Du hast mein Herz gerettet! - 4. Kapitel

4. KAPITEL

 

Faith lehnte an ihrer Haustür und winkte Teddy nach. Er hatte sie gleich nach Abfahrt des Krankenwagens auf dem Schneepflug mit nach Hause genommen, weil die Polizei erst noch die Schachtöffnung sichern musste, bevor sie wieder in die Stadt zurückfuhr.

     Wankend betrat sie die Wohnung, stieß hinter sich die Tür zu, ließ Cameron Stevensons Mantel zu Boden fallen und schleppte sich ins Bad.

     Sie drehte die Dusche auf. Dampf verbreitete sich im Raum. Staub und Erde rieselten auf den hellgrünen Teppich, als sie sich auszog. Es war ihr gleichgültig.

     Das warme Wasser strömte über ihren Körper. Faith zuckte zusammen, weil es in den Wunden brannte. Doch allmählich wurde es besser. Blut und Schmutz wurden in den Abfluss gespült. Faith wusch sich die Haare, und sobald sie einigermaßen sauber war, füllte sie die Badewanne und ließ sich seufzend hineinsinken.

     Scheinbar endlos lag sie da, bis das Wasser langsam abkühlte. Bevor ihre Muskeln zu steif wurden, stieg sie schließlich heraus, behandelte die Kratzer mit Salbe, verbrauchte alles Verbandszeug aus dem Medizinschrank und ging barfuß ins Schlafzimmer.

     Todmüde holte sie ein langes T-Shirt aus dem Schrank, ließ sich ins Bett sinken und zog die Decke hoch.

     Das Telefon klingelte, doch Faith ging nicht ran. Sollte der Anrufbeantworter das erledigen. Sie war müde, müde, müde. Erst wollte sie eine Runde schlafen – und danach zu Erik fahren.

     Allerdings dachte sie nicht an den Jungen, während sie einschlief.

     Sondern an den Vater.

 

„Noch ein einziges Mal so eine Nummer, Taylor, und Sie fliegen aus dem Team“, erklärte Jim Shepherd streng.

     Faith hatte ihn auf dem Korridor der Kinderstation des Thunder Canyon General Hospitals getroffen. Sie hatte bis heute Morgen geschlafen, war zwar immer wieder aufgewacht, aber zu müde gewesen, um schon aufzustehen. Warum auch? Der kleine Erik war schließlich gerettet, und um den Papierkram konnte sie sich immer noch kümmern.

     Jim hatte es gestern nicht nach Thunder Canyon geschafft. Die Wetterverhältnisse hatten einen Hubschrauberflug unmöglich gemacht, von den Straßenverhältnissen ganz zu schweigen. Seine Verspätung glich er jetzt dadurch aus, dass er ihr die Hölle heiß machte.

     „Ich meine es ernst, Faith! Niemand steigt ohne Rückendeckung in eine stillgelegte Mine!“

     Berechtigte Kritik machte ihr nichts aus, doch diesmal hatte sie sich richtig entschieden. „Also, wie ich schon unzählige Male gesagt habe, hatte ich als Rückendeckung Cameron Stevenson. Um durch die Stollen zu Erik vorzudringen, hätte sich ein Trupp durchgraben müssen. Die Zugänge waren eingestürzt.“

     „Das wussten Sie aber nicht. Zumindest nicht im Vorhinein.“

     Da er recht hatte, schwieg sie.

     Ihr Boss seufzte. „The Nugget möchte ein Interview über die Rettung haben.“

     „Geben Sie es ihnen.“ Faith hatte die Nachricht des Lokalreporters bereits von ihrem AB gelöscht, der gestern angerufen hatte. „Ich habe nichts zu sagen.“

     Auch Jim hielt nicht viel von dem Medieninteresse, das sein Team oft fand. Andererseits wurden sie von den Leuten bezahlt, die diese Zeitungen lasen. „Bei den Sicherungsarbeiten am Schacht hat jemand ein kleines Goldnugget gefunden.“

     „So? Wie schön für diesen Jemand“, erwiderte sie trocken. „Ich hatte keine Zeit zum Goldsuchen.“

     Endlich lächelte Jim. „Und wie geht es dem Jungen?“

     „Gehirnerschütterung und Unterkühlung.“ Das sagte allerdings nicht Faith, sondern Cameron, der hinter Jim aufgetaucht war.

