Du hast mein Herz gerettet! - 9. Kapitel

9. KAPITEL

 Faith erwachte im grauen Licht der Morgendämmerung und spürte Cams warmen Körper neben sich. Sie drehte sich zu ihm, strich ihm das Haar aus der Stirn und flüsterte: „Hi.“

     „Ich habe dich im Schlaf beobachtet“, erwiderte er und streichelte verführerisch ihren Arm.

     „Cameron …“

     „Ssst“, hauchte er und drückte ihre Hand.

     Schweren Herzens wandte sie sich ihm zu und schob das Bein über seine Schenkel. „Wir hätten das nicht tun sollen“, flüsterte sie.

     „Schon jetzt Reue?“

     Bereute sie, mit ihm zusammen zu sein? „Nein.“

     Seine Finger wanderten über ihren Arm. „Deine Haut ist unbeschreiblich weich“, sagte er leise mit seiner tiefen Stimme. „Hier … und hier.“ Seine Hand wanderte über ihre Schulter und ihren Hals.

     Die Brustspitzen richteten sich auf, während er sich zu ihrem Nabel vortastete und Faith zu sich heranzog.

     „Daran könnte ich mich gewöhnen“, flüsterte er und fächerte ihr Haar auf dem Kopfkissen aus. „Nicht nur an dich in meinem Bett, sondern auch in meinem Leben.“

     Sekundenlang stockte ihr der Atem. Dann stemmte sie sich hoch und lehnte sich gegen das Kopfteil. „Cam …“

     „Nein, hör mir zu“, bat er und griff nach ihren Händen. „Ich hätte nie gedacht, dass ich das zu einer anderen Frau sagen könnte, aber du …“

     „Du brauchst gar nichts zu sagen“, unterbrach sie ihn nervös. „Ich hatte keinen Sex seit der Scheidung, und du hattest keinen seit Lauras Tod.“

     „Ich hatte eine Menge Sex“, widersprach er tonlos.

     „Aber ich dachte …“

     „Ich habe Gefühle gemeint, nicht nur sexuelle Befriedigung. Ging es dir letzte Nacht nur darum? Um Befriedigung?“

     Bei dem harten Klang seiner Stimme zuckte sie zusammen. „Nein“, versicherte sie und fand nicht die richtigen Worte. „Du weißt doch, dass du mir etwas bedeutest“, fuhr sie voll Panik fort. „Du musst es wissen. Das hier … das ist nicht typisch für mich.“

     „Nun“, sagte er sanfter und hielt ihre Hände fest, „dann sollten wir es vielleicht typisch für dich machen – du und ich, wir beide zusammen. Faith, bisher konnte ich mir eine Zukunft mit einer anderen Frau nicht vorstellen oder gar an Heirat und noch mehr Kinder denken.“

     Ihr wurde schwindelig, so heftig rang sie nach Atem. Außer seinem Gesicht verschwamm alles um sie herum. „Nein, nein, das ist nicht …“, keuchte sie. „Du … du reagierst einfach …“

     „Lieber Himmel!“, rief er nun. „Du bekommst keine Luft mehr!“

     Mit einem Satz war er vom Bett, kam mit einer kleinen Papiertüte zurück und hielt sie ihr vor den Mund. „Atmen“, verlangte er und strich ihr über den Rücken.

     Tränen stiegen ihr in die Augen, als sie die Tüte auf den Mund drückte und hineinatmete.

     „So ist es gut. Ganz langsam und ruhig.“

     Das Schwindelgefühl ließ nach. Jetzt war sie nur noch erschöpft.

     „Gut so. Entspann dich.“

     Langsam hob sie den Kopf und sah sich um, betrachtete Cam, das zerwühlte Bett, das er wahrscheinlich auch mit seiner Frau geteilt hatte, die Fotos auf der Kommode. Sie fühlte sich plötzlich unendlich traurig.

