Weingut der Liebe - 10. Kapitel

  1. KAPITEL

Jess machte im Herrenhaus den Abwasch und schaute immer wieder zum Fenster hinaus. Auf dem Rasen spielten Owen, Kendall und Luke gegen ihre Brüder Touch Rugby, und Luke wirkte richtig glücklich.

            Plötzlich spürte sie eine Hand auf ihrem Rücken und drehte sich um. „Hallo, Clem.“

            „Warum versteckst du dich in der Küche?“

            „Ich brauchte mal eine Pause.“ Sie mochte all ihre Schwägerinnen, doch Nicks Verlobter fühlte sie sich am nächsten.

            „Ist alles in Ordnung mit dir?

            „Ja … Nein … Ich bin etwas durcheinander.“

            „Wegen Luke?“

            „Ja.“ Wieder sah sie nach draußen. „Er hat ein schweres Päckchen zu tragen, Clem.“

            „Tun wir das nicht alle? Niemand ist vollkommen.“

            „Und er möchte keine Beziehung. Er hat gesagt, dass er sich auf keine Frau einlassen will, um jede Komplikation zu vermeiden.“

            „Autsch. Möchtest du eine Beziehung mit ihm?“

            „Ja.“ Jess lächelte Clem zaghaft an. „Ich habe mich in ihn verliebt. Als Luke mir gestern vor euch allen so beigesprungen ist, wusste ich, dass er der Richtige ist.“

            „Das habe ich auch gedacht. Er ist intelligent, stark und selbstbewusst.“

            Er passte perfekt zu ihr. „Nur ist er an keiner festen Beziehung oder gar Ehe interessiert.“

            Tröstend legte Clem ihr eine Hand auf die Schulter, und Jess erzählte ihr von dem schrecklichen Shooting. „Ich wollte unbedingt eine familiäre Szene für die Kampagne. Aber ich kann und werde Luke das nicht erneut zumuten.“

            Clem schaute sie eindringlich an und verließ die Küche. Wenig später kehrte sie mit einem Camcorder zurück. Sie reichte ihn Jess und zeigte nach draußen.

            „Dort ist deine familiäre Szene. Nimm sie auf.“

            Wie recht Clem doch hatte. Die Ehefrauen ihrer Brüder saßen mit einem Weinglas in der Hand am Rand des improvisierten Spielfelds und diskutierten. Auf der Veranda hatte ihr Vater es sich in einem Schaukelstuhl bequem gemacht. Er hatte Johns dreijährigen Sohn auf dem Schoß und führte ihm beim Zeichnen die Hand. Und ihre Mutter saß in einem Sessel, wiegte das Baby im Arm und beobachtete die Partie Rugby. Auf dem Tisch neben ihr befanden sich mehrere Wein- beziehungsweise Wasserflaschen sowie halb leere Gläser, ein aufgeschlagenes Buch, Malstifte und eine Schale mit Obst.

            „Clem, du bist genial.“

            „Ich weiß. Aber tu dir keinen Zwang an, Nick daran bei Gelegenheit zu erinnern.“

Luke folgte dem Sherwood-Clan zu den gemieteten Autos und trat etwas zurück, als Jess sich von ihren Leuten verabschiedete. Die Tage waren wie im Fluge vergangen. So viel Spaß hatte er schon eine Ewigkeit nicht mehr gehabt. Er hatte praktisch nichts gearbeitet und den Eindruck, auf St Sylve einen Kurzurlaub gemacht zu haben.

            „Herzlichen Dank für deine Gastfreundschaft, Luke.“ Jess’ Vater kam auf ihn zu. „Pass mir gut auf mein Mädchen auf.“

            „So ist es nicht …“ Ihm war, als würde es ihm die Kehle zuschnüren.

            „Ja, richtig.“ David lächelte ihn warm an.

            Liza drängte ihren Mann beiseite und schob Luke ein Stück Papier in die Hemdtasche. „Der Name deiner Tante und ihre Adresse. Ich habe sie von einer alten Unifreundin. Fahr zu ihr, und rede mit ihr.“

            Nein, dachte er, während er sich höflich bedankte.

            „Achte auf meine Kleine.“ Liza küsste ihn auf beide Wangen, und er hatte das Gefühl, seine Kehle würde noch enger werden.

            Als die übrigen Frauen sich verabschiedeten, war ihm eine kurze Pause vergönnt. Dann kamen die Brüder gemeinsam auf ihn zu, während Jess ins Haus lief, um ein Buch zu holen, das ihre Großmutter vergessen hatte.

            John nahm einen Zettel aus der Tasche seiner Jeans und las ihn vor: „Als dem ältesten Bruder geziemt es mir …“

            „Geziemt?“, stieß Patrick verächtlich hervor.

            „Halt die Klappe, Jungspund. Es geziemt mir, festzustellen, ob du unserer Schwester würdig bist.“

            Luke verdrehte die Augen. War er im falschen Film?

            „Welches Rugbyteam unterstützt du?“

            „Das soll wichtig sein?“

            „Man United oder Chelsea?“, fuhr John unbeirrt fort.

            „Liverpool“, witzelte er.

            „Fährst du unter Alkoholeinfluss?“

            Nein.

            „Bist du aggressiv, wenn du getrunken hast?“

            Nein.

            „Kannst du kochen?“

            Ja, zum Glück, denn Jess beherrscht nur Fertiggerichte.

            „Kennst du Lobola? Die afrikanische Tradition des Brautpreises?“

            Wie bitte? Luke runzelte die Stirn, und Nick grinste. „Man bezahlt die Familie für die Ehre, die Tochter heiraten zu dürfen.“

            Luke sah zu David hin, der lächelnd die Schultern zuckte. „Sie verhandeln für mich.“

            Große Güte, was hatte er eigentlich in seinem bisherigen oder einem früheren Leben verbrochen, um so bestraft zu werden?

            „Wir wollen fünfzehn Kartons von dem zweitausendfünfer Merlot und die Benutzung des Herrenhauses für Familientreffen. Außerdem möchte Dad ein Bantam-Paar“, erklärte John.

            „Hühner? Das ist nicht euer Ernst!“

            „Ich wollte Ziegen, aber Liza war dagegen“, erwiderte David.

            Luke rieb sich nervös den Nacken. „Ihr habt schon einen seltsamen Humor, denn dieses Gespräch ist völlig absurd. Ich … wir reden nicht vom Heiraten oder denken darüber nach. Ich will nicht heiraten.“

            Chris lächelte. „Wir wollten es auch nicht, Kumpel. Aber sieh uns an …“

            Jess kehrte zurück, und sogleich mimten ihre Brüder die Unschuldslämmer.

            „Wenn du ihr wehtust, ziehen wir dich zur Verantwortung“, sagte John, während er Luke schmerzhaft fest die Hand drückte.

