Du hast mein Herz gerettet! - 6. Kapitel

6. KAPITEL

 

Faith saß in ihrem Wagen und blickte zu Camerons Haus hinauf. An dem Gebäude konnte man erkennen, dass Cameron eine ganz andere und vor allem einträglichere berufliche Laufbahn eingeschlagen hatte, bevor er Lehrer und Trainer in Thunder Canyon geworden war.

     Beinahe wäre sie weitergefahren, doch Erik hatte bereits die breite Haustür aufgerissen und rannte mit dem Schlitten unterm Arm auf dem freigeschaufelten Weg zu ihr. Auf dem Bürgersteig blieb er stehen und sah ihr ungeduldig entgegen, als würde er jeden Moment platzen.

     „Hallo“, begrüßte sie ihn. „Wie war schon wieder dein Name?“

     „Juan“, erwiderte er lächelnd. „Die mexikanische Springbohne.“

     „Richtig, jetzt fällt es mir wieder ein.“ Faith tippte auf den aufgerollten Schlitten. „Und das ist ein mechanischer Stier, nicht wahr?“

     „Ein echter“, verbesserte Erik sie.

     Cameron erschien auf der Veranda. „Erik, bitte Mrs. Taylor doch herein. Vielleicht möchte sie ja einen Kaffee.“

     Camerons Auftauchen ließ Faiths Nerven vibrieren. „Nicht nötig“, erwiderte sie laut genug, dass er sie hörte. „Der Hang hinter Ihrem Haus ist perfekt. Erik und ich fahren erst mal eine Runde Schlitten. Master Juan“, fuhr sie, an den Jungen gewandt, fort, holte die Handschuhe aus der Jackentasche und zog den Schal fester zu, „du solltest doch lieber Stiefel anziehen.“

     Er blickte auf seine Füße hinunter, an denen er nur Hausschuhe trug, und rannte lachend an seinem Dad vorbei zurück ins Haus.

     Faith holte Cams Mantel, den sie seit der Rettungsaktion immer noch bei sich hatte, aus ihrem Wagen, folgte langsam dem Jungen und zog dabei die Handschuhe an. Wenn sie Cameron nicht ansah, träumte sie vielleicht in der nächsten Nacht nicht von ihm.

     „Ein schönes Haus haben Sie“, bemerkte sie, blieb vor den fünf Steinstufen stehen, die zur Haustür führten, durch die sogar ihr Wagen gepasst hätte, und warf ihm den Mantel zu.

     „Es hat ein Dach“, erwiderte er und fing den Mantel auf.

     Drinnen schrie Erik, wo denn seine Schneestiefel wären.

     Cameron lächelte ihr zu. „Kommen Sie lieber hinein. Aus Erfahrung weiß ich, dass es eine Weile dauern wird. Eigentlich hätte er schon alles zusammensuchen sollen.“

     Es ist nur ein Haus, sagte sie sich. Und Cameron war nichts weiter als ein hochgewachsener Mann in Jeans und einem dicken hellgelben Pullover. Trotzdem fiel es ihr nicht leicht, die Stufen hinauf und an ihm vorbei durch die Tür zu gehen. Es war ihr, als ob sie dadurch eine Schwelle überschritt, nach der es ihr schwerfallen würde, Distanz zu halten.

     Ah, und wie gut der Mann wieder roch. Faith nahm sich zusammen und bemühte sich, nur auf das Haus zu achten. Von der Diele aus überblickte man dank der völlig verglasten Wand die Gegend hinter dem Haus. „Es hat etwas mehr als ein Dach“, stellte sie beeindruckt fest und machte fast einen Luftsprung, als er ihr leicht die Hand auf den Rücken legte.

     „Wir haben das Haus wegen der Aussicht gekauft.“

     „Das kann ich mir gut vorstellen“, bestätigte sie, während ihr ein wohliger Schauer über den Rücken lief.

     „Dad!“

     „Entschuldigen Sie mich“, sagte er seufzend, hängte den Mantel auf einen ziemlich vollen Kleiderständer neben der Tür und verschwand in einem Korridor.

