Weingut der Liebe - 8. Kapitel

  1. KAPITEL

Jess stellte sich am nächsten Morgen schlafend, als Luke leise aufstand und ins Bad verschwand. Es würde also kein morgendliches Kuscheln geben. Dem Himmel sei Dank. Sie setzte sich auf, zog die Decke hoch und lehnte sich gegen das Kopfende des Bettes. Was in aller Welt hatte sie getan?

            Sie rieb sich das Gesicht. Luke war ein fantastischer Liebhaber gewesen. Zärtlich und fordernd, dabei aber auch gleichzeitig sanft und beherrscht. Es war ein atemberaubendes Erlebnis gewesen.

            Aber es würde zu keinem zweiten Mal kommen, denn sie hatte ihre Gefühle nicht mehr im Geringsten unter Kontrolle. Wenn er sie voller Leidenschaft ansah, war sie einfach nur machtlos.

            Und zudem pulsierte das verflixte Kuschelhormon in ihrem Körper und ließ ihre innere Stimme flüstern: „Es könnte eine stilvolle Hochzeit werden. Er kann sich eine Kutsche leisten.“

            Warum war sie bloß so dumm gewesen, mit ihm zu schlafen? Jess ließ den Kopf nach vorn sinken. War vielleicht mehr als bloße körperliche Anziehungskraft im Spiel? Sie fühlte sich nämlich ungeschützt und verletzbar und hatte Angst.

            Sie durfte nicht erneut mit Luke schlafen. Wenn schon eine gemeinsame Nacht sie so aus dem Gleichgewicht brachte, würde sie nach einer Woche total durch den Wind sein. Und wahrscheinlich bis über beide Ohren in ihn verliebt. In einen Mann, der nicht das Gleiche für sie empfand. Nein, dazu durfte es nicht kommen.

            „Du bist wach, und ich sehe dir förmlich an, wie deine Gedanken schon wieder in deinem kleinen Köpfchen kreisen.“ Luke fand, dass Jess noch nie bezaubernder ausgesehen hatte – und abweisender.

            „Luke, ich …“

            Er band das Handtuch fester um die Hüften, ging zum Fenster und öffnete die Vorhänge. Ihm war klar, was sie sagen wollte: Letzte Nacht war ein Fehler.

            „Wir können es nicht wieder tun.“

            Selbst wenn er ihre Ansicht teilte, hatte er gerade das Gefühl, geohrfeigt worden zu sein. Er stützte sich auf die Fensterbank und schaute nach draußen. „Okay.“

            „Mehr sagst du nicht dazu?“, fragte sie ärgerlich.

            „Du hast erklärt, dass wir es an dieser Stelle beenden sollten. Ich habe zugestimmt. Hast du erwartet, dass ich mit dir diskutiere? Dich zwinge? Dich anflehe?“

            „Nein. Ich dachte, du hättest vielleicht eine Meinung dazu.“

            Dass es der beste Sex seines Lebens gewesen war? Dass es ihn umgehauen hatte? Dass er sich Jess auch noch in seinem Bett vorstellen konnte, wenn sie alt und grau waren?

            Er hörte, dass sie aufstand, und sah über die Schulter. Bei ihrem splitterfasernackten Anblick wurde ihm schon wieder ganz heiß. Sie ging zu seinem Schrank, holte sich ein Shirt heraus und streifte es über. Der Großteil ihrer Sachen lag verstreut im Flur und auf der Treppe, denn er hatte sie ihr bereits auf dem Weg ins Schlafzimmer ausgezogen.

            „Dann gibt es wohl nichts weiter zu sagen.“ Sie hob das schwarze Nichts von Slip auf, den er in seiner Leidenschaft zerrissen hatte. „Außer dass du mir einen neuen Tanga schuldest.“

„Sorry, aber da fehlt etwas.“ Jess schaute Sbu kritisch an. „Machen wir eine kurze Pause.“ Sie hatten schon mehrere Stunden gedreht. Es ging darum, Luke im Kreise seiner Familie und Freunde zu zeigen. Sei es beim Essen, beim Schachspielen oder bei einem Glas Wein vor dem Kamin.

