Die schöne Heilerin - Kapitel 16

16. Kapitel

Sie erreichten Vorpeth am nächsten Tag bei Einbruch der Dunkelheit. Nach dem langen, anstrengenden Ritt schmerzte Madeleines Bein wieder stärker, und obwohl sie am frühen Nachmittag den Verband gewechselt und die Wunde versorgt hatte, wünschte sie sich, sie hätte heißes Wasser gehabt, um sie gründlicher säubern zu können. Überhaupt sehnte sie sich nach einem reinigenden heißen Bad, in dem auch die Verspannungen ihrer Schultern nachlassen würden.

     Seit ihrem Bekenntnis am Fluss hatte Alexander kaum mit ihr gesprochen. Manchmal hatte sie das Gefühl, als wollte er ihr etwas sagen, aber jedes Mal, wenn ihre Blicke sich trafen, sah er zur Seite und ritt weiter, wie immer wachsam und distanziert.

     Im Haus ihrer Großmutter wurden sie von einem Bediensteten sofort in die Eingangshalle geführt, und mit einem Mal empfand Madeleine einen unbändigen Stolz. Die englische Kleidung, die Alexander angelegt hatte, brachte seine Größe noch besser zur Geltung. Mit einem Lederband hatte er das Haar straff nach hinten gebunden, wodurch seine markanten Gesichtszüge und die Narbe auf seiner Wange noch stärker betont wurden. Für Madeleine sah er so aus wie ein Mann, der sie vor allem und jedem beschützen konnte. Und es auch tun würde.

     Man führte sie nach oben zu ihrer Großmutter, die im Bett lag. Als Madeleine sich über sie beugte, um sie auf die Wange zu küssen, stieg ihr wieder der vertraute Duft in die Nase, obwohl seit ihrer letzten Begegnung auf Heathwater sechs Jahre vergangen waren.

     „Madeleine?“ Josephines Stimme klang dünn und brüchig, ihre früher so blauen Augen waren verblasst, aber was Madeleine am meisten erschreckte, war das schneeweiße Haar, das ihr Gesicht wie eine Wolke umgab. Eine alte Dame, die ihr einziges Kind beerdigen musste und nur wenig Kontakt zu ihren Enkeln hat, dachte Madeleine. Eine Frau, deren Liebe und Zeit immer ganz den Männern gehört hatte, mit denen sie verheiratet gewesen war. Drei Männer im Ganzen, Eleanors Vater und jetzt Baron Anthony. Ihr erster Gemahl war ein sechzehnjähriger Jüngling gewesen, der im Heiligen Land gefallen war.

     „Lass mich dich ansehen, Madeleine. Du bist erwachsen geworden und bestimmt gekommen wegen Jemimas Brief, habe ich recht?“ Erleichterung breitete sich auf ihren Zügen aus. „Ich wusste, dass du kommen würdest. Ich habe das in einem Traum gesehen.“

     Madeleine lächelte. Sie war die hellseherischen Fähigkeiten ihrer Großmutter gewohnt und empfand sie nicht als bedrohlich. „Goult ist nach Ashblane gekommen. Er hat uns die Geschichte erzählt.“

     „Uns?“

     Alexander trat vor und überreichte der alten Dame das Medaillon. „Ich bin Alexander, Laird of Ullyot. Goult of Kenmore sendet Euch das hier. Er sagte, Ihr würdet die Botschaft verstehen.“

     Josephine stützte sich auf ihre dünnen Arme, um sich aufzusetzen. „In der Tat, Alexander Ullyot, ich habe schon von Euch und Eurer Burg gehört. Das unbezwingbare Ashblane. Dennoch seid Ihr dem König von Schottland treu ergeben?“

     „Das bin ich.“

     „In welcher Beziehung steht Ihr zu Madeleine?“

     „Ich bin ihr Gemahl, Lady Anthony.“

     Madeleine zuckte zusammen. Es war eine Sache, Fremden diese Lüge aufzutischen, aber ihrer Großmutter? Wenn Alexander vorhatte, an dem Handbund festzuhalten, dann sollte er das wirklich ernst meinen und ihn nicht nur als politischen Schachzug benutzen. Sie wollte von ihm hören, dass er sie liebte, und in seinen Augen dieselben Gefühle sehen, die er so mühelos in ihr hervorrufen konnte. Sie wollte widersprechen, doch er hielt sie mit der Hand zurück, und allein die Glut, die diese winzige Berührung in ihr auslöste, machte sie sprachlos. Schon beim flüchtigsten Körperkontakt mit ihm schien sie in Flammen zu stehen. Was für eine beglückende Erfahrung! Madeleine kam sich vor wie trockener Zunder neben einer hellen Flamme.

     Die Worte ihrer Großmutter holten sie wieder in die Gegenwart zurück. „Ich hätte es mir denken können. Er hat das Silber, Madeleine, es umgibt ihn ganz. Aber da ist auch Schwarz, gemildert von frischem Blut. Und Kummer. Ein alter Kummer und die knurrenden Hunde des Gewissens. Sie werden ihn am Ende verschlingen, wenn du es zulässt.“

     Madeleine sah, wie Alexander zusammenzuckte und zurückwich, aber ihre Großmutter war noch nicht fertig.

