Die schöne Heilerin - Kapitel 9

9. Kapitel

Drei Tage nach der Geburt von Brigids und Jamies Tochter kehrte Alexander Ullyot nach Hause zurück.

Madeleine entdeckte ihn, als sie auf einer niedrigen Mauer saß, von wo aus man einen Blick über die Felder hinter der Burg hatte. Sie spürte, wie sie errötete, und war froh, dass er noch zu weit entfernt war, um das zu bemerken. An diesem Tag trug er einen Tartan, den sie noch nie an ihm gesehen hatte, und unterwies seine jüngeren Krieger – Jungen im Alter von fünfzehn oder sechzehn Jahren – in der Kunst des Kriegführens. Auf dem Programm stand eine Geschicklichkeitsübung, bei der sie vom Pferd aus eine Lanze auf schwere, von Balken herabhängende Sandsäcke schleudern sollten. Bislang war es erst einem Jungen gelungen, sich im Sattel zu halten, und das allerdings auch nur mit größter Mühe.

     Und dann schwang sich Alexander Ullyot selbst auf ein Pferd und ließ sich eine Lanze geben. Im Gegensatz zu den anderen trug er weder Helm noch Rüstung, und angesichts der Größe des Sandsacks machte Madeleine sich Sorgen um seine Sicherheit.

     Alexander wartete eine Weile ab, und Madeleine konnte förmlich spüren, wie er sich konzentrierte. Dann preschte er los, im gestreckten Galopp auf den von einem Querbalken herabhängenden Sack zu. Die Lanze lag locker in seiner Hand, und mit den Schenkeln brachte er das Pferd dazu, in die richtige Richtung zu galoppieren. Er traf genau die Mitte des Sandsacks, der heftig hin und her zu schwingen begann. Alexander entging ihm nur dadurch, dass er sich tief über den Hals seines Pferdes beugte und es abrupt nach rechts wendete.

     Madeleine sprang unwillkürlich auf und klatschte ihm Beifall, und ihr bewundernder Ausruf vermischte sich mit dem Jubel seiner jungen Krieger. Als Alexander sich zu ihr umdrehte, begann ihr Herz wie wild zu klopfen. Schweißgebadet und lachend stand er da, seine Lanze blinkte im Sonnenschein, und das rotgoldene Wappen auf seinem Schild, das zwei ineinander verschlungene Hände in Kettenhandschuhen zeigte, kam ihr auf einmal genau angemessen vor. Soyez sage, forderte der Schriftzug über ihnen auf.

     Alexander ritt jetzt auf Madeleine zu, und durch ihren erhöhten Sitz auf der Mauer befanden sie sich auf gleicher Augenhöhe. Sie konnte sehen, wie er den Krieger, der sie bewachte, mit einem einzigen Blick entließ. An diesem Morgen wirkte er jünger als sonst, weniger streng. Ein paar Strähnen hatten sich aus dem Lederband gelöst, mit dem er sein Haar im Nacken zusammengefasst hielt, und im Sonnenlicht funkelte es rötlich, golden und weizenblond. Eine Mischung von Nuancen, die ebenso vielschichtig war wie der Mann selbst.

     „Es gefällt Euch also, bei den Übungen zuzusehen?“

     „Ja, Mylord“, erwiderte sie und zwang sich, sich ein wenig zu entspannen. „Wenngleich ich mich schon wundere, wie meine Naht an Eurem Arm halten soll, wenn Ihr ihn derart belastet.“

     „Ich bin Rechtshänder“, gab er zurück. „Es war mein linker Arm, den Ihr verarztet habt.“

     „Geht es ihm jetzt besser?“ Seit ihrer Behandlung im Wald von Liddlesdale hatte er ihr nicht mehr erlaubt, nach der Wunde zu sehen.