            Nachdem auch Chris und Patrick ihm die Hand geschüttelt hatten, besaß er kein Gefühl mehr darin. Doch er widerstand dem Impuls, sich die Finger zu massieren, bevor er sich Nick zuwandte. „Ja, ja, alles klar. Mach keinen Unsinn mit Jess.“

            „Ich wollte dir eigentlich nur Glück wünschen. Das brauchst du im Umgang mit dieser Göre.“

            „Danke.“ Zumindest einer, der auf seiner Seite stand.

            Nick schlug ihm auf die Schulter und zerquetschte ihm danach ebenfalls fast die Hand. „Weint sie deinetwegen eine Träne, steck ich dich kopfüber in einen Ameisenhaufen.“

            Eine verlockende Aussicht, dachte Luke und blickte wenig später zusammen mit Jess den davonfahrenden Autos hinterher. Als er zu ihr hinsah, bemerkte er, dass sie traurig und zugleich erleichtert wirkte. Sie war eine starke, unabhängige Frau. Aber ihre Familie war für sie ein Fels in der Brandung. Sie gab ihr immer wieder neue Kraft. Zwar frustrierte und verärgerte ihre Sippe sie auch zuweilen, doch sie liebte sie abgöttisch und vermisste sie schon jetzt.

            Was übrigens auch einer der Gründe war, warum sie beide nicht langfristig zusammen sein konnten. Jess brauchte die Familienatmosphäre, die er ihr nicht bieten konnte. Außerdem fand sein Leben hier statt und ihres weit weg in Johannesburg. Dort hatte sie sich mühsam eine eigene Firma aufgebaut. Und da er sich nicht vorstellen konnte, von St Sylve wegzugehen, wäre es sehr unfair von ihm, sie zu bitten, ihre Werbeagentur aufzugeben.

            Was sollte er machen? Die Sache mit Jess war aus dem Ruder gelaufen. Er konnte es sich nicht erlauben, noch mehr an ihr zu hängen, als er es bereits tat. Er durfte es nicht riskieren, sich in jemanden zu verlieben, der ihn dann wieder verließ.

            In den letzten Tagen hatte er in einer Traumwelt gelebt. Es wurde Zeit, wieder in die Wirklichkeit zurückzukehren.

„Wie geht es Luke?“

            „Er ist reserviert, gereizt und launisch.“ Jess saß in einem Restaurant in Lambert’s Bay und telefonierte mit Clem, während sie auf Lukes Cousine wartete.

            „Ich hatte geglaubt, ihr würdet euch leidenschaftlich in den Armen liegen.“

            „Das ist auch so. Nur reden wir dazwischen kaum miteinander. Uns ist beiden klar, dass ich eigentlich langsam meine Sachen packen sollte, aber keiner wagt es auszusprechen.“ Und wenn sie miteinander schliefen, war er ein aufmerksamer, zärtlicher und leidenschaftlicher Liebhaber.

            „Hast du dich mal erkundigt, was er hat?“

            „Mehrfach. Gestern habe ich ihn gefragt, warum er so wortkarg und verschlossen sei. Woraufhin er mir erklärte, es ginge ihm viel im Kopf herum. Er würde über zwei schwierigen Deals brüten und wäre müde.“

            „Denkst du, er macht einen Rückzieher?“

            „Ich hege den starken Verdacht. Außerdem denkt er zurzeit viel über seine Mutter nach. Was mir nach der Begegnung mit unserer Familie nur natürlich erscheint.“

            Als sie ihn heute Morgen dabei ertappt hatte, dass er das Foto seiner Mutter betrachtete, war ihr der Gedanke gekommen. Luke hatte sie alle miteinander erlebt und gesehen, wie eng sie sich verbunden fühlten. Vermutlich überlegte er, ob auch er noch andere Verwandte außer dieser Tante hatte.

            Deshalb hatte sie ihn noch einmal darauf angesprochen, ob er die Schwester seiner Mutter nicht doch ausfindig machen wollte. Doch er hatte Jess total abblitzen lassen. Seine Reaktion war in ihren Augen eine Mischung aus Großspurigkeit und Angst gewesen. Aber er hatte nicht wirklich desinteressiert gewirkt …

            „Ich bin gerade in Lambert’s Bay, um mich mit seiner Cousine zu treffen.“

            Sie hatte den Zettel ihrer Mutter bei ihm entdeckt und einfach angerufen. So hatte sie erfahren, dass seine Tante bereits seit einigen Jahren tot war. Außerdem hatte die Tochter ihr gesagt, dass sie die traurige Geschichte von Katelyn kennen und sie ihr gern erzählen würde. Insbesondere wenn Jess mit Luke zusammenlebte. Sie hatte seine Cousine nicht belogen, ihr jedoch verschwiegen, dass sie nur eine Affäre hatten.

            „Ist er im Bilde darüber?“

            „Nein.“

            „Hältst du es für klug?“

            „Es ist mein Geschenk an ihn, Clem. Ich möchte ihm dazu verhelfen, dass er etwas über seine Vergangenheit, über seine Mutter weiß.“ So wollte sie ihm zeigen, wie sehr sie ihn liebte und dass sie gern mit ihm eine Familie gründen und ihre eigene mit ihm teilen würde. „Ich möchte einen Mann, der mich genauso liebt wie Nick dich oder Dad immer noch Mum.“

            „Ich verstehe dich, Liebes. Aber ich bin nicht sicher, ob dein Weg der richtige ist.“

            Hoffentlich, denn sie wollte bei Luke auf St Sylve bleiben. Und sie hatte das Ganze auch schon durchdacht. Sollte er sie diesbezüglich fragen, würde sie eine Zweigstelle von Jess Sherwood Concepts in Kapstadt eröffnen und Ally die Verantwortung für das Büro in Johannesburg übertragen. Sie konnte sich ja ein Arbeitszimmer auf dem Weingut einrichten. Wozu gab es schließlich Videokonferenzen, E-Mails und all die anderen Errungenschaften der modernen Technik? Natürlich würde sie ihre Familie vermissen. Aber Luke den Rücken zu kehren, würde ihr das Herz brechen.

Jess konnte es kaum erwarten, Luke die guten Nachrichten zu überbringen. Wie sie vermutet hatte, lagen die Dinge völlig anders, als er meinte. Trotzdem fuhr sie langsam, denn es goss in Strömen.

            Als sie St Sylve erreichte, sah sie, dass vor Lukes Haustür ein grüner Wagen stand. Sie hatte heute mit Sbu all die Familienszenen fertig bearbeitet, die sie und Clem mit dem Camcorder aufgenommen hatten. Und Luke hatte ihr erzählt, dass er tagsüber diverse Meetings habe. Hoffentlich zog sich das Ganze nicht noch lange hin. Sie hatte nämlich für den Abend Pläne mit ihm.

