Von dir will ich alles - 6. Kapitel

6. KAPITEL

Eine nach der anderen zog Sylvia die Schubladen der Kommode in ihrem Hotelzimmer auf, um sicherzugehen, dass sie nichts darin zurückgelassen hatte. "Ich glaube, das war alles, bis auf die paar Sachen aus dem Badezimmer."

     Rachel schaute von ihrer Zeitung auf. "Das hoffe ich. Du hast bestimmt ein Dutzend Mal in jede Schublade geschaut."

     "Nur zwei Mal." Drei Mal eigentlich. Aber Sylvia bezweifelte, dass Rachel es bemerkt hatte.

     "Drei Mal habe ich gezählt. Und du reist erst morgen ab. Wozu also der Aufstand heute Abend?"

     "Ich will nichts vergessen", antwortete Sylvia. Aber eigentlich beschäftigte sie sich nur, um sich von Devin abzulenken. Sie hatte mit ihm vereinbart, dass er heute im Nebenzimmer übernachtete, damit sie morgens zusammen zum Flughafen fahren konnten. Und nur durch eine dünne Wand von ihm getrennt, bezweifelte Sylvia, dass sie sich aufs Packen konzentrieren konnte, wenn sie bis zum Morgen damit wartete.

     Rachel stand auf und ging zum Bett, wo Sylvias Kleider und Kosmetiksachen lagen. "Ich sehe schon, was du vergessen hast."

     "Ach ja? Was?"

     Rachel kramte in ihrer großen Ledertasche und warf eine Handvoll Kondome in Sylvias Koffer. "Ich habe nur ein halbes Dutzend hier. Du wirst dir morgen früh am Flughafen mehr kaufen müssen."

     Sylvia schaute auf die Plastikpäckchen und schüttelte den Kopf. "Du spinnst, Rachel. Ich hab ja gar nicht vor, mit ihm zu schlafen."

     "Willst du die Märtyrerin spielen und diesen so unwahrscheinlich gut aussehenden Mann abweisen? Gestern Nacht warst du doch noch bereit, mit ihm ins Bett zu steigen."

     "Gestern Nacht wusste ich auch noch nicht, dass er mich erpressen wollte."

     "Aber er hat darauf verzichtet. Weil er ein anständiger Mann ist und ein echter Gentleman."

     "Nur weil er darauf verzichtet hat, ist er noch lange kein edler Ritter. Außerdem hat er vielleicht sowieso bloß deshalb davon abgesehen, weil mein Vater Richter ist, und nicht aus purem Ehrgefühl."

     Oder aus echter Zuneigung, ergänzte Sylvia im Stillen. Sie verdrängte den Gedanken und begann ihre Kleider zu falten. Egal, wie sehr er ihr gefiel, sie dachte nicht daran, auf einen Ganoven hereinzufallen, der sie nur benutzen wollte, um schnell an Geld heranzukommen. Noch dazu, um Spielschulden zu begleichen! Wenn er das Geld für eine arme kranke Großmutter gebraucht hätte …

     "Zwischen uns ist alles klar. Wir haben eine geschäftliche Vereinbarung, mehr nicht. Die letzte Nacht wird sich nicht wiederholen. Ich brauche jemanden, der Alexander verkörpert, und Devin ist die ideale Besetzung für diese Rolle." Sylvias Körper bereute die Entscheidung, aber ihr Verstand wusste, dass es so am besten war.

     "Also willst du jetzt ihn benutzen."

     Sylvia überlegte. "Nun ja, wahrscheinlich schon. Das ist nur gerecht."

     "Das sollte auch keine Kritik sein", sagte Rachel. "Ganz im Gegenteil."

     "Wieso?"

     "Selbst wenn es rein geschäftlich ist, kann er doch dein Lover sein. Das ist mega-in. Anderthalb Wochen. Die ideale Dauer eines heißen Flirts. Ein bisschen Spaß, um dich von der Arbeit abzulenken. Und ihr fahrt ja auch nach Kalifornien und Las Vegas. Das ist doch herrlich dekadent, nicht wahr?"

     Sylvia musste wider Willen lachen. "Dekadent ist nicht das Bild, das wir der Öffentlichkeit präsentieren wollen. Ich brauche weder einen Lover noch deine guten Ratschläge." Sie machte eine ausholende Geste mit der Hand. "All das ist das Ergebnis deiner vorlauten Bemerkungen in jener Nacht im Pub."