     Er überging ihre Frage und stellte selbst eine. „Wart Ihr auf Heathwater auch immer so erfolgreich? Katherine schwärmt in den höchsten Tönen von Eurer Heilkunst und Eurem umfassenden Wissen über Kräuter.“ Seine Zähne blitzten weiß in seinem gebräunten Gesicht auf. „Das sollte keine Kritik sein, Lady Randwick, ich habe nur Gutes über Euch gehört. Doch obwohl es so aussieht, als hättet Ihr jetzt viele Fürsprecher, muss ich Euch warnen – Euer Bruder hat dem König von Schottland ein neuerliches Gesuch gesandt. Jeden Tag kann vom Hof der Befehl kommen, dass ich Euch freizulassen habe.“

     „Und werdet Ihr dem Folge leisten?“

     „Warum sollte ich es nicht tun?“ Als sie schwieg, betrachtete er sie eine Weile nachdenklich, ehe er weitersprach. „Zeichnet mir eine Karte von Heathwater. Einschließlich aller Geheimgänge, Tore und der genauen Anzahl der Waffen.“

     „Das kann ich nicht.“

     „Ihr könnt es nicht?“ Er zog eine Augenbraue hoch, aber seine Stimme klang erstaunlich gelassen.

     „Ich tue Euch damit einen Gefallen, Mylord, denn Heathwater ist ebenfalls eine Burg unter Waffen, genau wie Eure. Selbst wenn Ihr alles über die kriegerische Stärke von Heathwater wüsstet, würden bei einer Erstürmung viele Eurer Mannen sterben. Diese Toten möchte ich nicht auf dem Gewissen haben, sollte sich herausstellen, dass manche der Geheimgänge nur in meiner lückenhaften Erinnerung existieren.“

     „Einige von uns werden in jedem Fall sterben, Lady Randwick. Der Friedhof ist voll von Ullyots, die das beweisen.“

     „Vielleicht ist es dann an der Zeit, Vernunft walten zu lassen.“

     Wieder zog er die Brauen hoch.

     „Wenn einer von Euch vielleicht ein Friedensangebot …“

     Er machte ein zorniges Gesicht. „Glaubt Ihr wirklich, es wäre so einfach? Wie gut kennt Ihr Euren Bruder?“

     Ihr fiel nicht nur ein Fall ein, in dem ein Waffenstillstand zwischen Heathwater und einer benachbarten Burg gebrochen worden war, und sie errötete.

     „Wie ich sehe, kennt Ihr ihn gut genug“, stellte Alexander sanft fest. „Gut genug, um zu wissen, wie verräterisch er sich denen gegenüber verhält, die die Dummheit besitzen, ihm zu vertrauen.“

     Alles Unbeschwerte auf seinen Zügen war verflogen und einer Ausstrahlung von Verantwortungsbewusstsein und Pflichtgefühl gewichen. In diesem Licht hatten seine Augen die Farbe eines Sees in der Dämmerung angenommen, wenn der Abendwind die Oberfläche kräuselt und das Wasser undurchsichtig wird.

     Sie senkte den Blick und suchte nach einer Antwort, die die angespannte Stimmung lockern konnte, aber ihr fiel keine ein. Warum konnte sie diesen Mann nur nicht so behandeln, wie sie Männer von jeher behandelt hatte – mit Gleichgültigkeit, Abstand und gesundem Misstrauen?

     Weil sie ein Band zwischen sich und ihm spürte, und das schon, seit sie ihn das erste Mal im Wald von Liddlesdale berührt hatte. Unter der Fassade, die er seiner Umgebung zeigte, spürte sie eine andere, weichere Seite an ihm. Und Einsamkeit. Genau wie ihre eigene.

     Die Burg von Ashblane beherrschte das Land um sie herum auf eine ähnliche Art, wie Alexander die Menschen beherrschte, die sich um ihn scharten. Es war nicht allein die körperliche Präsenz, obwohl er weiß Gott groß und kräftig war, sondern auch eine geschmeidige Anmut, frei von jeder Unbeholfenheit. Man beobachtete ihn unwillkürlich so, wie ein Jäger ein frei in den Bergen umherstreifendes Reh oder ein Fischer eine Forelle in einem klaren Bergbach beobachten würde.

     Er war von einer natürlichen Schönheit.

     Wie aus dem Nichts war dieser Gedanke plötzlich gekommen, und Madeleine runzelte die Stirn. Einen entsetzlichen Augenblick lang befürchtete sie, die Worte laut ausgesprochen zu haben, doch als sie ihn ansah, galt seine Aufmerksamkeit den beiden Frauen, die auf sie zukamen. Also war es doch nur ein stummer Gedanke gewesen.

     Alexander neigte den Kopf, als sich die beiden Frauen zu ihnen gesellten. Jede hielt einen Strauß später Herbstblumen in der Hand. „Katherine, Meg, seid gegrüßt!“

     Die junge Frau neben Katherine kicherte und errötete. Wie kam es nur, dass jedes weibliche Wesen auf dieser Burg dazu neigte, einfältig zu lächeln, sobald Alexander Ullyot in der Nähe war? Und ich gehöre auch zu ihnen, dachte Madeleine und schalt sich insgeheim dafür.