            Eilig verließ Luke den Salon des Herrenhauses und verschwand gleich nebenan ins Arbeitszimmer, um allein zu sein. Es war weitestgehend seine Schuld, dass es anders als gestern heute nicht besonders gut lief. Er war angespannt und nervös, und Sbu meinte, er würde später auf die Zuschauer gereizt und ärgerlich wirken.

            Vermutlich deshalb, weil ich es auch bin, zischte er leise vor sich hin. Man wollte ihn locker in fröhlicher Runde in seinem Zuhause aufnehmen. Nur war er im Moment ganz und gar nicht locker und dies auch nicht wirklich sein Zuhause. Mit diesem Haus hatte er sich nie verbunden gefühlt. Dafür hatte sein Vater gesorgt.

            Und dass Jess und er genauso wie tags zuvor nur das Nötigste miteinander redeten, erleichterte ihm die Situation auch nicht gerade. Es war unendlich schmerzhaft, das zu spielen, wovon er als Kind immer geträumt hatte. Der Gedanke an die fantastische Nacht mit Jess half ihm halbwegs, es durchzustehen. Er hatte nicht nur körperlich, sondern auch geistig mit ihr eins sein wollen. Und er würde gern erfahren, was ihre geheimen Hoffnungen waren, ihre größten Ängste und ihre frühesten Erinnerungen.

            Seine Exfrau hatte ihm immer vorgeworfen, er sei bindungsgestört. Weil seine Mutter ihn verlassen und sein Vater sich ihm entzogen habe, würde er sich nicht gefühlsmäßig auf jemanden einlassen können und andere auf Abstand halten. Sie hatte recht gehabt. Aber seit der gemeinsamen Nacht mit Jess war es anders, und das machte ihm Angst.

            Er konnte es sich nicht leisten, Jess emotional nahe zu sein. Wenn er es tat und sie ihm den Rücken kehrte, würde er sich davon womöglich nicht wirklich wieder erholen.

            „Luke?“

            Er drehte sich um und sah sie im Türrahmen stehen. Entschlossenheit spiegelte sich in ihren Gesichtszügen. Sie hatte die Leute heute erbarmungslos gefordert und sich als totaler Kontrollfreak aufgeführt.

            „Wir sind so weit. Sbu und ich haben das Storyboard umgeschrieben.“

            Aber er hatte genug. Er würde nicht erneut das perfekte Leben mimen. Sein Vater hatte geschauspielert, solange er denken konnte. Wenn andere dabei gewesen waren, hatte Jed sich ihm gegenüber immer liebevoll gezeigt. Sobald sie jedoch allein gewesen waren, hatte er ihn schrecklich behandelt. Es reichte ihm ein für alle Mal.

            „Aber ich bin nicht so weit.“

            „Luke, Sbu kostet mich ein Vermögen“, erklärte Jess. „Er rechnet stundenweise ab, weshalb ich schon jetzt ordentlich Geld verbrenne. Können wir also weitermachen?“

            Er spürte, wie er langsam wütend wurde. „Du wälzt die Kosten doch sowieso auf mich ab. Also komm mir nicht so. Für heute ist Feierabend. Und belass es dabei, Jess.“

            Sie funkelte ihn an. „Was ist los mit dir? Nebenan sind Schauspieler und eine ganze Filmcrew. Alle warten auf dich. Lass es uns einfach über die Bühne bringen.“

            „Was mit mir los ist? Was ist mit dir los?“ Luke wurde lauter. „Wie konntest du mir das antun? Sind dir Auszeichnungen für Werbekampagnen wichtiger als die Gefühle der Menschen?“

            „Wovon redest du?“

            Sie wusste es ehrlich nicht. Luke meinte, ein Messer würde sich ihm in die Brust bohren. Wie konnte die Frau, der er sich je am verbundensten gefühlt hatte, nicht erkennen, wie schwierig das Ganze für ihn war? Luke ging an ihr vorbei und schloss die Tür.