     Bevor Faith es recht bewusst wurde, ließ sie den Blick eingehend über Cam wandern. Himmel, war dieser Mann attraktiv! Natürlich war ihr das auch vorgestern aufgefallen – aber da schien es eher nebensächlich gewesen zu sein. Doch nun raubte er ihr schlicht den Atem. Unter dem durchdringenden Blick seiner braunen Augen wurde sie auch noch rot. „Jim, das ist Cameron Stevenson“, sagte sie hastig. „Mr. Stevenson, das ist mein Boss Jim Shepherd.“

     „Freut mich, dass alles gut ausgegangen ist“, sagte Jim und schüttelte Cameron die Hand. Cameron mochte ungefähr zehn Jahre jünger sein als Jim, schätzte sie. Demnach war er um Mitte dreißig. Wenn man die beiden so nebeneinander sah, könnte man fast meinen, Cameron wäre der kraftvolle zupackende Lebensretter. Neben ihm wirkte Jim fast schmächtig.

     Reine Zeitverschwendung, ihren Boss mit Cameron zu vergleichen! „Wie geht es Erik denn mittlerweile? Ich wollte schon gestern nach ihm sehen, habe es aber nicht geschafft“, fragte sie schnell, um das flattrige Gefühl in ihrem Magen zu vertreiben. Hallo? Hatte sie Schmetterlinge im Bauch?

     „Er terrorisiert die Schwestern“, erwiderte Cameron, „und er hat nach Ihnen gefragt.“

     Es entging Faith nicht, dass Jim den Blick zwischen ihr und Cameron hin- und herwandern ließ. Ihr Boss war seit zwanzig Jahren glücklich verheiratet, und seit sie in seinem Team war, deutete er nahezu ständig an, dass sie wieder einen Mann in ihrem Leben brauchte. Im Moment war leicht zu erraten, was er dachte.

     „Hoffentlich haben Sie sich inzwischen auch behandeln lassen“, bemerkte Cameron. „Gestern jedenfalls waren Sie ja nicht auf der Station.“

     „Woher wissen Sie das?“, fragte sie und fasste sich unwillkürlich an die Hüfte, an der sie unter der Hose einen dicken Verband trug.

     „Dr. Taylor hat es erwähnt.“

     „Sie haben sich verletzt?“, mischte Jim sich alles andere als erfreut ein. „Davon stand nichts in Ihrem Bericht.“

     „Nur einige blaue Flecken“, wehrte Faith ab. „Nichts, um das sich mein übervorsichtiger Bruder kümmern müsste.“

     „Aber wenn Sie nun schon im Krankenhaus sind, könnte er sich doch ihre Verletzungen mal ansehen“, schlug Cameron ihr vor. „Sie haben stark geblutet, als Sie aus dem Schacht kamen.“

     „Soll ich Sie vielleicht ein paar Tage krankschreiben?“, fragte Jim, der genau wusste, dass sie es ohne Arbeit nicht aushielt.

     Wie sollte sie den beiden klarmachen, dass sie es hasste, sich wegen einer Kleinigkeit von einem Arzt untersuchen zu lassen? „Zuerst besuche ich Erik, danach lasse ich mich behandeln“, versprach sie. „Ist er wach?“

     An Stelle einer Antwort öffnete Cameron die Tür zum Zimmer, in dem Erik lag. Faith trat an ihm vorbei ein, achtete möglichst nicht darauf, wie gut er nach Rasierwasser roch, und konzentrierte sich auf den Jungen im Bett.

