Weingut der Liebe - 7. Kapitel

  1. KAPITEL

„Wer hat Lust auf eine Runde Billard?“, fragte Luke, als er sah, dass ein Tisch frei wurde.

            Sie hatten in „Rosie’s Pub and Grill“ etwas gegessen und genossen jetzt den Rotwein. Owen und Ally nickten, und Jess zuckte die Schultern. Luke zog sie von ihrem Stuhl hoch.

            „Du und ich gegen Owen und Ally“, schlug er vor. „Dann wird es etwas interessanter.“

            Jess runzelte die Stirn. „Warum?“

            „Zwei starke und zwei schwache Spieler.“

            Jess blieb unvermittelt stehen und schaute Ally kurz an. „Und wir sind die schwachen Spieler?“

            Luke tauschte einen Blick mit Owen. Sie beide waren im Billard ziemlich gut. Genau genommen waren sie echte Könner. „Ja, gewissermaßen.“

            Jess blitzte ihn an. „Dann wollen wir es wirklich interessant machen. Ally und ich gegen Owen und dich.“

            Luke zuckte mit den Schultern und lächelte über ihren Kopf hinweg Owen an. Sie würden nicht verlieren. „Okay. Und worum spielen wir?“

            „Um ein Essen in dem Restaurant mit dem Michelin-Stern, das am Ende der Straße liegt. Die Verlierer bezahlen.“

            „In Ordnung.“ Owen und er würden auf jeden Fall gewinnen.

Als Jess die letzte Kugel versenkt hatte, legte sie die Hände auf die Spitze des Queues und funkelte Luke an. „Reservier den Tisch im Restaurant, und bring deine Kreditkarte mit dem höchsten Limit mit.“

            Kopfschüttelnd blickte Luke auf den leeren Billardtisch. „Wie …?“

            „Ich habe dir mehrfach gesagt, dass ich vier ältere Brüder habe. Wann begreifst du es endlich?“

Luke beobachtete, wie Jess mit dem fast leeren Weinglas spielte. Sie sah müde aus. Er schaute auf die Armbanduhr. Es war gleich Mitternacht, und die Band hatte von Tanzmusik auf Blues umgeschaltet. In der Bar waren nicht mehr viele Gäste, und Owen und Ally hatten sich bereits nach St Sylve verabschiedet. Er sollte ebenfalls mit Jess zurückfahren. Aber er wollte den Abend eigentlich noch nicht beenden.

            „Die nächste Woche wird anstrengend“, sagte Jess. „Am Dienstag wirst du beim Sport gefilmt, am Mittwoch ist die familiäre Szene dran, und am Donnerstag kommen meine Leute.“

            Er hatte es nicht vergessen. „Erzähl mir von deiner Familie“, forderte er sie auf. Als Jugendlicher hatte er öfter seine Freunde gefragt, wie es zu Hause war. Er hatte herausfinden wollen, wie es sich anfühlte, wenn man Teil einer Gruppe, eines Clans … einer Familie war.

            „Was möchtest du wissen?“

            „Wie es so war. Seid ihr zum Beispiel gemeinsam in Urlaub gefahren?“

            „Ja. Wir haben die meisten Ferien in dem kleinen Strandhaus meines Großvaters verbracht. Dort ging es sehr beengt zu, aber wir hatten einen Riesenspaß. Wir haben die heißen Tage und das warme Meer genossen, uns natürlich die Nasen verbrannt, jede Menge Eis gegessen, am Strand Kricket gespielt und Lagerfeuer gemacht. Mein Bruder John hatte immer seine Gitarre dabei, und wir haben mehr schlecht als recht zu seiner Musik gesungen. Als ich sechzehn war, hörten diese Ferien mit der ganzen Familie leider auf.“

            „Warum?“, fragte Luke und bemerkte den schmerzlichen Ausdruck in ihren Augen.

            „Mein Großvater hat meine Großmutter verlassen und ist dann mit seiner Geliebten in das Strandhaus gezogen.“

            „Und das hat deine Welt erschüttert?“ Wieso hatte das Scheitern der Ehe ihrer Großeltern sie so berührt? „Warum?“

            „Meine Großmutter hatte immer gedacht, sie würden eine tolle Ehe führen. Für sie war mein Großvater ihr Seelenverwandter. Zu erfahren, dass er seit zehn Jahren ein Verhältnis hatte, hat sie umgehauen. Sie ist für eine Weile zu uns gezogen, und ich habe mit ansehen müssen, wie eine sonst vor Lebensfreude sprühende intelligente Frau förmlich in sich zusammengefallen ist. Es war, als hätte man ihr das Rückgrat gebrochen.