     „Deine Mutter hat mich stets enttäuscht, Madeleine, aber ich glaube, du wirst das nicht tun. Ich habe immer wieder um ein Zeichen gebeten, und nun bist du gekommen. Mein Traum ist wahr geworden.“ Sie ermüdete zusehends, ihre Gesichtsfarbe war fahl. Alter und Gram hatten tiefe Furchen durch ihre Stirn gezogen. „Wie lange könnt Ihr bleiben, Laird Ullyot?“

     „Nur diese Nacht. Beim ersten Tageslicht brechen wir wieder auf. Wenn ich jetzt den Brief haben …“

     Josephine fiel ihm ins Wort. „Morgen.“ Sie wirkte etwas verstimmt wegen seiner Ungeduld.

     „Jetzt wäre es aber sicherer.“ Er wollte das Beweisstück so schnell wie möglich in die Hände bekommen und es vernichten.

     „Nein! Ihr dürft es nicht vernichten … es kann Euch noch nützlich sein …“

     Alexander hob ruckartig den Kopf und betrachtete sie aufmerksam. Gehörte Gedankenlesen auch zu ihren Gaben? Und wie weltfremd war sie eigentlich, wenn sie tatsächlich glaubte, ein Dokument, das ihre Enkelin als Spross eines kinderlosen Königs auswies, könnte nützlich sein? Andererseits war sie alt, und er wollte sie nicht vor den Kopf stoßen. Daher nickte er nur.

     „Heute Abend muss ein Festmahl stattfinden. Nur mein Gemahl und Matthilde … Wir müssen vorsichtig sein, ich weiß.“

     „Matthilde ist die Schwester meiner Großmutter“, erklärte Madeleine, als sie sah, wie Alexander fragend die Augenbrauen hob.

     „Je weniger Leute von unserer Ankunft wissen, desto sicherer sind wir. Wir brechen gleich morgen früh wieder auf.“ Er trat einen Schritt zurück, und plötzlich befiel ihn eine unerklärliche Furcht. Er wollte wieder in Schottland sein, wo ihm die Sprache, die Landschaft und das Wetter vertraut waren. Draußen hatte ein kalter Regen den schönen, sonnigen Tag vertrieben, alles war grau in grau. Zwei Jahreszeiten an einem Tag. Das Wetter hier war wie die Engländer selber – wechselhaft und gefährlich wankelmütig. Wenn es in Schottland regnete, dann blieb es wenigstens dabei. Seine Finger schlossen sich hart um das Heft des Messers in seiner Tasche. Nur diese eine Nacht würden sie bleiben, das schwor er sich.

In den späten Abendstunden, nachdem das Festmahl vorüber war und sich Stille über das Haus gesenkt hatte, kam er zu ihr. Die Flammen der Feuerstelle hüllten ihr Gemach in ein flackerndes Licht.

     Madeleine hörte, wie leise die Tür geöffnet wurde. Eine Weile lehnte Alexander sich dagegen und lauschte. Nie hatte er Vertrauen, immer war er auf der Hut. Was hat ihn nur so werden lassen, grübelte Madeleine. Sie schob ein Kissen zwischen sich und das Kopfende des Bettes und setzte sich auf.

     „Eure Großmutter ist schon eine bemerkenswerte Frau“, sagte er, während er ein neues Holzscheit auf der Feuerstelle nachlegte. „Und raffiniert. Ich glaube, sie hat den Brief nur bei sich behalten, damit wir nicht mitten in der Nacht im Schutz der Dunkelheit von hier fliehen.“

     Er legte den Schwertgürtel ab und setzte sich auf einen Stuhl neben Madeleines Bett. Keine Berührung, nur Unsicherheit. So als wollte er etwas sagen, wüsste aber nicht, wie er anfangen sollte.

     Schließlich überwand er sich. „Josephine sagte, die knurrenden Hunde meines Gewissens würden mich verschlingen, und sie hatte recht. Ich habe keine Ahnung, woher sie das wissen konnte, aber … sie hatte recht.“ Madeleine spürte seine wachsende Anspannung. In dieser Nacht wirkte er seltsam verloren, eine unsichtbare Last schien ihn zu drücken. „Als ich Euch von meiner Zeit in Ägypten erzählte, habe ich nur über einen kleinen Teil berichtet.“ Er verstummte und fuhr sich mit der Hand durch das Haar. „Ich war acht, als mich mein Vater nach Frankreich an Philips Hof schickte, damit ich zum Ritter ausgebildet wurde, und England war unter Edward unberechenbar. Guy de Tour war ein harter Mann, aber man muss ihm zugutehalten, dass er wusste, nur die härtesten Krieger würden aus einer Schlacht zurückkehren. Weiß Gott, er gab sich mit mir allergrößte Mühe. Neun Jahre lang lernte ich in Frankreich die Kriegskunst im Kampf gegen die Engländer, danach ging ich nach Alexandria.

