Weingut der Liebe - 6. Kapitel

  1. KAPITEL

Am übernächsten Tag beobachtete Jess, wie Luke bei Sonnenuntergang ein teures Motorrad zu dem von Sbu vorgegebenen Drehort lenkte. Er nahm den Helm ab und lächelte einer sexy Blondine zu, die auf einer kleinen Mauer saß, die die Straße vom Strand trennte. Sie hielt zwei Kristallgläser und eine Flasche St Sylve Merlot in den Händen und warf ihm einladende Blicke zu.

            Jess knirschte mit den Zähnen. Niemand kann so gut schauspielern, dachte sie, während Luke auf das Model zuging. Wie im Drehbuch vorgesehen, legte er ihr eine Hand an den Nacken, hob ihr Kinn mit dem Daumen an und küsste sie. Wesentlich länger als nötig, wie Jess fand. Und als Sbu schließlich meinte, es sei genug, schaute Luke für ihren Geschmack viel zu zufrieden aus.

            Wenn doch der Tag endlich vorüber wäre. Ihr war überhaupt nicht danach, mit ihm heute Abend eine Weinprobe zu besuchen, die von einem der bekanntesten Kritiker des Landes veranstaltet wurde. Vielleicht konnte die Blondine ihn ja begleiten.

            „Lieber springe ich vom Tafelberg, als mir auch noch den ganzen Abend lang ihre Püppchenstimme anzuhören“, erwiderte Luke, als Jess es ihm fünf Minuten später vorschlug. „Was hast du für ein Problem? Du bist schon den ganzen Tag schlecht gelaunt.“

            „Bin ich nicht.“

            „Oh, bitte. Gerade machst du ein Gesicht, von dem die Milch sauer werden könnte.“

            Du musstest dir ja nicht dabei zusehen, wie du sie geküsst hast, dachte sie und rümpfte die Nase. So fühlte sich also echte Eifersucht an. Jess verzog den Mund. Verflixt, sie benahm sich wie ein Teenager …

            „Bist du …“

            „Wenn du es aussprichst, ohrfeige ich dich“, warnte sie ihn. „Ich bin nicht eifersüchtig.“

            Luke funkelte sie amüsiert an. „Wirklich? Gut zu wissen. Nur wollte ich das gar nicht fragen.“

            Am liebsten wäre sie im Boden versunken. „Was wolltest du denn fragen?“, presste sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, und er lächelte noch breiter.

            „Bist du … an einem Kaffee interessiert? Ich wollte mir in der Bäckerei dort drüben einen holen.“

            Gern hätte sie das Angebot abgelehnt. Aber ihr war entsetzlich kalt. „Ja, vielen Dank.“

            Was ist bloß mit mir los, dachte sie, als sie ihm nachblickte. Es war nicht ihre Art, eifersüchtig oder missmutig zu sein. Warum stellte sie Besitzansprüche, was Luke betraf? Sie waren nicht zusammen oder schliefen miteinander. Und die heißen Küsse bedeuteten nichts, sollten nichts bedeuten …

            Eifersucht legte eine gefühlsmäßige Bindung nahe, die inakzeptabel war. Weder war sie bereit dazu, sich auf jemanden einzulassen, noch wollte sie es. Das Gleiche galt für Luke. Vielleicht verbringe ich zu viel Zeit mit ihm, sodass sich aus der Vertrautheit ein Mögen entwickelt, überlegte sie, als ihr Handy klingelte.

            Die Anruferin war ihre Mutter Liza. Jess begrüßte sie und hörte dann die neusten Nachrichten aus der Familie. Ihre Mum war ausschweifender als üblich und verabschiedete sich auch nicht, nachdem sie alles erzählt hatte. Jess verdrehte die Augen. Sie wusste, was jetzt kam. Ihre Mum wollte sie wieder einmal verkuppeln.

