Die schöne Heilerin - Kapitel 15

15. Kapitel

Sie begegneten keiner Menschenseele, als sie am nächsten Morgen durch die hügelige Landschaft ritten. Gegen Mittag hatte Madeleine nur noch den Wunsch anzuhalten und vom Pferd zu steigen, aber Alexander ließ sie beharrlich weiterreiten. Ab und zu entfernte er sich ein Stück von ihr und folgte eine Weile dem Grat eines höheren Berges. Zur Absicherung, wie sie später verstehen sollte, obwohl er ihr nie eine Erklärung für sein Tun gab. Tatsächlich verhielt er sich unerträglich distanziert. Überleben, Flucht, Tarnung – das war jetzt alles, worauf er sich konzentrierte. Immer wieder hielt er an, um zu lauschen oder in die Ferne zu spähen. Er überließ nichts dem Zufall, und seine Hand ruhte stets auf dem Heft seines Schwertes. Lautlos. Gefährlich. Wachsam. Madeleine spürte staunend die gebündelten Kräfte in seiner Aura.

     Als die Sonne genau über den am Horizont liegenden Bergen stand, führte er Madeleine hinunter zu einer Lichtung vor einer Felswand, und sie wunderte sich, warum er vom Weg abgewichen war. Wenig später verstand sie es, als etwa ein Dutzend Männer über die Kuppe des ihnen gegenüber liegenden Hügels ritten.

     „Das sind die Kerrs“, erklärte Alexander. „Es ist ihr Land, das wir gerade durchqueren, danach kommen wir nach England.“

     „Ihr wusstet, dass sie hier sind?“

     „Sie haben uns schon den ganzen Nachmittag beschattet.“ Er zog eine Lederschnur aus der Satteltasche und band sich das Haar zurück. Ein Messer steckte er in seinen Schulterbeutel, ein anderes, das Madeleine noch gar nicht gesehen hatte, in den Gürtel seines Tartans. Mit dem Breitschwert und der seitlich am Sattel befestigten Armbrust war er gut bewaffnet und zeigte das auch. Schnell wollte auch Madeleine nach ihrem Messer greifen.

     „Lasst Euer Messer nicht sehen“, warnte er sie. „Und sprecht kein Wort. Ich sorge für Eure Sicherheit.“

     Sie wünschte, sie hätte die Beinlinge anbehalten und auch den Strohhut. Die Kerrs beäugten sie aufmerksam, als sie in die kleine Senke einritten, und Alexander wartete, bis sich ein älterer Mann aus der Gruppe löste und auf ihn zukam.

     „Brian Kerr. Ich hoffe, Ihr seid wohlauf.“ Alexanders Tonfall war ausgesprochen freundlich, fast so, als sei ihm auf der Straße ein alter Bekannter begegnet.

     „Das bin ich, Laird Ullyot, wenngleich ich auch neugierig bin zu erfahren, was Euch hierher führt?“ Der Ausdruck in den Augen des Mannes war wachsam, spiegelte gleichzeitig aber auch noch etwas anderes, nicht näher zu deutendes wider, denn seine Hand zitterte, als er sie ausstreckte.

     Alexanders Händedruck fiel kräftiger aus. „Ich bin auf dem Weg nach England.“

     „Mit dieser Frau? Wir haben schon Gerüchte über Falstones Schwester gehört …“

     Alexander Ullyot zögerte einen Augenblick und betrachtete Madeleine schweigend, doch dann schien er einen Entschluss gefasst zu haben. Er beugte sich zu ihr, nahm ihre rechte Hand in seine linke, verflocht ihrer beider Finger ineinander und reckte ihre vereinten Hände nach oben. „Lady Randwick ist meine Gemahlin durch die Zeremonie des Handbunds.“ Als sie aufbegehren wollte, drückte er warnend ihre Finger.

     Handbund? Katherine hatte ihr einmal von diesem Brauch erzählt. Es handelte sich dabei um eine Art Vermählung ohne die Anwesenheit eines Geistlichen; die so geschlossene Ehe sollte ein Jahr und einen Tag dauern. Aber wie kam er nur darauf, so etwas zu behaupten? Doch als plötzlich mehr als zwanzig weitere Kerrs auf der Lichtung erschienen, verstand sie. Nur durch ein forsches, Respekt einflößendes Auftreten konnten sie Übergriffe verhindern, und Alexander war angreifbar. Er allein wäre vielleicht zurechtgekommen, aber zusammen mit ihr … Sie unterdrückte eine Bemerkung und trieb ihr Pferd noch dichter neben seins.

     „Durch den Handbund, sagt Ihr …“ Der alte Kerr musterte sie prüfend. Madeleine wagte nicht zu sprechen und war froh, als er den Blick von ihr abwandte und zum Treueschwur der verwandten Clans und ihrer Verbündeten aufrief.

     Madeleine spürte, wie Alexanders Anspannung nachließ, als er auf jeden von Kerr genannten Namen mit dem Namen eines Gefolgsmanns von Ashblane antwortete. Schließlich ließ der Anführer der Kerrs die Waffen sinken und forderte seine Männer auf, es ihm nachzutun. Erst jetzt merkte sie, wie sehr sie den Atem angehalten hatte.

     „Morgen früh werden sich unsere Wege trennen, Ullyot, aber würdet Ihr uns heute Abend bei Essen und Wein Gesellschaft leisten?“

     „Wir nehmen die Einladung dankbar an.“ Alexander steckte ebenfalls sein Schwert weg, beließ sein Messer jedoch für alle sichtbar im Gürtel, als er absaß und sich Madeleine zuwandte.

     Für gewöhnlich stieg sie ohne Hilfe vom Pferd, doch an diesem Tag war sie froh über seinen Beistand. Sie wich ihm auch nicht von der Seite, als er ihrem Pferd Sattel und Zaumzeug abnahm. Die ungefähr dreißig Männer, die allesamt so aussahen, als hätten sie seit einem Monat nicht mehr die Bekanntschaft mit einem Bad oder Bett gemacht, beunruhigten sie, und das schwindende Tageslicht verstärkte ihre Sorge nur noch. Wo würden sie bloß alle schlafen? Als Ehefrau konnte sie sich unmöglich getrennt von ihrem Gemahl auf der anderen Seite des Feuers niederlegen, und in dieser Gesellschaft verspürte sie auch nicht die geringste Lust dazu. Alexander fand die Lösung. Er zog sie mit sich zur Seite und fing an, am Fuß eines größeren Felsbrockens und etwas abseits von den andern, ein Nachtlager vorzubereiten.

