Die schöne Heilerin - Kapitel 20 + Epilog

20. Kapitel + Epilog

Zehn Tage nach seiner Flucht aus dem Tower traf Alexander zusammen mit hundert seiner besten Krieger von Ashblane, die Stephen Grant schon vorsorglich vor der Flucht herbeigeordert hatte, in Stainmore ein. Die rotgoldenen Banner der Ullyots blähten sich im Wind, soyez sage, aber Alexander nahm nichts um sich herum wahr, denn seine Gedanken kreisten einzig und allein um Madeleine und ihre Sicherheit.

     Sechs Soldaten ritten ihnen entgegen. Unter ihnen erkannte Alexander Nigel Mummington, und der Hass drohte ihm die Kehle zuzuschnüren.

     „Warum seid Ihr hier, Laird Ullyot? Ihr befindet Euch auf englischem Boden, das hier ist nicht Euer Einflussbereich.“

     Alexander überhörte die kaum verhohlene Drohung und kam ohne Umschweife zur Sache. „Wenn Ihr meiner Gemahlin irgendetwas zuleide getan habt, Mummington, ist Euer Leben verwirkt. Also, wo ist sie?“

     Ein unerklärliches Flackern war in den dunklen Augen seines Gegenübers zu sehen. „Edward hat sie mir versprochen, Laird Ullyot, und ich denke, sie ist zufrieden mit den Dingen, so wie sie sind. Schließlich ist sie Engländerin, und das hier ist der Wunsch ihres Königs. Ich an Eurer Stelle würde zurückreiten und mich freuen, dass ich noch am Leben bin.“

     Stephen Grant schüttelte den Kopf, doch Alexander bewegte sich nicht. Irgendetwas stimmte hier nicht. Nigel Mummington war wie gelähmt vor Angst, das sah er an seiner angespannten Haltung und dem heftig schlagenden Puls an seinem Hals. Unwillkürlich schloss er die Finger um das Heft seines Schwertes, als der Earl ihnen in den Innenhof vorausritt.

     „Ich werde Euren Männern Essen und Trinken bringen lassen“, sagte Mummington am Haupttor des Schlosses, doch Alexander hörte ihm kaum zu. Madeleine war ganz in der Nähe, das spürte er. Plötzlich war er es leid, auf gesellschaftliche Feinheiten achten zu müssen, und betrat kurzerhand die Halle. Die gezückten Schwerter von mindestens fünfzig Falstone-Kriegern streckten sich ihm entgegen.

     Eine Falle!

     Alexander gab Goult, Quinlan und Marcus ein Zeichen, ihre eigenen Waffen stecken zu lassen. Sie mussten den richtigen Zeitpunkt abwarten, bis sie wussten, wo Madeleine und ihr Bruder waren. Erst dann konnte er etwas unternehmen.

     Wie auf ein Stichwort hin tauchte Noel Falstone auf. Er stellte sich vor seine Männer, und seine Miene war alles andere als freundlich.

     „Ich hatte gehofft, Ihr wärt inzwischen tot, Ullyot.“

     „Es bedarf schon etwas mehr als nur Hoffnung, um mich zu töten, Falstone. Woher wusstet Ihr, dass ich kommen würde?“ Noel war ein Mann, der gern mit seinen Erfolgen prahlte. In diesem Fall würde das kaum anders sein, und dadurch gewann Alexander etwas Zeit.

     „Von Baron Anthony. Er gehört ebenso zu Edwards Gefolgsleuten wie ich.“

     „Außerdem ist es einfacher, mich hier zu töten als im Tower, nicht wahr?“

     Noel hätte beinahe geschmunzelt. „Ihr habt es erfasst, Laird Ullyot. Es ist längst nicht so umständlich, und da Grant auch beteiligt ist, sogar gerechtfertigt, wie mir scheint.“

     Stephen griff nach seinem Schwert, doch sofort wurde ihm ein Messer an die Kehle gedrückt. „Ich rate Euch, das Schwert fallen zu lassen, Baron Grant.“

     „Alexander?“

     „Lass es fallen.“

     Das Klirren von Metall durchdrang die Stille, ehe Alexander wieder zu sprechen begann. „Lasst meine Leute Madeleine zurück nach Ashblane bringen. Ich bitte um ihr Leben und biete Euch meins dafür.“

