. Der Glanz seiner Augen milderte den ernsten Zug um seinen Mund. Hohe Wangenknochen, ein festes Kinn und glatt rasierte Wangen … welliges dunkelbraunes Haar, das aus der Stirn zurückgekämmt war …

     Selbst der dunkelgrüne Anzug, Alexanders Standard-Outfit für besondere Gelegenheiten, war so, wie er in Artikeln stets beschrieben war.

     Bevor sie wusste, wie ihr geschah, stand der Mann, der das Produkt ihrer Fantasie in perfekter Weise verkörperte, vor ihr. Ihr stockte der Atem, als sein Blick wie ein intimes Streicheln über ihren Körper glitt, und sie überraschte sich damit, dass sie unter diesem Blick erschauerte. Sie versuchte, sich mit seinen Augen zu betrachten – schwarze Pumps, schwarze Strümpfe, ein schwarzes Cocktailkleid mit schmalen Trägern, aufgestecktes Haar –, und sie fragte sich, ob sie ihm wohl gefiel.

     Als sein Blick nun zu ihrem Gesicht hinaufglitt, erkannte sie unverhohlenes Verlangen in seinen Augen und kämpfte gegen ihr Erröten an. Als er sich vorbeugte und sie auf die Wange küsste, war ihr, als wiche alle Kraft aus ihren Knien.

     Der für Logik zuständige Teil in ihr wusste, dass sie verärgert sein und eine Erklärung von ihm fordern müsste. Aber ihr weiblicher Instinkt drängte sie, den Moment zu nutzen und den fleischgewordenen Alexander zu umarmen und zu küssen.

     "Wir sollten uns nicht mehr auf diese Weise treffen", erklärte eine sinnlich-raue Stimme, die sie schon aus ihren Fantasien kannte. "Sonst behaupten die Leute nachher noch, wir hätten etwas miteinander."

     Total verblüfft riss Sylvia die Augen auf. Ein Faustschlag in den Magen hätte sie nicht mehr umhauen können. Er zitierte einen Satz aus ihrem ersten Buch, und sie war nicht sicher, ob sie sich davon getröstet fühlen oder beunruhigt sein sollte.

     "Haben Sie das Buch gelesen?"

     "Warum fragen Sie?"

     "Nur so", erwiderte Sylvia kühl, um nicht nur die Situation, sondern auch ihr wild pochendes Herz wieder in den Griff zu bekommen. "Ich finde es bloß ein bisschen seltsam, was Sie sagen, weil es genau das ist, was Joshua zu einer Spionin sagt, nachdem sie zum dritten Mal versucht hat, ihn zu töten."

     "Ich nehme an, es ist ihr nicht gelungen."

     Sylvia vermied es, ihn anzusehen, weil sie innerlich zu aufgewühlt war. Und das, obwohl seine Lippen ihre Wange nur gestreift hatten!

     "Sie hat ihn aber nicht getötet, oder?", drängte er.

     "Er … es gelang ihm, es ihr auszureden."

     "Sie meinen, er verführte sie und brachte sie auf seine Seite. Eine gute Taktik, nicht?"

     "So wie die Lage war, vermutlich schon", murmelte Sylvia und versuchte, ihre Nervosität zu überwinden.

     Eine Verführungsszene mit einem Mann zu besprechen, der sie mit einem einzigen Blick erschauern lassen konnte, war keine gute Idee. Es war schon schlimm genug, in den Mann verliebt zu sein, den ihre eigene Fantasie erschaffen hatte. Aber stark erregt auf einen schlechten Scherz zu reagieren war absurd … ganz gleich, wie attraktiv der Scherzbold war und wie sehr er ihrem Traummann ähnelte.

     "Wer sind Sie und was wollen Sie?"

     "Ist das nicht offensichtlich?" Er sprach wie ein New Yorker, ihm fehlte der kultivierte britische Akzent, den sie sich immer vorgestellt hatte. Aber dennoch war seine Stimme ihr vertraut. Sie war nur zu verwirrt, um sich zu erinnern, woher sie ihr bekannt war.

     "Wir müssen miteinander reden", sagte sie mit einem für das Publikum bestimmten Lächeln.