     „Wir brechen auf, sobald es Tag wird“, versprach er ihr leise und legte ihr den Arm um die Schultern. Erschrocken versuchte sie, sich ihm zu entziehen. „Verstellung ist genauso wichtig wie ein forsches Auftreten, Madeleine“, flüsterte er und hielt sie fest an sich gedrückt.

     „Habt Ihr ihnen deshalb gesagt, wir wären durch den Handbund vermählt?“

     Er nickte und begann, seinen Tartan auf dem Boden auszubreiten. „Wärt Ihr als ungebundene Frau allein mit mir auf Reisen, würde Brian Kerr es wahrscheinlich für sein gutes Recht halten, Eure Gunst mit mir zu teilen. So jedoch wissen alle, dass ich sie töten müsste, sollten sie es wagen, Euch zu berühren.“

     „Aber er hat doch schon von mir gehört?“, fragte sie schüchtern. Der Ruf, unter dem sie zu leiden hatte, trug ihr immer wieder anzügliche Blicke von Fremden ein, so auch von Brian Kerry. Sie war sich sicher, dass Alexander das ebenfalls bemerkt hatte.

     „Wer hat noch nicht von der schlimmen, gefährlichen Lady Randwick gehört?“, gab er zurück und lachte. „Heute Nacht kommt uns Euer Ruf jedoch zu Hilfe.“

     „Wie das?“

     „Wenn sich die Kerrs jedes Mal bekreuzigen, wenn Ihr sie anseht, und wenn sie die Hexenkünste der de Cargnes in jedem Eurer Blicke wahrnehmen, dann schützt uns das. Denn was immer Ihr auch über meinen Heldenmut gehört haben mögt, Mylady – nicht einmal ich könnte allein einen ernsthaften Angriff von dreißig Männern abwehren.“

     Also hatte er sich auch schon Gedanken über die Absichten der Kerrs gemacht. Trotzdem hatte er mit keinem Wort und keiner Geste angedeutet, was ihm durch den Kopf ging. „Haltet Ihr sie für gefährlich?“

     „Hier draußen ist alles gefährlich“, erwiderte er ausweichend und fing an, ihr Pferd trockenzureiben.

Ein Feuer wurde entzündet, und einer der Männer holte ein kleines Fass Würzwein, das am Sattel eines großen, schwarzen Hengstes befestigt war. Getrocknetes Rindfleisch, Brot und ein erstaunlich guter Käse machten die Runde, und Madeleine freute sich darüber, neben Alexander sitzen und essen zu dürfen.

     Nach und nach kam die Rede auf Feldzüge und Schlachten, und Brian Kerr war kein Mann, der lange um den heißen Brei herumredete.

     „Falstone ist kein einfacher Gegner, Laird Ullyot, und es heißt, er will seine Schwester um jeden Preis zurückhaben.“

     Sie spürte, wie Alexander erstarrte. „Und was sagt man so über Davids Reaktion auf Noels Forderung?“

     „Man sagt, er wartet bis nach Neujahr, ehe er eine Entscheidung trifft. Manche meinen, um Euch Zeit zu geben, Euer eigenes Haus in Ordnung zu bringen, andere wiederum sprechen von einem Aufstand, solltet Ihr Madeleine Randwick nicht an den Hof bringen. Es geht wohl um Land, denke ich. Um eine Art Korridor nach England, oder?“, fragte Kerr mit unverhohlener Neugier. „Viele der Barone sind unzufrieden, Laird Ullyot. Sie ließen sich sicher zu einer Revolte überreden, solltet Ihr einen Aufstand anführen.“

     Alexander setzte seinen Kelch ab. „Ein Aufstand würde die Clans in Stücke reißen, Brian, und Ashblane war dem König von Schottland immer treu ergeben, ganz gleich, wie irregeleitet manche seiner Erlasse auch gewesen sein mögen.“

     Diese Feststellung trug ungemein zur Entspannung der Lage bei, und lautes Gelächter brandete rund um das Feuer auf. Also keine echten Widersacher des Königs und keine Rebellion, dachte Madeleine und nahm dankbar einen Schluck von dem starken Würzwein. Er brannte wie Feuer in ihrer Kehle, doch in der Kälte der Nacht und nach dem langen, anstrengenden Tag war ihr das nur willkommen.

     Als sie ihren Kelch geleert hatte, füllte man ihn unverzüglich wieder nach. Der Rauch des Feuers und der wärmende Wein machten Madeleine angenehm müde, und sie wehrte sich nicht, als Alexander ihr wieder den Arm um die Schultern legte. Sollen doch alle glauben, dass ich seine Gemahlin bin, dachte sie. Sie konnte den Geruch nach feuchter Wolle und Pferd an ihm wahrnehmen, aber es war sein eigener Duft, der in ihr die Sehnsucht nach wenigstens vorübergehender Vertrautheit weckte; ein durch und durch männlicher Duft, bei dem nur ein Hauch von Seife zu erahnen war. Er war einfach kein Mann für Duftessenzen und Duftkräuter.

     Errötend stellte sie fest, in welch gefährliche Richtung sich ihre Gedanken bewegten, und setzte sich gerade auf, um etwas Abstand zwischen ihnen zu schaffen. Alexander tat, als bemerkte er es gar nicht, und veränderte nur seine eigene Sitzhaltung, um sich ihrer anzupassen. Doch plötzlich trafen sich ihre Blicke, und in diesem Moment blieb für Madeleine die Welt stehen. Einen Augenblick lang spürte sie etwas, das stärker war als ihre Magie, etwas Wirklicheres, eine tanzende, von Leben erfüllte Kuppel, die sich über die Lichtung senkte und Alexanders silberne Aura zum Leuchten brachte.