     „Ihr seid wohl kaum in der Lage zu verhandeln, Laird Ullyot. Alles steht zu unseren Gunsten. Ich werde jetzt endgültig reinen Tisch machen.“

     „Vor dem Schloss lagern hundert unserer Männer. Wenn Ihr uns tötet, werden sie Stainmore belagern.“

     „Ihr begeht Rechtsbruch in England, Laird Ullyot. Was glaubt Ihr, wie lange Edward dabei zusehen wird?“

     „Lange genug für uns, um eine große Zahl englischer Soldaten mit uns ins Grab zu nehmen. Lange genug, um den Ärger der Kirche über den Versuch heraufzubeschwören, meine rechtmäßige Vermählung mit Lady Randwick aufzulösen.“

     Noel lachte schallend. „Ein Handbund, das war es doch, nicht wahr? Im Namen welches Gottes wurdet Ihr denn zusammengeführt? Ein einfaches Gelübde mitten im Wald und im Kreise eines Clans, der ebenso verbrecherisch ist wie Eurer. Ich glaube …“

     Ein Schrei brachte ihn zum Verstummen. Eine Frau stürzte in die Halle und plapperte etwas von Hexen. Und dann kam Madeleine, gekleidet in ein schlichtes, dunkelviolettes Gewand und umgeben von blauen Rauchschwaden. Macht und Magie gingen von ihr aus, und im Kerzenschein hatte ihr Haar die Farbe von reifen Vogelbeeren im Herbst.

     „Lass ihn gehen, Noel.“

     „Madeleine?“ Alexanders zorniger Ausruf riss sie aus ihrem tranceartigen Zustand, und als sie sich zu ihm umdrehte, wechselten sich in rascher Folge die unterschiedlichsten Empfindungen auf ihren Zügen ab – Erleichterung, unendliche Sehnsucht und Sorge. „Madeleine?“ Er erkannte seine eigene Stimme nicht wieder. Seine Gemahlin und seine Männer in den intriganten Klauen von Noel Falstone … Der Geruch von Blut und Verrat lag in der Luft.

     „Lass ihn gehen.“ Nur mit Worten und ihrer Magie bewaffnet war sie nun in die Halle gekommen. „Lass Laird Ullyot und seine Männer gehen, Noel.“

     Ihr Bruder fing an zu lachen. „Du bist Ullyot ähnlicher, als du glaubst, Madeleine. Aber ich habe fünfzig Männer hinter mir, liebe Schwester, und die ausdrückliche Erlaubnis des Königs, ihn zu töten. Ich lasse ihn ganz sicher nicht gehen, nur weil du mich darum bittest.“

     Sie tat einen weiteren Schritt auf Noel zu.

     „Nein!“ Alexander konnte kaum glauben, dass sie die Kühnheit besaß, diesem Verrückten unbewaffnet gegenüberzutreten. Er wollte ihr zur Seite eilen, aber zahllose Arme hielten ihn zurück.

     „Lass ihn gehen, Noel!“, wiederholte Madeleine mit lauterer Stimme. Dieses Mal hob sie die Hände, und blauer Rauch wirbelte auf, der sie wie ein Umhang vor den Blicken der anderen verhüllte.

     Gott, sie ist eine Hexe, dachte Alexander. Und nie zuvor war sie schöner gewesen. Macht und Sicherheit gingen von ihr aus und umgaben sie wie eine Aura. Ohne die geringste Furcht starrte sie auf die Schwerter, die auf sie gerichtet waren, und als sie nun erneut die Hände hob, sank ein Mann vor ihr zu Boden.

     „Soll ich ihn töten, Alexander?“, fragte sie jetzt sanft. Auf einmal wirkte sie ganz ruhig und tödlich gefährlich.

     „Nein.“ Die Gedanken überschlugen sich in seinem Kopf. Worauf wollte sie hinaus? Josephine de Cargnes Worte fielen ihm wieder ein. Vergesst die Magie nicht. War es das? Konnte Magie ihnen jetzt helfen?

     „Soll ich sie alle töten?“, wiederholte sie und hob das Schwert des Soldaten auf, der sich vor ihr auf dem Boden krümmte. Die Klinge verströmte ein weißes, gleißendes Licht, das sich über die Gesichter der Männer legte. Auf die ungläubigen Mienen stahl sich jetzt ein ganz anderer Ausdruck.

