Du hast mein Herz gerettet! - 7. Kapitel

7. KAPITEL

 

Als Faith am nächsten Abend aus Bozeman nach Thunder Canyon zurückkam, war die Straße vor der Grundschule auf beiden Seiten zugeparkt. Auch der Parkplatz war voll. Die hohen Fenster des Saals strahlten hell. Das ganze Gebäude wirkte einladend, doch das war vielleicht auch eher ihr Wunschdenken als die Realität. Einer zumindest wäre sicher nicht erfreut, sie zu sehen: Cameron.

     Der Tag war anstrengend gewesen. Nach langwierigen Besprechungen mit Jim Shepherd und den anderen Mitgliedern des Teams hatten sie gemeinsam zu Mittag gegessen und die Verlobung von Nathan, dem Jüngsten im Team, gefeiert.

     Danach hatte sie die jährliche medizinische Untersuchung über sich ergehen lassen und war, wie immer, für einsatztauglich erklärt worden. Nichts hatte sich geändert. Wirklich nichts?

     Am Ende der Straße hielt sie vor einem Stoppschild. Die Kreuzung war wie leer gefegt. Trotzdem fuhr sie nicht weiter, sondern drehte den Rückspiegel, bis sie die Schule sehen konnte.

     Hinter ihr hupte ein Wagen. Rasch fuhr sie über die Kreuzung und ließ den ungeduldigen Fahrer überholen.

     Es war noch nicht einmal acht Uhr, und ihre leere dunkle Wohnung erschien ihr plötzlich unerträglich. Kurz entschlossen wendete sie, fand unter einer Straßenlampe einen freien Platz zum Parken – halb auf dem Gehsteig, halb auf dem Rasen – und eilte in die Schule. Die hohen Kinderstimmen waren schon zu hören, bevor sie unauffällig den Saal betrat.

     Klappstühle waren in Reihen aufgebaut. Die Kinder hatten auf der niedrigen Bühne an einer Schmalseite Aufstellung genommen. Vor dem Chor stand ein Quartett, zu dem Erik gehörte. Ein kleines blondes Mädchen in seinem Alter sang soeben ein Solo. Es trug Skikleidung, und das Stimmchen bebte ein wenig bei der Aufzählung der Schönheiten des Winters.

     Unter dem kräftigen Beifall der Eltern trat die Kleine zurück. Ein anderes Mädchen mit Frühlingsblumen trat vor. Faith ging näher heran, hielt sich jedoch weiterhin unauffällig im Hintergrund.

     Erik stand ganz still und ernst da, während das Mädchen mit den Blumen das Solo sang. Das überraschte Faith nicht. Der Junge war zwar ein Energiebündel, konnte sich jedoch vollkommen konzentrieren, wenn ihm etwas wichtig war. Das hatte sie schon beim Schachspiel festgestellt.

     Langsam ließ sie den Blick über die Sitzreihen wandern und entdeckte Cameron. Er saß in der Mitte der dritten Reihe und hielt eine kleine Videokamera in der Hand. Er war keineswegs der einzige Elternteil mit einer solchen Kamera. Faith sah im Saal sogar Dutzende der schwach leuchtenden Sucherschirme, doch der Anblick von Cameron war etwas Besonderes.

     Nervös atmete sie tief durch und fasste sich ans Haar. Es berührte sie, wie eifrig Cameron seinen Sohn aufnahm, und daran änderten nicht einmal seine harschen Worte vom Vortag etwas.

     Obwohl es sicher nicht klug war, blieb sie während der ganzen Aufführung im Saal und beobachtete Cameron. Nur als Erik für sein Solo vortrat, lenkte sie ihren Blick wieder auf die Bühne.

     Auch seine Stimme bebte anfangs wie bei den anderen, doch mit jeder Textzeile wuchs sein Selbstvertrauen, bis er sein Lied zuletzt geradezu schmetterte. Als er sich schließlich mit den anderen Solisten verbeugte, jubelten die Zuschauer, die Kinder strahlten, und Faith taten die Hände vom Klatschen weh.

     Als die Vorstellung zu Ende war, wollte Faith sich schnell zurückziehen, bevor Erik sie entdeckte. Sobald jedoch sämtliche Lichter eingeschaltet wurden, strömten alle Eltern wie verabredet zu den Türen, und Faith wurde eingekeilt.

     Cameron entdeckte sie noch vor seinem Sohn. Er stockte zwar nicht und blieb auch nicht stehen, aber sogar aus einiger Entfernung spürte sie seinen intensiven Blick auf sich gerichtet. Ihr wurde warm, und sie schlang den Schal um den Hals, um die roten Wangen zu verdecken. Was dachte der Mann jetzt von ihr? Und warum war es ihr so wichtig, das zu wissen?

     Warum war sie eigentlich hier? Ging es ihr um Erik, um den Vater des Jungen, oder um beide? Spielte das überhaupt eine Rolle?

     Cameron blieb vor ihr stehen. In der einen Hand hielt er die Videokamera. Den Rucksack seines Sohnes hatte er sich über die Schulter gehängt. Ein leichter Bartschatten lag auf Wangen und Kinn, und Faith konnte sich nicht gegen das Ziehen und Sehnen wehren, das Besitz von ihr nahm, als sie ihn so stehen sah.

     „Ich dachte, Sie hätten zu tun“, sagte er und wich einer Frau mit einem Kinderwagen aus.

     „Das hatte ich auch, aber ich war rechtzeitig wieder hier.“ Unsicher strich sie sich mit der Zungenspitze über die Lippen und zog den Schal tiefer. „Erik hat seine Sache toll gemacht“, stellte sie fest.

     „Er braucht nur Publikum“, bestätigte Cameron.