     Seine Stimme drang gedämpft zu Faith, während er Erik beim Suchen half. Stundenlang hätte sie hier stehen und nach draußen blicken können. Der Schnee am Hang glitzerte im Sonnenschein, als wäre er mit Juwelen übersät.

     Hinter der Diele und einem großen Aufenthaltsraum mit rustikalen Möbeln teilte sich das Haus in zwei Ebenen. Einige Stufen führten zu einer Küche mit Essecke und einem behaglichen Wohnzimmer hinunter. Cam schien es als Arbeitsraum zu benützen. Jedenfalls lagen Bücher und Schulhefte auf einem Schreibtisch, von dem aus man durch die Fenster ins Freie sah.

     Wie konnte er hier bloß arbeiten? Bei diesem herrlichen Ausblick hätte sie sich nicht konzentrieren können.

     Erik und Cam waren noch mit der Suche beschäftigt. Faith ging an dem Schreibtisch vorbei und sah sich interessiert um. Auf einem Bücherregal standen einige Fotos von Erik, aber keine von seiner Mutter. Faiths Neugierde bezüglich der Frau, der Camerons Herz noch immer gehörte, blieb ungestillt.

     „So, wir sind so weit.“ Cameron tauchte mit Erik auf. Der Junge rannte durchs Zimmer und schob eine der deckenhohen Glastüren auf. Sie glitt lautlos zur Seite und begann sich wieder zu schließen, sobald Erik auf der überdachten Terrasse war. Cam hielt die Tür mit der Hand fest.

     Während Faith ins Freie trat, bemerkte sie keinen einzigen Fingerabdruck auf der Glasscheibe. Wie machten die beiden das bloß? „Kommen Sie nicht mit?“

     Er deutete zum Schreibtisch. „Die Schüler jammern ständig über Hausarbeiten, aber die eigentliche Mühe haben die Lehrer damit.“

     Sie nickte. Ein Blick auf seine Hand verriet ihr, dass er nicht so ruhig war, wie er sich gab. Die Knöchel waren weiß.

     „Es ist nur ein Schlitten, und wir werden vorsichtig sein“, versicherte sie.

     „Wäre ich davon nicht überzeugt, wären Sie nicht hier“, erwiderte er und blickte an ihr vorbei.

     Faith ging über die Terrasse und eine kurze Treppe zu Erik, der schon mit dem Schlitten wartete. Dabei sah sie sich den Hang an. Der Hang war mindestens so gut geeignet wie jener bei der Eislaufbahn, auf dem sich die meisten Kinder tummelten.

     „Also, Juan, gehen wir es an! Wir fahren so lange gemeinsam, bis du gelernt hast, wie man steuert. Danach kannst du allein fahren. In Ordnung?“

     Cam war heilfroh, dass niemand merkte, wie nervös er bei Eriks ersten unbeholfenen Versuchen auf dem Toboggan-Schlitten war. Faith fuhr mehrmals mit ihm den Hang hinunter und hielt ihn dabei vor sich fest. Ihr Pferdeschwanz flatterte hinter ihr, bis die beiden aus Cams Sichtfeld verschwanden.

     Schließlich ging Cam in die Küche und setzte sich an die Essecke. Von hier hatte er freien Blick bis zum unteren Ende des Hügels.

     Bei seiner ersten Schlittenfahrt allein schaffte Erik es ungefähr drei Meter, ehe er umkippte und wie ein menschlicher Schneeball weiterrollte. Faith hatte weiter unten am Hang gewartet, lief durch den tiefen Schnee und fing Erik auf. Cam hörte die beiden lachen, während Faith den Schnee von Eriks Gesicht putzte, ihn auf die Beine stellte und den Hügel hinauf zeigte.

     Vorsichtshalber zog Cam sich ein Stück zurück. Er wollte nicht ertappt werden, wie er gleich einem hungrigen Kind vor einem Süßwarenladen die Nase an die Fensterscheibe drückte. Erik stapfte den Hang wieder hoch und zog den Schlitten hinter sich her.