     "Dieses Zimmer?"

     "Die Situation", sagte Sylvia und warf ein Kissen nach Rachel. "Ich kann mir keine weiteren Komplikationen leisten. Und ganz gewiss kann ich mich nicht mit einem charmanten Spieler einlassen, den seine Schulden dazu zwingen, andere Menschen zu erpressen." Sie hob die Hand, als Rachel Einwände erheben wollte. "Ich weiß, dass er es sich dann doch noch anders überlegt hat, aber das ist nicht der Punkt. Ich bin nicht geschaffen für Affären. Es wäre typisch für mich, wenn ich mich in ihn verlieben würde. Und was dann?"

     Aber die entscheidendere Frage war, wie sie ihn vergessen sollte. Denn verliebt war sie bereits, auch wenn sie es Rachel nicht gestehen wollte. Die einzige Lösung war, ihre Beziehung auf einer professionellen Ebene zu halten. Beim kleinsten Anzeichen sexuellen Interesses würde sie die Konversation höflich, aber bestimmt zu ihrer Arbeit zurückführen. Und eine kalte Dusche nehmen.

     "Na gut", sagte Rachel seufzend. "Dann wünsch ich dir eine schöne langweilige Reise. Vielleicht lernst du in Las Vegas ja einen Hotelpagen kennen, der dir den Kopf verdreht."

"Da bin ich." Devin lehnte lässig in der Tür, eine Reisetasche über der Schulter. Er trug ein T-Shirt, das eng genug war, um seine ausgeprägten Muskeln zu betonen.

     "Hi. Komm herein." Sylvia trat beiseite, um ihn einzulassen.

     Sie schloss die Tür und drehte sich dann langsam zu ihm. Er sah wirklich unglaublich sexy aus. Wie sollte sie es anderthalb Wochen mit diesem attraktiven blonden Hünen aushalten, wenn sie es jetzt schon kaum ertrug, ihn nicht zu berühren?

     Er betrachtete sie mit eigenartigem Gesichtsausdruck. "Was ist?", fragte sie und befürchtete, dass er ihre Gedanken erraten hatte.

     "Drei Wochen."

     "Wie bitte?"

     "Die nächsten drei Wochen gehöre ich dir. Ich habe dich in diese Situation hineingebracht, da will ich wenigstens versuchen, dir jetzt beizustehen." Er sah nun sehr energisch aus. Rechnete er mit Widerspruch von ihr?

     "Ich kann es mir nicht leisten, dich länger als zwei Wochen zu bezahlen."

     Er nickte. "Ich weiß."

     "Aber ich dachte …"

     "Willst du mich nun für drei Wochen oder nicht?"

     "Natürlich", antwortete sie und ignorierte die teuflische kleine Stimme in ihrem Kopf, die sie bedrängte, ihm zu sagen, dass sie ihn sogar wahnsinnig heftig wolle. "Ich möchte dir nur nichts verderben."

     Devin lächelte. "Danke. Das weiß ich sehr zu schätzen. Aber es geht schon. Wirklich."

     "Was hat dich umgestimmt?"

     "Verpflichtungen, denen ich mich nicht entziehen kann."

     "Oh", entfuhr es ihr. "Du meinst so etwas wie einen Ehrenkodex unter Betrügern?" Augenblicklich bereute sie ihre Worte. "Entschuldige. Es tut mir leid." Er bemühte sich, ein Gentleman zu sein, und sie kränkte ihn.

     Er winkte ab. "Wir fliegen also morgen früh?"

     Sie nickte. "Ja. In aller Herrgottsfrühe."

     "Und was steht heute Abend auf dem Plan?" Nichts in seinem Ton ließ darauf schließen, dass er an eine Wiederholung ihres gestrigen Abends dachte.

     "Training", antwortete sie lächelnd. "Hartes Training. Wenn du für mich in die Schlacht ziehen willst, musst du gut gewappnet sein." Wieder glitt ihr Blick über seinen Körper, und sie unterdrückte einen Seufzer. Die eigentliche Schlacht tobte in ihr selbst. Doch zumindest war es ihr gelungen, schon ganze vier Minuten ihre Hände bei sich zu behalten. Das verdiente Anerkennung.

     Er stellte seine Tasche ab. "In Ordnung. Wo beginnen wir?"

     "Bei den Regeln. Wir müssen dringend ein paar Regeln aufstellen."