     „Hallo, Kleiner!“

     „Faith! Da sind Sie ja endlich!“

     Es war schön, wie Erik sich freute. So gut wie möglich verbannte sie seinen Vater aus ihren Gedanken, trat ans Bett und reichte Erik das Geschenk, das in hellblaues Papier eingewickelt war. Der Karton war riesig. „Benutzen darfst du es aber erst, wenn der Arzt es dir erlaubt“, ermahnte sie ihn.

     „Darf ich es wenigstens aufmachen?“, fragte Erik dermaßen hoffnungsvoll, dass er sie spätestens jetzt bezaubert hätte, wäre ihm das nicht schon längst gelungen.

     „Aber sicher“, erwiderte sie lachend. „Mach es auf.“

     „Toll!“ Papier flog nach allen Seiten, und dann riss Erik die Augen weit auf, als der leuchtend grüne Toboggan, ein kufenloser Schlitten, zum Vorschein kam. „Sagenhaft! So einen habe ich mir schon immer gewünscht, aber Dad hat es nicht erlaubt.“

     Oje! Sofort bekam sie ein schlechtes Gewissen. Wahrscheinlich hätte sie Cameron vorher um Erlaubnis fragen sollen, aber sie hatte keine Neffen und Nichten und kannte sich daher in diesen Dingen nicht aus. Vermutlich wäre es besser gewesen, sie hätte Erik stattdessen eines von den Videospielen mitgebracht, die bereits auf dem Tisch lagen.

     Cameron wirkte nicht erfreut, sagte jedoch nur: „Nun, Erik?“

     „Ach so. Danke, Faith.“

     „Mrs. Taylor“, verbesserte Cameron.

     „Nein, sie hat mir erlaubt, dass ich sie Faith nenne.“

     „Stimmt“, bestätigte sie. „Wann wirst du denn entlassen?“

     „Am liebsten gleich jetzt“, erwiderte Erik.

     Hinter Cameron hielt Jim sein Funkgerät hoch und deutete damit an, dass er zu einem Einsatz gerufen wurde. Er entfernte sich. Cameron ließ die Tür zufallen. „Er wird am Mittwoch entlassen.“

     „Vielleicht zeigt Faith mir dann, wie man den Schlitten benützt, Dad, ja?“

     Cameron kam nicht näher zu Faith, sondern blieb bei der Tür stehen, als könnte er es gar nicht erwarten, dass sie wieder ging.

     „Sehr gern“, versicherte sie dem Jungen. Es kam ihr seltsam vor, dass ein Junge, der in so einer schneereichen Gegend wie dieser hier lebte, keinen Schlitten hatte. In Thunder Canyon gab es neben der Eislaufbahn einen Hang, auf dem es im Winter von Kindern nur so wimmelte.

     „Das sehen wir dann“, sagte Cameron ausweichend.

     Faith warf ihm einen fragenden Blick zu, verzichtete jedoch auf eine Bemerkung. Stattdessen fragte sie Erik: „Hat Tommy Bodecker sich wegen der Gespenster gemeldet?“

     Cameron kam seinem Sohn zuvor. „Erik wird sich nicht mehr mit Tommy herumtreiben.“

     Offensichtlich hatte Cam bei Tommy und seiner Familie ein deutliches Wort gesprochen. „Nun ja, wenigstens wird Tommy dich in Zukunft mit sehr großem Respekt behandeln.“

     Erik lächelte, warf jedoch seinem Vater einen vorsichtigen Blick zu. „Hoffentlich, Ma’am.“

     „Also, du sagst mir Bescheid, wenn du das Ding da ausprobieren möchtest“, fuhr sie fort und klopfte auf den Schlitten. „Ich freue mich, dass du bald entlassen wirst.“

     „Danke“, entgegnete Erik strahlend.

     Sie nickte dem Jungen zu und ging an Cameron vorbei aus dem Zimmer. Er folgte ihr auf den Korridor. Ach, du lieber Himmel! Hoffentlich sah er ihr nicht an, wie verwirrt und unsicher sie sich in seiner unmittelbaren Nähe fühlte.