     „Nein, Madeleine, tötet sie nicht.“ Er versuchte, seine Stimme so furchtsam wie möglich klingen zu lassen und ging auf sie zu.

     Niemand hielt ihn auf.

     Aus der Nähe fiel ihm auf, was er zuvor nicht bemerkt hatte. Ein breiter roter Streifen zog sich über ihre Wange bis hinauf zum Haaransatz an der Schläfe, außerdem schien Madeleine zu glühen. „Seid Ihr verletzt, Mylady?“, flüsterte er ihr zu und war froh, als sie den Kopf schüttelte. Er zog sie hinter sich und wandte sich ihrem Bruder zu, der offenbar anfing, die Sache zu durchschauen, gleichzeitig aber auch erkannte, dass sich sein Blatt nicht unbedingt zum Guten wendete. Mit erhobenem Schwert sprang Noel einen Schritt nach vorn.

     „Bringt sie um!“, brüllte er.

     Alexander drückte flüchtig Madeleines Hand. „Wenn Ihr tatsächlich eine Hexe seid, dann wäre es jetzt vielleicht an der Zeit, Eure Künste anzuwenden! Was könnt Ihr uns noch zeigen?“

     Madeleine warf eine Handvoll Pulver in die Luft, und ein Regenbogen wölbte sich bis zu den Deckenbalken empor. Der zornige Ausdruck wich von den Gesichtern der Heathwater-Krieger und machte Beklommenheit Platz. Sie wichen zurück, zwar immer noch mit gezückten Schwertern und unvermindert gefährlich, aber wenigstens standen sie nicht mehr ganz so nah.

     „Sie kann euch verletzen!“ Alexanders Stimme erhob sich laut über den Lärm, den die Männer machten. „Und ich kann es auch! Wir können euch verfluchen, verwunden und in die Hölle schicken!“ Er ließ das Schwert durch die Luft sausen, um seine Warnung noch zu unterstreichen. Noch immer war die Halle in weißes Licht getaucht, Schwefelgeruch breitete sich aus.

     „Tötet sie!“, kreischte Noel jetzt und machte einen Satz auf seine Schwester zu, doch Alexander war schneller. Ehe ihn jemand daran hindern konnte, drückte er Noel die Schwertklinge gegen die Brust.

     „Wenn sich uns auch nur einer Eurer Soldaten nähert, Falstone, dann schneide ich Euch auf der Stelle die Kehle durch!“ Dieses Mal zweifelte niemand daran, wie ernst er es meinte. „Und jetzt weicht zurück!“ Alexander legte zwei Finger an die Lippen, stieß einen gellenden Pfiff aus und im selben Moment stürmten die Männer von Ashblane die Halle. Derart in die Enge getrieben legten die Noel treu ergebenen Engländer die Schwerter nieder. Auf ihren Gesichtern zeichneten sich Resignation und Unsicherheit ab. Aber Alexander glaubte, ihnen noch etwas anderes anzumerken.

     Erleichterung. Es würde an diesem Tag kein Blutbad geben, denn Noels Motive wurden nicht von allen seinen Männern gutgeheißen, und dasselbe galt auch für Mummingtons Gefolgsleute. Das Leben war zu kostbar, um es für eine verlorene Sache herzugeben.

     Zufrieden sah er, wie Noel Falstone wieder sein Schwert hob. Genauso hatte er es sich erhofft, denn nun würde er ihn nicht kaltblütig umbringen müssen.

     „Nein!“, rief Madeleine entsetzt, als Stahl gegen Stahl klirrte und Alexander Quinlan ein Zeichen gab, sie aus dem Gefahrenbereich zu bringen. Der Baron of Heathwater galt als einer der besten Schwertkämpfer Englands, doch sein Selbstbewusstsein geriet ein wenig ins Wanken, als er Quinlan näher kommen sah. „Wollt Ihr mit unlauteren Mitteln kämpfen, Ullyot?“

     „Genauso unlauter, wie Ihr gegen Ian gekämpft habt. Sollte es mir nicht gelingen, Euch zu töten, dann gelingt es meinen Männern, verlasst Euch darauf!“

