Die schöne Heilerin - Kapitel 8

8. Kapitel

Als Madeleine erwachte, erkannte sie an der Länge der Schatten an der Wand, dass sie mindestens achtzehn Stunden geschlafen haben musste. Sie war wieder in ihrem eigenen Gemach, und Katherine Ullyot saß neben ihrem Bett, den Kopf über einen großen Gobelin gebeugt.

     „Ihr seid wach!“ Lächelnd sah sie von ihrer Handarbeit auf. „Ich habe Euch Blumen mitgebracht.“ Sie zeigte auf ein Tongefäß, in dem ein großer Wildblumenstrauß steckte.

     „Wo habt Ihr sie gepflückt?“, fragte Madeleine heiser, sie klang wie jemand, der lange Zeit laut geschrien hatte.

     „Gillion und ich haben sie heute Morgen draußen auf den Feldern gepflückt.“

     „Und wie geht es Dougal?“

     „Er ist vollständig genesen. Die Leute auf der Burg sprechen von einem Wunder, und Dougal selbst stimmt wahre Lobeshymnen auf Euch an! Mein Onkel ist nicht ganz so überschwänglich, aber selbst er räumt ein, dass Ihr ganz anders seid als Euer Bruder.“

     Madeleine errötete – als sie Alexander das letzte Mal gesehen hatte, hatte sie in seinem Bett gelegen und sich an ihn geschmiegt. „Wo ist er jetzt?“ Sie hoffte nur, dass er nicht unangekündigt ihr Gemach betrat und sie in diesem Zustand sah. Allein bei dem Gedanken daran schoss ihr erneut das Blut in die Wangen.

     „Er ist erst vor wenigen Stunden mit dreißig Männern aufgebrochen, ich weiß allerdings nicht genau, aus welchem Grund. Ich könnte mir vorstellen, dass er den Armstrongs einen Besuch abstatten will, denn in die Richtung ist er fortgeritten, aber er könnte genauso gut zu den Grants unterwegs sein, da ihr Land im Westen, jenseits des River Annan, an unseres grenzt.“

     Madeleine schwieg. Einerseits war sie erleichtert, dass er nicht irgendwo in der Nähe war, doch andererseits fragte sie sich besorgt, welche Absicht er verfolgte. War er unterwegs, um eine Lösung für das Problem ihres Aufenthalts auf Ashblane auszuhandeln? Oder meldete er ihr Geständnis weiter, einen Mord begangen zu haben? Sie schlug die Decken zurück und versuchte aufzustehen, aber Katherine hielt sie mit erstaunlich kräftigen Händen zurück.

     „Nein, Ihr müsst im Bett bleiben. Mistress Sim hat eine heiße Brühe und frisches Brot für Euch vorbereitet. Ach, da ist sie ja schon!“

     Die Wirtschafterin erschien zusammen mit Jemmie und breitete umständlich ein Tischtuch auf dem Bett aus, bevor sie Madeleine das voll beladene Tablett vorsetzte. „Dougal ist mein Neffe, Lady Randwick“, erklärte sie und schenkte ihr einen Becher Milch ein. „Er ist ein guter, hübscher Junge. Der Sohn meiner Schwester, müsst Ihr wissen, und bevor sie starb, hat sie ihn mir anvertraut. Donald ist sein Zwillingsbruder.“ Sie zog ein großes Taschentuch hervor und schnäuzte sich geräuschvoll. „Deshalb ist es mir auch egal, was man sich sonst so über Euch zutuschelt. Ich werde Euch jedenfalls ewig dankbar sein für das, was Ihr getan habt.“ Sie tätschelte Madeleines Arm und legte ihr ein kleines, in weißes Leinen gewickeltes Päckchen auf das Bett. „Macht es auf, wenn ich weg bin, Mylady. Das ist etwas für Eure Heilkunst.“

     In diesem warmen Bett und mit dem köstlichen Duft nach frisch gebackenem Brot wurde Madeleine plötzlich überwältigt von einem seltsamen Gefühl der Geborgenheit, der Vertrautheit und der Zugehörigkeit. Jemmie sah munter und wohlgenährt aus, die Mauern von Ashblane waren undurchdringlich, und Katherine hatte ihr Blumen gebracht.