     "Gut. Schieß los."

     Sylvia runzelte die Stirn. Etwas stimmte nicht, aber sie hätte es nicht in Worte fassen können, was sie störte.

     "Also, was ist deine erste Regel?", fragte er.

     "Dass du Devin bist", antwortete sie.

     "Das ist eine Regel, die ich wirklich nicht verstehe."

     "Nein. Ich meinte, dass du wirklich Devin bist."

     "Ja. Ich Devin. Du Sylvia."

     Sie ignorierte seinen Spott. "Ich wollte damit sagen, du bist blond und Alexander dunkelhaarig."

     Ein Muskel zuckte in seiner Wange. "Tut mir leid, aber ich wusste nicht, dass ich vierundzwanzig Stunden täglich Alexanders Rolle spielen muss. Ich dachte, jetzt, wo alles klar ist zwischen uns, könnte ich auch einmal ich selber sein." In seinem Blick lag etwas Herausforderndes, aber sie verstand nicht, was er damit meinte.

     "Ich habe dich engagiert, weil ich jemanden brauche, der während der Promotiontour einen von mir erfundenen Schriftsteller verkörpert. Wenn jemand merkt, dass du nicht wirklich Alexander bist, kriege ich eine Menge Ärger."

     "Du meinst, wenn Typen wie ich dir auf die Schliche kommen?", entgegnete Devin scharf.

     Sylvia parierte seinen Angriff mit Sarkasmus. "Du glaubst, ich hätte Angst, irgendwelche skrupellosen Gauner könnten mein Geheimnis lüften und mich erpressen? Nein, so was passiert einem nur einmal im Leben." Da er gekränkt schien, fuhr sie hastig fort: "Das ist es nicht, was mich beunruhigt. Das Problem ist, dass Alexander noch nie auf so einer Werbetour war. Niemand hat ihn je gesehen, zumindest nicht bis zu der Party. Was ist, wenn sich jemand in dein Zimmer schleicht? Uns folgt? Durchs Fenster schaut? Dann musst du wenigstens wie Alexander aussehen, nicht? Ich kann eine Entdeckung nicht riskieren. Ich brauche den Vertrag."

     Devin schien sich zu entspannen. "Na schön. Dann sollten wir als Erstes meine Haare färben." Er ging zu seiner Tasche und nahm einen kleinen Karton heraus. "Kastanienbraun. Und diesmal ist es eine dauerhafte Kolorierung", erklärte er und reichte ihr die Packung. "Würdest du so freundlich sein?"

Ich hätte Nein sagen sollen, dachte Sylvia etwa fünfundzwanzig Minuten später. Durch ihre Unüberlegtheit hatte sie sich in eine Situation gebracht, die ihre Willenskraft auf eine harte Probe stellte.

     Die Füße in der Wanne, hockte Devin auf der Badewannenkante, und seine breiten Schultern und sein Nacken waren nackt bis auf das alte blaue Handtuch, das Sylvia ihm umgelegt hatte. Seine Beine wurden wenigstens von einer alten blauen Jogginghose bedeckt, die er angezogen hatte, bevor sie mit dem Haarefärben begannen. Denn das Letzte, was sie jetzt noch brauchen konnte, war eine zusätzliche Ablenkung durch muskulöse Schenkel in knappen Shorts oder hautengen Jeans.

     Da sie hinter ihm stand, konnte sie seine Brust nicht sehen, aber sie erinnerte sich noch sehr gut an das weiche Brusthaar, das dunkelblond wie seine Naturhaarfarbe war. Sein Haar war feucht von der etwas chemisch riechenden Farbmischung, die sie vorhin sorgfältig aufgetragen hatte. Doch selbst beim Haarefärben sah er attraktiv und sexy aus.

     Sie dachte daran, wie zärtlich seine Hände in der letzten Nacht über ihre Haut geglitten waren. Und wie heiß und leidenschaftlich er sie geküsst hatte. Sylvia war es nicht bewusst, dass ihre Finger sich um seine Schultern schlossen und ihn zu sich zogen. Devin ließ sich zurücksinken, bis sein nackter Rücken ihren Bauch berührte, doch den Kopf hielt er vorsichtshalber ganz gerade, damit sie von der farbintensiven Mixtur nichts abbekam. Sie konnte sehen, wie seine Brust sich hob und senkte, wenn er atmete, und verträumt schloss sie die Augen und lauschte ihrem eigenen Herzschlag, der plötzlich schneller geworden war.