     „Ian?“, wiederholte Falstone in verändertem Tonfall. „Ian? Ian the Red! Der Riese, der nicht sterben wollte, damals in den Hügeln von Heathwarter! Zehn Messerstiche waren nötig und einer tiefer als der andere. Er hat wie ein Kind geheult.“

     Blind vor Wut griff Alexander an, doch als Falstone seinen Hieb gekonnt parierte, kam er zur Vernunft. Das war eine List, und Wut machte ihn verwundbar. Ruhig bleiben. Tief durchatmen. Sein Herzschlag verlangsamte sich, und Alexander konzentrierte sich jetzt ganz auf sein Schwert. „Nun, da die Chancen gleichmäßig verteilt sind und ich nicht mehr an eine englische Kerkermauer gekettet bin, werde ich Euch vernichten, Falstone.“

     Noels höhnisches Auflachen beflügelte Alexander nur noch, und schon bald sprühten Funken auf, als Metall gegen Metall traf und der Kampf begann. Falstones Klinge sauste zischend an Alexanders linkem Ohr vorbei. Dann ein doppelter Ausfallschritt. Alexander spürte den Luftzug und lächelte. Eine geschickte Parade, dann wich er zurück und wartete ab, bis Noel erneut angriff. Im letzten Moment wandte er eine Finte nach links an und beobachtete, wie Noels Augen sich ungläubig weiteten, als er merkte, dass er nicht nur nicht getroffen hatte, sondern die Klinge seines Schwerts auch noch tief im Holz der Toreinfassung stecken geblieben war. Blitzschnell zog er sein Messer aus dem Gürtel und versetzte Alexander einen Schnitt über den rechten Handrücken.

     Ein stechender Schmerz durchzuckte Alexander, als er bemerkte, wie Madeleine nach vorn trat, und er rief Quinlan zu, er sollte sie festhalten, denn eine solche Ablenkung konnte er jetzt nicht gebrauchen.

     Noel war inzwischen nach links ausgewichen, und Alexander durchschaute ihn sofort. In diesem Teil der Halle befanden sich nicht so viele Männer von Ashblane, und außerdem war es bis zur Küchentür nicht mehr weit. Sorgfältig schnitt er Noel den Fluchtweg ab, warf sein Schwert zur Seite und zückte ebenfalls sein Messer. In leicht nach vorn gebeugter Haltung sah er Noel entgegen, der auf ihn zustürmte mit der Zuversicht eines Mannes, der Blut gewittert hat und nun nach mehr dürstet.

     „Kommt schon, Falstone“, stieß er hervor. „Lasst uns die Sache zu Ende bringen!“

     Wieder trafen die Klingen hart aufeinander, und abermals bekam Alexander das Messer seines Gegners zu spüren, am Hals dieses Mal, aber der Hieb wurde abgelenkt durch die Metallschließe, die seinen Tartan zusammenhielt. Durch diesen fehlgeleiteten Angriff war jedoch eine Verzögerung eingetreten, die groß genug war, um den Kampf endgültig beenden zu können. Alexander legte seine ganze Kraft in den Hieb und stach zu. Noels Hemd klaffte auf, Blut schoss hervor, und mit verblüffter Miene sank der Engländer zu Boden.

     „Ich verfluche Euch, Ullyot! Ich verfluche Euch, meine Schwester und das ganze Haus Ashblane!“

     Alexander lachte nur. „Leere Worte, Falstone, und unkluge noch dazu. Eine Beichte Eurer Sünden könnte Euch für das Jenseits hilfreicher sein, aber ich fürchte, nicht einmal Bußfertigkeit wird Euch noch etwas nutzen, sollte Ian Euch dort finden.“ Er wischte die Klinge seines Messers ab, steckte es wieder ein und sah zu, wie Madeleines Bruder sein Leben aushauchte.

     Hinter Alexander hoben die Krieger von Ashblane ihre Waffen, aber die Gefolgsleute von Heathwater zogen sich bereits so schnell es ihnen möglich war aus der Halle zurück, um es Mummington und seinen wenigen Mannen zu überlassen, sich dem Feind zu stellen.

     Das Ende eines Traums. Das Ende einer Gewaltherrschaft. Der Beginn eines neuen Zeitalters, erstanden aus den Trümmern des alten.

     „Geht nach Hause, Ullyot.“ Mummingtons Stimme klang jetzt müde, älter. „Und nehmt Eure Gemahlin mit.“

     Eine hochschwangere Frau erschien oben an der Treppe, und Nigel Mummington wich zum Geländer zurück.