     „Macht das Geschenk auf!“ Jemmie drückte es ihr lächelnd in die Hand.

     Es war ein kleines Gefäß aus Steingut mit einem Mörser, offensichtlich aus der Küche und schon oft benutzt, den vielen Gebrauchsspuren nach zu urteilen.

     Etwas für Eure Heilkunst, hatte Mistress Sim gesagt.

     Madeleine konnte sich nicht erinnern, jemals ein Geschenk erhalten zu haben, und während sie nun Katherines Geplauder über einen bevorstehenden Feiertag und den sich immer weiter verschlimmernden Husten des Geistlichen zuhörte, überkam sie ein ungekanntes Gefühl des Friedens. Es war so tröstlich, sich mit den kleinen Dingen des Alltags zu beschäftigen. Mit den kleinen Dingen, die zu einem geordneten Leben gehörten.

     Sicherheit! Sie schien so zum Greifen nah. Madeleine spürte sie bei jedem Atemzug, den sie hier tat, und wieder fragte sie sich, wie lange dieser Zustand wohl andauern würde.

Sie sah Alexander Ullyot am nächsten Tag nicht und auch nicht an den vielen darauffolgenden Tagen. Gern hätte sie Katherine gefragt, wo er sich denn nun genau aufhielt, aber sie traute sich nicht, weil sie Angst hatte, Katherine könnte ihr Interesse an ihm falsch deuten und ihr womöglich Fragen stellen.

     Um sich von den Sorgen über ihre Zukunft abzulenken, hatte sie sich Beschäftigung gesucht. Sie half in der Küche mit, besichtigte die Stallungen und kümmerte sich um den Kräutergarten der Burg. Und während die Tage verstrichen, hörten die Leute auf, sie anzustarren und sich aus Aberglauben zu bekreuzigen, wie sie es früher getan hatten. Immer öfter blieben sie jetzt stehen, um mit Madeleine über das Wetter, über sich selbst und über ihre zahlreichen Wehwehchen zu plaudern. Sie fing an, ihre Heilsalben anzurühren, und der Geruch war so stark, dass ihr Gemach sie an die Arzneistube erinnerte, die sie einmal besucht hatte, als sie mit ihrer Mutter in London gewesen war. Über der Fensteröffnung hängte sie frische Kräuter zum Trocknen auf, andere ließ sie an Schnüren vor der Feuerstelle hängen, damit sie nicht schimmelig wurden. Wieder andere kochte sie in Wasser und füllte den Sud dann in Flaschen, die sie mit Wachs verschloss. Das hatte ihr ihre Großmutter beigebracht; auf die Weise kam der Sud nicht mit Luft in Berührung und verdarb nicht so schnell. Sie pflückte grünen Knoblauch und legte Kohlblätter in Salzwasser ein, weil sie eine gute Grundlage für Breiumschläge abgaben. In einem großen Krug auf dem Regal neben der Tür bewahrte sie Meeresalgen auf, die sie sich aus dem Vorratslager beschafft hatte; ein Tonikum für das Blut und mindestens ebenso entschlackend wie Knoblauch.

     Auch Jemmie war gesprächiger geworden, die dunklen Ringe unter ihren braunen Augen waren verblasst, und man konnte sie oft mit Gillion über die Felder streifen sehen. Sie sprachen nicht miteinander, verständigten sich aber mit Gesten und Lachen. Letzteres machte Madeleine neugierig – wenn Gillion lachen konnte, musste es doch möglich sein, ihm das Sprechen beizubringen. Sie beschloss allerdings, dieses Vorhaben noch ein wenig zu vertagen. Ihr war klar, dass Gillion sich bei leisestem Druck in sich selbst zurückziehen würde, und im Moment leistete Jemmie gute Arbeit darin, sein Vertrauen zu gewinnen.

     Wieder lächelte Madeleine und staunte über ihre eigene Unbeschwertheit hier auf Ashblane. Jemmie war glücklich, Katherine hatte ihr ihre Freundschaft angeboten, Mistress Sim bemutterte sie – auf einmal schien ihr Leben endlich in den richtigen Bahnen zu verlaufen. Sie streckte die Arme zum wolkenlosen Himmel empor und atmete tief durch.