     „In seinem Alter hätte ich einen solchen Auftritt niemals geschafft“, fuhr sie fort und vergrub die Finger in ihrem Schal. „Jetzt könnte ich es allerdings auch nicht.“

     „Seine Mutter mochte es ebenfalls, Publikum zu haben.“

     „Und Sie?“

     „Ich bevorzuge mehr die privaten Vorstellungen.“

     Beinahe hätte sie sich verschluckt und hüllte sich wieder schützend in den Schal. Ihre Fantasie ließ sich kaum zügeln und machte sich selbstständig. Private Vorstellung? Aus diesem Mann wurde sie einfach nicht schlau – und sie sollte es auch gar nicht erst versuchen.

     „Ich muss jetzt nach Hause. Sagen Sie Erik, dass er mir großartig gefallen hat.“

     „Sagen Sie es ihm doch selbst“, erwiderte Cameron und blickte an ihr vorbei.

     Faith drehte sich um, als Erik soeben mit den beiden kleinen Sängerinnen in den Saal kam.

     „Hey, Faith!“ Erik strahlte, zeigte sich jedoch gar nicht überrascht, dass sie hier war, als hätte er schon damit gerechnet. „Sie müssen mit Dad in unser Klassenzimmer kommen und sich anschauen, was wir gebastelt haben.“

     Faith warf Cameron einen Blick zu. „Ach, ich sollte jetzt wirklich gehen“, wandte sie ein, doch das Sprechen fiel ihr schwer, weil Cameron zart ihren Arm ergriff.

     „Geh voraus, wir kommen nach“, sagte er zu seinem Sohn.

     „Das ist die Frau, die dich gerettet hat?“, flüsterte eines der Mädchen Erik ins Ohr und musterte Faith neugierig.

     Das andere Mädchen sprach Faith direkt an. „Dürfen Sie das Gold behalten, das Sie gefunden haben?“

     „Das einzige Gold, das ich in der Mine gefunden habe, heißt Erik. Das Goldfieber hat nur andere Leute gepackt.“

     „Beeil dich, Dad“, drängte Erik, „sonst sind keine Kekse mehr da.“

     Cameron wollte in Richtung Klassenzimmer gehen, doch Faith zögerte. „Ich muss jetzt wirklich fort.“

     „Wohin denn?“

     Durch den Pullover hindurch fühlte sie den leichten Druck seiner Finger. Sie hatte die Wahl zwischen einem leeren Zuhause und einer Schule voller lebhafter Kinder – und beides löste Schmerz aus.

     „Faith?“

     Was sollte sie tun? Der Kuss dieses Mannes hatte ihr den Himmel versprochen und war sündige Versuchung pur gewesen. Doch dann hatte er sie von sich gestoßen, als ob er den größten Fehler seines Lebens gemacht hätte. Was wollte Cameron? Und was im Himmel wollte sie? Am liebsten hätte sie sich auf den Boden gesetzt und geweint. Nein. Tränen waren lange genug Teil ihres Lebens gewesen. Und die hatten ihr auch nicht geholfen.

     „Nun gut, aber nur kurz“, lenkte sie ein.

     Er nickte ernst. „Erik wird sich freuen.“

     „Und Sie?“, fragte Faith, ohne zu überlegen, und winkte ab. „Schon gut, darüber sprechen wir besser nicht“, wehrte sie ab und folgte Erik.

     Im Klassenzimmer hielten sich bereits zahlreiche Eltern und Verwandte auf. Erik schlängelte sich wie ein Fisch zwischen ihnen durch und packte Faith an der Hand. Sie brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, dass Cameron noch hinter ihr war. Sie spürte seine Nähe so intensiv, als würde er sie berühren.

     „Faith, das hier ist mein Platz. Schauen Sie nur“, drängte Erik und zog sie mit sich.

     Sie begleitete ihn, bewunderte seinen Tisch und bestaunte die Ordnung in seinen Sachen, als er stolz den Deckel des Tisches anhob.

     „Wir mussten heute im Unterricht unsere Pulte aufräumen“, gestand er grinsend. „Ich habe eine ganze Tüte voll Müll weggeschafft.“

     Cameron legte ihr die Hand in den Nacken, als er sich über sie beide beugte und sich ebenfalls das Pult ansah.

     War es eigentlich möglich, gleichzeitig zu Eis zu gefrieren und zu schmelzen? Eigentlich nicht, aber ihr wurde kalt und heiß. Sie hielt den Blick starr auf ein Wörterbuch gerichtet und tat, als wären Eriks ordentlich aufgereihte Stifte das Wichtigste auf der Welt.

     Zum Glück bat Eriks Lehrerin nun um Aufmerksamkeit.

     „Setzen Sie sich“, flüsterte Erik und drückte sie auf den kleinen Stuhl.

     Faith gehorchte nur zu gern, weil die Beine sie kaum noch trugen. Sobald Stille eingetreten war, begrüßte die Lehrerin – eine humorvolle Frau mittleren Alters – die Eltern und schilderte kurz die Arbeit der Schüler im vergangenen Schuljahr. Dann wies sie noch auf die verschiedenen Bastelarbeiten hin, die die Kinder ausgestellt hatten, und forderte die Anwesenden auf, Punsch zu trinken und Plätzchen zu essen.

     Erik lief sofort mit den anderen Kindern zu dem Buffet vor der Tafel. Bevor Faith wieder damit anfangen konnte, sie wolle nun aber wirklich gehen, kam er schon mit etlichen Plätzchen auf einer Serviette zurück, legte ihr alles in den Schoß und war gleich wieder weg.

     Faith konnte sich gut vorstellen, dass Cameron sich wünschte, seine geliebte Frau würde an ihrer Stelle hier sitzen. Sein Blick war jedoch liebevoll, ja fast zärtlich, als er sich einen Schokoladenkeks von ihrem Schoß nahm.

     „Essen Sie“, forderte er sie auf.