            Jess parkte ihr Auto und beschloss, ihre Sachen später zu holen, da es immer noch heftig regnete. Aber den Umschlag vom Beifahrersitz und die DVD schob sie in die Zeitung, die sie vorhin gekauft hatte, und eilte damit zur Haustür. Als sie sie öffnen wollte, wurde sie bereits von innen aufgemacht, und Jess taumelte gegen Lukes breite Brust.

            „Jess!“

            Sie fiel ihm um den Hals und küsste ihn. „Ich habe dich so vermisst.“

            Er lächelte sie an. „Wir haben uns zwar heute Morgen noch gesprochen. Aber das ist schön zu hören.“

            Sie lachte und bemerkte dann eine Gestalt auf der Treppe. Das Blut gefror ihr in den Adern, als sie Kelly in einem von Lukes Rugbyshirts barfuß die Stufen herunterkommen sah.

            Jess ließ die Arme sinken und wich zurück. Kellys Haar war zerzaust und das Make-up ramponiert. Es war klar, was sich hier abgespielt haben musste. Jess hatte das Gefühl, als würde ihr jemand einen Dolch ins Herz stoßen und ihn langsam umdrehen.

            Sie schaute Luke total entsetzt an. „Das ist jetzt nicht dein Ernst!“, presste er leise hervor.

            Jess nahm seine Worte wegen des heftigen Schmerzes in ihrer Brust kaum wahr. Aber als dieser langsam etwas abebbte und sie wieder ein wenig denken konnte, rief sie sich zur Vernunft. Dies ist Luke, der Mann, dem du vertraust und der sagt, dass er nicht betrügt.

            Sie bemerkte seine ärgerliche Miene und wusste, dass sie die Situation schnellstmöglich entschärfen musste. Also ging sie auf Kelly zu und gab ihr am Fuß der Treppe die Hand. „Hallo, Sie sind Kelly, oder? Sind Sie in das Unwetter geraten?“

            Kelly, die nervös gewirkt hatte, lächelte sie an. „Ja. Ich war hier, um Wein zu kaufen. Als Luke, Owen und ich auf dem Rückweg von der Kellerei waren, hat es wie aus Eimern zu schütten angefangen.“

            „Hallo, Jess!“, rief Owen aus dem Wohnzimmer.

            „Luke hat mir ein Paar Ihrer Joggingshorts geliehen. Hoffentlich haben Sie nichts dagegen.“ Kelly zog etwas das Rugbyshirt hoch.

            „Natürlich nicht“, antwortete Jess und wollte ihr ins Wohnzimmer folgen, als Luke sie am Arm festhielt.

            „Du hast gedacht, ich hätte mit ihr geschlafen.“

            Leugnen war zwecklos. Er würde sie ja doch durchschauen. Und er war zu Recht ärgerlich. Sie musste sich bei ihm entschuldigen. Kapitulierend hob sie die Hände und ließ dabei die Zeitung fallen. „Die Macht der Gewohnheit.“ Sie seufzte, als er sie weiter finster ansah. „Komm schon, Luke. Ich habe spontan reagiert, dann gemerkt, dass ich mich irre, und versucht, es wieder in Ordnung zu bringen. Es tut mir leid, dass ich an dir gezweifelt habe. Aber es war wirklich nur eine Sekunde lang.“

            „Mach es nie wieder.“

            „Nein.“ Sie bückte sich, um die Zeitung aufzuheben, aus der die DVD und der Umschlag herausgerutscht waren. „Ich habe Neuigkeiten“, sagte sie, während sie sich mit den Sachen wieder aufrichtete.

            „Du wirkst, als hättest du einen guten Tag gehabt.“

            „Einen sehr guten sogar. Ich habe mit Sbu den letzten Werbespot fertiggestellt.“

            „Was für einen Werbespot? Ich dachte, das Material vom letzten Shooting wäre unbrauchbar.“

            „Was auch stimmt. Ich habe jedoch etwas anderes gefunden. Möchtest du dir unser Werk anschauen?“

            „Natürlich.“ Luke deutete auf den Umschlag. „Und was ist da drin?“

            „Das erzähle ich dir später.“

Luke sah Bilder von einem der schönsten Nachmittage, den er jemals erlebt hatte. Er liebte und hasste sie zugleich. Ihm war nicht entgangen, dass Jess und Clem bis in den Abend hinein mit einem Camcorder gefilmt hatten. Er hatte nur gedacht, es wären lediglich Aufnahmen fürs Familienarchiv.

            Was Jess und Sbu aus dem Material gezaubert hatten, verkörperte all seine Träume von einem glücklichen familiären Miteinander. Der Spot endete mit einer Fotosequenz, in der Jess auf ihn zuging. Sie schlang ihm die Arme um den Hals und zog sich etwas hoch, um ihm direkt in die Augen sehen zu können. Ihr Gesichtsausdruck sprach Bände: Sie liebte ihn.

            Das hatte er nicht gewollt. Luke fasste sich an die Kehle, die sich ihm augenblicklich zuschnürte. Was sollte er nur mit ihrer Liebe anfangen? Wie sollte er reagieren?

            „Was hältst du davon?“

            Er brauchte erst einen Moment, um zu realisieren, dass Jess mit ihm sprach. Er suchte nach Worten, hatte aber keine Ahnung nach welchen. Er wusste nicht, was er sagen sollte.

            „Gefällt dir der Spot?“ Jess lächelte unsicher. „Ich brauche eine Antwort, ob du ihn absegnest oder wir wieder am Anfang stehen.“

            „Ich finde ihn wunderbar.“ Kellys Stimme bebte geradezu.

            „Er ist toll“, erklärte Owen.

            Luke benetzte die Lippen, blickte Jess an, dann zum Fernseher und danach erneut zu Jess. „Ich denke darüber nach. Jetzt muss ich weg.“

            Eilig verschwand er aus dem Wohnzimmer und setzte sich schließlich oben im Schlafzimmer aufs Bett. Er musste sich entscheiden, was er in Bezug auf Jess tun wollte. Sie hatte ihren Job hier erledigt und musste zu ihrer Firma, ihrer Familie und ihrem Leben zurückkehren – und ihn und St Sylve verlassen.

            Er glaubte nicht, dass er es ertragen konnte. Er wollte, dass sie hierblieb. Er wollte sie als Erste am Morgen und als Letzte am Abend sehen. Aber er hatte kein Recht dazu, sie zu bitten, alles aufzugeben, wenn er nicht bereit war, in ihrer Beziehung den letzten Schritt zu gehen.

            Er hatte schreckliche Angst vor einer Ehe. Schon bei dem Gedanken daran war ihm, als würde sich eine Schlinge enger um seinen Hals legen. Aber Jess konnte – und sollte – ihr bisheriges Leben nur für eine wirklich feste Partnerschaft opfern.