            „Er ist ein Cousin zweiten Grades und an den Wochenenden immer in Franschhoek. Du erinnerst dich doch bestimmt noch an Lee“, meinte Liza, nachdem sie Jess erklärt hatte, dass er in Kapstadt als Bühnenbildner arbeitete. „Ihr habt einen Tag zusammen am Strand gespielt, als ihr fünf wart.“

            „Mum, ich erinnere mich kaum noch an die Leute, mit denen ich letztes Jahr in Thailand am Strand war. Und nein, ich bin nicht daran interessiert, mich zu verabreden.“ Jess beobachtete, wie das blonde Model auf Luke zuging, um ihm beim Tragen der Kaffeebecher zu helfen. Missbilligend runzelte sie die Stirn, als sie sein warmes Lächeln sah. „Warte, Mum.“

            Vielleicht war es gar nicht so schlecht, ein wenig Zeit mit einem anderen Mann zu verbringen. Das würde sie von Luke ablenken und womöglich für Abstand zwischen ihnen sorgen. Der Anziehungskraft zwischen ihnen konnte sie widerstehen. Aber es war nicht so leicht, ihn als Person zu ignorieren. Sein scharfer Intellekt, sein trockener Humor, seine Verschlossenheit und die sorgsam versteckte Verletzbarkeit übten eine große Faszination auf sie aus.

            Sich in Luke zu verlieben wäre dumm. Aus diversen Gründen. Und sie war nicht dumm. „Okay, Mum, ich bin dabei.“

            „Wie bitte?“, stieß Liza hervor, nachdem sie erst verblüfft einen Moment geschwiegen hatte, und Jess musste lächeln. Natürlich hatte ihre Mutter nicht mit dieser Reaktion gerechnet. „Willst du mich veralbern?“

            „Nein, will ich nicht.“ Jess nahm den Kaffee von Luke entgegen. „Gib ihm meine Handynummer, und sag ihm, er soll mich anrufen.“

            Jess sah, dass Luke die Stirn runzelte, und wandte sich zur Seite. Hatte sie zu spontan entschieden? Eigentlich wollte sie sich mit niemand anderem als mit Luke verabreden. Aber er war kein Mann für Dates, und sie brauchte wirklich etwas Abstand. Sie schob das Handy zurück in die Tasche und blickte aufs Meer hinaus, während ihr nur zu bewusst war, dass er sie anschaute.

            „Du willst zu einem Date?“

            Jess zuckte innerlich zusammen. Er klang nicht glücklich. „Es ist kein richtiges Date, sondern ein Abendessen mit einem Cousin zweiten Grades. Meine Mum hatte die Idee.“

            „Du lässt dich von deiner Mutter verkuppeln?“

            „Nein … Ja … Es ist nur ein Abendessen mit einem ehemaligen Spielkameraden.“

            „Warum kannst du mich dann nicht ansehen?“ Luke trat vor sie, umfasste ihr Kinn und zwang sie, ihn anzublicken. „Wenn du dich mit jemandem verabreden willst, dann mit mir. Weil wir beide wissen, worauf du und ich zusteuern. Und ich teile nicht. Nie. Wenn du also erst das Drum und Dran mit Ausgehen möchtest, bevor wir miteinander schlafen, bin ich dein Mann.“

            Ihr Leben lang hatten ihre Brüder sie herumkommandiert. Sie brauchte keinen Ersatz für sie. „Du irrst dich gewaltig, wenn du meinst, mir sagen zu können, was ich tun oder lassen soll.“

            Luke kniff die grünen Augen zusammen. „Wetten, dass? Und stell mich nicht auf die Probe.“

            Jess warf den Kopf in den Nacken. „Und wie, glaubst du, mich aufhalten zu können?“

            Er krallte die Finger einer Hand in die Aufschläge ihres Mantels und zog sie daran näher. Jess gab sich unbeeindruckt, fragte sich aber, ob es falsch gewesen war, ihn herauszufordern. Dann hörte sie ihn leise fluchen, und im nächsten Moment drückte er den Mund auf ihren und küsste sie energisch und sexy. Der Kuss zeugte von seiner großen Leidenschaft. Er wollte sie und würde niemanden im Zweifel darüber lassen.

            Luke legte ihr einen Arm um den Rücken, und sie spürte die Kraft darin, als er sie noch näher an sich heranzog, während er den Kuss vertiefte. Er raubte ihr den Verstand. Von brennendem Verlangen erfüllt, erwiderte sie seinen Kuss.

            Und plötzlich ließ er die Hand sinken und trat einen Schritt zurück. Jess blinzelte und hatte Mühe, zumindest halbwegs in die Gegenwart zurückzukehren. Sie spürte, wie er ihr Kinn erneut umfasste, und brachte schließlich den Mut auf, seinem stürmischen Blick zu begegnen.