     Beim dritten Versuch schaffte er es schließlich bis nach unten, und den Triumphschrei hörte man vermutlich in der ganzen Stadt. Erik riss die Arme hoch, hüpfte herum, packte schließlich den Schlitten und jagte den Hang hinauf.

     „Dad! Dad!“, schrie er, als er seinen Vater am Fenster entdeckte. „Schau zu!“

     Cameron winkte. Faith stand am unteren Ende der Strecke und sah lächelnd zu ihm herauf. Erstaunlich, dass bei dieser Wärme der Schnee nicht schmolz.

     „Schau zu!“, schrie Erik erneut, schaffte es wieder ganz allein bis hinunter und tanzte, als hätte er soeben olympisches Gold gewonnen. Gemeinsam mit Faith ging er, den Schlitten unterm Arm, wieder den Hang herauf.

     Sie blickte nicht zu dem Fenster, hinter dem sie Cam wusste, und er fragte sich, ob sie das absichtlich tat. Oben angekommen, setzte sie sich auf den Schlitten, und für einen Moment sah Cam ihr lächelndes Gesicht, bevor sie den Hang hinuntersauste.

     Er wandte sich vom Fenster ab und kehrte an die Arbeit zurück. Nur von seinen Gefühlen konnte er sich nicht so leicht abwenden. Lange blickte er starr auf die vor ihm liegenden Bücher. Wenn er weiterhin so langsam war, würde er seinen Schülern ihre Hausarbeiten wohl erst in zehn Jahren zurückgeben können. Konzentrier dich, ermahnte er sich immer und immer wieder.

     Doch das war einfacher gesagt als getan. Trotz der Doppelfenster hörte er Erik und Faith lachen. Entschlossen klappte er die Bücher zu, ging in den hinteren Vorraum, der sich an die Küche anschloss, und zog eine dicke Daunenweste an.

     Sobald er ins Freie trat, traf ihn ein Schneeball an der Brust.

     „Volltreffer!“, schrie Erik. „Ich habe Ihnen doch gleich gesagt, dass er herauskommt, Faith! Dad liebt Schnee.“

     „Wie gut“, meinte sie. „Wir sind hier schließlich nicht in der Mojave-Wüste.“

     Cam formte einen Schneeball und traf damit Erik an der Schulter. Der Junge bückte sich lachend, und Cam merkte zu spät, dass Erik und Faith bereits Munition vorbereitet hatten. Ein Schneeball nach dem anderen flog in seine Richtung. Faith war eindeutig auf der Seite seines Sohnes, und sie zielte gut.

     „Das werdet ihr bereuen“, warnte Cam, während er die Schneebälle mit dem Arm abwehrte.

     Lachend reichte Faith seinem Sohn den nächsten Schneeball.

     Cam bückte sich, rannte los, warf sich auf die beiden und riss sie mit sich in den weichen Schnee. Erik strampelte sich frei, kletterte ihm auf den Rücken und versuchte, ihm Schnee in den Hemdkragen zu schieben. Cam stieß einen Schrei aus, drehte sich um, packte Erik und stellte ihn auf den Kopf.

     Erik kreischte vor Lachen. „Hilfe, Faith! Schnappen Sie ihn sich!“

     Doch Faith lag lachend auf dem Rücken im Schnee und spreizte Arme und Beine von sich.

     Cam schob seinem Sohn eine kleine Hand voll Schnee in den Kragen und ließ den Jungen los. Erik sprang quietschend herum und versuchte, den Schnee wieder loszuwerden.

     „Äffchen!“, scherzte Cam und streckte Faith die Hand hin.

     Sie ließ sich von ihm auf die Beine helfen, doch als Dank bekam er eine Hand voll Schnee ins Gesicht.

     Erik landete vor Lachen auf dem Po. „Sie hat dich erwischt! Sie hat es gemacht!“

     Cam wischte sich übers Gesicht. „Ihr habt das geplant? Wenn mich der eine nicht erwischt, macht es der andere?“, fragte er zähnefletschend und hielt nur mit Mühe das Lachen zurück.