            Bis vor Kurzem war sein eigenes noch in geordneten Bahnen verlaufen. Er hatte eine angenehme sexuelle Beziehung mit einer netten Frau gehabt, gute Freunde zur Gesellschaft und mehr als genug Arbeit. Er hatte ein normales, sehr geschäftiges Leben geführt ohne eine komplizierte Frau in seinem Bett – und in seinem Kopf. Ja, er war mit sich im Großen und Ganzen im Reinen gewesen, bis Jess seine Welt vollkommen auf den Kopf gestellt hatte.

            Beim Sex ging es jetzt nicht mehr einfach bloß um Lustbefriedigung. Für die Familie, die er nicht mehr hatte, war ihm eine neue unter die Nase gehalten worden. Und Jess liebte ihn. Er hatte um nichts davon gebeten. Warum musste er mit alldem zurechtkommen? Es war überwältigend, beunruhigend und einfach zu viel für ihn im Moment.

            „Luke?“

            Er schaute auf. Jess stand auf der Schwelle. Verflixt, konnte er nicht einmal fünf Minuten für sich haben?

            „Darf ich reinkommen?“

            Es ärgerte ihn, dass sie ihn so etwas fragte. In der letzten Zeit war dieses Zimmer genauso ihres wie seines gewesen. Er nickte, und sie setzte sich mit dem Umschlag, den sie in der Hand hatte, neben ihn aufs Bett.

            „Es tut mir leid, dass dir der Spot nicht gefallen hat.“

            Ehrlichkeit zwang ihn, die Wahrheit zu sagen. „Er hat mir sogar sehr gut gefallen. Ich war nur … überrascht.“

            „Ich habe dir ein Geschenk mitgebracht und hoffe, dass es dir ebenfalls gefällt.“ Jess hielt ihm den Umschlag hin.

            Luke nahm ihn, öffnete ihn und holte diverse Unterlagen heraus. Er legte den Stoß neben sich und blätterte ihn flüchtig durch. Auf den Seiten ging es zweifellos um seine Mutter und ihn. Jess hatte ihre Nase in seine Vergangenheit gesteckt. Sein Magen begann zu brennen, und eine kalte Hand schien nach seinem Herzen zu greifen.

            Jess hatte kein Recht, sich einzumischen! Doch, hat sie, meldete sich eine innere Stimme leise zu Wort. Du bist wütend und unglücklich und vielleicht auf Streit aus. Du suchst möglicherweise nach einem Vorwand, um sie aus deinem Kopf zu vertreiben.

            „Deine Mutter hat dich nicht verlassen. Sie wollte zu dir …“

            „Halt den Mund!“ Luke sprang auf und blickte sie zornig an. Ja, er war eindeutig auf Streit aus. „Du meinst offenbar wirklich, immer alles zu wissen.“

            Jess wurde blass. Tief atmete sie ein und versuchte, normal zu klingen. „Du verstehst nicht, Luke. Es ist nicht so, wie du denkst. Es sind gute Neuigkeiten.“

            „Das ist mir egal. Ich habe gesagt, dass ich nicht vorhabe, meine Tante aufzuspüren. Was fällt dir ein, mich nicht selber entscheiden zu lassen, ob ich meine Vergangenheit erforschen möchte? Wenn ich etwas darüber erfahren will, bin ich sehr wohl selbst in der Lage, sie zu ergründen.“

            „Es tut mir leid. Ich habe geglaubt, etwas Nettes zu machen und dir zu helfen.“

            „Als ich dich damals kennengelernt habe, hielt ich dich für ein arrogantes, hochnäsiges Ding. Im Wesentlichen hat sich nichts geändert“, giftete er und man sah ihr an, dass er sie getroffen hatte. Aber sie erholte sich schnell.

            „Also war ich nicht mehr für dich als ein kleines Sexabenteuer, das sich gefälligst nicht weiter in dein Leben einzumischen hat, oder wie?“

            „Ganz genau. Ich bin eben ein Mann. Ich wollte nur deinen Körper.“

            „Eine fiese Äußerung.“

            Ja. Aber es war ihm egal. Irgendwo jenseits seiner Wut und Furcht erkannte er, dass er sie verletzte. Er wollte es nicht, hatte jedoch schreckliche Angst vor dem, was in den Briefen stand. Es würde seine Einschätzung der Vergangenheit verändern und ihn selbst.

            Er wollte sich mit alldem nicht befassen. Weder mit Jess’ Liebe noch mit dem Zorn darüber, dass seine Mutter gestorben war und ihn bei dem Scheusal von Vater zurückgelassen hatte oder mit dem Wissen, wie sehr er sie gebraucht hätte. Er wollte einfach um sich schlagen und den Aufruhr in seinem Innern irgendwie loswerden. Jess kam ihm da wie gerufen. Es war nicht anständig und auch nicht nett. Aber an ihr konnte er die überschäumende Wut abreagieren, die ihn erbarmungslos im Griff hatte.

            Jess war inzwischen ebenfalls aufgestanden und verschränkte die Arme vor der Brust. Sie fühlte sich schrecklich. Wer war dieser Mann, der gerade sein Bestes tat, um sie zu verletzen? Dies war nicht Luke, wie sie ihn kannte, der Mann, den sie liebte. Dieser Mann war kühl, hart und gemein.

            „Warum machst du das?“

            „Was? Ehrlich sein?“

            Sie trat zu ihm und schlug ihm mit der flachen Hand auf die Brust. „Wag es nicht, dies ehrlich zu nennen. Du bist gerade ein total feiger Hund. Du hast Angst davor, jemandem nahe zu sein, deine Gefühle zu ergründen und zuzugeben, dass ich mehr für dich bin als bloß eine kurze Affäre.“

            Böse sah er sie an. „Komm in die Wirklichkeit zurück. Es geht darum, dass du Entscheidungen für mich triffst, dich in mein Bett schleichst und in mein Leben …“

            „Dass ich mich in dein Bett schleiche und in dein Leben?“, stieß sie heftig hervor. „Wer war denn derjenige, der immer gesagt hat, wir sollten nicht miteinander schlafen, weil es dadurch kompliziert würde? Ich war das!“

            „Wir haben es getan, und ich habe gewusst, dass ich es bereuen würde.“

            Hart schaute er sie an. Und Jess erkannte, dass er sich immer weiter in sich zurückzog an einen Ort, an dem sie ihn nicht mehr würde erreichen können.