     Anfangs war es für mich eine Welt voller Wunder. Der damalige Sultan war ein Mann, der sowohl Wohltäter als auch Herrscher war, und sein Palast bot vielen Geschichtsschreibern und Dichtern eine Heimstatt. Und es gab Bücher.“ Lächelnd dachte er daran zurück, wie er zum ersten Mal die Bibliothek der Koranschule in Alexandria gesehen hatte. „Zuerst lockten mich die Wissenschaften der Mamelucken, danach ihre Kunst zu kämpfen. Der Händler, mit dem wir nach Alexandria gekommen waren, hatte einen Bruder, der Anführer eines Armeeregiments in Al-Qahira war. Dieser beschloss, mich unter seine Fittiche zu nehmen, als er merkte, wie groß mein Interesse war. Sein Name war Talib ibn Abi Hakim, und er hasste alles, was mit dem christlichen Glauben zu tun hatte. Das war natürlich recht brisant, wie Ihr sicher versteht, denn ich war damals ein siebzehn Jahre junger Schotte, der immer noch jeden, der kein Christ war, für einen Ungläubigen hielt.“

     Er schüttelte den Kopf, und Madeleine sah einen feinen Schweißfilm auf seiner Stirn. „Noch ehe ich achtzehn wurde, ging ich mit Talib nach Kairo. Fern vom mäßigenden Einfluss des Sultans wurde er ein anderer Mensch. Zorniger. Weniger interessiert am Lehren, dafür umso mehr an Strafen. Er gründete eine Kampfschule und fing an, mich als Köder zu benutzen – einen hellhäutigen Fremden und überzeugten Christen, der zehn Jahre lang intensiv in westlicher wie östlicher Kampfkunst ausgebildet worden war. Ja, siebzehn ist in der Tat ein törichtes Alter, und so wurde ich für viel Gold zur willigen Attraktion der Schule. Reichtum und ein gewisser Rang – diesen Luxus hatte ich als Bastard aus dem Hause Bruce in Schottland nie gekannt. Zunächst war ich noch fasziniert, schon bald aber nur noch angewidert, denn die Gegner, gegen die ich antreten sollte, waren noch jünger als ich. Jungen von vielleicht fünfzehn Jahren, die noch kaum angefangen hatten zu verstehen, was sie nicht wussten … und niemals wissen würden … Ich brach ihnen das Genick … mühelos. Wie dünne Äste. Die Älteren waren schwieriger, aber es hieß entweder sie oder ich, und ich war mir verdammt sicher, dass ich weiterleben würde.“

     Alexander blickte zu Madeleine hinüber, und seine Augen waren grau und leer. „Yazid, ein damaliger Freund von mir, sagte, mir bliebe keine andere Wahl, als es zu tun. Er meinte, durch das Annehmen von Talibs Gold hätte ich ihm sozusagen meine Seele verkauft. Und doch hatte ich eine Wahl. Ich hätte das Essen einstellen können, bis ich verhungert wäre. Ich hätte mich weigern können zu kämpfen und stattdessen den Tod wählen. Aber … ich brachte es einfach nicht über mich. Ich wollte leben, versteht Ihr, mehr als alles andere wollte ich leben! Und als ich dann weiterlebte, musste ich feststellen, dass schließlich doch etwas in mir gestorben war. Wäre Alice noch am Leben, könnte sie Euch sagen, was sie so oft zu mir gesagt hat.“ Er geriet ins Stocken. „Sie meinte, Kairo und Talib ibn Abi Hakim hätten mir mein Herz genommen. Sie sagte, in den dunklen, durchwachten Nächten sollten mich für alle Zeiten die Seelen der Kinder heimsuchen, die ich getötet hatte. Großer Gott!“ Er stand plötzlich auf. „Ich war doch selbst noch ein Kind, zwischen fünfzehn und achtzehn bestand für mich damals noch kein richtiger Altersunterschied. Trotzdem haben sich ihre Worte in mein Bewusstsein eingegraben, und sie quälen mich heute noch …“

     Der Schmerz in seinen Augen brach Madeleine fast das Herz. Sie legte ihm die Finger über den Mund, um ihn am Weitersprechen zu hindern. „Wenn Ihr Euch geweigert hättet zu kämpfen, was wäre dann geschehen?“

     „Mit mir?“ Er sah sie nicht an. „Man hätte mich hingerichtet. Talib hatte keine Skrupel im Umgang mit Unehrenhaften.“

     „Seiner Auffassung nach waren die Kämpfe also etwas Ehrenhaftes?“

     „Ja.“

     „Wie lange wart Ihr dort? In Kairo, meine ich?“

     „Elf Monate und fünf Tage.“

     Wie genau er das wusste … Ihr Magen zog sich zusammen vor Entsetzen über all das Grauen, das er erlitten hatte. Behutsam schob sie den weiten Ärmel seines Langhemdes ein Stück nach oben. „Und diese Tätowierung hier?“

     „Ein Geschenk von ihm, für das Kämpfen.“

     „Und Ihr habt versucht, dieses Geschenk hinterher zu beseitigen?“ Die vielen Narben um das indigoblaue Band herum waren nicht zu übersehen.