     „Wir haben ein paar Blumen für Patricks und Ians Gräber gepflückt. Darf Madeleine uns zum Friedhof begleiten?“

     Er nickte. „Geht aber nicht weiter als bis zu den Gräbern, und seid zurück bis zum Abendessen“, trug er ihnen auf, ehe er sein Pferd wendete und zu den übenden Kriegern zurückritt.

     „Jenny McLeod sagt, dass er bis zum Ende dieses Jahres verheiratet sein wird“, flüsterte Meg, als er außer Hörweite war. „Sie hat es im Traum gesehen, ganz deutlich hätte sie die beiden gesehen, sagt sie.“

     „Die beiden?“, fragte Katherine nach.

     „Laird Ullyot und seine Braut natürlich!“

     Katherine seufzte. „Und hat Jenny auch gesagt, wie diese Braut aussieht?“

     „Nun ja, das ist merkwürdig. Sie konnte ihr Gesicht nicht erkennen, weil es hinter einem dichten Schleier verborgen war. Aber groß war sie angeblich.“

     „Ihr seid groß, Madeleine, vielleicht seid Ihr es ja.“ Katherine verdrehte die Augen, warf Madeleine ihren Blumenstrauß zu und stimmte ein bekanntes Hochzeitslied an. Madeleine musste lachen und versuchte, sich vorzustellen, wie es wohl sein mochte, für immer auf dieser Burg zu leben. Unsicher drehte sie sich um und war wütend auf sich, weil sie überhaupt an so etwas dachte – schließlich war sie kein blutjunges Mädchen mehr und erst recht keine Frau mit einem tadellosen Ruf.

     Eleanor hatte ein falsches Verständnis vom Beschützen gehabt, denn durch die Landzuteilung in ihrem Testament hatte sie Madeleine vollständig zu einer Gefangenen gemacht. Seit ihrem vierzehnten Lebensjahr hatte sie um ihr Leben kämpfen müssen, und sie war es mittlerweile so müde. Und nun war sie zum ersten Mal, zum allerersten Mal einem Mann begegnet, der nicht nur stark, sondern auch aufrichtig war, nicht nur machtvoll, sondern auch unbeirrbar gerecht.

     Die Geschichten über Alexander Ullyot hatten sich stets nur auf seinen Heldenmut und seine kriegerischen Fähigkeiten in der Schlacht bezogen und darauf, wie wild entschlossen er alles beschützte, was ihm gehörte. Nie war die Rede gewesen von seinem messerscharfen Verstand, von seiner Ehrbarkeit und von der Leichtigkeit, mit der er seine Verantwortung als Laird schulterte. Seufzend hob Madeleine den Blumenstrauß an ihre Nase und sog den Duft ein. Bis jetzt hatten die Menschen sie immer im Stich gelassen. Abgesehen von Jemmie, Goult und Eleanor hatte es nie jemand gewagt, ihr Freundschaft, Schutz oder auch nur den Anschein von Nettigkeit anzubieten.

     Weil sie die Menschen so leicht ins Verderben stürzen konnte.

     Sie blickte zurück auf die von der Nachmittagssonne beschienene Burg, und auf einmal fand sie die schroffen Mauern nicht mehr abstoßend, sondern schön, denn sie versprachen so viel Sicherheit.

     „Sie wurde für die Ewigkeit gebaut“, sagte Katherine ruhig, der nicht entgangen war, worauf Madeleine den Blick gerichtet hatte. „1332 wurde sie belagert und dann noch einmal vorletztes Jahr, woraufhin ein Teil des Außenhofs wieder aufgebaut werden musste, aber Alexander ließ tüchtige Steinmetze aus der Normandie kommen. Hübsche Burschen darüber hinaus!“

     Madeleine lachte. „Abwehrbereitschaft und Schönheit. Genau das trifft auch auf den Laird zu.“

     Katherine sah sie prüfend an. „Ihr haltet meinen Onkel für schön?“

     Meg kicherte. „Schön, das passt eher zu einem Jüngling, Katherine. Unser Laird ist so viel mehr als das. Das würde Euch jede unverheiratete Frau auf der Burg bestätigen und so manche verheiratete noch dazu.“