     „Haben Sie Ihren Wagen wiederbekommen?“, fragte sie.

     Cameron nickte.

     „Ich … hoffentlich haben Sie nichts dagegen. Sie wissen schon – das Geschenk für Erik.“

     „Es war nett von Ihnen.“

     „Hat er schon viel Besuch bekommen?“

     „Einige Schulfreunde waren bei ihm. Und auch Adele Douglas wollte sich gestern selbst davon überzeugen, dass er wieder ganz gesund wird.“ Adele und Caleb Douglas gehörte die stillgelegte Mine.

     Faith fiel auf, dass Cameron, obwohl er im Gang stand, ständig Eriks Tür im Auge behielt – als wollte er seinen Sohn um jeden Preis beschützen. „Er wird kaum aus dem Zimmer verschwinden“, sagte sie leise.

     „Zuerst meinen Sie, ich hätte nicht gut genug auf ihn aufgepasst, und jetzt passe ich plötzlich zu sehr auf ihn auf?“, fragte er leise.

     Was sollte sie darauf antworten? Erstens hatte er recht, und zweitens wollte ihr einfach nichts Schlagfertiges einfallen. Ob das an diesem seltsamen Ziehen in der Magengrube lag? „Sie haben recht, es geht mich nichts an“, sagte sie schließlich etwas steif. Es gefiel ihr gar nicht, dass sie noch immer etwas für einen Mann empfinden konnte. Und sie empfand definitiv etwas für Cameron Stevenson, das war ihr bereits klar. „Ich muss jetzt gehen, aber ich würde Erik sehr gerne irgendwann wieder besuchen.“

     Cameron nickte ihr zu. „Sie sind uns jederzeit willkommen, Faith.“ Sie war schon dabei, sich umzudrehen und zu gehen, als er noch anfügte: „Die Bodeckers waren hier und haben sich entschuldigt. Es war ihnen nicht aufgefallen, dass Tommy eine Weile von der Hochzeitsfeier verschwunden war. Als sie aufbrachen, war er bereits wieder zurück im Festsaal.“

     Faith drehte sich zu ihm um. „Wieso hat Tommy nichts gesagt, als bekannt wurde, dass Erik verschwunden ist?“

     Cam schüttelte den Kopf. „Soweit ich das verstanden habe, sind sie aufgebrochen, bevor bekannt wurde, dass Erik nicht da war. Und Tommy hat wohl seit einigen Wochen Fernseh- und Radioverbot. Als Strafe für irgendwas. Jedenfalls hat er von der Vermisstenmeldung nichts mitbekommen. Und seine Eltern wussten nicht, dass er mit Erik zusammen gewesen war.“

     Faith nickte. „Die Hauptsache ist, dass alles gut ausgegangen ist.“

     Als er nicht antwortete, sah sie ihn direkt an. Unglaublich, wie ihre Augen auf ihn wirkten! Ihr Blick ging ihm durch und durch.

     „Ist es wirklich gut ausgegangen?“, fragte sie leise. „Warum muss Erik noch zwei Tage im Krankenhaus bleiben, wenn ihm nichts fehlt?“

     „Aus Vorsicht. Er hat eine ziemlich schwere Gehirnerschütterung.“

     „Aber er wird doch wieder gesund?“

     Genau diese Frage hatte Cam unzählige Male dem Arzt gestellt. Er nickte, und Faith war sichtlich erleichtert.