     Faith wich ihm mit erhobenen Händen aus. „Es war nichts weiter als ein schöner und harmloser Scherz“, versicherte sie atemlos.

     „Wohl eher ein schöner und kalter Scherz.“

     Erik rappelte sich hoch und griff nach dem Schlitten. „Ich fahre wieder!“, verkündete er und jagte los.

     Cam sah ihm kurz nach und ging auf Faith zu. „Jetzt habe ich Sie durchschaut. Sie verschwören sich gegen einen alten Mann.“

     „Von wegen alt“, wehrte sie nun ab. „Blutjunge Mädchen schwärmen von Ihnen und laufen Ihnen nach“, fügte sie hinzu und wich dem Schneeball aus, den er nach ihr warf.

     „Ich glaube, nur noch ein Mensch in dieser Gegend hat keinen Schnee im Genick“, rief er und sammelte im Laufen Schnee ein.

     „Was nur die Überlegenheit des weiblichen Geschlechts beweist“, erwiderte sie fröhlich und wich ihm erneut aus.

     Cam lachte unbeschwert wie schon lange nicht mehr. „Es beweist gar nichts“, versicherte er ihr. „Höchstens, dass jetzt Ihre Zeit gekommen ist.“

     „Für mich ist es höchstens Zeit zu gehen“, antwortete sie lächelnd. „Ich habe noch etliche Dinge zu erledigen.“

     „Etliche Dinge?“

     „Ja, genau.“ Vorsichtshalber zog sie sich weiter von ihm zurück, während sie von unten Erik rufen und jubeln hörten. Aus den Augenwinkeln schätzte Faith die Entfernung zu den Terrassenstufen ab.

     „Sie schaffen es nicht“, behauptete Cameron.

     Faith nahm die Herausforderung an. „In New Mexico war ich jedes Jahr bei einem Marathonlauf dabei.“

     „Das war früher. Außerdem geht es bei einem Marathonlauf um Ausdauer, aber wenn Sie an mir vorbeikommen wollen, wäre Schnelligkeit gefragt.“

     „Und sie sind schneller als ich?“

     „Aber ja. Ich war früher mal Kurzstreckenläufer.“

     „Gibt es eigentlich eine Sportart, die Sie nicht betrieben haben?“

     „Gymnastik.“

     „Waren Sie dafür zu sehr Macho?“

     „Ich war nicht biegsam genug“, gestand er.

     „Was Sie nicht sagen“, murmelte sie und ließ den Blick demonstrativ über seinen Körper wandern. Während er noch die Wirkung dieser eingehenden Musterung verarbeitete, jagte sie zur Treppe. Der Trick schlug fehl.

     Mit zwei Schritten hatte Cam sie eingeholt und warf sie in eine Schneewehe, lockerte ihren Schal und hielt die mit Schnee gefüllte Hand drohend hoch.

     Faith bog den Kopf lachend zurück und versuchte, seinen Arm festzuhalten, doch er packte ihre Handgelenke.

     „Nein, nein, bitte nicht!“, flehte sie atemlos.

     Sein Blick fiel auf ihren schlanken glatten Hals, und der Schnee rieselte aus seiner Hand.

     Faith öffnete leicht die Lippen. In ihre Augen trat ein lockendes Funkeln.

     Doch anstatt Schnee auf diesem schlanken Hals zu verreiben, drückte er die Lippen darauf, spürte, wie ihr der Atem stockte, und hörte sie scharf Luft holen. Einen Moment wehrte sie sich gegen seinen Griff und entspannte sich dann.

     Cam hob den Kopf und sah auf sie hinunter. Wie ein lebendiger Schnee-Engel lag sie da mit geröteten Wangen und Verlangen im Blick. Er gab ihre Hände frei, doch anstatt ihn von sich zu schieben, legte sie die Arme auf seine Schultern und formte lautlos seinen Namen.