     Tief. Wann hatte sie das zum letzten Mal gekonnt? Frei atmen, lachen und träumen …

     „Was tut Ihr da?“ In Katherines Stimme schwang Belustigung mit, als sie nun den Pfad am Friedhof vorbei zu den Katen einschlugen.

     „Atmen“, erwiderte Madeleine nun. „Das konnte ich auf Heathwater nie richtig.“

     „Wegen Eures Bruders?“

     Sie nickte und wechselte das Thema. An diesem Tag wünschte sie keine Fragen, die sie an Noel erinnerten. „Wohin bringt Ihr mich, Katherine?“

     „Zu einer jungen Frau aus dem Dorf. Brigid hat Schwierigkeiten im Kindbett.“ Ihr Tonfall war verhalten, und ehe Madeleine weitere Fragen stellen konnte, hatten sie bereits eine kleine Steinkate erreicht. Neben der Türschwelle blühten Kräuter in üppiger Vielfalt. Als Schreie im Haus ertönten, zog Katherine sie mit hinein. „Kommt, Madeleine, wir müssen uns beeilen.“

     In der rauchigen Wärme der Kate saß ein Mann und hatte den Arm schützend um die Schultern einer jungen Frau gelegt, die hochschwanger war. „Gott sei Dank, dass Ihr da seid, Katherine. Ich dachte schon, Ihr würdet nicht kommen, und Brigid geht es sehr schlecht.“ Seine Stimme klang bedrückt und heiser, und die Erleichterung auf seinen Zügen wich Misstrauen, als er Madeleine erblickte. „Warum habt Ihr sie mitgebracht?“

     „Ich kenne mich mit solchen Dingen nicht aus, Jamie, und Lilliath hat gesagt …“

     „Seid Ihr Hebamme, Lady Randwick?“, fragte er frostig und schroff. Furcht stieg in Madeleine auf. Auf Heathwater hatte man sie stets streng von gebärenden Frauen ferngehalten, aus Angst, ihre Schwarze Magie könnte sich auf die werdenden Mütter übertragen. Kein Kind hatte sich ihr jemals genähert, keine schwangere Frau hatte sie je um Rat oder gar Hilfe gebeten. Madeleines eigene Unfruchtbarkeit hatte den Aberglauben noch verstärkt, sie sei ein böses Omen, eine Hexe, eine Frau, die gar keine richtige Frau, sondern eine Gestaltwandlerin sei, der man nicht trauen durfte. Die Schwarze Witwe. Unberührbar.

     Deshalb konnte sie kaum glauben, welche überraschende Wende dieser Vormittag nun nahm. „Ich bin mir nicht sicher …“, begann sie.

     „Lilliath, die Hebamme, wird nicht kommen“, fiel Katherine ihr ins Wort. „Sie sagt, das Kind sei missgestaltet und befände sich in einer Lage, die … eine Geburt unmöglich macht. Sie trug uns auf, Vogelbeeren und kleine Bernsteinkugeln auf Brigids Bauch zu streuen, und zusätzlich sollten wir einen Pfeil von Osten nach Westen schießen, das würde ihr die Schmerzen nehmen. Wir haben es versucht, aber es hat nicht geholfen.“

     Madeleine strich sich mit den Händen über das Gesicht und unterdrückte nur mit Mühe einen Fluch. Einen Pfeil von Osten nach Westen schießen, tatsächlich. Und das Kind steckte fest. „Gut, dann also Hale. Wo ist er?“

     „Fort, auf der Burg der Grants. Bis heute Morgen dachte Jamies Mutter noch, sie könne das Kind mit meiner Hilfe selbst holen, aber jetzt … Es sind schon zehn Stunden vergangen, und die Geburt kommt einfach nicht voran. Wir sind verzweifelt.“

     „Weiß Quinlan, dass Lilliath sich geweigert hat zu helfen?“

     „Nein, aber selbst wenn er es wüsste, würde er es doch als Frauenangelegenheit abtun, mit der er sich nicht abzugeben wünscht.“

     Frauen sterben im Kindbett.