            „In diesem Haus die fröhliche Familie zu geben ist mein schlimmster Albtraum. Vorzutäuschen, ich hätte hier glücklich gelebt, bringt mich um. Dies ist das Arbeitszimmer meines Vaters. Hast du eine Ahnung, wie häufig er mir hier mit einem Gürtel den Hintern versohlt hat?“

            „Ich dachte …“

            „Nimm die Ecke, in der wir vorhin Schach gespielt haben. Dort habe ich ihn erwischt, wie er mit meinem Lieblings-Au-pair-Mädchen geschlafen hat. Sie hat am nächsten Tag ihre Koffer gepackt. Ich war sieben Jahre alt und glaubte, meine Welt würde zusammenbrechen.“

            Mit einem Mal schlug Jess die Hände vors Gesicht und begann zu schluchzen. Luke stürmte zu ihr und riss ihr die Hände herunter. Tränen standen ihr in den Augen. Was ihn nur noch wütender machte. Er hatte dies noch niemandem erzählt und konnte sich auch weiterhin nicht bremsen.

            „Das Bild über dem Kamin! Der Rahmen ist an einer Ecke beschädigt. Als ich fünfzehn war, hat er ein Glas nach mir geworfen, das erst meine Wange getroffen hat und danach den Bilderrahmen. Möchtest du noch mehr hören?“

            „Nein. Es tut mir leid … so leid … Ich habe nicht nachgedacht.“

            Luke wandte sich zornig von ihr ab. „Ich wusste, dass es falsch war, dir den Zuschlag zu erteilen. Ich wusste, dass es von Anfang an falsch war, dich erneut in mein Leben zu lassen. Ich wusste, dass ich es bereuen würde.“

            Jess schluchzte erneut auf, und Luke meinte fühlen zu können, wie jenes Messer in seiner Brust augenblicklich sein Herz durchbohrte. Er drehte sich um und sah, dass Jess am ganzen Körper zitterte. Leise fluchte er und widerstand dem Drang, sie zu umarmen und zu trösten, die Verletztheit wegzustreicheln und die Einsamkeit und Verwirrung durch Leidenschaft zu ersetzen …

            Wollte er dies bei ihr tun, oder wünschte er es sich von ihr? Eines war jedoch sicher: Das Filmen war für heute vorbei. Er verschränkte die Hände hinterm Kopf und senkte die Stimme.

            „Schick die Leute weg, Jess, und lass mich allein. Okay?“

            Sie nickte und ging. Und wie er es schon immer als Kind gemacht hatte, verschwand er danach schnellstmöglich aus dem Arbeitszimmer seines Vaters.

Ich bin ein schrecklicher Mensch, dachte Jess, als sie in Shorts einen Feldweg auf dem Weingut entlangjoggte. Wie hatte sie sich so in den Job verbeißen und Luke aus dem Blick verlieren können? Er hatte ihr ein wenig von seinem Vater erzählt und auch, dass er sich hier nie willkommen gefühlt hatte. Aber sie war so von dem imposanten Herrenhaus und St Sylve geblendet gewesen, dass sie Lukes Empfindungen ignoriert oder als lapidar abgetan hatte.

            Als sie das Storyboard verfasst hatte, hatte sie noch geglaubt, sie würde für die Kampagne vielleicht eine Auszeichnung erhalten. Dafür Lukes Gefühle zu verletzen war es ganz sicher nicht wert.

            Genervt von sich selbst, begann Jess, schneller zu laufen. Sie musste ihren Ärger irgendwie loswerden. Außerdem hallten Lukes Worte pausenlos in ihrem Kopf wider. Ich wusste, dass es falsch war, dich erneut in mein Leben zu lassen.