     Er war ein Familienmensch. Sie hatte es gewusst und sich trotzdem nicht von ihm ferngehalten. Kopfschüttelnd strich sie ihm über die Wange. „Ich kann das nicht, Cam.“

     „Warum nicht?“, fragte er rau und hielt ihre Hand fest.

     Was war sie doch dumm gewesen! Sie sollte Menschen helfen, doch jetzt verursachte sie nichts als Schmerz – ihr und ihm. Doch besser jetzt als später.

     „Ich … ich bin nicht für … Beziehungen geschaffen.“

     „Das ist Unsinn“, wehrte er schroff ab.

     Ruckartig zog sie die Hand zurück. „Ich muss dich nicht überzeugen.“ Hätte sie sich doch bloß selbst überzeugen können.

     Blindlings glitt sie vom Bett und suchte ihre Kleidung, die jedoch noch bei der Eingangstür lag. In ein Laken gehüllt, eilte sie in die Diele.

     „Faith, tu das nicht!“

     Sie durfte sich nicht umdrehen, sonst wäre sie schwach geworden und wäre auf alles eingegangen, nur um bei ihm zu sein.

     Sie musste einen Schritt nach dem anderen machen, erst die Jeans anziehen, dann den Pullover. Doch sie beging den Fehler und drehte sich um.

     Cam stand da, die Augen zu schmalen Schlitzen zusammengezogen, die Arme vor der breiten Brust verschränkt. Er hatte die Jeans angezogen, aber nicht ganz geschlossen.

     Faith griff nach ihrer Handtasche, versuchte, in die Stiefel zu schlüpfen, gab es auf und drückte sie an die Brust, riss die Tür auf und stürmte in die Kälte hinaus, als wäre der Teufel hinter ihr her.

     Der Teufel? Nein, es war ein Mann, ein anständiger guter Familienmensch, der ihr das Herz brechen konnte. Denn wäre sie geblieben und wäre dann der Tag gekommen, an dem er Kinder … Nein, das hätte sie nicht überlebt.

     Das Pflaster unter ihren Füßen war eisig. Hastig stieg sie in den Wagen. Zwei Mal fielen ihr die Schlüssel aus der Hand, ehe sie das Zündschloss fand.

     Der Motor sprang an, heulte auf. Faith blickte zum Haus.

     Cam stand auf der Veranda.

     Faith rang schluchzend nach Atem. Tränen ließen sein Bild verschwimmen. Sie gab Gas. Der Wagen jagte los.

     Es war früher Sonntagmorgen. Die Straßen waren leer. Nur deshalb schaffte sie es so schnell zu ihrer Wohnung.

     Drinnen klingelte das Telefon. Es verstummte, der Anrufbeantworter schaltete sich ein. Cams Stimme erklang.

     „Ich habe keine Ahnung, was los ist, aber melde dich, wenn du sicher angekommen bist. Falls nicht, komme ich zu dir, obwohl du klar gezeigt hast, dass du mich nicht sehen willst.“ Zornig, gepresst, verletzt.

     Faith hob ab. „Ich bin daheim.“

     „Gut.“ Dann legte er auf.

     Mit dem Hörer in der Hand sank sie zu Boden und lehnte sich an die Wand.

     Irgendwann legte auch sie auf, ließ sich auf die Seite sinken und weinte.

 

Cameron starrte auf das Telefon auf seinem Schreibtisch. Am liebsten hätte er Faith angerufen und förmlich gebettelt, damit sie wieder zu ihm kam.

     Er stand so heftig auf, dass der Stuhl nach hinten kippte und hart gegen die Wand prallte. Das Ölgemälde, das Laura im ersten Ehejahr gekauft hatte, fiel von der Wand und landete flach auf dem Fußboden.

     Cameron biss die Zähne zusammen. Er hatte das Bild mit den fahrigen Strichen und den grellen Farben nie gemocht, doch Laura hatte es geliebt.