     „Aha! Hat die Gerüchteküche des Thunder Canyon General ausnahmsweise mal recht“, erklang die Stimme ihres Bruders. „Ich habe schon gehört, dass du unsere geheiligten Hallen betreten hast.“

     Faith drehte sich zu Christopher um. „Hast du nicht Dienst in der Notaufnahme?“

     „Oh doch. Und ich habe mehr Patienten, als mir lieb ist“, versicherte er lächelnd. „Dein Boss war gerade bei mir. Er möchte, dass ich dich für ein paar Tage krankschreibe.“

     „Ich bin wegen Erik hier und nicht, damit mich ein Sadist in weißem Kittel kneift, drückt und sticht.“

     „Hey, das nehme ich dir übel.“

     Faith wirkte alles andere als amüsiert. „Chris …“

     „Schwesterchen, es ist nur eine kurze Untersuchung“, fiel er ihr ins Wort. „Wir haben etliche neue Assistenzärzte. Du kannst dir einen aussuchen.“

     „Meinetwegen.“ Wenn Blicke töten könnten … Sie nickte den beiden Männern zu und ging Richtung Aufzug.

     Cam merkte, dass der Arzt ihn beobachtete, und wandte den Blick von Faiths perfekt sitzender Hose auf ihrem perfekten Hi… Taylors Lächeln verriet, dass er genau wusste, wohin Cam gesehen hatte … und warum.

     „Alle in der Stadt reden über das Spiel am Freitag“, sagte der Arzt jedoch nur. „Die Leute wollen wissen, wann Sie Romance wieder einsetzen werden.“

     „Sobald er nicht in jedem Fach außer in Sport versagt“, erwiderte Cam gelassen. Wegen der Entscheidung, den Jungen auf die Ersatzbank zu schicken, hatte er schon viel Kritik eingesteckt.

     „Verstehe“, bestätigte der Arzt. Er schaute kurz zu den Aufzügen, doch Faith schien schon in einen eingestiegen zu sein. „Sie haben ein Auge auf meine Schwester geworfen?“

     Hoppla, das war aber mal eine direkte Frage. „Sie hat meinem Sohn das Leben gerettet“, erwiderte Cam ausweichend.

     „Stimmt.“ Der Arzt fasste an den blinkenden Pieper an seinem Gürtel. „Die Pflicht ruft“, erklärte er und ging ohne Gruß von dannen.

     Cam lächelte leise in sich hinein. Offensichtlich mochten die Geschwister Taylor keine langatmigen Abschiede. Sowohl Faith als auch Christopher waren wortlos gegangen. Oder mochten sie ihn nicht? Das konnte er sich kaum vorstellen. Im Gegenteil: Wenn er Faiths Blick richtig gedeutet hatte, fühlte sie sich genauso hingezogen zu ihm wie Cam zu ihr.

     Und wenn er ihren Blick weiter richtig gedeutet hatte, passte ihr das genauso wenig wie ihm.

 

Faith verzog schmerzlich das Gesicht. Der junge Assistenzarzt, der, wie sie fand, das Gesicht eines Zwölfjährigen hatte, reinigte ihre Wunden und desinfizierte und verband sie.

     Der blauweiß gestreifte Vorhang, der ihre Liege von den anderen in der Notaufnahme abteilte, wurde zur Seite geschoben. Ihr Bruder tauchte auf. Sie sah ihn kläglich an, während er die Verbände an ihrer Hüfte und ihrem Bauch begutachtete.

     Chris nahm seinem blutjungen Kollegen das Klemmbrett aus der Hand, überflog die Aufzeichnungen, schrieb etwas darauf und gab das Brett zurück.

     „Gute Arbeit. Und jetzt verschwinde“, sagte er amüsiert zu seinem Kollegen, der sich daraufhin zurückzog. „Die werden auch jedes Jahr jünger“, stellte Chris fest.

     „Das liegt daran, dass du älter wirst“, konnte Faith sich nicht verkneifen. Mit zweiunddreißig war Chris der Älteste der Taylor-Nachkommen.

     „Wer selbst auf die dreißig zugeht, sollte ältere Menschen respektieren“, hielt Chris ihr vor. „Also, was hast du mit den Stevensons zu tun?“

     „Nichts“, erwiderte Faith, zog sich Pullover und Hose wieder an und stand auf.