     Und dann war es auch schon wieder vorbei.

     Entsetzt wandte sie sich von ihm ab, als Verlangen, Lust und Begierde wie eine einzige riesige Woge über ihr zusammenschlugen. Wären sie allein gewesen, hätte sie ihn so empfangen, wie ihre Mutter ihre Liebhaber empfangen hatte, ohne Gedanken oder Sorge über die Zukunft. Hätte mit den Fingern über seine Brust gestrichen und weiter nach unten … Mit einem Mal musste sie lächeln über ihre albernen Fantasien und schrieb sie dem ungewohnten Würzwein zu. Sie konnte sich gut vorstellen, wie Alexander auf so unverhohlene Avancen reagiert hätte, vor allem hier, umgeben von Brian Kerr und dreißig seiner Männer.

     Ein Schrei im Wald ertönte, und sofort schlug die Stimmung um. Alexander war blitzschnell auf den Füßen, zückte das Schwert und zerrte Madeleine hinter seinen Rücken, als eine Horde Schotten zwischen den Bäumen hervorstürmte.

     Brian Kerr fiel als Erster. Man hatte ihm mit einem einzigen Streich die Kehle durchtrennt, und bei seinem stimmlosen Röcheln bekam Madeleine eine Gänsehaut. Dabei hätte sie ohnehin nichts mehr für ihn tun können. Schon legte sich der Schleier des Todes über seine Augen.

     Alexander packte sie am Arm und zog sie mit sich in den Schutz der Bäume. Hastig schlug er eine Bresche in das dichte Unterholz und schob sie hinein. „Bleibt hier! Wenn jemand kommt, schreit. Ich werde Euch hören.“

     Er war fort, ehe sie antworten konnte, und stürzte sich mit erhobenem Schwert in den Kampf. Das war der Mann aus den Legenden, und nun konnte sie mit eigenen Augen sehen, wie sie entstanden waren. Verschwunden waren die wohlgesetzten Bewegungen auf den Scheinturnieren von Ashblane, hier kam raue, harte Muskelkraft zum Einsatz. Trotzdem führte er das Schwert mit beinahe katzengleicher Anmut. Mit fünfzehn mochte er noch verwundbar gewesen sein, mit achtundzwanzig war er unangreifbar. Madeleine erkannte es an seiner Körperhaltung – völlig entspannt und zugleich eine tödliche Bedrohung. Wie armselig mussten ihm am vergangenen Tag ihre Versuche der Selbstverteidigung vorgekommen sein, ihm, der jetzt mit einem einzigen Schwertstreich erwachsene Männer niedermähte. Zuvor hatte sie Schlachten immer nur aus der Entfernung beobachtet, nie waren ihr die mit ihnen einhergehenden Geräusche und Gerüche bewusst geworden.

     Einen Moment lang verschloss sie die Augen vor dem Getümmel, doch plötzlich vernahm sie links von sich ein Geräusch und erstarrte. Sie konnte die Umrisse eines Mannes sehen, der mit erhobenem Schwert im Dunkel vor ihr aufragte. Mit einem Aufschrei rollte sie sich von ihm weg aus dem Unterholz auf die Lichtung, und es gelang ihr, ihm ihr Messer ins Bein zu rammen, obwohl er hart gegen ihre Hand trat, damit sie es fallen ließ. Auf einen Schlachtruf von Alexander hin drehten sie sich beide um, und dann war es auf einmal, als zögen die Bilder des nun Geschehenden stark verlangsamt an Madeleine vorbei. Das auf ihr Bein herabsinkende Schwert. Ihr eigener Schrei, als der Schmerz einsetzte. Alexanders Sprung nach ihrem Angreifer. Seine Schwertklinge, die durch eine Kehle fuhr, der Fußtritt, mit dem er dem auf den Boden aufprallenden Mann das Genick brach. Die Zeit blieb stehen in einem Nebel aus Schmerz, Blut und keuchendem Atem, bis Alexander sich über sie beugte und sie zärtlich besorgt ansah. Um sie herum war nichts mehr zu hören, es herrschte Totenstille.

     „Liebste“, flüsterte er und kniete sich neben sie. „Bleibt ganz still liegen, damit ich nach Eurem Bein sehen kann.“

     „Nein.“ Sie versuchte, von ihm wegzukriechen, selbst nach ihrer Wunde zu sehen, aber sie zitterte zu stark. Alles an ihr schien zu zittern, ihre Hände, ihr Kopf, selbst ihre Zähne klapperten vor plötzlicher Kälte. Um sich herum sah sie die Gesichter der Kerrs, mal ganz deutlich, dann wieder nur verschwommen. Alexander Ullyot schien der Einzige zu sein, der wirklich da war, umgeben von seiner silbernen, sich an den Rändern schwarz färbenden Aura. „Ich habe mein Messer benutzt, wie Ihr gesagt habt …“

     „Ganz ruhig“, flüsterte er heiser und nahm ihre Hand. „Nicht sprechen. Ihr müsst Kraft sparen.“ Sie spürte, wie seine Lippen ihr Handgelenk streiften.

     Alexander war rasend vor Zorn. Er konnte es nicht fassen, dass sich einer der Haigs an ihm vorbeistehlen und Madeleine hatte finden können. So ein Fehler war ihm noch nie unterlaufen. Niemals. Bis zum heutigen Tag. Bis er gewusst hatte, dass sie ihn vom Unterholz aus beobachten konnte. Da war er anmaßend geworden und hatte es zugelassen, dass seine Tüchtigkeit im Kampf von Eitelkeit überlagert wurde.

     Und das war nun die Folge davon.

     Sanft hob er den Saum ihres Gewandes an, doch sie zog es wieder herunter und versuchte auszuweichen. Schon war der Stoff blutgetränkt. Grollend packte Alexander ihren Arm, hielt sie fest und schlug das Kleid zurück. Stirnrunzelnd betrachtete er die Wunde. Sie war ziemlich lang, kleine Stofffetzen und Schmutz klebten daran. Als er mit der Hand die Gefäße oberhalb des Schnitts abdrückte, ließ der Blutfluss beträchtlich nach. Was jetzt? Er überlegte fieberhaft, was Hale wohl als Nächstes getan hätte.