            „Stell mich nicht auf die Probe“, wiederholte er mit hart klingender Stimme, bevor er zu seinem Auto ging, das er auf der anderen Straßenseite geparkt hatte.

            Jess wandte sich auf unsicheren Beinen zu der kleinen Mauer und setzte sich. Sie ignorierte das süffisante Lächeln von Sbu und seiner Crew. Sollten sie doch denken, was sie wollten. Sie musste erst einmal wieder zu Atem kommen, um einen klaren Gedanken fassen können.

            Ja, sie brauchte dringend etwas Abstand von Luke. Weshalb es gar nicht schlecht war, dass sie heute Nacht nach Johannesburg flog. Morgen feierte ein wichtiger Kunde sein Firmenjubiläum. Er wäre verärgert, würde sie nicht zu dem Empfang erscheinen. Außerdem hatte sie noch einiges im Büro zu erledigen.

Selbst drei Stunden später auf der Weinprobe war Luke immer noch sauer auf sich. Und hinter seinem Unmut verbarg sich auch eine Portion Panik. Als er vorhin gehört hatte, dass Jess zu einem Date wollte, hatte er aus dem Bauch heraus reagiert. Er hatte sich wie der erste Mensch verhalten.

            Noch nie war er so eifersüchtig und unbeherrscht gewesen. Als er mitbekommen hatte, dass sie beabsichtigte, sich mit jemandem zu verabreden, hatte in seinem Innern eine Stimme geschrien, dass Jess seine Frau sei. Er hatte sich benommen, als wären die Millionen Jahre der Evolution teilweise spurlos an ihm vorübergegangen.

            Wollte ihm das Leben vielleicht eine Lektion erteilen? Vorhin hatte ihn die Vorstellung amüsiert, dass Jess auf das Model eifersüchtig war. Er hatte keine Sekunde lang gedacht, dass er genauso eifersüchtig sein könnte. Nein, wesentlich stärker sogar.

            Mit finsterer Miene trank er einen Schluck von dem guten Merlot. Sein Blick schweifte durch den Raum zu Jess, die in dem schwarzen Rüschenkleid fantastisch aussah. Sie stand mit dem Gastgeber Piers Hanson zusammen und flirtete mit ihm. Es schien für sie so natürlich zu sein wie zu atmen.

            Nein, er würde nicht dabei zuschauen, wie sie mit jemand anderem flirtete, auch wenn der Typ vom Alter her ihr Großvater sein könnte. Luke stellte das Glas auf den Tisch neben ihm und entschuldigte sich bei seinen Gesprächspartnern. Es waren Freunde seines Vaters, die Jed in den höchsten Tönen lobten. Darauf konnte er ohnehin gut verzichten.

            Er näherte sich Jess von hinten und legte ihr die Hand weiter unten auf den Rücken. Zufrieden bemerkte er, dass sie ihn an der Berührung erkannte. Sie trat nämlich unwillkürlich dichter zu ihm.

            „Luke, Piers hat mir gerade erzählt, dass er St Sylve gern besichtigen würde“, sagte sie zu ihm mit eindringlichem Blick. Sei freundlich und stimm zu, denn er ist wichtig.

            „Natürlich sind Sie mir jederzeit willkommen. Aber es ist Winter, und die Rebstöcke sind in der Ruhephase. Im Frühling und Sommer ist es auf dem Gut herrlich.“

            „St Sylve ist das ganze Jahr über wunderschön“, erwiderte Jess, und ihre ehrliche Begeisterung war nicht zu überhören.

            Piers neigte den Kopf leicht seitwärts und betrachtete Luke kurz. „Sie sehen Ihrem Vater gar nicht ähnlich.“

            Jetzt gibt es den nächsten Lobgesang auf Jed, dachte er und ermahnte sich, höflich zu bleiben. „Es heißt, ich komme mehr nach meiner Mutter.“

            „Das tun Sie. Ihre Mutter war eine sehr hübsche Frau.“

            Sein Magen krampfte sich zusammen, und es gelang ihm nur mit Mühe, weiter gleichmütig dreinzublicken. „Sie haben sie gekannt?“

            „Ja. Ich besitze auch zwei Gemälde von ihr. Sie war eine erstaunliche Künstlerin und eine bezaubernde Person. Als sie Ihren Vater heiratete, hat sie sich aufgegeben.“

            Luke fühlte Jess’ Hand an seinem Arm und war dankbar für die Unterstützung. „Mh …“ Was sollte er darauf antworten?