     „Ach nein? Und wegen dieses ‘Nichts’ bist du extra ins Krankenhaus gekommen?“

     „Ich wollte mich nur davon überzeugen, dass es ihm gut geht.“

     „Welchem ihm?“

     „Natürlich Erik.“ Hoffentlich waren ihre Wangen nicht so feuerrot, wie sie sich anfühlten. „Er ist ein niedlicher Junge. Wie … wie lange leben die zwei eigentlich schon in Thunder Canyon? Weißt du das?“

     „Seit Erik ganz klein war. Cam hat erst nach dem Tod seiner Frau als Lehrer an der Highschool angefangen. Soweit ich weiß, arbeitete er vorher sehr erfolgreich als Finanzberater in Denver.“

     „Ich habe dich nicht nach Einzelheiten gefragt.“

     „Nein, aber du willst sie wissen.“

     „Ach, arbeitest du jetzt auch als Gedankenleser?“, fragte Faith.

     „Das liegt daran, dass ich dein großer Bruder bin. Wärst du übrigens gestern zu uns gekommen, wie ich das wollte, hätten wir die schlimmsten Wunden nähen können. Wahrscheinlich behältst du eine Narbe zurück.“

     „Das wäre nicht die erste.“ Sie hatte schon welche an Ellbogen und Knien, weil sie als kleines Mädchen ein Wildfang gewesen war. Zum Glück hatten ihre jüngeren Schwestern Hope und Jill das durch ihre eher weibliche Art ausgeglichen. Ihnen fiel es auch zu, für die nächste Generation der Taylors zu sorgen – sofern Chris sich nicht doch endlich ernsthaft für eine Frau interessierte.

     „Ich muss jetzt zu Extension Sports“, sagte sie. „Ich habe Tanya versprochen, ihr im Laden zu helfen.“

     „Von mir aus, sofern du hinter der Theke sitzt und nicht auf der Kletterwand herumturnst.“

     „Im Moment verspüre ich nicht den geringsten Wunsch, einem Seil auch nur in die Nähe zu kommen“, beteuerte sie, winkte und machte sich auf den Weg zur Caféteria, um sich vorher noch einen Kaffee zu gönnen.

     Sie hielt schon den Becher in der Hand, als Cameron hereinkam und zur Theke ging. Faith blieb in ihrer Ecke stehen, damit er sie nicht bemerkte, obwohl sie nicht genau wusste, warum sie ihm eigentlich nicht auffallen wollte. Vorsichtig trank sie einen Schluck und beobachtete Cam dabei verstohlen aus den Augenwinkeln.

     An diesem Mann sahen sogar eine schlichte Jeans und ein graues Sweatshirt toll aus. Und Faith stand mit dieser Meinung offensichtlich nicht allein. Etliche Frauen sahen Cameron nach.

     An diesem Nachmittag war in der Caféteria viel los. Mehrere Leute sprachen Cameron an. Sie fragten nach Erik und dem Basketball-Spiel am kommenden Freitag. Cameron antwortete freundlich, hielt sich jedoch bei niemandem länger auf.

     Schließlich trug er sein Tablett mit Hackbraten, Kartoffeln und Salat direkt zur Kasse, bezahlte, aß quasi im Stehen – und verließ die Caféteria sofort wieder.

     Faith überlegte. Was für eine Art Lehrer war er wohl? Streng und autoritär? Sachlich und distanziert? Jedenfalls konnte sie sich nicht vorstellen, dass er sich wie ihre Lehrer damals zurücklehnte und über die lärmenden Schüler lächelte. Dafür war er viel zu ernst.

     Sie sah ihm noch nach, während er zum Aufzug ging. Bisher hatte sie wenig über Cameron erfahren. Sie wollte unbedingt mehr herausfinden. Der Mann machte sie neugierig. Und, nicht zu vergessen, er hatte ihre eingefrorenen Hormone zum Auftauen gebracht. Nicht, dass dies eine Rolle spielen würde.

     Denn Cameron Stevenson war ein Familienmensch, durch und durch. Und auf einen solchen Mann ließ sie sich nie wieder ein.

 

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