     „Nicht ausbrennen … säubern …“ Madeleine hatte große Mühe zu sprechen. „Nehmt Würzwein … eine mit Wein getränkte Kompresse, und dann verbinden. Mit sauberen Tüchern. Benutzt mein Untergewand.“

     Sie griff nach seiner Hand und legte sie sich an die Wange. Als er merkte, dass Tränen seine Haut benetzten, fluchte er leise. Wie furchtbar zart und verletzlich Madeleine wirkte. Vorsichtig rollte er den zerfetzten Strumpf an ihrem rechten Bein herunter. Um den Knöchel trug sie ein feines Kettchen aus Gold, ein kleiner Tribut an ihre weibliche Eitelkeit.

     Hinter sich hörte er das Raunen der Kerrs, und auf seiner Stirn bildete sich eine Unmutsfalte. Die Männer sahen Madeleine zweifelsohne mit den gleichen Augen wie die anderen bei Hof. Eine gestrauchelte Frau mit losen Sitten und fragwürdigen Angewohnheiten. Er würde den ersten Mann, der das laut aussprach, mit eigenen Händen töten. Das schwor er sich.

     „Werdet Ihr sie auf unsere Burg bringen?“ Andrew Kerr, Brians Bruder, sah ihn fragend an, und plötzlich wurde Alexander unsicher. Bündnisse konnten leicht gebrochen werden, und er hatte keine Lust, allein mit Madeleine auf der Burg der Kerrs in eine Falle zu geraten. Hier draußen im Wald hatte er die Lage wenigstens einigermaßen im Griff. Er spürte, wie Madeleine seine Hand drückte, und sah sie an.

     „Wenn ich Wundfieber bekomme und sterbe, Alexander … Versprecht Ihr mir, mich auf Ashblane zu begraben?“

     Er zuckte zusammen, als hätte man ihn geschlagen. Hatte sie etwa Vorahnungen von ihrem Tod?

     „Bitte“, drängte sie zitternd, weil sie sein Erschrecken für Zorn hielt. „Ich war dort so glücklich … sicher … Ich könnte bei Euch bleiben, für immer … in Sicherheit.“

     „Hört auf, Madeleine. Verdammt, Ihr werdet nicht sterben!“ Er tastete prüfend nach ihrem Puls.

     „Woher wollt Ihr das wissen?“

     „Weil ich es nicht zulassen werde.“

     Sie lächelte und verlor das Bewusstsein.

Als Madeleine wieder zu sich kam, war der Wald voller Schatten. Alexander saß neben ihr an einen Baumstamm gelehnt und hatte die Augen geschlossen. Das Schwert lag griffbereit quer auf seinen Oberschenkeln, und in der Stille der Nacht konnte sie seinen Atem hören. Als sie die Hand nach ihm ausstreckte, wachte er auf, obwohl er einen Augenblick brauchte, um sich zu erinnern, wo sie sich befanden.

     „Wasser“, murmelte sie kaum hörbar.

     Er beugte sich vor, richtete sie etwas auf und gab ihr seine Flasche. Durch die Bewegung wurde ihr schwindelig, doch beim Trinken kehrten ihre Kräfte allmählich zurück.

     „Wo sind die Kerrs?“

     „Fort. Sie durchkämmen das Land auf der Suche nach Haigs.“

     „Haigs?“

     „Der Clan, der uns angegriffen hat. Ihre Ländereien liegen ganz in der Nähe, nördlich von hier.“

     „Warum haben sie uns angegriffen?“

     „Das mag Gott allein wissen, denn ich weiß es nicht.“ Die Wärme seiner Hand war tröstlich in der Kälte der Nacht. „Sie haben letzten Sommer einen Vertrag mit den Kerrs unterzeichnet. Dadurch sollten sie eigentlich mit ihnen befreundet sein.“

     „Und der Kampf? Gab es noch weitere Verluste?“

     „Brian ist mit fünf anderen aus seinem Clan gefallen, aber Andrew Kerr wird die Schurken vertreiben oder vernichten. Sie werden nicht zurückkommen.“

     „Wer hat mein Bein verbunden?“

     „Ich.“

     Sie bewegte die Zehen, um sich zu vergewissern, dass noch Gefühl in ihnen war. Tatsächlich ging es ihr beträchtlich besser, selbst die Schmerzen waren kaum noch zu spüren. „Ihr habt Talent.“

     Er nickte nur kurz, und plötzlich wurde sie rot. Sie hatte eine bruchstückhafte Erinnerung an die vergangenen Stunden. Er hatte sie im Arm gehalten, während sie hier gelagert hatten, und ihr leise Dinge zugeraunt, die man in einer anderen Situation auch als Liebesworte hätte auslegen können. Und was hatte sie bloß darauf erwidert in ihrem Zustand? Vor allem, wenn sie bedachte, welchen Tagträumereien sie vorher nachgehangen hatte …

     „Viele Menschen reden Unsinn, wenn sie sich in einem Schock befinden. Falls ich irgendetwas gesagt habe, das …“

     „Das habt Ihr nicht.“

     Wieder errötete sie. Das konnte sie ihm nicht so ganz abnehmen, denn sie erinnerte sich daran, dass sie ihn gebeten hatte, sie auf seiner Burg zu begraben, wenn sie sterben sollte. Sie wandte das Gesicht ab und versuchte, es ihm zu erklären. „In den letzten zehn Jahren konnte ich nie gewiss sein, ob ich den nächsten Tag noch erleben würde. Auf Ashblane fühlte ich mich …“ Sie suchte nach dem richtigen Wort. „Sicher. Ich fühlte mich sicher. Bei Euch fühle ich mich sicher.“ Jetzt sah sie ihn doch an, und ihre Kehle war plötzlich wie zugeschnürt. „Ihr seid der erste Mensch, der mir je dieses Gefühl vermittelt hat.“

     Ich möchte so sehr, dass er versteht. Dass er mich nicht auslacht.

