Die schöne Heilerin - Kapitel 5

 

5. Kapitel

Am nächsten Morgen wurde sie allein in die Große Halle hinuntergebracht, wo das allgemeine Stimmengewirr bei ihrem Erscheinen schlagartig verstummte. Im Vorbeigehen fing sie Alexander Ullyots Blick auf. Er sah müde aus, unrasiert, und die Kleidung, die er schon am vergangenen Abend getragen hatte, war zerknittert. Offensichtlich hatte er gar nicht geschlafen, und die Totenwache war wohl erst vor Kurzem zu Ende gegangen. Bei dem Gedanken würde ihr übel, und sie war froh, dass sie zu einem Stuhl geführt wurde, der ein wenig abseits stand und etwas Ungestörtheit versprach.

     „Hier sollt Ihr sitzen, Lady Randwick, und ich hole Euch gleich Eure Morgenmahlzeit.“ Die Frau stotterte nervös und bekreuzigte sich, als sie zurück in die Küche hastete. Madeleine sah sich um und entdeckte die finstere Miene eines Mannes, der zu ihr herüberblickte und sich vielsagend mit der Handkante über die Kehle strich. Erschrocken wandte sie das Gesicht ab. Dieser rohe, unverhohlene Hass traf sie zutiefst. Auch auf Heathwater war ihr Hass entgegengeschlagen, allerdings nie derart offen.

     Sie nahm eine völlig reglose Sitzhaltung ein, die Hände krampfhaft im Schoß verschränkt und die Zähne fest zusammengebissen. So hatte sie viele Male auf Heathwater dagesessen, wenn Noel und Liam Williamson sich mal wieder sinnlos betrunken hatten. Auch vor ihrem Gemahl hatte sie sämtliche Gefühlsregungen verborgen, als seine geistige Umnachtung immer weiter fortgeschritten war. Oh ja. Sie war eine Frau, die gelernt hatte, nicht viel zu erwarten. Wenigstens gab es hier keine Fäuste in ihrem Gesicht oder einen Schwall übler Verwünschungen, sobald sie auch nur ihre Kammer verließ.

     Ihre Kammer. Die Turmkammer im Westflügel von Heathwater, die vor den Fenstern zugezogenen schwarzen Vorhänge, damit die Ghule und Elfen aus der uralten Feenwelt nicht unbemerkt hereinkommen konnten. Luciens Geschwätz. Sie mochte es, wenn die Vorhänge geschlossen waren und die Welt und ihre Geräusche aussperrten, eine Welt, die sie nicht länger begreifen konnte und die nur in der Dunkelheit etwas von ihrem Schrecken verlor.

     Madeleine nahm jetzt eine Bewegung am Tisch des Burgherrn wahr. Alexander Ullyot hatte eine junge Frau zu sich gewinkt; fast noch ein Mädchen, mit hellblondem Haar, einem blauen Gewand und der Gesichtsfarbe eines Menschen, der gern in der Sonne spazieren ging. Das Mädchen kam tatsächlich auf sie zu.

     „Habt Ihr etwas dagegen, wenn ich mich zu Euch geselle, Lady Randwick? Mein Onkel hat mich gebeten, höflich zu sein.“

     Eine schlecht kaschierte Beleidigung. „Das erwarte ich nicht“, erwiderte Madeleine. „Sagt Eurem Onkel, dass ich Euch hinsichtlich Eures Verhaltens jeglicher Pflicht entbinde.“

     Sie war überrascht, als sich das Mädchen lächelnd zu ihr setzte. „Ich heiße Katherine. Ich bin die Tochter der ältesten Schwester von Lord Ullyots erster Gemahlin.“

     „Von seiner ersten Gemahlin? Wie viele andere hat es denn seitdem noch gegeben?“

     Wieder lächelte Katherine. „Es gab nur die eine. Sie starb bei Gillions Geburt. Ihr habt den Jungen ja gestern Abend schon gesehen.“

     „Dann ist er also nicht verheiratet?“ Madeleine hinterfragte den zarten Hoffnungsschimmer nicht, der in ihrem Herzen keimte.