     „Erik scheint Kekse zu lieben, nicht?“, kommentierte sie lächelnd die Unmenge an Süßgebäck auf der Serviette.

     „Tun das nicht alle Siebenjährigen?“

     „Und alle erwachsenen Männer“, fügte sie hinzu, als Cameron sich den Keks genüsslich in den Mund schob.

     „Als Kind habe ich nie selbst gebackene Sachen bekommen.“ Er stellte Eriks Rucksack auf den Boden, legte die Videokamera aufs Pult und ging neben dem Stuhl in die Hocke, suchte sich einen weiteren Keks aus und griff danach. Dabei streifte seine Hand ihr Knie.

     Nur mit Mühe blieb sie still sitzen. „Warum nicht? Hat Ihre Mutter nie gebacken?“

     „Meine Mutter weiß vermutlich nicht einmal, wie man einen Herd einschaltet“, erwiderte er trocken. „Dabei könnte sie sich ja einen für teures Geld gepflegten Fingernagel abbrechen.“

     „Dann sind Ihre Eltern reich?“

     „Allerdings“, bestätigte er und schob sich einen Keks mit Zuckerguss in den Mund. Krümel fielen von seinen Fingern auf seinen Schenkel, der muskulös und hart wirkte und um den sich die dunkelgraue Hose spannte.

     Sofort konzentrierte Faith sich wieder auf die Serviette mit den Plätzchen in ihrem Schoß.

     „Natürlich gab es bei uns zu Hause Gebäck von den feinsten Konditoreien in Denver“, fuhr er fort und legte einen Arm auf ihre Stuhllehne.

     Seine Nähe raubte ihr den Atem. „Meine Eltern leben in Arizona.“ Etwas Schlaueres fiel ihr im Moment nicht ein.

     „Haben Sie ein enges Verhältnis zu ihnen?“

     „Ja, und ich finde das großartig.“ Ursprünglich hatte sie gedacht, mit Jess eine genauso enge und beständige Ehe einzugehen, wie ihre Eltern sie führten. Sie hatte sich getäuscht.

     „Und? Haben Sie außer dem Doc noch Geschwister?“

     „Zwei jüngere Schwestern.“ Faith griff blindlings nach einem Plätzchen und biss hinein. Haferflocken mit Rosinen. Typisch. Sie hasste Plätzchen mit Haferflocken und Rosinen. Das hatte sie nun davon, dass sie sich von Cameron irritieren ließ.

     „Wie lange waren Sie verheiratet?“

     „Sechs Jahre. Und Sie?“

     „Fünf. Lieben Sie ihn noch?“

     Der Keks landete auf dem grünen Teppichboden. „Das ist eine sehr persönliche Frage.“

     „Ja.“ Sein Kopf streifte fast ihren Schenkel, als er sich bückte, das Plätzchen aufhob und auf das Pult legte. „Und? Sind Sie noch in Ihren früheren Mann verliebt?“

     „Nein.“ Sie hatte Erik eine mexikanische Springbohne genannt, doch jetzt war sie diejenige, die vor lauter Nervosität kaum still sitzen konnte. „Und Sie?“

     „Ob ich in Ihren Exmann verliebt bin? Wohl kaum.“

     „Sehr witzig.“

     „Ja“, meinte er und betrachtete die Plätzchen.

     Faiths Nervosität wuchs. „Tut mir leid.“

     „Was denn?“

     „Ich weiß nicht“, stammelte sie.

     Langsam griff er nach dem nächsten Keks. „Das hat Laura sich immer gewünscht.“

     „Lebkuchen?“

     „Nein, ein normales Leben“, erklärte er mit einem wehmütigen Lächeln und ließ den Blick über die Leute im Klassenzimmer und die herumlaufenden Kinder wandern. „Darum wollte sie unbedingt hierherziehen. Sie malte sich schon im Vorhinein aus, wie Erik aufwachsen würde, wie unser Haus aussehen würde, wie wir zu dieser Kleinstadt gehören würden.“

     „Dann wäre sie sehr froh, dass Sie alles haben, was sie sich für Sie gewünscht hat“, erwiderte Faith und sah jede einzelne seiner dichten schwarzen Wimpern und die feinen Linien in den Augenwinkeln.

     „Ja. Nur leider ist es zu spät“, fügte er gepresst hinzu.

     Im letzten Moment ließ sie die Hand wieder sinken, mit der sie sein Haar berühren wollte. Das wäre völlig unangebracht und dumm gewesen. „Weil sie gestorben ist“, sagte sie leise.

     „Weil ich mit dem Leben, das sie sich immer gewünscht hat, erst nach ihrem Tod wirklich angefangen habe.“ Er stand auf. „Ich glaube kaum, dass Erik uns einen Punsch bringt. Ich komme gleich wieder.“

     Faith sah ihm nach, als er zum Buffet ging. Cameron war nicht der größte und auch nicht der kräftigste Mann im Raum, und doch fiel er sofort auf. Das lag an seiner Ausstrahlung, an etwas, das aus seiner tiefsten Seele kam. Und anstatt davon entmutigt zu sein, dass er seine Frau offensichtlich noch immer liebte, faszinierte er sie nur noch mehr.

     Um sich abzulenken, griff sie nach Eriks Tagebuch, das offen auf dem Pult lag, um gelesen zu werden. Eriks Handschrift war ziemlich schlampig, verbesserte sich aber von Seite zu Seite. Die wöchentlichen Eintragungen umfassten einen Zeitraum von drei Monaten.

     Am Ende schilderte er das Erlebnis im Minenschacht. Er hatte sogar ein recht gutes Bild gezeichnet, wie er mit dem Harnisch am Seil hing und Faith ihn hochzog.

