Die schöne Heilerin - Kapitel 13

13. Kapitel

Ihr Onkel traf am Mittag des folgenden Tages ein. Madeleine stand neben Alexander und verfolgte, wie er über den Außenhof in die Burg einritt. Sie wollte auf ihn zueilen, doch Alexander hielt sie zurück.

     „Wartet.“

     Sie erstarrte, gehorchte aber, denn sie spürte plötzlich die eisige Aura von Gefahr, die von ihm ausging. Seine Hand ruhte leicht auf dem Heft seines Schwertes.

     „Willkommen, Aidan“, begrüßte er den ersten Mann der Eskorte und gab ihm das Zeichen abzusitzen. „Gab es Schwierigkeiten?“

     „Nein, Laird. Falstone hält sich in London auf.“

     „Aus welchem Grund?“

     „Um sich dieses Mal an den englischen König zu wenden, da David ihm ja kein Gehör schenkt, und um die Rückkehr von Lady Randwick auf diesem Weg einzufordern.“

     Alexander richtete seinen Blick auf den alten Mann auf dem weißen Pferd. Ein stolzes, markantes Gesicht mit Augen, die seiner Überprüfung gelassen standhielten. Ein Hoffnungsfunke stieg in ihm auf. „Ihr seid Goult of Kenmore?“

     „Der bin ich.“ Die dunklen Augen tränten wegen des kalten Windes.

     „Seid willkommen auf Ashblane.“

     „Ich danke Euch, Laird Ullyot.“

     „Geleite ihn in meine Gemächer, Aidan, und sorge dafür, dass ihn seine Nichte ungestört begrüßen kann.“ Jetzt ließ er Madeleines Hand los, und sie eilte auf ihren Onkel zu, der inzwischen vom Pferd gestiegen war und weit die Arme ausbreitete.

     Alexander beobachtete, wie sie ihn umarmte und dann mit den Fingern die feinen Linien seines Gesichts nachzeichnete. Das war nicht nur einfach eine freundliche Geste, diese beiden Menschen empfanden sichtlich Liebe füreinander.

     Plötzlich war er gespannt, wie es wohl sein würde, sich mit einem Mann zu unterhalten, der Madeleine Randwick von klein auf kannte.

„Ihr habt mit niemandem über Jemmies Abstammung gesprochen?“, fragte Alexander ruhig, als er eine Stunde später ganz allein mit Goult und Madeleine in seinem Gemach saß.

     „So ist es.“

     „Hat Noel je nach Jemmie gefragt?“

     „Einmal, ja.“

     „Vor Kurzem erst?“

     „Ja.“

     „Aber Ihr habt ihm nichts gesagt.“

     „Kein Wort.“

     „Wo wurde das Kind geboren?“

     „In Vorpeth, bei Josephine de Cargne.“

     „Eure Großmutter, Madeleine?“, wandte Alexander sich an sie.

     „Ja. Sie lebt dort mit ihrem zweiten Gemahl, Baron Robert Anthony.“

     „Anthony …“ Er grübelte nun über den Namen. „Der Anthony aus der Schlacht von Halidon Hill?“

     „Ja.“

     „Dann ist er also ein tüchtiger Krieger?“

     „Ja.“ Sie versuchte, sich nichts von ihrer Sorge anmerken zu lassen, aber es gelang ihr nicht. Alexander horchte auf.

     „Ihr glaubt, er könnte seinen Besitz nicht verteidigen?“

     „Nein, Mylord. Nur – er ist inzwischen alt geworden, und meine Großmutter hat keinen so großen Einfluss mehr wie früher.“

     „Einfluss?“

     „Bis vor zehn Jahren war sie Kammerfrau am englischen Hof. Die Verbindung zur königlichen Familie hat sie immer geschützt.“

     „Und jetzt nicht mehr?“

     „Man hatte bei ihr ein Halsband gefunden, das Königin Philippa gehörte, und bezichtigte sie daher des Diebstahls. Da sie aber so viele Jahre treu gedient hatte, spielte man den Vorfall herunter, und sie wurde nur entlassen.“

     „Glaubt Ihr, dass sie es getan hat?“

     „Ich würde gern verneinen, Mylord, aber Großmutter hatte immer eine Schwäche für schöne Dinge. Manchmal nahm sie auch den Schmuck meiner Mutter.“

     „Also ist sie doch eine Diebin?“

     Madeleine senkte den Kopf. So bei Tageslicht betrachtet nahm das Vergehen plötzlich ein Ausmaß an, das ihr bislang nicht bewusst gewesen war, und sie bedauerte, dass ausgerechnet Alexander davon erfahren musste. Ihre Großmutter war eine Diebin, ihre Mutter eine Dirne und ihre Schwester ein Kind der Liebe, dessen bloße Existenz eine große Gefahr darstellte. Voller Unbehagen sah sie, wie Goult zum Sprechen ansetzte.