            „Luke, bitte nicht.“ Ihr Ärger verrauchte. Als sie ihn anfassen wollte, wich er energisch zurück. Jess zuckte zusammen. Sie hatte ihn verloren, und sie spürte, wie es ihrem Herzen einen Stich gab. „Warum deutest du mein Engagement absichtlich falsch? Ich habe vor acht Jahren versucht, dich wegen St Sylve zu warnen, und du hast mich praktisch in der Luft zerrissen. Jetzt glaube ich, dass du erfahren solltest, wie sehr deine Mutter dich geliebt hat, aber du erklärst mir, ich wäre anmaßend und übergriffig.“

            Sie merkte, dass ihre Stimme fester wurde, richtete sich zu ihrer vollen Größe auf und wich Lukes Blick nicht aus. „Und zum krönenden Abschluss erzählst du mir, du hättest mit mir nur geschlafen, weil ich gerade da war. Wie nett, Luke.“ Sie wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. „Ich dachte, du wärst es“, flüsterte sie bewegt.

            „Was?“

            „Der Mensch, mit dem ich mein restliches Leben verbringen will. Da sieht man mal, wie man sich doch täuschen kann.“ Sie räusperte sich, um weitersprechen zu können. „Aber weißt du was? Ich habe mehr verdient und ganz sicher Besseres. Es hätte freundlichere Methoden gegeben, mich loszuwerden, Luke.“

            Jess starrte aus dem Fenster. „Bitte Angela, mein Zeug zusammenzupacken. Ich bezahle sie dafür und werde eine Spedition beauftragen, alles abzuholen. Ich kann hier keine Minute länger bleiben. Betrachte mich als Geschichte, Luke.“

            Als sie zur Tür rannte, glaubte sie zu hören, wie er leise und gequält ihren Namen sagte. Sie drehte sich um, doch er stand reglos da und schaute zu Boden. Ihre Fantasie hatte ihr anscheinend einen Streich gespielt.

Es war drei Uhr morgens, und Luke konnte nicht schlafen. Er lag im Wohnzimmer auf dem Sofa und sah sich den letzten Werbespot für St Sylve an. Zum x-ten Mal. Und wie immer wenn er Jess am Ende erblickte, zog sich sein Herz schmerzhaft zusammen. Seit einer Woche war sie jetzt fort.

            Gestern Abend hatte er endlich die Briefe aus ihrem Umschlag genau gelesen. Den Inhalt versuchte er noch zu verarbeiten. Laut ihren Notizen war seine Tante kurz nach seinem Vater gestorben. Aber deren Tochter, die jetzt in dem Cottage lebte, hatte die Unterlagen ihrer Mutter aufbewahrt und wusste auch von Katelyn. Außerdem hütete sie auf dem Dachboden einige Werke von seiner Mutter, die in einer beigefügten Liste aufgeführt waren.

            Er hatte fälschlicherweise geglaubt, seine Mutter hätte ihn nicht bei sich haben wollen. Seiner Cousine zufolge hatte sie ihn auf St Sylve gelassen, um ein Haus in Ordnung zu bringen, das sie in der Nähe ihrer Schwester gemietet hatte. Einen Großteil seines Spielzeugs und seiner Sachen hatte sie bereits dorthin geschafft, und seinem Vater war klar gewesen, dass sie ihn für immer verlassen wollte.

            Luke war ein „Unfall“ gewesen. Seine Mutter hatte sich dennoch sehr auf ihn gefreut. Sein Vater fühlte sich allerdings mehr oder minder genötigt, zu heiraten. Die Ehe der beiden war immer stürmisch gewesen. Jeds Affären sowie seine Unfähigkeit, seine Zeit, sein Geld und St Sylve mit seiner Frau Katelyn zu teilen, hatten zu ihrer Entscheidung geführt, sich von ihm zu trennen.

            Seine Mutter war unterwegs zu ihm gewesen, um ihn abzuholen, als sie tödlich verunglückte. Danach hatte sein Vater seiner Tante jeden Besuch bei ihm verwehrt. Sie hatte Luke Briefe geschrieben und Geburtstagspäckchen geschickt. Als er dann mit der Schule fertig gewesen war, hatte seine Tante gesundheitliche Probleme bekommen und beschlossen, dem Schicksal seinen Lauf zu lassen. Vielleicht würde er sie ja ausfindig machen.

            Was er möglicherweise auch getan hätte, wenn er denn von ihrer Existenz gewusst hätte. Aber Jed hatte ihm natürlich die Briefe und Päckchen vorenthalten. Wie typisch für ihn, dachte Luke. Sein Vater hatte seine Mutter nie wirklich gewollt. Doch dass sie St Sylve verließ, hatte ihn mehr als erbost. Zudem sah Luke seiner Mutter sehr ähnlich, und so wurde Jed beim Anblick seines Sohnes tagtäglich daran erinnert, dass seine Frau ihren eigenen Willen durchgesetzt und ihn verlassen hatte.

            Luke schob sich ein Kissen unter den Kopf. Jess hat das Ganze nur für mich gemacht. Langsam, aber sicher wurde ihm dies bewusst, und er konnte es endlich akzeptieren. Sie hatte gesehen, dass er tief in seinem Innern eine offene Wunde hatte, und den Heilungsprozess eingeleitet. Sie hatte seine Cousine getroffen und ihm diesen Umschlag gegeben. Ihr war klar gewesen, dass er um seinetwillen seine Vergangenheit kennenlernen musste, es aber vielleicht nicht selbst in die Hand genommen hätte.

            Jess hatte ihm gewissermaßen seinen inneren Frieden geschenkt. Durch sie hatte er erfahren, dass er geliebt worden war. Wenn er bei seiner Mutter aufgewachsen wäre, hätte er die materiellen Vorzüge nicht genießen können, die ihm sein Vater geboten hatte. Doch er wäre glücklicher gewesen und vor allem beziehungstauglicher.

            Beim Lesen der Briefe hatte er sich auch endlich eingestehen können, dass er Jess liebte. Und sie hatte recht gehabt, dass er „ein total feiger Hund“ war. Er hatte Angst davor gehabt, sie zu lieben, da er sie ja verlieren könnte. Er hatte Angst davor gehabt, dann mit diesem Schmerz umgehen zu müssen. Und was war geschehen? Er hatte sie erst recht verloren.

            Er vermisste sie sehr. Wenn immer er daran dachte, dass sie nicht mehr zu seinem Leben gehörte, war ihm entsetzlich zumute. Er wollte nicht ohne sie sein und mit ihr Kinder haben. Sie würde eine fantastische Mutter sein und die Familie zusammenhalten. Seine Welt würde in Ordnung sein, wenn er als Erstes morgens Jess lächeln sehen konnte.

            Er verstand nun, wie sich Liebe anfühlte. Wie Jess. Sie waren füreinander bestimmt. Und sie würden zusammen sein. Er musste bloß noch einen Weg finden, wie sie wieder zusammenkommen konnten.