     „Das Zeichentalent hat er von seiner Mom.“

     Sie hatte Camerons Nähe schon gespürt, bevor er sie ansprach. Vorsichtig, um seine Finger nicht zu berühren, griff sie nach dem Plastikbecher mit rotem Punsch, den er ihr reichte, und kostete. „Zeichnen Sie nicht?“

     „Strichmännchen“, entgegnete er trocken. „Dazu kommen mathematische Figuren. Mehr kann ich nicht.“

     „Und Sport.“

     „Ja“, bestätigte er und nahm einen Schluck. „Ich glaube, Erik löst sich heute nicht mehr vom Buffet. Für gewöhnlich bekommt auch er keine selbst gebackenen Plätzchen.“

     „Dann sollte ich vielleicht meine Kuchenbleche wieder einsetzen.“

     „Sie backen?“

     „Mein Leben besteht nicht nur aus der Arbeit im SAR-Team“, versicherte sie.

     „Ja.“ Er stockte kurz. „Ich … muss mich für gestern entschuldigen.“

     Wenigstens entschuldigte er sich nicht für den Kuss. Das hätte sie wahrscheinlich nicht verkraftet. „Wir beide haben Dinge gesagt, die besser ungesagt geblieben wären“, baute sie ihm eine Brücke.

     „Nein. Was ich sagte, war schlicht und einfach falsch. In Wahrheit würden Sie eine großartige Mutter abgeben“, erklärte er und sah sich erneut um. „In diesem Raum sind mindestens zehn Personen, die sich für ihr eigenes Kind weniger interessieren als Sie sich für Erik. Diese Leute wären jetzt gerade lieber ganz woanders.“

     Faith war froh, dass er im Moment nicht auf sie achtete. Sie leerte ihren Becher in einem Zug, deponierte ihn zusammen mit der Serviette und den restlichen Plätzchen auf dem Pult und stand auf. „Schulveranstaltungen sind eben nicht jedermanns Sache.“

     „Das galt auch für meine Eltern“, bemerkte er lässig. „Sie haben sich nur gezeigt, wenn sie mich am Ende eines Schuljahrs aus dem Internat abholten.“

     Faith schlang den Schal wieder um den Hals und griff nach ihrer Jacke. Internat? Das klang nicht gerade nach einer glücklichen Familie.

     „Ich muss jetzt wirklich los“, sagte sie. „Ich verabschiede mich noch schnell von Erik – falls ich ihn für einen Moment von seinen Freundinnen ablenken kann.“

     „Freundinnen?“, fragte Cameron und drehte sich hastig um.

     Wäre Faith nicht völlig durcheinander gewesen, hätte sie sich über seine Verblüffung amüsiert. „Es handelt sich um ‘Winter’ und ‘Frühling’. Die beiden Mädchen lassen ihn nicht mehr aus den Augen, seit wir das Klassenzimmer betreten haben.“

     Sie bahnte sich einen Weg zum Buffet und sagte Erik Bescheid, dass sie weg musste.

     „Können wir bald wieder Schlitten fahren?“, fragte er.

     „Mal sehen. Ich habe in nächster Zeit leider viel zu tun“, erwiderte sie wahrheitsgemäß. Der Junge hatte Schokolade am Kinn, und eine Strähne fiel ihm in die Stirn. Der Verstand sagte ihr, dass sie sich besser von beiden Stevensons fernhalten sollte, doch ihr Herz … „Ich sehe zu, was sich machen lässt, einverstanden?“, sagte sie, ging vor Erik in die Hocke und strich über sein Haar.

     „Cool.“ Er lächelte, und obwohl seine Klassenkameraden in der Nähe standen, umarmte er sie kurz, aber fest.

     In diesem Moment stahl er ihr das Herz.

     Faith stand auf, drehte sich um und blickte direkt in Camerons dunkle Augen. Er betrachtete sie so durchdringend, dass sie den Kopf senkte.

     „Ich begleite Sie noch zu Ihrem Wagen“, sagte er. „Erik, du bleibst hier, bis ich zurückkomme.“

     Erik war überrascht, nickte jedoch. „Wiedersehen, Faith.“

     Sie lächelte ihm zu, obwohl sie ihn am liebsten an sich gedrückt hätte. „Wiedersehen, Juan.“

     „Wieso nennt sie dich Juan?“, fragte der ‘Frühling’, während Faith und Cameron zur Tür gingen.

     Am Ausgang der Schule blieb Faith stehen, um die Jacke anzuziehen. Cameron nahm sie ihr ab und half ihr hinein, schob ihr die Hände auf die Schultern und drehte sie zu sich herum. Seine Finger berührten ihr Gesicht, als er die Knöpfe schloss.

     „Faith, warten Sie!“ Erik jagte durch den Korridor zu ihnen.

     „Ich habe dir doch gesagt, dass du im Klassenzimmer warten sollst, Erik.“

     „Weiß ich, Dad, aber ich habe das hier vergessen. Das habe ich für Sie gemacht“, erklärte er und drückte Faith ein großes Blatt in die Hand. „Ich musste es erst vom Schwarzen Brett holen.“

     Faith griff nach dem Blatt und drehte es um. Es war ein mit Wasserfarben gemaltes Bild, auf dem das Gebäude der Feuerwehr deutlich zu erkennen war.

     „Das sind Sie.“ Erik zeigte auf eine leicht verwischte Gestalt, die vor dem Gebäude auf einem Schneemobil saß.

     Jetzt konnte sie sich nicht mehr zurückhalten. Sie beugte sich zu ihm hinunter und küsste ihn auf die Stirn. „Danke. Das hänge ich daheim gleich auf.“

     Er lachte und jagte zurück in sein Klassenzimmer.

     „Ja“, sagte Cameron leise und legte ihr die Hand auf den Rücken. „Sie werden eine großartige Mutter abgeben.“

     Kalte Luft schlug ihr entgegen, als er die schwere Tür aufdrückte. „Ich habe nicht vor, Kinder zu bekommen“, gestand sie und drückte das Bild an sich.