     "Tun wir das denn nicht?" Seine Stimme war jetzt nur noch ein Flüstern. Verführerisch. Sexy.

     Einen Moment lang dachte sie, dass reden längst nicht alles war, was sie jetzt wollte. Küssen wäre noch viel besser. Im Geist versetzte sie sich einen Tritt. Dieser Mann war nicht Alexander. Er konnte es nicht sein. Und sie würde sich vor ihm nicht zum Narren machen.

     "Wir müssen miteinander reden", wiederholte sie.

     Er nickte, legte ihr seine Hand an den Rücken und führte sie zur Küche. Die Wärme seiner Hand irritierte sie, und sie musste ihre ganze Konzentration aufbieten, um nicht zu stolpern.

     Auf dem Weg zur Küche wurden sie von einigen Leuten aufgehalten, die ihn begrüßen wollten. Sie hielt den Atem an und wartete, ob er seinen Trumpf jetzt ausspielen würde. Aber er tat es nicht, sondern begrüßte nur höflich seine Fans und versprach, sich bald zu ihnen zu gesellen. Noch immer seine Hand auf ihrem Rücken, steuerte er sie durch die Schar der Gäste in die Küche. Nicht einmal Alexander hätte es besser machen können.

     Kaum waren sie durch die Tür geschritten, brachte sie Abstand zwischen sich und ihn. Ihm so nah zu sein war zu verwirrend und zu gefährlich.

     "Was glauben Sie, wer Sie sind?", fuhr sie ihn an.

     Keine glattzüngige Antwort kam von seinen Lippen. Er versuchte gar nicht erst, sie zu beschwichtigen, sondern lächelte nur hintergründig und sagte schlicht: "Heute Abend bin ich Alexander."

     Und einen verrückten, absurden, unwiederholbaren Augenblick lang glaubte sie ihm.

     Dann rief sie sich streng zur Ordnung. Er versuchte nur, sie durcheinanderzubringen. Und plötzlich fiel ihr ein, wo sie diese Augen schon gesehen hatte. Das Haar war nicht mehr blond und seine Wangen waren glatt rasiert, aber die großen blauen Augen waren unverkennbar.

     "Alexander hat dunkle Augen", sagte sie in anklagendem Ton. "Fast schwarze." Gnadenlose Augen, die hinter die Fassade der Menschen blickten, und unendlich sinnliche Augen, die Frauen zum Verhängnis wurden. Ähnlich wie die ausdrucksvollen, forschenden Augen dieses Mannes, die sie ansahen, als könnten sie all ihre Geheimnisse erraten.

     "Wirklich?" Er strich mit dem Finger über ihren Arm, und wieder erschauerte sie. "Sind Sie sicher?"

     Sie schluckte. Es gab nichts mehr, dessen sie sich sicher war – nur, dass der Abend immer unwirklicher wurde und sie ihr Gleichgewicht zurückgewinnen musste, bevor sie endgültig die Kontrolle über die Situation und damit auch über sich selbst verlor. Es war, als täte sich eine unendliche Tiefe vor ihr auf, die sie verlockte, zu springen und sich kopfüber in ihre Fantasien mit diesem Mann zu stürzen. Um all die Abenteuer zu erleben, das sie sich immer ausgemalt hatte.

     Stirnrunzelnd versuchte sie, ihre abschweifenden Gedanken wieder in die richtige Bahn zu bringen. "Vor ein paar Tagen … Sie sind der Kellner aus dem Pub."

     "Der Besitzer."

     "Von mir aus können Sie die ganze Stadt besitzen. Was tun Sie hier?" Plötzlich kam ihr eine schreckliche Idee. "Rachel hat Sie engagiert!"

     "Nein."

     "Erzählen Sie mir nichts. Wie viel zahlt Sie Ihnen? Ich könnte sie erwürgen! Eine Frechheit, dass sie Sie einfach angeheuert hat, ohne mir etwas davon zu sagen!"

     "Sylvia", murmelte er leise.

     Sie ignorierte ihn.

     "Sylvia." Er umfasste ihr Kinn und schob ihren Kopf nach hinten, sodass sie ihn ansehen musste.