     „Nein. Alice Ullyot ist seit fünf Jahren tot. Sie starb in dem Gemach, in dem man Euch untergebracht hat, aber da gibt es keinen Geist, seid unbesorgt. Obwohl ich glaube, dass Ihr Euch vor so etwas nicht fürchtet, Lady Randwick, denn ich habe Euch beobachtet. Ihr werdet eher von den anderen gefürchtet. Sie können es sich nicht leisten, an Eure Magie zu glauben, wisst Ihr.“

     Madeleine runzelte die Stirn, ihr behagte der Verlauf dieses Gesprächs nicht recht.

     „Ihr habt keinen Gemahl“, fuhr Katherine fort. „Und Ihr braucht auch keinen. Ich würde auch gern eine Frau werden, die nicht auf einen Mann angewiesen ist.“

     „Und eine solche Frau seht Ihr in mir?“

     „Ich habe das meinen Onkel zu Quinlan sagen hören, als er hier mit Euch eintraf. Er meinte auch, Ihr wärt eine Hexe.“

     „Und glaubt Ihr ihm?“

     „Quinlan glaubt ihm, und Dougal auch, ebenso wie die Männer, die Euch bei der Heilung auf der Lichtung vor dem Liddlesdale Forest zugesehen haben. Ich sehe, wie sie sich bekreuzigen, wenn Ihr an ihnen vorbeigeht. Zum Schutz vor bösen Geistern, nehme ich an, obwohl mein Onkel ein finsteres Gesicht macht, wenn sie das tun. Ich habe auch gehört, dass Ihr auf Heathwater am liebsten für Euch gewesen seid und man Euch nur selten in Gesellschaft anderer gesehen hat. Ich frage mich – fühlt Ihr Euch nicht bisweilen sehr einsam?“

     Katherines Frage löste ein so überwältigendes Gefühl der Trostlosigkeit in Madeleine aus, dass sie zunächst nicht antworten konnte. Einsam. Wann hatte sie sich jemals anders gefühlt? „Nein.“ Sie merkte selbst, wie brüchig ihre Stimme klang.

     „Es tut mir leid. Ich muss endlich lernen, nicht so neugierig zu sein. Das sagt mir jeder. ‚Hör auf, ständig zu fragen, Katherine. Frag nicht so viel.‘ Diese Schwäche wird mir oft vorgehalten. Oh, ich weiß nicht, wie oft mich meine Mutter als Kind für meine Vorwitzigkeit bestraft hat, und ich fürchte, denselben Fehler habe ich soeben wieder begangen.“

     Sie plapperte munter weiter, und Madeleine entspannte sich. Sie hatte das seltsame Gefühl, als wollte ihr das Mädchen tatsächlich Gelegenheit bieten, ihre Fassung wiederzugewinnen. Sie fragte sich, welche Gründe das Mädchen wohl haben mochte, so etwas zu tun. Es hätte sie eigentlich hassen müssen, stattdessen bot es Madeleine etwas ganz anderes an. Freundschaft. Freundlichkeit. Unbeschwerte Gesellschaft. Bereiche, in die Madeleine sich noch nie vorgewagt hatte. Mit niemandem.