            Ihr Leben spielte sich in Johannesburg ab und seines auf St Sylve. Aber wenn er zwischen dem Weingut und Jess wählen müsste, würde er sich für sie entscheiden. St Sylve war sein Erbe, doch Jess war seine Seelenverwandte. Nur wollte sie ihn überhaupt noch?

            Luke schwang sich mit einem Ruck vom Sofa. Sobald es hell war, würde er zu ihr fliegen und es herausfinden.

„Ich weiß, was du durchmachst, Jess.“ Clem tätschelte ihr die Schulter. Sie standen in der elterlichen Küche. Ihr Vater saß am Tisch und zeichnete, während ihre Mutter einen Apfelkuchen backte und Nick irgendwo im Haus etwas reparierte. „Der Monat ohne Nick nach unserem schlimmen Streit war der einsamste und schwierigste in meinem Leben.“

            Jess lehnte sich erschöpft gegen die Verlobte ihres Bruders. „Es ist jetzt eine Woche her. Ich hätte nie gedacht, dass es so wehtun könnte.“

            „Deine Geschwister haben übrigens vor, ihn sich vorzuknöpfen. Ich habe sie von gebrochenen Kniescheiben und einem zertrümmerten Nasenbein reden hören.“

            Jess sah Clem entsetzt an. „Das ist nicht ihr Ernst! Warum können sie sich nicht um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern?“

            „Weil du unsere Angelegenheit bist, Jessica Claire“, bemerkte ihr Vater, ohne aufzublicken. „Aber ich habe Vertrauen in diesen jungen Mann. Er muss nur erst begreifen, dass er geliebt wird und selber liebt.“

            „Du kennst Luke nicht, Dad. Er ist stur …“

            „Ich weiß aber auch, wie junge Männer sind. Ich habe schließlich vier davon großgezogen und bin selbst mal einer gewesen. Alle deine Brüder haben etwas Zeit gebraucht, um sich von ihrem Junggesellenleben zu verabschieden. Mir ist es nicht anders gegangen.“

            „Er hat wie ein Mädchen gejammert, als ich ihm erklärt habe, ich würde es nicht mitmachen, dass er andere Frauen trifft und regelmäßig Joints raucht“, witzelte Liza, und Clem lachte, während Jess sich immerhin ein Lächeln abrang.

            „Du hattest recht, Clem. Und Luke ebenfalls. Ich hätte mich verflixt noch mal nicht einmischen sollen.“

            „Er wird erkennen, dass du es aus Liebe getan hast, und dir verzeihen.“

            „Das bezweifle ich.“

Kurz nachdem sich Jess am Nachmittag von ihren Eltern verabschiedet hatte, stand tatsächlich Luke auf der Matte. Finster schaute Nick ihn an und verschränkte die Arme vor der Brust.

            „Du hast genau fünf Sekunden Zeit für eine Erklärung, bevor ich dir den Kopf abreiße“, sagte er grimmig.

            Luke beschloss, sich kurz zu fassen. „Ich liebe Jess und ich möchte sie heiraten.“ Überrascht beobachtete er, dass Nick ihn zunächst weiter grimmig ansah, dann aber schließlich die Arme sinken ließ und ihn anlächelte.

            „Super. Komm rein. Jess ist allerdings nicht da.“

            Luke rührte sich nicht von der Stelle. „Du willst mir keine reinhauen?“

            „Möchtest du, dass ich es mache?“, fragte Nick amüsiert.

            „Nein, ich verzichte gern. Aber … warum willst du es nicht?“

            „Du hast eine Woche gebraucht, um zu erkennen, dass du ein Idiot bist. Bei mir hat es einen ganzen Monat gedauert. Entscheidend ist, dass du den Punkt erreicht hast und handeln willst. Du wirst doch etwas unternehmen, oder?“

            „Natürlich.“ Luke klang gereizt.

            „Wieso bist du dann hier und nicht bei ihr und kriechst zu Kreuze?“

            „Weil ich erst noch etwas anderes tun muss und Hilfe benötige.“

            „Ich bin dein Mann.“ Nick klopfte ihm auf die Schulter „Ich brenne darauf zu beobachten, wie meine Schwester dir dein restliches Leben schwer machen wird, Kumpel.“

            Solange sie es überhaupt mit mir teilt, ist es mir egal, dachte Luke. „Ich brauche noch einen von euch, um etwas zu transportieren.“

Seufzend ließ sich Jess auf das Sofa sinken. Wenn sie doch endlich aufhören könnte, auf einen Anruf von Luke zu warten. Irgendwann würde es ihr gelingen. Millionen Menschen waren schon mit einer unglücklichen Liebe fertiggeworden. Auch sie würde es, selbst wenn sie das Gefühl hatte, dass Luke ihr Seelenverwandter war.

            Plötzlich hörte sie, dass jemand einen Schlüssel ins Schloss ihrer Haustür schob. Sie drehte sich um und beobachtete, dass sie aufging.

            „Verflixt noch mal, Patrick. Halt es hoch!“

            War das Nicks Stimme? Jess sah einen riesigen, rechteckigen Gegenstand, der in Packpapier eingeschlagen war, und darunter drei Paar Füße. Sie steckten in Turnschuhen, Halbschuhen – und in abgenutzten Arbeitsboots. Unwillkürlich legte sie sich die Hand auf die Brust und stand auf.

            „Verdammt“, fluchte Luke, als das Ding bedenklich wackelte. „Seid vorsichtig. Okay, und jetzt lehnt es langsam gegen die Couch … Das Ganze war wohl nicht eine meiner besten Ideen.“

            Jess fehlten die Worte. Deshalb blickte sie einfach nur stumm zu den dreien.

            „Habe ich es nicht gesagt“, fluchte Nick.

            „Ich ebenfalls“, erwiderte Patrick.“ Aber du wolltest ja unbedingt mit einer großen Geste Eindruck schinden.“

            „Ihr jammert wie alte Waschweiber.“

            „Du kannst mich mal.“

            „Und mich auch.“

            Luke war da. Endlich. Jess konnte sich an ihm nicht sattsehen, auch wenn er ihr nur den Rücken zukehrte. Ihr Herz klopfte wie verrückt, und sie hatte das Gefühl, ihr Blut in den Adern rauschen zu hören.

            Dann erinnerte sie sich daran, dass er sie für einen anmaßenden, übergriffigen Kontrollfreak hielt, und rief sich zur Vernunft. Und was fiel ihren Brüdern ein, ungefragt den Schlüssel für den Notfall zu benutzen und hier einfach so hereinzuplatzen? Sie hatte genug von selbstgefälligen, arroganten Männern.