            „Entschuldigen Sie, aber im Gegensatz zu vielen Leuten aus der Branche habe ich Ihren Vater nicht gemocht.“

            Wenn das nicht interessant war. „Warum nicht?“

            Piers schaute sich um, um festzustellen, ob ihnen jemand zuhörte. „Ich fand ihn arrogant und herablassend. In meinen Augen war er ein eingebildeter Mistkerl.“ Er verzog das Gesicht. „Sorry. Ich habe ihn lange gekannt.“

            Endlich einmal jemand, der seinen Vater richtig beurteilte.

            Seufzend schüttelte Piers den Kopf. „Meine verstorbene Frau würde mir jetzt den Ellbogen in die Seite stoßen und mir erzählen, ich solle den Mund halten. Wie sehr ich sie vermisse.“

            „Wie lange sind Sie verheiratet gewesen?“, fragte Jess.

            „Fünfundvierzig Jahre. Wir haben fünf Kinder.“

            Der Kritiker hatte den Traum verwirklicht, der Luke selbst nicht vergönnt sein würde. Er wusste nicht, wie man eine Ehe erfolgreich gestaltete. Das Gleiche galt für ein Familienleben. Sein Vater war ihm alles andere als ein gutes Vorbild gewesen.

            Piers sah über Jess’ Schulter und lächelte. „Da nähert sich eine meiner Lieblingsweinladenbesitzerinnen.“

            Luke folgte seinem Blick. Verdammt, es war Kelly, seine Freundin, gelegentliche Begleiterin und Bettgefährtin. Seit Jess auf St Sylve war, hatte er nicht mehr an sie gedacht. Weshalb ihm genauso wenig der Gedanke gekommen war, dass sie heute hier sein könnte. Eine Frau, mit der er vor Kurzem noch geschlafen hatte, einer Frau vorzustellen, mit der er gern schlafen würde, widerstrebte ihm total.

            Schnell entschuldigte er sich, trat auf Kelly zu und führte sie etwas beiseite, indem er sie am Ellbogen fasste. „Kelly, ich …“

            Warm lächelte sie ihn an, während sie ihm die Hand auf den Arm legte. „Immer mit der Ruhe, Luke. Es ist in Ordnung.“

            „Du verstehst nicht. Ich muss …“

            „Du willst die Sache beenden?“, meinte sie freundlich. „Als ich davon hörte, dass eine Blondine bei dir wohnt, habe ich es mir fast gedacht. Ich bin zehn Jahre älter als du und habe schon lange damit gerechnet. Außerdem waren wir uns doch einig, dass wir einfach Freunde sind, die gelegentlich auch miteinander schlafen, oder?“

            Luke schob die Hände in die Taschen der Anzughose. „Nun ja …“

            „Du wirkst nervös.“ Kelly lachte. „War der Tag schwierig, oder ist sie es?“

            „Beides. Sie macht mich verrückt.“

            Kelly küsste ihn auf die Wange. „Gut. Du verdienst eine Frau, die dich verrückt macht. Das sorgt für sehr interessanten Sex.“

            Wenn wir ihn denn je haben sollten, sinnierte Luke finster, während er Kelly zu Piers und Jess folgte.

            „Schön, Sie zu sehen.“ Piers nahm ihre Hand und legte sie in seine Armbeuge. „Und wenn diese zwei netten Leute nichts dagegen haben, entführe ich Sie jetzt, um mit Ihnen einen chilenischen Cabernet zu probieren. Er ist nicht so edel wie Ihrer, Luke, aber durchaus genießbar.“

            Durchdringend blickte Jess ihn an, nachdem die beiden davongegangen waren, und trank einen Schluck Wein. „Wie lange schläfst du schon mit ihr?“

            Verflixt, dieser Frau blieb offenbar nichts verborgen. Tief atmete er ein, während er sich darauf vorbereitete, ihr zu erklären, dass er es nicht mehr tat und sie einfach Freunde wären.

Die schlafende Ally auf dem Beifahrersitz, lenkte Jess ihren Wagen die Auffahrt von St Sylve entlang. Während ihrer Abwesenheit hatte sie jegliche Gedanken an Luke weitestgehend unterdrückt. Doch nun kehrten sie mit aller Macht zurück.