     Alexander nickte. „Als ich dann nach Schottland zurückkehrte, versuchte ich, es auszubrennen, bis ich den Schmerz nicht mehr aushielt. Alice sagte, das wäre meine Buße, meine Schande. Sie meinte, ich solle die Tätowierung nicht anrühren, damit sie mich für alle Zeiten an meine Sünden erinnerte.“

     Stumm legte Madeleine die Arme um ihn, und ein zunehmender Hass auf seine längst verstorbene Gemahlin erfüllte sie. Alexanders Herz klopfte zum Zerspringen. Unter ihren Fingern konnte sie das rasch dahinströmende Rot seines Blutes und die von Schwarz umgebene Trauer spüren, von der ihre Großmutter gesprochen hatte. „Eure Gemahlin scheint eine rechtschaffene Frau gewesen zu sein – aber sie war zu hart. Wenn sie auch nur einen einzigen Tag in Kairo verbracht hätte, wäre sie wohl nicht mehr so selbstsicher gewesen, denn Tapferkeit lässt sich leicht empfinden, wenn man Tausende von Meilen von der Gefahr entfernt ist. Ihr habt Eure Wahl getroffen und seid dadurch am Leben geblieben. Andere trafen ihre Wahl und kamen dadurch um. Ihr seid nicht schuld an dem, was Talib getan hat.“

     „Ich hätte ihm Einhalt gebieten können.“

     „Heute vielleicht, das kann sein. Jetzt mit achtundzwanzig würdet Ihr Euch ihm gegenüber durchsetzen können. Möglicherweise. Aber mit achtzehn …“ Nur sieben Jahre älter als Jemmie und bereits in der Hölle gelandet. Das Grauen durchströmte sie wie pures Gift. „Überall auf der Welt sind Achtzehnjährige noch halbe Kinder. Auf Euch lastet keine Schande, Alexander, ebenso wenig wie auf mir, weil ich Lucien getötet habe. Ihr selbst habt mir das klargemacht. Wir waren beide nur Schachfiguren anderer Menschen.“

     „Gott, Ihr seid so ganz anders als Alice …“, murmelte er leise und strich ihr mit den Fingern durchs Haar.

     „Und dafür bin ich auch sehr dankbar“, gab sie zurück. Sein Herzschlag hatte sich mittlerweile beruhigt, geriet aber wieder durcheinander, als Madeleine ihm das Hemd abstreifte und mit der Hand über seine nackte Brust strich. Sie lächelte über ihre weibliche Macht und schmiegte sich an ihn. „Werdet Ihr heute Nacht bei mir bleiben?“

     Sie las die Antwort in seinen vor Leidenschaft ganz dunkel gewordenen Augen. Sie nahm seine Hand und legte sie auf ihr Herz. „Das hier ist jetzt die Wirklichkeit, Alexander. Euer Herz hat in Kairo nicht zu schlagen aufgehört, weil es den Ruf meines Herzens gehört hat. Spürt ihr es? Zwei Menschen, die für immer eins geworden sind, zusammengeschmiedet durch Trauer und Verlust, aber gerettet durch die Liebe.“

     Beide Herzen schlugen in vollkommenem Einklang, und als Alexander Madeleine küsste, versank die Welt um sie her.

 

In den frühen Morgenstunden lag Alexander mit offenen Augen da, Madeleine schlief in seinem Arm. Zum ersten Mal im Leben war ihm, als hätte er ein Zuhause gefunden. Keins hinter steinernen Mauern oder im Ruhm einer Schlacht, nicht an Davids Hof oder im Schoß seines Clans.

     Nein, Madeleine war sein Zuhause. So fühlte es sich also an, wenn man wirklich angekommen war. Und so fühlte es sich an, verwundbar zu sein … Er gebot seinen Gedanken Einhalt und stand vorsichtig auf, um Madeleine nicht zu wecken. Am Fenster legte er eine Hand auf die ihm völlig unvertraute, kalte Oberfläche von Glas. Stirnrunzelnd betrachtete er den Abdruck, den seine Hand darauf hinterließ, eine sich schnell wieder in nichts auflösende Andeutung, dass er hier gewesen war.

     Er hoffte, dass das kein böses Omen war.

Baron Anthony versuchte am nächsten Morgen, ihren Aufbruch hinauszuzögern, und Madeleine sah Alexander an, dass er misstrauisch war.

     „Eure Cousins und Cousinen müssten am frühen Nachmittag hier eintreffen. Wollt Ihr das nicht wenigstens abwarten?“

     Alexander stieß einen halblauten Fluch aus. „Ich hatte Euch gebeten, mit niemandem über unsere Anwesenheit zu sprechen!“

     „Das habe ich auch nicht getan. Schließlich habe ich die Nachricht nicht nach London geschickt, sondern nur zum Landsitz von Franklin Moore, Matthildes Gemahl. Ein schlichtes Familientreffen, daran ist doch gewiss nichts Gefährliches?“ Er hatte am Fenster gestanden, während er sprach, doch nun nahm er plötzlich seinen Hut und verließ das Gemach. Madeleine war froh darüber, denn ihre Großmutter hätte in seiner Gegenwart den Brief bestimmt nicht erwähnt. Als die sich nun aufsetzte und ihre Enkelin zu sich winkte, durchzuckte Madeleine höchste Erregung. Das war er. Der Augenblick, in dem sie das Dokument bekommen würden, das Jemmies Sicherheit bedrohte.

     „Jemimas Brief steckt im Rahmen auf der Rückseite des Gemäldes dort, Madeleine.“ Die alte Dame zeigte auf ein Landschaftsgemälde neben dem Fenster, und beide Frauen sahen zu, wie Alexander es leicht nach vorn kippte und ein Pergament hervorzog. Ohne auch nur einen Blick darauf zu werfen, schob er es in sein Hemd. Er schien nur aus angespannter Wachsamkeit zu bestehen. Ein Schrei draußen erklärte alles.

     Verrat! Madeleine sah ihrer Großmutter sofort an, dass sie dasselbe dachte.