     „Noel will seine Schwester zurück, und ich habe gehört, dass er gesagt hat, nichts und niemand werde ihn daran hindern.“

     „Niemand außer mir.“ Eine unverhohlene Belustigung schwang in Alexanders Stimme mit, und als Madeleine Goult lächeln sah, empfand sie ein eigenartiges Glücksgefühl. Schon so lange hatte ihr Onkel nicht mehr gelächelt, und sie segnete Alexander im Stillen dafür, dass er es bewirkt hatte.

     Seine nächsten Worte überraschten sie jedoch. „Ich möchte, dass sowohl Ihr als auch Jemmie mir versprecht, Euch nicht mehr außerhalb der Burgmauern aufzuhalten. Es wäre nicht gut für Euch, wenn Euch dort jemand beobachten sollte.“

     „Aber manchmal muss ich Kranke unten in den Hütten behandeln! Wenn Ihr so besorgt seid, könnte mich ja vielleicht eine Wache begleiten?“

     „Nein. Lasst die, die krank sind, hinauf in die Burg schaffen.“ Sein Tonfall verriet, dass er keinen Widerspruch duldete.

     „Du hast wieder zu heilen angefangen, Lainie?“ Alexander sah auf, als er diesen Kosenamen aus Goults Mund vernahm. „Ich habe mir schon gedacht, dass Ihr sie nicht lange davon würdet abhalten können, Laird Ullyot, es ist einfach ihre Gabe zu heilen.“

     „Das ist wahr. Ich war ihr erster Patient hier, nachdem ich mir den Arm in der Schlacht bei Heathwater ausgekugelt hatte.“

     „Und trotzdem gestattet Ihr ihr, hier in der Burg ihre Heilkunst auszuüben? Noel konnte Magie in seiner unmittelbaren Umgebung noch nie ertragen. Er ist wohl ein zu kleiner Mann, würde ich sagen. Zu engstirnig. Er erlaubte ihr, sich um seine Männer auf dem Schlachtfeld zu kümmern, aber das war auch alles.“ Goults Augen wurden ganz schmal, während er Madeleine betrachtete, und sie wusste warum. Sie fing schon an, sich Sorgen zu machen, noch ehe Goult den Blick wieder auf Alexander richtete. „Könnten wir miteinander reden, Laird Ullyot?“

     Alexander nickte.

     „Ohne meine Nichte“, fügte Goult hinzu und wartete ab.

     „Nein, ich möchte mit anhören, was …“ Als beide Männer sich zu ihr umdrehten und sie streng ansahen, verstummte sie. Gegen so viel männliche Entschlossenheit kam sie nicht an, daher verließ sie das Gemach, sorgte allerdings dafür, dass die Tür nicht hinter ihr ins Schloss fiel.

     Goult strich sich nachdenklich über den langen weißen Bart, ehe er seine Frage stellte. „Wer war Euer Vater, Laird Ullyot?“

     Noch nie hatte ihn jemand so direkt danach gefragt, und Alexander glaubte beinahe, sich verhört zu haben. Er schwieg.

     Als Goult merkte, dass er keine Antwort erhalten würde, fuhr er fort: „Madeleines Großmutter besitzt einen Brief, der bestätigt, dass Jemima ein Abkömmling des Königs von Schottland ist. Sollte dieser Brief je an den englischen oder auch schottischen Hof gelangen, wäre Jemmies Leben verwirkt.“

     „Wie lange bewahrt Josephine diesen Brief schon bei sich auf?“

     „Seit elf Jahren, also seit der Geburt des Kindes. Leider ist sie jedoch schwer erkrankt, man rechnet damit, dass sie den kommenden Winter nicht überlebt. Wenn sie stirbt, geht ihr Hab und Gut in den Besitz ihres ältesten Enkels über – Noel Falstone.“

     „Verdammt.“

     „Das sehe ich ganz genauso, Laird Ullyot, aber da gibt es noch ein anderes Problem. Keine Armee, auch wenn sie noch so klein ist, kann unbemerkt so weit nach England hineinreiten. Ihr könntet nur ganz wenige Männer schicken, den Brief von dort zu holen, und die müssten absolut vertrauenswürdig sein.“