     Und er hatte sie geliebt.

     Langsam ging er hin und lehnte das Bild an die Wand.

     Er hatte Laura geliebt, und dieses Leben in Thunder Canyon hätte sie glücklich gemacht. Doch das war Vergangenheit.

     Laura war tot, und er begann endlich wieder zu leben.

     Doch die Frau, die ihn ins Land der Lebenden zurückgeholt hatte, erlitt schon einen Anfall, wenn er ihr nur eine Beziehung vorschlug.

     Er ließ das Bild an der Wand lehnen.

     Das Leben schmerzte.

 

Chris Taylor stützte sich auf den Schreibtisch in der Feuerwache und musterte seine Schwester besorgt. „Fährst du heute Abend zu dem Basketballspiel nach Bozeman?“

     Faith tippte einen Bericht und blickte nicht hoch. „Ich habe Bereitschaftsdienst, und außerdem fährt ohnedies die halbe Stadt hin. Hat dich diese wichtige Frage zu mir geführt?“

     „Wir wollten heute miteinander zu Mittag essen.“

     „Tut mir leid. Vergessen.“

     Zwanzig Minuten hatte er im Hitching Post auf Faith gewartet, bis ihm klar wurde, dass sie nicht kam.

     Chris setzte sich auf den Besucherstuhl und drehte seine Schwester auf ihrem Stuhl zu sich herum. „Rede!“

     „Da ist nichts.“

     „Ach was! Nicht so schnell“, wandte er ein, als sie sich abwenden wollte. „Ich will wissen, was los ist. Mom hat gestern Abend angerufen, du hättest am Telefon seltsam geklungen. Jill hat mich heute Vormittag angerufen. Du hast vergessen, ihr einen von deinen Strickpullis für die Babyparty ihrer Freundin zu schicken. Du hättest aufgelegt, als sie sich deshalb bei dir beschwert hat. Was ist los?“

     „Nichts ist los“, erwiderte sie und kniff ihn so hart in den Arm, dass er den Stuhl freigab. „Absolut nichts ist los.“

     „Es geht um den Trainer.“

     Sie tippte, brachte jedoch kein einziges richtiges Wort zustande. „Es geht um nichts.“

     Chris entging das feuchte Schimmern in den Augen seiner Schwester nicht. „Wir machen uns Sorgen um dich. Gestern habe ich Erik gesehen“, fügte er hinzu.

     „Geht es ihm gut?“, fragte sie hastig.

     „Ja, es war nur eine Nachuntersuchung. Er hat mir erzählt, dass sein Dad ihn zu einem Kletterkurs bei Tanya angemeldet hat.“

     „Hat er das wirklich?“

     „Du hast diese Woche noch nicht mit Tanya gesprochen?“

     „Ich war sehr beschäftigt“, antwortete Faith ausweichend.

     „Er hat den Jungen auch in der Jugendliga für Baseball angemeldet“, fuhr Chris fort. „Faith, es tut mir leid, was Jess dir angetan hat. Er ist ein selbstsüchtiger Mistkerl. Das war er schon vor eurer Heirat, und das ist er immer noch. Ich weiß, du kannst keine Kinder kriegen, und das tut mir leid. Aber viele Menschen sind wesentlich schlimmer dran als du.“

     „Das weiß ich“, murmelte sie.

     „Tatsächlich?“ Er drehte sie wieder zu sich herum. „Man erzählt sich in der Stadt, dass man den Coach und dich seit der letzten Woche nicht mehr zusammen gesehen hat.“

     Sie wich seinem Blick aus.