     „Nehmt den hinteren Ausgang“, flüsterte Josephine und zeigte auf eine Tür am anderen Ende des Gemachs. Alexander zog sein Schwert in einer unmissverständlichen Geste. Jetzt war er wieder durch und durch ein schottischer Krieger – und über alle Maßen wütend.

     „Was ist das für ein Mann, dieser Franklin Moore?“, erkundigte er sich schroff.

     „Ich weiß es nicht, ich bin ihm nur wenige Male begegnet.“ Madeleine konnte sich kaum erinnern, wie er aussah.

     „Dann wird ihm Euer Wohlbefinden ziemlich gleichgültig sein, und wenn David so erpicht ist auf einen Korridor nach England hinein, dann kann das im umgekehrten Fall ebenso auf Edward zutreffen.“

     Sie nickte und nahm das zunehmende Engegefühl in ihrer Brust wahr, während sie sich nach draußen in einen Innenhof schlichen, den sie noch nie zuvor gesehen hatte.

     „Hört auf damit, Madeleine“, sagte er plötzlich. „Atmet, verdammt!“

     Später sollte sie denken, dass sie schuld war an allem, was sich dann ereignete. Hätte Alexander sich nicht um sie kümmern müssen, wäre es ihm gelungen zu fliehen und unbemerkt zu verschwinden. Sie hatte bereits beobachten können, wie gut er sich darauf verstand, sich plötzlich unsichtbar zu machen. Doch bis sie ihren Atem wieder einigermaßen unter Kontrolle hatte, war es zu spät. König Edwards Männer hatten sie bereits umringt. Sie waren schwer bewaffnet und wirkten überaus entschlossen. Madeleine erkannte Moore in ihren Reihen. Er war also doch aus politischen Motiven gekommen. Eine Erbschaft, die sich zerschlagen konnte, wenn ihre Großmutter ihren eigenen Namen auf ein Testament setzen sollte, ließ auch ihn nicht kalt. Gier und Landversprechen verwandelten Könige und einfache Männer in blinde Narren. Matthildes Gemahl bildete da keine Ausnahme.

     „Seid Ihr Lady Randwick?“ Ein dunkelhaariger Mann trat vor, seinen Abzeichen nach ein Hauptmann.

     Beistand suchend drehte sich Madeleine nach Alexander um, und er nickte kaum merklich. „Ja, die bin ich.“

     „Warum seid Ihr hier in Vorpeth?“ Er legte die Stirn ungeduldig in Falten.

     „Meine Großmutter ist erkrankt. Ich wollte sie noch einmal sehen, ehe …“ Sie verstummte und senkte den Blick, als könnte sie vor Schmerz nicht mehr weitersprechen.

     „Und dieser schottische Edelmann?“

     „Er hat darauf bestanden, mich zu begleiten, zu meiner Sicherheit. Wir wollten gerade aufbrechen und nach Hause reiten.“ Alles fiel ihr schwer, das Atmen, das Sprechen, die Fassung zu bewahren. Sie hasste diese Schwäche. Würde es so kommen, wie Alexander vermutet hatte? Würde König Edward auf Zeugen bestehen und die Zeremonie des Handbundes auf diese Weise anerkennen? Oder verlobte er sie einfach kurzerhand mit dem Adeligen, auf den er den größten Einfluss hatte? Der englische Hauptmann wirkte gereizt, und Alexander hatte eine bedrohliche Haltung angenommen.

     „Der König will, dass Ihr zu ihm gebracht werdet. Ihr sollt jetzt mit uns kommen.“

     „Und Ihr glaubt, Ihr könntet mich so einfach mitnehmen?“ Alexanders Stimme klang gefährlich ruhig. Dachte er wirklich, er könnte den wahren Grund für diese Begegnung hier ebenso eiskalt leugnen wie vor Kurzem den Kerrs gegenüber? Einen Augenblick lang konnte sie sein Vorgehen nicht nachvollziehen, doch dann traf sie die Erkenntnis. Aufgrund seiner beleidigenden Antwort hatte sich der Kreis um sie herum bereits geöffnet, zwei Soldaten kamen auf Alexander zu. Das war die Gelegenheit, auf die er gewartet hatte. Blitzschnell stürmte er zwischen den beiden Männern hindurch und rannte den Pfad zur Kapelle hinunter. Der Brief, dachte sie plötzlich. Er war nicht seinet- oder ihretwegen geflohen, sondern um Jemmie zu retten, und auf einmal wusste sie ganz genau, dass er gefasst werden würde. Nachdem er die Zeit gehabt hatte, den Brief zu vernichten und es so aussehen zu lassen, als sei die Kapelle nur ein zufälliger Punkt an seinem Fluchtweg gewesen.

     „Nein!“, rief sie und eilte ihm nach, aber schon fiel die schwere Eichentür des Gotteshauses ins Schloss, und der Hauptmann griff nach Madeleine.

