Weingut der Liebe - 4. Kapitel

  1. KAPITEL

Früh am nächsten Morgen stand Luke mit Owen auf der Veranda seines Hauses und genoss mit dem Freund einen frisch gebrühten Kaffee.

            „Es ist echt ein imposantes Gebäude.“ Owen nickte in Richtung des Herrenhauses.

            „Ja. Meine Vorfahren waren wohl wild entschlossen, jedem zu zeigen, dass die Savages wichtig waren. Außer dass Jed ein Haus mit sieben Schlafzimmern nicht reichte. Weshalb er zusätzlich mein jetziges Haus als kleineres Gästehaus bauen ließ.“

            Sein Vater hatte auch die Remise in Büros umfunktioniert. Er hatte sich einen Fitnessraum zugelegt, eine Sauna und einen Whirlpool. Ferner hatte er den Tennisplatz überholen lassen …

            „Mit einem Kredit“, fügte Owen hinzu.

            „Ja, mit Geld, das er nicht hatte und St Sylve nicht erwirtschaften konnte.“

            Nach Jeds Tod hatte Luke sofort alles verkauft, was nicht niet- und nagelfest gewesen war. Bis auf das Familiensilber und die alten Möbel. Der Erlös hatte die Schulden nicht wesentlich verringert. Vermutlich hatte er mit dem Geld, das er inzwischen in das Weingut gepumpt hatte, das Anwesen schon zwei- oder dreimal selbst gekauft.

            „Mein Vater war immer nur um sein Image besorgt. Solange nach außen alles perfekt schien, war er zufrieden. Manchmal würde ich gern zu ihm ins Jenseits reisen und ihn dafür noch nachträglich ohrfeigen.“

            „Kann ich mitkommen?“

            „Wohin?“, fragte Jess von der Türschwelle aus, und die beiden fuhren herum.

            Luke spürte sofort, dass sein Puls bei ihrem Anblick direkt wieder schneller schlug. Sie trug ein Sweatshirt, Jeans und Stiefeletten und hatte kaum Make-up aufgelegt. Die Haare hatte sie lose zu einem Knoten gesteckt.

            „Guten Morgen.“

            Auch Owen begrüßte sie und verabschiedete sich nach kurzem Small Talk, um wieder an die Arbeit zurückzukehren. Was Luke eigentlich ebenfalls müsste. Doch er wollte sich noch nicht von Jess trennen. Es wäre schlechtes Benehmen, sie jetzt allein zu lassen, belog er sich.

            „Wir sollten dein Zeug ins Herrenhaus bringen. Ich habe den Strom angedreht. Bis du heißes Wasser hast, wird es jedoch noch ein paar Stunden dauern.“

            „Danke. Ums Gepäck kümmere ich mich später. Jetzt würde ich gern St Sylve erkunden, wenn es okay ist.“

            „Klar. Ich führe dich herum. Was möchtest du sehen?“

            „Alles.“

            „Alles?“

            „Die Kellerei und die Gebäude kenne ich. Ich möchte mir vor allem einen Überblick über die Ländereien verschaffen.“

            „Gut.“

            Luke ergriff Owens Kaffeebecher und stellte ihn zusammen mit seinem auf den Tisch in der Diele. Er nahm zwei dicke Jacken vom Türhaken, reichte Jess eine davon und streifte sich die andere über. Bevor er ihr schließlich nach draußen folgte, steckte er noch eine Mütze ein. Im Schatten der Berge konnte es schnell empfindlich kalt werden.

            „Wenn du mitkommen möchtest … Ich muss nachschauen, wie weit die Leute mit dem Beschneiden der Weinstöcke sind, und die Reparaturarbeiten an einem Zaun muss ich auch noch kontrollieren.“ Er ging zu einem Geländemotorrad und stieg auf. „Wir müssen damit fahren, denn mein Wagen ist in der Inspektion. Willst du einen Helm?“

            Jess schwang sich hinter ihn. „Nein. Aber eine eigene Maschine gerne.“

            „Du kannst Motorrad fahren?“

            „Ich habe vier ältere Brüder und kann unter anderem fischen, ein Lagerfeuer machen und einen Reifen wechseln.“

            Er spürte ihre warmen Oberschenkel an seinen, ihre Brüste an seinem Rücken und ihre Hände an seinen Hüften. Verflixt, sie klang wie die perfekte Frau und fühlte sich auch so an. Das ist nicht gut, dachte er, während er den Motor startete.

            „Übrigens, je schneller, desto besser!“

            Lächelnd gab er Gas.