            „Ihr habt genau dreißig Sekunden, um zu verschwinden, bevor ich fuchsteufelswild werde“, erklärte sie kühl und deutete auf das Paket, in dem wohl ein Gemälde war. „Und nehmt das Ding wieder mit. Ich habe dir nichts mehr zu sagen, Luke.“

            „Aber ich möchte dir etwas sagen“, erwiderte er sanftmütig und blickte dann ihre Brüder an. „Okay, ihr könnt jetzt gehen.“

            Die beiden schauten sich an, und Patrick schüttelte den Kopf. „Vergiss es. Ich will wissen, warum du einen Flieger gechartert hast, um dieses Ungetüm herzuschaffen, und warum wir es in dem Lieferwagen wie unseren Augapfel hüten mussten. Hast du vor, irgendwo hinzugehen, Nick?“

            „Nein, verdammt.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Clem wird mich umbringen, wenn ich auch nur einen romantischen Moment verpasse. Leg los, Luke. Du verschwendest bloß Zeit.“

            „Ihr glaubt nicht wirklich, dass ich diese Unterhaltung in eurem Beisein führe.“

            „Niemand führt hier eine Unterhaltung.“ Jess stürmte zur Tür und bedeutete ihnen, das Haus zu verlassen. „Ihr verschwindet alle. Auf der Stelle.“

            „Los, Leute, gebt mir eine Chance.“ Luke sah Patrick und Nick an. „Ich muss mit Jess reden. Seid so gut und verzieht euch. Bitte.“

            Nick legte wie zum Gebet die Hände ineinander und verbeugte sich, und Patrick tat es ihm gleich. „Möge die Macht mit dir sein“, zitierte er dann aus Star Wars. Und nachdem er und sein Bruder sich erneut verbeugt hatten, gingen sie rückwärts nach draußen und schlossen die Tür.

            Luke schaute Jess an. „Hallo.“

            Sie schob die zitternden Hände in die Vordertaschen ihrer Jeans. „Was machst du hier? Ich dachte, du hättest vor einer Woche alles Wichtige gesagt.“

            „Nicht ganz.“ Luke sah sich interessiert um. „Nettes Haus.“

            Sie zuckte die Schultern. „Willst du etwas trinken?“, fragte sie kühl, aber höflich.

            Er nickte und folgte ihr in die Küche. Nachdem sie ihm ein Bier gegeben hatte, lehnten sie sich einander gegenüber gegen einen Schrank und schwiegen sich erst einmal an.

            „Du siehst gut aus“, sagte er schließlich.

            Mit Make-up ließ sich manches überdecken. „Und du siehst müde aus.“

            „Das ist das Ergebnis, wenn man den Meckereien der beiden stundenlang zuhören muss“, antwortete er, während er das Etikett der Flasche betrachtete.

            „Ich bin überrascht, dass meine Brüder und du euch so prima versteht“, erwiderte sie ärgerlich. Die zwei waren Verräter.

            „Ich habe das Zu-Kreuze-Kriechen bei ihnen geübt.“

            „Bist du hier, um das zu tun?“

            „Wenn ich muss?“ Luke stellte die immer noch volle Flasche auf den Tisch und rieb sich das Kinn. „Ich hoffe, dass es nicht dazu kommt. Ich muss dir viel sagen und mir wäre es lieb, wenn du mich bis zum Ende anhörst.“

            „Da ich dich weder knebeln noch aus meiner Küche werfen kann, habe ich wohl kaum eine große Wahl, oder?“ Es war so unfair, dass er nicht weit von ihr weg war, aber dennoch unerreichbar, und dass er so gut aussah und sie ihn nicht anfassen durfte.

            „Vielen Dank, dass du herausgefunden hast, was mit meiner Mutter war.“

            „Obwohl ich mich eingemischt habe und dir die Entscheidungsgewalt genommen habe?“

            Luke schob die Hände in die Gesäßtaschen seiner Jeans. „Ich hatte Angst, in der Vergangenheit zu wühlen. Ich hatte Angst davor, was ich herausfinden würde. Denn ich hatte endlich meinen Frieden mit dem Tod meiner Mutter geschlossen und wollte mich nicht mit etwas Neuem arrangieren müssen. Als du mir den Umschlag gegeben hast, hatte ich das Gefühl, du würdest mich in eine Richtung drängen, in die ich nicht wollte.“

            Jess verzog das Gesicht, als sie den widerwilligen Unterton in seiner Stimme hörte. „Mir scheint, du bist immer noch nicht gerade froh über meine Aktion.“

            „Ich bin schon so lange auf mich selbst gestellt, dass es mir schwerfällt, Hilfe zu akzeptieren und mich bei jemandem wohlzufühlen, der …“

            „Übergriffig ist? Sich einmischt? Herumschnüffelt?“

            „Der um mich besorgt ist. Ich werde mich erst daran gewöhnen müssen.“

            Mach dir bloß keine falschen Hoffnungen, rief sie sich zur Vernunft, als ihr Herz sogleich höher schlug. „Willst du damit sagen, dass es ein Morgen für uns gibt?“

            „Ich hoffe, dass es bis in alle Ewigkeit ein Morgen für uns gibt.“

            „Du hast mich einen Kontrollfreak genannt, mich als anmaßend und hochnäsig bezeichnet …“

            „Ja, ich weiß. Und es tut mir unendlich leid. Mir schwirrte der Kopf, denn an dem Tag sind viele Dinge auf mich eingestürmt, und ich hatte keine Ahnung, wie ich mit ihnen umgehen sollte.“

            „Zum Beispiel?“

            „Als du – wenn auch bloß kurz – gedacht hast, ich hätte mit Kelly geschlafen, war ich sehr verletzt. Ich wollte, dass du mir absolut vertraust. Aber du hast gezögert.“

            „Ich habe dir vertraut, sobald ich wieder zu denken angefangen und aufgehört habe, einfach nur zu reagieren.“

            „Dann habe ich den Werbespot gesehen, der ein Abbild all meiner Träume war und mich ziemlich verwirrt hat. Und schließlich habe ich erkannt, dass du mich liebst …“

            „Nicht mehr“, erklärte Jess und errötete.

            „Lügnerin! Ich habe erkannt, dass du mich liebst, und wusste nicht, was ich machen sollte. Wie konnte ich dich bitten, deinem beruflichen und privaten Leben hier in Johannesburg den Rücken zu kehren, um bei mir zu sein? Bei jemandem, der keine Ahnung davon hat, wie man Teil einer Familie ist oder wie er dir das geben kann, was du brauchst. Dann hast du mich mit meiner Vergangenheit konfrontiert, und das war zu viel. Es war alles zu viel. Ich vermisse dich, Jess, und brauche dich in meinem Leben.“

            „Du hast mir wehgetan. Du hast mir das Herz herausgerissen und bist darauf herumgetrampelt. Und jetzt bittest du mich, dies noch einmal zu riskieren?“

            „Ich möchte mit dir zusammen sein. Du sollst meine Familie sein.“ Tief atmete er aus. „Nachdem ich die Briefe aus dem Umschlag gelesen hatte, habe ich gründlich nachgedacht. Über meine Mutter, über meinen Vater, über dich.“

            „Und?“

            „Ich bin froh zu wissen, dass meine Mutter mich geliebt hat. Aber meine Kindheit ist vorüber. Jetzt ist es für mich das Wichtigste, mit dir zusammen zu sein und eine aufrichtige Beziehung zu führen.“ Luke ging zu Jess und legte ihr die Hände auf die Hüften. „Ich liebe dich so sehr.“

            „Was, genau, schlägst du vor, Luke?“ Angst spiegelte sich in ihren Augen.