     Sie schüttelte seine Hand ab und wirbelte zu ihm herum. „Er ist der Laird of Ullyot, ein unabhängiger schottischer Adliger, und Ihr habt nicht das Recht, ihn so zu behandeln! Er ist König Davids Cousin, in Gottes Namen, der Sohn des Bruders von Robert the Bruce! Wenn Ihr Euch nicht vorseht, beschwört Ihr einen Krieg herauf!“

     Mit jeder Faser ihres Seins konzentrierte sie sich auf den Lärm, der aus der Kapelle drang. Ein schmerzerfüllter Aufschrei, Triumphgeheul. Als der Hauptmann nicht eingreifen wollte, verlegte sie sich auf eine andere Taktik. „Bitte, ruft Eure Männer zurück“, flehte sie. „Ich bin doch diejenige, die Ihr wollt. Ich komme freiwillig mit Euch, das verspreche ich, wenn Ihr ihm nichts antut!“

     Der Mann lächelte. „Eine ergreifend sentimentale Geste, Mylady, die Euch aber nichts nützen wird, nach dem, was wir in den letzten Monaten so gehört haben. Ach, da kommen sie ja.“

     Die Tür ging wieder auf, und umringt von mindestens zehn englischen Soldaten trat Alexander ins Tageslicht. Sein Kopf war blutverschmiert und seine linke Wange geschwollen, dennoch war der Blick seiner grauen Augen ganz klar, als er Madeleine verstohlen zuzwinkerte. Er hatte nie vorgehabt zu kämpfen oder gar zu fliehen! Sein Mut beruhigte sie ein wenig, und sie wartete ab, was er nun als Nächstes tun würde.

     „Bringt den schottischen Laird her“, befahl der Hauptmann knapp, und Alexander wurde vor ihn gezerrt. Als sie unmittelbar voreinander standen, stellte sich heraus, dass sie beide in etwa gleich groß waren. „Nennt mir Euren Namen, Sir.“

     „Alexander James Ullyot, Laird des Ullyot-Clan of Liddlesdale.“ Er blinzelte ein paarmal heftig, weil ihm Blut aus einer Stirnwunde ins Auge rann. Da man ihm die Hände auf dem Rücken festhielt, konnte er es nicht fortwischen. „Was wollt Ihr?“ Keine Zeit mehr für Höflichkeiten – die Wut in seiner Stimme war nicht zu überhören.

     „Lady Randwick ist gebeten worden, an den Hof zu kommen, und Ihr habt Euch uns in den Weg gestellt. Solche Unverschämtheiten werden vom König nicht gern gesehen.“

     Madeleine trat vor. Plötzlich befiel sie verzweifelte Angst, denn im Gegensatz zu ihr besaß er keine Ländereien im Grenzgebiet zum Tausch gegen sein Leben. „Wenn Ihr uns gehen lasst, entschädige ich Euch reich mit Gold.“

     Der Hauptmann brachte mit einer Handbewegung die aufgeregt durcheinanderredenden Männer zum Schweigen. „Ein Diener des Königs lässt sich nicht bestechen, und Ihr wärt gut beraten, Euch den Anordnungen Eures Lehnsherrn nicht länger zu widersetzen.“

     „Das ist er nicht mehr. Meine Gemahlin ist jetzt Schottin. Richtet Edward aus, dass wir vor drei Tagen vor dreißig Zeugen den Handbund besiegelt haben.“

     „Ihr habt Euch mit ihr vermählt?“

     „So ist es.“

     „Wo?“

     „An der schottischen Grenze auf der Burg der Kerrs.“

     Der verbindliche Gesichtsausdruck des Hauptmanns war wie weggewischt, er schäumte vor Wut. „König Edward wird außer sich sein, wenn er das erfährt! Mein Befehl lautete, die Witwe Randwick nach London zu bringen.“ Er drehte sich um, schlug Madeleine hart ins Gesicht, und in diesem Moment brach die Hölle los.

     Alexander riss sich von dem Mann los, der ihn festhielt, und streckte ihn mit einem gezielten Fausthieb auf die Nase zu Boden, ehe der dahinter stehende Soldat eingreifen konnte. Mit einem einzigen Schwung fuhr Alexander zu ihm herum und setzte ihn ebenfalls außer Gefecht. Ein Dritter trat mit gezücktem Schwert vor, und Madeleine stieß einen Warnschrei aus. Doch das war unnötig. Nach einem Fußtritt und einem kräftigen Handkantenschlag brach auch dieser Mann bewusstlos zusammen.

     Zwei weitere Soldaten versuchten jetzt, ihn einzukreisen, doch ehe sie sich versahen, hatte Alexander die Arme um ihre Kehlen gelegt und drückte zu. Madeleine betrachtete die reglosen Gestalten auf dem Boden und fragte sich, ob sie wohl tot waren. Als sie sich bewegten, war sie erleichtert. Eine Schlägerei, sollte sie denn in einem Sieg für Edwards Leute enden, würde Alexander eine geringere Strafe einbringen als Mord.

     Madeleine wurde blass, als sie plötzlich Alexanders Blick auffing. Ein Anflug von Überheblichkeit und Belustigung war darin zu entdecken; er sah fast so aus, als machte ihm das Ganze Spaß. Wie konnte das sein? Ihr selbst gefror vor Angst das Blut in den Adern, denn nun waren mindestens zwanzig Soldaten an dem Handgemenge beteiligt. Sie wusste, diesen Kampf konnte Alexander unmöglich gewinnen, und er zeigte bereits erste Anzeichen von Ermüdung. Sie merkte es an seinem keuchenden Atem, seiner geröteten Gesichtsfarbe und dem heftig schlagenden Puls an seinem Hals. Der Kreis um ihn war zwar nicht mehr so eng, dafür sah sie jetzt Schilde und blinkende Messer.