Es war schon Nachmittag, als Luke mit Jess zurückfuhr. Sie war inzwischen durchgefroren, da eine Kaltfront heraufgezogen war und der eisige Wind natürlich auch durch ihre Jacke drang. Fest presste sie eine Wange gegen Lukes Rücken und hätte die Hände gern unter seine Jacke geschoben. Aber dabei war ihr nicht wohl.

            Als Luke plötzlich bremste und anhielt, blickte sie auf. Er drehte sich ein wenig zu ihr, nahm ihre Hände in seine und rieb sie. „Ich spüre, wie du zitterst. Entschuldige, ich hatte nicht vor, so lange hier draußen zu sein.“

            „Wie lange werden wir noch bis zum Haus brauchen?“

            „Etwa vierzig Minuten. Diese Kaltfront ist sehr schnell herangekommen.“ Er schaute zu den dunklen Wolken am Himmel. „Vielleicht werden wir auch noch nass.“

            Jess zuckte die Schultern. „Dann sollten wir vorher so viel Land wie möglich gewinnen.“

            Luke holte die Mütze aus der Tasche und zog sie ihr bis über die Ohren. Sein Gesicht war ihrem so nah, dass sie die Narbe in seiner linken Augenbraue sehen konnte. Und natürlich wäre es ein Leichtes gewesen, ihn zu küssen. Was sie nur zu gern getan hätte …

            Sie spürte seine kalten Finger auf der Haut, als er ihre Haare unter die Mütze schob. Hatte sie es sich bloß eingebildet, oder hatte er die Hand etwas länger als nötig an ihrer Wange gelassen?

            „Selbst auf die Gefahr hin, dass du es missverstehst“, sagte er, als er sich wieder umdrehte. „Rück so dicht an mich heran, wie du kannst, und wärm deine Hände unter meiner Jacke. Die Temperatur fällt schnell.“

            Kaum hatte sie seine Anweisungen befolgt, gab er wieder Gas. Und seine große Nähe wärmte sie gleich zweifach. Was auch bitter nötig war, denn kurze Zeit später fing es tatsächlich zu tröpfeln an.

            Erst heute hatte sie so richtig erkannt, wie riesig das Anwesen war und wie groß die Verantwortung, die Luke trug. Er hatte eine kleine Kuhherde, deren Milch er an eine Molkerei lieferte. Außerdem exportierte er die Pflaumen und Zitrusfrüchte aus den Obstgärten und verkaufte die Oliven aus den Hainen an einen Betrieb in Franschhoek.

            „Die Gelder bessern die Kasse von St Sylve auf“, hatte er ihr erzählt und ein „Dem Himmel sei Dank“ hinzugefügt.

            „Ist die Kasse denn leer?“, hatte sie ironisch gefragt.

            „Und wie.“

            Warum St Sylve bei all den Einnahmequellen finanzielle Probleme hatte, war ihr schleierhaft. Selbst wenn der Wein sich nicht so gut verkaufte, müssten die Gewinne aus den übrigen Geschäften den Verlust doch wenigstens ansatzweise ausgleichen können.

            Luke und St Sylve waren ihr ein Rätsel. Eigentlich sollte er genug Geld haben. Dem Anschein nach verdiente er sehr viel mit seiner Risikokapitalfirma. Wahrscheinlich pumpte er große Teile davon in das Gut. Aber warum war es nötig? Er hatte angedeutet, dass St Sylve in den roten Zahlen steckte. Wieso trug es sich nicht selbst?

            Jess fluchte insgeheim, als es richtig zu regnen begann. Innerhalb von ein paar Minuten klebten die Jeans an ihren Beinen. Und natürlich liefen die eiskalten Tropfen ihren Hals entlang und durchnässten auch ihr Sweatshirt. Leise seufzte sie vor sich hin.

            „Alles okay?“

            Luke wusste, dass sie fror und nass wie ein begossener Pudel war. Sich zu beklagen würde nichts an der Situation ändern. „Ja. Nachher brauche ich allerdings unbedingt einen heißen Kaffee.“

            „Da sind wir schon zwei.“

Luke war bereits beim zweiten Becher Kaffee, als Jess in Jeans und dunkelblauem Pulli in die Küche kam. „Kaffee?“, fragte er, während er ihn bereits einschenkte.

            „Oh ja.“ Sie nahm den Becher in beide Hände und trank einen Schluck. „Himmlisch.“ Nachdem sie sich an den Tisch gesetzt hatte, trank sie genüsslich noch einen weiteren und seufzte. Dann lächelte sie, als sich ihre Blicke begegneten. „Das war eine Wahnsinnstour.“

            „Es tut mir sehr leid, dass wir in dieses Unwetter geraten sind.“

            Normalerweise achtete er immer darauf, ob sich etwas zusammenbraute. Aber er war viel zu sehr mit Jess beschäftigt gewesen. Wie sich ihr Körper an seinem anfühlte.