     Sie wurden unterbrochen durch einen Aufruhr am anderen Ende der Halle, und beide Frauen standen auf. Ein Mann schrie etwas auf Gälisch. Madeleine bemerkte, wie die Krieger, die an der Tür standen, sich auf ihren Tisch zubewegten. Wahrscheinlich auf Befehl des Lairds, dachte sie, als ihr Blick in seine Richtung fiel und sie sah, wie er sie beobachtete. Seine Müdigkeit war größter Wachsamkeit gewichen, das Essen auf seinem Teller war unberührt. Er beobachtete sie, wie ein Feldherr den Verlauf einer Schlacht beobachtet, und immer wieder ließ er den Blick aufmerksam durch die ganze Halle schweifen. Plötzlich stand er auf, und Madeleine erstarrte vor Angst. Wenn diese Gefolgsleute vorhatten, ihr etwas anzutun, dann hatte sie nicht die geringste Chance. Auf einmal spürte sie, dass jemand sie von hinten angreifen wollte. Um die Bedrohung abzuwehren, stieß sie Katherine zur Seite und drehte sich blitzschnell um. Doch ein Krieger, der ganz in ihrer Nähe stand, war schneller und warf sich zwischen Madeleine und den aufblitzenden Stahl. Mit einem Mal ging alles ganz schnell. Der Krieger brach zusammen, durchbohrt von einem Schwert. Madeleine sah die blutige Spitze aus seinem Rücken ragen, als ihr unbekannter Beschützer zu Boden sank. Geistesgegenwärtig zog sie ihm den Dolch aus dem Gürtel, um sich zu verteidigen.

     Nichts ergab mehr einen Sinn, nicht der Aufschrei am anderen Ende der Halle; nicht das Wehklagen, das über ihre eigenen Lippen kam; nicht die Krieger, die jetzt ihren sich erbittert wehrenden Angreifer abführten. Einzig Alexander Ullyots graue Augen konnten den Nebel des Entsetzens durchdringen, der sie umgab. Und das verzweifelte Schluchzen von Katherine, die von einer älteren Frau weggeführt wurde.

     „Gebt mir den Dolch.“

     Hundert Gefolgsleute von Ullyot umringten sie, alle bis an die Zähne bewaffnet.

     „Gebt mir den Dolch“, wiederholte Alexander. Seine Stimme bebte ein wenig, als er die Hand ausstreckte, und er wirkte erleichtert, als Madeleine ihm den Dolch hineinlegte. Er verstaute ihn in den Falten seines Langhemdes und bedeutete seinen Männern zurückzuweichen.

     Madeleine kniete sich neben den Krieger zu ihren Füßen und bettete behutsam seinen Kopf auf ihrem Schoß. Ihr Gewand färbte sich rot von seinem Blut, aber sie achtete gar nicht darauf.

     „Ich danke Euch.“ Sie sprach ganz sanft, und sein Blick gewann noch einmal an Klarheit, als er versuchte, sie anzulächeln. Schöne, braune Augen. Und noch so jung. Alles in ihr verkrampfte sich. Schon breitete sich die wächserne Blässe des Todes auf seinen Zügen aus. Sein Blick richtete sich wieder nach innen und wurde glasig.

     Er hatte sie gerettet und sein eigenes Leben für sie gegeben. Ihre Kehle war wie zugeschnürt, als sie ihn fester an sich zog.

     Ruhig. Ruhig. Sie beschwor Wärme und Weichheit herauf. Mit dem alten Trostgesang der de Cargnes bannte sie Furcht und Schmerz.

     Es wurde ganz still in der Großen Halle, als die Krieger gespannt lauschten und zusahen. Der stete Blutfluss ließ nach und versiegte schließlich ganz. Madeleine presste die Hand fest auf die Stelle, wo das Schwert in seinen Körper eingedrungen war, ehe sie die Finger sanft zu seinem Gesicht hob. Sein Atmen wurde ruhiger und hörte dann ganz auf, als der Tod das Leben verdrängte.

     Ihr rotes Haar war mit Blut bespritzt, das Gewand klaffte an ihrem Brustansatz auf. Alexander merkte, dass seine Männer auf ihre Brüste starrten. Schließlich stand sie in dem Ruf, eine Hure zu sein, und man konnte es Kriegern, die lange in der Schlacht gewesen waren, nicht verübeln, wenn sie sich einen ausgiebigen Blick gönnten. Doch an diesem Morgen, wie sie so dasaß im Schein der fahlen Herbstsonne und versuchte, seinem Mann zu helfen, in Würde zu sterben, da war nichts von alldem an Madeleine Randwick, was man ihr nachsagte.