     „Gott stehe mir bei, Madeleine.“ Seine Stimme klang heiser und inbrünstig. „Wenn ich Euren Bruder das nächste Mal sehe, bringe ich ihn um. Nicht dafür, was er mir und meinem Clan angetan hat, sondern für das, was er Euch angetan hat.“

     Sie lächelte schwach. „Ja, tut das“, flüsterte sie und war überrascht von der Wildheit des Zorns, der sich in seinen Augen widerspiegelte. Grau wie Obsidian – und dunkel. Aber da war auch noch ein anderer Ausdruck … Ein Stich des Verlangens durchzuckte sie, breitete sich in ihr aus und wurde zu einem Gefühl, das sich wärmend um ihr Herz legte. Zu dem Gefühl, von dem die Barden und Minnesänger in ihren Balladen sangen.

     Mit einem Mal bekam sie kaum noch Luft, doch das lag nicht wie sonst an der Atemnot, die sie häufig befiel. Und es war auch kein Schmerz, der sie jetzt beinahe lähmte, sondern Staunen und Verwunderung. Denn trotz aller Warnungen und Vorsätze, es nicht zu tun, hatte sie sich in Alexander Ullyot verliebt.

     Sie hob die Hand und strich behutsam über die Narbe auf seiner Wange. Ihr Herz schlug schneller, als er ihr die Hand ins Haar schob und sich langsam über ihre Lippen beugte.

     Sein Kuss war nicht sanft, und sie war froh darüber. Hinter ihr lagen Wochen heimlicher Sehnsucht, vor ihr eine Zukunft, die nur Finsteres verhieß, aber in diesem Augenblick zählte nur eins – ihr ungezügeltes Verlangen nach ihm. Bereitwillig öffnete sie ihm ihre Lippen und schmiegte sich enger an ihn. Sie schlang die Arme um seinen Hals und erschauerte, als er an den Trägern ihres Untergewandes zu nesteln begann.

     Sofort hielt er inne, als sei er sich nicht ganz sicher, wie weit er gehen durfte, doch sie antwortete ihm ohne Worte, indem sie ihn wieder an sich zog, um ihn zu küssen. Jeglicher Gedanke an Zurückhaltung und Scheu verflog. In diesem Moment gab es keinen Schmerz mehr, keinen Noel, keine Eleanor, keine Könige. Alles war auf einmal möglich. Da war nur noch dieses Gefühl von Sicherheit, gepaart mit Liebe und dem beinahe schmerzhaften Verlangen, Alexander Ullyot ganz nahe zu sein. Zu spüren, wie es sich anfühlte, von einem Mann wie ihm umfangen zu werden. Geliebt und berührt zu werden. Als er sie freigab, runzelte sie die Stirn.

     „Euer Bein … Ich will Euch nicht wehtun.“

     Plötzlich war ihr nach Weinen zumute. Sie wollte kein Mitleid. Jahrelang war sie mit einem schwachen, kümmerlichen Gemahl geschlagen gewesen, dessen wenige Besuche in ihrem Schlafzimmer mal enttäuschend, mal gewalttätig verlaufen waren, ehe er sie gänzlich eingestellt hatte. Nie hatte sie das erfahren, worüber andere Frauen manchmal tuschelten. Das Leuchten in ihren Augen hatte Madeleine verraten, dass es offenbar Geheimnisse gab, in die sie nie eingeweiht worden war. Und nun war sie hier mit dem einzigen Mann auf der Welt, der ihr diese Geheimnisse hätte offenbaren können – und er dachte nur an ihr verletztes Bein.

     Zutiefst niedergeschlagen wich sie zurück. Vielleicht sollte sie niemals das erleben, wonach sie sich sehnte. Vielleicht wollte er sie ja gar nicht, vielleicht erwiderte er diese Gefühle, die sie selbst verzehrten, überhaupt nicht. Trotzdem stockte ihr der Atem, als Alexander ihr die Hände auf die Schultern legte und ihr in die Augen sah. Sein Blick war alles andere als gleichgültig. Lucien hatte eine Vorliebe für kleine Mädchen gehabt, aber Alexander sah sie an, dass er eine richtige Frau bevorzugte. Eine Frau wie sie. Entschlossen streifte sie die Träger ihres Untergewandes herunter, und im kühlen Nachtwind richteten sich die Spitzen ihrer Brüste auf.

     Alexanders Herz klopfte zum Zerspringen, denn Madeleines Aufforderung war unmissverständlich. Ebenso wenig wie die Reaktion der rosigen Knospen ihrer vollkommen gerundeten Brüste, deren samtige Haut weiß im Mondschein schimmerte. Er befeuchtete seinen Zeigefinger und strich damit über ihre Unterlippe, und Madeleine legte lustvoll den Kopf in den Nacken.

     Wann hatte er zuletzt so etwas empfunden? Ganz sicher niemals mit Alice. Manchmal bei den Dirnen in Alexandria, wenn sie ihn nachts in den schwülstig ausgestatteten Gemächern des alten Palastes von Kala’un verführt hatten. Und jetzt wieder bei dieser Herrin von Heathwater mit der Magie der de Cargnes und dem flammend roten Haar.

     Sein Blick fiel auf das Mal auf ihrer Brust. Er berührte es erst zart mit dem Daumen, dann mit dem Mund, ehe er schließlich die Lippen um eine der aufgerichteten Knospen schloss und daran saugte.

     Madeleine stöhnte auf. „Alexander …“ Sie vergrub die Finger in seinem Haar, und auch das war keine sanfte Liebkosung. Ihr war, als müsste sie vergehen vor Verlangen; ihr ganzer Körper sehnte sich nach etwas, das sie noch nie zuvor gekannt hatte. Unter den erfahrenen Liebkosungen eines Meisters in der Liebe lösten sich die eisige Kälte und die Einsamkeit der Hexe von Heathwater in nichts auf, ihre Haut schien in Flammen zu stehen.

     Und dann kam das Entsetzen.

     Er saß da, vollkommen angezogen und den Blick lächelnd auf ihre Brüste gerichtet. Am liebsten wäre sie vor Scham im Boden versunken. Er hatte sie kaum berührt, doch sie war in Glut geraten wie ein loses Frauenzimmer.

     Wie ihre Mutter.