            Um schneller zu Hause zu sein, war er vorhin nach Rücksprache mit ihr querfeldein und durch einen Bach gefahren. Sie war mit seinem Vorschlag sofort einverstanden gewesen. Überhaupt hatte sie ihn ziemlich beeindruckt. Nicht zuletzt weil sie sich kein einziges Mal darüber beschwert hatte, dass sie fror oder nass war.

            „Mir sind schon ein paar gute Ideen für die Kampagne gekommen.“

            „Möchtest du sie mir erzählen?“ Luke setzte sich zu ihr.

            „Dafür ist es noch zu früh.“

            „Dann sag mir, warum du für mich arbeiten willst.“ Nach dem, was zwischen ihnen passiert war, hatte er gedacht, sie würde ewig einen Groll gegen ihn hegen. „Warum bist du denn zu dem Briefing erschienen?“

            Jess spielte mit dem Becher. „Die Kampagne ist Thema Nummer eins in meinen Kreisen gewesen. Ich bin ehrgeizig genug, um sie an Land ziehen zu wollen. Ein weiterer Grund ist mein Ruf in der Branche. Ich werde immer bekannter dafür, dass ich mich an Werbemaßnahmen für schwer zu rettende Marken versuche. Außerdem habe ich eine Schwäche für St Sylve.“

            „Obwohl ich …“

            „Obwohl du mich abgekanzelt, geküsst und dann gefeuert hast?“ Sie lächelte. „Was du gesagt hast, stimmte. Es war richtig, mich rauszuwerfen. Und der Ku… Das Ganze ist eine Ewigkeit her.“

            Nur zu gern hätte er gehört, was sie zu dem Kuss hatte anmerken wollen. Dass er fantastisch gewesen war und sie ihn gern wiederholen würde? Dass sie sich im Bett super verstehen würden?

            Luke stellte fest, dass sie ihren Blick auf seinen Mund gelenkt hatte. Erinnerte sie sich gerade an die Begegnung vor acht Jahren? Unwillkürlich schweiften seine Gedanken zurück zu jenem Nachmittag, und er spürte, wie ihm wohlige Schauer über den Rücken liefen.

            Jess übte zweifellos immer noch eine ungebrochene Faszination auf ihn aus. Was bei näherer Betrachtung nicht so gut war. Er hatte nämlich immer mehr den Eindruck, dass sie seine emotionale Selbstgenügsamkeit gefährden konnte, wenn er nicht aufpasste. Dass sie eine Bedrohung für seine Entschlossenheit sein könnte, sich gefühlsmäßig nicht zu engagieren.

            Ja, er würde brennend gern mit ihr schlafen. Aber wenn er sich selbst dadurch zu einem Gefangenen machte, war der Preis zu hoch. Deshalb sollte sie auch jetzt nicht bei ihm in der Küche sitzen und so entspannt und bezaubernd aussehen. Und viel zu verführerisch.

            Schon stand er auf. „Ich muss in mein Arbeitszimmer.“

            Jess hob eine Braue. „Ende der sonntäglichen Ruhepause?“

            „Außer St Sylve muss ich noch ein anderes Unternehmen leiten. Jede Minute ist kostbar.“ Er deutete zum Kühlschrank. „Bedien dich, wenn du Hunger hast. Sobald sich das Wetter halbwegs beruhigt hat, helfe ich dir, deine Sachen ins Herrenhaus zu bringen. Im Wohnzimmer gibt es einen Fernseher oder …“

            „Ich hole mir meinen Laptop und arbeite ebenfalls.“

            Wie gern würde er etwas ganz anderes mit ihr machen. „Ruf mich, wenn du etwas brauchst.“

            „Ich komme schon klar. Das tue ich immer.“

Als Jess vom Einkaufen zurückkehrte, staunte sie nicht schlecht, dass das Filmteam um ihren Lieblingsregisseur Sbu bereits da war. Normalerweise traf er mit seinen Leuten nie pünktlich ein.

            Nicht dass sie geplant hatte, schon am zweiten Tag nach ihrer Ankunft einen Werbespot zu drehen. Aber da Owen gestern gesagt hatte, dass sie mit dem Beschneiden der Weinreben fast fertig seien, war Eile geboten. Sie wollte Aufnahmen von Luke bei der Arbeit haben, und das Szenario sollte echt sein.