     Der Gedanke hing wie ein nicht ausgestoßener Schrei im Raum. Brigid war eine solche Frau. Jetzt setzte sie sich auf und sah Madeleine mit flehenden Blicken an. Sie ist noch sehr jung, dachte Madeleine. Ihrer Einschätzung nach noch nicht einmal sechzehn.

     „Ich brauche heißes Wasser und sauberes Leinen, wenn ich dich untersuchen soll, Brigid. Und Knoblauch. Habt ihr welchen im Garten?“

     „Ja, gleich neben dem Weg zum Eingang.“

     „Weicht ihn in dem heißen Wasser ein, Katherine, wir werden das zum Reinigen benutzen. Die Farbe des Wassers muss ganz dunkel sein, sonst ist die Wirkung nicht stark genug.“ Madeleine rollte die Ärmel ihres Gewandes hoch und verschlang ihr Haar im Nacken zu einem straffen Knoten. Sie spürte den Schweiß, der sich auf ihrer Oberlippe bildete, aber jetzt war nicht der Zeitpunkt, sich über ihre Unzulänglichkeiten Gedanken zu machen. Wenn sie nicht half, würde es niemand tun, und Madeleine glaubte fest genug an ihre Heilfähigkeiten, um zu wissen, dass die Verwünschungen auf Heathwater nicht auf vernünftigen Gründen beruht hatten. Eine gute Heilkunst wirkte bei jedem Gebrechen. Daran musste sie sich einfach klammern.

Eine Stunde später war Brigid zwar entspannter, aber von dem Kind war immer noch nichts zu sehen. Nach einer vorangegangenen Untersuchung war Madeleine zu dem Schluss gekommen, dass die Lage des Kindes schuld an dem Problem war. Sie wusste, dass es eigentlich mit dem Kopf nach unten liegen sollte und nicht mit dem Gesäß. Sie musste es also umdrehen. Aber wann? Zwischen den einzelnen Wehen lagen kaum noch drei Atemzüge, und sie wurden zunehmend stärker. Madeleine traf ihre Entscheidung.

     „Jamie, könntest du bitte nach draußen gehen und mir noch mehr Feuerholz holen?“ Sie wollte nicht, dass er mit ansah, was sie als Nächstes tun würde.

     Katherine beobachtete sie, wie sie ihre Hände wärmte, und in ihrem Blick lag bange Erwartung. „Werdet Ihr jetzt Eure Magie ausüben?“, flüsterte sie kaum hörbar.

     „Es ist Heilkunst“, verbesserte Madeleine und legte ihre Handflächen auf Brigids Bauch. Durch die Bauchdecke und die Flüssigkeit hindurch fühlte sie, dass hinter der pulsierenden Nabelschnur das Kind auf der linken Seite lag, mit dem Gesäß nach unten. Aber da war noch etwas Raum, es zu bewegen. Wenn sie sich beeilte.

     „Atme tief ein, Brigid“, forderte Madeleine sie auf und fing an, den winzigen Körper zu bearbeiten. Wenn eine Wehe kam, hörte sie auf und wartete, wobei sie immer wieder Brigids Puls am Handgelenk prüfte. Ließ die Wehe dann nach, presste sie die Hände erneut fest auf Brigids Bauch, ohne auf die Schmerzensschreie der jungen Frau zu achten. Wenn sich das Kind nicht drehte, würde es sterben, und seine Mutter auch. Es gab Momente beim Heilen, da waren Stärke und Muskelkraft wichtiger als Feingefühl. Das war ein solcher Moment. Sie war schon völlig außer Atem, dennoch übte sie weiter Druck aus – und spürte plötzlich ein schwaches Nachgeben, eine leise, flatternde Bewegung. Ein Drehen. Erst die Hände, dann die Füße, und durch ein orangefarbenes Licht sah Madeleine, wie das Kind sie beobachtete. Sie lächelte ihm stumm zu.

     „Alles wird gut, mein Kleines“, raunte sie und half ihm, die Drehung jetzt mühelos zu vollenden.