     "Sylvia." Devins Stimme war leise, aber die Art, wie er ihren Namen sagte, ging Sylvia durch und durch. "Ich glaube, die Farbe muss bald abgespült werden."

     Erschrocken öffnete sie die Augen und warf einen Blick auf den Wecker auf der Konsole. "Oh! Ich dachte nur gerade an etwas anderes. In ein paar Minuten hast du es überstanden."

     "Da bin ich aber froh." Er drehte sich ein wenig und schaute sie an. "Und woran hast du gedacht?"

     "An unsere Reise."

     "Ach ja?" Warum klang das so, als glaubte er ihr nicht? Sie trat zurück, stützte die Hände in die Hüften und zwang sich zu lächeln.

     "Ja, wirklich. Es gibt noch so viel zu erledigen." Sie winkte nonchalant in seine Richtung, als wäre er nur eine von einer Unmenge von Aufgaben, die sie erwarteten. "Zum Beispiel müssen wir noch mit dir proben."

     "Aha."

     "Du glaubst mir nicht?" Sofort bereute sie die Frage. Natürlich glaubte er ihr nicht! Und das mit Recht.

     Er lächelte. "Klar glaub ich dir."

     "Wirklich?" Verwundert starrte sie ihn an.

     "Sicher. Ich glaube dir, dass du an deine Regeln dachtest." Sein Lächeln verlor etwas von seiner Unschuld und gewann an Sex-Appeal.

     An viel zu viel Sex-Appeal.

     Sylvia riss sich zusammen. "Richtig. Die Regeln."

     "Über gewisse Regeln habe ich auch schon nachgedacht." Er deutete auf eine kleine Packung, die auf dem Badewannenrand lag. "Was ist das?"

     "Das ist ein Pflegebalsam. Der kommt auf dein Haar, wenn wir die Farbe abgespült haben. Davon werden die Haare schön weich und glänzend." Sein Themenwechsel verwirrte sie, und sie fragte sich, an was für Regeln er wohl dachte.

     Als er ihr wieder den Rücken zukehrte, runzelte sie die Stirn, weil sie das Gefühl nicht loswurde, dass er sich über sie lustig machte. Schweigend trank sie einen Schluck Mineralwasser und beobachtete den Zeiger der Uhr.

     Kein Wort von Devin. Er gab ihr noch immer keinen Hinweis auf die Regeln.

     Sie räusperte sich. "Was war es, was du dachtest? In Bezug auf Regeln, meine ich."

     Immer noch Schweigen. Dann beugte er sich vor und drehte den Wasserhahn auf, hielt seine Handgelenke unter den Strahl und hantierte an den Armaturen, bis er die richtige Temperatur eingestellt hatte. Erst danach wandte er den Kopf und schaute sie an.

     Sein Blick war einladend, und ihr wurde heiß. "Wir fühlen uns zueinander hingezogen."

     Sie öffnete den Mund, um ihm zu widersprechen, aber kein Wort kam über ihre Lippen.

     Devin drehte sich wieder zu ihr. "Glaubst du mir nicht?"

     Sie straffte sich. Sie mussten über Regeln reden. Über Geschäftliches. Jetzt war wirklich nicht der richtige Moment, um schwach zu werden.

     Er strich ihr eine Haarsträhne hinters Ohr, was bei ihr ein leichtes Schwindelgefühl auslöste.

     "Sylvia? Du könntest wenigstens zugeben, dass da etwas ist. Wir waren schließlich beide daran beteiligt, nicht wahr?"

     Sie nickte und spürte ihre Willenskraft mehr und mehr dahinschwinden. "Natürlich ist da etwas." Vielleicht war es sogar ganz gut, über die gegenseitige Anziehung zu reden. Es musste sein. Es durfte keine Wiederholungen von gestern Nacht geben. Ab sofort würden sie nur noch daran denken, dass sie einen Job zu erledigen hatten. Sie brauchte es ihm bloß zu sagen.

     Wieder räusperte sie sich. "Devin, ich …"

     "Wir müssen uns dagegen wehren. Wir sollten es nicht mehr so weit kommen lassen." Er streichelte ihre Wange, eine freundschaftliche Geste, die ein erregendes Kribbeln auf ihrer Haut auslöste. "Wir sollten eine professionelle Distanz wahren. Das wäre am besten, glaube ich."