     "Was?"

     "Niemand hat mich hergeschickt."

     Vielleicht war es der sanfte Tonfall seiner Stimme. Oder sein aufrichtiger Blick. Sylvia wusste es nicht. Sie wusste nur, dass sie ihm wider jegliche Vernunft und Logik glaubte. Und dass sie sich wünschte, er würde sie berühren. Aber sie verdrängte den Gedanken, weil sie den Verlockungen des Fremden widerstehen wollte.

     "Was machen Sie dann hier?", fragte sie energisch.

     Diesmal lächelte er, das gleiche selbstbewusste Lächeln, das sie sich bei Alexander vorgestellt hätte. Er streckte die Hand aus, berührte ganz kurz ihre Wange und zog sie dann wieder zurück, als ob er sich verbrannt hätte.

     Ihre Enttäuschung übermannte sie fast, und sie musste den Impuls bezwingen, seine Hand wieder zu ergreifen.

     "Ich wollte Sie nur kennenlernen. Und Ihnen helfen." Er schaute ihr in die Augen. "Sie bitten, mit mir auszugehen."

     Sie blinzelte. "Oh. Das ist aber eine seltsame Art, jemanden kennenzulernen." Ihre Antwort klang sanfter als beabsichtigt. Sie wusste nicht, ob sie ihm glauben sollte, aber ihre Empörung begann allmählich nachzulassen. Irgendwie wurde Alexander mehr und mehr Wirklichkeit. Ganz zu schweigen davon, dass sie diesen Mann ungeheuer sexy fand.

     Hör auf! Dieser Mann ist nicht Alexander!, ermahnte sie sich.

     Wenn die Lage nicht so absurd gewesen wäre, hätte man sie tragisch nennen können. Da stand sie einem Irren gegenüber – selbst wenn er ein ungemein verführerischer, gut aussehender Irrer war –, der als ein von ihr erfundener Schriftsteller auftrat, und sie wurde verlegen wie ein verliebter Teenager in Gegenwart seines heimlichen Schwarms.

     Er betrachtete sie wie ein Dompteur ein wildes Tier begutachtet, das er zähmen will, und sie konterte: "Ist das alles, was Sie mir zu sagen haben?"

     "Was kann ich sonst noch sagen? Alles Weitere hängt von Ihnen ab. Werden Sie mich anzeigen?"

     Sie war versucht, mit Ja darauf zu antworten, aber das war unmöglich. Sie konnte ihn nicht des Betrugs beschuldigen, ohne sich selbst bloßzustellen, und schon gar nicht, ohne den "wahren" Montgomery Alexander vorzuführen. Sie konnte gar nichts anderes tun, als die Scharade mitzumachen.

     Sie brauchte ihn. Und das wusste er.

     Natürlich hatte die ganze Sache auch etwas Positives. Ellis hatte eins unmissverständlich klargestellt – ohne Alexander keine Hardcover. Nun, diese kleine Hürde war jetzt überwunden.

     "Also?", fragte er. "Was werden Sie jetzt tun?"

     Durch das Fenster in der Schwingtür sah sie Brandon Foster, Montgomery Alexanders Lektor, in ihre Richtung kommen. Damit war ihre Entscheidung getroffen. "Vergessen Sie nur nicht, wer Sie nicht sind, und bringen Sie uns nicht in Schwierigkeiten." Damit öffnete sie die Tür und bedeutete dem falschen Alexander, ihr zu folgen.

     Sobald Brandon nah genug war, um es zu sehen, küsste sie den Fremden auf New Yorker Art auf beide Wangen. Er roch nach Buchenwäldern. Erdig, urwüchsig und maskulin.

     "Alexander", schalt sie ihn laut genug, um von Brandon gehört zu werden, "ich dachte schon, du hättest deinen Flug verpasst!"

     Der letzte Rest von Misstrauen wich aus dem Blick des Fremden, und ler egte einen Arm um sie und zog sie an sich, als hätte er das schon sehr oft getan. Unwillkürlich schmiegte sie sich an ihn und lehnte den Kopf an seine Schulter.