            Sie erhöhte das Tempo weiter. Nur am Rande nahm sie wahr, dass es allmählich dunkel wurde und sie sich auf einem ihr unbekannten Terrain von St Sylve befand. Zudem wurde der Weg immer steiniger.

            Irgendwie musste sie die Sache mit Luke ins Reine bringen. Dafür war er ihr viel zu wichtig. Sie musste sich bei ihm entschuldigen und – wenn nötig – zu Kreuze kriechen. Sie würde ihn fragen, ob sie versuchen könnten, wieder Freunde zu sein, und ihm begreiflich machen, dass sie zuweilen gedankenlos war, aber von Natur aus nicht gemein.

            Jess war völlig in Gedanken versunken, als sie plötzlich auf einem Stein ausglitt, aufschrie und die Arme gerade noch nach vorne strecken konnte, während sie fiel. Ihre Hände schrammten über den Boden, bevor sie mit den Knien unsanft aufschlug und sich an einem spitzen Felsen das Schienbein verletzte. Deutlich spürte sie, wie das warme Blut an ihrem Bein hinunterlief.

            Wahrscheinlich hast du genau das verdient, dachte sie, hielt sich das schmerzende Bein und weinte wie ein Kind.

Wo war Jess? Luke schaute auf die Armbanduhr. Es war kurz nach sechs. Draußen war es dunkel und windig, und es regnete. Vor gut zwei Stunden hatte er sie zum Joggen aufbrechen sehen. Aber jetzt brannte im Herrenhaus immer noch kein Licht.

            Beunruhigt streifte er die Jacke über und ergriff eine Taschenlampe. Nicht dass er wusste, wo er sie suchen sollte. Als er die Hintertür öffnete, stürmten seine Hunde auf ihn zu, und weiter hinten erblickte er zu seiner großen Erleichterung Jess, die sich langsam näherte.

            „Wo in aller Welt bist du gewesen?“

            „Ich bin beim Joggen auf einem Feldweg gestürzt.“

            Als sie näher kam, bemerkte er, dass ihre Kleidung verschmutzt war und sie einen breiten dunklen Striemen am Bein hatte. War es etwa Blut?

            Auch wenn es jetzt in Strömen regnete, eilte er zu ihr und ging vor ihr in die Hocke. Er umfasste ihr Bein und fluchte, als er die Wunde sah, aus der Blut quoll. „Was hast du gemacht?“ Er spürte, dass sie zitterte, und hörte ihre Zähne aufeinanderklappern.

            „Ich bin ausgerutscht und gestürzt.“

            Luke hob sie hoch und trug sie ins Haus. Ob die Wunde genäht werden musste, würde er erst bei näherer Betrachtung sagen können. Hoffentlich nicht, denn draußen schien sich ein schweres Unwetter zusammenzubrauen. Im Schlafzimmer setzte er Jess behutsam aufs Bett.

            „Mir ist so kalt.“

            Luke strich ihr das nasse Haar aus dem Gesicht und hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn. „Ich hole dir etwas Warmes zum Anziehen. Bleib hier ruhig sitzen.“

            Er drehte die Heizung höher und kam wenig später mit einem Erste-Hilfe-Kasten und einem Kaschmirpulli zurück. Und nachdem er sie von den nassen Sachen befreit und abgetrocknet hatte, streifte er ihn ihr über. Anschließend schlang er ihr noch ein Handtuch um die Haare.

            „Luke, ich muss dir etwas sagen.“

            Er sah die Qual in ihren Augen. Zweifellos machte sie sich genauso viele Vorwürfe wegen des Zwischenfalls von vorhin wie er. Luke musste sich unbedingt bei ihr entschuldigen. Aber nun war nicht der richtige Zeitpunkt für ein Gespräch. Er wollte ihr Kinn umfassen und erkannte im letzten Moment, dass das, was er für einen Schmutzfleck gehalten hatte, in Wirklichkeit Blut war.