     Ihre Lippen fühlten sich kühl an, als er einen Kuss darauf hauchte. Sekundenlang betrachtete er fasziniert ihren Mund, verlor den inneren Kampf – und küsste sie leidenschaftlich.

     Faith stöhnte leise auf. Er wusste, dass er zu unbeherrscht war, und versuchte sich zu zügeln, doch das wollte sie gar nicht. Stattdessen öffnete sie die Lippen für ihn und kam ihm entgegen. Die Empfindungen überwältigten ihn – Faiths Wärme, ihr weicher Körper, ihre Arme, die sie ihm um den Nacken schlang. Voll Begehren zog er sie an sich. Noch nie im Leben hatte er etwas so sehr begehrt wie diese wunderbare Frau.

     Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag. Er ließ Faith los und sprang auf.

     Sie lag mit leicht geöffneten Lippen und verträumten Augen vor ihm und atmete heftig. Einzelne Strähnen hatten sich aus dem Pferdeschwanz gelöst, die Jacke war offen, und der zu den Brüsten hochgerutschte Pullover entblößte die Verbände, die noch von der Rettung seines Sohnes zeugten.

     Was war ihm da eingefallen!

     Langsam schob sie den Pullover herunter und setzte sich auf. „Cameron?“, fragte sie leise.

     Lauras Stimme war höher gewesen, hatte irgendwie … zerbrechlich geklungen. Schuldgefühle packten ihn, doch das Verlangen wich trotzdem nicht. „Tut mir leid“, sagte er schroff. „Das hätte ich nicht tun sollen. Ich bin nicht interessiert an …“ Die Lüge blieb ihm im Hals stecken.

     „Verstehe.“ Faith schloss die Jacke und stand auf, bevor er ihr helfen konnte. „Grüßen Sie Erik von mir.“

     Cameron fühlte sich elend. „Faith …“, setzte er an, wusste jedoch nicht, was er sagen sollte. Darum sah er ihr bloß stumm nach – und begehrte sie.

 

„Im Büro steht die Lieferung mit den Baseball-Handschuhen“, sagte Tanya hastig am Telefon. „Vielleicht hast du Zeit, dich darum zu kümmern.“

     Faith sah sich im Extension Sporting Goods um. Sie kümmerte sich heute um das Sportgeschäft, weil Tanya daheim den kranken Toby versorgen musste. „Heute Nachmittag waren erst zwei Kunden hier. Bestimmt habe ich Zeit für die Lieferung. Ist montags immer so wenig Betrieb?“

     „Wenn die Baseball-Saison beginnt, wird es lebhafter. Ich bin dir für die Hilfe sehr dankbar. Hattest du bestimmt nichts anderes vor?“

     Faith sah Cameron vor sich, wie er vor ihr stand und kein Hehl daraus machte, wie sehr er den Kuss bereute. „Bestimmt nicht. Pflege du deinen Sohn. Hier läuft es gut. Auf dem Heimweg werfe ich die Tageseinnahmen in den Nachttresor.“

     „Du bist die Allerbeste“, sagte Tanya dankbar und legte auf.

     Faith griff wieder nach dem Tuch, mit dem sie gerade die Glasplatte der Kassentheke geputzt hatte. Der Kunde, der sich im Laden umgesehen hatte, kam, um das Skiwachs, das er sich ausgesucht hatte, zu bezahlen. Faith kassierte, und nachdem der Mann gegangen war, sangen nur noch die Beach Boys im Radio leise von California Girls. Ansonsten war es still.

     Viel zu still für ihre Gedanken. Als sie Tanya ihre Hilfe angeboten hatte, war sie davon ausgegangen, dass die Arbeit sie von dem Vorfall mit Cameron ablenken würde. Daraus war jedoch nichts geworden.

     Sie ging ins Hinterzimmer, packte die Lieferung aus und überprüfte genauestens jedes einzelne Stück. Trotzdem kreisten immer wieder dieselben Gedanken durch ihren Kopf.