     Zum ersten Mal im Leben verspürte Alexander ein seltsames Gefühl der Seelenverwandtschaft mit einer Frau. Mit einer Handbewegung gab er den Befehl, die Große Halle zu räumen, und wartete. Nur Madeleines Atem war in der einsetzenden Stille zu hören.

     „Ich kann nicht hierbleiben“, begann sie zögernd, als sie sah, dass auch der Letzte die Halle verlassen hatte. „Diesem Mann eben mag es vielleicht nicht gelungen sein, mich zu töten, aber einem anderen könnte es irgendwann glücken.“

     Er ließ den Blick prüfend über ihre Gestalt wandern. „Euch bleibt keine andere Wahl, Madeleine“, versetzte er schroff. Insgeheim wunderte er sich über sich selbst, dass er sie mit ihrem Vornamen anredete, denn er hatte sich geschworen, ihr gegenüber distanziert zu bleiben. Als Schwester des verhassten Noel Falstone musste ihr eigentlich doch klar gewesen sein, dass sie eines Tages in eine solche Situation geraten würde. Er schlug einen sanfteren Tonfall an, als er merkte, wie sie zitterte. „Ich verspreche Euch, dass der Mann, der das eben getan hat, bestraft wird.“

     „Von wem?“

     „Von mir.“

     Madeleine atmete auf, als sein Gesicht wieder den gewohnten geringschätzigen Ausdruck annahm. Sie war froh darüber. Das, was sie noch vor Kurzem auf seinen Zügen gesehen zu haben glaubte, grenzte gefährlich an Mitleid. Mitgefühl. Sie wollte weder das eine noch das andere. Mit reiner, unverhohlener Verachtung konnte sie besser umgehen. So etwas konnte man leichter abtun oder sich dagegen wehren.

     Sie hob die Hand des toten Kriegers an ihre Lippen, küsste sie und stand auf. „Wie war sein Name?“

     „Patrick of Jedburgh. Er wurde vor drei Jahren zu mir geschickt, damit ich ihn ausbilde.“

     „Ihr bildet Männer dahingehend aus, dass sie ihr Leben geben für eine Frau, die sie verachten?“ Die Kritik war nicht zu überhören.

     „Nein, Mylady“, erwiderte er ungerührt. „Ich bilde Männer dazu aus, dass sie ihre Pflicht tun. Patricks Pflicht war es, für Eure Sicherheit zu sorgen. Er hat seine Aufgabe erfüllt.“

     Nicht das geringste Gefühl spiegelte sich in seinen Augen wider, kein Bedauern, kein Schuldbewusstsein, keine Entschuldigung. Ein Krieger, den er seit drei Jahren gekannt hatte, lag ermordet zu seinen Füßen, und Madeleine empfand mehr Trauer um ihn als er. Wieder sah sie in ihm den Mann, um den sich so viele Legenden rankten, und eine kalte Hand legte sich um ihr Herz. Ihr fiel eine neue Schnittwunde an der Innenseite seines Handgelenks auf, der Verband darum war blutgetränkt. Die über den Tod hinausgehende Blutsbrüderschaft der Ullyots, wie sie vermutete. Sie hatte schon davon gehört; ein Schnitt in das Handgelenk eines Lebenden, der dann an die Lippen eines Toten gepresst wurde. Noch so ein uraltes, grausiges Clan-Ritual, obwohl sie an diesem Tag das Gefühl hatte, dass es mit großer Ehrerbietung vollzogen war. Auf Schmerz folgte meist ein Zustand der Betäubung, und in diesem Augenblick sehnte sie sich fast nach einer solchen Erleichterung.

     „Ihr werdet in Euer Gemach zurückkehren.“ Die gleiche Frau, die sie schon nach unten geführt hatte, erschien wie auf ein vorher verabredetes Zeichen, und Madeleine sah, dass die sechs Krieger, die sie begleiteten, bewaffnet waren.

     „Kann ich mich darauf verlassen, dass diese Männer genauso gut ausgebildet sind wie Patrick?“, konnte sie nicht umhin zu sticheln.