     "Ist das dein Ernst?" Es war das, was sie ihm selber hatte sagen wollen. Wieso war sie dann enttäuscht?

     "Klar", antwortete er leise. "Obwohl ich natürlich auch deine Einstellung verstehen kann. Und vielleicht hast du ja recht in dieser Sache."

     "Möglicherweise?" Ihre Einstellung? Hatte sie überhaupt eine? Was für ein Spielchen trieb er hier mit ihr?

     Er nickte. "Schwer zu sagen, was der bessere Weg wäre."

     Sie wollte schon fragen, was er meinte, aber da klingelte der Wecker. Dem Himmel sei Dank! Sie brauchte einen Moment, um sich zu sammeln. Die Sache lief überhaupt nicht so, wie sie es geplant hatte. Sie setzte ein gleichmütiges Lächeln auf. "Wäre es nicht einfacher, wenn du dich unter die Dusche stellst, um die Farbe auszuspülen?"

     Aber er schüttelte den Kopf. Diesmal waren seine Füße draußen, und irgendwie ahnte sie, was jetzt kam.

     "Nein, mach du es", antwortete er, fasste sie um die Hüften und zog sie zu sich heran. "Ich leg einfach den Kopf zurück", fügte er hinzu, während er sie sanft auf seine Schenkel zog.

     Als sie rittlings auf ihm hockte, die Beine rechts und links von seinen Knien, reichte er ihr die Handbrause. Sylvia zwang sich, sich zu konzentrieren, und spülte sein Haar ab, bis das Wasser nicht mehr braun war.

     Es war eine ungemein intime Position. Und eine sehr riskante, dachte Sylvia. Nicht, dass sie Angst gehabt hätte, mit ihm in die Wanne zu fallen. Die Gefahr lag in der sexuellen Spannung, an einer gewissen Reibung der Innenseiten ihrer Schenkel an Devins Knien bei jeder ihre Bewegungen.

     Wieder ermahnte sie sich, dass Denken und Tun zwei ganz verschiedene Dinge waren. Wobei "Tun" natürlich nicht infrage kam.

     Er legte eine Hand um ihre Wade.

     Sylvia wehrte sich gegen die spontane Reaktion ihres Körpers und drehte das Wasser ab. Dann griff sie nach dem Pflegebalsam und verteilte ihn in seinem Haar. Ein paar Minuten später spülte Sylvia sein Haar erneut.

     Als sie fertig war und seine feuchten dunklen Locken betrachtete, verschlug es ihr den Atem. Er war Alexander, der Mann aus ihren Fantasien. Der Mann, den sie nachts vor Augen hatte, wenn sie nicht schlafen konnte und davon träumte, dass er eines Tages wirklich in ihr Leben treten würde.

     Hör auf, ermahnte sie sich streng. Alexander existiert nicht, und dies ist Devin, der halb nackt und wahnsinnig verführerisch in deinem Badezimmer steht. Sie ahnte, was er vorhatte. Er hatte ihr vorhin recht gegeben, wusste aber ganz genau, dass sie keine Ahnung hatte, was er damit meinte. Er wollte also, dass sie fragte.

     Na schön, dachte sie seufzend. Die erste Runde geht an ihn. "Und in Bezug auf was hab ich vermutlich recht?"

     "In Bezug auf Vertrautheit." Er öffnete nicht einmal die Augen.

     "Wie bitte?"

     "Wenn es um Vertrautheit und unser Auftreten in der Öffentlichkeit geht." Als er die Augen aufschlug, stand keine Herausforderung in ihnen. Nur Verlangen. Sylvia wollte zurücktreten, aber seine Hand schloss sich noch fester um ihre Wade, und er richtete den Blick auf ihre Brüste. In jäher Verlegenheit kam ihr zu Bewusstsein, dass sie nur ein dünnes T-Shirt trug – und keinen BH darunter. In einem feuchten Badezimmer …

     "Ich weiß nicht, was du meinst", sagte sie ehrlich und hoffte, dass ihr ihre Nervosität nicht anzumerken war.