     Eine beschützende Geste, erkannte Alexander aus eigener Erfahrung, als er dem Earl of Stainmore in die Augen sah. „Richtet Edward aus, dass Madeleine Ullyot bei mir bleiben wird. Sagt ihm, als Brautpfand kann er Heathwater bekommen, denn ich will mit dieser Burg nichts mehr zu tun haben. Und zum Schluss teilt ihm Folgendes mit – sollte er je die Grenze zu Ashblane überschreiten, werde ich ihn mit zehntausend Kriegern erwarten.“

     Mummington neigte nur leicht den Kopf zum Zeichen, dass er verstanden hatte. Vorsichtig trat Alexander den Rückzug an, doch erst als er mit Madeleine vor sich im Sattel saß, atmete er auf.

     Noel Falstone war tot. Am liebsten hätte Alexander einen lauten Freudenschrei ausgestoßen. Ian war endlich gerächt! Und doch – für Madeleine war Noel ein Familienangehöriger gewesen.

     „Solltet Ihr Euren Bruder je geliebt haben, dann tut es mir leid“, begann er zögernd, doch zu seiner grenzenlosen Erleichterung schüttelte sie den Kopf.

     „Noel hat sich sein Ende selbst zuzuschreiben, und die eher pflichtschuldige Liebe, die ich als Kind für ihn empfand, ist schon seit vielen Jahren erloschen.“ Sie nahm Alexanders Hand, um sich seine Verletzung anzusehen, aber er entzog sie ihr und presste sie an die schwere Wolle seines Tartans.

     „Das muss warten, bis wir wenigstens ein paar Stunden zwischen uns und Stainmore gelegt haben. Wer hat Euch geschlagen?“ Er berührte sacht ihre Wange.

     „Noel, als ich ihm sagte, dass ich mich nicht mit Nigel Mummington vermählen würde. Er benahm sich schlimmer als je zuvor auf Heathwater.“

     „Ich denke, er ist wahnsinnig. War wahnsinnig“, verbesserte er sich und wandte sich Quinlan zu, um mit ihm zu sprechen.

     Er klang immer noch so aufgebracht und distanziert, dass Madeleine schwieg und zusah, wie er seinen Männern ein Zeichen gab, Richtung Norden zu reiten. Erst als sie nach mehreren Stunden langsamer wurden, wagte sie es wieder, zu reden.

     „Ich nehme an, Isabella Simpson war niemals Eure Braut?“ Sie konnte ihm nicht in die Augen sehen, während sie seine Antwort abwartete.

     „Nein. Diese Vermählung war das Einzige was mir einfiel, um Euch retten zu können. Edward hatte einen Lehnseid verlangt, den ich nicht ablegen konnte, und durch diese vermeintliche Verlobung gewannen wir wenigstens etwas Zeit.“

     „Und das Kind?“

     „Es hat nie eins gegeben. Isabella willigte gegen einen großen Geldbetrag in die Täuschung ein. Mir war dieser Handel nur recht.“

     Jetzt wandte sie sich ihm doch zu und strich ihm sanft über die Wange. „Ihr seid dünner geworden.“

     „Ich hatte Fieber.“

     „In den Verliesen des Towers of London?“

     „Ihr wusstet, dass ich dort war?“, fragte er erstaunt.

     „Noel hat es mir gestern erzählt. Er sagte, er hätte Euch dort aufgesucht. Er behauptete, Ihr wolltet unbedingt Kinder und dass meine Unfruchtbarkeit …“

     Alexander ließ sie nicht ausreden. „Glaubt Ihr wirklich, dass ich an Kinder denke, wenn ich Euch ansehe, Madeleine? Glaubt Ihr, ich würde ganz England trotzen, nur weil ich einen Erben will? Ich habe doch bereits einen – Gillion!“

     Er sah sich um und merkte, dass seine Männer warteten. Er bedeutete ihnen weiterzureiten und lenkte sein Pferd ans Ende des Trosses, um etwas ungestörter zu sein.