     Lächelnd beteiligte Madeleine sich an der Unterhaltung. „Warum hat er dann nicht wieder geheiratet?“

     „An Gelegenheiten hat es nie gemangelt, das kann ich Euch versichern. Er war jedoch lange Zeit fort mit Philip von Frankreich und dann in Ägypten. Als er zurückkehrte, war er innerhalb weniger Tage mit der holden Alice verlobt. Nach ihrem Tod schien er keine Augen mehr für andere Frauen zu haben …“

     „Weil er sie so geliebt hatte?“ Eine bittersüße Wehmut ergriff von Madeleine Besitz, während sie auf die Antwort wartete. Die kam jedoch nicht von Meg, sondern von Katherine.

     „Alice war von Anfang an todgeweiht, und sie war furchtsam.“

     Madeleine runzelte die Stirn. Wie passte das zu einem Mann, der Schwächen gegenüber so wenig Geduld zeigte? „Sie fürchtete sich vor dem Laird?“ Auf einmal wollte sie alles wissen.

     Katherine dachte nach. „Vielleicht. Gillion ist genauso furchtsam, aber bei einem Kind ist das nicht so irritierend.“

     „Ihr mochtet Alice nicht?“

     „Ich kannte sie nicht sehr gut und war erst zehn, als sie starb. Sie war … unnahbar Kindern gegenüber. Nein, eigentlich allen Menschen gegenüber, wenn man es genau bedenkt. Als sie starb, war es einfach nur, als sei ein Schatten verflogen, so wenig hat sie immer gesprochen oder gelacht. Und mein Onkel hat danach nie wieder mit irgendjemandem über sie geredet.“

     Madeleine musste an das Mal auf Alexanders Hals denken, als er an jenem Abend nach der Abreise von Noels Gesandtem zu ihr gekommen war. Vielleicht schirmte er sein nächtliches Tun vor seiner Familie ab. Sie erinnerte sich, wie sie vom Fenster aus die blonde Frau in seiner Umarmung gesehen hatte.

     Nein, er war wirklich nicht nur einfach ein schöner Mann. Etwas weitaus Bezwingenderes ging von ihm aus, eine ungestüme Kraft, die all seinen Taten und Worten anhaftete. Und Macht. Ja, Alexander Ullyot war ein gefährlicher Mann mit leidenschaftlicher Willenskraft und eiserner Entschlossenheit. Wie die todgeweihte Alice mit einem so kraftstrotzenden Mann zurechtgekommen war, darüber konnte man nur Vermutungen anstellen. Wahrscheinlich nicht gut, so wie Katherine sie beschrieben hatte. Dennoch musste man einen Mann, der sich niemals abbringen ließ von dem, was er für richtig hielt, unweigerlich bewundern. Nicht Arroganz prägte seine Ausstrahlung, sondern Stärke.

     Das Blut schoss Madeleine in die Wangen, als ihr bewusst wurde, in welche Richtung sich ihre Gedanken bewegten, und so war sie froh, als die Gräber endlich in Sicht kamen und Alexander Ullyot nicht länger das Gesprächsthema war.

     Nachdem die beiden anderen gegangen waren, blieb Madeleine noch ein wenig auf dem Friedhof. Ein Krieger folgte ihr in gewissem Abstand. Ob er sie nun be- oder überwachen sollte, wusste sie nicht genau, dennoch war sie dankbar für seine Anwesenheit.

     Zwölf frische Gräber waren aufgeschüttet worden, zehn direkt an der Mauer, zwei lagen mehr in der Mitte. Zu diesen Gräbern begab sie sich jetzt wieder.

     Ian Ullyot und Patrick Lambie. Die Namen waren grob in das weiche Splintholz der beiden Kreuze geschnitzt, und über den Gräbern waren Steine zu einem Hügel angehäuft worden. Madeleine strich mit dem Finger über Patricks Namen und bückte sich, um die Inschrift genauer lesen zu können. Neunzehn Jahre war er erst alt gewesen, jünger als sie. In dem aufziehenden Wind und unter dem Regen verkündenden grauen Himmel kam ihr alles plötzlich unwahrscheinlich zerbrechlich vor – ihr Leben, Jemmies Leben, die Zukunft. Sie zupfte etwas Unkraut neben dem Grab aus und stieß dabei auf Frauenminze, deren Blättern der unverwechselbare Duft entströmte, als Madeleine sie zwischen den Fingern zerrieb.