     "Es besteht eine gewisse Vertrautheit zwischen dir und Alexander. Ein gegenseitiges Verständnis. Angeblich kennt ihr euch sehr gut. Wenn wir uns wehren gegen dieses … diese Gefühle zwischen uns, entstehen Spannungen, die die Leute spüren und die sie irritieren würden." Er ließ seine Hand höhergleiten und berührte ihren Schenkel, wobei sein Daumen über die zarte Innenseite strich. Dann legte er die Hand auf ihren Po. "Wenn dagegen Vertrautheit zwischen uns besteht, werden die Leute sich bestätigt fühlen", fuhr er fort. "Sie wissen natürlich nicht, welcher Art diese Vertrautheit ist, aber sie werden erkennen, dass wir uns nahestehen, und niemand wird Verdacht schöpfen."

     "Ist das …" Ihre Stimme klang auf einmal heiser. Sylvia räusperte sich und kämpfte gegen die Gefühle, die er in ihr heraufbeschwor. "Glaubst du, so könnten wir sie täuschen?"

     "Ja." Devin beugte sich vor und zog sie gleichzeitig näher an sich. Bevor Sylvia wusste, wie ihr geschah, berührte er durch das dünne T-Shirt mit dem Mund ihre Brust und liebkoste sie. Die Spitze wurde sofort hart unter dem sinnlichen Angriff seiner Lippen. Prickelnde Wärme breitete sich in ihren Gliedern aus, ihre Beine trugen sie nicht mehr, und um nicht zu fallen, ließ sie sich lieber gleich auf den Boden sinken, sodass sie nun zu Devins Füßen kauerte, während er sie mit einem ungemein verführerischen Lächeln ansah.

     "Und all das hatte ich bereits bedacht?", fragte sie, als ihre Stimme ihr wieder gehorchte.

     Er nickte. "Klar. Und das war auch sehr vernünftig von dir." Er beugte sich vor und drückte den Stöpsel in den Abfluss, schraubte ein Fläschchen Badegel auf und hielt es unter den Wasserstrahl.

     "Drei Wochen, hm?" Er reichte ihr die Hand und half ihr hoch.

     "Ja. Und?"

     Er stieg in die Wanne und ließ sich lächelnd in das warme Wasser sinken.

     "Devin!"

     "Was?" Er schien aufrichtig erstaunt über ihren Einwand. "Drei Wochen sind nicht viel. Wir sollten keine Zeit verschwenden und deine Idee, ein wenig mehr Vertrautheit zu entwickeln, so schnell wie möglich in die Tat umsetzen."

     "Aber … aber …" Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. "Deine Hose!"

     Er zuckte mit den Schultern. "Ach, die trocknet wieder."

     Sprachlos starrte sie ihn an, und in ihrem Kopf drehte sich alles.

     Er zog die Beine an und deutete grinsend in die Wanne. "Kommst du nicht?"

     Der Abend wurde zunehmend verrückter. "Wie bitte?", fragte Sylvia schließlich, weil es das Einzige war, was ihr noch einfiel.

     Devin nickte. "Du hast natürlich recht. Schon wieder." Seine Augen funkelten mutwillig. "Du wirst noch tausend Punkte machen heute Abend."

     Da dämmerte es ihr. Diesmal würde er sagen, sie habe recht, dass man nicht angezogen badete, wenn man sich näherkommen wolle. Unwillkürlich stellte sie sich vor, wie er sich aufrichten und seine Hose ausziehen würde. Wie er sich danach wieder setzen und die Hand nach ihr ausstrecken würde. Und sie glaubte sogar, die Wärme seiner Finger zu spüren, wenn er ihre Hose öffnete und sie ihr langsam herunterschob. Hitze durchzuckte sie bei der Vorstellung, wie begehrlich er sie ansehen würde, bevor sie zu ihm in das duftende Wasser stieg.

     Sie seufzte. Das war ein schöner Traum, der sich aber nicht realisieren würde. "Tut mir leid." Als sie aufschaute, sah sie den enttäuschten Blick in seinen Augen. "Aber ich verzichte lieber auf derartige Vertraulichkeiten."

     Devin nickte. "Verstehe."

     "Bist du böse?"

     Seine Überraschung wirkte echt. "Dass du Nein gesagt hast? Natürlich nicht."

     "Dass ich dich nicht aufgehalten habe, bevor du deine Hose nass gemacht hast."

     "Ach wo, die musste sowieso gewaschen werden. Ich bleib einfach eine Weile sitzen und weiche sie gründlich ein."

     Sylvia lachte. "Gut, dann gehe ich jetzt schlafen. Und gleich morgen früh fangen wir mit den Lektionen über Alexanders Verhalten an." Sie deutete auf die Wanne. "So etwas hätte er nie getan."

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