     „Es tut mir leid.“ Sie wusste kaum, was sie sagen sollte. Lucien hatte sich immer über ihre Gefühlskälte geärgert, doch hier, bei Alexander, hatte sie sich genau entgegengesetzt verhalten. „Ich war noch nie besonders gut in so etwas …“

     „Worin?“, fragte er mit belegter Stimme.

     „In der Liebe“, erklärte sie zögernd. „Für gewöhnlich …“ Sie musste sich zwingen weiterzusprechen. „Für gewöhnlich empfinde ich nichts dabei.“ Da, nun hatte sie es gesagt. Mochte er daraus machen, was er wollte. „Ich bin unfruchtbar, müsst Ihr wissen. Viele Ländereien, viel Gold, aber keine Aussicht auf einen Erben. Das ist wohl die wahre Ironie des Schicksals. Eleanor band mich mit ihrem Testament an das Versprechen, einen Erben in die Welt zu setzen, und dann belegte sie mich mit einem Zauber, der mich für immer unfruchtbar machen sollte. Zu meinem eigenen Schutz, wie sie damals betonte, aber jetzt …“ Sie schluckte und hasste sich für die Tränen, die ihr in die Augen stiegen. Sie hasste es, dass ihre Kehle plötzlich wie zugeschnürt war, und sie hasste die beinahe schmerzhafte Einsamkeit, die nur daher rührte, dass sie so war wie sie war.

     Seine Antwort bestand in einer Liebkosung. Er legte ihr sanft die Hand auf den Bauch und strich dann leicht über ihre Hüfte. Ehe sie sich versah, hatte er ihr das Untergewand abgestreift und sich selbst seines Hemds entledigt, ehe er sie behutsam auf seinen Schoß zog. Eine blaue Tätowierung umgab seinen Unterarm wie ein Band, kunstvoll verschlungen und exotisch anmutend, umgeben von vielen, noch nicht allzu alten Narben. Er zuckte zusammen, als Madeleine sie berührte. Auch er hat seine Geheimnisse, dachte sie und sah ihn fragend an.

     „Ägypten“, flüsterte er. „Ich glaube, ich habe Euch schon davon erzählt.“

     „Man hat Euch wehgetan?“

     „Ja.“

     Das sagte ein Mann, der nie ein Wort über seine Schwächen oder Schmerzen verlor, zu einer Frau, die ihm ihre Unfruchtbarkeit gestanden hatte. Auf einmal war es, als bildeten sie eine Einheit. Da war gegenseitiges Vertrauen, der Austausch von ganz intimen Geheimnissen.

     Madeleine legte die Hand auf seine Brust und begann, ihn sacht zu streicheln. „Tut das gut?“

     „Ja, sehr gut sogar“, erwiderte er rau.

     „Und das?“ Sie liebkoste ihn mit den Lippen, so wie er sie zuvor liebkost hatte.

     „Ifrinn.“

     Sie musste lächeln über diesen gälischen Ausruf. Konnte sie ihn also genauso erregen wie er sie? Sie sah auf und entdeckte wildes, loderndes Verlangen in seinen silbergrauen Augen. Plötzlich spürte sie, wie er mit dem Finger ihre geheimsten Stellen zu erkunden begann, und zuckte überrascht zusammen.

     „Ich würde Euch niemals wehtun“, versicherte er ihr zärtlich, doch gleichzeitig fühlte sie, wie schwer es ihm fiel, sich zurückzuhalten. Er schien auf irgendetwas zu warten – aber worauf?

     Auf mich, sollte sie später denken. Darauf, dass sie weniger Angst hatte und sich entspannte im Vertrauen auf einen Mann, der sie so lieben würde, wie sie es sich ersehnte.

     „Ihr seid eine Zauberin, Madeleine“, murmelte er, als er ihre Hüften anhob. „Wenn mir das nicht schon früher wegen Eurer Magie bewusst geworden wäre, dann spätestens jetzt wegen Eurer Art zu lieben.“ Sie spürte ihn zwischen ihren Beinen und stöhnte leise auf, als er ihr ans Kinn fasste und sie dazu brachte, ihn anzusehen. In seinen Augen entdeckte sie die gleiche Leidenschaft, die sich auch in ihren eigenen widerspiegeln musste, und doch war es nicht leicht für sie.

     „Es ist lange her seit Lucien“, sagte sie schlicht und versuchte zurückzuweichen, aber er ließ es nicht zu. Sanft, aber entschlossen drang er in sie ein.

     Alexander zwang sich, seine eigenen Bedürfnisse hintanzustellen und ganz langsam vorzugehen, doch als er spürte, wie sie begann, ihre Hüften zu bewegen, schlug sein Verlangen in weiß glühende Lust um.

     Er ging in die Knie und ließ sich mit ihr auf den Waldboden sinken. Sie hielt den Atem an, als sie das kalte Laub an ihrer Haut spürte, und sofort hob er sie leicht an, um den wärmenden Tartan unter ihren Rücken zu ziehen. Dann nahm er seinen sanften, stetigen Rhythmus wieder auf, steigerte ihn und liebkoste mit der Hand kundig jene Bereiche ihres Körpers, wo Madeleine die größten Wonnen empfand.

     „Ist es hier?“, fragte er, und sie sah seine Zähne weiß im Mondlicht aufblitzen. „Oder eher hier?“ Er verlagerte sein Gewicht kaum merklich, und sie stöhnte voller Leidenschaft.

     „Ja“, hauchte sie und klammerte sich fester an ihn, bis eine Welle der Lust über ihr zusammenschlug, die jede noch verbliebene Unsicherheit mit sich fortspülte. „Ja!“, rief sie laut in die stille Nacht hinaus, als sie wieder und wieder ihre Erfüllung fand, bis auch Alexander heiser aufschrie und sie fest an sich gepresst hielt. Deutlich konnte sie das rasende Schlagen seines Herzens spüren.

     Danach blieb er eine Weile reglos liegen. Er war vollkommen überwältigt. Bei Madeleine konnte er nichts von sich zurückhalten, und dieses Gefühl war für ihn ganz neu. Nie zuvor hatte er alles von sich preisgegeben, sondern stets einen Teil von sich im Verborgenen belassen.