     "Du überraschst mich, Sommers. Du weißt doch, dass ich dich niemals enttäuschen würde."

     Er hatte sich gut vorbereitet. Nur in einem einzigen Artikel war erwähnt worden, dass Alexander seine Managerin mit ihrem Nachnamen anredete, so wie sie immer nur von "Alexander" sprach.

     "Schön, dass wir uns endlich kennenlernen, alter Junge." Brandon schüttelte ihm die Hand. "Kaum zu glauben, dass Sie sich sechs Jahre lang geweigert haben, mich zu sehen."

     "Nicht alles unterliegt meiner Kontrolle." Der Fremde klang jetzt kühler, und er hatte seinen New Yorker Akzent fast völlig abgelegt. Ein bemerkenswerter Auftritt, dachte Sylvia. Als wäre er ein Schauspieler, der einen britischen Aristokraten zu verkörpern hatte.

     Brandon deutete auf sie. "Dann trägt unser kleiner Engel hier die Schuld daran, dass wir uns nie gesehen haben?"

     "Ich fürchte, ja."

     Wie konnte er es wagen! "Ich habe nie …"

     "Sie hat mich in den letzten Jahren in London wie einen Sexsklaven im Keller festgehalten, angekettet an die Schreibmaschine."

     Sie starrte ihn an, sprachlos vor Empörung, obwohl ihr gleichzeitig die frivolsten Ideen kamen.

     Brandon machte große Augen. "Sie beide sind …?"

     "Nein", warf sie ein. "Das sind wir nicht."

     "Das sollte nur ein Scherz sein, Brandon. Ich überlasse Sommers das Geschäftliche, weil ich es nicht ertrage, wie ihr Lektoren meine Manuskripte durch die Mangel dreht." Er lächelte. "Ohne Sommers hätte ich mir längst eine weniger anstrengende Tätigkeit gesucht. Im Bereich der Spionage beispielsweise."

     Sie hätte ihn küssen können. Er hatte nicht nur ihre Version bestätigt, dass es der Wunsch des Autors und nicht der seiner Managerin war, die Öffentlichkeit zu meiden, sondern er hatte zudem auch noch eine frühere Tätigkeit als Geheimagent durchblicken lassen.

     Sie betrachtete den Fremden, der sich angeregt mit Brandon unterhielt. Mit seinem guten Aussehen, dem eleganten Anzug und dem unerschütterlichen Selbstvertrauen gab er ein perfektes Bild von Alexander ab. Er behauptete ja sogar, er sei es, und wenn auch nur für heute Nacht …

     Mach dich nicht lächerlich, Sylvia!, rief sie sich zur Ordnung.

     Doch der Champagner, die Party, der gut aussehende Fremde – all das ergab eine berauschende Mischung. Obwohl sie es natürlich niemals zugegeben hätte, wünschte sie, es würde stimmen und er wäre wirklich Alexander.

     Sie schüttelte den Kopf, um sich von solch absurden Ideen zu befreien. Ganz gleich, wie sehr es sie erregte, wenn er sie berührte oder auch nur anschaute – sie durfte nicht auf diese Weise an ihn denken.

     Warum nicht? Ihr Herz schlug schneller. Wieso nicht? Verkörperte dieser Mann nicht all das, was sie sich ein Leben lang gewünscht hatte? War sie nicht auf ein Abenteuer aus gewesen, das ihre Fantasie beflügeln sollte? Und wurde ihr der ideale Mann dafür nicht gerade auf einem silbernen Tablett serviert?

     Ihre rationale Seite protestierte und zählte all die Gründe auf, die gegen ein solches Abenteuer sprachen.

     Brandon unterbrach ihre innere Debatte mit einer Liste von Leuten, die Alexander im Verlauf des Abends kennenlernen musste. "Vor allem Ellis Chapman. Er hatte die Idee zu dieser Party."

     "Dann sollte ich Ellis auch begrüßen", stimmte der Fremde zu.

     "Ich werde versuchen, ihn zu finden." Brandon schüttelte ihm noch einmal die Hand, nickte ihr zu und verschwand dann in der Menge.