            „Lass uns die Unterhaltung auf später verschieben. Jetzt muss ich dich erst einmal verarzten.“

            „Das kann ich selbst. Du brauchst dich nicht …“

            Zärtlich ließ er seine Hand über ihre Wange gleiten. „Wir wissen beide, was für eine Powerfrau du bist. Aber lass mich das für dich machen. Okay?“

            „Okay.“

            Als er ihr die Sachen ausgezogen hatte, waren ihm auch die aufgeschrammten Handflächen und die Abschürfungen an dem anderen Bein aufgefallen. Es gab viel zu tun. Also befeuchtete er einen sauberen Waschlappen, platzierte die Box mit Papiertüchern griffbereit und setzte sich neben den Erste-Hilfe-Kasten auf den Boden. Dann stellte er ihren Fuß auf seinen Schenkel und spürte, wie steif er war.

            „Entspann dich, Jess.“

            „Ich bin es nicht gewohnt, umsorgt zu werden. Vor allem nicht von einem Mann. Mein Vater war zumeist in seiner eigenen Welt und hat es meiner Mutter überlassen, meine Tränen zu trocknen. Und meine Brüder haben mir im Allgemeinen erklärt, ich solle nicht so viel Aufhebens machen und zu jammern aufhören.“

            „Und dein Ex? Bist du nie mal krank gewesen und musstest gepflegt werden?“ Behutsam wischte er das Blut mit dem Waschlappen fort.

            „Nein, und ich war diejenige, die sich gekümmert hat. Darin bin ich gut. Und du bist es auch.“

            „So?“ Sie sollte nur weiterreden, das lenkte sie von den Schmerzen ab.

            „Du tust ungebeten Sachen für mich. Du prüfst den Druck in meinen Autoreifen, klebst den Absatz an meinem Schuh an …“

            Und das bereitete ihr Schwierigkeiten. Sie war es nicht gewohnt, Hilfe anzunehmen. Wenn sie Hilfe gab, hatte sie die Situation unter Kontrolle und das Sagen. „Wenn du ein Problem hast, werde ich versuchen, es zu lösen. Das liegt in meiner Natur. Und längst nicht bloß in meiner. Hör auf, alles und jedes kontrollieren zu wollen, mein kleiner Kontrollfreak.“

            „Ich bin kein … Verflixt, natürlich bin ich das. Mensch, das Bein tut weh. Darf ich weinen?“

            „Ja.“ Zärtlich strich Luke ihr über die Wade und wusch den Waschlappen aus.

            „Watte wäre vielleicht besser“, meinte sie, als sie die Tränen wegwischte. „Du bekommst das Blut möglicherweise nicht wieder raus.“

            „Egal. Außerdem habe ich keine.“

            „Aber ich. Drüben.“

            „Ich werde sie bestimmt nicht bei dem ungemütlichen Wetter da draußen holen, wenn es auch anders geht.“ Erneut widmete er sich ihrem Bein. Die Wunde war sieben oder acht Zentimeter lang und sehr tief. Unwetter hin oder her, er würde Jess zum Arzt fahren müssen.

            „Die Wunde muss genäht werden.“

            „Nein. Kleb ein Pflaster drauf, und fertig.“

            „Jess, das reicht nicht. Ich kann versuchen, sie mit Klammerpflastern zu schließen, oder wir müssen zum Arzt.“

            „Dann klammer sie“, erklärte sie nach einem Blick zum Fenster, gegen dessen Scheiben der Regen trommelte.

            Ja, das dürfte er schaffen. Und morgen früh würde er sie gleich zu Doc Dan bringen, damit er das Bein anschaute. „Okay.“

            Jetzt kam für Jess der schmerzhafteste Teil, wie er aus Erfahrung wusste. Er musste die Wunde desinfizieren. Und weil sie dabei vielleicht umkippen würde, forderte er sie auf, sich zu ihm auf den Boden zu setzen.