     Als sie den Kopf hob, sah sie plötzlich Gillion in der offenen Friedhofspforte stehen. Lächelnd winkte sie ihn zu sich.

     Seine Augen wurden ganz dunkel, als er sich neben Ian Ullyots Grab setzte und seine kleine Hand auf den Steinhügel legte. Die Geste wirkte beschützend und liebevoll.

     „Es tut mir leid“, sagte sie langsam und bewegte die Lippen dabei betont. Sie fragte sich, ob er von den Lippen ablesen konnte oder doch einzelne Töne vernahm.

     Er schwieg.

     „Wir haben uns noch gar nicht richtig kennengelernt. Ich bin Madeleine!“

     Immer noch keine Antwort. Sie griff nach einem Holzstöckchen, glättete mit der Hand die Erde vor dem Grab und begann zu schreiben.

     Ich bin Madeleine.

     Jetzt sah er ihr erstmals direkt in die Augen. Sie wischte die Worte weg und schrieb einen neuen Satz.

     Jemmie ist dein Freund.

     Er nickte und hob den Kopf, als sie ihm das Stöckchen überließ. Einen Moment lang glaubte sie, er würde es achtlos wegwerfen, aber dem war nicht so.

     Stattdessen wischte er Madeleines Worte fort und begann zu zeichnen. Ein Gesicht. Ihr Gesicht. Sie erkannte ihre Augen, ihre Nase und ihr langes Haar, alles genau eingefangen mit so simplen Hilfsmitteln wie Holz und Erde. „Mein Gott“, entfuhr es ihr verblüfft, als er sein kleines Meisterwerk vollendet hatte und ihr das Stöckchen wieder in die Hand drückte.

     Ich, schrieb sie neben das Bild, und zum ersten Mal schenkte ihr das Kind ein Lächeln. Sie klatschte Beifall und glättete die Erde neben seinem Bild, um ebenfalls eins zu malen. Eine Burg entstand mit einem hohen, gewaltigen Turm, und darüber zeichnete sie das Wappen von Ashblane. Daneben malte sie zwei Menschen. Gillion und Katherine, schrieb sie darunter und gab ihm den Stock zurück.

     Ohne zu zögern zeichnete er seinen Vater dahinter, der die Arme um seine und Katherines Schultern legte. Papa, konnte er gerade noch schreiben, ehe sich hinter Madeleine etwas bewegte und er aufsprang.

     Sie drehte sich um und sah Alexander Ullyot hinter ihr stehen. Er war staubbedeckt und wirkte erschöpft nach dem Übungsturnier.

     „Ihr habt Gillion kennengelernt?“

     „Euren Sohn?“

     „Ja.“ Er strich über die dunkelblonden Locken des Kleinen, und Madeleine entging nicht, wie Gillion sich kurz an seinen Vater schmiegte, ehe er das Stöckchen aufhob und davonlief. Eine Wache folgte ihm. Also war er wohl doch nicht völlig sich selbst überlassen.

     „Katherine erzählte mir, dass er keine Mutter mehr hat.“

     „Nein. Alice, meine Gemahlin, starb im Kindbett.“

     „Das tut mir leid.“

     Er nickte, und ein Lächeln umspielte seine Mundwinkel, als er dem Kind nachsah. „Er ist seit seiner Geburt taub, und ich weiß nicht, wie ich ihm helfen kann.“

     Er schien in Gedanken gesprochen zu haben und sich nun darüber zu ärgern. Angesichts seiner plötzlich grimmigen Miene bezweifelte Madeleine, dass er noch mehr dazu sagen würde. Trotzdem hatte er das Kind bei sich behalten. Ein tauber Erbe und ein Titel, der nicht direkt vererbbar war. Manche Männer hätten einen anderen Weg gesucht, dieses Problem aus der Welt zu schaffen.

     „Hört er denn gar nichts?“

     „Nein.“ Er trat einen Schritt zurück und strich sich mit der Hand durch das Haar. Auf einmal sah Madeleine nicht mehr den Krieger in ihm, sondern den Vater. Versehen mit Narben aus der Schlacht und einer Autorität, die wohl nur wenige infrage zu stellen wagen würden, war Alexander Ullyot aber auch ein Vater, der sich Sorgen um seinen Sohn machte.