            Glücklicherweise hatte Sbu für heute keinen Termin gehabt. Eigentlich hatte er mit seinen Leuten Filmmaterial cutten wollen. Sie hatte ihn am Telefon bekniet, fast schon genötigt, herzukommen.

            Jess stellte den Motor ab und lehnte sich noch eine Sekunde im Sitz zurück. Die nächsten Stunden würden nämlich der helle Wahnsinn werden. Sie brauchte einen Moment, um sich darauf vorzubereiten.

            Gestern am späten Nachmittag hatte Luke ihr geholfen, das viele Gepäck in ihr Zuhause auf Zeit zu bringen. Sobald ihr Wagen ausgeräumt war, hatte er sich sofort wieder in sein Arbeitszimmer verabschiedet. Und seither hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Vermutlich werde ich ihn erst von sonst wo herholen müssen, dachte sie, während sie ausstieg. Sie nahm ihre Tüten, und als sie auf die Filmcrew zuging, stand Luke plötzlich bei Sbu und redete mit ihm. Aber was hatte er denn da an? Ein weißes Hemd und eine kakifarbene Hose. Darin konnte er unmöglich authentisch Weinreben beschneiden.

            Höflich streckte er die Hand nach ihren Tüten aus, und Jess überließ sie ihm gern. Sie hatte nämlich kaum noch Gefühl in den Fingern, so viel hatte sie eingekauft.

            „Hallo, Luke“, begrüßte sie ihn, bevor sie Sbu umarmte. „Schön, dass du da bist. Hast du mein grobes Storyboard bekommen?“

            „Ja. Aber wenn nicht, wäre es auch nicht weiter tragisch. Du änderst das Drehbuch ohnehin immer noch mittendrin.“

            „Zum Besseren.“

            „Dem kann ich nicht widersprechen“, antwortete Sbu. „Können wir dann anfangen?“

            „Gleich. Ich muss kurz die Einkäufe verstauen, und Luke muss sich umziehen.“

            „Was stimmt denn mit den Klamotten nicht?“, fragte Becca, die Stylistin.

            „Darin sieht er aus, als würde er den Winzer spielen, aber nicht wirklich einer sein.“

            „Dem Himmel sei Dank“, sagte Luke leise.

            „Es ist das legerste Outfit, das ich dabeihabe.“

            „Sorry, Becca, ich äußere mich beim nächsten Mal klarer“, erwiderte Jess. „Luke hat bestimmt etwas Geeignetes in seinem Schrank.“

„Das wäre nicht passiert, wenn du ein Model engagiert hättest“, meinte Luke, als er hinter Jess die Treppe hinaufging.

            „Doch, wäre es. Ich bin wahnsinnig detailorientiert und eine total nervige Agenturchefin, denn ich bin eine erbarmungslose Perfektionistin.“

            „Und ein Kontrollfreak?“

            „Zweifellos.“

            „Es würde Spaß machen, zu beobachten, wie du mal die Kontrolle verlierst.“

            Jess drehte sich um und ertappte ihn, wie er ihr aufs Hinterteil schaute. Er wirkte nicht im Mindesten zerknirscht. Und, verflixt, ihr gefiel sein anerkennender Blick. „Hast du vor, den ganzen Weg nach oben meinen Po zu betrachten?“

            „Ja. Da er direkt vor meiner Nase ist, wäre es ein Verbrechen, es nicht zu tun. Willst du mich heute nur dabei filmen lassen, wie ich die Weinreben beschneide?“, fragte er, als sie weiterging.

            „Nein, auch wie du einen Rundgang über das Gut machst und mit dem Motorrad im Gelände unterwegs bist.“

            „Na wunderbar.“

            Jess hob kurz ihr Kinn. In seinem Gesicht spiegelten sich Frustration, Ungeduld und überraschenderweise eine Spur Unsicherheit. Das konnte bloß damit zusammenhängen, dass er seine Komfortzone verließ und das Zepter ein wenig aus der Hand gab. „Wenn dir bei etwas nicht wohl ist, melde dich. Sbu und ich brauchen dich so natürlich und entspannt wie möglich. Ich werde mein Bestes tun, um dir die Sache zu erleichtern.“

            Sie waren endlich oben angekommen, und Luke stieß die Tür zu seinem Schlafzimmer auf. Der helle Raum war in schönen Erdtönen gestaltet. Beigefarbene Vorhänge, ein cremefarben bezogenes Doppelbett …

            Ihr Blick fiel auf das Bild darüber. Es zeigte die Weinberge von St Sylve, über denen Nebelschwaden hingen, und im Hintergrund waren mehrere Gebäude zu erahnen. Wie gebannt schaute sie es an. Es war ein echtes Kunstwerk, dessen Magie sie gefangen nahm. Sie war die Tochter eines Malers. Aber sie hatte es noch nie erlebt, dass ein Bild sie so tief berührte.