            Luke hatte ihr erzählt, dass er nicht mehr mit Kelly schlief und sie nur Freunde wären. Sonst hatte er nichts weiter gesagt, und sie hatte zugegebenermaßen keinen Anspruch darauf, mehr zu erfahren. Was sie gern würde. Zum Beispiel, wie lange er mit ihr zusammen gewesen war und ob er sie geliebt hatte.

            Warum interessierte es sie überhaupt? Sie mochte Luke. Sehr sogar. Aber sie mochte viele Männer. Nur wollte sie mit keinem von ihnen schlafen. Außer mit Luke. War er für sie etwa wichtig? Sie wollte doch keine Beziehung und er ganz bestimmt auch nicht.

            „Sind wir da?“, fragte Ally und reckte sich. Sie war aufgewacht, als Jess den Motor abgestellt hatte.

            „Ja.“ Sie rieb sich die Augen. „Luke scheint noch unterwegs zu sein, denn sein Auto ist weg.“

            Die Freundin löste den Sicherheitsgurt und stieg aus. „Wo wohnt eigentlich Owen?“

            Jess verdrehte die Augen und deutete zu einem umgebauten Stall. „Dort hinten.“

            Ally blickte zu dem Gebäude und dann zum Herrenhaus.

            „Hmmm, das ist ja gar nicht so weit weg.“ Jess lachte.

            Die Freundin zuckte mit keiner Wimper. Sie war hergekommen, um mit Owen zu schlafen. Der arme Kerl hat keine Chance, dachte Jess, als sie die Heckklappe öffnete, um das Gepäck herauszuholen. Ally betrachtete Männer als Freiwild. Sie warf ein Auge auf sie, schleppte sie ab und schob sie wieder beiseite. Gefühle spielten keine Rolle. Jess wusste nicht, ob sie diese Haltung traurig fand oder klug.

            Erschöpft trottete sie zur Hintertür. Am liebsten würde sie sich nachher früh hinlegen, aber die Freundin wollte noch ausgehen. In der Küche setzte sie die Reisetasche ab und setze den Teekessel auf. Sie brauchte dringend einen Tee.

            „Dein Zimmer liegt neben meinem. Die Treppe hoch und dann die zweite Tür links. Willst du auch einen Tee?“

            „Nein, danke. Lieber ein Glas Wein“, antwortete Ally und verschwand erst einmal nach oben.

            Als Jess den ersten Schluck Tee trank, hörte sie, dass Luke zurückkehrte. Sie stellte den Becher weg und schlenderte zur Tür, während er sein Auto neben ihrem parkte. Er lächelte sie an, als er sie auf der Schwelle stehen sah, und ihr stockte kurz der Atem. Es war beängstigend, wie gut es sich anfühlte, wieder hier zu sein.

            Luke sprang aus dem Wagen und war im Nu bei ihr. Er umfasste ihren Hinterkopf und drückte seinen Mund auf ihren. Es war ein zärtlicher, tiefer Kuss, der jeden einzelnen Nerv in ihrem Körper zum Vibrieren brachte.

            Unwillkürlich legte sie ihm die Arme um den Nacken und drängte sich näher an ihn, während sie den Kuss erwiderte. Luke schien sich zu freuen, dass sie wieder da war und er sie in den Armen halten konnte. Zumindest hatte sie das Gefühl, dass sein Kuss ihr genau dies erzählte. Und sie versuchte, ihm zu sagen, dass sie das Gleiche empfand.

            Meine Güte, das Ganze ging viel zu schnell. Sie sollte sich von ihm lösen, tief Luft holen … Luke konnte offenbar Gedanken lesen, denn er wich augenblicklich zurück.

            „Was ist?“

            „Ich bin bloß so ein Stückchen davon entfernt …“, er ließ lediglich einen Hauch von Abstand zwischen Daumen und Zeigefinger, „… dich auf den Rücksitz meines Wagens zu werfen und dir die Klamotten vom Leib zu reißen.“

            Eine verrückte, aber gute Idee, dachte Jess und ermahnte sich zur Vernunft. Sie schluckte und konnte schließlich wieder reden. „Hallo.“

            „Ebenfalls hallo. Schön, dich zu sehen.“ Luke ließ den Zeigefinger über ihre Lippen gleiten, bevor er ihr eine Hand auf den Rücken legte, um sie sanft zurück in die Küche zu dirigieren.