     Zuerst Cams Kuss und dann sein blitzartiger Rückzug, als hätte er sich an ihr verbrannt – unbeschreiblich. Auch jetzt noch fühlte sie sich gedemütigt, und das war genauso schlimm wie damals, als Jess nicht mit ihr zufrieden gewesen war.

     Mit einer Ladung Handschuhe betrat sie den Verkaufsraum, als die Glocke über der Tür klingelte.

     Cameron und Erik kamen herein.

     Die Handschuhe rutschten ihr aus den Armen und landeten auf der Theke und dem braunen Teppich.

     „Faith!“, rief Erik freudig. „Ich wusste gar nicht, dass Sie hier sind!“

     Eindeutig wussten sie es nicht, wie Camerons erstarrte Miene bewies. „Ich bin mit Tanya Winters, der Ladenbesitzerin, befreundet.“

     „Cool.“

     Gegen ihren Willen warf sie einen Blick auf Cameron. Natürlich tat sie das nur verstohlen, doch das spielte keine Rolle. Er beachtete sie ohnedies nicht. Am liebsten hätte sie sich im Büro oder Lageraum verkrochen. Stattdessen kam sie hinter der Theke hervor. „Kann ich behilflich sein?“

     Erik zog seinen Parka aus, drückte ihn seinem Vater in die Hände und lief durch den Laden zur Wand mit der Kletterausrüstung. „Cool! Kann ich da hinaufklettern?“, fragte er und zeigte auf die in die Wand eingelassenen künstlichen Felsbrocken.

     „Erik braucht dringend einen Tennisschläger“, warf nun Cameron knapp ein.

     „Er spielt Tennis?“, wiederholte Faith.

     „Nein, es ist für eine Aufführung in der Schule.“ Erik strich mit beiden Händen über die Felsen. „Ich soll einen Tennisspieler spielen. Albern.“ Mühsam legte er sich eine große Rolle Nylonseil auf die Schulter und verlor beinahe das Gleichgewicht.

     „Erik.“ Cameron nahm das Seil und hängte es an den Haken zurück. „Lass die Sachen in Ruhe.“

     „Tennisschläger sind da drüben.“ Faith deutete in eine der hinteren Ecken. „Im Moment gibt es allerdings keine große Auswahl.“

     „Wir finden bestimmt etwas“, erwiderte Cameron, wich ihr aus und ging in die Ecke.

     Faith biss sich auf die Unterlippe, während er die Schläger musterte. „Es wäre billiger, sich einen auszuleihen, vielleicht sogar von der Schule selbst.“

     Cameron griff nach einem Schläger. „Erik“, sagte er bloß und hielt ihn seinem Sohn hin.

     Erik hatte kaum einen Blick dafür übrig, so sehr faszinierte ihn die Kletterausrüstung. „Mir egal.“

     „Du wirst damit auftreten“, mahnte Cameron.

     Erik verzog das Gesicht, kam widerwillig näher und sah sich den Schläger genauer an. „Der ist rosa.“

     „Er hat einen roten Streifen“, erwiderte Cameron.

     „Dad, der ist rosa!“, rief Erik.

     „Ich würde das eher Magenta nennen“, warf Faith ein und fasste an Cameron vorbei nach einem etwas größeren Schläger. „Wie wäre es mit dem?“

     Jetzt sah Erik schon glücklicher drein. „Ich weiß aber wirklich nicht, warum ich bei so einer albernen Sache mitmachen muss. Nur weil ich nicht so unmusikalisch bin wie …“

     „Erik“, fiel Cameron ihm ins Wort, „suche dir einfach einen Schläger aus.“

     „Der ist aber gelb, Dad. Da sehe ich ja wie ein Kanarienvogel aus.“

     „Nun, dann bleibt dir nur noch dieser.“ Cameron griff nach dem letzten Schläger. „Auf dem Griff hat er kleine rosa Kätzchen. Ich glaube nicht, dass du den haben willst.“

     „Viele Jungs nehmen die anderen Schläger“, versicherte Faith, „sowohl den roten als auch den gelben.“

     „Meinetwegen“, lenkte Erik missmutig ein.