     Der Fremde nahm Sylvias Hand. "Sollten wir uns nicht langsam auch unter die Gäste mischen?"

     "Ich weiß nicht, ob das ratsam wäre."

     "Haben Sie Angst, ich könnte Sie verraten?" Langsam glitten seine Fingerspitzen über ihre Handfläche, und ihr Blut begann zu kochen.

     "Ich … ich hatte es befürchtet."

     "Und jetzt?"

     Sie entzog ihm ihre Hand. "Jetzt machen Sie Ihre Sache fabelhaft. Ich frage mich nur, wie lange Sie noch so weitermachen können."

     "Sommers, Sie schockieren mich." In gespielter Entrüstung hob er die Hände. "Da habe ich acht Stunden lang geschuftet, um mich über Alexander und seine hübsche Managerin zu informieren, und Sie bezweifeln meine Fähigkeit, den anderen etwas vorzuspielen. Ich habe in der Highschool bei jedem Test geschummelt und das Mogeln zu einer Form der Kunst erhoben."

     Sie lachte nicht. "Und haben Sie die Tests bestanden?" Er schwenkte einen Finger. "Fragen Sie mich etwas Leichteres."

     "Ertappt! Jetzt wissen Sie nicht weiter. Wir bleiben hier in der Ecke. Wer mit Ihnen reden will, soll kommen."

     "Das kann ich gut verstehen." Er trat näher, ohne sie zu berühren. Aber das war gar nicht nötig. Seine Nähe war aufregend genug.

     "Was wollen Sie damit sagen?"

     "Nur, dass Sie offenbar Interesse für mich verspüren, weil Sie mich nicht mit anderen teilen wollen."

     Sie zwang sich zu lächeln und atmete tief durch. "Kennen Sie das alte Sprichwort, dass man seine Freunde im Auge behalten soll, aber seine Feinde noch viel mehr?"

     "Dann sind wir also Feinde?"

     "Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung."

     "Ertappt!" Mit einem zufriedenen Lächeln lehnte er sich an die Wand.

     "Was?"

     "Sie wissen nicht, ob ich Freund oder Feind bin, aber Sie wollen mich in Ihrer Nähe haben. Das klingt doch sehr nach Interesse."

     Sie schwieg. Es ging hier nicht um "Interesse", sondern darum, dass er uneingeladen hier erschienen war und sich zudem als Ehrengast ausgab – und all das angeblich nur, um sie kennenzulernen. Und dann behauptete er, sie interessiere sich für ihn! Das war unverschämt und anmaßend. Aber seine Schlussfolgerung war genau die, die Alexander an seiner Stelle jetzt auch gezogen hätte.

     "Ich glaube, Sie verwechseln Verblüffung über Ihren Mangel an Benehmen und Charakter mit Interesse", erwiderte sie kühl.

     Er lächelte. "Lassen Sie es mich Ihnen beweisen, dass ich es wert bin. Lassen Sie mich Ihr Ritter in glänzender Rüstung sein und in die Menge reiten, um die glorreiche Botschaft Montgomery Alexanders zu verkünden." Er streckte einen Arm gen Himmel, als hielte er ein Schwert.

     Sie kicherte. Sie konnte gar nicht anders. Er sah so albern aus. Aber er hatte recht. Ein Montgomery Alexander, der sich mit seiner Managerin in einer Ecke versteckte, würde seine Fans verärgern und Ellis Chapman erst recht.

     Es ist wie beim Kopfsprung, sagte sie sich. Tief einatmen und springen.

     "Gut", sagte sie. "Aber wir bleiben zusammen."

     Arm in Arm begaben sie sich in die Menge. Minuten später schon hatte jemand ihn angesprochen und auf die Tanzfläche gezogen. Aber vorher hatte er ihr, Sylvia, rasch noch ein paar beruhigende Worte zugeflüstert.

     "Keine Angst", versicherte er. "Wenn das ein Film wäre, würden sie mich für den Oscar nominieren."

"Ich hätte sofort zu euch hinüberkommen sollen", erklärte Rachel. "Aber ich dachte, du hättest ihn engagiert, und war gekränkt, weil du mir nichts davon erzählt hattest."