            Jess rollte mit den Augen, als ihr Handy klingelte, holte es aber trotzdem aus der Hosentasche. Der Anrufer war ihr Cousin Lee. Während sie ein wenig Small Talk betrieben, war sie sich nur zu bewusst, dass Luke sie die ganze Zeit süffisant anlächelte.

            Das Ganze ist doch Unsinn, dachte sie. Luke und ihr war klar, dass sie sich für niemand anderen als ihn interessierte. Lee als Ablenkung zu benutzen war kindisch und unter ihrer Würde. Deshalb lehnte sie die Einladung zum Essen auch höflich ab und beendete das Telefonat schnellstmöglich.

            „Zufrieden?“, fragte sie und zog eine Braue hoch, als sie das Handy zurück in die Tasche schob.

            „Ein wenig. Schlaf mit mir, und ich bin es total.“

            Ihr wurde heiß. Sie könnte es so leicht tun und …

            Owen klopfte gegen den Türrahmen und kam in die Küche. „Hallo, Jess. Schön, dass du wieder da bist.“

            „Hallo, Owen.“ Amüsiert beobachtete sie, wie er sich umschaute.

            „Ist Ally da?“

            „Oben, und dann die zweite Tür links.“

            Schnell verließ er die Küche und lief die Treppe hinauf. Momente später hörten sie Ally freudig aufschreien, und kurz danach fiel eine Zimmertür ins Schloss. Jess schüttelte den Kopf.

            „Dir ist klar, dass sie ihn sich krallen und danach wieder beiseiteschieben wird?“

            „Was kein Problem für ihn ist.“ Luke blickte sie durchdringend an. „Bist du schon bereit, mich zu krallen und wieder beiseitezuschieben?“

            Er fragte es so humorvoll und zugleich hoffnungsfroh, dass sie lächeln musste. „Nein. Sorry.“

            „Wie wär’s dann mit einem Spaziergang?“ Er zeigte in Richtung der Tür. „Meine Hunde erwarten mich bereits sehnsüchtig, wie man sieht und vor allem an dem Jaulen hört.“

            „Warum nicht.“

            Jess nahm die Jacke vom Türhaken, streifte sie über und folgte Luke nach draußen. Dort empfing sie freudiges Bellen. Luke kraulte die beiden Rhodesian Ridgebacks hinter den Ohren und gab ihnen danach einen liebevollen Klaps. „Auf geht’s.“ Er knöpfte die Lederjacke zu und schob die Hände in die Taschen.

            Tief atmete Jess ein, während sie einen Fuß vor den anderen setzte. „Weißt du, dass die Luft hier ganz anders riecht?“

            „Wie meinst du das?“

            „In Johannesburg riecht man die Verschmutzung, und hier duftet es nach Früchten.“ Sie drehte sich auf der Zufahrt um und ging rückwärts weiter, während sie zu den Gebäuden blickte, die die untergehende Sonne in ein besonderes Licht tauchte. „Es ist bezaubernd hier. Du kannst dich glücklich schätzen, St Sylve zu besitzen … es zu sein.“ Sie legte ihm eine Hand auf den Arm, als er nichts sagte, und veranlasste ihn, stehen zu bleiben. „Du findest es nicht, oder?“

            Luke schaute sich um. „Nicht wirklich.“

            „Warum nicht?“

            Er zuckte die Schultern. „Vermutlich weil man mir hier nie das Gefühl gegeben hat, willkommen zu sein.“ Er hörte, wie sie tief einatmete, und setzte sich wieder in Bewegung.

            „Ich hasse es, wenn du solche Bemerkungen machst, und mich dann einfach stehen lässt“, erwiderte sie. „Ich bin eine Frau, und eine solche Antwort weckt bei mir nur den Wunsch, mehr Fragen zu stellen.“

            Luke seufzte, als er den Ausdruck der Entschlossenheit in ihren braunen Augen sah. Unbeabsichtigt hatte er mit seiner Antwort das Tor zu zahlreichen weiteren Fragen aufgestoßen. Bestimmt bringt sie jetzt die Sprache auf meinen Vater, dachte er und war überrascht, dass sie etwas ganz anderes wissen wollte.