     Cameron hielt mühelos mit ihr Schritt, als sie rasch den Bürgersteig entlanggingen. Bei ihrem Wagen angekommen, lachte er leise. „Für diese Art zu parken könnten Sie leicht einen Strafzettel bekommen.“

     „Ich bin nur mit zwei Rädern auf den Bürgersteig gefahren und habe den Rasen unter dem Schnee nicht beschädigt“, verteidigte sie sich. „Und außer Bobby Romano würde mir niemand noch einen Strafzettel verpassen.“

     „Noch einen Strafzettel? Was für eine hemmungslose Frau“, stellte er fest und öffnete die Fahrertür. „Sie haben nicht abgeschlossen“, stellte er erstaunt fest.

     „Wozu?“ Bisher war sie nie ‘hemmungslos’ genannt worden, doch es gefiel ihr. „Thunder Canyon führt nicht gerade die Kriminalstatistik im Land an.“

     Cameron beugte sich zu ihr, nachdem sie eingestiegen war. „Trotzdem wäre es sicherer, den Wagen abzuschließen. Für Sie.“

     „Ich denke, ich bin sicher genug.“

     Der Lichtschein der Straßenlampe fiel auf sein dunkles Haar. Er war Faith so nahe, dass sie die von ihm ausstrahlende Wärme spürte. Sein Mantel war offen, und sie hätte nur die Hand heben müssen, um über das graue Hemd zu streichen, das sich über seiner Brust spannte.

     Sie legte die Hand ans Lenkrad und hielt sich daran fest. Das war vernünftiger, als Cameron zu berühren. Vielleicht war es ganz gut, dass er seine Frau noch immer liebte. Dadurch geriet sie selbst nicht in Gefahr, von ihm verletzt zu werden. Einmal das Herz gebrochen zu bekommen, reichte, fand sie.

     Cameron beugte sich weiter zu ihr. Seine Lippen waren nur noch wenige Zentimeter von ihren entfernt.

     Ein Auto fuhr vorbei. Jemand hupte. „Hey, Trainer! Viel Glück am Freitag!“

     Cameron richtete sich abrupt auf und winkte. „Parken auf dem Rasen“, sagte er kopfschüttelnd. „Unglaublich.“

     Zu ihrem eigenen Erstaunen fand sie das Zündschloss schon beim ersten Versuch, obwohl ihre Hand bebte. „Ich konnte das Auto ja schlecht in der Schulaula parken.“

     Cameron lächelte und trat ein Stück zurück. „Fahren Sie vorsichtig.“

     „Tue ich immer.“

     „Ich meine es ernst, Faith“, versicherte er. „Seien Sie vorsichtig.“

     „Ich werde vorsichtig sein, Cameron“, erwiderte sie.

     Er nickte und schloss die Tür, und sie sah ihn im Rückspiegel, während sie losfuhr. Und er stand auch noch da, als sie um die nächste Ecke bog.

 

„Wir haben gestern Abend vergessen, Ihnen den Tennisschläger zurückzugeben.“

     Faith drückte den Hörer fester ans Ohr und ließ den Bericht für Jim fallen, an dem sie soeben gearbeitet hatte. Mit Cameron hatte sie nicht gerechnet, als das Telefon auf ihrem Schreibtisch klingelte.

     „Ich wollte gerade eine Suchmeldung nach einem vermissten Schläger aufgeben“, entgegnete sie locker.

     „Ich schulde Ihnen noch ein Abendessen.“

     „Sie schulden mir gar nichts.“

     „Im Hitching Post sind Sie nicht zum Essen gekommen. Heute Abend grille ich Steaks, falls Sie interessiert sind.“

     Sie war sogar sehr interessiert. Das war ja das Problem.

     „Außerdem hat Erik mit seinem Schlitten geübt und möchte Ihnen einen Trick zeigen.“

     Sie fasste sich an die Stirn. Was tun? Es war gerade Schichtwechsel, und auf der Wache herrschte ziemlicher Trubel. „Ich habe heute Abend Bereitschaft und möchte Erik nicht enttäuschen, falls ich zu einem Einsatz gerufen werde.“

     „Dann könnte er allerdings morgen damit in der Schule angeben.“

     Durchs Telefon hörte sie die Schulklingel. Cameron telefonierte offensichtlich vom Lehrerraum aus. „Cameron …“

     „Erik ist nicht der Einzige, der Sie gern sehen würde.“

     Das verschlug ihr den Atem.

     „Sind Sie noch da?“

     „Ja“, antwortete sie gepresst. „Also gut, ich … soll ich etwas mitbringen?“

     „Nur sich selbst. Sagen wir um sieben“, schlug er vor.

     „In Ordnung.“ Mit dem Hörer in der Hand blieb sie sitzen, nachdem er aufgelegt hatte.

     „So ein Telefon funktioniert besser, wenn man hineinspricht, Blondie.“ Derek war neben ihrem Schreibtisch stehen geblieben und stellte einen Pappteller vor sie hin. „Kuchen.“

     Endlich legte sie auf und schob den Teller von ihren Papieren. „Danke.“

     „Tanya hat recht“, stellte Derek fest. „Mit dir stimmt was nicht.“

     „Mit mir ist alles in Ordnung.“

     Er deutete auf den Pappteller. „Das ist Schokoladenkuchen, und du stürzt dich nicht sofort darauf? Da stimmt eindeutig was nicht. Willst du es Onkel Derek nicht verraten?“

     „Unsinn“, wehrte sie ab.

     „Hat es vielleicht was mit dem Trainer zu tun?“

     „Nein“, behauptete sie und wurde rot.

     „Obwohl er dich gestern Abend vor der Grundschule geküsst hat?“

     „Woher … hat er nicht!“ Cameron hatte sie nicht geküsst, weil ein Wagen vorbeigefahren war.