     „Erik!“, mahnte Cameron, dem allmählich die Geduld ausging.

     Faith hängte die Schläger schnell wieder auf. „Daheim habe ich einen schwarzen. Den kann ich Erik leihen, wenn er will.“

     „Nein, danke“, wehrte Cameron sofort ab, obwohl Erik heftig nickte.

     „Och, Dad!“

     „Such dir einen Schläger aus.“

     Die beiden Männer sahen einander unverwandt an. Am besten hielt Faith sich aus diesem stummen Kräftemessen heraus. „Ich hätte wirklich nichts dagegen“, versicherte sie trotzdem, weil sie noch nie getan hatte, was für sie am besten gewesen wäre. „Wieso sollte man Geld für einen Schläger ausgeben, der nur ein einziges Mal bei einer Schulaufführung verwendet wird? Oder möchtest du Tennisunterricht nehmen?“

     Erik verdrehte die Augen.

     „Machen Sie sich bitte keine Mühe“, sagte Cameron sichtlich verärgert.

     Allmählich ärgerte aber auch sie sich. „Keine Sorge, das habe ich nicht vor. Wenn Sie den Schläger haben wollen, müssen Sie ihn sich schon bei mir holen.“ Als er nicht gleich antwortete, fügte sie hinzu: „Ich lege ihn raus auf die Veranda.“

     Cameron störte sich nicht an der bewusst spitzen Bemerkung, die auf sein unhöfliches Verhalten abzielte. Er schien lieber hundert Tennisschläger kaufen zu wollen, als Faiths Angebot anzunehmen.

     Erik steckte den Kopf aus einem Rundständer mit Skibekleidung. „Zuerst wolltest du doch gar keinen Schläger kaufen“, verriet er, tauchte unter und sah sich ein Regal mit Büchern und Landkarten an.

     „Es wäre schließlich nur für einen Abend“, bemerkte Cameron nachdenklich.

     Faith schob die Hände in die Taschen ihrer schwarzen Jeans. „Andererseits werden bei diesem schönen Wetter bestimmt bald die Tennisplätze bespielbar sein.“

     Endlich lächelte er flüchtig. „Sie sind schlagfertig.“

     Faith zuckte bloß mit den Schultern. Wenigstens tat er jetzt nicht mehr so, als wollte sie ihm keinen Schläger leihen, sondern ihm die Zehen abhacken. Sie ging wieder zur Theke, griff nach einem Blatt, schrieb ihre Adresse darauf und reichte es ihm. „Ich lege den Schläger gleich heute Abend auf die Veranda. Dann ist es gleichgültig, ob ich daheim oder unterwegs bin, und Sie können jederzeit vorbeikommen.“

     „Mein Auftritt ist schon morgen Abend.“ Erik tauchte neben ihr auf. „Wollen Sie auch kommen?“

     Der Junge war einfach liebenswert. „Morgen Abend kann ich leider nicht“, meinte sie bedauernd. „Ich habe schon etwas vor.“

     „Mit wem?“

     „Das geht dich nichts an“, tadelte Cam und steckte das Blatt ein. „Jetzt dürfen wir Mrs. Taylor nicht länger von der Arbeit abhalten.“

     Also war sie jetzt wieder „Mrs. Taylor“ geworden. Cameron schien den Kuss wirklich radikal aus seinem Kopf getilgt zu haben. Das tat weh. Faith seufzte lautlos und wandte sich noch schnell an Erik, bevor sein Vater ihn wieder aus dem Laden zerrte. „Morgen werde ich den ganzen Tag in Bozeman zu tun haben.“

     „Und Sie kommen nicht rechtzeitig zurück?“

     „Wahrscheinlich nicht, tut mir leid“, versicherte sie und ging neben ihm in die Hocke. Es tat ihr tatsächlich leid, und das überraschte sie. Eigentlich hätte sie nie gedacht, gerne zu einer Theateraufführung von Grundschülern gehen zu wollen.