     „Liebst du ihn?“

     „Was? Nein, natürlich nicht!“

     Für Chris’ Geschmack protestierte sie viel zu heftig. „War nur eine Frage.“

     Sie drehte sich zum Schreibtisch. „Hör auf zu fragen. Es gibt nichts zu sagen.“

     Chris legte ihr die Hand auf den Arm. „Du hast noch niemandem erzählt, dass du unfruchtbar bist, nicht wahr?“

     „Nein“, gestand sie verlegen, „aber wenn du weiter so laut redest, wird es bald die ganze Wache wissen.“

     „Dafür brauchst du dich nicht zu schämen, Faith. Du kannst nichts dafür.“

     „Stimmt“, bestätigte sie knapp, „aber das war Jess egal. Er hat sich nach der Scheidung nicht schnell genug nach einer anderen Frau umsehen können, die Kinder bekommen kann. Und Cam …“

     Chris wartete.

     „Früher oder später würde er sich Kinder wünschen, und ich kann ihm keine schenken. Ich könnte es nicht ertragen, wenn mich ein Mann verlässt, den ich lie… den ich mag. Weil ich versage“, fügte sie hinzu.

     „Du kannst aus rein körperlichen Gründen keine Kinder bekommen.“ Er wusste das so genau, weil sie sich damals in ihrer Verzweiflung an ihn gewandt hatte. „Das hat mit Versagen nichts zu tun.“

     „Nun, ich habe mich jedenfalls damit abgefunden.“

     Chris stand auf. „Mädchen, du hast dich gar nicht damit abgefunden, sonst würdest du kein Geheimnis daraus machen.“ Er blickte zu den Feuerwehrmännern, die sich im Raum aufhielten. „Und ich meine nicht diese Männer, sondern Mom und Dad und unsere Schwestern. Und ich meine den Mann, den du …“ Er wartete bewusst, wie sie darauf reagierte, doch das Rufgerät an seinem Gürtel summte. Die Mittagspause war zu Ende.

     „Wie läuft es im Krankenhaus?“

     Chris ging auf den Themenwechsel ein. „Ich werde es überleben. Aber ich muss mir von einer neuen Kollegin derzeit immer anhören, Thunder Canyon wäre auf medizinischem Gebiet ja nicht gerade Spitze.“

     „Schade, dass du die Frau nicht zum Teufel jagen kannst.“

     Er beugte sich zu Faith, küsste sie aufs Haar und verbannte Dr. Zoe Hart aus seinem Gedanken. „Jess hat versagt, und davon darfst du deine Zukunft nicht bestimmen lassen. Denk darüber nach.“

     Im Hinausgehen winkte er zu einem Feuerwehrwagen, der soeben von einem Einsatz zurückkam.

     Sein Rufgerät summte erneut. Seufzend ging er schneller. In der Notaufnahme kannte man aber auch keine Geduld.

 

Kurz nach Mitternacht fuhren die gelben Schulbusse auf dem Highway zwischen Bozeman und Thunder Canyon an Faith vorbei. Sie stand mit Jim Shepherd abseits der Straße neben ihrem Wagen und blickte den Schlusslichtern nach.

     „Wahrscheinlich eure Basketball-Mannschaft“, sagte Jim und reichte ihr eine Rolle Nylonseil.

     Sie nickte und verstaute es auf der Ladefläche. Jims Ausrüstung hatten sie bereits verladen. Die Motoren liefen. „Vielleicht müssen wir in Zukunft seltener verirrte Skifahrer suchen, wenn Caleb Douglas erst einmal sein Skigebiet eröffnet hat. Im Moment brechen wir alle Rekorde.“

     Jim betrachtete sie prüfend. „Alles in Ordnung?“

     „Wieso nicht?“, fragte sie und schloss die Heckklappe.

     „Sie wirken bedrückt“, meinte ihr Boss.

     „Tut mir leid. Wird nicht wieder vorkommen.“

     „Faith, das war keine Kritik, sondern nur eine Frage.“

     „Es geht mir gut“, versicherte sie zögernd. „Ich … es gibt nur einige persönliche Probleme.“

     „Nun, wenn Sie reden wollen, wissen Sie, wo Sie mich finden.“

     Jim ging zu seinem Wagen, wartete jedoch, bis sie losgefahren war. Erst dann entfernte er sich in die andere Richtung.