     Als er endlich wieder ruhiger atmen konnte, drehte er sich mit ihr zur Seite, ohne sich von ihr zu lösen. Vorsichtig entlastete er ihr verletztes Bein. „Ich danke Euch“, sagte er ruhig, und sie lächelte. Sie versuchte, ihr Haar zurückzustreichen, doch er nahm eine einzelne Strähne zwischen die Finger und hielt sie ins Mondlicht. „Euer Haar ist ebenso feurig wie Ihr“, murmelte er. „Als ich Euch zum ersten Mal sah, war ich ganz überrascht von der Farbe. Niemand hatte mir gesagt, dass es rot ist.“

     „Rotbraun“, verbesserte sie.

     „Wie bitte?“

     „Rotbraun, nicht rot.“

     „Ihr mögt rotes Haar nicht“, stellte er belustigt fest.

     „Meine Mutter war rothaarig, und ich bin nicht wie sie.“

     Er wurde ernst. „Ihr glaubt, dass rotes Haar in gewisser Weise den Charakter beeinflusst?“

     „Ja.“

     „Und in welcher Art?“

     „Rotes Haar macht eine Frau lüstern, das habe ich schon oft gehört. Eleanor selbst hat es mir gesagt.“

     „Und Ihr möchtet darin nicht Eurer Mutter nacheifern?“

     „Nein, natürlich nicht.“

     Jetzt fing er doch zu lachen an. „Es tut mir zwar leid, der Überbringer dieser Nachricht zu sein, aber …“

     Sie versetzte ihm einen leichten Stoß. „Welcher Nachricht?“

     „Ich nehme an, Eure Mutter hätte in der Hinsicht sogar noch von Euch lernen können.“ Er hielt sie fest, als sie von ihm fortrücken wollte, und legte sich ihre Hand auf das Herz. „Das ist ein Kompliment, Liebste, ich schwöre es. Und wenn mein Herz in diesem Augenblick zu schlagen aufhörte, würde ich als glücklicher Mann sterben.“

     Er meinte es wirklich so. Es war kein Scherz, sondern die Wahrheit. Zum ersten Mal in ihrem Leben sah Madeleine sich als die Frau, die sie immer hatte sein wollen. Genauso stark wie er und genauso frei. Und wenn auch keiner von ihnen das Wort Liebe in den Mund genommen hatte, war da ohnehin etwas, was sie im Moment mehr brauchte – Achtung, Bewunderung, Verehrung. Das erkannte sie in seinen Augen und an seinen Gesten. Die dunklen Schatten der Jahre mit Lucien Randwick verblassten zu einer weit entfernt liegenden Erinnerung. Hier in Alexanders Armen war sie geborgen. Sie mochte die Art, wie er sie im Arm hielt, ein Bein über ihres geschoben, und sie ganz dicht an sich drückte. Doch als er mit dem Daumen über die Narbe oberhalb ihrer rechten Brust strich, erschauerte sie.

     „Ich habe einmal meinen Anspruch auf Euch mit Blut besiegelt und einmal durch das Ritual des Handbundes. Jetzt will ich Euch als mein eigen Fleisch und Blut anerkennen.“

     „Nein, das ist zu gefährlich …“

     Er legte ihr einfach den Finger auf den Mund. „Ich erkenne Euch als mein eigen Fleisch und Blut an, Madeleine Randwick“, wiederholte er, und dieses Mal schwieg sie.

     „Gegen den Willen von ganz Schottland und England?“

     „Ja.“

     „Gegen den Willen von David und Edward und Noel und Harrington?“

     „Ja.“

     „Gegen den Willen der Kirche und ihrer Bischöfe?“

     „Ja.“

     Sie schmiegte ihre Stirn an seine. „Ihr seid der einzige Mann der gesamten Christenheit, dem ich zutraue, ein solches Versprechen zu halten, und ich danke Euch dafür.“

     „Dennoch lehnt Ihr ab?“

     „Wenn Ihr mich auf diese Art anerkennt, wird Euch das geradewegs mitten in einen Krieg führen.“

     „Nein, im Gegenteil, dadurch kann ich ihn vielleicht verhindern.“

     „Das verstehe ich nicht.“

     „Die Adeligen werden allmählich unruhig, und David ist ein König ohne Erben. Deshalb wollen sie, dass ich sie anführe. Wenn sie nun sehen, dass wir uns mit Davids und Edwards Zustimmung vermählt haben und dass Euer Land zu gleichen Teilen an die englische und die schottische Krone geht, sind sie vermutlich geneigt, abzuwarten und erst einmal alles so zu belassen wie es ist. Das ist der gegenwärtige Stand der Dinge.“ Er fuhr sich mit den Fingern durch das Haar. „Vielleicht reicht das. Gott, ich hoffe es so sehr, denn ein weiterer Bürgerkrieg in Schottland würde die Clans auseinanderreißen, und ein England unter Edward wäre unberechenbar.“

     Madeleine war sprachlos über seine Erklärung.

     Politik. Letztlich lief immer alles auf Politik hinaus. Und sie wurde hier genauso benutzt wie Eleanor zu ihrer Zeit. Eine Schachfigur in einem Spiel, von dem sie stets ein Teil gewesen war – und es jetzt weiter sein würde. Sie schob seine Hand von ihrer Hüfte, stand auf und hob ihre Gewänder auf. Deutlich spürte sie seine Blicke auf ihrem Körper, und sie sah auch, dass ihr Anblick ihn erregte. Aber das Wort Liebe kam ihm nicht über die Lippen.

     „Meine Mutter wurde von Männern benutzt, die beschlossen hatten, sich ihres Körpers zu bedienen, um Frieden anzustreben, Mylord, und nachdem ich beobachtet habe, wie sie deren Gier und Schwächen in der Waage hielt, kann ich Euch verraten, dass die Versprechen immer leer waren.“

     „So denkt Ihr also über mich?“ Er war nicht aufgestanden, sondern lehnte sich zurück auf seine Ellbogen.