     Derek lachte wissend.

     Faith griff nach den Papieren und ordnete sie. „Er ist nur dankbar, weil ich seinen Sohn aus dem Schacht gerettet habe.“

     „Meinetwegen kannst du dir selbst das einreden, Blondie, aber iss den Kuchen, bevor sich herumspricht, dass ich nicht allen welchen mitgebracht habe. Du müsstest sonst vielleicht um dein Stück kämpfen.“

     Blitzartig ließ sie den Teller in der Schreibtischschublade verschwinden. „Niemand geht an meine Schokolade!“

 

An diesem Nachmittag kam Faith nicht dazu, den Kuchen zu essen, und sie schaffte es auch nicht zum Abendessen bei Cameron. Kurz nach Mittag wurde das gesamte Team alarmiert, weil bei Bozeman ein dreijähriges Mädchen vermisst wurde.

     Erst nach Mitternacht traf Faith todmüde daheim ein, wo sie nur von dem blinkenden roten Licht des Anrufbeantworters begrüßt wurde. Auf dem Weg in die Küche schaltete sie das Gerät ein.

     Ihre Mutter schilderte das herrliche Wetter in Arizona und wollte wissen, wann Faith denn endlich Urlaub bei ihren Eltern machen würde.

     Faith öffnete den Kühlschrank und musterte den Inhalt. Nichts, worauf sie Lust hatte. Und Dereks Schokoladenkuchen lag noch in der Feuerwache. Seufzend schloss sie die Tür und lehnte sich dagegen.

     Die zweite Nachricht kam von ihrem Bruder, der fragte, ob sie im Lauf der Woche mit ihm zu Mittag essen wollte.

     Der dritte Anruf war von Cameron.

     Sie stieß sich vom Kühlschrank ab, ließ den Anrufbeantworter zurücklaufen und schaltete ihn erneut ein.

     „Faith, hier Cameron. Ich habe im Radio von dem vermissten Mädchen gehört. Wahrscheinlich sind Sie schon unterwegs und auf der Suche nach ihr. Viel Glück! Wir werden unser Essen eben verschieben.“

     Sie verschränkte die Arme und widerstand der Versuchung, sich seine Stimme noch einmal anzuhören.

     Es kam noch eine Nachricht.

     „Faith, hier Cam. Es ist jetzt nach elf. Ich habe soeben die Nachrichten gesehen. Rufen Sie mich an, wenn Sie heimkommen, egal wie spät es ist. Rufen Sie mich an.“ Danach nannte er noch die Nummer. Das Gerät schaltete sich aus.

     Faith ließ die Arme hängen und war nahe daran, die Nummer zu wählen. Doch irgendwas hinderte sie daran, war es Feigheit oder Vernunft? Stattdessen ging sie ins Schlafzimmer und tauschte die Uniform gegen ihren bequemen Hausmantel, löste den Pferdeschwanz und rieb sich über den Kopf.

     Das Telefon klingelte, und sie wusste instinktiv, wer das war. Langsam setzte sie sich aufs Bett und hob ab. „Hallo.“

     „Sie haben nicht angerufen“, sagte Cameron leise mit seiner tiefen Stimme.

     „Ich bin erst vor wenigen Minuten heimgekommen, tut mir leid. Ich hatte keine Möglichkeit, mich wegen des Abendessens zu melden. Wir hatten wahnsinnig zu tun.“

     „Alles in Ordnung?“

     Sie zog ein Kopfkissen auf den Schoß. „Es war … hart“, gestand sie. „Sie haben die Nachrichten gesehen?“

     „Ja.“

     Also wusste er, dass sie das Mädchen zu spät gefunden hatten. Drei Jahre unbeschwerte Kindheit ausgelöscht durch die Bösartigkeit eines Mannes.

     „Hatten Sie schon früher mit solchen Fällen zu tun?“

     „In denen ein Kind von seinem Entführer getötet wurde? Nein. FBI und Polizei wurden eingeschaltet. Es war schrecklich. Wir haben die Leiche unter einem Busch in der Nähe einer Raststätte am Highway gefunden.“

     „Und wo waren Sie?“

     Faith schloss die Augen. „Auf der anderen Seite des Highways. Nathan, das ist der Jüngste in unserem Team, hat die Kleine entdeckt. Er ist sehr mitgenommen.“

     „Du lieber Himmel …“

     Nur zu gern hätte sie den Anblick aus ihrem Gedächtnis gelöscht. „Tut mir leid, dass ich wegen des Essens nicht angerufen habe.“

     „Ich bitte Sie, Faith! Glauben Sie denn, das wäre mir wichtig?“

     „Für Jess war es das.“

     „Ihr Exmann? Er war doch bei der Feuerwehr, oder? Zumindest hat man mir das gesagt. Da sollte man doch meinen, dass einer erkennt, was wichtig ist.“

     Faith seufzte. „Seiner Meinung nach musste ich mich nicht auch noch um Menschen kümmern, wenn er das schon tat.“

     „Soll ich zu Ihnen kommen?“

     „Warum?“ Sie brachte das Wort kaum über die Lippen.