     „Und er spricht auch nicht?“ Sie bereute ihre Frage sofort, als er sich abwandte. „Ich könnte helfen.“

     Sofort drehte er sich wieder zu ihr um. „Wie?“

     „Es gibt Möglichkeiten, sich auch ohne Sprache zu verständigen. Gestattet mir, ihm diese Möglichkeiten zu zeigen.“ Sie legte flehend die Hände wie zum Gebet zusammen und sah ihm in die Augen. Bei dieser Geste musste er lächeln, und ihr wurde warm ums Herz.

     „Wenn Ihr meinem Sohn helfen könntet, Lady Randwick …“ Er verstummte und blickte zu dem gut fünfzehn Fuß entfernt stehenden Wachposten hinüber – um abzuschätzen, ob der Mann ihn hören kann, dachte sie plötzlich. Immer alles überprüfen. Maßvolle Distanz und keine falschen Bewegungen.

     Genau wie ich.

     Das Gefühl der Seelenverwandtschaft war wieder so stark, dass sie sich abwenden musste, damit er ihr nicht ansehen konnte, was in ihr vorging. Für einen Moment verschwamm die Landschaft vor ihren Augen, gleichzeitig nahm Madeleine überdeutlich die Anwesenheit anderer Menschen wahr – Quinlan und Dougal Ullyot kehrten gerade aus den Bergen zurück, und ganz in der Nähe schlenderte ein älterer Mann vorbei, an dessen Gürtel ein paar erlegte Wachteln baumelten.

     Sie wischte die auf die Erde geschriebenen Worte weg und erhob sich. „Erteilt mir die Erlaubnis, meine Heilkunst hier offen auszuüben, und ich werde mich der Behinderung Eures Sohns annehmen.“

     „Und das wird mit keiner Gefahr verbunden sein? Die Schwester eines Falstone, die sich um einen Ullyot kümmert?“

     Ihr war, als hätte er sie geohrfeigt.

     „Ich kann Euch Eure Antwort ansehen“, fuhr er fort, ehe sie etwas sagen konnte. „Auf der Burg wird eine Kammer bereitgestellt, die Ihr benutzen könnt. Ich vertraue jedoch darauf, dass Ihr ein wenig Rücksicht auf Hales Gefühle nehmt, denn er ist alt und schon lange Zeit bei uns.“

     Ihr Herz begann vor Aufregung wild zu klopfen, während sie zuhörte. Das war es, was sie sich schon ihr ganzes Leben lang wünschte! Noel hatte nie das Vertrauen gehabt, ihr zu erlauben, auf Heathwater ihre Kunst frei auszuüben. Und Alexander Ullyot brachte ihr jetzt dieses Vertrauen entgegen? „Es kann durchaus ein paar Misserfolge geben“, gab sie ruhig zu bedenken. Es war besser, die Karten gleich offen auf den Tisch zu legen, als in den kommenden Wochen womöglich einen Schlag versetzt zu bekommen, der ihr endgültig den Boden unter den Füßen entzog.

     „Nur ein paar?“ Sein Humor war zurück, und seine Augen funkelten. „Von welcher Größenordnung sprechen wir, könnt Ihr mir das sagen?“

     „Es wird sich nur um die schlimmsten Fälle handeln, Mylord. Fälle, in denen Wunden zu eitern begonnen haben.“

     „Und was ist mit den Frauen? Werdet Ihr Euch um ihre Bedürfnisse im Kindbett kümmern?“

     Sie wurde rot angesichts der Ungeheuerlichkeit, mit einem Mann über solche Dinge zu sprechen. „Ihr wisst also, dass ich bei der Geburt von Jamies und Brigids Tochter mitgeholfen habe?“

     „Eine sehr schwere Geburt, wie man mir mitteilte, bei der die Hebamme Brigid ihren Beistand versagte. Ich möchte nicht, dass so etwas noch einmal geschieht.“

     „Das wird es auch nicht, Mylord.“

     „Weil Ihr einem Kind auf jeden Fall ans Licht der Welt verhelfen werdet, ganz gleich, wie seine Lage im Mutterleib ist?“

     „So ist es.“

     „Auch, wenn Ihr davon ganz rote Augen bekommt?“

     „Wer hat Euch das erzählt?“

     „Katherine. Sie war sehr besorgt um Euch, und Euer rechtes Auge ist immer noch leicht gerötet. Wie ist es dazu gekommen?“

     „Das Kind wollte nicht kommen, und ich musste es sehen.“

     „So, wie Ihr auch in Dougals Körper geblickt habt?“

     Sie schwieg.