     „Als Edward sagte, er würde Euch töten, war mir klar, wie schwierig es werden würde, Euch davon zu überzeugen, dass ich mich nicht länger an Euch gebunden fühlte. Andererseits wusste ich, dass Ihr sterben würdet, wenn Ihr mir nicht glaubtet.“

     Ein zögerndes Lächeln der Erleichterung umspielte nun Madeleines Mundwinkel, aber noch war sie nicht gänzlich bereit, ihm alles zu verzeihen. „Ihr habt Euch ziemlich viel Zeit damit gelassen, zu mir zu kommen, Alexander Ullyot! Wenn Mummington nicht so über alle Maßen verliebt gewesen wäre, hätte ich mich wahrscheinlich nicht einmal mit Magie vor ihm retten können.“

     „Großer Gott.“ Er drückte ihre Hand. „Ich dachte, er bevorzugt Männer.“

     „Wie bitte?“

     „Es hieß, er mag lieber Männer, deshalb wähnte ich Euch bei ihm auch in Sicherheit!“

     „Seine Geliebte war die Frau, die Ihr zuletzt oben an der Treppe gesehen habt.“

     Alexander erbleichte. „Aber sie war doch in anderen Umständen?“

     Madeleine musste lachen.

     „Und er hat Euch nicht angerührt?“, fragte Alexander so aufgebracht, dass sie das Gefühl hatte, er würde sofort zurückreiten und Mummington auch noch umbringen, falls sie bejahte.

     „Er hatte gar nicht den Wunsch danach. Die Frau, die Ihr an der Treppe gesehen habt, erwartet sein Kind, und ich war für sie gar keine Bedrohung. Sie half mir, die Zutaten zu finden, die ich für meine Magie benötigte.“

     Alexander zog sie dichter an sich. „Behauptet Ihr etwa, dass es für Eure Hexerei auf Stainmore eine Erklärung gibt?“

     „Man muss nur wissen, wie es geht. Es ist eine uralte Kunst der de Cargnes. Mit der richtigen Übung kann das jeder zustande bringen.“

     „Nicht jeder, Madeleine, nur Ihr. Aber wenn sich die Kunde über Eure Hexerei auf Stainmore in ganz England und Schottland herumspricht, dann schwöre ich, Euch zu verteidigen. Und ich verspreche, Lady Ullyot, Euch für alle Zeit zu lieben.“

     Nach dem Tod Noels und der Unsicherheit der letzten Wochen rührte sie sein Bekenntnis nun zu Tränen. Womit hatte sie nur einen solchen Mann verdient? Einen Mann, der ihre Zauberkunst für eine Gabe hielt und ihr Anderssein für eine Herausforderung?

     „Ich liebe Euch auch“, flüsterte sie und legte die Hand an seine Wange, als er sich zu ihr beugte, um sie zu küssen. Es war kein sanfter Kuss, sondern einer voller Leidenschaft und Verheißung.

     „Und Jemmie?“, fragte sie nach einer Weile atemlos und errötete, als sie ein paar Männer vor ihnen johlen und applaudieren hörte.

     „Ich verspreche, dass es für Eure Schwester sicher sein wird, endlich wieder als Mädchen zu leben, und niemand wird je etwas über ihre Abstammung erfahren.“

     Sie fühlte seinen warmen Körper an ihrem Rücken und schmiegte sich lächelnd an ihn, als er beschützend den Arm um sie legte. Sie war auf dem Weg nach Hause. Nach Schottland. Zu Jemmie. Mit Alexander.

     Tränen verschleierten ihren Blick, als Alexander seinem Pferd die Sporen gab und sie England hinter sich ließen.

Epilog

Ashblane

Frühling 1361

Alexander ging rastlos in der Großen Halle auf und ab. Unaufhörlich lauschend wartete er auf irgendein Geräusch aus dem Gemach oben an der Treppe. Aus dem Gemach, in dem Madeleine ihr gemeinsames Kind zur Welt brachte.

     Mit zusammengebissenen Zähnen lehnte er sich ans Fenster, teilte die ledernen Behänge und blickte nach draußen. Dem Stand der Sonne nach musste es bereits später Vormittag sein. Seit dem Morgengrauen lag Madeleine nun schon in den Wehen, und es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, seit zuletzt jemand das Gemach betreten oder verlassen hatte. War das nun ein gutes oder ein schlechtes Zeichen? Er wollte sich nicht länger in Vermutungen verlieren. Er wollte nur Madeleine, seine Gemahlin, in den Armen halten, gesund, wohlauf und lachend.