     Er brüllte Madeleine zu zurückzubleiben, als sie auf ihn zueilte. Das Blut rann von seinem Gesicht auf sein weißes Hemd und den Tartan. Endlich hatte er den englischen Hauptmann gefunden, der sie geschlagen hatte. Mit einer einzigen raschen Bewegung packte Alexander seinen Arm und brach ihn mühelos. Doch plötzlich schlug ihm ein Mann, der hinter ihm aufgetaucht war, etwas Hartes über den Schädel. Alexander sackte in sich zusammen, und noch im Fallen traf ihn der Stiefel eines anderen Soldaten rücksichtslos im Gesicht. Erleichtert stellte Madeleine fest, dass die übrigen Männer riefen, er solle damit aufhören. Nicht aus Anstand, wie sie vermutete, sondern eher wegen der Tatsache, dass der Tod des Laird of Ullyot hier tief im englischen Hinterland König Edward in ernsthafte Schwierigkeiten bringen konnte. Der Tod eines Verwandten des schottischen Königs! Des Anführers eines Clans im umkämpften Grenzland! Nein, wenigstens nach außen hin mussten die Regeln eingehalten werden. Madeleine schloss flüchtig die Augen und sandte ein Stoßgebet zum Himmel, ehe sie zu Alexander eilte, sich neben ihn kniete und seinen Puls fühlte.

„Seid Ihr wahnsinnig?“, flüsterte sie und tupfte ihm mit dem Saum ihres Untergewandes das Blut aus den Augenwinkeln und von der Stirn. Sein blondes Haar schimmerte jetzt rötlich feucht. „Warum habt Ihr das getan?“

     „Sie haben Euch wehgetan.“

     Sie konnte ein leises Schmunzeln nicht unterdrücken. „Nicht ansatzweise so sehr wie Euch, Alexander.“

     „Wo sind wir?“

     „In einem Lager, ungefähr einen einstündigen Ritt von Vorpeth entfernt.“ Sie berührte stirnrunzelnd die Platzwunde unter seinem linken Auge. „Ihr hättet sie gewähren lassen sollen. Noel und Lucien haben mich weitaus schlimmer behandelt, als diese Männer es hier vorhatten, und ich habe es überlebt.“

     Er starrte sie ungläubig an. „Ich bin der Laird of Ullyot, und Ihr seid meine Gemahlin. Es ist meine Pflicht, Euch zu beschützen!“

     „Vor dreißig Soldaten und selbst verwundet? Das war Wahnsinn. Ihr hättet niemals gewinnen können.“

     „Aber das habe ich doch“, sagte er leise, und sie sah ihn fragend an. „Ich habe sie davon abgehalten, Euch etwas anzutun.“

     Sie drückte seine Hand, und ihre Kehle war plötzlich wie zugeschnürt. Unter seinen Fingernägeln entdeckte sie getrocknetes Blut, seine Handrücken waren übersät mit neuen Kratzern und Schnitten.

     Die Hälfte ihres Lebens hatte sie mit Männern verbracht, die behauptet hatten, sie wären ihr zugetan – und das war gar nicht wahr gewesen. Ihr Bruder mit seiner schnellen Faust. Liam Williamson mit seinen sarkastischen Bemerkungen. Lucien mit seinem Jähzorn und seiner Geistesgestörtheit. Alexander Ullyot hatte zwar das Wort Liebe noch nie in den Mund genommen, dennoch spürte sie hinter jeder seiner Gesten den festen Vorsatz, sie zu beschützen und sie in Sicherheit zu bringen.

     Ich habe sie davon abgehalten, Euch etwas anzutun.

     Nur mit Mühe hielt sie die Tränen zurück, als sie sich über seine geschundenen Hände beugte. „Was habt Ihr mit Jemmies Brief gemacht?“

     „Ihn verbrannt, in der Kapelle standen Kerzen auf dem Altar. Wohin führt die Straße, auf der wir reisen?“, fügte er unerwartet hinzu.

     „Nach London.“

     „Und wie viele Soldaten reiten mit uns?“

     „Mindestens fünfzig. Nach unserem Aufbruch sind noch viele zu uns gestoßen. Wahrscheinlich sind sie aus Stainington gekommen, das ist eine Stadt ungefähr zehn Meilen von hier.“

     „Und wo steckt Anthony?“

     „Er sagte, er würde nach London kommen und ein Bittgesuch beim König stellen, um zu sehen, wie es weitergehen soll.“

     Alexander stieß einen Fluch auf Gälisch aus und versuchte, sich aufzurichten, aber er fiel wieder zurück und hielt sich den Kopf mit beiden Händen. „Könntet Ihr etwas Wasser für mich auftreiben?“

     Sie hielt ihm eine mit Wasser gefüllte Schweinsblase hin, und er trank durstig, wobei er immer wieder schmerzerfüllt das Gesicht verzog.

     „Womit hat mich dieser englische Bastard zusammengeschlagen?“

     „Mit der Kante eines Schildes. Ihr hattet eine Beule, aber ich habe mich bereits darum gekümmert.“

     Plötzlich lächelte er und nahm ihre Hände. „Wenn wir in unserer Sache hart und entschlossen bleiben, Madeleine, dann stehen wir das durch. Sollte man Euch allein zum englischen König bringen, dann sagt ihm, Ihr überlasst ihm Euer Land an der Grenze. Im Gegenzug wünscht Ihr freies und sicheres Geleit nach Ashblane. Aber wählt Eure Worte mit Bedacht – niemand durchschaut Listen so gut wie die englische Königsfamilie. Wenn Edward nicht auf Euch hören will, dann bietet ihm mein Leben zum Tausch für Eures an …“

     Aufschluchzend schüttelte sie den Kopf.