            „Mir ist klar, dass du deiner Firma nicht den Rücken kehren kannst. Können wir einen Kompromiss finden? Du bist eine Woche bei mir auf St Sylve und die nächste verbringen wir hier?“ Als Jess schwieg, fuhr er fort: „Wenn das für dich nicht funktioniert, verlasse ich das Weingut und übertrage Owen die alleinige Leitung. Ich stelle einen Winzer ein und steige wieder Vollzeit ins Risikokapitalgeschäft ein.“

            „Was du hassen würdest.“

            „Aber ich wäre bei dir, und das ist für mich das Wichtigste. Wo ist das Problem, Jess“, fragte er, als sie ihn immer noch beunruhigt ansah.

            Nervös lief sie einmal in der Küche auf und ab. „Du sagst jetzt, dass du mich liebst. Aber vielleicht änderst du deine Meinung wieder. Ich weiß nicht, ob ich das Risiko eingehen kann … Ob ich es noch einmal ertrage.“

            Luke blickte sie an und fasste dann ihre Hand. Er zog Jess mit sich ins Wohnzimmer und blieb mit ihr vor seinem Geschenk stehen. „Ich habe geahnt, dass ich eine große Geste brauchen würde.“ Er löste die Verpackung an einer Ecke. „Dies ist mein wertvollster Besitz und möglicherweise das einzige materielle Gut, das ich aus einem Feuer zu retten versuchen würde. Du hast es sofort geliebt.“ Luke entfernte das Papier und enthüllte das Bild, das über seinem Bett gehangen hatte.

            Jess ignorierte, dass ihr Herz wie verrückt klopfte, und zuckte die Schultern. „Was soll das?“

            „Abgesehen von dir, ist dies mein größter Schatz. Ich möchte wissen, ob ich ihn mit dir teilen darf?“

            „Du willst mir das Bild schenken? Das geht nicht. Es ist eines von nur zwei Gemälden, die du von deiner Mutter hast.“

            Luke lächelte sanft. „Doch, es geht. Weil mich in dem Bild das Gleiche anspricht wie in dir. Deine Stärke und deine Großzügigkeit, dein Mut und deine Hartnäckigkeit. Und weil ich dich so sehr liebe.“

            Die Beine drohten ihr den Dienst zu versagen, weshalb sie sich schnell auf die Sofalehne setzte. Verwirrt blickte sie Luke an. Als er ihr einen Arm um die Schultern legte, barg sie ihr Gesicht an seinem Hals und hielt Luke fest, damit er bloß nicht so plötzlich wieder verschwand, wie er aufgetaucht war.

            Zärtlich strich er ihr übers Haar. „Weinst du? Wenn ja, wird Nick Hackfleisch aus mir machen. Nicht, dass ich es nicht verdient hätte. Aber ich würde es trotzdem gern vermeiden.“

            Jess hob den Kopf und strahlte Luke an. „Meinst du das ernst?“

            „Was? Dass ich dich liebe oder dass Nick Hackfleisch aus mir macht?“

            Spielerisch schlug sie ihm auf die Brust.

            „Ich liebe dich von ganzem Herzen, Jess, und habe mich vermutlich schon vor acht Jahren in dich verliebt. Es tut mir leid, dass ich dir wehgetan habe. Lass mich dein Leben teilen. In Johannesburg, wenn du hierbleiben möchtest, oder auf St Sylve.“

            Wie es schien, hatte sie ihn doch nicht verloren. Am liebsten hätte sie vor Freude laut gelacht. Aber sie unterdrückte es. „Meine Entscheidung hängt von mehreren Zugeständnissen deinerseits ab.“

            „Du bekommst so viel Wein, wie du trinken kannst. Jeden zerrissenen Tanga ersetze ich durch zwei neue. Und ich lege dir mein Haus und das Gut und vor allem mein Herz zu Füßen.“

            „Stopp“, befahl sie, und ihre Mundwinkel zuckten. „Ich will ein Kind. Oder zwei. Vielleicht auch drei.“

            „Okay.“ Freude spiegelte sich in seinem Gesicht. „Was sonst noch?“

            „Ich möchte nach Hause … nach St Sylve, und ich möchte, dass das Bild wieder in unserem Schlafzimmer hängt. Außerdem möchte ich, dass du mich heiratest. Und wenn du glaubst, dass dies nicht irgendwann in der Zukunft möglich ist, dann solltest du jetzt vielleicht wieder gehen.“

            Luke umfasste ihr Kinn und sah ihr in die Augen. „Ich wurde dazu geschaffen, dich zu lieben, mich um dich zu kümmern, dich zu beschützen und mit dir wunderschöne Babys zu zeugen. Willst du mich heiraten?“

            Sprachlos blickte Jess ihn an. „Du machst mir hier und jetzt einen Antrag?“

            „So klingt es, und du kannst gern jederzeit Ja sagen.“

            In seinen Augen spiegelten sich leise Zweifel, und sie strich ihm zärtlich über die Wange. „Ich will dich heiraten, weil mit dir die Sonne aufgeht. Weil ich deine wunderschönen Babys haben möchte. Und weil ich dir jeden Tag erzählen will, dass niemand dich je so sehr liebt und lieben wird wie ich.“

            „Jess, ich liebe dich unendlich.“

            Luke umfasste ihr Gesicht, um sie leidenschaftlich und zugleich ehrfürchtig zu küssen. Ein unbeschreibliches Glücksgefühl durchströmte sie, das jäh durch das Klingeln seines Handys unterbrochen wurde. Fluchend holte er es aus der Tasche.

            „Dein neugieriger Bruder Nick.“

            „Ich rede mit ihm, denn sonst wird er noch tausendmal anrufen.“ Sie küsste Luke kurz, bevor sie sich meldete. „Kann ich nicht fünf Minuten lang ungestört selig sein, ohne dass ihr im Bilde seid?“, fragte sie und lächelte, während Nick antwortete. Dann verabschiedete sie sich und sah Luke verwirrt an. „Er hat mir noch aufgetragen, dir auszurichten, dass du die Bantams nicht vergessen sollst. Was hat es denn mit diesen Hühnern auf sich?“

            Doch Luke lachte nur und küsste sie dann stürmisch.

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