     Reden. Sie umspannte das Lenkrad fester. Vielleicht war sie ein Feigling, aber sie wollte nicht reden. Wozu auch, wenn man ohnedies nichts ändern konnte?

     Unbewusst gab sie mehr Gas und holte bald die drei Busse ein, überholte sie nicht, sondern folgte ihnen. Das Funkgerät hatte sie zwar leise gedreht, hörte aber trotzdem, was Cheryl über das Spiel erzählte. Cams Mannschaft hatte gewonnen.

     Auf einer Steigung wurden die Busse langsamer. Faith blinkte und überholte den ersten Bus. Durch die Fenster sah sie winkende Arme. Mützen flogen durch die Luft. Im zweiten und dritten Bus war es genauso.

     Sie sah sogar Erik, der sie bemerkte. Er schob das Fenster so weit wie möglich herunter und winkte heftig. Sie winkte zurück.

     Dann tauchte ein Arm auf und holte Erik wieder ins Wageninnere. Faith sah sogar Cams Gesicht. Er richtete den Blick für einen Moment auf sie und schob das Fenster hoch.

     Scheinwerfer tauchten vor ihr auf. Sie beschleunigte und ordnete sich wieder rechts ein. Cam hatte nicht einmal gelächelt, aber was hatte sie schon erwartet?

     Auf der ganzen restlichen Strecke hatte sie das Gefühl, Cams Blick im Rücken zu spüren. Obwohl das Hitching Post nicht auf ihrem Weg lag, fuhr sie daran vorbei. Das Lokal war hell erleuchtet, Wagen standen auf dem Parkplatz und auf der Straße.

     Eigentlich wollte sie nach Hause fahren, sich auf der Couch in eine Decke wickeln und sich einreden, heute Nacht könnte sie endlich schlafen.

     Stattdessen stellte sie den Wagen einfach irgendwo ab und betrat das brechend volle Lokal. Offenbar waren schon viele Zuschauer zurückgekehrt.

     „Hey!“ Tanya hielt sie am Arm fest. „Dich habe ich nicht hier erwartet. Toby und ich sind da drüben in der Ecke, aber wir haben noch Platz für dich. Habt ihr den Skifahrer gefunden?“

     Faith zog die Jacke aus und folgte ihrer Freundin. „Ja. Unterkühlt, aber unverletzt. Wir haben ihn vorsichtshalber ins Krankenhaus geschickt.“ Von Tanyas kleinem runden Tisch aus konnte sie den Eingang sehen. Wenn die Mannschaft hereinkam, wollte sie durch den Hinterausgang verschwinden.

     „Oh Mann!“ Toby bekam leuchtende Augen. „Seht euch Polly Caruthers an. Ist die niedlich!“ Hochgeschossen und schlaksig, wie er war, ließ er sich von seinem Hocker gleiten. „Ich muss zu ihr, Mom.“

     Tanya schüttelte lächelnd den Kopf. „Kinder. Man muss sie einfach lieben, selbst wenn es sich um zwölfjährige Jungs handelt, die soeben entdecken, dass Mädchen gar nicht so übel sind.“

     Faith spielte mit einem Bierdeckel. „Da wir von Kindern sprechen …“

     „Was kann ich Ihnen bringen?“, fragte eine hochgewachsene Kellnerin und stellte ein Glas Wasser vor Faith.

     Eine große Portion Mut wäre das Beste gewesen, doch Faith bestellte Cola light. Das war wohl eher vorrätig.

     „Was ist mit Kindern?“, fragte Tanya.

     Faith holte tief Atem. „Ich kann keine bekommen“, erklärte sie unverblümt.