     Der Ärger in seinen Augen ermutigte sie, aber noch zuversichtlicher stimmte sie der letzte Blick, den sie auf Alexander Ullyot werfen konnte, ehe sie die Treppe emporstieg. Er beugte sich zu seinem toten Gefolgsmann, hob ihn behutsam auf seine Arme und drückte ihn beinahe liebevoll an sich, ehe er ihn hinaus zur Kapelle trug.

Später am Vormittag kam er zurück und blieb einfach in der Tür ihres Gemachs stehen. Sein Langhemd war blutbeschmiert, und er hatte sein Haar an den Seiten geflochten, damit es ihm nicht ins Gesicht fiel. Zum ersten Mal sah Madeleine ihn ganz ohne Waffen.

     „Ihr werdet die nächsten paar Tage in Eurem Gemach bleiben.“

     „Und mein Page? Darf er ebenfalls in seiner Kammer bleiben?“ Sie hoffte es von ganzem Herzen, denn dann würde sie wenigstens wissen, wo ihre Schwester war. Er schien jedoch nicht gewillt, ihr noch mehr zu sagen, und so fragte sie ruhig: „Ist das eine Bestrafung?“

     „Nein. Es ist eine Maßnahme zu Eurer Sicherheit.“

     „Weil andere versuchen werden, mich zu töten?“

     Er strich sich mit der Hand über das Gesicht. Madeleine bemerkte den Schmutz unter seinen Fingernägeln und einen neuen Kratzer an seinem kleinen Finger.

     „Ashblane ist eine Burg unter Waffen, Lady Randwick, aber wenn es um das Töten von Unschuldigen geht, ziehen wir eine klare Grenze.“ Sein Tonfall klang beinahe belustigt.

     „Von Unschuldigen wie mir?“, forderte sie ihn heraus, als sie den Anflug von Humor spürte, doch Alexander war bereits wieder ganz ernst.

     „Nach dem heutigen Tag wird niemand mehr versuchen, Euch etwas anzutun.“

     „Weil Ihr den entsprechenden Befehl erteilt habt?“

     Er überhörte ihre Frage vollends. „Die zerstückelte Leiche Eures Angreifers liegt auf den Feldern vor der Burg, den Wölfen zum Fraß überlassen. Und sein Kopf steckt auf einem Pfahl an Patricks Grab.“

     Sie wurde blass bei dieser Schilderung, denn auf Heathwater blieben solche Grausamkeiten für gewöhnlich im Verborgenen. „Eine strenge Mahnung also, dass jeder seine Pflicht zu erfüllen hat?“ Ihre gezielte Kritik kam jedoch bei ihm ganz anders an. Er schien sogar erfreut über ihre Bemerkung zu sein, als er quer durch das Gemach zum Fenster ging und hinaussah. „Aber die Kinder! Wenn sie diesen Anblick …“

     „Genug.“ Er beugte sich vor, zog das Band aus ihrem Haar und beobachtete, wie es ihr frei über den Rücken fiel, fast bis zu den Hüften hinab. „Ich mag es, wenn Ihr das Haar offen tragt.“

     Das war das erste wirklich persönliche Wort, das er je an sie gerichtet hatte, und sie war so überrascht, dass ihr keine Erwiderung einfiel. Das war genau die Art, wie die meisten Männer ihr Werben um eine Frau begannen, sie wusste das aus jahrelanger leidvoller Erfahrung noch von Heathwater her. Der Ärger und der Zorn auf seinen Zügen ließen sie jedoch daran zweifeln, dass seine Absichten in diese Richtung gingen.

     „Ist Noel Euer leiblicher Bruder?“

     „Nein.“ Wieder war es ihm gelungen, sie aus der Fassung zu bringen.

     „Wer ist Goult?“

     „Mein Onkel mütterlicherseits.“

     „Er lebt bei Euch auf Heathwater?“

     „Ja.“

     „Weil er Euch nahe sein will, um Euch beschützen zu können?“

     „Ja.“ Alexander war der erste Mensch, der die wahren Gründe für die Anwesenheit ihres Onkels durchschaute, und sie war gebührend beeindruckt.