     Alexander überhörte die letzte Bemerkung des alten Mannes. Goult war Engländer. Er würde nicht verstehen, welche Beleidigung er da eben geäußert hatte, und so war es wohl besser, die Zweifel an der Vertrauenswürdigkeit seiner Männer englischer Unwissenheit zuzuschreiben, als darauf einzugehen. Alexander wechselte das Thema. „Weiß Madeleine von dem Brief?“

     „Nein.“

     „Dann sagt ihr auch nichts darüber. Sie kommt auf die aberwitzigsten Einfälle, wenn es um das Wohl ihrer Schwester geht.“ Alexander glaubte, die Andeutung eines Lächelns auf Goults Zügen zu erkennen und ihm schwante nichts Gutes. Er wusste, welche Frage ihm Goult als Nächstes stellen würde.

     „Könntet Ihr den Brief in Euren Besitz bringen und ihn dann vernichten?“

     „Es wäre sehr gefährlich.“

     „Ich erwarte auch nicht, dass Ihr das umsonst tut.“

     „So?“

     „Nein, ich würde Euch großzügig mit Land entlohnen.“

     Alexander lachte. „Ihr versprecht mir die gleichen Reichtümer wie Eure Nichte vor einiger Zeit. Ihr antwortete ich damals, dass ein toter Mann kein weltliches Vermögen mehr benötigt.“

     „Und was ist mit einem Vermögen in Form von Schafen?“

     „Ihr haltet Schafe auf diesen Ländereien?“

     „So ist es, Mylord. Eine Herde, deren Größe der der Hungerfords im Hügelland oberhalb von Sarum in nichts nachsteht, und einen florierenden Absatzmarkt für Wolltuch auf dem Kontinent noch dazu. Wenn Ihr heute Nacht aufbrecht, könntet Ihr in einer Woche zurück sein. Ich werde inzwischen an Eurer Stelle für Madeleines und Jemimas Sicherheit sorgen.“ Er nahm das Medaillon ab, das er an einer Kette um den Hals trug. „Ich werde Euch natürlich den Weg nach Vorpeth genau beschreiben, aber damit Josephine glaubt, dass Ihr wirklich der seid, für den Ihr Euch ausgebt, werdet Ihr ihr das hier geben müssen. Sagt ihr, Goult hätte Euch geschickt und dass Eleanors Töchter sich in Sicherheit auf Eurer Burg Ashblane befinden.“ Goults Lächeln war ebenso beunruhigend, wie seine nächsten Worte es waren. „Ich habe gehört, Ihr seid ein Ehrenmann, Laird Ullyot. Und wenn tatsächlich Bruce-Blut in Euren Adern fließt, dann wäre Jemima eine Art Cousine von Euch. Habt Ihr das schon bedacht?“

     Stirnrunzelnd streckte Alexander die Hand nach dem Medaillon aus. Cousine hin oder her, er konnte es einfach nicht zulassen, dass eine kriegslüsterne Meute ein Kind in Stücke riss. Als Goult nickte, wurde ihm klar, dass er der Listigkeit eines alten Mannes auf den Leim gegangen war. Und er wusste auch, dass er selbst sich nicht wegen der Aussicht auf Reichtümer auf den gefährlichen Weg machen würde.

Quinlan, der gerade sein Schwert an einem Eisenstein schliff, erschauerte und machte ein fassungsloses Gesicht. „Ich kann es einfach nicht glauben, dass das dein Wunsch ist, Alexander. Sie ist eine englische Dirne, gejagt von mindestens der Hälfte aller unserer Feinde und verflucht von zwei Königreichen – und du hast vor, sie zu beschützen! Sie hat dich verhext, das ist es! Es ist diese verdammte Magie der de Cargnes, und dieses Mal bist du das Opfer. Siehst du das denn nicht? Und was soll jetzt diese Reise hinunter nach England? Willst du ihrer Großmutter einen Besuch abstatten, weil sie krank ist? Und was ist, wenn wir in deiner Abwesenheit die Burg nicht verteidigen können? Sollen Gillion und Katherine etwa sterben? Erwartest du wirklich, dass die Männer und Frauen auf Ashblane ihr Leben hergeben für die Schwester des Feindes?“

     „Nein. David wird erst nach Weihnachten kommen, so viel Zeit hat er mir gelassen.“

     Zu Quinlans Zorn gesellte sich Verwirrung. „Und wenn du stirbst?“

     „Dann musst du Ashblane halten, bis David da ist.“

     „Und wenn die anderen vor ihm kommen?“

     „Wehr sie ab und warte auf den König.“ Er zog seinen Siegelring vom Finger und gab ihn Quinlan. „Übergib diesen Ring David, zusammen mit allen Urkunden von Ashblane und schwöre ihm Gefolgschaft. Er wird keine Armee zerschlagen, die ihm treu ergeben ist, angesichts der doppelten Bedrohung durch Edward und die Kirche.“