            Das Ganze hat auch meine Mutter stark belastet, denn mein Großvater wollte weiterhin einen guten Kontakt zu seiner Familie haben. Aber er hatte meine Großmutter so sehr verletzt … Es war eine schlimme Zeit, und da meine Leute enorm impulsiv und redselig sind, habe ich alles mitbekommen. Die Schimpftiraden, die Tränen und die Verwünschungen. Denn anders als meine Brüder war ich nicht im Internat.“

            Luke dachte einen Moment über ihre Worte nach. „Weshalb es vermutlich ein doppelt harter Schlag für dich war, als du deinen Freund mit einer anderen Frau ertappt hast.“

            „Gut möglich.“ Jess lächelte matt. „Und natürlich war mein Stolz verletzt.“ Sie legte ihre Hand neben seine und verschränkte ihren kleinen Finger mit seinem. „Hat deine Frau dich betrogen?“

            „Ich habe sie nie dabei erwischt.“

            „Weshalb hast du dich scheiden lassen?“

            Weil sie wie verrückt Geld ausgegeben hat? Weil sie nicht mehr ganz bei Trost war? „Weil ich sie eines Tages angesehen habe und mir bewusst wurde, dass ich sie nicht als Mutter meiner Kinder wollte.“

            „Oh.“

            „Nicht dass sie unbedingt Mutter werden wollte. Sie hat mir gesagt, dass sie für mich ein Kind bekommen würde, aber nicht die Absicht hätte, es großzuziehen. Da ich genau wusste, wie es war, bei Nannys und Au-pair-Mädchen aufzuwachsen, war mir klar, dass ich das bestimmt nicht wollte. Außerdem habe ich schon lange erkannt, dass ich nicht für ein trautes Heim mit Kindern geschaffen bin.“

            Wenn er sich da mal nicht gewaltig irrte. „Warum nicht?“

            „Um ein guter Familienmensch zu sein, muss man es selbst kennengelernt haben.“

            „Ich bin nicht deiner Meinung.“ Jess legte ihre Hand auf seine. „Glaubst du, du würdest es anders sehen, wenn deine Mutter nicht so früh gestorben wäre?“

            Die Sache mit seiner Mutter war kein Geheimnis, auch wenn niemand darüber sprach. Zum ersten Mal in seinem Leben wollte er selbst es jemandem erzählen. Er wollte Jess ein Stück seiner Seele offenbaren. Normalerweise würde es ihm Angst einjagen. Aber die Atmosphäre in dieser Bar und die bezaubernde Frau, die ihn zärtlich anblickte, bewirkten, dass er die Worte nicht zurückhalten konnte. Morgen würde er es vielleicht bereuen …

            „Nein, ich schätze nicht. Meine Mutter war dem Vernehmen nach eine launische Frau. Sie hat mich verlassen, als ich drei war, und ist ein paar Tage später bei einem Verkehrsunfall umgekommen. Und mein Vater war egoistisch und unbeständig und hat die Frauen permanent gewechselt. Kinder aus einem problematischen Elternhaus haben als Erwachsene weder eine echte Beziehung noch eine funktionierende Familie.“

            „So ein Unsinn“, protestierte Jess und blickte dann nachdenklich drein. „Deine Mutter hat dich verlassen?“

            „Sie hatte mehrere Koffer im Auto, als der Unfall geschah. Von meinen Sachen war nichts dabei.“ Luke schloss die Augen. Auch wenn es schon so lange her war, tat es immer noch weh. Er wusste nicht, warum seine Mutter weggegangen war. Aber am meisten quälte ihn die Frage, was er verbrochen hatte, weshalb sie ihn nicht mitgenommen hatte. Er war erst drei gewesen. So schlimm konnte doch selbst er nicht gewesen sein.

            Jess schüttelte den Kopf. „Wer hat dir erzählt, dass deine Mutter dich verlassen hat? Und wann?“

            „Mein Vater … Mein ganzes Leben lang.“ Luke fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Einer seiner Lieblingssätze war: ‚Kein Wunder, dass deine Mutter dich verlassen hat.‘ Das kam, wenn ich einen Ball nicht fangen konnte oder nicht Klassenbester war oder, oder, oder.“

            Jess konnte es nicht fassen. „Das ist … gemein.“

            „So viel zu meinem Vater.“

            „Wie hast du es geschafft, der Mensch zu werden, der du bist? So erfolgreich und so stark?“

            Weil ich zu dickköpfig und stolz gewesen bin, um meinen Vater recht behalten zu lassen.