     „Na gut“, meinte der Junge, „dann vielleicht beim nächsten Mal.“

     „Ja, sicher.“

     Erik zeigte auf die Kletterwand. „Das bringen Sie mir irgendwann bei?“

     „Gern, aber wenn du richtig klettern lernen willst, solltest du erst an einem Kurs teilnehmen. Der Trainer heißt Rick, und er ist wirklich gut. Viel besser als ich. Rechts hinter der Tür gibt es einen extra Raum, in dem er das Klettern übt.“

     „Darf ich, Dad? Darf ich einen Kurs mitmachen? Wann ist der denn?“

     „Rick kommt jedes zweite Wochenende her.“ Faith stand wieder auf. Camerons starre Miene verkündete nichts Gutes.

     „Nein“, entschied er, „du kletterst schon genug herum. Da brauchst du nicht auch noch einen Kurs.“

     „Dad!“

     „Ich habe Nein gesagt, Erik.“

     Der Junge ließ den Kopf hängen und zog sich hinter ein Regal mit Skischuhen zurück.

     „Rick geht es in erster Linie um Sicherheit, Cameron“, erklärte Faith leise. „Davon könnte Erik nur profitieren.“

     „Es ist immer schön, wenn Leute ohne Kinder den Leuten mit Kindern Ratschläge erteilen.“

     Das traf sie wie ein Schlag ins Gesicht. „Nun, dann will ich natürlich nichts gesagt haben.“

     „Hören Sie“, sagte er seufzend. „Wenn Sie sich Eriks Auftritt morgen Abend ansehen wollen, lassen Sie sich von mir nicht davon abhalten. Ich werde nicht wieder versuchen, Sie zu küssen.“

     „Glauben Sie mir, Cameron, ich bin tatsächlich beschäftigt.“ Ihre Stimme bebte leicht. „Und nur zu Ihrer Information: Nur weil ein paar halbwüchsige Mädchen von der Highschool glauben, dass sich die Welt um sie dreht, muss das nicht auch für mich gelten. Ich bin erwachsen und habe das mädchenhafte Schwärmen hinter mir. Außerdem hätten sie nicht deutlicher zeigen können, dass Sie nicht an mir interessiert sind.“

     Es polterte. „Oh, Mist!“, rief Erik, und Faith fand ihn hinter dem Ständer mit den Skistiefeln. Der Junge stand auf einem Regal, aus dem Schuhkartons rutschten und zu Boden fielen.

     Cameron holte Erik vom Regal herunter und stellte ihn auf den Boden. „Ich habe doch gesagt, dass du schon genug herumkletterst. Ich habe dich nicht aufgefordert, hier und jetzt zu klettern. Muss ich dir wieder Stubenarrest geben?“

     „Nein“, erwiderte Erik zerknirscht.

     Faith hob die Kartons auf und stellte sie an ihren Platz zurück. „Nichts kaputt gegangen.“

     „Glück im Unglück.“ Cameron reichte seinem Sohn den Parka und zeigte zur Tür. „Abmarsch!“

     „Bis dann, Faith!“

     „Bis dann, Juan.“

     Erik brachte kaum ein Lächeln zustande und verließ bedrückt den Laden.

     „Das Chaos tut mir leid“, entschuldigte sich Cameron.

     „Ich kümmere mich darum“, erwiderte sie tonlos. „Wissen Sie, wenn Sie Erik mehr erlauben würden, was er wirklich mag, würde er nicht seine ganze Energie auf Dummheiten verschwenden. Und ich muss nicht unbedingt ein eigenes Kind haben, um das zu wissen.“

     Cameron hielt die von Erik geöffnete Tür fest, damit sie nicht wieder ins Schloss fiel. „Wir sprechen uns, wenn Sie einmal ein eigenes Kind haben“, entgegnete er und trat ins Freie.

     Faith schloss die Augen. Also würden sie und Cameron nie wieder miteinander sprechen. Denn sie würde nie ein eigenes Kind haben.

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