     „Ich fasse immer noch nicht, dass du das wirklich tun willst. Du setzt alles aufs Spiel, was wir je …“

     Alexander ließ ihn nicht ausreden. „Du musst mir versprechen, für die Sicherheit von Madeleine, Jemmie, Gillion und Katherine zu sorgen.“

     „Ach, Jemmie nun also auch noch? Der Page?“, brauste Quinlan wütend auf, aber Alexander achtete nicht darauf.

     „Ich habe dich nie um etwas gebeten, was nicht wirklich wichtig für mich gewesen wäre, Quin. Glaub mir, wenn ich dir sage, dass das hier lebenswichtig für mich ist.“ Er war erleichtert, als der andere nickte. „Wenn die Lage hoffnungslos zu werden droht, lass sie alle vier von so vielen Kriegern wie du entbehren kannst nach Frankreich schmuggeln.“ Er sprach vollkommen ruhig, als er sich mit den Händen über das Haar strich und es mit einem Lederband zusammenfasste.

     „Großer Gott.“ Quinlan begann, im Gemach auf und ab zu gehen. „Können wir nicht einfach darauf hoffen, dass sie es irgendwann leid sind, uns wegen einer einzigen Frau zu belagern?“

     Alexander dachte an Jemmie und daran, wie schnell Gerüchte sich verbreiten konnten. Gier, Macht, Land. Dazu zwei Frauen, deren Abstammung die versammelten Feinde Schottlands auf den Plan rufen und den Thron in Edinburgh zum Wanken bringen konnte. Das durfte er nicht zulassen.

     Er schlug sich auf die Schenkel und stand auf, wobei sein Blick zufällig in den Spiegel fiel. Im Schein der Flammen war die Narbe, die seine Wange verunstaltete, deutlich zu sehen, und nicht zum ersten Mal wunderte er sich, dass Madeleine Randwick sie fast nie so anstarrte wie die meisten anderen Frauen.

     Er hatte in seinem Leben den Listen und Marotten der Frauen nie sehr viel Beachtung geschenkt. Alice war vier Jahre lang seine Gemahlin gewesen, und doch hatte er sie im Grunde kaum gekannt. Jede andere Liebschaft vor oder nach seiner Ehe war nur flüchtig und auch entbehrlich gewesen. Vor sich hin lächelnd zog er das Messer aus seinem Stiefel, nahm den Wetzstein vom Sims der Feuerstelle und begann, es zu schleifen. Wenn er ganz ehrlich war, hatte er nach Alices Tod kaum Zeit in weiblicher Gesellschaft verbracht. Fast fünf Jahre lang hatte er nun schon überwiegend wie ein Mönch gelebt, abgesehen von den wenigen Begegnungen mit Isabella. Der Krieg hatte seine ganze Kraft gefordert, und auch die Abgelegenheit von Ashblane war mit ein Grund dafür. Er hatte sich nicht mit den Mädchen aus den Familien seiner Gefolgsleute einlassen wollen; allerdings waren ihm bisweilen die Avancen der Wirtshausdirnen im Dorf recht willkommen gewesen. Oft war es jedoch nicht dazu gekommen, und danach hatte er sich nie befriedigt gefühlt.

     Keuschheit und Einsamkeit. Das war das zweischneidige Schwert eines Kriegers. Bis jetzt.

     Madeleine.

     Die Klinge rutschte vom Wetzstein ab und schnitt ihm tief ins Fleisch seiner linken Hand. Fluchend ließ er das Messer fallen und hob die Wunde an seinen Mund.

     Madeleine!

     Was sollte er bloß mit ihr anfangen? Allein der Gedanke an ihren Namen brachte sein Blut in Wallung, verdrängte die Leere in seinem Innern und stellte die Sicherheit der Burg auf eine Stufe mit seinen Bedürfnissen als Mann.

     Sie hierzubehalten und abzuwarten, was die englischen Barone anstellen würden, war sicher die vernünftigste Entscheidung. Vielleicht wichen sie ja zurück, wenn sie merkten, was er vorhatte, und gaben ihm so die Zeit, die er brauchte, um Madeleine und ihre Schwester in Sicherheit zu bringen.

     England.

     Gott, wie sehr er das feuchtkalte Tiefland hasste. Und er musste binnen einer Stunde dorthin aufbrechen.

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