            „Jess?“

            „Das Bild ist fantastisch. Von wem stammt es?“

            „Von meiner Mutter.“

            „Deine Mutter war Malerin? Mein Dad malt ebenfalls. Ob sie sich wohl gekannt haben?“

            „Das ist unwahrscheinlich.“

            „Ich werde ihn trotzdem fragen“, erwiderte sie. „Sie starb, als du noch ein Kind warst, oder?“

            „Ja. Ich war drei Jahre alt.“

            „Erinnerst du dich an sie?“, erkundigte sie sich und meinte schon, er würde ihr nicht antworten, denn er schwieg eine Ewigkeit.

            „Ich erinnere mich vage an lange dunkle Haare.“

            „Hast du ihr Talent geerbt?“

            „Nein. Was ist mit dir?“

            „Nicht sein Können, aber seine Liebe zur Kunst.“ Jess blickte erneut zu dem Bild. „Hast du noch mehr Werke von ihr? Ich würde auf der Stelle eines kaufen.“

            „Ich habe nur zwei. Dieses und das Bild im Wohnzimmer.“ Luke deutete zu einer Tür auf der Stirnseite des Zimmers. „Mein Wandschrank.“

            Ende der Unterhaltung, dachte Jess seufzend und wandte sich zu dem begehbaren Schrank, in dem eine schreckliche Unordnung herrschte. Sie nahm eine Jeans heraus und betrachtete dann die Hemden. Entweder waren sie für einen Anzug bestimmt oder zu vornehm leger. Sie schob einen Bügel nach dem anderen beiseite und fand schließlich, wonach sie suchte. Ein langärmeliges grünschwarz kariertes Flanellhemd mit fehlendem Kragenknopf und halb abgerissener Brusttasche.

            „Das ist uralt und kaputt. Ich habe es vor zwölf Jahren auf meiner Reise durch Alaska angehabt“, protestierte er, als sie es ihm reichte.

            „Es ist genau das, was ich mir vorgestellt habe. Wo ist das grüne T-Shirt von neulich?“

            „In irgendeinem Stapel.“ Luke lächelte, als sie die Stirn runzelte. „Ich schätze, in deinem Schrank herrscht penible Ordnung, und alle Teile sind nach Marke sortiert.“

            Und nach ihrer Farbe. „Zieh dich um. Krempel die Ärmel auf, und trag deine üblichen Arbeitsboots.“

            „Ja, Boss“, sagte er und verschwand Momente später mit seinen Sachen im Bad, das am anderen Ende des Wandschranks war.

            Jess kehrte ins Schlafzimmer zurück. Auf einem Regal sah sie mehrere gerahmte Fotos. Eines zeigte Kendall, Owen und Luke total verdreckt nach einem Rugbyspiel. Auf einem anderen war ein älteres Ehepaar, das Arm in Arm auf der Veranda des Herrenhauses stand. Jess vermutete, dass es seine Großeltern waren, denn der Mann lächelte wie Luke. Die Frau auf dem Bild in dem schönsten Rahmen war zweifellos seine Mutter, denn sie schaute liebevoll zu dem kleinen Luke auf ihrem Arm.

            Jess ließ den Blick über die anderen Fotos schweifen. Sein Vater scheint auf keinem zu sein, dachte sie, als sie Luke zurückkommen hörte, und drehte sich um. „Ja, das ist perfekt.“

            „Gut. Ich ziehe mich nämlich nicht noch mal um.“ Er zupfte das Hemd zurecht. „Ich mag es und hatte es ganz vergessen.“

            Vermutlich würde er noch einige „alte Schätze“ in dem Schrank finden. Aber das sollte sie besser nicht sagen und lieber das Thema wechseln. „Warum hast du eigentlich bei den Familienbildern kein Foto von deinem Vater?“

            „Weil ich ihn nicht wirklich als zu meiner Familie gehörend betrachte“, erwiderte er schroff. „Können wir dann loslegen. Auf mich wartet nämlich noch wirkliche Arbeit.“

            „Okay.“ Luke tat ihr leid. Offenbar hatte er nicht nur ohne Mutter aufwachsen müssen, sondern auch weitestgehend ohne Vater, wenn sie seine Antwort richtig deutete.

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