            „Warum?“

            „Vertrau mir einfach. Okay?“

            Widerwillig tat sie es, während er das Fläschchen mit dem Peroxid aus dem Kasten nahm. Dann sah er zum Fenster und neigte leicht den Kopf. Als Jess neugierig seinem Blick folgte, schüttete er schnell etwas von der Flüssigkeit in die Wunde.

            Er zuckte zusammen bei ihrem Aufschrei und hörte sie zwischen dem Schluchzen fluchen. Trotzdem durfte er kein Erbarmen mit ihr haben und raffte sich auf zur zweiten Runde.

            „Du gemeiner Mistkerl“, stieß sie hervor, sobald sie wieder atmen konnte. Tränen liefen ihr über die Wangen.

            Er träufelte etwas von der Lösung auf ein Papiertuch und wischte damit schnell über die Abschürfungen an dem anderen Bein. Dann schnappte er sich die Hand, die ihn ohrfeigen wollte, drehte sie um und desinfizierte die Innenfläche.

            Luke kam sich wie ein Ekel vor, als er auch die andere Hand haben wollte. Widerstrebend gab Jess sie ihm und blickte nach oben, während er sie mit einem neuen Tuch desinfizierte.

            „Jetzt fehlt nur noch das Kinn“, sagte er schließlich, und sie fügte sich und hielt es ihm hin. „Fertig.“ Er ließ das Tuch fallen, umfasste ihr Gesicht und küsste sie auf die Nasenspitze. „Tapferes Mädchen. Bist du okay?“

            „Nein“, antwortete Jess schniefend.

            Luke wischte ihr mit einer Ecke des Handtuchs, das sich von ihren Haaren gelöst hatte, die Tränen weg und hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn. Danach begann er, die Wunde zu klammern. Nachdem er sie dann noch mit einer Mullbinde umwickelt hatte, stand er auf und half Jess auf die Beine.

            „Spannen die Klammern?“

            Kaum hatte sie den Kopf geschüttelt, hob er sie hoch und setzte sie wieder aufs Bett. Er holte ein Glas Wasser aus dem Bad und reichte ihr zwei Schmerztabletten.

            „Ich hasse Tabletten. Aber heute mache ich eine Ausnahme.“ Sie schluckte beide, stellte das leere Glas auf den Nachttisch und streckte sich aus.

            „Was sollen wir den restlichen Abend lang tun?“ Luke ließ sich auf der Bettkante nieder. „TV schauen? Schach spielen? Wilden Sex haben?“

            Jess lächelte matt und gähnte. „Ich bin so müde.“

            „Vermutlich weil der Adrenalinspiegel sinkt. Schlaf eine Runde.“ Er stand auf. „Und ruf mich, wenn du etwas brauchst.“

            „Danke. Aber bevor du gehst, möchte ich mich bei dir entschuldigen. Ich war egoistisch und rücksichtslos. Es tut mir unendlich leid.“

            Luke fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Und ich habe einiges gesagt, was ich nicht hätte sagen sollen. In deiner Nähe scheint vieles an die Oberfläche zu kommen.“

            Jess schloss die Augen. „Ich bin nur traurig, dass du unser Wiedersehen bedauerst. Es war nicht meine Absicht, deine Welt auf den Kopf zu stellen.“

            Er beugte sich zu ihr und stützte die Hände neben ihren Schultern auf. „Das hast du, und so bist du. Und du weißt, dass ich genau diese Bemerkung nicht ernst gemeint habe. Ich bedaure es keine Sekunde.“

            Sie blickte ihn mit großen Augen an. „Sind wir dann wieder Freunde?“

            Luke küsste sie zärtlich auf den offenen Mund, bevor er sich wieder aufrichtete. „Wahrscheinlich nicht. Aber wir sind sicher irgendetwas. Versuch, jetzt zu schlafen.“

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