     „Ich weiß nicht, was ich über Euch denken soll. Ihr seid ein Joker in den Machtkämpfen hier; es gelingt Euch, Männer um Euch zu scharen, die bereitwillig ihr Leben für Euch geben würden. Dazu ein König, der dafür sorgen würde, dass es nicht so weit kommt. Und nun wollt Ihr mich aus politischen Gründen zur Gemahlin nehmen. Nun, diese Erfahrung habe ich schon einmal mit Lucien gemacht, und seht nur, welch schlimmes Ende das genommen hat.“

     „Was wollt Ihr denn dann?“

     Sie zögerte und beschloss, das Risiko einzugehen. „Liebe. Ich möchte Liebe von Euch.“

     Er machte eine hilflose Handbewegung. „Ich bin ein Krieger, Madeleine, und das schon seit mehr als zehn Jahren. Ich bin mir nicht ganz sicher …“ Kopfschüttelnd stand er auf, schlüpfte wieder in sein Langhemd und legte den Gürtel um. „Ich weiß gar nichts von der Liebe.“ Er klang jetzt aufrichtig verwirrt.

     „Dann, Alexander, muss ich sie Euch lehren.“

Ihre Weiterreise nach England verlief schweigend, und Madeleine, die hinter Alexander ritt, war froh darüber. Sie hatten einen neuen Punkt in ihrer Beziehung erreicht, und es schien, als wüssten sie beide nicht, wie es von nun an weitergehen würde. Erschauernd musste Madeleine an ihr Versprechen denken.

     Dann, Alexander, muss ich sie Euch lehren.

     Aber wie? Wie lehrte man einen Mann wie Alexander zu lieben, nachdem er ihr gestanden hatte, dass dies ein Gefühl sei, das er noch gar nicht kannte? Und wie sollte ausgerechnet sie, die erst eine einzige wirklich beglückende Erfahrung auf diesem Gebiet gesammelt hatte – und das mit ihm – die Antwort darauf wissen?

     Seufzend hob sie ihr Gesicht der wärmenden Sonne entgegen, und leise Schauer des Vergnügens überrieselten sie, als sie an die vergangene Nacht zurückdachte. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass es in ganz Schottland einen besseren Liebhaber gab als ihn. Tatsächlich war die Erfahrung so himmlisch gewesen, dass Madeleine sie am liebsten gleich noch einmal gemacht hätte. Jetzt, genau in diesem Augenblick. Hier im Tal, die warme Sonne auf ihrer Haut spürend. Vielleicht war das ja der richtige Weg? Wenn sie sein Verlangen nach ihr als Frau immer wieder weckte in der Hoffnung, irgendwann auch sein Herz gewinnen zu können?

     Sie trieb ihr Pferd an und ritt neben ihn. Dabei kam sie ihm absichtlich so nahe, dass ihr unverletztes Bein immer wieder seins streifte.

     Keine Reaktion.

     Sie hob den Saum ihres Gewandes ein wenig an und zeigte herausfordernd ihre entblößte Wade.

     Nichts.

     Jetzt löste sie die Verschnürung ihres Gewandes über der Brust. Durch den Größenunterschied hätte sich ihm jetzt eigentlich ein großzügiger Einblick bieten müssen.

     Und er sah hin. „Madeleine, dieses Land ist fremd für mich und dazu gefährlich. Ich muss wachsam bleiben.“ Er hielt die Zügel so fest, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten, und seine Stimme klang gepresst. „Außerdem, Euer Bein …“

     „Dem geht es schon viel besser“, fiel sie ihm ins Wort. „Ich habe heute Morgen eine Wundsalbe aus Kräutern angerührt und aufgetragen.“ Als er sich mit den Fingern durch sein dichtes blondes Haar fuhr, musste sie lächeln. Er fing an, schwach zu werden. Sie spürte es an der knisternden Spannung zwischen ihnen, und sie sah es am schneller werdenden Pulsschlag an seinem Hals. Als sich der Pfad eine halbe Stunde später gabelte, führte Alexander sie hinunter an einen kleinen Fluss.

     Er saß ab, kam zu ihr und legte ihr die Hände um die Taille, um sie vom Pferd zu heben. Als sie ihr Bein belastete, verzog sie leicht das Gesicht.

     „Tut es noch weh?“

     „Ein wenig“, gab sie zu und runzelte die Stirn, als er sich vor sie kniete und den Saum ihres Gewandes anhob. Seine Finger waren kühl auf ihrer warmen Haut, und Madeleine erschauerte lustvoll.

     „Das fühlt sich so gut an.“ Sie berührte sein Haar.

     „Und das? Wie fühlt sich das an?“ Bedächtig strich er mit der Hand über die Innenseite ihres linken Oberschenkels, bis er ihre intimsten Stellen gefunden hatte und mit dem Finger in sie eindrang.

     Madeleine wollte etwas sagen, stellte jedoch fest, dass sie nicht dazu imstande war. Schon im nächsten Augenblick trugen sie beide nichts mehr am Leib, und ihr leidenschaftliches Liebesspiel der vergangenen Nacht wiederholte sich nun am helllichten Tag, als er sie auf das weiche Gras neben dem Fluss bettete und ihr erneut zeigte, wie der Himmel auf Erden aussehen konnte.

Danach lagen sie eng aneinandergeschmiegt unter Alexanders Tartan und lauschten den friedlichen Geräuschen der Natur, die sie umgab.

     „Habt Ihr Lucien Randwick je geliebt?“

     Seine Frage kam für sie völlig unerwartet. „Nein.“

     „Und Harrington?“

     „Niemals.“

     Er lächelte. „Und trotzdem glaubt Ihr, Ihr könntet mich in Liebesdingen unterweisen, Lady Randwick? Obwohl Ihr darin keinerlei Erfahrung habt?“

     „Jetzt schon!“ Er schwieg, aber plötzlich hatte sie keine Lust mehr, vorsichtig zu sein. „Ich liebe Euch, Alexander. Ich habe mein Leben lang auf Euch gewartet, und ich werde Euch für immer lieben.“

     Wortlos schob er sich über sie und drang ein weiteres Mal in sie ein, und seine Leidenschaft ließ sie erbeben.

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