     Brigid riss die Augen auf. „Ich kann es fühlen, es kommt!“ Neue Hoffnung beflügelte sie und sie presste noch einmal kraftvoll.

     Das Kind streckte sich und glitt mit dem Kopf voran in Katherines wartende Arme. Sein herzhaftes Brüllen ließ die vielen Stunden der Qual vergessen; seine Gesichtsfarbe war rosig, und es hatte die Augen weit geöffnet.

     Brigid begann zu weinen, als Katherine ihr das Kind gab, und im selben Moment stürzte Jamie herein. Das Feuerholz war vergessen, auf seinem Gesicht spiegelte sich grenzenlose Erleichterung wider. „Seid ihr beide wohlauf?“ Er ergriff die Hand seiner Frau und betrachtete glücklich seine kleine Tochter, ehe er anfing, sich leise mit Brigid zu unterhalten.

     Doch Madeleine war nicht mehr in der Lage, sie zu hören. Der orangefarbene Nebel der Magie war zurück, er rief sie und zog sie in sich hinein. Madeleine ließ sich vor dem Fußende des Betts auf den Boden sinken und konzentrierte sich ganz auf das Atmen, das ihr immer schwerer fiel.

     „Madeleine!“ Das war Katherines Stimme, ganz nah neben ihr. „Was habt Ihr? Eure Augen sind ganz rot!“

     „Wie … geht es … dem … Kind?“

     „Die Nachgeburt ist abgegangen, und das Kind trinkt bereits. Aber Ihr müsst aufstehen!“ Sorge schwang in ihrer Stimme mit, Fassungslosigkeit, aber auch noch etwas anderes, das stärker war. Als Madeleine Katherine in die Augen sah, erkannte sie, was es war.

     Angst. Angst vor dem Unbekannten. Die Angst vor etwas, das sie gesehen hatte, aber nicht begreifen konnte. Die Zuversicht, die Madeleine in den letzten Wochen auf Ashblane gewonnen hatte, fing an zu bröckeln. „Ihr habt mir einmal gesagt, Ihr hättet gern meine Magie, Katherine, doch nun ist es an der Zeit, Euch zu verraten, dass sie nicht leicht zu einem kommt.“ Sie atmete tief ein, um ihre Lungen mit Luft zu füllen, ehe sie fortfuhr: „Manchmal, so wie jetzt, bezahlt man dafür, und der Preis ist Freundschaft und Blut.“

     Katherine schüttelte den Kopf. „Ihr glaubt, ich würde jetzt weniger von Euch halten? Von Eurem Mut und von Euren Fähigkeiten? Von der Angst, die ich Euch angemerkt habe, als wir dieses Haus betraten, und von Eurer Entschlossenheit danach? Ich liebe Euch, Madeleine Randwick, und ich schwöre, ich werde Euch niemals im Stich lassen. Das schwöre ich bei unserem Herrgott.“

     Diese Worte waren das Letzte, was Madeleine von Katherine erwartet hatte. Sie streckte die Hand aus und war tief gerührt, als Katherine sie ergriff. Sie war eine Heilerin, und der ganze Unsinn, den Noel verbreitet hatte, sie sei mit einem Makel versehen und sündig – war letztendlich nur genau das: Unsinn. Eine neue Kraft durchströmte sie, als sich alle törichten in Heathwater geäußerten Prophezeiungen in Luft auflösten und dem Gefühl wichen, dass alles gut war und seine Richtigkeit hatte.

     Und in diesem unwahrscheinlichen Augenblick durchzuckte sie plötzlich ein neuer Gedanke. Was wäre, wenn sie ein Kind bekäme? Wenn das doch möglich wäre? War der Grund für ihre Unfruchtbarkeit vielleicht Lucien gewesen? Seine eigene Unfähigkeit?

     Konnte das sein?

     Sie verdrängte den Gedanken und nahm dankbar einen Becher mit kaltem Wasser von Jamie an, während Katherine ihr mit einem Tuch den Schweiß von der Stirn tupfte.

Vorheriger Artikel Die schöne Heilerin - Kapitel 14