     „Wie bitte?“

     „Ich möchte das nicht wiederholen.“

     „Ach, Schatz.“ Taylor griff nach ihrer Hand. „Nur weil du und Jess keine …“ Sie verstummte unter dem Blick, den Faith ihr zuwarf, und begriff. „Oh, oh! Also, dieser Mistkerl war ohnedies nicht gut genug für dich.“

     Faith war selbst überrascht, dass sie lachen musste, auch wenn es gepresst klang. „Ja, das sagst du jetzt.“

     „Du hättest dir in Thunder Canyon einen netten Jungen suchen sollen, anstatt nach New Mexico in die Fremde zu ziehen“, erklärte Tanya trocken. „Warum hast du bisher nichts gesagt?“, fragte sie mitfühlend.

     Faith spielte mit dem Pferdeschwanz. „Ich weiß es nicht. Vielleicht, weil es immer realer wird, je mehr Leuten ich es sage. Und du kannst mir glauben, dass es für mich schon real genug ist.“

     Tanya drückte ihre Hand. „Hängt das irgendwie damit zusammen, dass dein Wagen am letzten Wochenende vor dem Haus des Trainers gestanden hat? Nein, schon gut, dein Gesicht sagt alles.“

     Am Eingang des Lokals entstand ein Tumult. Die Mannschaft war eingetroffen, doch Faith konnte sich nicht wegschleichen. Sie saß da und fixierte die Tür, durch die ein Spieler nach dem anderen hereinkam.

     Todd Gilmore trug Erik auf den Schultern.

     Cameron und sein Assistent waren die Letzten. Innerhalb von Sekunden war er von jubelnden Leuten umringt.

     Faith bekam Herzklopfen. „Ich muss weg“, raunte sie ihrer Freundin zu. „Ich kann das nicht.“

     Wenn sie durch die Küche ging, würde Cameron sie nicht bemerken. Unbeachtet erreichte sie tatsächlich die Küche und blickte zurück.

     Nein, Halt! Wieso konnte sie am Ende eines Seils an einer Felswand hängen, aber nicht dem Mann gegenübertreten, der ihr Herz in seinen Händen hielt?

     Sie straffte sich, unterdrückte die aufkommende Panik und steuerte den Vordereingang an. Im Gehen schlüpfte sie in die Jacke.

     Dann hatte sie ihn erreicht. Er lächelte, doch dieses Lächeln erreichte nicht seine braunen Augen.

     „Gratuliere zum Sieg“, sagte sie und trat näher. Es wäre ihr albern vorgekommen, hätte sie ihm die Hand gereicht, und umarmen konnte sie ihn nicht. Darum schob sie die Hände in die Jackentaschen. „Für die nächsten Jahrzehnte bist du ein Held in dieser Stadt.“

     „Die Jungs sind die Helden“, erwiderte er und führte sie am Arm nach draußen. Auf dem Bürgersteig ließ er sie wieder los.

     Faith schluckte schwer.

     „Fängst du wieder zu hyperventilieren an, wenn ich dich frage, wie es dir geht?“, fragte er gelassen und kühl.

     Befangen schüttelte sie den Kopf. „Mir geht es gut.“ Elend wäre zutreffender gewesen. „Und es tut mir leid, dass ich neulich einfach weggelaufen bin.“

     „Kein Problem. Ich habe schon verstanden. Aber Erik rechnet noch immer damit, dass du mit ihm Schlitten fährst.“

     Das traf sie. „Ich habe nicht die Absicht, Erik zu enttäuschen.“

     Seine Wangenmuskeln spannten sich an, ein Zeichen, dass er doch nicht so gelassen war, wie er sich gab. „Gut“, meinte er und blickte an ihr vorbei. „Romano hat offenbar die Absicht, Strafzettel wegen Falschparkens zu verteilen. Du solltest wegfahren, bevor er dich erwischt“, riet er, drehte sich um und betrat das Lokal.

     Faith fröstelte. Das Hitching Post barst förmlich von Freunden und Kollegen, doch noch nie hatte sie sich dermaßen einsam gefühlt.

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