            „Liebst du St Sylve?“

            „Ich liebe es, hasse es, ärgere mich darüber … Vermutlich soll ich auch das jetzt erklären.“ Er nahm ihre Hand und verschränkte seine Finger mit ihren. „Aber lass uns dabei weitergehen.“

            Jess nickte und ließ ihm Zeit, um sich die Antwort zu überlegen.

            „Mein Vater hat mir immer erzählt, ich würde St Sylve aus diversen Gründen nicht verdienen. Ich wollte kein Winzer werden und konnte nicht schnell genug von hier und aus dem Tal verschwinden. Ich habe meinen Vater nicht besonders gemocht, und er hat mich noch weniger gemocht. Aber ich war sein einziges Kind und habe das Gut deshalb geerbt.“

            „Und?“

            „Nur war es kein normales Erbe, für das man die üblichen Steuern zahlt. Das Anwesen war so katastrophal verschuldet, dass ich fast alles verloren hätte bei dem Versuch, es zu retten.“ Er blickte Jess an. „Deine Warnung vor acht Jahren war ein wenig … schlecht getimt.“

            „Das ist sehr freundlich ausgedrückt. Ich war eine freche Göre.“

            „Das warst du.“ Luke legte ihr den Arm um die Schultern, um Jess kurz zu drücken.

            „Was genau heißt ‚katastrophal verschuldet‘?“

            „Mein Vater hat es geschafft, Schulden anzuhäufen, die den Wert von St Sylve um ein Dreifaches überstiegen.“

            „Aber … warum? Wie … Die Bank … Warum hat man ihm so viel geliehen?“

            „Vermutlich wegen des guten Namens unserer Familie … Und unterschätz nicht Jeds Charme.“

            „Was ist nach seinem Tod passiert?“

            Luke schob die Hände wieder in die Jackentaschen. „Ich habe jeden Cent gebraucht, den ich je verdient habe, und meinen ganzen Kreditrahmen ausschöpfen müssen, um die Bank an der Zwangsvollstreckung zu hindern. Seither ist fast alles Geld, das ich mit anderen Geschäften gemacht habe, in die Schuldentilgung geflossen.“

            „Also waren bisher nicht die Mittel da, um Werbekampagnen zu starten.“

            „Ich konnte es mir noch nicht einmal leisten, einen Winzer einzustellen. Ich musste selbst lernen, wie man Wein anbaut. Inzwischen haben wir ein klein wenig Luft. Du brauchst dich also wegen deiner Bezahlung nicht zu sorgen.“

            Jess sah ihn durchdringend an. „Darf ich dich noch etwas fragen?“, erkundigte sie sich und redete gleich weiter, denn sie erwartete keine Antwort. „Warum hast du es nicht aufgegeben?“

            „Was aufgegeben?“

            „St Sylve. Warum hast du das Gut nicht verkauft und ihm den Rücken gekehrt? Warum hast du es gerettet?“

            Er hatte es mehr als einmal erwogen. Aber er hatte sich letztlich nicht dazu durchringen können, vor seiner Verantwortung, seinem Erbe und seinem Namen davonzulaufen. Er hatte es nicht zulassen können, dass die harte Arbeit seiner Vorfahren umsonst gewesen war und das von ihnen geliebte Anwesen an Fremde ging.

            Jess schwieg eine Weile, nachdem er es ihr erklärt hatte. Schließlich hakte sie sich bei ihm ein und legte die Wange an seinen Oberarm. „Wenn ich dich richtig verstanden habe, erzählst du mir, dass ein Teil von dir St Sylve liebt?“

            „Manchmal.“ Luke lächelte matt.

            „Ich jedenfalls liebe es total.“

            Luke pfiff die Hunde herbei. „Es wird spät. Wir sollten umkehren.“

            Jess drehte sich um. „Ally will nachher noch etwas unternehmen. Möchtest du mitkommen?“

            „Ist Owen mit von der Partie?“

            „Schätzungsweise ja. Wenn du jedoch keine Lust hast, bleibe ich einfach hier und hole ein wenig Arbeit nach. Ich möchte nicht das fünfte Rad am Wagen sein.“

            Luke rieb sich das Kinn. „Vielleicht können wir beide doch mal eine Verschnaufpause brauchen. Wir fahren mit meinem Wagen. Wie wär’s um halb acht?“

            „Das klingt gut.“

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