     Die Party näherte sich ihrem Ende, und Rachel und Sylvia hatten sich in die abgelegenste Ecke des Saales zurückgezogen.

     "Er ist erstaunlich", sagte Sylvia mit einem Blick zur Tanzfläche, wo der mysteriöse Fremde eine aufdringliche Rothaarige abwies, die mit ihm tanzen wollte. "Ich meine, sein Auftritt war erstaunlich", berichtigte sie sich, als sie merkte, dass sie errötete. "Ich habe ihn zwei Stunden lang beobachtet, um eingreifen zu können, aber er hat sich nicht ein einziges Mal versprochen."

     "Ist er so, wie du dir Alexander vorstellst?"

     Sylvia zuckte mit den Schultern. "Es ist komisch. Vorher konnte ich mir Alexander in allen Einzelheiten vorstellen. Aber jetzt, wenn ich die Augen schließe, sehe ich nichts anderes mehr als ihn." Sie deutete auf den Fremden.

     "Das ist verständlich", erwiderte Rachel schmunzelnd.

     "Wieso?"

     "Weil Fantasie und Realität zusammengeprallt sind. Und die Wirklichkeit den Sieg davongetragen hat."

     "Vielen Dank für die Belehrung, Dr. Freud."

     "Nein, wirklich. Er gefällt dir …"

     "He, Moment! Er interessiert mich nicht."

     "Lügnerin. Und was könnte es schon schaden, ihn zu verführen?", fragte Rachel.

     "Ihn … Bist du verrückt?" Errötend wandte Sylvia ihren Blick von dem Mann ab.

     "Sag bloß, du hast noch nicht daran gedacht! Er ist dir praktisch in den Schoß gefallen. Und er hat gesagt, dass er gern mit dir ausgehen würde. Kennst du einen besseren Weg, dir einen Lover zu verschaffen?"

     Sie hatte tatsächlich schon mit der Idee gespielt. Wer hätte das an ihrer Stelle nicht getan? Aber Rachels Vorschlag war absurd. Sie war nicht der Typ, der einen Mann verführte.

     "Komm schon, Sylvia. Du weißt doch selbst, dass du es willst. Er ist der Inbegriff all deiner Fantasien."

     "Ich brauche keine Fantasien. Du weißt, dass ich ganz andere Zukunftspläne habe."

     "Wer spricht hier denn von heiraten? Du sollst dich bloß ein bisschen amüsieren." Rachel öffnete ihre Tasche und zog drei kleine Päckchen heraus.

     "Also, wirklich, Rachel!" Sylvia schaute sich verlegen um, ob auch keiner merkte, dass es Kondome waren. "So was brauch ich nicht."

     "Nimm sie trotzdem." Rachel ließ die Päckchen in Sylvias Tasche fallen.

     Sylvia verzog das Gesicht. Das Letzte, was sie jetzt brauchen konnte, war eine Affäre mit einem Mann, der als Autor auftrat, um sich mit ihr zu verabreden. Egal, wie attraktiv und sexy er war. Sie musste an ihre Arbeit denken … und nicht an lange heiße Nächte mit Alexander, diesem Kellner oder Pubbesitzer oder wer, zum Teufel, er auch war.

     Sie seufzte.

     Sie würde nicht mit diesem Mann ins Bett gehen.

     Aber …

     Sie dachte an das Kribbeln in ihrem Bauch, wenn er in ihre Richtung schaute, und das Prickeln auf ihrer Haut, wenn er in ihrer Nähe war …

     Nun, sie hätte schon Lust auf ein Abenteuer … Und dieser große, dunkelhaarige, umwerfend gut aussehende Mann war ihr buchstäblich in den Schoß gefallen …

     Nein, nein, nein! Das kam nicht infrage! Auf keinen Fall!

     Aber konnte sie nicht wenigstens ein wenig Zeit mit ihm verbringen? Ein kleiner Flirt war harmlos. Was wäre schon so schlimm daran?

     Bevor sie es sich wieder anders überlegte, stand Sylvia auf. "Die Party geht zu Ende. Ich sollte Alexander jetzt erlösen."

 

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