     „Hört mir doch zu! Sagt, Ihr fechtet den Handbund an. Sagt ihm, ich hätte Euch dazu gezwungen. Eine arrangierte Verlobung mit einem Marionettenbaron lässt Euch wenigstens die Zeit, nach Ashblane zu fliehen und Jemmie zu holen. Von dort aus wird Quinlan Euch weiterhelfen.“

     „Nein!“

     „Nur wenn ich verschwunden bin, kann er Euch anderweitig vermählen. Geld, Land und ein Gunstbeweis. Der König wird sich dadurch besänftigen lassen.“

     „Das tue ich nicht, Alexander. Ich werde Euch niemals verraten.“

     Er lachte leise auf, seine weißen Zähne blitzten in dem gebräunten Gesicht. „Wenn Ihr nach unseren gemeinsamen Nächten guter Hoffnung seid, dann solltet Ihr das tun, sonst verratet Ihr mich nur noch mehr.“

     „Nein, ich bin unfruchtbar, das habe ich Euch doch schon gesagt. Das sollte Eure geringste Sorge sein.“

     „Ihr wart unfruchtbar bei Lucien. Bei mir werdet Ihr es nicht sein.“

     Sie musste über seine Überheblichkeit lächeln, trotzdem regte sich leise Hoffnung in ihr. „Falls ich tatsächlich Euer Kind unter dem Herzen trage, dann will ich nicht, dass es schon vor seiner Geburt vaterlos ist.“

     „Falls Ihr unser Kind unter dem Herzen tragt, Madeleine, dann tragt Ihr die Verantwortung dafür, es auch zur Welt zu bringen.“ Er stand auf, musste aber wegen des niedrigen Zeltdachs den Kopf einziehen. Madeleine merkte, dass er sorgfältig darauf bedacht war, sie nicht zu berühren.

     „So, wie es Eure Pflicht ist zu sterben?“ Sie rang die Hände. „Wollt Ihr mir das damit sagen?“

     „Nein, ich will damit sagen, dass Edward ein König ist, dem man unter gar keinen Umständen trauen kann. Er hätte nicht die geringsten Skrupel, ein Kind zu töten, wenn er dadurch die Ländereien gewinnen kann, die Ihr der englischen Monarchie mitbringen könnt. Oder gleich die Mutter zu ermorden – vor allem, wenn sich diese Ländereien im Grenzgebiet befinden.“

     „Dann lasst uns von hier fliehen. Gemeinsam.“

     Statt zu antworten, zog er seinen goldenen Ring vom Finger und streifte ihn ihr über. „Mit diesem Ring nehme ich Euch zur Gemahlin“, verkündete er schlicht. „Mit meinem Leib will ich Euch ehren.“ Mit dem Messer schnitt er sich erst in seinen, dann in ihren Daumen, ehe er die beiden Wunden zusammenpresste, damit sich ihr Blut vermischte. „Mit diesem Blut verknüpfe ich mein Leben mit dem Euren.“ Er hob ihren Daumen an seine Lippen und sog so fest daran, bis der Schmerz nachließ und die Blutung aufhörte. „Und wenn alle Stricke reißen, Madeleine, dann möchte ich, dass Ihr Euch daran erinnert. Und an mich.“

     Tränen verschleierten ihren Blick, als sie sich in seine Arme schmiegte. „Ich könnte es nicht ertragen, Euch zu verlieren, Alexander. Ich könnte nicht ohne Euch weiterleben.“

     „Ganz ruhig“, raunte er ihr tröstend zu und streichelte ihr Haar, ehe er es anhob und sie leicht auf den Hals küsste. „Edward wird das Land unbedingt haben wollen. Wenn wir ihn in dem Glauben lassen können, dass wir nicht abgeneigt sind, dann haben wir eine Chance.“

     Schritte vor dem Zelt ließen ihn verstummen, und als ein älterer englischer Soldat eintrat, zog Alexander Madeleine schützend hinter sich.

     „Ihr werdet mit Baron Anthony nach London gehen, Lady Randwick.“

     „Und Laird Ullyot? Was wird aus ihm?“

     „Er bleibt bei uns.“

     Vor Entsetzen wurde ihr schwindelig, sie umklammerte angstvoll Alexanders Hand. Er jedoch zwang liebevoll ihre Finger auseinander, als der Mann auf sie zukam.

     „Sie wird jetzt mit Euch gehen, allerdings will ich Euren Eid, dass Ihr für ihre Sicherheit sorgt.“

     „Den gebe ich Euch, Sir“, erwiderte der Mann und drehte sich um, damit sie sich ungestört voneinander verabschieden konnten.

     Madeleine spürte Alexanders Hand an ihrer Wange und schloss die Augen, als wollte sie sich dieses wärmende Gefühl für immer einprägen. Als sie ihn schließlich ansah, war sie überrascht über sein Lächeln.

     „Das ist nicht das Ende, meine Madeleine, ich verspreche es.“

     Während ihr die Tränen jetzt ungehindert über die Wangen strömten, wurde sie von ihm fortgezogen, und dann war er nicht mehr da.

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