     „Weil es heute schwer für Sie war und Sie jetzt nicht allein sein sollten.“

     „Sie können Erik nicht allein daheim lassen“, wandte sie ein und rieb sich die Augen. „Schon gar nicht so spät.“

     „Dann rufen Sie jemanden an. Ihren Bruder oder Ihre Freundin mit dem Sportgeschäft. Tanya, nicht wahr?“

     Es rührte sie, dass er sich an diese Einzelheiten erinnerte. „Chris hat bestimmt Dienst, und wenn nicht, muss er sich ausschlafen. Und Tanya ist noch immer mit ihrem Sohn Toby beschäftigt. Er hat die Grippe.“ Sie sah den armen Kleinen vor sich. „Vielen Dank für Ihre Fürsorge, Cameron, es geht schon. Ich bin nicht zerbrechlich.“

     „Nein, nur menschlich“, entgegnete er ruhig. „Und das hat jetzt nichts mit Ihrer Fähigkeit und Ihrer Tüchtigkeit zu tun … obwohl beides einige Leute ganz schön einschüchtern könnte.“

     „Aber Sie nicht?“ Erst jetzt merkte sie, dass sie zitterte. „Schon gut, so habe ich das nicht gemeint.“

     „Sie lösen bei mir so einige Gefühle aus, Faith, aber Sie schüchtern mich nicht ein.“

     Ihre Augen brannten höllisch. „Cameron, ich werde jetzt duschen und danach schlafen gehen. Das sollten Sie auch machen. Sie haben morgen Unterricht. Heute“, verbesserte sie sich nach einem Blick auf die Uhr.

     „Faith …“

     „Ich bin in Ordnung“, fiel sie ihm rasch ins Wort. „Gute Nacht, Cameron.“

     Danach legte sie sofort auf und blieb auf dem Bett sitzen, aber er rief nicht wieder an.

     Endlich duschte sie, doch auch dadurch wurde sie die innere Kälte nicht los. In einem alten Trainingsanzug und dem dicken Hausmantel ging sie ins Wohnzimmer und schaltete den Fernseher ein. Es gab nur die Wahl zwischen einer Dauerwerbesendung für Haarwuchsmittel und den Nachrichten.

     Da sie den Schrecken des Abends nicht auch noch im Fernsehen sehen wollte, entschied sie sich für die Werbesendung. Alles war besser als Stille.

     In der Küche goss sie Milch in einen Topf, vermischte Kakao mit Zucker, etwas Salz und Vanille, wie ihre Mom das stets gemacht hatte. Eine heiße Schokolade würde ihre Nerven sicher beruhigen. Außerdem brauchte sie dringend ein Aspirin. Im Wagen musste noch eine Packung liegen.

     Sie schaltete den Herd herunter, zog die Stiefel an, ging zum Wagen und fand die Tabletten. Als sie sich umdrehte, um wieder zum Haus zu gehen, stand Cameron vor ihr.

     Litt sie jetzt an Halluzinationen? Nein. Denn Menschen, die man sich nur einbildete, hielten einen nicht mit kräftigen Händen fest.

     „Was machen Sie hier draußen?“, fragte er rau.

     Sie zeigte ihm die Tabletten.

     „Rein mit Ihnen“, entschied er und legte ihr den Arm um die Schultern. „Sie haben nicht einmal einen Mantel angezogen.“

     Er schob sie förmlich zur Haustür. Drinnen legte er den Tennisschläger, den er in der einen Hand gehalten hatte, auf das Tischchen neben der Tür und hängte seinen Mantel an den Kleiderständer.

     „Wonach riecht es hier?“

     Sie folgte ihm, als er zielstrebig in die Küche ging und den Topf gerade noch rechtzeitig von der Platte zog, bevor die Milch überkochte.

     „Wieso sind Sie hier? Wo ist Erik?“

     Er öffnete die Schränke, bis er ein Glas fand, füllte es mit Wasser und reichte es ihr. Nachdem sie zwei Aspirin geschluckt hatte, stellte er das Glas in die Spüle.

     „Erik schläft daheim in seinem Bett“, erklärte er. „Todd Gilmore ist zu uns gekommen und bleibt über Nacht da.“

     „Todd Gilmore? Ihr Schüler?“

     „Ja. Er passt ab und zu auf Erik auf.“

     „Mitten in der Nacht?“

     „Normalerweise nicht, aber Gilmore ist eine Nachteule. Er brüstet sich auch noch damit, wenn er in der zweiten Stunde in meinem Matheunterricht einschläft. Ich war sicher, dass er wach sein würde, als ich ihn anrief, und er war es. Außerdem wohnt er gleich nebenan.“

     Unter seinem unverwandten Blick wurde ihr allmählich warm. „Weiß er, dass Sie zu mir wollten?“

     „Ja.“

     „Großartig.“ Schon jetzt konnte sie sich das Gerede vorstellen. „Ich sagte Ihnen doch, dass ich in Ordnung bin, Cameron. Ich brauche dieses … dieses Bemuttern nicht.“

     Er stand ein Stück von ihr entfernt vor dem Herd und sah sie fragend an. „Was brauchen Sie dann?“

     Stumm erwiderte sie seinen Blick. In ihr tobte ein solcher Aufruhr, dass sie kein Wort sagen konnte.

     Mit zwei langen Schritten war er bei ihr, zog sie an sich und drückte ihren Kopf an seine Brust.

     Faith erschauerte. Diese Wärme, diese Kraft und vor allem dieser Trost waren fast zu viel für sie. „Cameron“, murmelte sie und wusste nicht, was sie sonst sagen sollte.

     Er hielt sie bloß fest.

     Eine Träne lief ihr über die Wange, als er ihr langsam durchs Haar strich.

     „Ich weiß nicht einmal, ob sie den Kerl erwischt haben“, flüsterte sie.