            „Es tut mir unendlich leid“, sagte Jess. „Allerdings glaube ich nicht, dass deine Mutter dich verlassen hat. Ich habe das Foto von euch beiden in deinem Schlafzimmer gesehen, und wie sie dich darauf angeblickt hat. Sie hat dich geliebt“, fuhr sie im Brustton der Überzeugung fort. „Es muss eine andere Erklärung geben.“

            Es wäre schön. Aber seine Mutter war seit Langem tot, und über sie nachzudenken war sinnlos. Wenn er andere Szenarien ihres Weggangs in Erwägung zog, riskierte er nur, alte Wunden aufzureißen.

            Er hatte sich an der Ehe versucht. Doch sie war gescheitert. Sich von dem Traum zu verabschieden, nie eine eigene Familie zu haben, war viel schmerzhafter gewesen als die Trennung von seiner Frau. Aber er hatte seinen Frieden damit gemacht, dass auf St Sylve keine Kinder herumtollen würden. Und welche Beweggründe seine Mutter auch immer gehabt hatte, sie würden nichts daran ändern.

            Jess beugte sich vor. „Was ist aus den Sachen deiner Mutter geworden?“

            „Laut meinem Vater hat sie viel mitgenommen. Den Rest hat er weggeworfen. Ich erinnere mich, dass jemand gesagt hat, sie habe alle Gemälde wegen einer bevorstehenden Ausstellung außer Haus gebracht. Sie sind nie wieder aufgetaucht. Wenn sie nicht entsorgt wurden, müssen rund dreißig Katelyn Kirby Bilder im Umlauf sein.“

            „Wo hast du deine zwei Gemälde gefunden?“, fragte sie und las die Antwort in seinen Augen, als er schwieg. „Du hast sie gekauft? Oh, Luke.“

            Zu einem horrenden Preis von einem schlauen Händler, der genau gewusst hatte, was er besaß. Und Jess schien sofort erfasst zu haben, dass er eine Verbindung zu seiner Mutter gebraucht hatte – etwas, das einen Teil ihrer Seele offenbarte.

            Luke leerte sein Glas. „Ja.“

            Als er den Ausdruck von Mitleid in ihren Augen sah, verspannte sich sein ganzer Körper. Er wollte etwas von ihr, aber ganz bestimmt kein Mitleid. Zornig blickte er sie an. „Bemitleide mich nicht.“

            Jess sprang auf und schüttelte den Kopf. „Das tue ich nicht. Ich halte dich für einen der stärksten und am meisten in sich ruhenden Menschen, denen ich je begegnet bin. Du bist klug, einfallsreich und psychisch robust.“ Plötzlich spitzte sie die Ohren. „Ich liebe diesen Song. Tanzt du mit mir?“

            Überrascht von dem Themenwechsel schaute er auf die leere Tanzfläche. „Jetzt?“

            „Ja.“ Sie streckte die Hand aus. „Was ist? Bist du ein feiges Huhn?

            Lächelnd führte Luke sie zur Tanzfläche. Dort umfasste er ihre Hüften und legte die Wange an ihre Schläfe. Und während sie langsam zu dem romantischen Song tanzten, flüsterte er ihr ins Ohr: „Erinnerst du dich, was beim letzten Mal geschehen ist, als du mich ein feiges Huhn genannt hast?“

            „Ich fand mich am Ende halb nackt gegen die Wand gedrückt wieder“, sagte sie leise, und ihr zärtlicher, verheißungsvoller Ton ließ sein Blut noch schneller pulsieren.

            „Bist du bereit, es zu riskieren, dass es noch mal passiert?“, fragte er, und sie sah ihn mit verführerischem Blick an. Es war ihm Antwort genug.

Kaum hatten sie die Bar verlassen, begann Luke, Jess zu küssen. Im Nu hatte er sie gegen eine Mauer in einem Hauseingang gedrängt. Während sie sich leidenschaftlich küssten, schob er die Hände unter ihre Jacke und in den Bund der Hose und spürte schließlich ihre weiche Haut.

            Du willst es und brauchst es, machte Jess sich klar. Und wenn sie es tun wollte, musste sie sich ganz dem Moment hingeben und zu denken aufhören. Sie sollte einfach die Nähe dieses Mannes genießen, der jeden einzelnen Nerv in ihrem Körper zum Vibrieren brachte.

            Jess schaltete den Verstand aus und fühlte nur noch. Begierig fing auch sie an, Luke zu erforschen. Sie zog ihm das Hemd aus der Hose und streichelte über seine herrlich muskulöse Brust. Dann ließ sie die Hände tiefer gleiten, um seinen Waschbrettbauch zu erkunden. Als sie schließlich ihre Finger unter den Bund schob, stöhnte Luke auf, stützte sich an der Mauer ab und sah Jess an.

            „Wir können es nicht hier machen.“

            „Dann solltest du mich vielleicht nach Hause fahren.“

            „Das klingt nach einem exzellenten Plan.“

 

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