     „Verlässt er jemals die Burg?“

     „Zu seinem Geburtstag reist er zu seiner Schwester in Carlisle.“

     „Und der ist wann?“

     „Am zweiundzwanzigsten Oktober.“

     „Gut, dann werde ich ein paar Männer losschicken, wenn es so weit ist, und ihn nach Ashblane bringen lassen.“

     Er hätte nichts sagen können, was sie mehr überrascht und beglückt hätte, und einen Augenblick lang verschlug es ihr den Atem. „Ihr habt daran gedacht!“, hauchte sie schließlich. „Ich danke Euch.“

     Alexander winkte nur ab. Stattdessen ergriff er ihre Hand und drehte die Handfläche nach oben, als wollte er ihre Schicksalslinie überprüfen. Madeleines Pulsschlag beschleunigte sich, und sie hoffte inständig, dass er es nicht bemerkte. „Im Gegensatz zu Eurem Bruder begleichen wir unsere Schulden“, bemerkte er rau.

     Sie wagte es, ihn vorsichtig anzulächeln, und sofort ließ er ihre Hand los, als hätte er sich verbrannt.

     „Man wird Euch mittags und abends Euer Essen bringen. Ihr bleibt in diesem Gemach. Wenn Ihr etwas benötigt, ruft Ihr den Bediensteten, der draußen Wache steht. Aber ich warne Euch – wenn Ihr dieses Gemach unbegleitet verlasst, sperre ich Euch ein.“

     „Weil Ihr um meine Sicherheit besorgt seid?“ Sie konnte sich diese kleine Stichelei nicht verkneifen.

     „Genau.“ Er ging an ihr vorbei, verließ den Raum und schlug die Tür heftig hinter sich zu.

Draußen blieb er stehen. Verdammt, sie war so schön, dass er allmählich genauso darauf hereinfiel wie ihre zahlreichen Liebhaber, von denen man munkelte. Es musste an ihrem feuerroten Haar, den geheimnisvollen Augen und der sanften, leisen Stimme liegen.

     Und an ihrer Stärke.

     Er schloss die Augen und lehnte sich einen Moment lang an die kalte Mauer des Gangs. Er hatte sich so sehr an hilfsbedürftige Frauen gewöhnt. Diese hier brachte ihn völlig aus der Fassung mit ihrer vollkommenen Eigenständigkeit.

     Sie war die Schwarze Witwe. Sie ließ ihre Opfer sich in ihrem Netz aus Lug und Trug verfangen, ehe sie … Ja, was? Ehe sie ein paar von ihnen tötete? Und andere für ewig und alle Zeiten von ihrem Zauber schwärmen ließ?

     Sie war eine Geisel, ein Mittel zum Zweck, an ihren Bruder heranzukommen. Alexander mischte bereitwillig mit in dem finsteren Spiel der Grenzpolitik, also brauchte er eigentlich auch keine Bedenken zu haben, sie für seine eigenen Zwecke zu benutzen. Ja, er sollte sie sich hier und auf der Stelle nehmen und dem Unsinn ein Ende bereiten, der zunehmend von ihm Besitz ergriff. Er sollte sie genauso nachhaltig ruinieren, wie er es auch mit ihrem Bruder vorhatte.

     Stattdessen … stattdessen ließ er ihren Onkel nach Ashblane bringen und machte ihr Komplimente.

     Ich mag es, wenn Ihr das Haar offen tragt.

     Himmel, wann war ihm je bei einer Frau die Länge ihres Haars aufgefallen oder wie sie es trug? Eine Hexe und Zauberin. Die Hexerei der de Cargnes. Und Madeleine übte sie an ihm aus.

     Er hieb mit der Faust gegen die Mauer und nahm sich fest vor, dieser Frau tunlichst aus dem Weg zu gehen, bis er sich genau darüber im Klaren war, was er in Bezug auf Lady Madeleine Randwick zu unternehmen gedachte.

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