     Quinlan beobachtete ihn, einen Weinkelch in der einen und eine lange Pfeife in der anderen Hand. Marcus und Stephen Grant standen neben dem Tor zur Halle.

     „Jetzt dauert es bestimmt nicht mehr lange.“ Goults Zuspruch war gut gemeint, obwohl Alexander bezweifelte, dass der alte Mann in solchen Dingen viel Erfahrung hatte.

     „Seit wann seid Ihr ein Fachmann für Geburten?“, entfuhr es ihm gereizt, und er wandte sich ab. Es ärgerte ihn selbst, dass er sich über diese Kleinigkeit aufregte, aber alles schien ihm so gefährlich. Bis wann würde es nicht mehr lange dauern? Bis Madeleine in aller Stille verblutete und starb wie Alice, noch ehe das Kind überhaupt einen Tag alt war?

     Er gebot seinen Gedanken Einhalt. Madeleine war stark und gesund, und sie hatte sich dieses Kind so verzweifelt gewünscht. Fast zwei Jahre hatten sie darauf warten müssen. Er durfte die Hoffnung jetzt nicht aufgeben.

     Das Tor ging auf, und Gillion betrat die Halle mit einem Strauß Schneeglöckchen in der Hand. Voller Liebe sah Alexander ihm entgegen.

     „Die habe ich an Patricks Grab gepflückt, denn Mama hat sie selbst gezogen und wird sich bestimmt darüber freuen.“ Er sprach mittlerweile ohne zu stocken, und mit seinen acht Jahren war er so kräftig und robust wie nie zuvor. Madeleines Werk.

     In der Tat hatte Alexander schon hundertfach den Tag gesegnet, an dem er sie am Rande des Schlachtfelds vor den Toren Heathwaters aufgegriffen hatte. Und nun fand ein weiterer Kampf statt, und diesmal konnte er ihn nicht mit ihr durchstehen. Eine hilflose Angst stieg in ihm auf. Er wollte dieses Leben mit Madeleine verbringen, er wollte das Glück, das Lachen und das immer wieder neue Wunder, dass sie bei ihm war, warm und weich in seinem Bett in jeder einzelnen Nacht.

     Der dünne Schrei eines Kindes riss ihn aus all seinen Gedanken, und er stürmte die Treppe hinauf in das Gemach. Madeleine saß aufrecht im Bett und hielt das Neugeborene im Arm, während Katherine und Jemima an der Bettdecke herumzupften. Im Licht, das durch das Fenster fiel, sah Alexander einen rötlich braunen Flaum auf dem Kopf des Kindes. Ein Rotschopf, ganz wie die Mutter …

     „Ihr habt eine Tochter, Alexander“, sagte Madeleine leise und streckte die Hand nach ihm aus. Er nahm sie und setzte sich zu ihr auf die Bettkante. Selbst nach seinen größten Schlachten hatte er nicht so weiche Knie gehabt. Ein Krieger, besiegt durch die Liebe.

     „Und Ihr seid wohlauf?“, fragte er heiser und war froh, als Katherine und Jemima das Gemach verließen.

     „Ja, mir geht es wahrscheinlich besser als Euch“, erwiderte sie lachend. „Es ist alles gut, Alexander“, fügte sie sanft hinzu. „Ich habe Euch mindestens fünfzig gemeinsame Jahre versprochen, und ich habe vor, dieses Versprechen auch zu halten.“

     „Von jetzt an angefangen?“ Er beugte sich behutsam nach vorn, um das Kind nicht zu stören, und strich seiner Gemahlin sanft über die Wange. Als ihr Atem schneller ging, lehnte er sich zurück an das Kopfende ihres Betts und lächelte. „Ach, meine Madeleine … Die Schätze, die Ihr für mich bereitgehalten habt, bestanden nicht aus Ländereien oder Gold, sondern daraus …“ Er hob ihr Nachtgewand an und legte ihr die Hand auf das Herz. „Und daraus.“ Mit dem Finger berührte er leicht ihre Stirn. „Herz und Verstand, Madeleine. Klugheit, Mut und Schönheit. Welcher Schatz könnte das alles aufwiegen?“

     „Die Liebe, Alexander“, antwortete sie.

     „Unsere Liebe“, raunte er und küsste sie.

– Ende –

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