     „Er meinte, es hätte sich angefühlt, als wärt Ihr in ihm gewesen. Wie ein warmes Licht. Ich erinnere mich, dasselbe gespürt zu haben, als Ihr mich in jenem Wald behandelt habt.“

     „Baldrian ist ein sehr starkes Kraut, Mylord. Es kann Wahnvorstellungen hervorrufen.“

     Sein Lachen erstaunte sie. „Ihr werdet mir jede Woche Bericht erstatten, wie es Euch ergeht. Wenn es Schwierigkeiten gibt, will ich das wissen.“

     Alexander wirkte überrascht, als sie ihre Hand ausstreckte. Er ergriff sie, und plötzlich sah sie ihn ganz klar vor sich, wie er nackt neben ihr auf seinem breiten Bett lag. Entsetzt entriss sie ihm ihre Hand. Noch vor wenigen Stunden hatte Alexander Ullyot sie dazu gebracht, sich in Tagträumen über Dinge zu ergehen, die niemals wahr werden würden. Sie konnte nur hoffen, dass er keine Ahnung von ihren unberechenbaren Gedanken hatte, doch allein die Art, wie er den Blick jetzt anerkennend über ihre Gestalt wandern ließ, verstärkte ihre Nervosität noch. „Ich … ich muss jetzt gehen“, stammelte sie und wandte sich ab. Erleichtert stellte sie fest, dass ein alter Mann auf sie zukam und Alexanders Aufmerksamkeit für sich beanspruchte.

„Sie ist ein kluges Mädchen, Laird.“ Angus Ullyot lächelte ihr wohlwollend nach. „Und obwohl es heißt, sie verhexe einen Mann mit ihrer Magie, haben wir die sanftere Seite von Madeleine Randwick zu sehen bekommen. Meine Gemahlin Patricia hätte das besser ausdrücken können. Sie hatte die Gabe, wahre Güte zu erkennen, Gott sei ihrer Seele gnädig. Sie sagte immer, Güte spiegele sich in den Augen wider. Madeleine Randwicks Augen sind goldbraun – und traurig dazu. Überschattet vom Misstrauen eines Menschen, den man oft verletzt hat.“ Er verstummte und senkte den Kopf.

     Alexander räusperte sich. „Für eine Frau, die als verhasste Schwester des Schurken Noel Falstone nach Ashblane gekommen ist, hält sie sich erstaunlich gut. Zieht Father MacLaren immer noch in seinen Sonntagspredigten über sie her?“

     „Ach nein, er hat seine Abneigung wohl überwunden.“

     „Wie das?“

     „Die Tränke, weißt du. Gegen seinen Husten. Sie lässt sie in der Kapelle stehen, wenn sie weiß, dass er nicht da ist und daher auch nicht ablehnen kann.“

     Alexander lachte schallend. „Und er nimmt die Tränke ein?“

     „Wir alle glauben es. Letzten Sonntag hat er nur zweimal gehustet und musste nicht ein einziges Mal seine Predigt unterbrechen.“

     „Die Wege des Herrn sind wahrlich unergründlich, Angus.“ Ein Gefühl der Wärme breitete sich in Alexander aus und verdichtete sich. Er hörte das Zwitschern der Vögel und das Rascheln der Blätter der Ebereschen. Von weiter her ertönten die Jubelrufe einiger Kinder, die im Außenhof spielten, und ihr helles Gelächter wehte mit dem Wind zu ihm herüber. Manchmal wünschte er, er könnte Gillion auch so spielen hören.

     Doch auf einmal brach die aufkeimende Hoffnung wieder in sich zusammen. Ein leeres Versprechen, und von denen hatte er weiß Gott schon genug erhalten. Er kratzte den Schmutz von seinen Stiefeln an einem Baumstumpf ab und machte sich auf den Rückweg in die Burg. Er war sich Angus’ bewusst, der ihm folgte, aber auch Madeleines, die ganz allein vor ihm auf das Tor zuschritt.

     Selbst aus der Entfernung sah ihr Haar aus, als wäre es aus Feuer; ihr langer, rotgoldener Zopf schimmerte in der sanften Nachmittagssonne.

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