     „Doch, haben sie. Es kam gerade in den Nachrichten.“ Cameron drückte die Lippen auf ihr Haar und ihre Stirn, hob ihren Kopf an und strich mit dem Daumen über ihre feuchte Wange, zog sie wieder an seine Brust und wiegte sie sachte. „Was haben Sie da nur für einen Job? Wie sind Sie überhaupt zur SAR gekommen?“

     „Durch Jess“, erwiderte sie, hielt sich an seinen muskulösen Armen fest und genoss die Wärme seines Körpers. „Eigentlich wollte ich Grundschullehrerin werden.“

     „Und dann?“

     Es war himmlisch, wie er sanft ihren Nacken massierte. „Jess war damals bereits bei der Feuerwehr. Wir waren mit seinen Kollegen picknicken, als sich genau in der Gegend ein Kind verirrte. Ich bekam den Einsatz des SAR-Teams unmittelbar mit. Es war spannend und herausfordernd. Und da ich gerne im Freien bin, kam ich auf die Idee, mich selbst bei SAR zu bewerben.“

     „Wurde das Kind gefunden?“

     Sie nickte. „Gesund und munter, wenn auch mit einem Sonnenbrand.“

     „Waren Sie damals schon mit Jess verheiratet?“

     „Ja. Ein halbes Jahr.“ Camerons Hände fühlten sich herrlich an – ein Grund weniger für sie, über ihre Ehe zu sprechen. Darum hob sie den Kopf an, und Cameron legte ihr die Hände auf die Schultern, an denen er prompt verspannte Muskeln fand. Lächelnd schloss sie die Augen. „Sie könnten eine zweite Karriere starten“, sagte sie gedämpft. „Cameron Stevenson, Meistermasseur.“

     „Eine dritte Karriere.“

     „Eine dritte?“ Sie ließ den Kopf wieder an seine Brust sinken. „Ach ja, stimmt, ich habe gehört, dass Sie in Denver nicht als Lehrer arbeiteten.“

     „Ja. Ich habe damals dafür gesorgt, dass reiche Leute noch reicher werden.“ Seine Hände glitten unter den Hausmantel und streiften ihn von den Schultern. Der Gürtel hielt ihn um ihre Taille fest. Cameron schob die Finger unter den Stoff ihres Sweatshirts auf ihre nackten Schultern.

     „Und sind Sie auch reicher geworden?“, fragte sie und hielt sich an den Gürtelschlaufen seiner Jeans fest.

     „Ja.“

     Der Gürtel des Hausmantels versagte schließlich den Dienst, und das alte Kleidungsstück fiel zu Boden. Camerons Finger wanderten über ihr Rückgrat zu den verspannten Muskeln im Kreuz. Was hatte sie noch sagen wollen? „Also sind Sie nicht Lehrer geworden, um zu Geld zu kommen.“

     „Das wäre der denkbar schlechteste Job dafür“, erwiderte er lachend.

     Jetzt war ihr nicht mehr kalt, ganz im Gegenteil, sie glaubte zu schmelzen. „Ah, fühlt sich das gut an … ja … Sie wollten also reiche Leute nicht mehr noch reicher machen. Warum denn nicht?“

     Er stockte für einen Moment, massierte dann aber weiter. „Die Liste meiner Klienten war endlos. Sie waren über sämtliche Staaten verteilt. Ich war mehr unterwegs als daheim. Und nach … nach Lauras Tod konnte ich so nicht weitermachen. Ich musste etwas verändern und wurde Lehrer.“

     „Wie ist sie gestorben?“, fragte Faith und schob die Hände an seinem muskulösen Oberkörper höher.

     Als sie schon dachte, er würde nicht antworten, drückte er kurz die Lippen auf ihre Schulter. „Autounfall. Ihr Wagen geriet durch Aquaplaning ins Schleudern und prallte gegen einen Baum.“

     Faith legte ihm die Hände auf den Rücken.

     „Sie wollte nicht, dass ich fliege, weil sie immer Angst hatte, mir könnte etwas passieren. Und dann war sie es …“ Er verstummte für einen Moment. „Es passierte ungefähr siebzig Kilometer von Thunder Canyon entfernt. Erik war bei ihr.“

     „Um Gottes Willen!“, stieß Faith hervor.

     „Er war im Kindersitz festgeschnallt. Darauf hat Laura stets geachtet.“

     Und seither hatte er Angst, auch seinen Sohn zu verlieren. Kein Wunder, dass er dem Jungen so viel verbot.

     „Ich habe Laura zu Lebzeiten nicht gegeben, was sie haben wollte“, sagte er rau und ließ die Arme sinken. „Darum mache ich es jetzt. Ich führe das Leben, das sie sich gewünscht hat.“

     „Und was wünschst du dir von deinem Leben?“ Unmerklich war sie zum ‘Du’ übergewechselt.

     Er wich bis an die Küchentheke zurück. „Es spielt keine Rolle, was ich will. Es geht jetzt nur noch darum, dass ich Laura gebe, was sie immer wollte.“

     „Und ich gehöre nicht dazu“, flüsterte sie kaum hörbar.

     „Hör auf“, verlangte er heftig.

     Es dauerte eine Weile, ehe sie die nächste Frage wagte. „Warst du … warst du seit dem Tod deiner Frau mit einer anderen zusammen?“

     Er umklammerte die Kante der Theke so hart, dass sich die Knöchel weiß abhoben.

     Faith machte sofort einen Rückzieher. „Tut mir leid, das geht mich nichts an.“ Gerade sie sollte wissen, dass manche Themen tabu waren.

     „Wenn nicht dich, wen sonst?“, entgegnete er leise.

     „Cam, ich weiß nicht, was du von mir willst“, gestand sie und zog das Sweatshirt wieder über die Schultern. Bestimmt sah sie fürchterlich aus, obwohl Camerons Blick eigentlich das Gegenteil andeutete. Das verwirrte sie allerdings nur noch mehr. „Warum bist du hier?“

     „Ich wollte wissen, ob alles in Ordnung mit dir ist“, antwortete er. „Nein, ich muss es wissen.“

     „Warum?“

     „Keine Ahnung.“

     „Ich … ich bin müde.“ Unbeschreiblich müde. Langsam bückte sie sich, hob den Hausmantel auf und legte ihn sich um die Schultern. „Ich gehe jetzt ins Bett. Ich bin müde, aber sonst geht es mir gut. Schließ bitte die Tür hinter dir.“

 

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